Dienstag, y. (Dftober 192)
Ul- Jahrgang
Nr. 238
Der Siebener Snjeiger erscheint tcgltd), auMer Sonn» und Feierta.s. Monatliche Jeiugrprese: MK.5L0 einschl. Träger- lohn, durch die Posl Mk. 6L einschl. Bestell, gelb, auch bei Nichterschei- nen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt, ^ern «r rech. Anschlüsse: fürdieSchrsitseitung 112; für Druckerei, Verlag und Geichaftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach. richtens Anzeiger Lietzen.
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Die Getreide- und Kartofsel- versorgung.
Die Bevölkerung wird seit Wochen stark durch in die Presse gelangte Gerüchte beunruhigt, wonach durch Agenten ausländischer Firmen oder durch gewissenlose einheimische Aufkäufer Getreide und Kartoffeln in grohen Mengen im freien Handel aufgekauft und über die West- oder Ostgrenze inS Ausland verschoben werden. Die Befürchtung geht weiter dahin, dah durch solche Verschiebungen nicht nur die für die eigene Versorgung Deutschlands unzulängliche Inlandsernte geschmälert wird, sondern dah auch dadurch die Inlandspreise für Kartoffeln und freies Getreide ohne innere Berechtigung in die Höhe getrieben werden. Wie wir aus dem Reichs Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft erfahren, beruhen die zu Beginn des neuen Erntejahres beobachteten Preistreibereien auf dem inländischen Getreidemarkt nicht auf Verschiebungen von Getreide inS Ausland, sondern erklären sich vor allem aus den geringen, zunächst auf den Markt gelangten Mengen von InlandS- getreide und dem in der ersten Zeit allgemein vorhandenen Bestreben, sich nach Möglichkeit sofort mit Getreide einzudecken. Mit dem Fortschreiten der Ernte und dem größeren Zufluß von Getreide an den freien Markt haben sich nach den Rotierungen der Produktenbörse auch die Preise wieder gesenkt und werden nach der auch bei Freigabe anderer zwangsbewirtschafteter Lebensmittel beobachteten Erfahrung nach anfänglicher Steigerung schließlich eine normale Höhe annehmen, soweit nicht unberechenbare Dalutaschwankun- gen diese Entwicklung stören. Solche störenden Momente sind im gegenwärttgen Augenblick durch den starken Sturz unserer Valuta wahrnehmbar und haben ein zeitweises Wiederanziehen der InlandSgetretdepreise bewirkt.
Die Ausfuhr von Getreide, Mehl und Kartoffeln ins Ausland wird grundsätzlich nicht genehmigt; Ausnahmen im gewissen, die Inlandsinteressen nicht schädigenden Umfang für Saatgut, sowie für irn Veredlungsverkehr hergestelltes Mehl werden nur unter bestimmten Sicherungümaßnahmen gemacht. Um Verschiebungen von Getreide und Mehl und Kartoffeln ins Ausland zu verhindern, sind die Kontrollstellen noch zu besonderer Auf- merksamkeit angehalten worden. So bekommen nach den verschärften neueren Vorschriften auch dann, wenn im Einzelfall die Ausfuhr von Saatgut, Kartoffeln oder von im Veredelungsverkehr hergestelltem Mehl zugelassen wird, Privatpersonen Autzfuhrscheine überhaupt nicht in die Hand, und ist damit ein weiterer Riegel der verbotswidrigen Ausfuhr vorgeschoben. Mittellungen über mutmaßliche Verschiebungen von Getreide und Kartoffeln ins Ausland find den Reichs- und Landesbe- Hörden, insbesondere auch aus den preußischen Provinzen Sachsen und Schlesien betreffs (betreibe, aus Hannover und der Provinz Sachsen betreffs Kartoffeln, die nach Meinung der Anzeigenden