einer Weise gelöst zu sehen, die Len Forderungen Deutschlands gerecht werde und auf die Gefährdung der Regierung Wirth hingewiesen. Der »Times" zufolge soll die Aufnahme Sthamers bei Lloyd George etwas kühl gewesen sein.
Belehrungen des „Temps".
Paris. 12. Oft. (WTB.) Der .,Temps" Erklärt: Wenn der Sturz des Kabinetts Wirth absichtlich herbeigeführt werden solle, würden die Deutschen von ihrem eigenen Standpunkt aus einen Fehler begehen, und wenn Deutschland unter dem Dorwand des teilweisen Verlustes des vberschlesischen Industriegebietes sich tatsächlich seinen Verpflichtungen entziehen wollte, würde es eine Abenteurerpolitif einleiten, deren ernste Folge es zu seinem Schaden sehr bald feststellen würde. Das deutsche Volk müsse sich in seinem eigenen Interesse einer Entscheidung beugen, die mit der hohen Absicht getroffen wurde, ein Werk der V i l l i g k e i t zu vollbringen und den Frieden Europas, wie er durch die Alliierten realisiert worden sei, zu konsolidieren.
Die Besntzurrgskosten.
Paris. 12. Oft. (Wolfs.) Vach der „Chicago Tribüne" soll die interalliierte Konferenz für die Regelung der Besatzungs- kosten endgültig am 1?. Oktober inPa - r i S abgehalten werden.
Deutsche Beschwerden in Lüdtirol.
Rom. 12. Ott. (Wolff.) Die vier deutschen Abgeordneten Südtirols legen in einem Schreiben an die Presse die Gründe ihrer Abwesenheit beim Empfang des Ko- uigsvonItalien gelegentlich ei.'.es Besuches in Südtirol dar. Sie sagen, die Regierung befriedige nicht die von den Vertretern von Over- etsch geäußerten Wünsche. Die Sprache der Presse sei gegen das Land und die Bevölkerung. Es fehle eine Regierungserklärung, um ihre Rationalität und ihre historischen Rechte und Gewohnheiten zu schützen gegen die Verfolgung:n und Bestrebungen, das Land zu i t a i i a n i- fieren, indem man den Kindern durch den Besuch italienischer Schulen die italienische Rationalität auszwinge, Beamte deutscher Rationalität durch Italiener ersetze, die militärische Dienstpflicht erweitere, eine Kommission zur Ersetzung deutscher Ortsnamen durch italienische bilde und die Freiheit der deutschen Presse einschränke. Die deutschen Abgeordneten schließen mit dem Satze, alle hatten das Gefühl. Oberetsch sei ein erobertes Land.
Sozialrevolutionäre und Bolschewiki.
Prag, 12. Oft. (WB.) „Rorodnh Listh" meldet: Einige Führer der sozialrevolutionären Parteien reisten heute nach Prag, um an den Besprechungen unter Kerenskis Vorsitz teil- zunehmen. Die Sozialrevolutionäre haben sich angeblich bereit erklärt, in die Koalitionsregierung .ein^utreten, falls sich die Bolschewiken ent- 'schlössen. die Konstituante einzuberu- en, eine Amnestie zu erlassen und den sozial- revolutionären Führern für ihre Heimkehr die verläßlichen Bürgschaften zu geben.
Aus dem Reiche.
Umbildung der preußischen Regierung.
Berlin, 12. Ott Am Mittwoch vormittag sollte eine interfraktionelle Sih'ung in der Frage der preußischen Regierungsumbildung flattfinten. Laut „Vorwärts" ist die Sitzung, ohne daß man überhaupt in fachliche Verhandlungen eingetreten ist, sofort wieder vertagt worden, weil man die älmbildung der preußischen Regierung erst vornehmen tollt, wenn die Verhältnisse im Reich geklärt sind. Mim» sßerialdirektor Heilbrvn, der frühere Pressecks der Reichsregierung, tft taut „Voss. Zig." ntit der Führung der Geschäfte der Abteilung 9 (AuSlands-Deutschtum) des Auswärtigen Amlcs titraut worden.
Abänderung des UmsahsteurrgesetzeS.
