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Ur. 291 Zweiter Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Dbcrhejsen)Montag, (2. vezemver 1921

Der Reichswirtschaftsrat und die Kreditnktion.

'Berlin, 10. De^ 1921.

Der t>orläufige ReichSwirlschast-rat troi heute twrmittag zu einer Plenarsitzung infaBrrrcn Da über ben (Sntwurf einer MI16* htaatorbnuna feine Einigung cnieh trorben tfl. beriet N-. - -fyiu» zunächst Den Tbrridjl bei Tte- nauttion-auSschuste,; über Me weitere Beratung bet Hntliclirxxntiofli betr den Gesetzentwurf über Orrkhtung einer ÄrebitDcreinigung des deutsche' Gewerbe» Der Rev .ration«au!- schuß hat am 25 Rovember einstimmig eine Snt- 'chlkßung angenommen, in her er .die unt*er«üg- mg der Ätebitahion auf

des Bekchlulle» her Bollveriammluna bei Reich-- Wirtschaft Sratc-'' hom 4. Hobember 1921 als eine QebeninottDc-iblifeit für Deutschland" bc^el4)nd und ,erMfd)fr>fene Maß tahmet gegen bie innere DesrziNvirtfcbrfr Im Reiche und be^nbet« bei den Kd$h>rrfebr<betrieben * schleunigst fordert, ba- gegen bie .Bergulrfung dieser und anderer al» 'Tk-btntnmg gestellter Forderungen mit der Frage der Ärebttattion ablehnt"

3n der Aussprache erfiärt Tarnow (Holz- arbetteröerbanbi die Zustimmung feiner Freunde da auf diesem Dege die Tiittel für bie Repara­tion »lei stungen wohl noch am ehesten zu beschaffen feien.

Bal trufch tShristliche Gewerkschaften l er­klärte gleichfalls die Zustimmung feinet Freunde Man müsse der BorlageufHmmcn, um Schlim­meres zu verhüten. Freilich dürfe man seine ör- Wartungen bezüglich des Erfolges einer solchen Kredltnktion nicht Überspannen Eine öftere Die- derdolung diese» Eingriffs würde die deutsche Wirtschaft nicht vertragen

Dr-Ing Sorge stimmt den Ausführungen Baltrufch», besonders hinsichtlich der geforderten Atempause, zu Die Industrie fei nach wie vor bereit, dem deutschen Daterlande den Kredit zur Berfügung zu stellen unter Bedingungen. die der Industrie wie dem Baterlande die Sristenzmög- lichfeit gewährleisten. Dr. Sorge stellt eine Prelle- notiz dahin richtig, daß er niemals den Gold­bestand der Reichsbanf für die Verz..stung bes Industriekredits habe In Anspruch nehmen wollen Er beantragt schließlich Vertagung der Abstim­mung. um nicht neue Beunruhigung in die in Frage kommenden Kreise zu bringen

Reichskanzler Dr. Wirth:

Ich kann nicht verstehen, warum durch eine solche Abstimmung eine Beunruhigung entstehen tonnte. (Sehr richtig?) Mit der Verabschiedung des Entwurfs geben Sie doch der Regierung vor­läufig rin Instrument in die Hand, um zu zeigen, auf welcher Grundlage etwa di' Frage b?r Kru>it- aftion gelöst werden tonnte ®» ist taktifch Immer­hin bedeutungsvoll, durch ein Votum des Reichs- Wirt fcha ft svats ein solches Instrument bereit- gestellt zu sehen Ich habe die interessierten Kreise in der letzten Zeit immer wieder gebeten, wenig­stens bie innere Bereitschaft durch äußere Zeichen zu bekunden. Ich bitte Sie des­halb. diesen Gesetzentwuri zu verabschieden Ich wäre sehr gern bereit, heute in Ihrer Mitte zur Lage zu sprechen, will das heute jedoch nifet tun; ich komme dann nicht In die unangenehme Lage wie Herr Dr. Sorge, etwas abfchwächen oder korrigieren zu müssen was ihm in der Presse nachgesagt worben ist. Den Sommer hindurch haben wir wiederholt die Möglichkeiten durch- gesprechen; Schritte nach der Richtung der Kredit­beschaffung sind, wie ich einem Pressevertreter mltteilte. offiziell und offiziös unternommen Wor­ten. Da» ernsthafte 'Bemühen der Regierung, hn Januar und Februar für Golddeckung zu sorgen, hat eine größere Erörterung hervvrgerusen Au« ber Ärebitfragc ist eine Erörterung des Repara- ttonsprvblem» geworden Bei Annahme des Ulti­matum» haben wir den bedeutungsvollen Sah im Reichstag geprägt, daß die weltwirtschaftlichen Folgerungen nach Annahme de» Ultimatum» erheblich sein müssen Diese Erwartungen haben die wirtschaftlichen Kräfte der ganzen Dell in