in das Ausland verschoben werden sollten, in großer Zahl zugegangen. Derarttgen Anzeigen ist grundsätzlich nachgegangen worden; es hat sich jedoch in keinem einzigen Falle ein greifbarer Anhalt dafür ergeben, daß derartige Aufkäufe zum Zwecke der Verschiebung ins Ausland erfolgt sind oder zu solchen Verschiebungen geführt haben; vielmehr hat sich stets herausgestellt, daß solche Anzeigen aus gut gemeinter, aber unbegründeter Besorgnis erstattet worden sind. Vielfach hat wohl auch die Befürchtung, daß Aufkäufe von Händlern aus anderen Gebieten Deutschlands die Befriedigung des lokalen Bedarfs beeinträchtigen oder zu einer Erhöhung der Preise führen könnten, solche Gerüchte hervorgerufen oder verstärkt. Grundsätzlich muß aber, soweit die freie Wirtschaft wieder eingesührt ist, dem berufenen Handel die Befugnis zustehen, auch außerhalb seines RiederlassungSgebieteS Lebensmittel und Waren aufzukaufen, um sie in die beut- scheu Dedarfsgebiete zu überführen. Auch die westlichen besetzten Gebiete, die schon vor dem Kriege ausgesprochene BedarfSgeviete waren, haben Anspruch auf Versorgung aus dem übrigen Deutschland. Daß dieser LebenSmit- teltranSport nach dem Westen nicht zur Verschiebung inS Ausland mißbraucht wird, dafür sorgen die mit der Kontrolle befaßten Ein- unb Ausfuhrbehörden und die Polizeibehörden mit Erfolg. Ob nicht, insbesondere über die grüne Grenze, Getreide und Kartoffeln in kleinen Mengen ins Ausland geschmuggelt werden, läßt sich natürlich nicht mir Sicherheit ausschließen. Wo Anzeichen für; einen solchen Mißbrauch bestehen, sind besondere ^leberwachungsmaßnahmen angeordnet. Bei festgestellten Zuwiderhandlungen werden
mit allem Rachdruck die scharfen Strafbestimmungen für verbotswidrige Ausfuhr, die in schweren Fällen Zuchthaus androhen, an- gewendet werden.
Die Gefahr für Oberschlesien.
Berlin, 10. Olt. (WTB.) Anläßlich der beunruhigenden Dachrichten über die Lösung der oberschlesischen Frage in Genf bat der ReichSnnnister btS Aeußern, Dosen, den deutschen Botschafter in London, S t h a m e r, telegraphisch nach Berlin berufen. Der Botschafter, der gestern in Berlin eingetroffen ist, reiste nach der Konferenz mit Dosen wieder nach London.
Der in Genf weilende Vorsitzende der ober- schlesischen Zentrumspartei, Pfarrer l i z k a, erklärte einem Korrespondenten des „2. T.". der von dem Tschechen Kovac und dem Schweizer Herold ausgearbeitete Entwurf sei von dem Bestreben diktiert, in der oberschlesischen Frage eine Einigung der Engländer und Franzosen herbeizuführen, und habe alle Fehler eines Kompromisses in Höch- st er Potenz. Man glaubt, eine versöhnende Lösung darin gefunden zu haben, daß man politisch das oberschlesische Industriegebiet zu seinem größten Teil zu Polen schlagen, diesen polnisch gewordenen Teil aber gemeinsam mit dem deutsch gebliebenen als wirtschaftliche Einheit erhalten will. In dem naturnotwendig gegebenen Konflikt um die wirtschaftliche Vorherrschaft wird die deutsche wie die polnische Bevölkerung Oberschlesiens gleichmäßig leiden. Der Plan ist praktisch undurchführbar. Von der ober- schlesischen Bevölkerung und der deutschen Degie- runa muß klar und entschieden die llndurchführ- barfeii dieses Projektes erklärt werden. Das fragliche Projekt hat die oberschlesische Frage nicht gefördert, sondern um ein großes Stück zurückgeschleudert.
