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Nr. 2I ">

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Erstes Blaff M. Jahrgang MWvoch, September 1921

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Die Cage in Klein-Afien.

Der Kampf der Griechen gegen die Türken In Kleinasien ist in letzter Linie ein Kampf Eng» land« gegen die Türkei. England benutzt die Grie­chen mit der Absicht, die Stellung der Türkei als '«lamitiUte Vormacht zu brechen.

Sine andere Figur in demselben englischen 2piÄ dessen Preis die unbeschränkte Vorherr- Ichasl in der muhamedanischen Welt ist bedeutet ^r von England eingesetzte und subventionierte Groß-Hcherif von QHeBa, und als weitere Figur erscheint der kürzlich mit großem Pomp in Bagdad alsKönig des Irak" eingesetzte Scherif Faisal.

England will im Prinzip seiner rücksichtslosen Weltpvlttik die Türkei als starke politische Macht und als militärisches Rückgrat des Kalifats aus- schalten. Es erschien den Leitern des englischen Imperiums höchste Feit, gegen eine allgemeine mubamedanische Bewegung vorzugehen, welche auf Indien und Aegypten übergegriffen hatte, und im weiteren Afrika festen Fuß zu fassen drohte. Aach englischer Tradition muhte das Hebet an der Wur­zel ausgerottet werden. Deshalb sollte der Kopf, die Türkei, fallens Dies sind die innersten Gründe deS griechisch-türkischen Krieges. Alles andere ist Vorwand und gehört zu der Aufmachung, welche die englische Politik jeder Sache in so geschickter Weise zu geben weih. Aiemals hatte Griechenland lange nach Beendigung des Weltkriegs einen gro­ben Feldzug nach Kleinasien hinein unternehmen können, wenn ihm nicht von England der Bücken und die Tasche gestärkt worden wären. Die Wünsche Frankreichs und Italiens liefen in einer ganz anderen Richtung, und neigten einer fried­lichen Lösung zu.

Es ist kein Zufall, dah in neuerer Zeit die Hnruhen in Indien einen ernsten Charakter an­genommen und jetzt auch auf die nordwestlichen Provinzen übergegriffen haben. An der Spitze die­ser Bewegung stehen fanatische Muhamedaner. Die Rebellen kämpfen unter der grünen Fahne des Propheten. Die Empörung richtet sich nicht zum wenigsten gegen die Vergewaltigung der Türkei als islamitischer Vormacht. Rach menschlicher Vor- auSstcht wird es England wohl ohne zu grohe Schwierigkeiten gelingen, auch der jetzigen wie der früheren Hnruhen in Indien Herr zu wer­den. Die Hoffnung, welche die Empörer sie nennen sichArmee des Kalifen" auf die Hilfe von Afghanistan gesetzt haben, wird sich nicht be­wahrheiten können; es ist noch zu früh dazu!

Zur Zeit muh jedenfalls alles das. was im weiteren Orient gegen England geschieht, und was noch in Indien, in Aegypten. Persien, oder in afrikanischen Ländern geschehen kann, als eine Be° gleiterscheinung zum Existenzkampf der Türkei an­gesehen werden. Die in den muhamedanischen Tei­len des Britischen Reiches bestehenden Schwierig­keiten können durch den griechisch-türkischen Krieg noch wesenllich gesteigert werden, wenn England auf seinem Standpuntt des Biegens oder Brechens gegenüber der Türkei verharrt.

Die griechische Offensive kann auf die Dauer nicht die Hoffnungen erfüllen, die England in sie gefetzt hat. Sie ist nicht imstande, die Vernichtung der Armee Mustapha Kemals und damit das von England gewollte unbedingte Rachgeben der nativ- nalisttschen Türken zu erzwingen. Man kann heute schon mit voller Bestimmtheit aussprechen, daß sich die sonst so weitsichtige englische Politik in diesem Falle geirrt hat. Richts konnte die Türken zu einem bis zum äußersten verzweifelten Widerstande auf- stacheln, als die Verwendung ihrer Todfeinde, der Griechen, für diesen Zweck. Hier liegt der englische Rechenfehler.