Bewegung gebracht Deutschland» Wirtschaft bar4 nicht isoliert für sich betrachtet werden Das Schicksal der deutschen Wirtschaft ist rerhunb«: mit der Wirtschaft Euroka» und bannt mit der Weltwirtfchalt. In dem Augenblick, wo von den englischen und franzöfllchen Staatsmännern eben in London gerade biete Frage diskuttert wirb formen wir eine große Debatte nicht führen, das wäre nicht fruchtbringend Verabschieden Sie den <: eseyentwurf al» ein Zeichen innerer Bereitwillig- (ei:, an der Lösung der Kreditfrage mitzuarbeiten und der Regierung ein Instrument in die Hand zu geben

die ganze Welt auch an diesem Zeichen erkennen möge, bah in Deutschland alle Kreife bereit sind, am Wiederaufbau in Deutschland und der ganzen Weltwirtschaft mitzuarbeit n Dr Rnthenau la» Mitglied dieses Hauses wirb ja in einigen Tagen hier über feine Eindrücke in London Bericht er­statten können Freilich ist es auch zunächst besser zu schweigen, wo große Gedanken reifen, anstau zu reden und nachher zu sehen, wie viel Por­zellan zerschlagen ist. (Zustimmung ) Wir sehen den nächste-' Tagen mit Spannung und einiger Hoffnung entgegen.

Mar Lohen wendet sich wie der Reichs­kanzler gegen die Vertagung.

Dr. eorjjt hält nach wie vor eine Ver­tagung der Sache am besten dienlich

Reichskanzler Dr. Wirth Ihre Ad- fttmmung hat mit der Verabschiedung de» Ge­setzes doch nichts zu tun Was soll denn aber ein politische» Instrument für eine Bedeutung haben, wenn man es drei Tage vor der Verbandstagung verabschiedet? Soll ba» wirken, so muß man die Lache noch vor Weihnachten verabschieden. Ein Grund zur Beunruhigung der in Frage kommen­den Kreise liegt nicht vor. Ich bitte nochmals, die Abstimmung vorzunehmen.

Oberbürgermeister Dr Wermuth betont ebenfalls bie Rotuxndigkeit. sich noch heute schlüs­sig zu werden. Wir müssen denen, die draußen die Verhandlungen für uns führen, das In­strument in die Hand geben, damit sie wissen, woran sie mit der Bereitwilligkeit der deutschen WiNschast sind.

Der Vertagungsantrag Sorge wird daraus abgelehnt.

v. Siemens' Wir sind hier eine Wirt­schaftskammer. und es ist unsere Pflicht, hier die W.t. schast an die erste Steile zu fegen. Deshalb dürfen wir nicht» tun, was die Wirtschaft schä­digen könnte. Der § 1 aber ist eine Blanko­vollmacht aus unbestimmte Zeit, der es der Re­gierung auch für später ermöglicht, Kredite auf­zunehmen, ohne die Wirtschaft nochmals zu hören. Wir können in diesen Zeiten der Regierung nicht eine solche Vollmacht geben, die die deutsche Wirtschaft einfach verkauft.

