Unterhaltung ♦ Erhebung ♦ Selehrung
Der Einfall Christians von Braunschweig in Oberheffen und das Treffen bei Kirtorf.
(Am 2 0. Dezember 1621.)
OBcrr darf den 30jahrigen Krieg be- kanntlrch durchaus nicht lediglich als einen Religionskrieg betrachten. Wirtschaftliche und nationale Gegensätze, nicht minder aber auch dynastische 3ntcreffen haben in allen seinen Phasen bestimmend auf ihn eingewirkt. Sein Ausbruch jedoch ist in erster Linie aus der konfessionellen Zerrissenheit des Deutschen Reiches herzuleiten.
3n Böhmen, wo seit Jahrhunderten starke nationale Leidenschaften rege waren, loderte die KriegSflamrne zuerst auf. Hier war die Mchr- zahi der Bevölkerung dem evangelischen Bekenntnis beigetreten Um sich gegen ein Eingreifen !>eS katt)olischer> Haules Habsburg zu sichern, benutzten die böhmischen Stände die Streitigkeiten zwischen Kaiser Rudolf II. und seinem Bruder Matthias, der auf den Dhron Anspruch machte, um den Bestand ihres Bekenntnisses zu schützen 3m Hahre 1609 wurde ihnen freie Rellgionsübung durch den sog. Majestäts- brtef zugestanden. Als jedoch Matthias im Hahre 1612 die Kaiserkrone erlangt hatte, liest er die Rücksichten gegen den Protestantismus fallen. Die hierdurch entstandene Erregung wurde durch den unbotmäßigen böhmischen Adel eifrig geschürt. 3m Mai 1618 kam es zum offenen Bruch Wenn es auch zuerst schien, als sollte der Zwist aus Oesterreich und Böhmen beschränkt bleiben, so breitete sich doch das in Prag an- gefachte Kriegsfeuer bald über ganz Deutschland aus und verlöschte erst nach drei Jahrzehnten.
Kaiser Matthias starb im Frühjahr 1619. Als der fanatische Erzherzog Ferdinand ihm nicht nur in Oesterreich und Ungarn, sondern auch in Deutschland als Kaiser folgte, wurde er von den böhmischen Ständen nicht anerkannt. Sie wählten das Haupt der protestantischen Union, den Kurfürsten Friedrich V von der Pfalz, zum König von Böhmen. Degen Friedrich wandten sich nun sofort die katholischen Fürsten, die sich unter Führung des tatkräftigen Herzogs Maxi' milian von Bayern zur sog. Liga zusammen- aeschlossen hatten. Die protestantischen Fürsten dagegen scheuten sich, gegen daS Oberhaupt des Reiches entschieden aufzutreten. Sie beschlossen, sich in die böhmische Angelegenheit überhaupt nicht ettuumischen und dem Kurfürsten Friedrich nur in der Behauptung seiner pfälzischen Erb- lande Beistand zu leisten. So konnte Friedrich seine böhmische Krone nicht behaupten. Er wurde in der „Schlacht am weisten Berg'' entscheidend geschlagen und vom Kaiser der Kurwürde und seines Landes verlustig erklärt. Der Gras (Br n ft von ManSfeld allein war treu geblieben. Zwar konnte sich dieser in Böhmen nicht halten. Er brachte jedoch in der Oberpfalz ein stattliches Heer zusammen. Bon da wandte sich ManSfeld, von Tilly bedrängt, Im Oktober 1621 in die Unterpfalz, den Hauptteil der Lande Friedrichs. Da erstand dem unglücklichen .WinterKnig" ein zweiter Helfer in der Person deS Herzog« Ehristian von Braunschweig. Dieser hatte im Jahre 1620 mit dem Grade eines Oberstleutnants ein Reiterregiment im englisch-niederländischen Heere Heinrich Friedrichs von Rassau-Oranien geführt. 3m Oktober 1621 entfaltete Christian eine eifrige Werbetätigkeit, und im kommenden Monat schon traf er die näheren Anordnungen zur Fortbewegung der bis dahin westlich der Weser bereitstehenden Werbetruppen nach der Unterpfalz. Am 26. Ro- vember finden wir den Herzog In Corbach, wohin er über Arolsen gelangt war. Am folgenden Tag kam Ehristian in das hessen-darm- städtische Gebiet. Sein Heer belief sich auf 10—12 000 Mann. Seine Hauptstärke lag in der Reiterei, die als „auherlesen Volk", alS „schön, tapfer und resolviert" bezeichnet wird. — Er erreichte bereits am 27. Rovember die Cdder und besetzte die hessen-darmstädtischen Orte Bier- munden, Geismar, Frankenau und Frankenberg. Am folgenden Tag rückte er in südlicher Richtung nach Gemünden an der Wohra vor. An ber unteren Diemel zweigte ein Teil der Streitkräfte des Herzogs westlich vom Relnhardswalde nach Kassel ab und bewegte sich gegen Fritzlar. Südlich vom Kellerwald nahmen die beiden Heeresgruppen zum weiteren Bormarsch Fühlung miteinander. 3n den letzten Tagen de« Rovember rückte das Gros der braunschweigischen Werbetruppen vom oberen Edder- tal aus südlich gegen die Flüsse Ohm, Gleen und Wiera vor. Einzelne Reiterabteilungen wurden jedoch schon jenseits der Ohm von Marburg bis Obergleen gesandt, bis zum Oberlauf des gleichnamigen Flüstchen«.