Die mllitärische Lage auf dem dortigen Kriegsschauplätze ist zur Zeit als folgende kurz zu schildern: Die Offensive wurde im Juli des Jahres von den Griechen mit sehr starken Kräften begon­nen, welche den Türken an Zahl ungefähr um das Dreifache überlegen waren. Die Griechen verfügten dazu über ein zahlreichen modernes Kriegsmaterial Tanks, Flugzeuge, vortreffliche Munition das zum Test von England geliefert worden war, während die Türken nur über primitive Hilfsmittel

geboten. So gelang es den entschlossen geführten Griechen, die türkischen Kampfgruppen unter Ismet Pascha und Reffet Pascha an der anatoli» fchen Bahn zurückzuwerfen, und diese von Afiun- Karahissar biS Eski-Schehir und Biledjik zu ge­winnen. Die griechischen Operationen wurden von König Konstantin und seinem Generalstabschef Dusmanis geleitet.

3m letzten Drittel des Juli trat eine zeitliche Pause ein, die bis über Mitte August hinaus währte. In dem ganz parlamentarisch regierten Griechenland drängte die allgemeine Stimmung dahin, daß jetzt Angora, die Hauptstadt der Ra­tionalisten. genommen werden müsse. Rach einer Aeuherung des griechischen Kriegsministers Theo- tokis vom 24 August erschien es wahrscheinlich, die Operationen in wenigen Wochen zu einem glück­lichen Ende zu führen. Die Hoffnung wird sich kaum bewahrheiten.

Die Türken hatten nach Verlust der Bahnlinie gegenüber der griechischen Front nur schwächere Abteilungen stehen lassen, während sie die Haupt­verteidigung auf den Höhen östlich des Sekaria- Flusses, ungefähr halbwegs zwischen Eski-Schehir und Angora, vorbereitet hatten. Die türkische Front lief dort, an der Mündung des Pursak in den Eakaria beginnend, zuerst von Rord nach Süd, und dann in scharfem Knick direkt in östlicher Rich­tung. Zwei Verteidigungslinien hintereinander waren dort eingerichtet. Das türkische Hauptquar­tier war in Polally.

Der griechische Hauptangriff wurde nicht von Westen gegen die Sekaria-Front angesetzt, son­dern aus direkt südlicher Richtung geführt. Auf griechischer Seite bestand die Absicht, den linken türkischen Flügel mit der Hauptmacht von Osten her zu umfassen und von Angora abzudrängen, während schwächere Kräfte aus westlicher und nörd­licher Richtung die türkische Mttte und den rechten Flügel beschäftigen sollten. Die zu der Hmfassung bestimmte griechische Hauptmacht befand sich in den ersten Tagen der Schlacht in räumlicher Trennung von den anderen griechischen Heerestellen. Hier­durch, und durch örtliche Erfolge der Türken in der Mitte und auf ihrem rechten Flügel, erklären sich die türkischen Siegesmeldungen in dem letzten Drittel des August. Rachdem am 29. Aügust die Fühlung zwischm den beiden griechischen Haupt­gruppen hergestellt war, wurde die Lage für die Türken kritisch, und die Front Begann an einzelnen Stellen nachzugeben. Jetzt setzten weit übertriebene griechische Siegesmeldungen ein. Trotz der sich viel­fach widersprechenden Rachrichten erscheint es doch zweifellos, daß die Griechen auf den meisten Tellen der Front wohl taktische Erfolge gehabt haben, daß ihnen aber die beabsichtigte völlige Hrnfas- fung des türkischen linken Flügels mißlungen ist. Der türkische Widerstand hat sich immer wieder gesetzt und versteift, und es wird weiter gekämpft.

Selbst wenn die Armee Mustapha Kemals Angora aufgeben muß, ist der griechisch-türkische Feldzug keineswegs beendigt. Der türkischen Ar­mee ist die Wahl ihres Rückzuges verblieben. Sie hat hinter sich noch ein ungeheuer großes Gebiet. Wie verlautet, soll die nationalistische türkische Re­gierung im Roftalle nach Kaisarie zirka 300 Kilometer südöstlich von Angora verlegt wer­den. Kaisarie ist eine Stadt von zirka 70 000 Ein- ivohnern, inmitten einer reichen Landschaft. Von dort führen gute Straßen sowohl nach Bem Innern Anatoliens wie über den Taurus nach der cili- zifchen Ebene; eine Bahnverbindung nach Kaisarie besteht nicht.