Dr. August Müller. Die Abstimmungen im Reichswirtschaftsrai nach Majoritäten und Minoritäten entfprechcn gar nicht der eigentlichen Zustimmung dieser Einrichtung. Rur ein möglichst einstimmiges Votum kann den erforderlichen Rach­druck und die entsprechende Wirkung auf Inland und Ausland ausüben Darum ist an der Mit- beteiligung der Industrie so sehr viel gelegen Zweifel an der Objektivität der Abstimmung lie­gen un» fern. Aber die Herren der Industrie und Landwirtschaft sollten an die Wirkung über Deutschland» Grenzen hinaus denken, wenn Deutschlands Wirtschaft sich bereit erklärt, die erforderlichen Lasten auf sich zu nehmen Aber auch au# innervolltischen Gründen sollten sie sich zu stimmend äufjem. E» ist ein großer Fehler gewesen, diese Angelegenheit mit anderen politi­schen Forderungen, z. B. mit der Gntstaatlichang der Eisenbahn zu Deigaiden. Heute bietet sich nun Gelegenheit, bie verloren gegangene Bast» des Vertrauens wieder herz ist eilen und den alten Feh­ler wieder gut za machen. Wie groß bie'Beh-eutung der deutschen Wirtschaft ist, wissen auch wir, aber sie steht nicht an erster Stelle, an erster Stelle steht da» deutsche Volk, dem bat sie sich unter­zuordnen. (Sehr richtig!) Riemand kennt die Konleguenzen der heutigen Schicksals stunde, aber in Schicksalsfragen kann es keine Wirtschast»-

fragen geben, fonbrm einzig und allein das Bestreben, da« deutsche Volk zu retten

Lang» Beamt, n'chafti stellt fest, bih Nc Wunsch: tx-r Industriellen tn den Kreisen seine: jrcanbe leb:, ftt Beunruhigung hervorgerufen hätten. Er bittet dringend nicht einseitige Be­dingungen an die Kreditaktion zu knüp'en

Die Beratungen werden Dara if abgebrochen um m einet ixUflünMgcn Va ife ®r mMaJen für eine Beglaubigung z i finden

Hat 2Vicbete.Öffnung her BerointHargen um 2 ilbr teilte bet Borf.tzeide mit. tast nach Mitt eil u- v aus der ReidskanzUi bte Berat mg über bx 5 editvern tjung noch weiter verscho­ben werden maste. Runmehr wurde der Vor­schlag des Vorf io enden, die Schlichtung-- ordnung za beraten, .ingenommen Zu tz W Bcrbütung trübet Streiks' beantragte Dr T hv ' I en einett v ulafe anzufugen, wonach zwar kein ©d<ibencrtar ftottfm?e . ab.r statt b H n e.nc .angcmefseneBuße' rer längt weiden kann, die die Ledens- und 'jk bei t»|ib< gleit der betret- fcnei Per'onen nicht gefährden bar?. 5Vr An­trag wurde mit geringe. Mehrheit angenommen Aut Wunsch von Arbeitnehmer'eite fand über den Antrag Tdvlfen eine Gruppenab timmung statt In der G e f a m t a b st i m m u n g. die mit Ham- t mellpru ng vor genommen werden mußte, wurde der

0 a n g e n p m f m en. Auch hier wurde noch eine Gruppen­abstimmung vorgenommen

Darauf wurde die Beratung des Gesetz- entwürfe» über die

Errichtung einer Kreditvereinigung fortgesetzt

Bernhard Der Reichskanzler hat mich telephonisch bitten lassen, mitzutcilen daN ei re achricht .o a igeb -i i". er­scheinen lalle, iah da» Hau» die Beratung der der Kreditaktion auf Dien-tag vertage. Der R<ichslarz'.er hofft, tat* er Dien-tag in der Lage ist, ergänzende Mitteilungen seinen heu­tigen hinzuzufugen Ich gebe die Mitteilungen de» Änr.'ler» neiter und muß es dem Ha ise Über­la ff en, welche Folgerungen barau» zu ziehen sind

Dr. August Müller: Wir haben d.c Wahrscheinlichkeit die Gewißheit möchte ich beinahe sagen - daß wir bei der Abstimmung zu einem einheitlichen Votum kommen Wie bet dieser Sachlage ein Auf schieden der Abstimmung begrün­det werben kann, ist mir nicht ganz klar Viel­leicht gelingt e». auch den Reichskanzler von diefer Situation zu überzeugen, so daß er bann sein Verlangen nicht aufrecht erhalten wurde.

Dr. Frank ist für die Vertagung Offen­bar hat der Reichskanzler sehr wichtige Mil» teüungcn zu machen, die wir zuvor hören müffen.

