Ausgabe 
15.10.1921
 
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Nr. 242 Drittes Blatt

Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Samstag, j5. Dttobcr

Hessische Volkskammer.

113. Sitzung.

St. Darmstadt, 14. Ott

3m Regierungstifche: Staatspräsident Ul- eich. Fwanzmmist« Henrich, Iust^nnnister vvn Vrentanv, die Präsidenten der Landrs- ftmter und R gierungSkonunUsum.

Präsident Adelung eröffnet die Sthung mn 10 Uhr i.ib teilt mit, bah an Stelle deS 3bfl. Dr. Strecker der Adg Pfarrer Weid­ner-Oder-La!- in das Hau- emgetreten ist.

VS folgen zunächst kleine Anfragen. Auf ctne Anf rrge des Adg. Rost (Svz.) bett Schäden, bi Bensheim und Umgegend buri) d e Explcsionstot rophe In Oppau teilt Staat.-- Präsident U ( r ld> mit dast die Gr Hebungen über den Umfang der Schäden in dollem Sange find. Der Finarzauss^ uy dode je eine Million Mart zur Tkdütiung u eil. Eingehender Bericht totrb zu gegebener rieft erfolgen.

3x0 <-ne Ans nage deS Adg. Vetter« (voz.> detr. Kar:r!felaussuhr über die Westgrenze und Höchst preise für Kartoffeln teilt Staatsrat Schl iephake mit dast die LuSfuhr mir in beschränktem Maye und mir mit Genehmigung der Legierung geschehe. Die Festsetzung don Höchst­preisen für Kartoffeln sei unzulässig und auch zwecklos, dagegen werde die Legierung zur Er- (ekbtcrunfl der Einfuhr don auswärts genügend Wagen zur Verfügung stellen.

DaS HauS tritt dann in die Tagesordnung ein und berät in zweiter Lesung das Landwiri- schaftSsleuergefeh. DaS Gesetz wird ohne Aus­sprache angenommen, nur über den Antrag deS Abg. Dornemann, der in erster Lesung durch eine knappe Zufattsmehrhrit zur Annahme ge­langt und der die Legislaturperiode von 4 auf 3 Ähre herabsehen will, entsteht eine längere AuSiproche Die Abgg Schreiber, Fenchel, Hahn sprechen gegen den Antrag, dessen Einbringung Adg. Dornemann zunächst begründet dann aber zurückzleht weil sich auS Kreisen der Landwirte so starker Widerspruch dagegen geltend machte. Das Gesetz wird dann endgültig angenommen.

lieber die Regierungsvorlage, die Dienst­bezüge und Ruhegeld« der Staatsbeamten und DolÜschullehrer betr., erstattet Abg. Dr. Düch- n e r (Dem.) längeren Bericht. GS handelt sich bekanntlich um die Beanstandungen der ReichS- finanzbehörde, die teilweise vorauSgesehen waren tn den Positionen, in denen die Vorlage über daS RrichSbesoldungsgeseh hinausgeht. Sine Anzahl dieser Beanstandungen ist inzwischen erledigt, über andere steht der Spruch deS ReichSschied- amteS noch au8 DaS Gesetz kann darum nicht tn vollem Umfange tn Kraft treten, soll aber wegen der Dringlichkeit der Desoldungsregulie- rung bald und so weit alS möglich in Kraft ge­setzt werden, und bedarf dazu einiger Abänderun­gen, die sich namentlich aufHcuranglerungen innerhalb der Gehaltsklaffen ufto. beziehen.

lieber die Bewilligung der Kinderzu- lagen macht Abg. Delp (Soz.) längere Aus­führungen, die sich gegen die Anträge LooS und Dingeldeh wenden, die bei den Kinderzulagen für Kinder über 21 (Zähre den Nachweis der Dedürstigkeit streichen wollen, weil bei dieser Kinderzulage allein die Bedürftigkeit entscheiden sollte, Gr beantragt dementsprechend Wieder­herstellung der AegterungSvorlage in dieser Be­ziehung, da sonst die Beamten, die s. Z. die 600 Mark Zulage bereit- erhalten haben, bevorzugt werden.