In wenigen Wochen beginnt auf der anato­mischen Hochebene, mit ihrer durchschnittlichen Er­hebung von 10001200 Meter über dem Meeres­spiegel, der lange Winter, der den Griechen nicht willkommen sein dürfte. Die griechischen Verluste sind groß gewesen, und ihre Verbindungslinien smd lang geworden. Don Smyrna nach Angora sind ungefähr 700 Kilometer zu messen. Wenn auch die Dahn von Smyrna bis Eski-Schehir von den Griechen in Betrieb gehalten wird, so ist doch frag­los die Bahn von Eski-Schehir nach Angora an den Kunstbauten gründlich unterbrochen.

Eine Entscheidung des Krieges hat England durch die griechische Offensive bisher nicht erreicht, und ob es dieselbe erreichen wird, bleibt zum min­

desten zweifelhaft.Cette politique est bete, sagte mir vor kurzem ein sehr kluger türkischer Staatsmann von vordem in hoher politischer Stel­lung, als wir über die Absicht Englands diskutier­ten, die Türken durch die Griechen bezwingen zu lassen. Er kannte den unauslöschlichen Haß beider Völker am besten. Daß diese Politik außerdem die schlimmsten Grausamkeiten auf beiden Seiten gezeitigt hat, die jeder Kultur Hohnsprechen, war vorauszusehen.

Eine neue Koalition gegen die Türkei kann England im Orient nicht zusammenbringen. Die anderen Entente-Mächte lassen sich nicht gegen die Türkei ausnuhen. Die Franzosen hegen das viel­leicht nicht unberechtigte Mißtrauen, daß England allein im Orient herrschen will, und daß es später den neuen König des Irak, Faisal, benutzen wird, um sie aus ihrem neu erworbenen syrischen Gebiet zu verdrängen. Italien sieht selbstredend mit wenig Freude die griechischen Ausdehnungsbestre- bungen in Kleinasien, welche ein Anwachsen der griechischen Seemacht im Aegäischen Meere zur Folge haben müssen. Es ist nur ein kleines äußeres Zeichen, aber nicht ohne Bedeutung, daß das grie­chische Kriegsgericht in Smyrna vor wenigen Tagen den italienischen Untertan Alberto Penzo, wegen Spionage für die Kemalisten, zum Tode verurteilt hat.

Eine Lösung des griechisch-türkischen Kampfes durch diplomatisches Eingreifen der Sntente wird immer schwieriger, well die griechischen Forde­rungen sich dauernd steigern, und weil die Türken in ihrem Existenzkämpfe zum letzten unb äußersten Widerstande entschlossen sind. So ist durch das von England vertretene Prinzip der Gewalt die Lösung der Weltfrage im Orient in die Ferne gerückt worden.

Wenn man der Entente zugestehen muß. daß sie verstanden hat, Krieg zu führen, so steht ebenso fest, daß sie nicht verstanden hat. Frieden zu schließen.

Der neueste griechische Heeresbericht.

Paris, 13. Sept. (WTB.) Amtlicher grie­chischer Bericht vom 10. September. Der Feind hat mit bedeutenden Kräften unser Zen­trum und linken Flügel angegriffen. Er wurde zurückgeschlagen.

Die Steuervorlagen im vorläufigenReichswirtschaftsrat

Ein Antrag auf Erfassung der (Goldwerte.

