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Donnerstag, (3. Oktober 1921

Erstes Blatt

M. Jahrgang

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Nr. 2^0

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

vn«k nnö Verlag: vrSHI'Iche Unio. Vach' in» Steiiäridtrei H. tauge. 8christleit»ng, Seschäslrftelle und vrnckerei: Schulftraiie 7.

Das Kunstprodukt des Völkerbunds.

Die Vetzfer Entscheidung über Oberschle­sien ist gefallen, der Industriebezirk wird zwi­schen Polen und Deutschland geteilt und der Schleier einer zwar paragraphierten, aber doch illusionären und stets gefährdetem Wirtschafts­einheit darüber geworfen. Run treten für das so mißhandelte große deutsche Volk wieder die verzweiselsten Fragen auf, wie wir sie seit dem Versailler Vertrag schon ein halbes Dutzend- mal hatten: soll man in Deutschland von einem Programm der Erfüllung oder einer Parole nationalen Widerstandes sprechen? Das Kabi­nett Wirch scheint gewillt zu sein, zurückzu- treten. DaS deutsche Doll ist in der oberschle­sischen Frage einig. Sollte denn jetzt nicht ein­mal eindlich eine Einheitsfront auf breitester DasiS gelingen können?

Das Gutachten des Völkerbundsrates.

Genf, 12. Oft. (Wolff.) Das Gutachten bt» Völker bunbSrats über die oberschle- sische Frage ist fertiggeftellt und geht noch heute abend an den Obersten Rat ab. Die Privat­meldungen über die Grenzlinie in Oberschlesien sind bisher vom Döllerbundssekretariat demen­tiert worden. Es bestätigt sich vielmehr, daß die gestern übermittelten Angaben des Wolff-Du- reaus im allgemeinen zutreffen. Der Rat schließt heute abend die Genfer Tagung, nachdem er heute vormittag noch eine lange Vollsitzung abgehalten hatte. Am Aachmittag sollen noch einige Be­sprechungen stattfinden: abends verlassen die mei­sten Ratsmitglieder bereits Genf, falls nicht noch unvorhergesehene Verzögerungen eintreten. tvaS aber unwahrscheinlich ist. Von einer öffent­lichen Sitzung, die in Kreisen deS Sekretariats gewünscht wurde, will man a b s e h e n. Dagegen wird das Informationsbureau deS Völkerbundes, um die öffentliche Meinung zu beruhigen, heute abend eine längere Mitteilung über den Verlauf der Tagung ausgeben, die ledoch keinerlei Angaben -^ber die Lösung selb st ent­hält. Der Ofcrfte Rat bzw. die Botschasterkvn- ferenz sollen morgen zur Prüfung des Gutachtens deS Völkerbundsrats in Paris zusammentreten. Gleichzeitig sollen die notwendigen Polizeimaß- nahmen in Oberschlesien getroffen werden. Wenn alle diese Vorbereitungen getroffen sind, wird das Gutachten des Völkerbundsrats als Beschluß deS Ober st en Rate- veröffentlicht. Man rechnet damit, daß die Veröffentlichung S a m S- tag oder Sonntag gleichzeitig in den En- tentehauptstädten und in Genf erfolgt.

Paris, 13. Oft. (WTB.) Havas meldet auS Genf, dah abends ein Kurier nach Parts a b g e r e i st i st, um dem Ministerpräsidenten B r i a n d als Vorsitzenden des Obersten Rates die Antwort des Völkerbundsrats betreffend Ober­schlesien zu überbringen.

Das Dölkerbundssekretariat über die Richtlinien der Ent­scheidung.