Zur Sicherung der wichtigen Uebergängc über die Ohm überfiel der „Tolle Christian", wie der Herzog allgemein hiest, am 2. Dezember die mainzische Bergfeste Amöneburg und gewann sie ohne besondere Berluste Am 9 Dc- St*er verschob Christian seine Streitkräfte nach Dusecker Tal. Zwischen den Dörfern Groben- und Alten-Buseck wurden seine Truppen vereinigt. Dah er damals die Festung G i e b c n eingenommen hat. wie von einzelnen behauptet wird, entspricht nicht den Tatsachen 3n der Mitte des Dezember jedoch zog sich Christian wie- der nach der Gleen und der Wiera zurück. Dieser Rückzug erfolgte offenbar gegenüber den umfassenden Massnahmen der bayrisch-ligistischen HeevcSleitung Schon im DuseckerTal und bei 3R a r D o r f (unweit Anwneburg) kamen streisende Abteilungen der braunschweigischen Reiterei mit feindlichen Truppenteilen in Berührung Bei Watzenborn, ArnSburg und Rein- bardShain kam es zu Heineren Zusammenstöben. Äm 18. Dezember finden wir den G e n c • ralwachtmeist er Freiberrn An holt im Busecker Tal, von wo er am folgenden Tag gegen die Ohm und Felda vorrückte. Am 2 0. Dezember wollte der bayrische Heerführer seine Truppen zwischen Oh m m nd Gleen vereinigen. Bei Dietern Bormarsch stieb Anholt mit fünf spanischen Freikompagnien und zwei Kompagnien Kroaten unvermutet auf die braunschweigische Reiterei. Anholt oerftarfte sich durch seine 12 Fähnlein Fußvolk und da« Reiter-Regiment Erwitte. Der .Tolle Christian" unternahm einen heftigen Angriff, wurde jedoch mit einem Berluste von gegen 60 Mann sdarunter zwei Offiziere) abgeschlagen dem Herzog wurde daS Pferd unter dem Leib erschossen. Er zog sich auf daS recht«
Ufer der Gleen zurück, 1000 Schritte vorn Feinde entfernt, der ihn nicht anzugreif« wagte. Anho11 begnügte sich damit, am 20. Dezember sein Marschziel, den Marktflecken Kirtorf, zu besehen Sein Berlust belief sich auf gegen 15 Mann Aller Wahrscheinlichkeit nach fand Der Zusammen stob an den Waldungen zwischen Erbenhausen und Heimertshausen statt. Es wird uns noch Insbesondere berichtet, dah auch der Alsfelder, der Schottener und Ulrichsteiner AuSschub tapfer mitgefochten haben. Am 23. Dezember trat der Herzog seinen Rückzug nach Westfalen an, wo er zum zweiten Bvrmasch gegen die Pfalz rüstete.
Dr. August RoeSchen.
Danziger Goldwasser.
Bon Else v. Bockelmann, Danzig*-.
