greitag, H. Gttober 1921
Lietzener Anzeiger (Genrral-Anzeiger für Oberhessen)
lir. 241 Zweit« Blatt
Lettow-Dorbeck über seinen Ostafrikakriey.
Dieben, 14. Oft 1921.
Der grobe ©aal der Neuen Aula ertme# sich schier zu klein, um die Massen zu fassen, die den unbesiegten Verteidiger unserer ostafriöaTnschen Äolonie hören wollten, der von der Deutschnatio- nalen Partei nach Dieben geladen war. Schon alber Deneral da- Podium betrat, toste minutenlanger DearuhungSjubel zu ihm empor Stand er doch al- Künder unvergessener und unvergänglicher deutscher Kriegsleistungen vor uns. als stolzer Zeuge de- groben und mächtigen Deutschland« vor 1918. Und so wuchs der Abend aus dem Rahmen einer Motten Parteiveranastltung und ward zu einer eindrucksstarken vaterländischen Kundgebung, für die Zusammenfassung aller guten Kräfte an der Wiederaufrichtung des Reiche«. Lettow-Dorbeck brachte dieses Gefühl in die rechten Worte, alS er zum Schlüsse tagte, gröber als der Zusammenbruch sei die Leistung deS Volkes im Kriege, und dab auS dieser stolzen Erkenntnis die Hoffnung wachse, Deutschland werde auch in Zukunft wieder zu gröberen Leistungen fähig. Verbände unS doch alle gemeinsames Blut, gemeinsames Vaterland, gemeinsame Rot, in der Einzel- und Parieiegoismus keinen Platz haben, und in der es nicht das Vorrecht einer Partei sein dürfe, sich deutschnational zu nennen alle ohne Ausnahme müßten in erster Linie deutsch sein und national
General von Oettov»Vorbeck führte u. a. aus. datz die Kolonie sehr schlecht vorbereitet in den Krieg getreten sei. Bei unseren ReichsbeHörden habe eine einheitliche Anschauung darüber gefehlt, welche Rolle unsere Kolonien in einem Kriege spielen sollten.' Alnb wenn manche Leute bet Ausbruch des Krieges sagten, was sollen wir unS drautten in den Kolonien bemühen, wenn nufer Schicksal doch auf den europäischen Schlachtfeldern entschieden wird, so konnten sich unsere kraftvollen und weitblickenden Siedler mit dieser schwächlichen Auffassung nicht befreunden. Man lehnte es ab, einfach die Hände in den Schob zu legen, und gewann Klarheit über das Ziel, möglichst viele feindliche Kräfte auf den afrikanischen Rebenkriegsschauplatz abzulenken. Der Schutz der Kolonie an sich kam erst in zweiter Linie. Rur schwache militärische Mittel standen für den Kamps bereit: 2400 Mann ohne moderne Geschütze. Zwar wurden im Laufe der Zeit neue weihe und schwarze Soldaten auSgebildet, aber die Höchstzifscr war mit 3000 Mami Weihen und 11000 Schwarzen erreicht. Und diese kleine Zahl hat es vermocht, ungeheuere Truppenmengen des Feindes fern vom europäischen Snlschcidungsfelde festzuhalten. 3m Laufe des ostafrianischen Feldzugs hat der Feind 300 000 Mann gegen uns ins Feld geführt, darunter 140 Generale. 3m Herbst 1918 kamen auf einen deutschen Askari 100 Feinde und 10 Automobile. Für uns kam es von vornherein nicht darauf an, die lange Grenze zu verteidigen, sondern unter Zusammenfassung unserer schwachen Kräfte den Feind an seiner empfindlichsten Stelle anzugreifen. Während wir diese Stelle im Ror- den in der Richtung der britischen Uganda bahn suchten und einen zähen Kleinkrieg im Kili- mandscharvgebiet führten, erschien Luifang Ro- vember 1914 plötzlich eine britische Transport- flotte vor dem Hafen Tanga. Schnell wurden alle verfügbaren Kräfte zusammengezogen und mit der Kleinbahn nach der Küste abgervllt. 