Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image

Nr. 257

Der Siebener Luzeiqer erscheint täglich, ouger Sonn, und Feiertags. Monatliche Vezvgrpre'se: Mk 5.50 einschl. Träger- lohn, durch die Post Mk. 6.50 einschl. Bestell- gelb, auch bei Mchterschei- nen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt. Fern sprech. Anschlüsse: fürdieSchriflleitung 112; für Druckerei. 1) erlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Deahtnach. richten: Anjeiger Sietzeo.

postfcheckkont»:

Sroifhirt e. m. U666.

Erstes Blatt

Montag, sO. Oktober 1921

M- Jahrgang

Ä A Annahme von Anzeige»

ry WU für die Tagesnummer oi«

GlchenerAnMger

W Vorschrift 20' .?lufjchlag.

General-Anzeiger für Oberhessen WW

Anzeigenteil: Hans Beck,

vnick nno Verlag: vrühl sche Univ.-V«ch' mb Steinöruckerei R. Lange. SchriftleitUng, Geschäftrfteile und Druckerei: Schulftratze 7. sämtlich in Dießen.

Die Koalition auf dem toten Gleis.

(3tn Berliner Mitarbeiter schreibt uns:

Die Anläufe in unserer inneren Politik bringen eS leider nur selten zum Sprung, meist bleien sie in sich selbst stecken oder enden zwischen zwei Stühlen. Nachdem sich eint ermaßen überraschend während des Stockens der Koalitionsverhandlungen zwischen den ÄeichStagSfraktionen die vier mitt­leren Fraktionen des preußischen Landtags gemeinsam an den Tisch der Aussprache ge­setzt gatten, ist jetzt auch hier wieder sckwn eine Atempause eingetreten, die der Toten- starre nicht unähnlich ist. Ein Fortschritt gegenüber den Besprechungen Mischen den Parteien, die seinerzeit der schließlich unter Steger-xAdS Führung und durch seine Amsicht zustande gekommenen Kabinettsbildung in Preußen galten, ist wenigstens zu verzeichnen. Man redet nicht über das, was in den engeren vier Wänden des Debattierstübchens erörtert worden ist, und man verzichtet auch einiger­maßen darauf, sich gegenseitig die Schuld an der Ergebnislosigkeit des Wortgefechts zuzu- schteben.

Görlitz schien ein Markstein in der Ent­wicklung der MehrheilSsozialdemokratie wer­den zu tvvllen. Marksteine pflegen aber ge­wöhnlich nicht die Eigenschaft zu haben, daß sie immer weiter verschoben toerden. Es war allerdings schon in Görlitz zu sehen, daß die Betonung der KoalitivnSbereitschast geschah in einer Ba^ante des Wortes:3mmeT daran denken, nie ixwvn reden." Je mehr man davon sprach, destr weiter entfernte sich die Ver­wirklichung. Heute ist die Partei bereits dahin gekommen, daß zwischen ihr und ihren Gör- litzer Beschlüssen ein einigermaßen breiter und trennender Abstand bemerkbar wird. Die Par­teifunktionäre streben nach dem Pyrrhussieg über Hie Pal teipolitiker. Augenblicklich ringen in der sozialdemokratischen Partei Einsicht und Anverstand, Schaffenswille und Doktrinaris- 7NUS miteinander. Das Auf und Ab des Ba­rometers der Parteistimmung erzeugt auch die Schloankungen im KoalitionSprvblem. So lange sich die sozialdemokratische Wetterfahne noch haltlos auf dem Dache des in der Phan­tasie bereits als Rohbau vollendeten Koali- ttonsgebäudes dreht, werden die darin war­tenden neuen Räume nicht wohnbar gemacht werden können.