Baltrufch tritt gleichfalls für Vertagung ein. Wenn der Reichskanzler, der vorher einen anderen Standpunkt eingenommen habe, nun plötz­lich zu einer Aenderung feiner Haltung aezwungen sei, so lägen sicher gewichtige Gründe Dafür vor.

Ma» Tohen: Die Rollen scheinen hier einigermaßen vertauscht zu sein, indem jetzt die­jenigen dem Reichskanzler unbedingte Gesolgfchaft leisten wollen, die da» vorher ablehnten. Ich und meine Freunde bleiben unserer Haltung ge­treu Selbst wenn eine Situation eintreten würde, die die Kreditaktion überflüssig macht, wie man annehmen kann, so würde die Annahme des Kompromisses gar keine Bedeutung haben Wir sollten un« nicht in einer Weife leitbammcln lassen, die uns nicht würdig erscheint Mit der Annahme des Kvmpromistes vergeben wir uns gar nick-ts Wir geben damit der Regierung ein Instrument in die Hand, gleichgültig, ob sie es benutzen will oder nicht. Ich widerspreche also dem Wunsche de» Reichskanzlers.

Aus die Frage, ob sich für den nächsten D ien« t a g auch eine Möglichkeit ergebe, eine Plenarsitzung abzehalten und ob für die nächste Woche überhaupt ein Saal zur Berfügung stehe, erwiderte der Doriitzende v Braun, daß für DienStag der Saal nicht zur Verfügung stelle Auch weide ein großer Teil der Mitglieder nicht mehr kommen können. Sr schlage vor. daß der Reichskanzler, wenn er wichtige Mitteilungen zu

machen habe diese zunächst dem Repa- r a t. d » a u e I u mache Ader der Reichs­kanzlei könne au4> fchon c.h DienStag im Reichstag d,«- Qrfläi u-.q . hgeben, wenn er da» 7x?u:-<nie l<be. ..bet btrie Frage in der Oesfentlichkeit zu sprechen.

Ir.i weur.en Verlaut der Gelch.>'tsvrhrrungs- deöattc ichlug Hugo St inne» vor. daß am nächsten Dienstag vormittag der Jteparahnn»- ausfchu' 'ufmnmt!.trete und dann am Rachrnlitag da» Plenum Stellung nehme Dte Lokals rage treibe der Prairde.it 'chon in irgend einer Welle erledigen

Der Vorsitzende erklärte sich damit einver­standen S*r August 211 ü 11 e r erhob jedoch Widerspruch und t erlangte noch beute A d st i m - m u n g über da» Kompromiß An entsprechend« Ant.ag wurde angenommen und Cberbürgtr- meister Mitzlafi berichtete barau 1 kurz über das Kompromiß

Danach habe H4) die Gruppe auf folgende Entschließung geeinigt

1 Der Rediratwnsausfchuß <bricht di» Men ung au», tah die TurVubnma einer Äre- bfldttinr. auf Grund des Bold stes Der Voll­versammlung he» Reichswirtscha t^rates v.m 4 Rovember 1921 ei e Lebensnotwen­digkeit für Deutschland i t Diele Krad t- aftton ist zeitlich und dem Betrage nach z u beschränken. Sntfchlof'ene Maßnahme« gegen bie innere Defizitwirt chatt im Reich» und besonder» bei den Reichsverkchislietne­ben 'eien daneben mit größter 'Bdd '.cunigung in die Wege zu letten Dagegen lehne der Re- panntwnSauSschu' die Berauictung die'e .mb anderer als Bedingung gestellter .Forderun­gen mit ter Kreditaktivnsfrage ab (Die Be­deutung die'er Krmp omlßfasfun»'. hegt tn der neuen Bestimmung über die jeittiXe und fi­nanzielle B grenzung der Äieblt itttonj

2 Der roiläufige Reich »Wirt schaftsiat setzt vorau«, bat der auf Grand der Borarbehen de» Reichswirtschastiate» autzu iellente end­gültige Gefebentwurf von der Rcichsregierung do; Der Zuleitung an den Reichsrat dem Reich»- wiitfchaftsrat zur nochmaligen Darchbera- tung überwiesen wird