6000 Feinde waren schon gelandet. Mit kaum 1000 Rlarrn ihnen entgegenzutreten, war ein gewagtes Unternehmen. Nachdem unsere Askaris dem ersten Ansturm des Feindes weichen muhten, führte im kritischen Moment der Stvh einer unserer Abteilungen in die Flanke des Gegners und verwickelte ihn in Flucht und Niederlage. Nur Trümmer kamen auf den Schiffen an. Die Engländer konnten sich ihre Niederlage so wenig erklären, dah noch hn Herbst 1918 nach dem Wasfen- üillfhmb ein englischer General mich fragte: .Sagen Sie mal, ist es wirklich wahr, dah Sie uns damals bei Tanga mit dressierten Dienen schlugen?) (Verirrte Kugeln trafen Bienenstöcke und machten deren 3nfaffen wild.) Der Sieg von Tanga erfüllte unsere Truppe mit Stolz und Selbstvertrauen; im ganzen Jahr 1915 bestand sie im Norden der Kolonie erfolgreiche Kämpfe, immer nach dem Grundsatz, die sie am Schluh des Kampfs mehr Patronen haben muhte als am Anfang. Da die Engländer nunmehr mit grober Machtentsaltung an die Eroberung unserer Kolonie herangingen, beschloh ich von jetzt ab dem Feinde auszuweichen und ihn dabei immer wieder mit blutigen Köpfen heimzu schicken. Der afrikanische Busch, seine Aln- wegsamkeit und die Ellenbogenfreiheit kamen unS
zu statten. Als wir im August 1916 die Zentralbahn in südlicher Richtung überschritten, versuchte SmutS, uns mit einem wuchtigen Schlage überholend zu zermalmen. Ader da seine Kolonnen kleckerweise eintrafen, gelang es uns, eine nach der anderen so gründlich zu schlagen, dah Smuts für eine weitere Expedition ganz von vorne anfangen muhte. 3m Oktober 1917 standen wir nach drei Kriegsjahren erfolgreich kämpfend noch auf deutschem Boden. Die Disziplin der Truppen war ideal. 3m Laufe der 'Zeil traten eine grobe Anzahl vortrefflicher Führer und Unterführer hervor, denen man mit gutem Gewissen auch die schwersten Aufträge übertragen konnte. Trotz dem erfreulichen moralischen Zustand und "bet" hohen soldatischer' Entwicklung wurden doch unsere Aussichten täglich trüber. Untere wenigen Geschütze waren vernichtet, unsere modernen Gewehre hatten nur noch 20 Patronen pro Laus Wir muhten zurückgreifen auf unsere rauchstarken Patronen mit dem Gewehre 71. Beim Rückzug über die Hochfläche im Süden der Kolonie, im Rov. 1917, war unsere Lage verzweifelt. Feindliche Detachements rückten von allen Seiten an und waren überall nur wenige Lagemärsche von uns entfernt. Es muhte daher zu einem letzten verzweifelten Mittel gegriffen werden und ich entschloß mich, einen gröheren Teil unserer Truppe zurückzulasten, um den Rest, 200 Weihe und Sin- geborene einigermassen ausrüsten zu können. Don nun an bekam der Krieg einen neuen Charakter. Ohne rückwärtige Verbindung, ohne Dagage, waren wir angewiesen auf die Magazine und die Patronentaschen des Feindes. Als wir Ende November 1917 den portugiesischen Grenzfluss Ro- vuma überschritten, trat uns sofort ein Detachement entgegen. Unsere Lage war so verzweifelt, dah wir sofort die Portugiesen angriffen. Der Erfolg war der. dah am Abend unsere Truppe frisch ausgerüstet mit Munition und Kleidung, diesmal portugiesisch, bereit zu neuen Taten stand. Rach verschiedenem Hin und Her gingen wir nach Deutsch- Ostafrika zurück. 