Paris, 10. Oft (Wolff.) Zu den gestrigen Enthüllungen des ,Rew Vork Herold" über die Vorgänge in Genf schreibt die rechtsstehende .Libre Parole": Die Meinungsverschiedenheiten erstreckten sich auf zwei Punkte, zunächst auf die Zuteilung von Kattowih und Königs- Hütte an Polen uxi> dann auf die Einsetzung einer internationalen Kommission für die wirtschaftliche Kontrolle, die eine der barocksten Schöpfungen wäre, die die neue Diplomatie zur Welt o rächte. Die Vaterschaft werde dem Belgier Hymans zugeschrieben. Sie wäre das würdige Gegenstück zu der unwahrscheinlichen Kombination von Wilna.
Genf, 10. Oft (Wolff.) Der Korrespondent des „Temps" teilte mit, bab die vier Mitglieder deS Völkerbundsrates, die mit der Vorlage des Berichtes über die Teilung Oberschlesiens beauftragt seien, daß die belgischen, brasilianischen, chinesischen und japanischen Vertreter ihre Arbeiten ununterbrochen fort- setzten. Gestern, Sonntag, seien sie zweimal zusammen gewesen. Die zweite Sitzung habe sich bis gegen 3 Ähr morgens hingezogen. Indessen habe ein vollständiges Einvernehmen unter den vier Mitgliedern nicht herge stellt werden können. Die Vorlage des von den vier ausgearbeiteten Entwurfs im Völkerbund hätte heute vormittag stattfinden sollen; sie sei auf Mittwoch verschoben worden. Der Völkerbund habe sich also noch nicht mit Oberschlesien beschäftigt. Er wird am Mittwoch unter dem Vorsitz von Baron Ishi zu einer außerordentlichen Sitzung zusammentreten, um von dem Ergebnis der Beratungen der Viererkvmmission Kenntnis zu nehmen. Am selben Abend werde er sich über die dem Obersten Rat zwecks Teilung Oberschlesiens „au empfehlende Lösung" einigen. Das Gutachten des Völkerbundsrates werde telegraphisch dem Vorsitzenden des Obersten Rates, B r i a n b, mitgeteilt werden.
Schwierige Lage des Kabinetts Wirth.
Berlin ,11. Oft. Deichskanzler Dr. Wirth ist gestern abend gegen 10 älhr von einer Erholungsreise nach Berlin zurückgekehrt. Dem „Berliner Sägeblatt“ zufolge ist für heute vormittag eine KabinettSsiyung anberaumt worden, in der das oberschlesische Problem, und die sich aus der Enttcheidung ergebenden Folgen beraten toerben sollen. In die er Sitzung wird, wie das Blatt berichtet, Leichsminister des Aeu- hem Dr. Dosen über seine Besprechungen mit dem deutschen Botschafter in London, Sthamer, berichten.
Dach einer anderen, von den Blättern wieder- gegebenen Version soll das Deichskabinett bereits gestern abend nach der Dückkehr des Kanzlers über das oberschlesische Problem beraten haben.
Der „Vorwärts" Ist infolge der für Deutschland ungünstig lautenden Dachrichten aus Genf um das Schicksal des Kabinetts W r r t h äußerst besorgt. Das Blatt schreibt: Die Sozialdemokratie steht in Bert ilsigungssteittmg zum Säprtze des Kabinetts Wirth und seiner bisherigen Politik Sie ist von vom angegriffen durch die Rationalisten Deutschlands, und sie ist im Rücken bedroht durch Die Entscheidung über Oberschlesien. Ob sie imstande fein wird, ihre Stellung zu hatten, das wird von der Entscheidung über Oberschlesien abhängen. Fällt diese so ungünstig aus. wie befürchtet wird, so werfen wir be$- halb noch! nicht die Flinte ins Kom. Aber wir dürfen uns auch nicht verhehlen, daß dann die Zukunft sehr dunkel vor uns liegt.
Wie die Blätter aus parlamentarischen Kreise r fahren, wird der Reichstagsaus- fc ' für Auswärtige Angelegenheiten am Mittwoch zusammentreten, um über die oberschlesische Frage zu beraten.
Eine englische Stimme brr Vernunft.
