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Hr. 215 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesjen) Mittwoch, H. September Ml

Rhein - Main - Donau.

Der geniale Gedanke Starld des Drohen, den Main mir der Donau zu verbinden, der an der Unvollkommenheit der damaligen Technik schei- terte, ist im Lause der Zahrhunderie immer wieder aufgetauchl König Ludwig I. war es, der die Kanalidee durch den Bau des Ludwige-Donau- Main-Kanals im Jahre 1846 verwirklichte, aller­dings in einer Form, die schon sehr bald nach der Bollendung die Erwartungen enttäuschte. Die veranschlagten Baukosten und die Ausmaße des Kanals, der nur von Schissen mit einer Trag­fähigkeit von 120 Tonnen befahrbar war, er­wiesen sich als viel zu gering, um dem ßtoed des Kanals, als Durchgangsstrecke sür die inter­nationale Großschiffahrt zu dienen.

Die Zeiten wirtschastlicher Bot, die schon immer im Leben der Völker die Träger und Förderer grober Ideen waren, werden nun den -genialen Gedanken Karls des Grotten, gestützt auf die Fortschritte der Technik, seiner Verwirk­lichung in großzügiger Weile entgegenführen. Ver­kehrsnot, Arbeitslosigkeit, Kvhlennot, gewaltige Preissteigerungen aus allen Gebieten des Wirt- schastslebens und die Verarmung des Volkes in­folge Ersüllung des Friedensvertrages von Ver­sailles drängen dazu, Deutschland möglichst bald wieder den Anteil am Welthandel und Welt­verkehr zu verschaffen, den es früher besessen hat. <Jur notwendigen Aufrechterhaltung des scharfen Wettbewerbs auf dem Weltmärkte ist es ober erforderlich, eine erhöhte wirtschaftliche Ge­staltung unserer industriellen Betriebe zu erzielen, die bei der bestehenden Kohlennot die Heran­ziehung anderer Kraftquellen notwendig macht. Auch bei genügenden Kohlenmengen ist infolge unserer heutigen Wirtschaftslage die größte Spar­samkeit mit Kohle am Platze, um sie für andere 3toedc freizubekommen! denn gerade die Kohle ist heute hochwertiges Zahlungs» und T a u s ch m i t t e l, um den Riesenlasten aus dem Versailler FriedenSvertrag und den hierauf fol­genden Abkommen gerecht werden zu können. Es geht daher nicht mehr an, die Hälfte des tat­sächlichen Heizwertes der Kohle in Rauch und Ruß aufgehen zu lassen, vielmehr ist volle Ausnützung der Kohle notwendig.

Zum Wiederaufstieg müssen wir daher eine möglichst weitgehende Umgestaltung des Wärme- kraftbetriebes auf Wasserkraft - betrieb namentlich im Süden vornehmen. Die Wahl zwischen Kohle ober Wasserkraft, zwischen ständiger Unsicherheit und Mangel an Brenn­stoffen einerseits und großzügiger Kraftentfaltirng in Industrie und Wirtschaftsleben andererseits fällt nicht schwer. Planmäßige Wasserstraßen- und Wasserkraftpolitik, Ausbau der Großschiff- sahrts- und Kraftwasserstraße RheinMainDo­nau heißt die Losung!

Damit wird eine Verbindung der Rordsee mit dem Schwarzen Meer, des industriereichen Rhein­gebietes mit dem an landwirtschaftlichen und forst­wirtschaftlichen Produkten reichgesegneten Donau­ländern geschaffen. Din Güteraustausch wird ein- seyen, der befruchtend und belebend auf unser ganzes deutsches Wirtschaftsleben wirkt. In den Kraftwasserstraßen RheinMainDonau und KelheimUlm wird ein neues gewaltiges Sstem von Kraftquellen entstehen. Vierzig Kraftwerke erstehen längs dieser Wasserstraße in Bayern, die 400 000 Ps. und nicht weniger als 21 '> Mil­liarden Kilowattstunden jährlich erzeugen. Da­durch werden der deutschen Volkswirtschaft 3 Mil­lionen To. Kohle jährlich erspart. Die 2V? Mil­liarden Kilowattstunden sichern nicht nur die Ver­sorgung Bayerns mit Licht und Kraft, auch die Städte des unteren Mains, Hanau, Offenbach Frankfurt, Höchst, Mainz usw., ferner Thüringen! Sachsen, Württemberg, Baden. Hessen und die übrigen angrenzenden Länder können mit dem erzeugten Strom versorgt werden, so daß Dörfer, Städte und Länder Vorteile aus der Kraftwasser­straße RheinMainDonau mit ihrem billigen Wasseriraftstrom ziehen werden.