Berlin, 12. Oft. (Wolff.) Der Reparations- «usschuß des vorläufigen Reichswirtschaftsrates beschäftigte sich in seiner gestrigen Sitzung mit dem Bericht seines Unterausschusses über den Gesetzentwurf für eine Abänderung des älm sahst euer-Gesehes vom 24. Dezember 1919. Es wurde ein Steuersatz von 2Vs Prvz. vorgeschlagen. Der Vertreter des Reichsfinanzministeriums erklärte sich mit diesem Satz vorläufig unverbindlich einverstanden. Das Gesetz wurde mit 14 gegen 3 Stimmen, der Bericht des älnterausschusses im übrigen einstimmig angenommen.
Hessische Volkskammer.
(Fortsetzung aus dem 2. Blatt.» Darmstadt, 12. Oft. 1921.
Rach der Pause spricht zunächst Abg. Knoll (Ztr.). Er bemängelt, daß nicht auch die nach dem Juli 1918 erstellten Gebäude zur Besteuerung herangezogen torrden. Es ist nicht verständlich, daß die Leute, die in alten, vielleicht halb verfallenen Wohnungen wohnen, die Abgabe zahlen müssen, während die in neuen Häusern Wohnenden frei bleiben. Hinzu kommt, daß manche alten Wohnungen recht sehr in die Höhe getrieben wurden. Härte liegt auch darin, daß nicht die Grundstücke mit herangezogen werden, zumal die Bauspekulation mit die Hauptschuld an der Verteuerung des Bauens trägt. Gegen die Absicht in Hessen, die Abgabe auf Grund des Brandkatasters zu erheben, habe ich schwere Bedenken, weil das eine ungerechte Belastung werden kann. Den Antrag Brauer halte ich für undurchführbar, weil er dem Reichsgesetz entgegensteht.
Abg. S a m e s (Dem.) tritt den Ausführungen des Vorredners entgegen und verteidigt die Vorlage. Die Berechnung nach dem Brandverstche- rungswert sei durchaus richtig und zuverlässig, weil in Hessen diese Werte seit Jahrhunderten feststehen. Die Erhebung der Steuer in dieser Weife ist durchaus einfach und leicht. Redner bittet, die Vorlage anzunebmen.
Abg. Lu r (Soz.) polemisiert gegen den Abg. Brauer, der die Vorlage nur agitatorisch ausnutze. (Widerspruch.) Es könne keine Rede daoon sein, daß die Landwirtschaft die Belastung nicht ertragen könne, die für kleine und mittlere Besitzer ganze 7,50 Mark beträgt. Derartiges könne nur aus Unfenntnid oder wider besseres Wissen behauptet werden. (Ordnungsruf.) -Zur Behebung der Wohnungsnot müssen alle Kreise beitragen.
Abg. Brauer (H. Vvt.) verwahrt sich scharf gegen den Vorwurf des Abg. Lux, daß er agitatorisch aufgetreten sei. Ein derartiger Vorwurf sei ihm in seiner über 25jahrigen parlamentarischen Tätigkeit noch nicht gemacht worden. Wenn der Abg. Lux ausgerechnet hat, daß der Kleinbauer weniger belastet wird als der Grvßbesitzer, so liegt die Llnkenntnis auf seiner Seite. Es ist durchaus unrichtig. Ansozial ist es, daß die Vergnügungslokale, Kinos usw. nur nach dem Brand- versichrrungstoert und nicht nach dem viel höheren Ertragstoert herangezogen werden. Daß die Wohnungsnot behoben werden muß, dem stimme ich selbstredend auch zu, nur gegen die Art der (M- Hebung habe ich meine Dä>enken, ür.U ich ne für unsozial halte. Gegen Steuern habe ich mich noch nie gesträubt.
Rach weiterer Aussprache, an der sich die Abag. Rechtien, Dorsch, Prä!ident Raab, Abgg. Knoll, Lux, Sames, Finanzminister Henrich und Abg. Volz beteiligten, erfolgt Abstimmung.
Die Vorlage wird in der Ausschußfassung angenommen. Der Antrag Brauer wird abgelehnt. Die Vorlage wird alsbald auch in zwetter Lesung angenommen.