Genf, 12. Oft. (WTB.) Das Völker- bunbSsekretariat gab beute abend folgende amtliche Mitteilung heraus, in der die für die Lösung der oberschlesischen Frage maß­gebenden Gesichtspunkte dargelegt werden, aller­dings ohne daß über die Lösung Mitteilungen gemacht werden. Es heißt darin: Bei der Prü­fung dieses Problems mußte auf Grund der Be­stimmung des Vertrages der Döllerbundsrat so­wohl die in der Abstimmung zum Ausdruck ge­kommenen Wünsche der Bevölkerung, wie auch die geographische und wirtschaftliche Lage in Be­tracht ziehen. Die erste Schwierigkeit ergab sich daraus, daß die Bewohner, die für Deutschland gestimmt hatten und die Bewohner, die für Polen chre Stimme abgaben, eng miteinander vermengt leben und zwar in einem Verhältnis, das zwar nicht immer das gleiche, aber in den dicht bevölkerten Gebieten stets sehr beträchtlich ist und zwar sowohl unter wirtschaftlichen als auch unter geographischen Gesichtspuntten.

Eine Grenze ist undenkbar, die Bewohner, di« für Deutschland gestimmt haben, nicht Polen zugewiesen hätte, so daß dem Rat fein anderer Ausweg geblieben sei, als diesen Fall dadurch »u verringern, dah er die Grenze so sehr wie möglich dem Abstimmungsergebnis anpahte. Eine derartige Grenzlinie hätte jedoch Gebiete zer- stb^titen. die industriell eng voneinander abhän- gen. Aufstellung einer neuen Grenze in einem Gebiet, das sich wirtschaftlich unter den­selben Ges ichrspuntten und in denselben Bedin­gungen entwickelt hatte, hühte auf beiden Seiten der Grenze die verhängnisvollsten Folgen haben. DaS wäre auch hier der Fall gewesen, wenn bi« Grcn-e die Errich ung einer neuen Zollschranke, vte Auslosung der öffentlichen Betriebe, wie der Bergwerke, den Umlauf deutschen Geldes das Inkrafttreten einer neuen bürgerlichen und in- dustriellen Gesetzgebung mtt sich gebracht hätten Di? Artschaftlichen ^»wierigkeiten kömten un­möglich nur durch leichte Abänderung einer ein­zigen, auf Grund der Volksabstimmung erlangten Grenze, behoben werden. So gibt es Gebiete in denen die Abstimmung der einen oder anderen Rationalität ein zweifelloses, wenn auch nicht überragendes Liebergewicht gesichert hätte. Leldst wenn man nun diese Gebiete nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten und nicht auf Grund der Volks- astbnnmung geteilt hätte, toürbc die Grenze aufs

engste miteinander verknüpfte Wirtschaftsgruppen I zerschnitten haben.

Der Rat sah sich daher folgender Lage gegen- j über: Sine Grenzlinie, die nicht daS Industrie­gebiet zerschneidet, würde die Hoffnungen und Wünsche von nicht etwa Deinen Mehrheiten in unwichtigen Gebieten, sondern von entscheidenden Mehrheiten in sehr wichtigen Gebieten vernichtet haben. Tatsächlich hat nun aber die Volksabstim­mung diese Hoffnungen und Wünsche nicht nur zugelassen, sondern auch ermutigt Das waren die bem Problem innewohnenden Schwierigkeiten. Langwierige Verhandlungen, die sich mehr als zwei Jahre nach dem Friedensfchluh hinzogen und eine große Bevölkerung in angstvoller Ungewißheit über ihr politisches Schicksal ließen, hatten diese Schwierigkeiten noch beträchtlich vermehrt. Zur Prüfung des Problems beauftragte der Rat zunächst einen Ausschuß, der sich auS 4 Ratsmitgliedern zusammen­setzte, und zwar aus den Vertretern Belgiens, Brasiliens, Chinas und Spaniens. Seine Arbeiten überzeugten den Ausschuß davon, daß die Frage nicht dadurch gelöst werden könne, indem man einfach eine Grenzlinie aufstellt, ent­weder ausschließlich auf Grund der Volksabstim­mung oder auf Grund wirtschaftlicher Ueber- legungen oder infolge eines Ausgleiches zwischen beiden Mechoden. Hätte man, ohne eine andere Bestimmung die Grenze nach einer dieser Metho­den auf gestellt, so wäre man zu den verhängnis­vollsten Erscheinungen gelangt. Infolgedessen be­schloß der Viererrat nach gründlichem Studium, eine neue Grenze zu empfehlen und vvrzu- schlagen, daß während einer bestimmten Periode Garantien gegen jede Vernichtung der gegenwärtigen wirtschaftlichen Bedingungen geboten werden, wobei diese Periode lang genug währen müsse, um eine voll­ständige und wirksame wirtschaftliche Anpassung zu ermöglichen.