Abg. Zisch (Ztr.) stimmt ^)er Regieruna«- vorlage zu. doch seien die Oberlehrer mit der Vorlage nicht zufrieden, weil fte den übrigen akademischen Beamten nicht gleichgestellt seien.

Abg. Dingeldeh (D. Vp.): Da die Frak­tionen vereinbart haben, zu der Vorlage keine Ausführungen mehr zu machen, beschränke ich mich auf die Gesichtspunkte, der der Qlbg. Delp hier neu In die Debatte geworfen hat. GS ist sicher, day eine Härte darin liegt, dav nicht alle Beamte der Kinderzuläge zuteil werden konnten. Daran ist aber nicht Hessen schuld, sondern das Reichsgeseh. Die DerufungSllausri bei 'irgend­einer Zulage sei durchaus unberechtigt und der Redner beantragt, diese Klausel zu streichen. Alle Zulagen gehören zum Gehalt und das Gehalt wird selbst redend jedem Beamten ausgezahlt, ganz gleich, ob er Vermögen hat oder nicht.

Abg. Selber (Dem.) ist ebenfalls für die Abschaffung des DedürsniSnachweiseS. Ueber Kinderzulagen könnte man verschiedener Meinung sein, so lange sie aber gewährt werden, sollen sie eben jedem Beamten zuteil werden.

Abg. Knoblauch (Svz.) stellt fest, dav man einer derart unzureichenden DesoldungSord- mmg nur unter schärfstem Protest und unter dem Zwange des Rrichsgesetzes zu stimmen könne.

Abg. LooS (Dem.) stellt fest, dav dies wvhl die Meinung des gesamten Hauses ist. Dav die Bedürftigkeit endlich auS der Vorlage

verschwunden ist, ist ein Fortschritt, den man rtW wieder fabotiirren sollte.

Adg. Schorn (Ztr.) verteidigt ebenfalls den Antrag auf Strich des Rachwette- der Be- bürftigleii.

Abg 81 t)n e r t (SkH ) tritt auS Gründen der Gerechtigkeit für Beibehaltung des Aach- weises der Bedürftigkeit ein.

Abg. Dr. Osann <D. Vp.) weist auch seinerseits daraus hin, day ehedem nicht mehr über die Vorlage materiell gesprochen werden tollte, da man ja durch das Sperrgesey gebun­den sei. Sachlich hat der Abg. Knoblauch durchaus recht, aber es hätte seiner Ausführungen nicht bedurft.

Abg. I). Dr. Diehl lHeff. Vp.) kann den Standpunkt nicht verliehen, in ctne BefoldungS- erbnung den Rachwris der Bedüritigteit auf­zunehmen. MU der Besoldung hat das absolut gar nichts zu tun. Man härte sonst eine Art Unterst ätzungskasse gründen müflcn.

2lbg. Aeiber (Dem.) ist ebenfalls der An­sicht, dav "sich hier wettere Reden erübrigen, die Beamtenschaft Weitz, unter welchem Zwange die Desoldungsordnung zustande tont, und dav wir vorerst nicht anders können.

Abg. Delp (Svz.) stellt wiederholt fest, datz es sich bei dem Standpunkt seiner Partei nur um Ausmerzung einer Ungerechtigkeit ban- dell. Was hier gegeben werden soll, geht über den Aahmen der 'DelÜbung hmauS und bedeutet gewissertnaven rin Geschenk. Das aber sollte nur in Fällen tatsächlicher Bedürftigkett gegeben werden.

Abg. Dau e r (Soz.) polemisiert gegen den Abg. Reiber und stellt fest, dast eS tatsächlich eine Reihe von Beamten gibt, die nicht bedürftig sind. Schliehlich bittet Redner, jedoch unter all­gemeiner Heiterkeit, die Anträge Loos und Din­geldeh und Gen. anzunehmen. Damit schlieht die Aussprache. Die Anträge werden gemäh dem Au-schuhantrag angenommen.

Da« Gesetz im ganzen wird angenommen. Die Darstellungen dazu werden für erledigt erklärt.