Bor vielen hundert Zähren war grober Reichtum in Danzig, und die schwerreichen Kaufherren konnten das Gold nur so mit Scheffeln messen. — Die Lagerräume drüben auf der Speicherrnsel waren bis dicht unter den First mit schweren Kornsäcken gefüllt, und in den weiten Hausfluren der schlanken Giebelhäuser lagerte teure Ware die Menge.
Die Kaufherren fühlten sich gar wie Könige in ihrem Reich! Diel Besitz macht leicht übermütig und hochfahrend. Den stolzen Patrizierfrauen dünkte es bald zu gering, in seidenen Gewändern zu geben; nein! — die Seide muhte noch mit schweren Goldfäden auf« prächtigste durch- wirkt fein. — Was tag' ich, .gehen"? 3n üppigen Sänften liehen sie sich von ihren Dienern durch die ©traben tragen, denn dazumal gab es noch keine bespannten Wagen in der Stadt. — Rauschende Feste jagten sich, und einer suchte den anderen an Pomp zu überbieten. „Das nimmt kein gutes Ende", sagten wohl die Bürger, sorgenvoll den Kopf schüttelnd.
Da war eines schönen Morgens ein Schiff au« fernen Landen glücklich wieder in den Hafen eingelaufen, es barg unerrnehliche Schatze Das mußte gefeiert Zierden, und das Fest sollte so glänzend und prunkend sein wie keines zuvor; die guten Danziger sollten noch jahrelang daran denken!
„Kein König wird je ein schöneres geben“, prahlte der Kaufherr und klimperte übermütig mit Den Dukaten, die er in der Tasche trug. — .Hochmut kommt vor dem Fall", murmelten etliche
Glänzende Umzüge wurden mitten durch die Stadt gebalten; man sah prachtvolle Gewänder, und rauschende Mufik zog vorüber, UnD brausten auf der Wiese gab s bann noch ein richtiges Turnier; die Söhne der Hochedlen in Danzig ritten im schmucken, seidenen Wams auf stolzen Rossen hinaus, stachen wetteifernd nach Ringen und Mohrettköpfen; und wenn der Kampf beendet, wurde dem Sieger von der holdseligen Tochter deS Bürgermeisters ein Kranz auf« Haupt gelegt.
Doch das war noch nicht alles!
Abends fand im festlich erleuchteten„Artus- hof" am Langen Markt ein grohes Gelage statt, zu dem nicht weniger als dreihundert Gäste geloben waren! — Aber auch der arme Mann sollte teilhaben an der Freude. Der Reptun- brunnen vor dem „Artushof" spendete von 5 Ubr abends ab auS allen Röhren Wein, von dem jeder schöpfen konnte, so viel ihm beliebte. Hei! Da« war ein Drängen, ein Rufen und Spektakel! Als der Lärm immer lauter anschwoll, traten die Bornehmen lachend auf den groben, prächtigen Beischlag, und teil« hochmütig, teils belustigt, sahen sie dem Treiben zu. Einer Darunter mochte wohl allzu reichlich getrunken haben. „Ho! Ho!" rief er. .Wir wollen den Kuddelmuddel noch ärger machen I", griff in seine Taschen und warf Hände voll blanker Dukaten in Da« weite Becken des Brunnens, dast ber Wein hoch aufsprihte.
„Run fischt! Wer sich aber Die Hände nah macht, toirD gehängt!" Alles lachte.
„Was ihr könnt, können wir auch!", riefen Die anderen Kaufherren; und die Dukaten flogen nur so in das Decken al« seien sie Pfennige; etliche aber rollten in die Ocffnungen der Gosse und waren nicht mehr zu haschen. — Da erhob sich ein noch wilderer Tumull; mit Stöcken wollte man nach Den Goldstücken fischen — es gab viel Schreien, Rufen und wildes Puffen.
Da rief irgendwer au« Der Dunkelsten Ecke mit lauter Stimme: „DaS ist Uebcrmut und Sünde! Der Himmel wird euch ftrafen." Der Wirt vom „Lachs" war's — so hiest nämlich eine kleine Schenke in der Dreitgasse, in der meist Schiffer aus und ein gingen.
„Oho! — Was willst denn du? — Du Fremder, du Duckmäuser!" DaS Doll johlte Beifall, und das Geraufe wurde nur noch schlimmer; die Menschen waren nicht mehr zu entwirren!