London. 10. Oft (Wolff.) DaS Parlamentsmitglied Kennworthy schreibt in einem Briefe an die „Time S". es scheine die Gefahr zu bestehen, daß die brttische össenlliche Meinung, beschäftigt mit den irischen Verhandlungen, mit Washington, mit der Arbeitslosigkeit und mit bei. hohen Steuern, in ihrem Interesse für die ebenso wichtige oberschlesische Frage Nachlasse. Dies würde bedeuten, daß Lloyd George und keine Kollegen ebenso das Interesse daran verlieren würden. Kennworthy fährt fort, das oberschlesische Problem sei heute so wichtig, wie jedes andere Problem, denn von einer richtigen Lösung der oberschlestschen Frage hänge die wirtschaftliche Erholung Europas ab und damit verknüpft die Hoffnung auf ein Wiederaufleben des englischen Handels Gin neues Elsah-Lothringen könne hier mit ähnlichen Ergebnissen geschaffen werden. Es gehe das Gerücht, daß Oberschlesien jetzt doch geteilt werden, und dah eine politische und wirtschaftliche Grenzlinie gezogen werden solle. Richts fei undurchführbarer. 3 e b e Teilung Ober- schlesiens würbe ein wirtschaftliches Verbrechen sein, nicht nur gegen die Provinz selbst und gegen Deutschland, sondern auch gegen Polen unb den übrigen Teil Zentraleuropas. Das Mindeste, waS der Völlerbund tun könne, sei, die Bewohner Oberschlesiens erst zu befragen. Oberschlesien fei der höchstentwickelte industrielle Bezirk Europas, es sei unteilbar, wie das Werl einer llhr. Die Mehrzahl der Bevölkerung sei gegen eine Teilung. Sie wisse, daß sie den Ruin bedeute. Das Interesse der unglücklichen Bewohner müsse in Erwägung gezogen werden, selbst vom Völkerbund, in dem sie nicht vertreten seien. Die ursprüngliche Abstimmung in Oberschlesien fei vorgenommen worden unter ber Voraussetzung, daß bie Bevölkerung barüber abstimmen solle, ob die gesamte Provinz an Deutschland oder Polen fallen solle. Die ganze Welt wisse, daß, wenn die Abstimmung eine polnische Mehrheit ergeben hätte, die gesamte Provinz an Polen gegeben worden wäre. Richt fünf vom Hundert der ober- schlesischen Bevöllerung würde für eine Teilung gestimmt haben; bevor man daher Oberschlesien teile, müsse eine Abstimmung über bie Frage ber Teilung stattfinden. Wenn sich die Bevölkerung gegen eine Teilung erkläre, bann müsse man ber Provinz örtliche Autonomie unter beut- scher Suzeränität geben. Dieses sei zwar keine ideale Lösung, aber polnisches Geld, polnische Ar- beitergesehgebung (bzw. deren Mangel) und polnische silnersahrenheit auf der einen Seite der Grenzlinie und deutsches Geld und deutsche Ar- beitergesehe und deutsche industrielle Tüchtigkeit auf der anderen Seite und dazu Zoll- unb Pah- schranken bedeuteten den Ruin eines reichen Gebietes, das für Europa eine Lebensnotwendigfeit sei. Kennworthy schließt sein Schreiben mit den Worten: Die Welt braucht Frieden und Produf- tion, aber sie braucht noch mehr einen wirtschaftlichen Völkerbund. Wenn man dem Völkerbund gestatte, in der oberschlesischen Frage einenRarren aus sich zu machen, dann würde er eben so in Mißkredit kommen wie der Oberste Rat
Eine obcrf(f)lefiftf)e Arbeiterabordnunq in London. Berlin, 11. Oft. Wie das „Derl. Tageblatt" erfährt, ist eine Abordnung von deutschen A rbe i t e r oer t r ete rn nach London abgereift. Dies*. Reise wurde veranlaßt durch die charmierenden Rachrichten über den Stand der oberschlesischen Frage.
Die neue englische Erkenntnis.