Das Gesetz, betreffend Abänderung des Land» wirtschaftskammergesetzes, wird nach kurzem Deicht des Abg. Lux ohne Aussprache nach den Ausschuhanträgen angenommen. Die zweite Le? fung wird vertagt.
Darauf tritt Vertagung ein. Rächste Sitzung Donnerstag 9Vz Llhr. — Schluß 1Ä Ahr.
Aus Stadl und Land.
____ (Sieben, den 13. Okt. 1921.
Die Blutfinkenzucht im Vogelsberg.
Schon vor einiger Zeit brachten die Tageszeitungen eine Rotiz über den Rückgang der Vogelzucht in Ober Hessen. E fr mli Her- weise können wir jetzt feststellen, daß Die Vogellieb habecei im Vogelsberg von neuem aufzublühen beginnt. Besonders im hohen Vogelsberg, wo früher tpie in Thüringen der Dom» vfaffenlieb Haberei mit Leidenschaft gehuldigt wurde, beginnt wieder manch a.ter „Vcg:l- hannes" mit der Aufzucht der zarten Stuben? genossen. Man muß jahrelang unter dem Bogels- bergvolk gelebt haben, um beurteilen zu können, welche Bedeutung die „Blutsinkenzucht" in dem Leben des Vogelsberger Handwerkers hat. Schleicht da Ende April einer zum Walde, ahmt den wehmütig klingenden Ruf 6e£ Vogels nach, hockt sich 'bewegungslos ins Gebüsch und beobachtet genau die Flugrichtung der Paare. Hat er das Rest endlich entdeckt, schleicht er weg, ohne es durch laienhafte -Zeichen dem Rebenbuhler zu verraten. So erspäht er ein Rest nach dem andern, aber neben der Freude quält ihn zugleich die Sorge: denn gleich ihm schleicht ein Dutzend anderer Blutfinkenzüchter durchs Gehege. Er nimmt dann unter dem Verdacht, das Gehege sei schon von anderen gefunden, das Rest aus und verteilt die Eier in Finkennester. Oft werden auch die noch nackten Jungen in die Hütte des Züchters mitgenommen. 3n der Fa
milie finden wir eine vollständige Organisation in bezug auf die Erziehung der Vögel. Vom alten lehnstuhlhütenden Ahnen bis zum Schulbuben hat alles nur Augen und Ohren für sie. So fand der Verfasser dieser Zellen es diesen Herbst in Lanzenhain. Mehr als zwanzig Blutfintenoögel fand er bei einem Züchter vor, alle abgetrennt voneinander, mitten im Studieren der ihnen vom Züchter vorgepsisfuien einfachen M Indien.
K. F.
** Amtliche Perfonalnachrichten. Ernannt wurde am 30. September der Vortragende Rat in dem Landesamt für das Bildungswesen und in dessen Abteilung für Schulangelegenheiten Oberregierungsrat Konrad L ö h l e i n mit Wirkung vom 1. Oktober 1921 an zum Ministerialrat in dem Landesamt für das Dildungsweien und in dessen Abteilung für Echulangelegenheiten.