Ebenso wie im Reich haben die Sozial­demokraten jetzt auch in Preußen dem fort­schreitenden Einigungsgedanken ein Bein ge­stellt. Hier wie dort haben sie die Koalitions­frage mit der Frage nach der Bündnis» fähigkeit der A. S. P. verquickt. Anter dem Zeichen von Görliy setzte man sich an den Verhandlungstisch, aber es war nicht das Zeichen, in dem man siegen wollte. Denn schon beim ersten Htühlerücken zeigt der Rückblick auf Görlitz nur das Bild einer stark ver­wischten Silhuette. DerVorwärts", als ge­treuer Chronist, alle Kursschwankungen der Partei säuberlich notierend, beschwert sich über unrrütze Briefschreiberei", indem er die Rück­frage der Demokraten nach einer Garantte gegen ettoaige Rätegelüste der Anabhängigen und nach deren Geneigtheit zur Koalition mit der VolkSpartei mit dem Namenneckisch/" bedenkt. Das sozialistische Parteiblatt vergißt nur, daß dieunnü.jc Briefschreiberei" von den MehrhettSsozialdemokraten selbst in die Debatte hineingettagen wurde.

Inzwischen hat di A. S. P. ihre Antwort auf den unnützen Brief gegeben. Nicht direkt zwar, sondern nur durch die Blume; aber die Adresse ist deutlich an die beiden mittleren bürgerlichen Parteien gerichtet. DieFrei­heit" beschäftigt sich m.t den monarchistischen Geheimorganisationen, ür deren Bestehen sie die Beweise lediglich ,-^uS nichtsozialistischem Material, nämlich Ausführungen derFrank­furter Zeitung" erbringen kann, und knüpft an ihre Betrachtungen die etwas merkwürdige Behauptung,daß die Geheimbünde nicht we­niger starken Schutz (als bei den Deutschnatio­nalen) durch die Deutsche VvllSpartei fin- den". And tveiter will sie verraten können, daß die Dollspartei nur deshalb in die Re­gierung hinein will, um die Demokratisierung der Derroaltung und die Säuberung der Justiz und der Polizei von reakttvnären Elementen zu verhindern. ES heißt bann:Wer denen um Stresemann den Zutritt zur Regierungs­macht verschaffen will, der verpaßt alle Mög­lichkeiten eines Kampfes gegen das politische Mordbrennerlum.

Das ist eine nicht mehr mihzuverstehende deutliche Absage der Anabhängigen gegen die VolkSpartei. Zeyt ergibt sich die Frage, ob die Sozialdemokraten nunmehr nach der Klärung dieser einen Seite des Koalitionsprvblems ge­neigt sind, in ernsthafte Verhandlungen mit der VolkSpartei einzutreten, ohne sie von neuem durch intersozialistische Zwischenspiele

zu gefährden; ob sie praktische Arbeit leisten will, oder ob sie neue Gründe der Derschlep- pungSpolittk aus dem Arsenal ihres Pattei- doktrinartSmuS hervorsuchen werden. SHe ge­spannte außenpolitische Lage, die wirtschaft­liche Krisis, die Ansicherheit über das Schick­sal Oberschlesiens verlangen im Innern eine möglichst einheitliche Geschlossenheit auf mög­lichst breitem Boden.

Die Unabhängigen lehnen endgiltig ab.

B e r l i n, 9. Okt. (Wolff.) DieFreiheit" veröffentlicht ein Schreiben des Vorstände? der sozialdemokratischen Partei Deutschlands an das Zentralkomitee der Unabhängigen Partei, worin letztere erneut gefragt wird, ob sie vorbehaltlich der Festsetzung eines Regierungsprogramms in das Kabinett Wirth eintreten wolle. Das Schreiben betont, daß die sozialdemokra­tische Partei auf den Eintritt der Anabhängi- gen in das Kabinett den größten Wert legt, weil dieses damit eine sichere parlamentarische Mehrheit erhielte, was vor allem im Hinblick auf die Steuerpolitik der nächsten Zukunft und auf die Durchführung der zur Sicherung der Republik notwendigen Maßnahmen dringend geboten erscheint.

Das Zenttalkvmitee der Anabhängigen Partei sandte darauf ein Antwortschreiben an die Mehrheitssozialdemokratie, in dem es heißt:Nachdem feststeht, daß von den drei ge­genwärtigen Koalitionsparteien zwei die Er­weiterung nach rechts und nicht nach links wün­schen, hat diese wiederholte Frage keiner- lei praktische Bedeutung mehr. Wir haben daher keine Veranlassung mehr, eine ge­meinsame Sitzung der Parteileiter ynb der Reichstagsfraktion einzuberufen, damit sie zu der völlig gegenstandslosen Frage Stellung nehmen."

Eine Rede des Reichskanzlers.