London, 10. Oft. (WTD.) Der Pariser Berichter statter der „W e st m i n st e r G a z e t t e" nennt das Wiesbadener Abkommen die bei weitem wichtigste Maßnahme seit dem Versailler Friedensvertrag. Es beftefce alle Aussicht darauf, daß die Reparationskommission das Abkommen schließlich genehmigen werde. Die Lage sei einfach, da Deutschland nicht in bar zahlen farm. Frankreich habe daher mit Deutschland vereinbart, daß es in Waren zahlen soll. Deutschland zahle in Waren nicht an die Alliierten im allgemeinen, sondern r\ur an Frankreich; die Solidarität der Allianzen, bie die Erfüllung des Friedensvertrages fordere, sei aufgegeben worden. Der Vertrag sei gerichtet, Frank- reichhandeleaußerhalbdesObersten Rates und außerhalb der Reparationskommission. Die Reparationskommil- sion müsse ihr eigenes Todesurtell genehmigen Iedermann wisse jetzt, daß die Bemühungen Deutschlands, Geld aufzubringen, um bie Alliierten in annehmbaren audlänbifd^n Werten befahlen zu tonnen, die mit deutscher Mark angekauft werden muhten, verhängnisvoll waren. Die Mark fiel und mit der Mark der Franken. Irn allgemeinen wurde eingesehen, daß diese .Zahlungen unmöglich fortdauern. Die anderen Alliicrt.n, insbesondere England, formen deutsche Waren nicht annehmen. Englands besserer Teil sei, die hoffnungslose Schuldeneintreibung zu Gunsten ' einer Politik der Wiederherstellung des Handels ' in Europa aufzugeben Das Londoner Ab- I kommen verschwinde nach unb nach. Die gesamte i europäische Politik werde jetzt in neue Kanäle geleitet. Das Wiesbadener Abkommen bedeute, haft das Londoner Abkommen preisgegeben werde und daß England nach 7 3obren feine weiteren deutschen Zahlungen erwarten könne. Englands 1 verwüsteten biete seien feine verlorenen ausländischen Markte
Churchills Vorschlag.
London, 10. Oft (Wolfs) Der politisch» Berichterstatter der „Sundatz Times" meldet, E h u r ch i 11 habe durch ein letzte Woche über bie finanzielle 2agc verbreitetes Memoranbum, wie verlautet, großen Einfluß auf bie Entscheidungen ber Regierung auSgeübt Churchill sei ber Ansicht, eine Rettung fei nur burch Stabilisierung ber Wechselkurse vermittelst gegenseitiger Erlassung ber SchuIben möglich Churchill sei sogar gegen größere Reparationen von feiten Deutschlands.
London, 10. Oft (WTB.) Im „Daily Chronicle" bezeichnet Ovservator als eines ber Mittel zum Wieberaufbau ber Welt bie allgemeine Streichung b «* * internationalen Schulden und Entschädigungen, mit Ausnahme ber zur WieDerve»,.^»^ .er zerstörten Gebiete bestimmten. Sollte ein solches internationales Abkommen nicht zustande kommen, so müßte Großbritannien die ihm von den Alliierten geschuldeten Summen streichen.
Die Arbeitslosenfrage.
London, 10. Oft. (WTB ) Die 21 r b c i t entartet unb ber Gewerkschaftskongreh haben bie Einladung Lloyd Georges, am Dienstag abend zu einer Besprechung der Arbeitslosenfrage mit ihm zusammenzukommen, angenommen.
Die aufständischen Mollahs.
London, 10. OIL (Wolff.) „Daily Telegraph" erfährt auS Allahabad. daß die aufständischen Mollahs, alle Hindus, Männer, Frauen und Kinder, niebermetzelten. Der Führer ber Aufständischen plane bie Errichtung eines Mollaykönigtums in Ernad.
Stresemann über die Politik des Kompromisses.