Durch den Ausbau der Großschiffahrts- und Kraftstraße wird aber auch die A r b e i t s l o s i g- t c i t infolge Schaffung produktiver Arbeit wir­kungsvoll bekämpf. Der siedlungsbele­bende Einfluß wird umso großer sein, als mit der Großschiffahrtsstraße gleichzeitig Wasserkraft- werke errichtet werden. Durch den Erlös aus Wasserkraft allein, ohne die Erträgnisse der Schiff­fahrt ist eine glänzende Finanzierung des ge­samten Unternehmens ermöglicht. Hierzu kommt noch der volkswirtschaftliche Ruhen aus der Fracht­ersparnis, der durch die Benutzung der Wasser-

Die Nothersteins.

Roman von Erich Eben st ein.

Copyright 1919 by ©reiner & Eomp., Berlin W 30.

54. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Magelone ging. Erst als sie langsam die Treppe hinabstieg, dämmerte ihr, wie unvornehm ihr eigenes Benehmen gegen das Dos gewesen toor. Eine Erkenntnis, die ihre Laune nicht eben verbesserte.

Und was nun? Woher das Geld nehmen, das um jeden Preis beschafft werden mußte? Rainer. Carola und der Fürst kamen nicht in Betracht. So wenig wie Rüdiger. Wenn sie Do weismachen wollen, daß sie diesen, falls er hier gewesen wäre, darum ersucht hätte, so war das eine dreiste Lüge. Sie wußte zu gut, wie man aus Grafenegg über derartige Schulden dachte, und daß sie sich damit moralisch ihr Grab gegraben hätte

Rein, es gab nur einen einzigen Weg für sie. Er war schwer und peinlich besonders, da man diplomatisch vermeiden mußte, Konsequen­zen daran zu knüpfen. Aber er mußte eben ge­gangen werden .

Das Blut stieg der schönen Magelone auch bis in die Haarwurzeln, als sie unten einem Diener mit unsicherer Stimme befahl, für sie an» spannen zu lassen, da sie spazieren fahren wolle.

..Wohin befehlen Erlaucht? ' fragte der Kut­scher eine Viertelstunde später.

..Rach der Buchau," antwortete Magelone berrisch. Diesmal nahm sie keines von Rainers Kindern mit.

Do stand immer noch mit marmorblassem Besicht am Fenster, als unten die Equipage mit Magelone fortfuhr.

Sie war wie betäubt und konnte kaum at­men. Was sie tief in sich verschlossen trug und vor aller Welt verborgen glaubte, hatte Mage- l»ne mit unbarmherziger Grausamkeit ans Licht

ft raße den Verkehrstreibenden erwächst und zu der notwendigen Verbilligung der Lebensrnittel und sonstigen Erzeugnisse führt