Zur Einzelderat ing meldete sich zunächst nte- manb zum W?.t, v : der

1

C.t 1

und. da nun einmal die Abstimmung beschlossen lei. an dem Kompromiß se i zuhalten Gegen­über der Feststellung von Dr 'Auguft Mülls', daß das ganze Verhalten des Haufe» ein Beweis Da­für fei. baß die lliternebni.-r nicht Den teilen- festen Willen hätten, für das Vaterland einzu­treten. wurde von Arbcitgederfelte Darauf ver- triefen, daß c» der Arbeitgebersette b?r der neuen Mitteilung de» Kanzleis v Illg mit ihrem Willen gewesen fei, tem Kompromiß zuzustimmen Rach dieser MitteÜu ig fleh

vor einer neuen Sachlage. Schlle'iltch wurde ein Vertagungsantrag auf Dienstag nachmit­tag 3 Mpi angenommen.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 12. Dez 1921.

«kmrinfflmr Acrnsprechanlagrn.

In vielen Fällen ersch'int es zweckmäßig, einen Fernsprecher gemeinsam, z B mit dem Wohnungsnachbar zu benutzen oder in aröberen Häusern, in denen sich zahlreiche Geschäfte, Bu­reaus ufw. befinden, eine gemeinsame Anlage zu betreiben und hierbei nicht nur Gebühren, sondern auch Bedienungskvsten zu sparen Eine gemeinsame Zernsprech-Rebenstellenanlage für mehrere Geschäfte erfordert nur eine Bedienung, während bei der Verteilung aus die einzelnen Betriebe mehrere Kräfte nötig werden, ebenso können bei einer gemeinsamen Anlage auch die AmtSleitungen besser ausgenutzt werden, d h. der gemeinsame Betrieb wird mit weniger Amts-

Flaubert.

Zu seinem 100. Geburtstag.

1821 12. Dezember 1921.

Von Dr Paul Landau.

Es ist ein Zeichen de» Genies, daß es sich tn kein Schlagwor' tn keine Klasse, für keinen Stil einsangen läßt, sondern alle Richtungen und Zeltfirömungen in einer höheren Einheit über* windet So ist es auch mit Flaubert dellen 100. Geburtstag die ganze gebildete Welt feiert, und der bei uns in Deutschland nächst seiner Heimat vielleicht am meisten verehrt wird Sei­nen ersten Rus errang er in jenem Prozeß, in dem sein Roman .Madame Bonart)' der iln- fiülichkeit angefiagt war, und lange war er als einer der .nacktesten" Realisten verschrien, bis die naturalistischen Rachfolger des Dichters aus dem bisherigen Fehler eine Tugend machten und rhn als den »großen Realisten priesen. Dann entdeckte man ht dem Schöpser phantastischer und grandioser Visionen au» dem düstersten Alter­tum Karthago» und au» dem Hexenkessel der Weltreligionen, in dem Dichter der .Salambv'' und der .Versuchung des heiligen Antonius' einen Romantiker Man tonnte tagen, daß wir heute bet dem .Klassiker' Flaubert an gelangt sind, d 5. wir leben in Ibnv vor allem den großen Stilisten, den Meister der inneren Form, der ewig nrenfchliche Erlebnille in eine end­gültige Gestalt bannte, wir «eben tn ihm den Künstler schlecht bitt, das dichterische Genie, dae eine lange Entwicklung zum Abschluß brachte und eine neue An des Sehen» und Füblert» schu'

Das entscheidende hterarVdy* Erlebnis des ji-ngen Flaubert ist zweifellos die Romantik ge­wesen. Seine nächsten Freunde. Vouilhet und Marinte du «Samb. waren Romantiker: die Freun­din. der er sein Ringen um feinen Stil in menfch- Nch wie gedanklich ergreifenden Briefen berichtete tpar die Romanhikenn George Sand. Flaubert verehrte Victor Hugo, er begeiftertc sich an den Tiraden iSbatemibrianb». die er mit dröhnender Stimme rortrug. Romantisch war seine Sehn­sucht nach lernen Zellen und Ländern, fein .Lio- tismus". den er durch Reifen nach Rom. nach dem Orient zu befriedigen suchte. Romantisch ist das iir- und Srunda. ühl, das feine Stellung zur Außenwelt beherrscht der Haß argen den Spießbürger, gegen das Gewovnliche. Mittel­mäßige. Banale. Herangewachsen in der Zeit,