Allgemein anerkannte Sachverständige und Fachleute wurden damit beauftragt, die gleichfalls notwendigen wirtschaftlichen Bestimmungen zu studieren. Die betretenden Personen gehörten den technischen Organisationen des Völkerbundes an und unterlagen keinerlei Einflüssen, sowohl, was ihre Nationalität als auch die Politik der Behör­den betrifft, von denen sie ernannt wurden. Sie wurden tpn den vier Ratsmitgliedern aufgefor­dert. die allgemeinen Maßnahmen zu untersuchen, welche die Fortführung des Wirtschaftslebens in Oberschlesien sichern und die Schwierigkeiten der älebergangsperiode auf ein Mindestmaß beschrän­ken könnten. Die Projekte, in denen die betreffenden wirtschaf.lichen Bestimmungen vorgeschlagen wer­den. sehen für verschieden lange Perioden, in ge­wissen Fällen bis zu 15 Jahren, eine Reihe ütm Vereinbarungen vo?. Diese Vereinbarungen be­gehen sich auf eine unparteiische und gerechte Regelung der Gisenbahnfrage, die Wasser- und Elektrizitätsversorgung, die Zollfreiheit für zahl­reiche Erzeugnisse, wie Kohle und Zink, die Bei­behaltung der deutschen Mark als gesetzliches Zah­lungsmittel in den an Dolen abgetretenen Gebie­ten. Der Rat schlug gleichzeitig mit der Annahme dieser Projekte Garantien für die poli- tis'chen Minderheiten vor, da er hierin eine wesentliche Ergänzung einer politischen Grenzfüh­rung erblickt. Rur auf diese Weise war es möglich, den politischen Wünschen der Einwohner die größte Befriedigung zu gewähren und ihnen gleichzeitig den Fortbestand des wirtschaftlichen Wohlergehens ihres Landes zu sichern.

Eine Schlußansprache des Präsidenten Jshi.

Gens, 12. OIL (WB.) Am Schlüsse der heu­tigen letzten Ratssitzung hielt Baron Jshi, Prä­sident der Tagung, für die oberschlesische Frage eine Ansprache, in der er sagte:Meine Herren! Der Vollerbundsrat schätzt fid) glücklich, btt der Lösung einer der schwersten und verwickeltsten Fragen angelangt zu sein. Gr hat, davon bin ich überzeugt, eine der wichtigsten Aufgaben, die ihm aufgetragen wurden, mit Erfolg durchge­führt. Es ist dies eine entscheidende Stunde im Leben deS Völkerbundes.. Das Ergebnis Ihrer Arbeiten ist vom Geiste der Recht­lichkeit und hohen älnpartellichkeit erfüllt; gleichzeitig kann ich nicht umhin, den ehrenwerten Vertretern Englands, Frankreichs und Italiens meinen aufrichtigen Dank auszusprechen. Sie haben trotz der großen nationalen Interessen, die auf Ihrem Spiele standen, eflatante Beweise Ihrer Versöhnlichkeit gegeben. So gelang es uns, eine glückliche Lösung des Problems zu erzielen. Schließlich bitte ich Sie, meine Herren, meinen persönlichen, tiefgefühlten Dank dafür entgegenzu­nehmen, dah Sie mir die unverdiente Ehre er­wiesen, bei diesen denkwürdigen, nunmehr ge- sch ch lichen Sizunzen über die ober ch esische Frage zu präsidieren, deren soeben erzielte Lösung nicht verfehlen wird, in hohem Maße zur Erhaltung ues Friedens in Europa und in der Welt beizu­tragen.

Ein letzter Lchritt in Paris.