Offenburg i. Baden, 9. Okt. (WB) Anläßlich des 25 jährigen Iubiläumsfestes des katholischen Arbeitervereins Offenburg hicltReichskanzler Dr. Wirth eine Rede, in der er sagte: Ich ge­höre nicht zu denen, die den Begriff der Amts- müdigkeit kennen; wir wollen, auch wenn sich die schwersten Wogen hoch auftürmen. nicht verzagen. Wir muffen uns große Zurückhaltung auferlegen, denn wir dürfen nicht vergeffen, daß die Böller um uns noch immer uns mit siarlem Haß verfolgen. Wir müffen zeigen, daß wir mit dem Wiederaufbau Ernst machen und tun, was in unseren Kräften steht, um zu diesem Werke beizuttagen. Ein Volk, das den ernsten Willen zeigt, ein Dolk, das aufrichtig ist, eine Reichsregierung, auf deren Wott man unbedingt trauen, kann, werden uns das Dettrauen der Welt wieder erwerben. Hier und da fanden wir bereits Verständnis. Die große wirtschaftliche Krise, die die Welt durchlebt, wird die schwierigsten Probleme aufwerfen. Man denke nur an die vielen Millionen Arbeitsloser, die in England und Amerika existieren. Also nicht nur wir, sondern auch die Länder, die zu den Siegern zählen, hoben mit großen Sorgen zu kämpfen. Wir haben zwar Frieden, aber nicht den wahren wirtschaftlichen Frieden. Der Reichskanzler sprach dann von den Sanktionen am Rhein und sagte: Besonders die militärischen Sanktionen empfanden wir immer als ein Anrecht und wer­den sie auch weiterhin als ein Anrecht empfinden. Wir taten alles, war wir zu erfüllen hatten, waS uns gesetzt war als Bedingung für die Aufhebung der Sanktionen. Jetzt müffen auch die Alliierten mit derselben Pünktlichkeit für die Aufhebung der militärischen Sanktionen Sorge tragen. Es sei nicht gerade ein Ruhmesblatt für die Geschichte der Alliierten, daß sie die milttärischen Sankttonen noch nicht aufgehoben hätten. Aber er hoffe, daß der Tag nicht mehr fern sei, wo der Krieg auf­höre und daß dann alle verständigen Menschen sich an einen Tisch zusammen setzen, um zu be­raten, wie der drohenden wittschattlichen Krise in der ganzen Welt entgegengewirkt werden könne.

Der Reichskanzler kam dann auf die ober­schlesische Frage zu sprechen und sagte dabei u. a.: Ich bin sehr beunruhigt über das Schicksal dieses Landes. Ich weih nicht, ob ein Besinn- ungswechsel unter den Alliierten ein- getteten ist oder ob man etwa Lust verspütt, ein neues Land im Osten zu konstruieren, über das in Deutschland getrauert werden würde. Heute noch wäre eine Verständigung mit dem polnischen Volke möglich. In Warschau hat jedoch die Vergröher- gunswut die Deister verblendet und das polnische Volk geht dazu über, sich mit dem deutschen Volke zu DCTfeinben, nachdem es sich die Ruffen zum Todfeinde gemacht hat und obwohl in Litauen und Galizien der Kampf noch nicht abgeschlossen ist. Soll zwischen das deutsche Volk und das polnische Doll ein verpestender pollttscher Leichnam gelegt werden? Der Gedanke an eine solche Konstruktion sollte die Politiker aller fiänber abhalten, den Schritt zu tun, dem deutschen Dolle deutsches Land, das Jahrhunderte lang zu uns gehött hat, durch ein Diktat zu rauben. Das deutsche Doll weih nichts amtlich über die Stimmung im Völkerbundsrat. Aber enttäusche man Deutschland nicht, gerade nicht um des demokratischen Prinzips n Europa willen. Das deutsche Voll, das guten Willens ist, ein Reich der Freiheit und der Gerechtigkeit, ein Reich des Friedens mit allen Völkern mit eigener Hand unter größten Opfern aufzubauen, darf nicht enttäuscht werden. Eine Enttäuschung wäre schmerzlich

nicht nur für die Führung der Polittk und ihre großen Ziele, derVölkerverständigung und Völkerversöhnung. Richt allein um der deutschen Regierung willen, nein, um des Schicksals Europas willen, um des Schicksals insbesondere des arbeitenden deutschen Volkes willen ist für uns eine gerechte, eine weit- auSschauende, eine ihrer Bedeutung angemessene Entscheidung in der oberschlesischen Frage eine Lebens Notwendigkeit.