in der der .Bürgerkönig'' LouiS Philippe daS Philistertum gleichsam auf den Thron gesetzt hatte, stachelte er sich immer mehr auf in feiner gigan­tischen Verachtung des Durchschnittsmenschen, bie für da» romantische Genie so bezeichnend ist. Weam die Bürger von Rouen de» Sonntag» nachmittag- mit Kind und Kegel an |einem Landsitz Treisset vorbeispazierten, dann schien ihnen der Dichter in seiner merkwürdigen Tracht und seinem wunderlichen Benehmen ebenso selt­sam und lächerlich, wie sie Flaubert bünften. So hat ihn dieser Gegensatz zum .Spießer ' durch sein ganzes Leben begleitet bis zu seinem letzten Wert, dem unvollendeten Roman .Vouvard und Pecuchot", zu diesem .Heldengesang der Dumm­heit" deren weltgeschichtliche Rolle er mit einem ungeheuren Auiwand von Gelehrsamkeit bar- stellen wollte

Der romantische Grundzug leine- Wesen» ift der tiefste Urgrund seiner Ratur. wie un- die erst jetzt bekannt werdenden Iugendwerke immer deutlicher erkennen lallen Die ToncouN- haben von dem »alten Titanen' getagt, daß auf ihm . die Gmüdung eine» ewigen vergeblichen Tmporite,gen» zum Himmel lastete" Und Dour- qct fragt bei dem Anblick dielcs Riesen mit dem starken Schnurrbart, der lauten Stimme, den ge­waltigen Gesten .Trat in ihm eine düstere Achn- lichkell mit den Hermannen seiner Provinz her- vor und rollten in fernem Blut Tropfen von dem Blute der alten Piraten, in die die Wildhell und Gewalt ihres grausamen Ozean» über­gegangen zu sein lchien?' Die dunkle Schwer­mut und die leidenlchastliche Verzückung, da» Brausen und Wüten leine» Temperament«, die wilde Gewalt seine« berferferbaften Aufbegeh­ren» all da» entlud fich nicht in Taten de» wirklichen Leben», sondern zuckt nur auf in stür­mischen Deklamationen, in den maßlosen Aus­brüchen ferner 'Briefe, wo die Teinperamentfüllc manchmal im VerhälMis zu dem Anlaß geradezu komisch wirkt Allem Erleben strömte tn lerne Kunst in fein Schöpfertum Jeder Künstler opfert «ich selbst 'einem Werk keiner bat die« ernster und entfchloffener. grausamer und sanatifcher ge­tan als Flaubert Aus diefer 'efemer?haften Hin­gabe aus diefem echt romantifchen Zwie'palt von Innen- und Außenwelt ist fein grenzen!ofer Pelli- I mi#mu# erwachsen, der in allen Dingen, in den I Visionen eine» Heiligen wie in den Schlachte- | rcicn her Punjfchen Kriege, in der fentimentalen

Liebe eine« jungen Mannes wie im Ehebruch einer Frau die gleiche Sinnlosigkeit und Schal­heit erkennt. G« scheint, daß daS tragische Grund- clement feiner Ratur, da« feinem ganzen Dichten die dunkle pathetische Resonanz verleiht, kör­perlich bedingt war. Die geheimnisvolle Krank­heit. von der er nur andeutungsweise spricht, war nach den Mitteilungen feiner Freunde die Epllepfie. an der -er wie Dostojewski litt, nur daß er nicht den verzückten Augenblick de» Auf­schwungs beim Ansoll, sondern die dumpfe Er­mattung nachher zur Grundstimmung seiner Kunst gemacht hat