3m "November 1918 waren wir gerade daran, eine britische Etappenlinie in Zentralafrika aufzurvllen. Abgesehen von einigen Seuchen, die uns heimgesucht hatten, war die materielle Lage glänzend. Wir führten grotte Viehherden mit uns und erbeuteten oft so viel Patronen, dab wir Gefechtsschieben veranstalten muhten, um sie wieder los zu werden. Auch waren wir jetzt so weit von der Küste entfernt, dah der Feind trotz seiner hundertfachen üleberlegenheit an Ort und Stelle uns kaum gefährlich werden konnte. Wir waren fest entschlossen, weiterzusechten, wenn es sein muhte, kämpfend durch ganz Mittelafrika, bis zur Westküste zu ziehen. Da traf in der Nacht zum 14. Novcmber völlig überraschend die Nachricht vom Waffenstillstand ein mit seiner bedingungslosen Lieber gäbe aller deutschen Kolonialtruppen. 3n stolzer Haltung marschierten unsere Soldaten nach Qwercorn und legten dort ihre Gewehre nieder, von denen keines mehr deutschen Ursprungs war. Bezeichnend für die Stimmung unserer Truppe ist der Vorschlag, der mir allen Ernstes gemacht wurde, alS wir unbewaffnet zur Küste marschierten: Wir möchten doch mit Stöcken das englische Lager stürmen und uns Waffen holen. Die mllitärische Haltung der schwarzen Soldaten war bis zum letztenAugen'olick musterhaft: alle Verlockungen zur Meuterei wiesen sie zurück, und dies ist wohl der beste Beweis für das Ansehen das wir in unseren Kolonien besahen und für die Hohlheit und Lügenhaftigkeit der gegnerischen Propaganda.
Auch das Ende de« Vortrags klang in unerhörten Beifallsjubel au« und spontan wurde nach dem kurzen Schlußwort des Oberpostsekretärs Kohlhaase „Deutschland, Deutschland über alles" angestimmt und begeistert zu Ende gesungen.
Einen besonderen Sinn bekam her Abend noch durch eine einmütige Entschließung für ein ungeteiltes Oberschlesien.
Aus dem besetzten Gebiet.
In Abwesenheit verurteilt,
fpd. Frankfurt a. M.. 12. Oft. Der beim Grenzzolldienst in Griesheim a. M. tätig gewesene Zollassistent Otto (Seltner aus Frankfurt wurde heute vom französischen Kriegsgericht in Mainz wegen Zollbetrüae- reien und Unterschlagungen zum Nachteil Der interalliierten Zollkasse in contumaciam zu 2 Jahren Gefängnis und 5000 Mark Geldstrafe verurteilt.
Gefährliche Schießübungen.
fpd. Bonder Nahe, 12. Oft. Die französische Artillerie hält gegen
tnärtig in der Nähe von Kirn Schießübungen ab. Hierbei passiene es, dah eine Anzahl scharfer Schüsse in unmittelbarer Nähe des Dorfes Becherbach niedergingen und explodierten. Glücklicherweise wurde niemand der Ortsbewohner verletzt. Das Feuer wurde sofort eingestellt, als der Bürgermeister dem Regiment davon Mitteilung machte.
Das End« de« Pfälzer Waldes.
fpd. Kaiserslautern, 12. Oft. Um Raum für einen französischen Truppenübungsplatz zu schaffen, müssen im schönsten Teil des Pfälzer WaldeS große Strecken schleunigst ab geholzt werden. Zwischen Dahm und Pirmasens werden zur Zeit in dem Dörfchen Ludwigswinkel, dell'n Namen der neue Truppenübungsplatz erhält, von der ReichS- vermögenSverwaltung Kaiserslautern die Arbeiten für ein Generaldienstgebäude, für eine Familienwohnung für den Kommandanten und einen Major, sowie UnterkunftSräume für die ständige Lagerkompaanie ausgeschrieben.
Verhaftung französischer Kausleute.
fpd. Mainz, 13. Oft. Die franzöfi- sche Militärpolizei verhaftete mehrere französische Kaufleute unter der Anschuldigung, zollpflichtige Waren in Eisenbahnwagen aus Frankreich nach dem besetzten Deutschland eingeführt zu haben, ohne daß Dafür Zoll entrichtet wurde. Die Wagen wurden mit einem zollfreien Zug mit ftanzösischem HeereSgut durchgeschmuggelt und passierten auf diese Weise unbeanstandet die Zollstativ- nen. Die Angelegenheit wird friegSgerichtlich abgeurteilt, weil das Vergehen noch unter die Zeit der bestehenden Sanfttvnen fällt.