' Dr. med. Eugen Dostroem, Geh. Medizinalrat, ordentlicher Professor der pathologischen Anatomie und der allgemeinen Pathologie, Direktor des Pathologischen Instituts der Universität Gießen, wurde anläßlich der Feier seines 70. Geburtstages ehrenhalber zum Doktor der Veterinärmedizin ernannt
" Die Ausstellung zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten fintet vom 16 bis 23. Oktober statt. Durch das überaus dankenswerte Entgegenkommen von Reltor und Senat ist, wie uns mitgeteilt wird, die schwierige Raumfrage gelöst und es möglich geworden, sie in den Räumen des ^Iniversitatsgebäudes in ter Ludwigstrate, und zwar im Großen Hörsaal und in den angrenzenden Räumen abzuhalten. Ein Besuch der Ausstellung durch die Bevölkerung aller Stände ist im Interesse der öffentlichen Gesundheitspflege dringe.rd erforderlich, denn die Geschlechtskrankheiten sind nicht mehr das, was sie vor dem Kriege in Deutschland waren. Sie sind nicht mehr „Lustseuchen", vor denen ein ehrbarer Lebenswandel einen ziemlich sicheren Schutz gewährte, sie sind heute zu Bolls- seuchen, ja, zu Familienkrankheiten geworden. Weit verbreitet sind die Krankheiten aqch in der Landbevölkerung. Groß ist deshalb die Gefahr für jedermann, eine solche Krankheit durch einen unglücklichen Zufall zu erwerben. Die verheerendste von ihnen, die Syphilis (Lues), kann, wie jeder Hautausschlag, z. B. durch unsaubere Eß- oder Trinkgeschirre, durch Benutzung der vorher von Erkrankten benutzten Adortanlagen u. dgl. übertragen werden. Riemand ist davor völlig sicher. Erwirbt doch auch heute mancher Läuse und Krätze, der sich das in früheren Zeiten nicht hätte träumen lassen. Jeder muß daher die Erscheinungen jener Krankheiten vor allem in ihren Anfangsstadien kennen lernen, damit er, davon befallen, sie nicht für einen harmlosen Ausschlag hält, sondern sofort ärztliche Hilfe aufsucht. Bei deren rechtzeitiger Inanspruchnahme sind diese Krankheiten heilbar. Bemachläffigt können sie den ganzen Organismus in furchtbarer Weise zerstören Auch hiervon werden in der Ausstellung Beispiele gezeigt werden.
** E i n e ö f f e n t l i ch e S i h u n g des Provinzialausschusses findet am Samstag, vormittags 87z Ahr, im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes, Land- graf-PhiliPp-Platz Rr. 3, mit folgender Tagesordnung statt: Klage des OrtS- armenverbandeS Alsfeld gegen den OrtS- armenverband Schwabenrvd auf Erstattung vorgelegter Hausmiete für den Taglöhner Gustav Schuchardt zu Alsfeld. — Neuregelung der Besoldung der Beamten in den Landgemeinden (Berufungen des Gemeinderechners und des Polizeidieners und Feld- schützen zu Willofs gegen das Urteil deS Kreisausschusses des Kreises Lauterbach vom 16. Juni 1921). — Berufung des Feldschützen zu Hörgenau gegen das Urteil des KreiSauS- schusses des Kreises Lauterbach vom 2. Juni 1921.
** Bei denRingkämpsendes gestrigen Abends im Hotel Einhorn traten Zilch und Gerber als erstes Paar auf den Plan. Lange glich der Hesse Gerber die Ueberlegenheit des Oefterrei- chers Zilch an Gröhe und Körpergewicht durch eine oft verblüffende Gewandtheit aus, bis er schließlich nach 16 Minuten durch „Heberftüraer am Boden" unterlag. Ueberaus spannend war Der folgende Kampf zwischen Europameister Hihler und dem Badenser v. Berg. Der überlegenen Technik des ersteren setzte ter letztere seine gewaltige Kraft entgegen, fo daß die vorgeschrte- benen 20 Minuten verrannen, ohne eine Entscheidung zu bringen. — Ein sportlich wenig schönes Bild bot der Entscheidungskampf zwischen dem Dänen Christensen und dem Sachsen Opitz. Christensen ließ sich durch Leidenschaft so fortreißen. daß der Schiedsrichter sich zu mehrmaligem Einschreiten und einer Verwarnung genötigt sah, und das Publikum seiner Entrüstung in
empörten Rufen Ausdruck gab. Durch einen über« raschenden Griff wurde Opitz nach einer Gesamtzeit von 29 Minuten zu Fall gebracht. — Heute abend treten sich Opitz und Gerber, Zllch uni v. Berg sowie im Entscheidungskampf Hitzlei und Achner gegenüber.
worrrotizeu.
— Tageskalender für Donners- lag: Reue Aula der Universität, 8 Uhr, Vortrag des Generals von Letiow-Vordeck über feine Erlebnisse in Deutsch - Ostafrika. — Cafe Leid 8 Uhr. öffentliche Mieterversammlung. — Post- keller, 8 Uhr, Versammlung der ehemaligen Angehörigen des L. I. R. 116. — Astoria-Lichtspiele: Heute »Le grand jeu", ab morgen „®art Aß", „3n den Krallen der Hyänen", ferner .Pump und Langbein".