Der Reichskanzler forberte schließlich zur Einig­keit auf unb warnte einbringlich bavor, das beut- sche Dolk in zwei Lager zu spalten. Rur die Zusammenfassung aller Kräfte, auch des Be­sitzes, könne uns wieder aufwärts führen zu dem Weg, den die christlich gesinnte Arbeiterschaft stetS verfolgt habe und dessen Endpunft gekrönt werde von Dem Zeichen der Erlösung. Der Reichs­kanzler streifte auch die Verhandlungen mit den Ver­tretern der Industrie, des Handels und der Banken, wobei er seiner Ansicht dahin Ausdruck gab, bah er burcharcS bamit einverstanden sei, bah jene Kreise, die dem deutschen Dolle helfen wollten, auch mit die Verantwortung trugen an der Füh­rung der Regierungsgeschäfte. Aber täuschen dürfe man das deutsche Volk nicht. Das Angebot müsse Wirklichkeit werden. Das deutsche Volk ist zu retten, wenn es sich selbst nicht aufgibt. Wenn es auf Gott vertraut, wenn es redlich und verständnisvoll weiterstrebt, wird auch für uns wieder ein Tag des Friedens und der Beiheft, ein Tag des Wohl­ergehens beschieden sein.

Die oberschlesische Frage im Völkerbundrat.

Paris, 9. Okt. (Wolff.) Rach einem Be­richt des Genfer Korrespondenten des .New Port Hevalb" liegt bie Entscheidung des jVölkerbunbsrats den Mächten bereits vor, diese weigerten sich jedoch, ihren Vertretern im Völkerbunbsrqt deren Billigung zu gestatten, falls nicht gewisse Abänderungen getroffen würden. Es verlaute, bah ein nichckeuropäisches Mitglied des VöllerduirdsrateS drohte, sich von der ganzen Angelegenheit zurückzuziehen. Der VöllerbundS- rat halte jetzt nur noch zum Sch«n Sitzungen ab. Inzwischen würden von Seiten der Mächte Geheimverhandlungen über die vor­geschlagene Lösung geführt.

Zu dieser Meldung schreibt der .Eclair", wenn sie wahr sei, handle es sich um eine schwere Ankorrektheit. die dem Schiedsspruch jeden Wert nehmen könne. Die Wirkung dieser A-ckorrekthcit hätte sich Bald gezeigt, denn eine oder mehrere Re­gierungen, die im Obersten Rat vertreten fern, hätte an ihre Vertreter im VöllerbundSrat In­struktionen gegeben, damit bie Zustimmung zum Entwurf, der einstimmig angenommen werden müsse, aufgeschoben werde, bis gewi fe bereits im Gange befindliche Verhandlungen abgeschlossen seien. Der .Eclair" nimmt an, daß es sich hier um eine Verdrehung der Tatsachen handelt und glaubt, ebenso sicher zu sein, wie man in sol­chen Fällen sein könne, daß die franzof sche Re­gierung keine Mitteilung erhalten habe. An­dererseits glaube das Blatt auch nicht, daß Ita­lien, Zapan, Belgien, Spanien, Brasilien und China eine Mitteilung erhielten. Da der .Eclair" alle im Völlerbunbsrat vertretenen Länder außer England nennt, wird also die Frage offen ge­tanen, ob die Macht, von der gesprochen wird, England sei. Das Blatt weist übrigens auf die Demarche des Delegierten Fisher bei Lloyd George hin, von der es am Dienstag sprach.