Paris, 12. Ott. (Wolfs.) HavaS mel­det, der deutsche Botschafter hat gestern morgen B r i a n d einen Besuch abge- stattet. Obwohl eine gewisse Zurückhaltung hinsichtlich dieses Schrittes beobachtet wurde, glaubt man doch annehmen zu dürfen, dah er im Zusammenhang mit der nahe bevorstehen­den Entscheidung über die oberschlefische Frage steht. Der deutsche Botschafter soll bei dem französischen Ministerpräsidenten einen letz- It e n Versuch gemacht haben, um die Schwierigkeiten darzulegen, die für Deutschland im Falle einer ungünstigen Lö­

sung entstehen würden. Eine derartige Lö­sung würde nicht nur schwere wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen, sondern wäre im­stande, den Sturz des Kabinetts Wirth hervorzurufen.

Havas bemertt dazu: Es ist unzweifelhafL daß dieser allerletzte Versuch ohne Wirkung sein wird, denn die alliierten Regierungen ha­ben entschieden, die Trennung anzunehmen, die der DölkerbundSrat empfehlen wird. Es ist wahrscheinlich, dah der VöllerbundSrat heute seine Entscheidung den Alli­ierten übermitteln wird. Diese werden die Entscheidung noch einige Tage lang geheim halten, um der interalliierten Kommission zu ermöglichen, alle zweckdienlichen Maßnahmen vor der Bekanntmachung der Grenze zu er­greifen. Er f' unwahrscheinlich, dah vor Be­ginn der näu-sten Woche die Hauptmächte, die im Obersten Rat vertreten sind, die Entscheid düng Polen und Deutschland durch Vermitte­lung von Driand, der als Präsident der letz­ten interalliierten Konferenz fungierte, be­kanntgegeben werden.

Rücktritt des Kabinetts Wirth?

1 Berlin, 12. Oft Wie die Blätter melden, hatte der Reichskanzler nach Schluß der heu­tigen ersten 5ta b l n e 11 6) itzung ci ;e längere Unterredung mit den svzialb-.mrkrat.schen Partei­führern Hermann Müller, Scheidemann, Wels und dem Reichstagspräsidenten L ö b e über die 5rage seiner Demission. Um 1 Uhr wurde die Kabinettsberatung fortgesetzt. Sie dauerte bei Schluß der Blätter noch an. Das »Berliner Tageblatt" hält es für ziemlich sicher, dah im Falle einer ungünstigen Entscheidung über Oberschlesien das Reichs.abinett zu- rüdtreten werde, da es die Erfüllung der Wiedergutmachung des Ultimatums nicht über­nehmen zu Sn neu glaube. Ueber die Stellung der Parteien zu der Frage, ob das Kabinett Wirth zurücttreten solle oder nicht, weih die »Voss Ztg." zu berichten, dah die Demokraten der Meinung seien, das Kabinett müsse sofort die Demission beschließen, wenn auch vorläufig nur für den Fall, daß die offizielle Entscheidung be£ Völkerbundsrates wirklich so lauten sollte, wie die bisherigen Berichte aus Genf. Dagegen sol­len die Sozialdemokraten in der heu­tigen Besprechung mit dem Reichskanzler vor übereilten Schritten getoarnt und ange­raten haben, auf jeden Fall zunächst die offi­zielle Mitteilung des Völlerbundsrates abzu­warten, ehe enbgültig Stellung genommen werde.

Berlin, 12. £Xt (Wolff) Das Reichs- kabinett tagte heute vorn i tag von 9IU/2 Uhr. Gegenstand der Beratung war die ober- schlesische Frage. Das Kabinett tritt um 12 Uhr neuerdings zusammen. Die Gerüchte über Un­stimmigleiten im Reichskabinett find, wie zustän- digerseitS mitgeteilt wird, unbegründet.

Der Reichskanzler über die neue Lage.