Hebet die Regierungsvorlage, Tagegel­der und HebernachtungSgebührender Staatsbeamten betreffend, die seinerzeit an den Ausschuss zurückverwiesen worden war berichtet Abg. Reiber. Der Ausschuh hat beschlossen, den Teuerungszuschlag auf 150 Prozent festzu­sehen, im übrigen der Vorlage zuzustimmen, die Regierung aber zu ersuchen, wenn da« Reich eine neue Regelung der Tagegelder ufto. vvr- nimmt, alsbald dem Hause eine neue Vorlage zu machen, vorher aber schon sich möglichst den vom Reichgetoäbrten Sähen anzupassen.

Abg. W i d m a n (Soz.) kann sich noch immer nicht mit der Vorlage einverstanden erklären, toeil sie In keiner Richtung toeit genug geht. Man hätte hier mehr tun formen, toeil das Sperrgesetz deS Reiches hier nicht vorliegt.

Abg. Knoblauch (Soz.) ist anderer Ansicht und empfiehlt die Ausschuhanträge zur Aimahme. Es handelt sich darum, den Beamten sofort die besseren ©ätje zu kommen zu lassen, ©ine neue Vorlage würde wieder eine erhebliche Verzöge­rung bedeuten. Der AusschuhantDag wird an­genommen.

Die DesoldungSvorlage wird dann in zweiter Lesung angenommen.

Die Regierungsvorlage, Beschaffung eine« Projektionsapparate- und eines D i a- therm ieappa rate- für die Badeanstalt Bad-Rau heim, wird nach dem Bericht des Abg. Büchner angenommen und die erforder­lichen 37 000 Mark bewilligt.

Ebenso wird die Vorlage, Erwerb der Grubenfelder »Ernst undFriedrichV, Griverkschaft Friedrich betreffend, ohne Debatte angenommen.

Einen Antrag deS Dbg. Dornemann (S.) Abänderung deSZagdgesetzes betreffend, be­antragt der Ausschuss, der Regierung als Material zu Überweisen.

Abg. Bornemann (Svz.) verteidigt feinen Antrag mit längeren geschichtlichen Daten.

Zur Geschästsordnung beantragt Abg. D i n- geldeh, die Beschlustfassung auszusehen wegen deS schlecht besetzten Hauses. Dagegen wird Widerspruch erhoben. Dbg. Dr. Osann unter­stützt diesen Antrag. Der Widerspruch wird dann zurückgezogen und die Abstimmung vertagt.

Rächste Sitzung Dienstag 10 Ähr. Mil älhr. ---------

Gerichlssaal.

Leipzig 12. Ott. Sin eigenarti­ger Fall von Spionage beschäftigte heute den vierten Strafsenat deS Reichsgerichts. Eigen­artig deshalb, well der Angeklagte ein auf der ®rcme zwischen Zurechnungsfähigkeit und Hn- zurechrnmgSfähigkrit stehender Mensch mit ge­wissen Fähigkeiten und von nicht unsympathischem Wesen ist und weil ein tragischer Zufall, das zu späte Ankommen einer Geldsendung seines Vaters,