.Reptun, du Starker, steig herunter, treib das verwilderte Doll auseinander, sonst wird« gar schlimm! Schaff' Ordnung und Stille!" — Der Schankwirt rief'« jetzt mit überlauter, angftbeben- der Stimme.
„Was? — Der — der da oben?" höhnte es ringsum, und ein fleiner, fixer Bub wies mit dem Finger nach dem Reptun und krähte:
„Kick da oben de swarte Mann, Hat nich Dux, nich Heinde an!"
AlleS schaut nach oben. — Da. da geschieht etwaS ganz Wunderbares: Reptun fängt an, sich zu rühren, er reckt und strafft die sehnigen Glieder — langsam schaut er rundum, und jetzt — ist'S möglich — ist's denkbar — schaut hin — da — da — er steigt wahrhaftig vom Brunnen! O GrauS! Was wird jetzt geschehen? — Mit seinem gctoalligen Dreizack fährt er unter Da« Bolk und treibt eS auseinander Da fahl bleiche« Entsetzen die Menschen' Alles stiebt in wilder Angst in die kleinen Seitengassen
Der Lange Markt ist leer; Die Tür zum „Artushof" steht weit offen; jäh verstummt ist der Festlärm — die Gäste find geflohen. Wer huscht Da mit einem Licht in zitternder Hast in die Krämergasse? — 3ff« der stolze Gastgeber bei prunkenden GelageS?---
Reptun schaut sich ruhig um. dann aber flöht er seinen Dreizack wuchtig und ohne Untcrlah auf Die goldenen Dukaten, die den Boden dcS Wasserbeckens bedecken, so dast 1k klirrend zerspringen und» zu winzigen Blättchen zerstäubt,
*) AuS dem demnächst im Berlage .Die Der- binbungZürich, erscheinenden Buche .Danziger Märchen", zu dem Elisabeth Thude, .Königsberg, acht Scherenschnitte beigesteuert und Senator Dr Strunck, Danzig, ein Dorwort geschrieb-n hat.
leicht wie Schneeflocken in Dem klaren Wein schwimmen — Mitternacht ist nah. Reptun ruht noch immer nicht. Er lehnt seinen Dreizack an Den Beischlag und füllt Den Wein in ein gewaltiges Fast, das neben Dem Eingang in Den Ratskeller liegt. Kein Tröpfchen Wein, kein Blättchen Gold bleibt zurück. Dann rollt er das Fah, wuchtig ausschrcitend. durch die leeren Gaffen Schweißtropfen rinnen ihm übet Die Stirn. — Das ist gar seltsame Arbeit für dich, Revtun! Spielt nicht ein leises Lächeln um deinen ehernen Mund? Jetzt ist er in der CBrcitgafte; er stöbt Die Kellertür vom .Lachs" auf unD verschwindet mit dem Riesenfah. — — —
„Hört ihr Herren, Iaht euch tagen.
Unfere Glock hat zwölf c ragen."
Der Rächt Wächter fingt s mit la t 'löogcnem Ton in die Stille hinein und flöht mächtig in sein Horn. — Als er über Den Langen Markt kommt, stutzt er,--wie?--was?--der
Reptunbrunnen ohne Reptun?? Lind was bedeutet da« ferne Rollen in Den abgelegenen ©traben ? 3hm wird bange, mit langen Schritten stapft er, ohne sich umzusehen, durchs Grüne Tor davon.
Scheu öffnen am andern Morgen die Bürger ihre Fenster; vorsichtig umschauend kommen sie auf den Langen Markt und stehen beschämt um Den Brunnen. — Haben wir Denn alle geträumt? Reptum steht mit |einem Dreizack unbeweglich wie immer auf feinem Platz, — aber bas Becken ist leer. — Die Menschen haben sich viel zu erzählen, aber sie tun s ganz leite - ,scht. — fcht" - Der Rachtwächter tut sehr klug und geyeimnisvoll; ja. wenn er erzählen wollte!! Er zieht Die Augenbrauen hoch — er weih was vom Rollen — vom Tappen — vom — „scht — scht" — Zu so hohem Ansehen ist noch kein Rachtwächter gekommen!