Aus Stabt und Land.
Gießen, den 14. Oft. 1921.
Das Winterobst fault.
Ein so sonnenreicher, warmer und trockner ©ornmer und Herbst wie der vergangene, find seit Menschengebenken noch nicht dagewesen. Man sollte darum annehmen, daß alles Obst, gut ausgereift, wie es sonst nur bei Südtiroler Obst der Fall ist, besonders haltbar sein müßte. Aber von allen Seiten werden Klagen laut, die das Gegenteil beweisen. Alles Obst, Aepfel wie Dirnen, selbst ganz hartes Winterobst, fault mehr als nach feuchten Sommern, und manche Hausfrau nimmt mit "Besorgnis wahr, daß der für teures Geld erworbene kleine Vorrat trotz aller Vorsicht schon jetzt teilweise verdirbt. Zur Erllärung dieser ausfallenden Erscheinung mutt daran erinnert werben, bat) in diesem Zahre alles Obst besonders zuckerreich und der Wassergehalt infolge der Trockenheit geringer ist als in normalen Zähren. Oebecmaim weiß, batt zuckerreiche Früchte gierig Feuchtigkeit aus der Luft aufnehmen, die die Zellwände teilweise sprengt. Man sieht z. D. an reifen Reinellauden wie sie bei feuchtem Wetter oder vorübergehendem Regen platzen und dann dem raschen Verderben ausgesetzt sind. Run tritt diese Erscheinung bei Kern- obst mit seinem harten Fruchtfleisch und der derberen Schale nicht in solch augenfälliger Weise auf, aber nur eine ganz geringe, dem bloßen Auge nicht wahrnehmbare Zerreißung genügt, um den Fäulnisbakterien die Türe zu offnen. Daß bei dem kühleren und feuchterem Herbstwetter mit seinem Morgennebel die Früchte tatsächlich wasserreicher werden, läßt ftch am Gewicht nachweisen und das wird in um so größerem Maße der Fall sein, je trockener der Standort war, auf dem sie wuchsen. Man wird darum gut tun, sein Obst in diesem Jahre nichtinallzuseucht en Kellern aufzubewahren und durch fleißiges Auslesen der angefaulten Früchte die übrigen zu schützen suchen.
' Kostenfreie Alebe r m i 11 lun g an« gekommenerTelegrammedurchFern- sprechcr. Der Fernsprechteilnehmer farni bei seiner Telegraphenanstalt schriftlich beantragen, daß für ihn angekommene Telegramme der von ihm bezeichneten Sprechstelle übermittelt werden. Diese Alebermittlung erfolgt jetzt kostenfrei. Die Airsprungsausfertigung des zuge'prvchenen Tele- gram ms wird dem Fernsprechteilnehme r mit der Post als gewöhnlicher Drief — ebenfalls kosten- frei — zugestellt. Ebenso werden Telegramme an einen Empfänger, der sich bei einem .Fern- sprechteilnehrner aufhält oder in dessen Diensten
steht, zugesprochen. wenn der Empfänger Es beantragt und der Anschlußinhaber zustimmt. Meldet sich bei der Teilncbmerstelle ein Unbefugter zur Entgegennahme des Telegramms oder hört er dessen Inhalt mit, so ist die Teie^rapbenver- waltung für eine Verletzung des -ickgramm- geheimnisses nicht verantwortlich Handelt c« sich um sehr lange oder um geschlüsselte Telegramm« ober um solche in fremder oder verabredeter Sprache, so kann die Telegrapbenverwaltung abweichend von der Vereinbarung sie durch Boten abtragen lassen, wenn die Telegramme aus diese Weife schneller und sicherer zugestellt werden.
" Oeff entliehe Bücher halle. 3m September wurden 1392 Bände ausgelleben Davon kommen aus: Erzählende Literatur 897. Zeitschristen 86. Zugendschriften 145, Literaturgeschichte 10. Gedichte und Dramen 23. Länderund Völkerkunde 35, Kulturgeschichte 23, Geschichte und Biographien 34, Kunstgeschichte 14, Naturwissenschaft und Technologie 67. Heer» und Seewesen 10. Haus- und Landwirtschaft 3, Ge- sundbeitslehre 11, Religion und Philosophie 18, Staatswissenschast 6. Sprachwissenschaft 4. Fremdsprachliches 6 Bände. Rach auswärts kamen 32 Bände.