S« ist Flaubert» Größe, daß er au» dem grauen Ekel des Daseins, aus der Leerheit frucht­losen Ringen» und schmerzlicher Enttäuschungen, die er al» Gsunderiednis anfah. Schönheit und bunten Reichtum zu schaffen wußte, daß wir die von ihm geschilderte Misere und Absurdität des Leben« in tiefer Ergriffenheit miterleben Er bat fein Herzblut nicht umsonst tn seinen Dich­tungen vergossen, sondern die unerbittlich»Wahr- hell und Ehrlichkeit, gepaart mit heißer Leiden- schafllichkcit des GefüHis. verleiht feinen Gestalten Ewigkeit In diesem entscheidenden Punkt trennt er sich von der Romamik. die sich mit dem fchö- nen Schein begnügte, hier wachst er über sie binau« Dte Romantiker liebten ba« llngewöhn- hche. da« Abenteuerliche. Einzigartige, strebten danach, da« Unendliche und Unbewußte m ihren Werken fefftubalten. Der .Ueberwinber der Dhrafe', wie Brunietiere einmal Flaubert ge­nannt bat. will nicht da« Vefonderc geben, son­dern do- Trpckche. da» allgemein Gültige, das Ewtgc Er 'childert in seiner ..Madame Bonart) nicht die EhcIrrung irgendeiner Frau sondern den Ehebruch an sich in derEducation fenii- mentale nicht die Liebeserlebnifsc eines junaen Manne». Irädern do» typische eroti'chc Er­leben de» Iüngl'mgs In allem, in den Gescheh- nisten der Gi'chichte wie in den Phantasien reli- gibfer Erregung, sicht er die gleichen Gefeye der menschlichen Ratur. der gefchichtlichen Entwicklung Walter Er behandelt da» leichriinnigc 2lbenteuer eine» kleinen Provinzdämchens mit derselben Gründlichkeit der pfpchologi'chen Zergliederung, mit derselben Genauigkeit in der Darstellung der Umwtft wie da« Schicksal der karthai'stchen Herr- fcherstvchte- und Priefterin An die Stelle des lchrankenlofen IchkulteS der Romantik 'etzt er die eherne Objektivität eines unperiönlichcn Gestal­

ten». Doch wird de»halb fein Dichten nicht zur Wissenschaft, wie da» fein ihn mißverstehender Schüler Zola verlangte, fonbern alles Stoffliche wird von ihm in einem großartigen Prozeß der Beseelung und Durchgeistigung zur echten Kunst erhoben Da» ist der Sinn seines unermüdlichen Ringen» um die Form, feiner Anbetung des Stils, der den Dingen erst da» ..höhere Leben" verleiht. Flauberi besitzt den gleichen Fanatis­mus für die Kunst als da» Maß und Ziel aller Dinge, für da»lirt pour Part", wie ein M« - rtmec und Gautier, aber das vage llnendlichkells- streden der Romanttk ist einer strengen Begren­zung gewichenDie Heinen Füßch- n. die aus den Ufern treten, schreibt er einmal an seine Muse" Louise Lvlct,nehmen da» Aussehen'des Ozean- an; e- fehlt ihnen nur ein-, um es wirklich zu lein, nämlich die Au-dehnung^ Bleiben wir also Fluß unb lassen wir ihn die Mühle drehens" Diese Beschränkung auf die Wirklichkeit ist aber bei Flaubert mit einem tiefen Gefühl für da- Ewige verbunden, die mit schärfster Beobachtung ge­gebenen Einzelhellen erhebt er in die Sphäre de- Allgemeinen und überwindet so auch den Realis­mus. wird zumKlolliker".

Flauheit erscheint un- heute in der wunder­vollen Reife und Ruhe feines Stils, in der runden Harmonie feiner Werke ebensowenig seinen Vorgängern verwandt, den Hugo, Balzac u>w, wie seinen Rachfolgern. den Zola und Bvurget Vielmehr finben wir tn ihm die Fortsetzung jener spezifilch französischen Geisteshaltung, die von Montaigne über Racine und Boileau zu Bo 11 aire unb Diderot führt. Er hegte eine besondere Ver­ehrung für Voileau und Voltaire, und et war ihnen mehr verwandt, als er felbst ahnte Sr rang liefe durch zur Klarhell bet Form, zur Reinheit des Sttl». überwand in einem wahrhaft hel­dischen, unsäglich mühevollen Kampf die Dunkel­heit und Maßlosigkeit, die ht feinem Wrien als Erbstücke der Romantik lagen, und r" schließ­lich ein französischer Klalliker, b b IU'. einfach, ruhig, vollendet Sv lebt er heute 'ort al- ein Bändiger verworrener und ungcfonnicr Dinge, als Gestalter der unendlichen Vielheit de» Da'eins zur einheillichen Winung. als ein Meister der französischen Profa und al« der Schöpfer einer ihm eigentümlichen Gefühlswelt, die nur in seine« Dichtungen zu finden ist.