Der Kanalbau und Wasserkraftkanal, der demnächst in Angriff genommen wird, wivd ein Kulturwerl von höchster volkswirtschaftlicher Be­deutung werden. Unter Beteiligung von Reich, Ländern und Privatkapital nimmt ein gemischt­wirtschaftliches Unternehmen in Form einer Aktiengesellschaft den Bau dieses überragenden Werkes, das die nachhaltigste finanzielle För­derung verdient, in die Hand. Damit hat dann endlich die Rot der Zeit allen hemmenden Pessi­mismus in den Winkel geworfen. Ein Grund­pfeiler für den Wiederaufstieg des deutschen Wirt­schaftslebens und damit für deutsche Hoffnung auf eine bessere Zukunft wird gefdxifjcn; denn Reich, Länder und Gemeinden haben, gestützt auf die Fortschritte der Technik, gesichert gegen die Zufälle unserer Wirtschaftslage, unterstützt von den Großbanken, der Industrie und der Allgemein­heit die segensreiche Lehre aus dem Wort Goethes gezogen, das in der heutigen Zeit und gerade für den Ausbau der Großschiffahrts- und Kraft­straße Rl)einMainDonau seine besondere Gel­tung hat:Feiger Gedanken, däng ichesSchwan­ken, weibliches Zagen, ängstliches Klagen, wendet fern Elend, macht dich nicht frei. Allen Gewal­ten zum Trotz sich erhalten, nimmer sich beugen, kräftig sich zeigen, rufet die Arme der Götter herbei." F. H.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 14. Sept. 1921.

Die Drucksachcnknrte.

Bei der letzten Erhöhung der Postgebühren hat die Postverwaltung als neuen Versendungs- gegenftanb die Drucksachen karte eingeführt, die zu der ermäßigten Gebühr von 10 Pf. befördert wird. Diese Art der Rachrichtenübermittelung findet noch nicht die Beachtung, die ihr wegen ihrer Billigkeit zukommt. In Form und Papier­stärke dürfen die Drucksachenkarten nicht wesentlich von den amtlich ausgegebenen Postkarten ad- weichen. Die AufschriftPostkarte" sollen sie nicht tragen, doch wird bis auf weiteres über diese Bezeichnung hinweggesehen. Zwei- oder mehr­teilige, oder irgendwie gefaltete Karten sind nicht, zugelassen. Auf der Rückseite und dem linken Teil der Vorderseite der Drucksachenkarten kön­nen Angaben jeder Art durch Druck oder durch ein anderes mechanisches Vervicl altigungsverfah- ren angebracht werden. BUderschmiuck ist eben­falls an diesen Stellen zulässig. Im weiteren dür­fen Geschäftsanpreifungs-, Wohltätigkeits-, Ge­denk- und ähnliche Marken auf dem linken Teil der Vorderseite oder auf der Rückseite angebracht werden. Zur Angabe des Empfängers oder Ab­senders können aufgeklebte Zettel benutzt werden. Aufklebungen sonstiger Art sind nicht zugelassen. Wörter oder Teile des Drucks zu streichen, durch Anstreichen hervorzuheben oder zu unterstteichen, ist ebenso unzulässig wie die Anbringung von Zusätzen oder Aenderungen irgendwelcher Art. Gestattet ist jedoch die handschriftliche oder me­chanische Angabe des Absendungstags, der Unter­schrift oder Firma, sowie des Standes und Wohn­orts nebst Wohnung des Absenders. Zulässig ist auch die handschriftliche Angabe der Buchungs­nummer oder des Datums bei einem Vordruck wieBetrifft unser Angebot vorn .... auf Gas­kocher", oberBezugnehmend auf unser Angebot vorn . . .", wenn sich diese Angaben auf Bem linken Teil der Vorderseite befinden. Der rechte Teil der Vorderseite dient lediglich für die Anschrift und für die Freimachung. Die AngabeEinschreiben",Durch Eilboten" und der­gleichen ist ebenfalls auf dem rechten Teil der Vorderseite anzubringen, wenn der linke Teil lernen Raum dazu bietet. Das Gesagte gilt auch für Drucksachenkarten im Verkehr mit dem Saar­gebiet, der Freien Stadt Danzig, dem Memel­gebiet, Oesterreich, Ungarn und Luxemburg, wo­hin die Gebühr ebenfalls nur 10 Pf. beträgt. Druckfachenkarten können auch mit Rachnahme (bis 5000 Mark) belastet werden. Die Anfügung einer Zahlkarte oder Postanweisung ist zulässig. Hierdurch erhalten die Rachnahme-Drucksachen- farten nicht die Eigenschaft einer zweiteiligen Karte.

g

" D i e Preise der ersten Vereins- Regatta des Wassersport-VereinsHellas" 1920, die am 18. September ftattftnbet, sind im

Zigariengeschäft von Paul Koch. Seltersweg. ne­ben dem Zenttal-Automat, ausgestellt.