Kreis Büdingen.
4. Ortenberg, 12. Oft An Stelle de« verst orbenen Oberaktuars HeuNenröder wurde der Zustizbureauinspektor Knapp zum geschäftsleitenden Zustizbureauinspeftor ernannt
Kreis Alsfeld.
Da. Alsfeld, 12. Olt. Für die Reinigung des SchwalmbetteS von der Ful- der- bis unterhalb der Hersfelder Drücke waren bereits 15 000 Ml. bewilligt worden. Die Summe batte sich aber als unzureichend erwiesen: es wurden daher vom ötabtbauamt 5000 Mt. nachgefordert, die auch bewilligt wurden. Aus Anlaß der Genehmigung für Baukostenzuschüsse für drei Häuser in Höh« von etwa 52 000 Mk erklärte der Vorsitzende des Stadtvorstandes, daß man sich angesichts der durch diese Zuschüsse immer mehr anwachsenden Belastung der Stadt die Frage vorlegen müsse, ob dieses Stzstem der Dauhilfe, das der Stadt jährlich etwa 200 000 Mk. zinslos entziehe, beizubehalten sei.
Hessen-Naffan.
Die Ueberschwemmung mit Ausländern.
mc. F r a n k f u r t a. M., 12. Oft. Wer eben durch die Straßen der Stadt wandert, wird erstaunt sein über die zahlreichen Ausländer, die sich hier aufhalten. Alle Hotel« haben einen großen Prozentsatz ihrer Gäste au« dem Ausland. Ulan gebt wohl nicht fehl in der Vermutung, dah die außerordentlich niedrige deutsche Valuta die fremden Gäste zu uns lockt, die dann bei dem hohen Wert ihres Gelbe« billig einkausen. Um aber einem deutschen Ausverkauf vorzubeugen, sind verschiedene Frankfurter Geschäftsleute dazu übergegangen, für Ausländer einen kleinen V a l u t a a u f s ch l a g zu nehmen, was übrigens in den Hotels schon lange üblich ist
»
[j Marburg, 12. Oft. Nachdem die Stadtverordneten kürzlich für den Ausbau des Elektrizitätswerks 2 078 000 Mk. für Anschaffung zweier Dieselmotoren bctoilligt hatten, wurden in der ge- st em abend abgehaltenen Versammlung lveitere Anträge welche die Errichtung einer Zentralschaltstation für die Lieberlandanlage, den Einbau einer Aklumulatorenbatterie und Eiwichtung einer Zählerreparaturwerkstätte betrafen, genehmigt. Dieser Kostenaufwand stellt sich auf rund 3 120 0C0 Mai-k Rian hofft, daß dann das Werk, völlig unabhängig von all den unzuverlästigen Kraftquellen, seiner Ausgabe völlig genügen wird. Ferner wurden 100 000 Mk. zur B e s cha f f u n g v o n Kartoffeln für die Arbeitslosen und Notstandsarbeiter bewilligt. Die schuldigen Beträge werden nach und nach von der Arbeit s- losen-Unterstützung und dein Lohn wieder abgezogen Außerdem sollen 100 000 Mk. zur Deschaf- sung einer Kartvffelreserve für die Minder bemittelten bereitgestellt weiden. Bei der Gelegenheit kam es zu einer 2luSeinandersehung über die Kartoffelfrage. Es wurde gesagt, dah die in Aussicht gestellte Verbilligung durch die Aushebung der Zivangswirischast das Gegentell, nämlich unheimlich steigende Preise, zeitigte. Wenn auch In Hessen die Kartoffelernte schlecht ausgefallen sei, so stelle sich diese doch im übrigen Deutschland nach den neuesten Feststellungen besser. wie man erwartet. Die unruhigen Verhältnisse und die steigenden Preise seien Erschetnun- gen, die nur aus die wilden Auskäufe und die dabei gemachten Preisangebote zurückgeführt werden könnten. Unb wenn die Erzeuger absolut mehr geboten erhielten, dann schlügen sie eS
Der Schuh im ©lut.