In W e s e l hat der Abgeordnete Dr. Stresemann am Sonntag auf der Versammlung der Deutschen VvlkSpartei im Reichstagswahlkreis Düsseldorf-West (Rie- derrhein) über die polittfcye Lage gesprochen. Lieber unsere gegenwärtige innerpoltti- s ch e Hauptsorge, die Bildung einer neuen Koalttion, sagte er:
Wenn wir, waS ich nicht weiß, in eine neue Regierung eintreten toerben — seit Görlitz hat die Sozialdemokratie Angst vor der eignen Courage bekommen —, so geben toir nicht das geringste auf. Ich habe schon, ehe ich etwas von Görlitz wußte, neulich in Lüdenscheid gesagt, daß toir, wenn wir In der Regierung sind, nicht tun eine Ruance in unsrer Politik anders handeln. In den Versuchen einer Verständigung sind toir jetzt mit dem Zcki- trum und den Demokraten auf allen Gebieten ei Ltg geworden, jedoch nicht mit ber Svzialbemokralie. Cs wird ohne eine Besitz st euer nicht gehen, aber wogegen toir uns wehren, das ist ein Eingriff in die Substanz der deutschen In - o u st r i e, ehe eine Stabilisierung der Mark erfolgt ist. In bie Substanz ber Inbustrie einzugreisen und bann nach einem ober eineinhalb Iahren boch erklären zu müssen, daß toir nicht in der Lage sind zu zahlen, das machen toir nicht mit. Geradedle deutschen Arbeiter sollten sich mit uns auf diesen Stam>punkt stellen. Das hat nichts mit Kapitalismus zu tun, sondern es handelt sich nur um bie Frage, toie toir uns bas Beste unb Einzige, was toir noch haben, erhalten. Ich hoffe, baß toir auch barüber zu einer Derstänbigung kommen. Sollte es zu dieser Verständigung kommen, dann bitte ich Sie, uns und unsre Partei nicht unter dem Gesichtspunkt anzusehen. ob uns bie Parteien unb bie P.rsönlichkeiten passen, mit benen toir zusammen arbeiten, sondern nur unter dem Gesichtspunkt, ob es dem deutschen Voll und dem Reich frommt. Die Rot schafft seltsame Schlaf- genoffen, und man muß zur Erreichung des Zieles mit manchem Zusammengehen, von dem und eine ganze Wettanschauung trennt. Wir dürfen auch nicht fragen, ob einem der andre sympathisch ist oder nicht. Es ist uns nicht leicht getoorben, da- sage ich ganz offen, unS zu dieser Politik durch- zuringen. Aber toir haben unS gesagt, daß es eine unbedingte Ao Wendigkeit ist.
Bei der auswärtigen Politll kam Dr. Stresemann auch auf daS Wiesbadener A b- kommen zu sprechen mU der Schlußerklärung, dah das Wiesbadener Abkommen von der Deutschen Volkspartei gebilligt werden könne. Im wesentlichen sagte er folgendes dazu: Das Wiesbadener Abkommen unterUegt einer lebhaften Kritik. Der Reichsverband der deutschen Industrie, dem ein großes Sachverständnis auf diesem Gebiet zuzutrauen ist, hat den Darlegungen des Minister- Rathenau mit ziemlichem Beifall zugestimmt, wenn er es auch an Kritik nicht hat fehlen lassen. ^Da- Wiesbadener Qlbfommen in Bausch und Bogen zu verwerfen, hatte ich nicht für richtig. Rathenau stellt sich auf den Standpunkt, dah alles Arbeiten der Aotenpresse unsre 2Rarf nicht so entwertet habe, wie es der Aufkauf der Devisen in den letzten Monaten getan habe. Dann sagt Rathenau. dah toir versuchen wollten, an Stelle des Aufkaufs von Devisen, der unsere Valuta ruiniere, mit Sachleistungen unsre Entschädigung zu bezahlen. Dieser Gedanke ist richtig. 2Han tonnte den Einwurf machen, dah- der gegenwärtige Stand der deutschen Mark zu einer Exporthausse führe. Ich halte aber diesen Zustand für innerlich krank, unsre wirtschaflliche Lage darf nicht auf Schwankungen gestellt werden. Was wir jetzt sehen, ist eine tropische, ungesunde Entwicklung. Durch die Entwertung unsrer Valuta leidet am meisten die Mittelschicht unsers Dolles, do- Beste, was wir noch haben. Wir haben heute höhere Beamte, die ihren