Es hat nicht lange gedauert, so ist schwere Rot über die Stadt Ttanzig geJommen Ein böser Feind zog ein! Richt mit Lanze und Schwert — gegen Den hätte man sich schon wehren können — nein, ein schlimmerer kam: eine tückische, schleichende Krankheit! — Man muhte nicht, woher sie gekommen; die Menschen, die sie ergriff — und sie ergriff bald hunderte — tausende! — klagten auch nicht sonderlich über Schmerzen, aber ernst und bläh schlichen sie durch Die Strahen. die Freude schien ausgestorben, man sehnte sich nach Der Kirch- hofsruh. — Die Aerzte zuckten Die Achseln, Der Apotheker keuchte und schwitzte — so viel hatte er zu tun.
Auch Der stolze Ratsherr, Der noch vor kurzer Zett so prahlenD seine Dukaten in Den Reptunbrunnen geworfen, sah bläh und verstört in seinem Lehnstuhl: „Oh. wie schlimm, wie schlimm! ! Der Trübsinn ist eine böse Krankheit, wenn s Doch einen Trank gäbe. Der Da« Herz toieDer fröhlich macht!---Wie sagte Doch Der schlichte Mann
an jenem Festtage? — .Gott toirD euch strafen für Den Lieber mut!" — Sollte diese Krankheit Die Strafe sein?"--
Zu jener Zett hatte Der Schenkwirt vom „Lachs" einen merkwürdigen Traum. 3hm träumte, das Boll stände wieder einmal vor dem Reptunbrunnen, und wieder spendete er blanken, goldigen Wein; wieder warfen übermütige Kaufherren funkelnde Dukaten in ha« Becken. Grade wie dazumal sah er den Reptun heruntersteigen und daS Dolk hn grimmen Zorn vertreiben. Aber dann — o Wunder — Dann zerschlug er mit Dem Dreizack die Goldstücke, füllte Den Wein in ein grohes Fah und rollte es in einen dunklen. Halbvergessenen Derschlag seines KellerS. UnD Dann sah er sich — sich selbst —, wie er mit grober Schrift auf Da« Fah schrieb: „Danziger Goldwasser".
Kopfschüttelnd steigt der Wirt gleich am frühen Morgen in den Keller — und — richt ia! in Der hintersten Ecke liegt wirklich ein Riesenfay, das zuvor noch niemand bemerkt. — Sonderbar! — Hurtig füllte er eine Flasche ab und trägt sie zum kranken Ratsherrn, Dem er seinen Traum erzählt. — Der füllt sich ein Gläschen — ei — gar lieblich sieht es aus, wie in Dem blanken, klaren Rah Die goldenen Flöckchen wirbeln und tanzen — und — hm! ! ! — erst der köstliche Duft! — Der alte Herr muh leise schmunzeln. Als er aber das Gläschen geleert. Da tohrD sein Herz fröhlich, und da fängt er an zu lachen, wie er es seit Wochen nicht mehr gekonnt.
„Reptun hab Dank! Hetzt können wir wieder lachen, nun werden wir auch gesund!" — UnD ge- toiv. wenn einer ein fröhliches Gesicht macht, tun’« zwanzig andere auch! —
Und viele kamen und tranken ein Gläschen. Merkwürdig! Höchst merkwürdig! I Rur ein einzige« Gläschen — und weggeblasen war alle Traurigkeit! Blitzblank strahlten alle Gesichter, genau wie daS Gold im Goldwasser. — Die Aerzte konnten die Hände in den Schoh legen, und der Apotheker hatte Zeit zum Rachmittagsschläfchen. — Ha, bald war es sogar in der ganzen Welt berühmt, daS Danziger Goldwasler.----
Aber die stolzen Danziger haben nie wieder ein so üppiges, prahlendes Fest gegeben. Reptun konnte ein zweites Mal heruntersteigen. Und waS er Dann täte? — Man kann'S nicht wissen! —
Die Wunder
des luftleeren Raumes.
Don Dr meD. Wilhelm Teichen (Berlin).