Roman von Horst B o d ein e r.
12. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Maria fühlte sich sehr wohl. Die beiden Männer hielt sie fest in der Hand, im Vater- Haufe waren oft Brandbriefe an Ernst abgeschickt worden, der auch das Vermögen feines in Ztapstadt befindlichen Bruders verwaltete. Diese peinlichen Schriftstücke hatte ste immer abfaffen müsstm, hier kannte man Not nicht. Alnb daß die Wär Hahn sche Verwandtschaft zum gut Teil recht derbe Bauern waren, störte sie weiter nicht, der Vater war nie wählerisch in seinem Almgange gewesen, daS hatten die Sängerfeste mit sich gebracht. 3m Gegenteil, ste hatte ihren Spaß daran, denn die Verwandten ihres Mannes sahen in ihr .was ertra Feines" und meinten es alle herzlich gut mit ihr .. .
Als die ersten Rosen auf dem großen Blumenbeet vor der Hausfrvnt sich zu entfalten begannen, fühlte sich Maria Mutter. 3hr Mann nahm die Kunde glückstrahlend auf, ganz aus dem Häuschen war aber ihr Schwiegervater. Mit den flachen Händen schlug er sich auf die Knie.
.Herrgott, Maria, daraus mästen tmr ein paar Flaschen Marcobruimer AuSlese sehen! Und natürlich zuerst kommt ein Zunge!"
Sie lachte verlegen und war doch sehr glück- llch.
3n seinem Arbeitszimmer nahm am Abend der Celonomierat — er war hinter den Geschmack der Rheinweine gründlich gekommen — die Mamsell vor.
.Guste, im Zanuar oder Februar schreit ein kleiner Wär Hahn in der Wiege!
Na, Himmelkreuzdonnerwetter, freu dich doch mit! Alnb patz mal auf, der hat den »Schuß im Blute".
3n vier Zähren seh' ich mich zur Ruhe und i fang an, den Zungen zu erziehen!"
Nein, die Mamsell freute sich nicht mit, siel sagte gekästen:
»Sie werden stch in vier Zähren nicht zur Ruhe sehenl Und was soll die Frau dann anfangen, wenn sie ihr Kind nicht v e r ziehen kann T
Langsam erhob sich der Oekoiwmierat. Einen roten Kopf hatte ihm bereits der Marcobrunner gemacht, trat auf seine langjährige, getreue Helferin zu. Seine Stimme wurde kalt und hart.
»3ch hab' euch beide beobachtet, meine Schwiegertochter hat es nicht verdient, daß du ste schlecht behandelst!"
.Zu faulen Menschen kann ich nicht freundlich fein. And wenn sie mir meinen PflichtkreiS einschränkt, geh' ich!"
An beiden Schultern packte der alte Wär- hahn die Mamsell.
.Dann möcht ich bloß willen, wie ste diris recht machen soll!" .
Die Guste riß ihre linke Schulter frei.
Das weih ich auch nicht! Und dafür kann sie erst recht nichts! Sie gehört eben nicht in einen Gutshaushalt hinein! Alnb auf „ben Schutz im Blute" bin ich gespannt, der kommt ja nun bald!"
.Guste!" . a , ,
»Sie werden toieber lernen tm Hainbuchen- gang auf- und abzugehen, Herr Oetmwrmerat Aber nicht wie einst! Gebückt werden Sie gehen und sich den Schweiß von der Stirne wischen.
Da atmete der Alte doch schwer. 5he treue Helferin meinte es gut mit ihm, wenn ihre Ansicht auch ganz verbohrt war
.Dann Guste — bann muhte das auch ertragen werden! 3ch bin mit mancher Sorge fertig geworden. Solange ich atme, laste ich mich vom
Schicksal nicht werfen! Alnb der Henner ist mein Fleisch und Mut!"
„Das ist auch mein Trost, Herr Wärhahn!'