ihn zu der II rrbel nnnen hrit veranlasst bat, gegen das Gesetz zu veriiotzen. GS handeltr sich um die Anklage wegen versuchten Spionage- Verbrechens gegen den angeblichen Hotelpförtner Hermann 11 n 5 e u t f <t> auS Darmstadt. Er ist 1895 in Kabta bet Jena alS Sohn eines Kürschner- geboren und sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Sette erblich stark be­lastet. Verwandte' beider Eltern find oder waren geisteskrank, seine Mutter ist bereit gestorben. Mit 13 /, Zähren wurde er Kürfchnerlebrling, nach einem Vierteljahre landwirtschaftlicher Ar­beiter. Er hielt es dann bei keiner Tätigkeit lange aus und trat im September 1914, bevor er das militärpflichtige Alter erreichte, in den Kriegs­dienst und begleitete Lazarettzug«. 3m August 1915 wurde er zum eigentlichen Heeresdienste rin­ge) og en. Sr war mehrmals an der Front, wurde und war zuletzt SanttätSuntervfsizier. Rach dem Zusammenbruch trat er zur Sicherheitspolizei in Berlin über, wurde entlassen und führte das Leden eine- vornehmen Herrn indem er sich meist in dem bekannten Hotel Adlon aufhielt und viel Geld drausgehen lieh. Rachdem sein mütter­liches Srbteti von 40005000 Mk. verbraucht war, erwarb er durch allerhand Geschäfte etwa 60 003 Mark, die ebenfalls verbraucht wurden. Er unter* nahm dann eine Reihe abenteuerlicher Fahrten, um seinen Gläubigern zu entgehen und neue Geld­quellen zu entdecken. Ende Zull oder Anfang August 1920 kam er nach Darmstadt und besah nichts als einen guten Anzug. Diesen wollte er gegen einen schlechteren und ettoa« bare- Geld rintauschen. An feinen Vater telegraphierte er um Geld. Gr kam auf den Gedanken, in die fran­zösische Fremdenlegion einzutreten und begab fich tn das französische Lager in GrieSheim. Gin fran- ösischer Oberleutnant suchte ihm den Eintritt in >i Fremdenlegion auszureden und ermunterte ihn, geheime Befehle und Rachrichten über die Reichswehr und die SicherhettSpvlizei für die Franzosen zu beschaffen, wobei ihm 20 000 FrkS. In Aussicht gestellt wurden. Als er dann am Abend des 8. August den Glasschlrifer K. auf der Strahe Tennen lernte, der sich in Begleitung einer ihm bereit- bekannten Frauensperson bc- and, bot er diesem feinen Anzug an und erzählte gleichzeitig von den guten Verdienstausfichten, die ihm der Franzose gemacht habe. Gr fragte den K., ob er nicht einen Bekannten beim Bezirkskom- manbo ober der Sicherheitspolizei habe, der im­stande fei, gewisse Aktenstücke ihm auf eine Stunde zur Verfügung zu stellen. K. wurde nun hellhörig und sagte zum Schein er habe sogar zwei solcher Detonnten. Der Angeklagte hatte eS bann ziemlich eilig und bat K ihm am nächsten Morgen solche Schriftstücke zu überbringen. K. ging noch in der­selben Rocht zur Polizei, erstattete ausführlich Anzeige und bewirkte, dav der Angeklagte am anderen Morgen verhaftet wurde. Bald darauf traf und hierin liegt die Tragik vom Vater des Angeklagten eine Postanweisung über 400 Mk. ein, die, wenn sie eher gekommen wäre, den An­geklagten vor seiner törichten und gefährlichen Handlung hätte bewahren tonnen. Spater zeigten sich dann bet dem Angeklagten Spuren von Geistesstörung und er wurde nach der Irrenanstalt Jena gebracht. Von hier entwich er, um abermals in Griesheim mit den Franzosen in Verbindung mi treten. Gr wurde jedoch bald wieder feftge­nommen und befindet fich seitdem tn Unter­suchungshaft. In der heutigen Verhandlung trat der Angeklagte höflich und bescheiden auf, sprach wie ein gebildeter Mann und suchte eS so hin- zustetten, als ob K. ihn mibverstanden habe. Rach den klar und ruhig gemachten Aussagen des Zeu­gen K. war aber nicht daran zu zweifeln, dav der Angeklagte Ihn tatsächlich aufgeforbert hat, ihm geheime Rachrichten für die Franzvfen zu be­schaffen. Der Sachverständige Obermedizinalrat Prof. Dr. Kode! aus Leipzig gab sein Gutachten dahin ab daß der Angeklagte erblich schwer be­lastet, Morphinist und Kriegsneurotiker und fe­minin veranlagt fei, ein Mensch ohne sittlichen Halt und ernstem Streben und zur Phantaste neigend. Gigentümlich sei eS, das) der Angeklagte imstande sei, eine längere Unterhaltung in durch­aus gewählter Sprechweise zu führen, während sein schriftlicher Ausdruck unbeholfen fei und feine Schrift sehr bald ausarte. Unzurechnungsfähig sei der Angeklagte nicht, wohl aber geistig minder­wertig. Rach dem Anträge des Reichsanwalts billigte der Gerichtshof dem QIngeflagten mil­dernde Umstände zu: er erkannte auf 1 Jahr 6 Monate Gefängnis und 2 Jahre Ehren rechts- Verlust und rechnete auf die Strafe 1 Hahr der erlittenen UntersuchungShast an. (Rachdr. Derb.)

(In einem Teil der Auslage wiederholt.)

Die DölkerbundSentscheidung.