Berlin, 13. Sept. (WTB.) Das HauS trat sofort in die Generaldebatte über die Steuer« gesehentwürfe ein. Geheimrat Schwarz erstattete zunächst einen Gesamtbericht des R e - parativnsausschusses über die neuen Steuervvrlagen. Die Einigung beruhe auf einem Kompromiß, nachdem die Arbeitgeber, Insbeson­dere die Landwirtschaft, schwere Lasten übernom­men habe. Die Beschlüsse seien einstimmig ge­faßt worden. Der neue Antrag Wissel! über die Dienstbarmachung der Gold­werte für die Erfüllung der Reparationsver­pflichtungen wird zunächst dem Reparationsaus­schuß überwiesen werden. In der dem Hause vor­liegenden Entschließung Wissell-Hilfderding heißt es: Der vorläufige Reichswirtfchaftsrat wolle be­schließen, die Reichsregierung zu ersuchen, mit größter Beschleunigung und vor der endgültigen Verabschiedung der neuen Steuervorlagen durch die gesetzgebenden Körperschaften, einen Antrag vorzulegen, durch welchen die Substanz der Gold­werte ohne Erschütterung der Fundamente der deutschen Produktion für die Erfüllung der Re­parationspflichten dienstbar zu machen sind.

Arbeitnehmervertreter W i s s e l l : Ange­sichts des neuerlichen riesigen Sturzes der Mark werden wir auch mit den von Sachverständigen­kreisen als Gesamteinnahmebedarf des Reiches verrechneten 150 Milliarden Mark noch nicht aus- kvmmen. Haler Ziel muh eine schleunige und weitestgehende Steigerung der Erttägnisse unserer Wirtschaft fein. Wenn auch der Reichswirtschafts­rat diesen Weg nicht findet, bleibt nur ein Ein­

griff in den Besitz übrig. Mein Antrag will die von der Industrie erzielten Papierwerte in Gold­werte ummünzen, die wir für die Reparations­verpflichtungen brauchen Wir brauchen eine De> Neuerung der Sachwerte, die unabwendbar ist Der Redner legt den Entwurf zu einem Sperr- geseh zur Sicherung der Kriegslastentilgung nm und beantragt dessen Verweisung an den Repa- rattonSausschuß.

Stadtrat Humor- München als Vertreter der Hausbesitzer hielt den Antrag Wistell für unannehmbar, da er uns in die Lage des russischen Bauern bringen würde, der fein Sachgut verzehrt hat. Die steuerliche Erfassung der Sach­werte nach ihrem gegenwärtigen gesteigerten Geld werie lei allerdings notwendig Denn die Er­trägnisse der neuen Steuern nicht cmSreichten zur Deckung der Reparationsleistungen, so beweise das. daß die übernommenen Verpflichtungen die Leistungsfähigkeit des Reichs übersteigen.

Hauptschriftleiter Bernhard ist der An- sicht, daß die vom Reich übernommenen Verpflich­tungen unsere Leistungsfähigkeit übersteigen Zwei­fellos haben Industrie und Landwirtschaft mit der Zurverfügungstellung der Devisen für die Re paration in sehr schmählicher Weise zurückgehal­ten (Protest), so daß die Reichsbank sogar mit ihrer Goldreserve eingreifen muhte. Unter allen Umständen müste die Sicherstellung ausreichender Devisen für die weiteren Zahlungen erfolgen. Das will augenscheinlich Herr Wissett mit seinem Antrag erreichen.

H i f f e r b i n g (Arbeitnehmer): Um aus un­serer Finanzlage herauSzukommen. dazu reichen die Steuervvrlagen nicht aus, und eS mühte in die Sachwerte eingegriffen werden.

Harttung (Freie Berufe) wendet sich gegen den Antrag Wissel

Cohen (von der Regierung berufen) bittet, das Schla gwvr t der Goldwerte endlich ver­schwinden zu lassen Es gebe keine Goldwerte, son­dern nur Sachwerte in Form von Industrie- oder Anteilscheinen. Der Redner beantragt, in dem An- trag Wistel den Ausdruck Goldwerte durch Sub­stanzwerte zu ersehen und die Gesamtabstimmunq über die Steuergesetzgebung auszusehen, bis die Entscheidung über den Antrag Wistell im Aus­schuß gefallen sei

vRichthofen (Landwirtschaft) sieht tn der Erhaltung der Substanz das einzige Mittel, die Produktionskräfte zu steigern. Der Redner betont, daß die Landwirtschaft auf dem Boden der im ReichswirischaftSrat einmütig gefaßten Beschlüsse stehe, aber jede andere Berechnung ablehne, die nicht auf dieser Grundlage erfolge.