Berlin, 12. Olt. (WB.) In der heu­tigen Sitzung des Reichskabinetts gab der Reichskanzler seiner allgemeinen Er­regung darüber Ausdruck, daß der Völler- bundsrat in Gens, soweit es sich bis jetzt aus unwidersprochenen Rachrichten entnehmen lasse, über das oberschlesische Gebiet in einer Weise verfügte, welche weder der durch Abstim­mung flar zu Tage getretenen Willenskundgebung der oberschlesischen Bevölkerung, noch den wirt­schaftlichen Bedürfnisten des Landes entsprechen würde. Treffen diese Rachrichten zu, fällt der Oberste Rat eine so geartete Entscheidung, so werden deutsche Städte, mit allem, was in ihnen an Arbeitswerten und Kulturgütern von deut­schem Fleiße und deutschem Geiste geschahen wurde, vom Reiche getrennt und unter die Fremd­herrschaft gestellt. Diese LvSreihung würde nicht nur von der Mehrheit der oberschlesischen Bevölke­rung, sondern auch vom gesamten deut­schen Volke als eine Vergewaltigung und bitteres TInrecht empfunden werden. Richt friedliche Entwicklung, sondern unablässige Beunruhigungen und Zwistigkeiten würden die Folge fein: dem deutschen Wirtschaftskörper würde eine unheilbare Wunde geschlagen werden. Der Reichskanzler erklärte zusammenfassend: Falls die Entscheidung so fällt, wie es zu befürchten ist, so ist eine neue Lage geschaffen, welche die Vor­aussetzungen einschneidend beeinträchtigt, unter denen die gegenwärtige Regierung die Reichs- geschäfte übernommen und geführt habe. Eine abschließende Erklärung wird das Kabinett erst bann treffen können, wenn der Spruch des Ober­sten Rates amtlich vorliegt.

Der Reichskanzler stellte dies als die ein­mütige Auffassung des gesamten Kabinetts fest.

Eine Kundgebung des Hessischen Landtags.

Str. Darmstadt, 13. Ott.

Die heutige Sitzung des Hessischen Land­tages wurde mit etwa einstündiger Verspätung eröffnet Während das vollbesetzte Haus sich von den Plätzen erhob, hielt Präsident Adelung eine Ansprache, in der er etwa folgendes aus führte:

Meine Damen und Herren! Rach den letzten Meldungen ist kaum mehr daran zu zweifeln, daß durch Machtspruch der Entente wiederum große Stücke deutschen Landes vom Mutterlande los- gerissen werden. Das ist ein blutiger Hohn auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker. (Sehr wahr! und Sehr richtig!) Welche Wirkungen sich daraus ergeben werden, ist noch unübersehbar. Es scheint aber unmöglich, daß

Deutschland die Verpflichtungen deS Ultimatums erfüllen kann, wenn wieder­um große blühende Industrieteile von ihm abgerissen werden. (Sehr wahr!) Tiefe Trauer und bren­nende Entrüstung, die sich nicht in Worte kleiden läßt, gebt durch daS deutsche Volk. ES gibt keinen Deutschen, welcher Partei er auch angc- höre, dem in diesem 2higcnblid nicht die gleichen Gefühle beseelen. Rur der Gedanke, daß wir trotz allem niemals aufhören können, die von uns loSgerissenen Brüder auch in aller Zukunft alS solche zu betrachten und die lieber,Tagung, daß die Weltgeschichte nicht bei der Entscheidung von Genf stehen bleiben wird (lebhaftes Sehr richtig!) kann uns aufrecht erhalten und kann unS Trost bieten. Der Aeltestenrat bat beschlossen, zum Zeichen der Trauer und Snt- rüftung die heutige Plenarsitzung ausfallen zu lassen. Ich schließe die Sitzung.

(£in Appell der deutschen Arbeiter- und Veamtenverbände.