London, 14. Oft. (WTD.) Die.TimeS" berichtet aus Pari-: Der llrteilsspruch des VölkerbundsrateS fei im allgemeinen in Frank­reich gut ausgenommen worden. Dem Durch-

fchnittsstanzofen sei die Tatsache, dav 'Berlin über die Entscheidung deS Völkerbünde- in der oberschlefischen Frage bitter enttäuscht fei. an sich schon eine Smpiehlung für die Weisheit der VölkerbundSenlscheidung. Der diplomatische Be­richterstatter der »Daily Mail" schreibt, ble vom Völkerbund getroffene Entscheidung fei viel weniger den deutschen Interesten entgegenstehend als angenommen au werden scheint. Die tatsäch­liche Grenzlinie scheine nicht sehr von der Linie abzuweichen. die den endgültigen Vorschlag der britischen Delegation aus der Augustkonferenä des Obersten Rate- in Pari- darlegte. Der .Daily Mail"-Derichterstatter schreibt, es sei klar, bat) einige Bestimmungen über den Vertrag von Versailles hinaus- gingen, und e- werde notwendig. day sowohl Deutschland alS auch Polen ihnen Auflimmten; und wenn eine- der beiden Lander fich weigern sollte, die- zu tun. so würde sich der Oberste Rat gezwungen sehen, die territoriale Entscheidung zugunsten de- an­deren Lande- zu ändern.

London, 14. Oft. (WTB.) In einem Leit­artikel schreibt .Da i l y T e l e g r a p y". Zweifel­los feien noch MeinungSverschiebenhei- t e n vorhanden bezüglich der geeigneten Weife, in der die Vorschläge deS Völkerbund-rate- durchgeführt werden sollen. Diese werden Be­ratungen im Kabinett notwendig machen. ES sei jedoch nicht zu hoffen, bat) beShalb tot eher eine Konferenz beS Oberst en Rate« stattfinben müffc. GS müsse auch mit der unerwünschten Möglichkeit gerechnet werden, bab ein? Weige­rung, sich ber voraeschlaaenen Regelung zu fügen, erfolgen könne. .Daily Telegraph" weist auf die Krltit ber deutschen Presse bin, die nicht nur am Obersten Rate, sondern auch an der deutschen Regierung geübt werde. Unter Bezugnahme auf die Erklärung eines deutschen Blatte-, bat) Deutschland niemals zustimmen würde, schreibt .Daily Telegraph", man werde schon seher^ Deutschland habe bereit- za^rrichen Dingen zu­gestimmt, die sogar noch unangenehmer gewesen feien.

Die Machtbefugnisse der InferaMierte» Kommission in Oppeln.

Berlin, 14. Oft Rach einer Meldung bet .Dossischen Ztg." hat bie interalliierte Kommis­sion in Oppeln gewisse Instruktionen für bie Zeit der Bekanntgabe ber Sntscheibung bes Völkerbundsrates erhalten. Jeder Versuch, sich dieser Entscheidung und ihrer Durchführung zu widersetzen, ist mit allen Mitteln sofort zu unter­drücken. Die Desahung-truppen find in dauernder Alarmbereitschaft an zentral gelege­nen Plätzen und halten Transportmittel in so reichen Mengen bereit, bab eine Verschickung ber Truppen an andere Stellen sofort erfolgen rann. Die Grenzen find hermetisch aozuschliesten Ueber die Gebiete, in denen Unruhen Vorkommen, ist sofort der Belagerungszustand zu verhängen. Ge­neral Lervnd befindet sich feit gestern in Be­gleitung deS englifchen und italienischen Kom- mifsars auf einer Besichtigungsfahrt durch das Abstimmungsgebiet.

Der deutsche Botschafter bei Lord Tur-ou.

London, 14. Oft. (WTB.) Laut .Daily Telegraph" ist Balfour gestern abend in Lon­don eingetroffen. Die Einzelheiten der Vorschläge des Völlerbundsratos haben, dem Blatt aufolge, tn hiesigen diplomatischen Kreisen ausgezeichneten Eindruck gemacht. Heute Rachmittag sprach ber deutsche Botschafter bei Lord Eurzon vor. Laut .Daily Telegraph" habe 'Eurzon be­züglich der Drohung, das Kabinett Wirth werde zurücktreten, neuerlich barauf bingetoiefen, er könne lernen Grund sehen, weshalb die deittsche Re­gierung einen solchm Schritt wegen einer Snt- sch ei düng tun wolle, für die der Völkerbund Der- aniworttich fei.