— Aus dem Stadttheaterbureau. Die Aufführung der ,P o st m e i ft e r i n“, der ersten diesjährigen Operette, am kommenden Sonntag, führt zwei neue Fachkräfte beim Publi- tum ein. Die Titelpartie wird von der ersten Sängerin Frl. Ilse Wissendorff. vordem am Reuen Operettentheater in Frankfurt a. M. gegeben werten, die Tenorpartie des Prinzen Louis Ferdinand von Herrn Curt Richter vom Landestheater in Rudolstadt. Bekanntlich ist ter Schauplatz des Werkes Hesse n und es dürfte besonderen Reiz haben, einmal die ländliche Dationaltracht auf ter hiesigen Bühne zu erblicken.
— Zu Gunsten der Verunglückten in Oppau wird morgen abend im Cafe Amend ein großes Wohltätig keitskon« zert veranstaltet werden unter Mitwirkung vov Mar Alexander, Mitglied des Frankfurter Opernhauses. Das Programm ist aus dem Anzeigenteil zu ersehen
Wettervoraussage
für Freitag.
Dunstig und wolkig, meist trocken, etwas kühler, wechselnde Winde
Das mitteleuropäische Hochdruckgebiet hat an Intensität zugenommen, wird aber durch die allem- tischen Tiefdrucktoirbel nach Südosten gedrängt Eine wesentliche Aenderung des Wetters wirk nicht eintreten.
Kreis Friedberg.
□ Friedberg, 11. Ott. Anfangs dies« Woche wurde das Wintersemester der hiesiger „Polytechnischen Lehranstalt" eröffnet Zugleich fand gestern die feierliche Einweisung deL neuen Direktors Kern (bisher Stadtbaumeister in Zftankfurt a. M.) statt. Bürgermeister Dr. S e v d hieß den neuen Direktor im Ramen ter Stadt herzlich willkommen. Direktor Kern hielt dann seine Antrittsvorlesung Über daS Thema: Bedeutung ter Technik im neuen Deutschland. Der Besuch der Anstalt ist auch im neuen Semester sehr befriedigend.
Hessen-Nassau.
Für ein ungeteiltes Oberschlesien.
mc. F r a n k f u r t a. M-. 12. Okt. Zu einer machtvollen Kundgebung versammelte sich Frankfurts Bürgerschaft heute nachmittag auf dem Römerberg vor dem Rathaus. Es gatt, die Forderung zu vertreten, daß nur ein ungeteiltes Oberschlesien dem deutschen Da« terland von Nutzen sein kann. Stab trat Dr. Langer, ein Kind Oberschlesiens, gab diesem Gedanken Ausdruck und schilderte all die Gefahren, die für Deutschland entstehen, wenn das Land etwa neutralisiert oder gar unter polnisches Regime kommen werde. An eine Erfüllung des Versailler Vertrags sei unter diesen Umständen nicht zu denken, gar nicht zu reden von den innerpolitischen Schwierigkeiten, in die Deutschland kommt, wenn das Schicksal Oberschlesiens nach den Grundsätzen entschieden wird, die aus der Völkerbunds- sitzung an die Oeffentlichkeit gedrungen sind. Die Versammlung, der viele tausende anwohnten, nahm schließlich eine Resolution an, deren Inhalt sich in den Ausführungen des Redners erschöpfte.
Haussuchungen bei Kommunisten.
sd. Frankfurt a. M., 12. Oft. Auf dem Orts- und Dezirksbureau ter Kommunisti - s che n Partei nahm die Polizei Durchsuchungen vor. Als Grund wird angegeben, daß Verbackt bestehe, daß politische Flüchtlinge sich dort aufhielten. Auch bei ter Geschäftsführerin der ..Roten Hilfe", Frau QTumann in ter Kleinen Schlesinger Gasse sanden Durchsuchungen statt. Es tourten zahlreiche kommunistische Schriften und Postkarten aufreizenden Inhalts beschlagnahmt. Gewaltsame Anwerbung zur Fremdenlegion.