Landkreis Gietzen.

Lich, 14. Sept. Mit der diesjährigen Kirchweihc. die am 2. und 3. Oktober abgebalten wird, soll feit langer Zeit wieder mal ein Vieh- und Krämermarkt verbunden werden.

_ J Ettingshaufen. 12. Sept. Beim Obst» pflücken st ü r z t e ein Schulknabe vom Baum: er wurde bewußtlos heimgefahren.

Mrete Alsfeld.

oz. Alsfeld, 13. Sept. Bei der W a h > eines Beigeordneten haben von 3144 wahlberechtigten Bürgern und Bürgerinnen 1962, also nur 62,40 Prozent, von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. 1948 gültige Stimmzettel wur­den abgegeben. Es erhielten Wilhelm Vogeley <der Kandidat der vereinigten bürgerlichen Par­teien) 920 Stimmen, Hans Braun «der .Kan­didat der Sozialdemokratischen Pariei) 577 Stim­men, Lehrer Funk 451 Stimmen. Es hat somit Stichwahl zwischen Wilhelm Vogeley und Hans Braun stattzufinden.

Kreis Lauterbach.

rr. Schlitz, 12. Sept. Die Arbeiten für Er­richtung eines Ehrendenkmals für die Gefallenen unserer Stadt wurden der hie­sigen Firma' Heinrich Lachmann l. übertragen. Die Baukosten belaufen sich auf über 19 000 Mk.. für deren Deckung über 14 000 Mk. Baukapital zur Verfügung stehen. Den Rest von 5000 Mk. hofft man durch eine nochmalige Sammlung und durch andere Veranstaltungen aufbringen zu kön­nen. Das Bauwerk selbst ist nach dem Plan des Geh. Baurats W a l b e gedacht als ein Gedenk­stein von 6,20 Meter Höhe, vom Fundament aus in über 1 Meter Breite sich allmählich ver­jüngend, oben gefrönt durch einEisernes Kreuz".

Kreis Friedberg.

A Dad-Rauheim, 13. Sept. Bei der heutigen Versteigerung des staatlichen Obstes kam der Zentner Aepfel am 'Baum durchschnittlich auf 80100 Mark. Die Birnen waren nicht so teuer. Der Zentner kam durchschnittlich auf 5060 Mark, wurde teilweise sogar noch billiger erstanden. Seitdem die starken Herbststürme gestern und heute unerwartet und unerwünscht für Fallobst in reichen Mengen gesorgt, ist der Preis desselben, der vor einigen Tagen noch 75 Mark betrug, mit einmal wesentlich gefallen. Die Stadt allein dürfte gestern und heute schät­zungsweise mehr als 200 Zentner Fallobst auf ihren Grundstücken aufgelesen haben. Cs wurde zusammengefahren und kommt morgen zu ange­messenen Preisen an die Inhaber der Lebens­mittelkarten zur Ausgabe.

Starkenburg und Rheinheffen.

fpd. Darmstadt, 13. Sept. Das ehe» maligePalai-Isenburg, in prachtvollster Lage am Fuße der Ludwigshöhe gelegen, wird in den größeren Zeitungen des Saargebiets zum Verkauf aüsgeschrieben. Der heutige Wert des gesamten Grundstücks beträgt mindestens 9 bis 10 Millionen Mark. Wie die Anzeigen be­sagen erfolgt der Verkauf infolge besonderer Um­stände weit unter dem heutigen Marktwert

Hesfen-Nassan.