Wegen Landesverrat verhaftet.

Berlin, 14. Oft. Der Schriftsteller Dr. Eduard Stadtler ist den Blättern zufolge in feiner Berliner Wohnung verhaftet worden. Seine sämtlichen Briefschaften und Manuskripte wurden beschlagnahmt Stabiler sott in einem Artikel ber .Täglichen R u n d f ch a u" .poli­tischen Lanbesverrat im Sinne bes Artikels 92 des Strafgesetzbuches begangen haben. Stabiler sott In den nächsten Tagen dem Reichsantoalt zur Vernehmung vorgeführt werben.

Raubüberfall.

Berlin, 14. Oft. Rach einer Meldung deS ,Berl. Tagebl." auS Halle fuhr gestern nachmit­tag ein Automobil vor da- Bureau der Grube .Alwinerverein" Aus dem Wagen stiegen sech- schwer bewaffneteMänner. Sie drangen in das Hauptkontor ein und raubten au- dem Geldlchrank Lohngelder in Höhe von über 200 000 Mark. Die Räuber enttarnen unerkannt.

Der Schutz im Vlut.

Roman don Horst Bodemer.

13. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Der Oefonomierat forderte sogar Züschen auf, recht bald zu kommen. Da hatte er erreicht, was er erreichen wollte und verabschiedet^ sich bald ...... Der alte Wär Hahn aber rieb sich tn feinem Arbeitszimmer vergnügt die Hände. Der Baron würde kommen, und sie würden auf da- schöne Schloh Züschen wieder eingclaben werden. Man bekam enge Fühlung mit den ersten Kreisen, her gesellschaftliche Aufstieg der Wär Hahns begann nun eine etwa- schnellere ©ongart anzunehmen.

Maria aber konnte an diesem Abend lange nicht einschlafen. Sie war ja auf dem besten Wege, vollkommen zu verbauern in ihrer (Sin- samkett! Dieser Baron Züschen würde Leben ins HauS bringen! . . .

Schon nach einer Woche sagte sich ber Baron Züschen durch ben Fernsprecher an.

.Bei dem Regenwetter läßt sich drauhen doch nichts tun! Dars ich in einer Stunde bet Ihnen Vorfahren? Da bin ich sicher, bah keine groben Umstände gemacht werden können!"

Einen groben Straub wundervoller Orchideen brachte er Maria mit

.Wie kommen Sie so schnell zu den herrlichen Blumen?"

Züschen lachte. Er zeigte beim Lachen immer die Zähne.

.Jeder Mensch hat doch mindestens einen Bogel! Mein Vater hatte den Blumenvogcl. Ab­reiben der Gewächshäuser hat keinen Sinn! All­

zuviel mach ich mir nicht aus dergleichen. Aber vielleicht heiratet man mal. Uno wenn dann die Gatttn, die teure, Spatz daran hat, ich hab nicht- dagegen!"

6int Taufrische ging von dem Baron au-, die bezauberte Selbst der Hermer wurde von feiner Lustigkeit angesteckt. Der Oefonomierat schmunzelte. Der Schwerenöter war ber rechte Vorspann, um bie Warhahns auf den gesell­schaftlichen Gipfel hinaufzuziehen unb Maria war die vollendete, weltgewandte Dame.

Züschen setzte sich an den Flügel, wandte sich an Maria.

.Ihr Herr Schtotegervater denkt nämlich, ich farm nur Gassenhauer spielen, protestieren Sie nicht, ich glaub's Ihnen doch nicht Beweise will der Jurist haben!" Gr spielte Wagner, die Tannhäuservuvertürt, mitten im Spiel ^drte er auf, sprang vom Sessel.Gnädige Frau, daS könnten wir doch gleich vierhändig versuchen!"

Sin paarmal hieb Züschen daneben, aber eS ging ganz leidlich

,0, da- müssen wir öfters üben, die Ditte werden Sie einem einsamen Sünder doch unmög­lich abschlagen können! Allergnädigste! Psalz- grafin vom Rheine!"

Seine Augen bettelten, Maria lachte.