Weilburg a. d. Lahn, 12. Oft. Ein Primaner des Weilburger Gymnasiums, Pfarrers» sohn aus der Umgegend, fuhr, wie unS von dessen Vater heute erst geschrieben wird, am 14. Sep-
ter Wirt Denner in Hemdsärmeln und gelber seinem Kellner Jean geschäftig hin
Kinder mit einer gewissen Aufregung Aulen. Mit Musik an der Spitze kamen die Rekruten aus den verschiedenen Dörfern herein mit übermütigem Singen und Johlen. An der
Weste mit seinem Kellner Jean geschäftig hin j wir 1 und her eilte. Ein häufiger Gast war ter ver- schauten, bummelte Dorfschulmeister Ihm aus Wieseck mit I ~ seiner Geige, ter in unferm Hausflur das Lied j
von Prinz Eugen dem eteln Ritter für einen I Groschen vortrug, den er darauf drüben in | Schnaps umsetzte. Roch untere fragwürdige Gestalten pflegten von Wieseck zum.Betteln zu kommen, z. D. die „Prinzin" und ihr Sohn, in meiner Erinnerung die ausgeprägtesten Typen verwil- terten Lumpentums.
Gewöhnlich war die Straße am belebtesten in der Morgenfrühe und nach Feierabend. Bald nach dem ersten Hahnenschrei begann es sich draußen zu regen. Dann tarnen über die Marburger Straße und den Wiesecker Weg her die Bauern und Bäuerinnen, die ihre Milchtarren vor sich herschoben, die Butter- und Eierfrauen mit großen Körben auf dem Kops und die Scharen von Burschen und Mädchen aus den nahen Dörfern, die zur Arbeit in den Tabakfabriken gingen, die ersteren mit Stock und Lederranzen ausgerüstet, die Mädchen mit dem Henkellorb am Arm, worin sie ihren Mundvorrat für den Tag mitbrachten. Rach 6älhr abends kehrten die „Fabriker' in buntem, lärm entern Gewimmel heim, dem wir Buten vom Gartentor aus zuschauten. Eine halbe Stunde lang lag ein Dust von Tabak und Schweiß über der Straße, bis die letzten Gruppen vorüber waren, und nach dem luftigen Schw -Yen, Lachen und Singen wurde es wieder still. Aus der Feme vom Wiesecker Weg klang wohl noch ein Jodler vom „närrischen Jakob", einer komischen Figur in der Arbeiterkarawane, ter die Mädchen mit allerhand zudringlichen Späßen zu schrecken pflegte.
Einigemal im Jahr, wenn die Aushebung zum Militärdienst in Gießen stattfand, bot die Landstraße außerordentliche Schauspiele, denen
Att-Gießener Iugenderinnerungen.
Bon Dr. Friedr. Roack (Fortsetzung.)
III.
Herrschte am Fürstenbrünnchen, wo die Dienen um die blühende Linde summten, eine poetische Stille, so zog drüben an ter Straßenseite des Pfaus das geräuschvolle Leben in wechselnden Gestalten vorüber. Sine ständige Staffage der Landstraße waren damals die Handwerksburschen mit Ranzen und Knotenstock, die vor der Stadt, wo sie vor der Polizei sicher waren, mit dem Gruß: „Entschuldigen Sie, ein armer Reisender", in den letzten Häusern ein Zehrgeld erbettelten, mit dem sie dann im Pfau einkehrten. Dort hielten auch "die Frachtfuhrleute mit ihren schellenllingenten Gespannen vor den mit Leinen- Verdeck überzogenen Wagen an; besondere Aufmerksamkeit erregte ein solcher Wagen, wenn er mit einem schwarzen Fähnchen oder einem grölten P bezeichnet war, denn man wußte dann, daß ter Fuhrmann Pulverfässer beförderte und man seinem Wagen nicht mit Feuer zu nah kommen durste. Mit ihnen wechselten die Leiterwagen der Dauern aus den Rachbardorfern, meist mit Ochsen- oder Kuhgespann, die an Markttagen in langen Reihen vorüberzogen, dazwischen wurde Schlachtvieh getrieben, darunter possierliche Scharen von Ferkeln, die quiekend durcheinanderliefen. An solchen Tagen herrschte buntes und lautes Leben auf ter Landstraße und vor dem Pfau, wo