Mittwoch vormittag 10 Hhr eiter Beratung und kleine Vorlagen. Schluß i/g3 Hhr.

Auf der Spur der Mörder Erzbergers.

München. 13. Sept. (WTB.) Der Mord an Erzberger hat eine über-- raschende Beleuchtung dadurch genommen, daß es sich herausstellte, daß die Täter in München wohnten, von hier aus vor eini­ger Zeit an den Tatort fuhren, in Oppenau zur Zeit der Tat wohnten, und nun flüchtig sind. Es handelt sich um den 1893 in Saalfeld geborenen Kaufmann Heinrich Schulz und den 1894 in Köln geborenen Studenten Hein­rich Tillesen. Beide Mörder sind ehema­lige Offiziere und gehörten seinerzeit der Bri­gade Eryardt an. Ferner ist unter dem Ver­dachte der Mitwisserschaft am Morde in Ber­lin eine aus einer Witwe, mehreren Töchtern und einem Sohn, einem früheren Kadetten, be­stehende Familie, verhaftet worden.

Berlin, 13. Sept. (WTB.) In Ver­bindung mit den Ermittelungen der badi­schen Staatsanwaltschaft, die zur Feststellung der Mörder Erzbergers führten,hatte die Abteilung I a des Berliner Polizeipräsi­dium vor einigen Tagen mehrere Mitglieder einer in Groß-Berlin wohnenden Familie

gu Dantes 600. Todestag.

14. September 1321 1921.

OJon Alexander von Gleichen-Ruhwurm (München).

In Dantes gewaltiger Persönlichkeit beginnt tuv oen, ber unbefangen über die Jahrhunderte zuruckblickt, mit sichtbar fest untriffener Kontur der Rattonalgedanke in Europa, sich als erste An- ttrebswelle politischer Geschehnisse zu zeigen. Der Dichter gab zuerst gestatteten und gestaltenden Ausdruck ernern Gefühl, das in unendlich vielen Herzen unklar nach Erscheinungsform suchte, fein anderer hat fein ganzes Selbst und zugleich das volttische, das religiöse und sittliche Leben seines Volks, das Empfinden, Glauben und Wissen seiner Zeit so gewaltig in seinem Werf zusammengepreht. wie es dem großen Florentiner gelang Er sah in der Sprache das Helligtum der Dölker und im Amt des Dichters die Pr,esterschaft tücfeS Heilig­tums. So schrieb er ein begeistertes Lob seiner Mutterspracheaur ewigen Schande und Hntcr- drückung der schlechten Männer, welche die Volks­sprache anderer empfehlen und die eigene verach­ten." In diesem Sinn bricht Dante mit dem Ge­brauch der Schriftsteller, sich des Lateinischen zu bedienen und erhebt die Sprache des täglichen Umgangs in das Reich der Dichtkunst.

Roch in lateinischer Fassung hat er sein poli- tches Glaubensbekenntnisüber die Monarchie" abgelegt, in dem er Stellung zur großen Zett- fcage, dem Kampf zwischen Kaisertum und Papst um die Oberherrschaft nimmt und die Rechte des

Kaisers als Hniversalmonarchen vertritt. Doch wlll er jedem einzelnen Land besondere Rechte ge­wahrt wissen,denn die Dölker und Städte haben ihre Eigentümlichkeiten, denen durch verschiedene Gesetze Rechnung getragen werden muß." Der Zweck einer gemeinsamen Oberherrschaft ist nach ihm der dauernde Friede. Für diese Weltanschau­ung fetzt er feine gewaltige Persönlichkeit ein in stetem Kampf mit den Parteien und Ereignissen der Zett.

Er ist und wirtt immer subjektiv, wir erleben mit ihm seine Seelengeschichte, zittern mit seinem Zorn und träumen mit seiner Liebe, die in den Versen desneuen Lebens" uns ergreift mit ihrer sinnigen Holdseligkeit. Als ein früher Tod die geliebte Beatrice entrückt, verklärt sich in Dantes Klage die irdische Liebe zur himmlischen. Dem Dichter, der in scholastischer Bildung ausgewachsen ist, wird die Angebetete zurHarmonie der Wett", zu jenem ewig Weiblichendas hinanzieht".