Billiges Mehl.

oz. Marburg, 13. «Sept. DerErzeuger- verband Kreis Marburg" ist vom Hessischen Bauernverein Kreis Marburg beauftragt wor­den, zunächst 300 Zentner Weizen zum Tages­preise bei den Landwirten aufzukaufen. Jedem Verkäufer wird über die verkaufte Menge ein Verkaufsschein ausgestellt, der den betreffenden Landwirt berechtigt, sofort nach Lieferung des Weizens gegen Vorzeigung dieses Scheines den entsprechenden Prozentsatz an Kleie (mindestens 15 Prozent der Getreidemenge) auf dem Korn» hause zum halben Getreideverkaufspreis zuzüg­lich Warenumsatzsteuer und Unkosten in Empfang zu nehmen. Außerdem kann beim Ausstellen des Verkaufsscheines Anspruch auf mindestens 8 Proz. Futtermehl erhoben werden. Durch diese direkte Vermittelung kann den Verbrauchern verbil­ligtes Mehl und dem Landwirt preis­werte Kleie geliefert werden

mc. Frankfurt a. M., 12. Sept. Aus Dem großen Kongreß deS Katholischen Frauenbundes in Würzburg stellte die Vor­sitzende an die Versammlung die Frage, ob man die in Frankfurt a. M.-West beabsichtigte Frauenfriedenskirche weiter bauen solle, oder ob man das den Gefallenen ge­weihte Werk einstellen solle, weil die Mit- tel noch nicht reichen. Die Versammlung faßte bann einstimmig den Beschluß, eine neue Sammlung für die Kirche einzuleiten, die un­ter allen Umständen in beabsichtigter, groß­zügiger Form erstehen solle.

mc. F r a n k f u r t a. M., 13. Sep: In einem hiesigen Hotel wurde ein Schweizer Großhändlei festgenommen, der sich der größten Silber» und Gold schm uggeleien schuldig gemacht hat, die wohl seit Jahren vorgekommen sind Es handelt sich um Werte von 10 Millionen Mark. Ueber 25 Personen find an den Schie­bungen beteiligt und verhaftet worden In letzter Zeit machen sich überhaupt die Gold- und Silberschieber in erhöhtem Maße bemerkbar. Sic sehen sich mit Ausländern in Verbindung, dic das Gold und Silber aus Deutschland ver­schleppen.

fd. Frankfurt a. M., 13. Sept. An die Erschließung einer beißen Schwefelquelle im Main, die beim Bau der neuen Brücke erbohrt wurde, hat man allerhand Hoffnungen auf Frankfurt als zukünftiges 'Weltbad gesetzt. Chemische Untersuchungen haben nunmehr er­geben, daß das Quellwasser nur schwache Lo­sungen von schwefelsauren Salzen enthält. Die Temperatur des Wassers geht auch nicht über das gewöhnliche Maß hinaus. Für Kurzwecke kommt die Quelle nicht im mindesten in Frage.

mc. Frankfurt a. M., 13. Sept Seit einigen Tagen treibt hier ein Schwindler fein Unwesen. Er stellt sich überall dort din, wo ein Fahrrad zu verkaufen ist. und fährt mit demselben unter dem Vorwand, es zu probieren, auf Rimmerwiedersehen davon.

spd R a s s a u, 13. Sept Der Wasser stand der Lahn ist sehr niedrig. An verschiedenen Stellen kann man die Lahn, ohne die Schuhe aus­zuziehen, überschreiten. Der Mühlbach, der in die Lahn mündet, ist so wasserarm, daß die daran wohnenden Müller das Mahlen einstellen müssen.

Kirche und Schule.