.Warum denn nicht? Wir werden un< sehr freuen, wenn Sie kommen!"

Der Oefonomierat war Feuer und Stamme.

Sine reine Freude wäre das für uns, Herr Baron!"

»Ree, was sind Sie gut! Da mutz man ja Gott auf den Knien danken, datz er so ein ®e- bild aus Himmelshöhen in den Kreis Fritzlar verpflanzt hat, oder Ihnen, lieber Hermer Wär-

hahn! Sie find ja ein Glückspilz! Und ein MordSkerl! Ra, überhaupt die WärhahnS, meine allergnädigste Frau! . . . Sin paar Spe­zialitäten mit Gesang gefällig au- meinem Schatz- fäflletn? Guter Wille ist vorhanden!"

Man bat Der Baron lachte. Hob die Harrd hoch-

,Allv, eS geht los! Lieder Henri«, bitte erst noch einen Schluck von Ihrem guten Rheinwein!" Dann fang Züschen mit leidlich geschult« Tenor­stimme ein paar Lied«. .Und nun noch etwas ganz Rührselige-k"

Sine Frau schrieb an ihren tm Felde stehen­den Mann. Ss endigte:

Dann werd ich dich herzen, dann toerb ich dich küssen, dann wirst du wieder durch mi-ich verwöhnt!"

Maria stampfte mit dem Fuhe auf.

.Baron, was ist das für rin herrliches Lied und wie schauderhaft ist die Melodie! Wer hat beim die verbrochen?"

Wie ein schuldbeladen« Sünder Heb Züschen den Kops hängen.

,0, bas tut entsetzlich weh! . . . Ich sagte Ihnen, schon, ich war ein paar Jahre in Ost­afrika. Satz ba als Kommandant mit ein paar werden Unteroffizieren auf ein« ganz gottver­lassenen Station. Da fällt uns eines Tages aus einer Zeitschrift dieses wunderbare Gedicht in die Hände. So recht etwas für unsere Stimmung und unsere riesengrvbe Sehnsucht! Ich habe mir also einen Text ba^u gepfiffen, so recht aus tiefstem Herzen heraus, meine Allergnädigste! Jia, vom Pfeifen zum Singen ist kein aetoaltiger Schritt mehr! Meine Unteroffiziere hatten es aufge»

schnappt und ball) sangen eS auch die Suahelis unb ihre Weiber! Manchmal 'n schönes Konzert! Aber man wird bescheiden da brausten . . . Und nun hab ich meinen Stolz unb meine Wonne Ihnen vorgetragen!"

Wollen Sie mir den Text aufschrriben, Ba­ron? Ich werbe ihn meinem Bat« schicken, ber wird eine brauchbare Melodie dazu komponieren!"

.Lieber Herrn«, um Dotte-willen, schnell ein Stück Papi« unb einen Bleistift, bitte, bitte!

Gr schrieb auf dem Flügel. Sah bie junge Frau bann unb wann au3 ben Augenwinkeln an, als habe « ben Text nicht ganz im Kopse.

.Sv, ba wär bie Bescherung! Und ich bin sehr neugierig! Aber schreiben Sie bitte Ihrem Herrn Dai«, wenn man das Lied nicht aus dem tiefsten Herzen h«auSfingen kann, dann wär es nichts Rechtes!"

.Gerade da leistet mein Bat« Bedeutende«!" Erst gegen elf Uhr verabschiedete sich Züschen. .Dielen, vielen Dank, es war wunderschön! Und nicht wahr, ich habe bald das heillose Ver­gnügen, bie Herrschasten bei mir zu sehen?"

Gern sagte man zu.

Den WarhahnS hatte d« Besuch auch wohl­getan. Der Oekonomi«at sagte zu Maria:

.Gr hat ein wundervolles Schlost, ist schw«- rrich, ihm tonn's gleichgültig sein, ob seine Land­wirtschaft etwas einbringt oder nichts! Letzteres ist meistens der Fall! W« noch gut anderthalb Millionen in Wertpapieren liegen hat und Jung­geselle obendrein ist, verhungert da nicht gleich I

Rach drei Wochen kam eine feierliche, ge­druckte (Sinlabrng. Älso eine grobe Gesellschaft.

(Fortsetzung folgt)