,Na. nun geh schon! Du siehst Gespenster am Hellen Tage! 3ch denke, es kommt ganz anders. Verdirb mir die Laune nicht unb stell bich besser mit meiner Schwiegertochter, weil wir WärhahnS bas so haben wollen!"
,3ch will mir Mühe geben! Gute Nacht!"
Dem Oekonomierat war auf zwei Wochen bie gute Laune abhanben gekommen. Allmählich brachten ihn bie Abenbe im Musikzimmer über bumme Gebanken hinweg, bie auf einmal aufgetaucht waren — unb sich nicht bannen lassen wollten . . .
Sin heißer Nachmittag zur Zeit ber Roggen» ernte. Früh hatte Maria in ben Gärten sich ein wenig nützlich gemacht, wie all bie Zeit währenb bei Beerenernte. Dann hatte sie sich auf ben Auftritt an ben Nähtisch gesetzt unb an ber Erstlingswäsche gearbeitet. So verging bie Zeit Gegen Abenb pflegte sie hinaus auf bie Felder zu gehen und ihren "Mann abzuholen Hinier einer Kiefernschonung surrte bie Mähmaschine, den Hang weiter abwärts wurde Getreide auf geloben. Es war noch zu früh, langsam schritt ste ben schmalen Psad durch bie würzig buftenben Kiefern: hinter Fritzlar.an ben Walbecker Bergen hatte sich eine Wolkenwand gebildet. Das Barometer war mittags plötzlich stark gefallen, da galt es bis zur sinkenden Nacht zu bergen, was trocken zur Einfahrt war . .. 2lls sie aus der Kiefernschonung heraustrat— sie trug ein weißes Kleid unb einen breitranbigen Strvhhut, Ernsts Worte, immer tabrilos gellridet vor ihrem Manne zu erscheinen, hatte sie sich gern zu Herzen genommen — hielt keine hunberi Schritte entfernt, neben ihrem Schwiegervater unb ihrem Henner auf einem hohen, schnittigen Goldfuchs, eine ele
gante schlanke Reitergestalt. Rittmeister Baron Züschen wurde ihr vorgestellt. Sc kühte ihre Hand, redete braus los.
.Meine gnäbigste Frau, vvrläuftg hatte ich nur bie Ehre, Sie auf weitere Entfernung be- wunbem zu bürfen. 3ch hoffe, Sie werden einem einsamen Junggesellen dann und wann einmal ein Plätzchen an 3hrem Herbe bewilligen! Heute nicht Gott bewahre! Heute habe ich mich lebig- lich auf meinen hübschen .Sturmwind ', DaS Biest hat Rennen gewonnen, gesetzt, um wieder einmal bei Ihrem Herrn Schwiegervater in die Lehre zu gehen! Das tun wir hier in ber Gegenb nämlich alle, wenn wir mit unserer lanbwirtschaft- lichen Weisheit Matthäi am letzten finbl Bei mir kommt das häufiger vor als bei anderen, weil ich erst seit knapp drei Zabren auf meiner Klitsche sitze, ohne die nötige Vorbildung genossen zu haben! Mein guter Vater starb ganz plötzlich, ich war Husar in Straßburg, Allan in Hannover, dann zwei Zähre bei ber Schutztruppe in Afrika, bekam bei meiner Berabschiebung ben zweiten Stern auf bie Achsel gedrückt unb hopse nun immer noch recht hilflos auf meinen Stoppeln herum. 3hr Herr Schwiegervater wirb bas mit seinem Sachverstänbigeneib bezeugen können!"
Der wehrte ab. So schlimm sei es gar nicht. Maria aber muhte lachen. Das war endlich ein anderer Ton wie der, ben sie bisher in Hessen xu hören bekommen batte. Sie strich bem Goldfuchs den seibenweichen Hals.
.Herr Baron, herzlich willkommen, wenn Sie bie Lust einmal antoanbeln sollte, zu unS zu kommen — ober bie Langeweile!"
.Deibes fürcht ich, meine Gnädigste. 3m übrigen bin ich auch musikalisch nicht gaiJ schim- | merlös, ein Waisenknabe bleib ich natürlich 3hnen gegenüber! . . . Za, meine Herren, äußern Sie I sich auch zustimmend?" (Fortfetzung folgt.) j