tt. Gießen, 12. Sept. Bei der gestern int Gasthof Hindenburg veranstalteten amtlichen Versammlung der evangelischen Geistlichen und Kirchenvor stände des Dekanats Gießen wurden im Anschluß an einen Vortrag von Landgerichtsrat Reuenhagen der vom Derfassungsausschuß der Landessynode her­ausgegebene Entwurf der neuen Kirchenversassung sowie die Anträge des Oberkonsistoriums dazu ein­gehend besprochen. Im allgemeinen wurde der Enl^ Wurf gutgeheißen- nur wünschte die Versammlung, daß es bei der Wahl des Kirchenvorstandes und der Ernennung des Dekans bei dem bisherigen Brauch bleibe. Auch die Dekanatsshnode möchte man beibehalten mit der Bestimmung, daß sie mindestens alle zwei Jahre einguberufen ist. Die oberste Leitung der Kirche soll einem Geistlichen mit dem TitelPrälat" überfragen werden, der wie sein nichtgeistlicher Stellvertreter von der Landesshnode in geheimer Wahl auf Lebenszeit zu wählen ist. Sine zum Schluß der Versamm­lung angeregte Entschließung gegen d i e Abhaltung der Wahlen zum Hessi­schen Landtag am 1. Advent, an dem in fast allen Gemeinden Abendmahlsfeiern herkömm­lich stattfinden, konnte bei der Kürze der Zeit nicht mehr besprochen werden.

Wanderungen.

n. D a r m st a d t, 12. Sept. Der hiesige Zweig­verein des Vogelsberger Höhenklubs beging gestern unter außerordentlicher zahlreicher Beteiligung die Feier seines vierzigjährigen Be­stehens. Zu Beginn der durch den herrlichen Darm­städter Wald führenden Iubiläumswanderung, die etwa 300 Teilnehmer aufwies, begrüßte der zweite Vorsitzende, H. Bruchhäuser, die Festversammlung. Bei der am Rachmittage im Mathildenhöhesaal stattfindenden Feier hielt Geh. Oberfinanzrat Braun die Festrede. Weitere Ansprachen hielten noch Lehrer L. Dern (Offenbach a. M.), Kaufmann

gerissen und daran die ungerechtesten Vorwürfe geknüpft.

Denn nie hatte Do Hoffnungen oder Wünsche an diese Liebe geknüpft, die ihre Seele erfüllte und wie ein Stern über ihrem einsamen Leben stehen sollte, auch wenn sie längst fort und Rüdiger Magelones Gatte sein würde .

Run war ihr, als habe eine brutale Hand ihr die Kleider vom Leibe gerissen und als müsse sie sich verkriechen vor Scham.

Die Schwüle im Zimmer bedrückte sie. Scheu schlich sie hinab in den Park. Aber auch dort fühlte sie sich beklommen.

Hertha oder die Kinder konnten ihr begeg­nen, und sie fühlte einen grenzenlosen Drang nach Einsamkeit. Rur niemanb faßen jetzt 1 Richts den­ken. Das Schreckliche zu vergessen suchen. Wieder die Fassung gewinnen.

Sie verließ also den Park und schlug einen einsamen Weg ein, der hinter Wollenriet hin­führte und wenig begangen wurde.

Rechts rieselte ein Bächlein, links gab es einen Zaun. Jenseits desselben Wiesen und Aecker, zwischen denen armselige Holzhütten lagen, die von den Aermsten der Bevölkerung bewohnt wurden.

Ad und zu grüßte Do von dort irgenbein Tagelohnerweib. Sie, war, ohne es zu wissen, die einzige Bewohnerin Grafeneggs, die Shm- pathie unter den Leuten genoß. Ihr freundliches Wesen und manche im stillen geübte Wohltat, die sich herumsprach, hatten ihr die Herzen der Leute gewonnen. Man wußte auch, daß sie von einem Teil ihrer Verwandten nicht als voll an­gesehen wurde und nannte sie deshalb, wenn man von ihr sprach, oft mitleidigAschenbrödel".

Do erwiderte die Grüße heute nicht. Sie sah sie gar nicht. Mit raschen, heftigen Schritten verfolgte sie planlos ihren Weg.

Plötzlich aber stutzte sie und blieb stehen. Hari am Wegrand hatte eine Gruppe weinender Kinder ihre Aufmerksamkeit erregt.

Es waren ihrer drei, die eng aneinander- gedrängt wie verschreckte Schafe beisammenhockten und leise, aber bitterlich in sich hineinweinten. Zwei Dimtein und ein kaum vierjähriger Knabe. Etwas weiter entfernt davon lag ein größerer, etwa achtjähriger Knabe regungslos aus dem Bauch und hielt den Kopf im Rasen ver­graben.