Straßenecke des Pfaus angelangt, spielten die Musikanten eine lustige Weise, die Burschen tanzten dazu über die Landstraße, schwenkten tie an ein buntes Taschentuch geknüpften Krüge, tie im Dfau frisch mit Dier oder Schnaps gefüllt wurden, und marschierten dann mit lautem Singsang in die Stadt hinein. Die Heimkehr am Abend gestaltete sich noch dramatischer. Sie waren dann alle mehr oder minder betrunken und erregt über das Ergebnis ter Musterung und Auslosung. Die Mühen und Hüte hatten sie mit künstlichen Sträußen und bunten Bändern geschmückt, auf denen das Wort „Frei" oder die Waffengattung. zu der sie bestimmt wurden, aufgedruckt war. Alles sch,ie und fang wild durcheinander. Am Pfau wurde die letzte Einkehr gehalten und die letzten Groschen in Branntwein umgefeht. Oft endete dort das Vergnügen schlimm; die Burschen gerieten in Streit, schlugen einander die Krüge um die Köpfe, und manch einer to.rkelte blutüberströmt aus der Haustür heraus. Furchtsam schauten wir Kinder den Vorgängen zu, und ich kleiner dummer Hasenfuß lief weinend zur Mutter, weis ich mir einbildete, es müßte mir, wenn ich 2v Jahre alt wäre, ebenso ergeben.
Die Landstraße vor des Vaters Garten und ihre nächste .Umgebung bedeutete für mich in den ersten Knabenjahren, bis ich das Gymnasium besuchte, die Außenwelt, die mich das Leben und Treiben der Menschen aus eigener Anschauung kennen lehrte Denn in die Stadt kamen wir Kinder nur selten, wenn wir die Mutter oder ein Dienstmädchen bei Einkäufen begleiteten, oder wenn an schönen Sommerabenden Die Eltern uns mit zum Lenzschen Felsenkeller nahmen, wo sie im Schatten der Kastanien mit bekannten Familien beim Bier saßen und ich im Spiel mit Meinen Professorentöchtern meine ersten Jaja v.erncn Hebungen im Minnedienst machte. Sonst verlief
unser Kinderleben vorwiegend im großen Garten des Elternhauses und bei den nächsten Rachbarn
Aber dieser begrenzte Raum war doch ein weiter Schau- und Tummelplatz für kindliche Freuden, und Altersgenoffen aus befreundeten Famllien besuchten uns gern, weil man sich in unferm Garten ungehindert umhertreiben durfte. Wiesenflächen, Gebüsche. Bäume und Hecken, ein paar kleine Wirtschaftsbauten wie Holzschuppen. Waschküche, Ziegen- und Hasenstall, Heuboden, die großen Regentonnen neben dem Wohnhaus, auch die Jröfchbach, zu der ein paar Stufen hinab- führten, boten mannigfaltige Gelegenheit zu allerhand Spielen und abenteuerlichen Unternehmungen, wie die nimmermüde Knabenphantasie sie erfindet. Aus Robinson Crusoe und den Leter- strumpferzählungen schöpften wir neue Anregungen. wenn wir das gewöhnliche Dersteckenspiel oder „Räuber und Husaren" müde waren. In verborgenen Winkeln bauten wir Hütten mit Obst- Vorratskammern und glaubten uns da auf eine einsame Insel versetzt, oder wir bewaffneten uns mit Lanzen, Pfeil und Doaen und gingen mit Rachbarskindern auf dem Kriegspfad und auf die Jagd nach Katzen, denen wir ewige Feindschaft geschworen hatten, weil sie den Singvögeln unseres Gartens nachstellten. Außer dem Indianer- und Soldatenspiel gab es in dem Garten noch reichlich Gelegenheit zu friedlichen Beschäftigungen. auch zu nützlichen. An den Sommerabenden wurden wir angehalten, die Blumen- und ®c- müfebeete zu begießen, das Ernten der verschiedenen Beeren- und Obstarten war natürlich eine noch beliebtere Tätigkeit, weil der Mund baW nicht zu kurz kam.
(Schluß folgt.)