ES gibt Wunder DeS Dakuum«. De« luftleeren Raumes, au« alter unD neuer Zeit Die bekanntesten aus alter Zeit sinD Da« Barometer unD Die Magdeburger Halbkugeln
Die wunderbare Fähigkeit DeS Barometers, das kommende Wetter anzuzeigen, beruht auf dem Dorhandensein eine« luftleeren Raume«, Der berühmten „Toricellischen Leere".
Toricelli, Der genialste Schüler DeS groben Galilei, entdeckte Das Dakuum im Hahre 1643. Um den groben Druck Der Luft nachzuweisen, füllte Toricelli eine 90 Zentimeter lange, an einem Ende verschlossene GlaSröhre mit CuedTilber unD tauchte Da« offene Ende in ein breite«, fast ganz mit QucdlUbcr gefülltes Gefäb Rach Entfernung de« auf die Oeffnung gehaltenen Finger« sank Da« Quecksilber in Der GlaSrvhre nur fo viel. Dah ihr Gipfel um 760 Millimeter hoher stand al« Da« Riveau deS Quecksilber« in Dem breiten Gefäb Heber Dem Quecksilber tn Der aufrecht stehenden Röhre befand sich ein luftleerer Raum. Diese 760 Millimeter hohe Quecksilbersäule in der Rohre toirD demnach von dem auf da« Quecksilber im breiten Gcsäh toirfenben Luftdruck im Gleichgewicht gehalten. Es konnte Dem Igenlclen Entdecker nicht verborgen dieiben, dech ^land Der Quecksilbersäule
fick» täglich veränderte Er schlofl bi er au« ganz natürlich. Dah auch Der Druck Der Luft unaufhörlichen Beränderungen unterworfen sei. und Dah man Da« Dakuum zur Wahrnehmung und Bestimmung der Beränderungen benutzen könne. So entstand das Queckttlbcr-Barometer DieseÄ wurde in neuerer Zett durch das Anervid- oder Dosen- Darometer verdrängt. 6« enthält zwar kein Quecksilber. ade- Die treibende Kratt ist auch hier daS Dakuum. in Form einer luftleeren Metalldvsc, Deren Oberfläche, um sie für Den Luftdruck zu vergröbern. gewellt ist. Starker Luftdruck drückt den 'Deckel nach innen, bei schwächerem Druck wölbt er sich wieder nach auben >u. Dieta Bewegungen werden durch ein Ubrtoerf auf einen Ze^er übertragen. der auf Der bekannten Skala das Wett« anzeigt 3st Der Zeiger so angebracht, Dah er Die Schwankung-m auf einer mit Papier bespannten, durch ein Uhrwerk gedachten Trommel aufzeichnet, so haben wir Den Barographen.
Der Bürgermeister von Magdeburg. Otto von Guericke, erfand seine berühmten Halbkugeln ttn Hahre 1654 Es sind Diele« zwei aus Kupfer und Messing bestehende, genau auseinander passende Halbkugeln, deren eine mit einer Rohre unD einen Bentil versehen ist. um, nachdem man beide zu- fammcngelegt hat, mittels der Luftpumpe die Luft berauspumpen zu können. Ein Kind kann die beiden Halbkugeln trennen, wenn sie mit Luft gefüllt sind, luftleer kann kein Mensch sie trennen. Der Erfinder stellte 1654 vor dem Reichstage in RegenSburg interessante Trennungsversuche an und zwar mit 3toei Paar Halbkugeln, das eine Paar von 45 Zentimetern, da« andere von 67 Zentimeter» Durchmesser Da« gröbere konnte nicht einmal durch die Krast von vierundzwanzig Pferden auseinander gerissen werden, dazu waren Drei big Pferde notwendig, die man an Seile anspannte, die durch Ringe an Den Halbkugeln befestigt waren
3n der neuen Zeit sind e« namentlich zwei Raturerscheinungen, die nur im Dakuum erschein« können, die Röntgen- und Die ultravioletten Licht- strahlen
Das gewöhnliche Sonnenlicht und Da« künstliche Licht kommen für die medizinische Wissenschaft al« Heilmittel verhältnisrnähta wenig in Betracht. Für den Arzt sind Die verschiedenen Strobl« durchaus nicht gleichwertig So rufen Die blauen, gelben, grünen und Die roten Strahlen keinerlei Beränderungen auf Der menschlichen Haut hervor, wohl aber die violetten und ultravioletten. Schon nach ganz kurzer Bestrahlung Der Haut durch violettes Licht tritt auf Derselben eine starke Rötung auf.