Kircher waren immer etwas, das Dos Herz sofort in Anspruch nahm. Run gar weinende Kinder!

3m Augenblick hatte sie ihr eigenes Leid ver­gessen unb beugte sich mitleidig zu ihnen nieder.

Warum weint ihr beim alle drei? Habt ihr euch weh getan?" fragte sie besorgt.

Es dauerte eine Weile, ehe sie aus den ver­worrenen Antworten klug werden konnte. Erst als bet größere Junge hinzukam, erfuhr sie, worum es sich hanbelte. Sie waren bie Kinber des entlassenen Arbeiters Scheidinger.

Sie weinten ganz einfach, well sie Hunger hatten. Die Hütte ihrer Eltern stand dort oben am Waldrand, aber sie war leer, beim der Vater saß immer im Wirtshaus, unb bie Mutter hatten sie ja eingesperri. Seitbem hatte sich niemand um bie Kinber gekümmert

Do war ganz blaß geworben bei ber ein­tönigen Berichterstattung des Knaben, die so hoff- nungslos traurig klang unb voll Bitterkeit war über erlittenes Unrecht.

Zum ersteimtal hörte sie hier aus bem Munde eines Kindes, wie man über Rüdiger dachte, was man ihm zum Vorwurf machte und wie ver­haßt er war. Denn ber Knabe, ber sie nicht kannte, wieberholte einfach alles, was er von den Großen ba unb dort gehört hatte, als Do fassungslos Frage um Frage an ihn richtete Sogar das erzählte er, baß bie Leute in ber Fabrik nur auf einen günstigen Augenblick war­teten, um in den Streit zu treten unb denLeute­schinder" zu zwingen, baß er ihren Vater wieber anstelle .

Do würbe immer bestürzter.

möglich, baß Rübiger wirklich so hart unb un­gerecht war, wie die Leute glaubten. Jmmerym blieb die Tatsache bestehen, baß hier eine ganze Familie in (jammer unb Elend gesunken war, ohne baß er irgenb etwas zur ßinberung ihrer Rot versucht hatte

Das wenigstens mußte gut gemacht werden, denn es war Menschenpflicht.

Kommt," sagte sie sanft unb nahm bie zwei Kleinsten an die Hand,wir wollen nach Hause gehen unb ihr sollt sogleich zu essen bekommen."

Sie gab dem ältesten Zungen Geld unb de fahl ihm, bafür Milch und Brot aus dem Dors zu holen. Dann ging sie mit den Kindern nach ber Hütte.

Dori herrschte Elenb unb Verwahrlosung, wohin man blickte Do machte sich sogleich daran, Ordnung zu schaffen. Sie öffnete die Fenster, fegte zwei Räume, von denen einer als Schlaf - lammet und ber andere als Küche biente, unb machte bie Betten zurecht In einem Dchrant fand sie etwas Mehl, Fett unb ein Häuslein Kartoffeln.

Davon wlll ich euch eine Suppe kochen," tagte sie,rasch, holt nur Wasser vom Brunnen und ein wenig Holz."

Die Kinber, die nun ganz getröstet waren, liefen flink hinaus. Bald loderte ein Feuer am offenen Herd, und während bie Kartoffeln kochten, wusch unb kämmte Do bie Kinber, wie sie es so oft um Monrepos herum getan hatte, wenn sie Fräulein Anbermatt in ber Armenpflege unter­stützte.

Dabei plauderte sie freundlich mit ihnen, er­zählte ihnen Heine Geschichten, tröstete sie, baß die Mutter ja halb wieberkommen würde unb versprach, bis dahin täglich selbst zu kommen, um nach ihnen zu sehen.

Inzwischen kehrte auch ber Zunge zurück Do beckte den Tisch so gut es ging und sättigte dann bie kleine Schar. Zuletzt waren sie alle fünf in so fröhlicher Stimmung, baß sie sich vor bie Hütte auf den Rasen setzten und Schullieder- (Sortfeßung folgt)

Es war un- fangen.