Berlin. 12. Oft. (WTB.) Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund, der Allgemeine freie Angestelltenbund, der Gewerkschaftsring der deut­schen Arbeiter-, Angestellten- und Deamtenver- bände, der Deutsche Gewerkschaftsbund und der Deutsche Deämtenbund richteten an den Völker- bundsrat, Lloyd George und Briand folgendes Telegramm: Rach übereinstimmenden Aeußerun- gen der Schweizer, Pariser und englischen Presse bat der Dölkerbundsrat die Teilung Ober- schlesiens beschlossen. Falls dies zutrifft. er­heben die deutschen Arbeiter- und Beamten- verbände aller Richtungen schärfsten Einspruch. Die unterzeichneten Hauptorgan.sationen, die insgesamt 14 Millionen Mitglieder vertreten und mit Fami­lienangehörigen rund 40 Millionen deutscher Staatsangehöriger vertreten, stellten sich geschtossen hinter das Reparationsprogramm der Regierung Wirth. Sie taten daS, obwohl sie sich bewußt sind, daß die Wirkungen der Reparationen für sie alle härteste Arbeit und herbe Entbehrun­gen bedeuten. Jede Abtrennung wichtiger Wirt­schaftsquellen von Deutschland macht die Durch­führung dieses Programms unmöglich und bedeu­tet zugleich die Verelendung des deutschen DolkeS, das bei seiner Bevölkerungsdichte auf weltwirt­schaftliche Bvstehungen, auf Import und Export angewiesen ist. Die Teilung Oberschlesiens steht auch im Widerspruch mit dem Abstimmungs­ergebnis. Sie hätte ferner zur Folge, dah die arbeitende Pevölkerung Deutschlands auf alle sich aus Tekl Id des Friedensvertrages ergebenden Maßnahmen verzichten mühte. Die Gerechtigkeit, sowie die Deutschland auferlegten und von ihm anerkannten Pflichten erheischen gebieterisch die Belassung Oberschlesiens bei Deutschland

Kattowitz.

Kattowitz, 12. Oft. (Wolfs.) Soeben ist nachstehendes Telegramm von den Vertretern der deutschen Bevölkerung der Stadt an fol­gende Stellen gesandt worden: An den Völ­kerbundsrat inGenf.an den Premier­minister LloydGeorgein London, an den Ministerpräsidenten Briand in Paris, an den Premierminister B v n o m i in Rom und an den japanischen Botschafter in Paris:

In der Stadt Kattowitz sind bei der Volksabstimmung über 85 Prozent der Stimmen für Deutschland abgegeben worden. Die Zuteilung der Stadt an Polen wäre eine große Mißachtung des deutscher Ergebnisses. Die deutsche Bevölkerung ist aufs tiefte erregt durch die Pressemeldungen, daß eine derartige Zuteilung in Erwägung ge­zogen ist, und kann an die Richtigkeit dieser Meldungen nicht glauben. Das Wirtschafts­leben der Stadt ist mit dem deutschen Wirt­schaftsgebiet untrennbar verbunden. Ihre Los­lösung vom Mutterlande würde ihre Lebens­bedingungen vernichten. Wir fordern deshalb, gestützt auf das feierlich verbriefte Recht der Volksabstimmung, die Stadt Kattowitz bei Deutschland zu belassen."

(Sine wichtige Kabinettssitzung in London.

London, 12. Oft. (WTB.) Heute vormittag wurde unter dem Vorsitz Lloyd Georges eine Kabinettssihung abgefjalten, worin Vor­schläge zur Aenderung der Form der deutschen Reparationszahlungen erörtert wurden. Außerdem kamen Vorschläge zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, zur Hebung des Handels, sowie betreffend die Washingtoner Konferenz zur Sprache.

Englischer Spott.

London, 12. Oft (WTB.) Der politische Berichterstatter des .Daily Telegraph" schreibt, der Eindruck, den Berlin anscheinend sich einbildet, auf London ausüben zu können und der in der eiligen Rückberuf u ng StHa­mers zum Ausdruck gekommen ist, habe sich bereits als eine schmerzliche Illusion erwiesen. Ein Diplomat habe dem Berichterstatter des .Daily Telegraph" erklärt, die deutsche R publlt habe statt des früheren Säbelrasselns des Kaiser­reiches das Federrasseln und Rücktritts­drohen eingeführt

London, 12. Oft (WTB.) Die .Times" be­richtet, daß der deutsche Botschafter bei seinem gestrigen Besuch bei Lord Curzon dem Wunsche der deutschen Regierung Ausdruck ge­geben habe, die oberschlesis<be Frage in