In der göttlichen Komödie, der Wanderung durch Hölle, Fegefeuer und Himmel führt der Zauberer Virgilius durch das Reich der Schmer­zen, doch ehe Dante die Gefilde der Seligen betritt, entschleiert sich Beatriceauf Bitten der sieben Tugenden" vor ihm, um ihn weiter zu geleiten, und er stillt in ihrem Anblick feinenzehnjährigen Durst". Aber das Werf, das anfangs als ein Ge­dicht zum Preis der Geliebten geplant war, wuchs bewußt darüber hinaus und sollte, wie Dante selbst ht einem Brief äußerte:die auf der Erde Leben­den aus dem Zustande des Elends befreien und der Glückseligkeit entgegen führen"

Was ist für uns in heutiger Zett das Werk des mittelalterlichen Mannes, der in den Partei­kämpfer seiner Stadt lebte und aufging, bald zu Ehren kam und dann verbannt wurde und in der Verbannung zu Ravenna starb? Was gilt uns fein Gedicht, das in scholastisch geschauten Alle­gorien Politik und Weltanschauung ferner Jahr­hunderte verbirgt?

2Iuf diese Frage antwortet mancher Vers ewi­ger Weisheit und der menschliche Gehalt an per­sönlichem Erleben, die göttliche Liebe, die aus allem strömt.

2lls Dante, der in die Führerschaft der Republik Florenz (1302) gewählt war, nach ber Eroberung seiner Vaterstadt durch die Franzosen fliehen mußte, die Zerstörung seines Hauses er­lebte und zum Feuertod verurteilt war, wanderte er von Stadt zu Stadtauf sich allein gestellt, er selbst seine Partei" und fühlte ..wie fremdes Brot salzig schmeckt und welch ein harter Weg es ist. fremde Treppen auf und ab zu steigen".

Eine Erkenntnis, die den Besten der Rationen, den berufenen Führern nur feiten erspart bleibtJ

Aus der Schwelle der gotischen Zeit stehend, legte Dante in sein Gedicht einen politischen Wirk- lichkeitssinn, wie es jeder Zett und besonders der jetzigen entschieden wohltun würde. Wenn er aus­führt. daß nicht um des Staates willen das Volk da ist, sondern der Staat um des Dolles willen, so spricht er ein Grundgesetz aus, das nur Harren und Verbrecher zur Seite schieben tonnen aber wie oft sitzen Darren und Verbrecher am Ruder, toerm ein Land von Parteien zerrissen ist! Dante |

will die Einigung und verlangt, daß in Stabt und Staat der Parteihader sich beruhigen solle. Denr als Zweck des Staates sieht der Ächter die Auf­gabe. den Menschen zum zeitlichen Glück zu ver­helfen, während ihn die Religion zum ewigen führen soll.

In der Mttte zwischen dem Vergänglichen und Hnvergänglichen steht der Sterbliche und strebt nach doppetter Erfüllung, nach dem Frieden dieses Lebens, den die eigene Kraft erzwingt, und nach der einigen Seligkeit, der mystischen Vollendung, zu welcher sich diese Kraft durch göttlichen Bei­stand erhebt. Aus dieser Wettansc^uung gewinnt Dante den Trost beS Frommen; fein mannhafte? Hingen nach Licht und Freiheit ist stets von der mystischen Heberzeugung getragen, daßet den ruhmvollen Hafen nicht verfehlt, wenn er feinem Sterne folgt.

In allen Qualen hielt ihn fein Vertrauen auf bie sittliche Weltorbnung aufrecht, unb er fand durch Einkehr in sich selbst Gott in den Tiefen ber eigenen Seele. So betrachtete er die zeitlichen Dinge im Lichte der Ewigkeit und erhob sich zum Standpunkt freien Denkens, von wo aus das Trei­ben ber Erde klein erscheint und der Dichter für weise (fdt, der es gering achtet, Herz und Geist auf das Hnvergängliche gerichtet.

An Kiesen weiten Blick des mittelalterlichen Dichters sei erinnert am 600. Jahrestag seines Todes.