Auch Die elektrische Bogenlampe erzeugt ultraviolette Strahlen, aber bei weitem nicht so sehr wie Der Quectsilberlichtbogen im Dakuum Ilm diesen Bogen zu erhalten, versieht man eine Glasröhre mit zwei Metallzuführungen. Den Elektroden, füllt in Die Röhre ein wenig Quecksilber und macht sie luftleer. Legt man nun an die beiden Elektroden die Pole einer elektrischen Leitung und n<tgt Da« Rohr so. Dah zwischen Den beiden Stromzuführungen durch das vorhandene Qucd- filber eine leitende Derbindung hergestellt wird, so passiers Der elektrische Strom Die Röhre und bringt einen Tell Des Quecksilber« zum Der- Dampfen. Dieser Dampf leitet nun den elektrischen Strom unD gerät Dabei in ein blenDenbeS. bläuliches Leuchten unD fenDet viele heilsame ultraviolette Strahlen in Den Raum Diese besitzen für eine Reihe von bösen Hautkrankheiten. Die früher als unheilbar galten, eine wunderbare Heilkraft Lupus wurde geheilt, Muttermale, Die jeder Operation trotzten, tourDen vertrieben, und grobe Krebsgeschwülste so verkleinert, Dah Da« Messer Des Arztes sie nun leicht entfernen konnte.
Auch Die Röntgenstrahlen sind ein Wunder* kind des luftleeren Raumes. Diese geheimnisvolle« Strahlen entstehen auf einem Platinblech. daS In Der luftleeren GtaSröhre angebracht ist unD auf Das anDere Strahlen, die Kathodenstrahlen, prallen.
Die Wirkungen Der Röntgenstrahlen sind noch heilsamer und wichtiger als die ultravioletten, denn kraft ihrer Eigenschaft, Den menschlichen Körper zu durchdringen und zu durchleuchten, gefangen sie an Organe, zu denen Die ultravioletten Strahlen niemals Dringen können, unD sinD imstande. Dies« zu heilen.
Durchleuchtung unD photographische Aus« nähme Dien« gemeinsam bav-i, krankhafte Der- änDcrungen im menschlichen Körper Dem Arzt« sichtbar zu machen.
Ein deutscher Psalms.
Heber Dem Lande der Desicgten unD Zerschlagen« hängt immerwährend ein schwerer. Drückender Himmel
wie Der Dieses DunfcInDen, trüben WintertageS
3n Den Herzen Der Fronknechte der Fremd« wohnen 3ngrimm unD Trauer
Wir, Die wir elenD darnieder lieg« und Frondienste tun,
wir deutsches Dolk,
Wir fühlen Die Schmach und tragen Das Leid, aber nicht alle.
Sondern wie eine verheer«De Seuche geht unter unS um
Die dumpfe Erdenlust.
Die schrett: „Heran, ihr Armseligen, die ihr unter Dem Hoche des KrieaeS geseufzt habt.
Die Tage DeS Hammers sind vorüber, und nun habt eure Lust.
Such, den Befreiten, ziemt Die Arbeit nicht mehr.
Darum heran ztzt mir! 3ch spiele euch auf zu» Tanze.
Hu beit mir laut unD feiert die wild«
Rächte hindurch DaS Leb«;
Vergesset Den Tag der Gegenwart und die Roi.
Die dahinten liegt!"
UnD sie. Die an Der Lust siech«, jubeln und schreien,
rauschen im Tanze ber Erdenwolluft einher, Hunge und Alte. Mann und Weib;
3hre Augen flackern vorn trüb« Feuer und will« nicht. Dah ein Wahns innSsieber fw schüttelt.
3n den Gliedern aber Der Gesunden brennt Hl Doppelte Schmach
Sie schau« auf zu Dem unDu rchdringllcheM bleiernen Himmel,
Dahinter Der Zorn wohnt, unD denken alle« dessen, waS war und WaS fei» toirD.
•) Aus „Deutsche Psalmen" vo» 3uL Santter. (Derlag Der Meyersch« HofbuchhauH» lung, Detmold.)