Paris. 9. Okt. (Wolff.) Dem ..Reuhork He­ralb" wirb aus ®enf über bie ins Auge gefaßte, zum Gegenstand einer scharfenGrörterung gewordene Lösung der oberfchlesischen Frage berichtet, sie enthalte nicht nur gewisse Abänderungen der Sforzalinie, sondern auch den Vorschlag, eine dreigliedrige Kommission unter dem Völkerbund einzusetzen, die etwaige wirt­schaftliche Streitigkeiten beilegen solle. Die Kommission würde keine Verwaltungsbefug­nisse haben, wie die Saarkvmmission, sondern le- dtgllch Streitigkeiten zwischen den deutschen und polnischen Gemeinwesen beiderseits der vorge­schlagenen Linie regeln, deren Wirtschaftsleben in gegenseitiger Abhängigkeit stehe. Die Kom- missron solle zusammengesetzt sein aus je einem Deutschen, einem Polen und einem Neutralen Der Gedanke sei von dem belgischen Delegierten Hymans auSgegangen und schließlich von seinen Kollegen gebilligt worden. Im einzelnen seien die Defugniffe der Kommission gegenwärtig Gegen­stand einer Kontreverse unter den Mächten. Ge­rüchtweise verlaute, daß die englische Regierung in gewissen untergeordneten EinzeHeiten Ein- toenbungen gegen die vorgeschlagene Grenze er­hoben habe. Diese Linie werde Königshütte und Kattowitz an Polen fallen lassen obwohl Lloyd George in Paris darauf bestanden habe, daß sie Deutschland zugesprochen werden sollen.

Die Verwendnng derLudendorssspcnde".

D e 11 i n, 9. Oft (WB). Das .Deutsche Abend- blatt' brachte in seiner Rr. vom 8. Oktober in sen­sationeller Aufmachung unter den drei Aeberlchriften .Das Geheimnis der Ludenborffspende!', .Wie werden die Millionenbettäge verwendet?', .Wirllich für bie Kriegsbeschädigten?', Ausführun­gen, bie sich auf einen Artikel in der Wochenschrift Sie Tradition' zu stützen scheinen. Das Blatt hatte u. a. gefragt ob eS wahr sei, daß 50 Millionen Mark der Ludendorffspende nur tatsächlich ber Für­sorge zugeführt worden seien und ob die fehlenden 100 Millionen Mark seiner Zett für sozialdemo­

kratische Wahlpropaganda verschleudert worden seien.

Demgegenüber stellt daS Reich arbeitS- mtnifterium fest, daß bie im Fahre 1918 unter dem Namen .Lubendorffspende' aufgebrachten Mittel, rund 160 Millionen Mark, zum über­wiegenden Teile nicht nach Berlin oder an die Zenttalstellen geflossen sind, sondern in den Län­dern, bzw. Provinzen, verblieben sind, wo sie gesammelt wurden. Sie wurden und werden hier von den Hauptfürsorgestellen für Kriegsbeschädigte gemäß den bei der Sammlung angegebenen Zweck­bestimmungen und somit dem Spenderwillen ent­sprechend lediglich zur Ergänzung, nicht aber zur Entlastung der Reichs-, Staats- unb kommunalen Fürsorge verwanbt Dabei wirken entsprechend Dem Gesetz vom 8. Febr. 1919 bie Kriegsbeschädigten- organisattonen mit Rur ein Bruchteil der ßamm- lungserträgnissewurbeundwirdalsReichsauSgleichS- fvnd unter Mitwirkung der Spihenorganisationen vom Reichsausschuß ber Kriegsbeschädigten zugunsten der Kriegsbeschäbigtenfürsorge verwaltet. AuS diesem Tatbestand geht bereits die technische An­möglichkeit hervor, die Mittel ber Ludenborffspende für Wahlpropagandazwecke zu verwenden Weiter ist der Feststellung deS ReichsarbeitSministeriumS zu entnehmen, daß eine geprüfte Abrechnung der Ludenborffspende bereits im Frühjahr 1916 ver­öffentlicht und der gesamten Preffe zugänglich ge­macht worden ist

Pazifistcnkongrest

Berlin 8. Okt (Priv.-Tel.) Die Blätter melden aus Essen: Aus dem zu Ehren des Pazifistenkongrefses veranstalteten De- grüßungsabend führte Reichstagspräfi- oent Loebe auS: Wenn bie Deutschen ihren Friedenswillen betonen, so erfüllen sie damit eine vaterländische Pflicht angesichts des Trei­bens der ausländischen Imperialisten. Sie zer­stören damit die Legende, daß das ganze deutsche Volk sich dem Gedanken der Revanche hingebe Den Abschluß deS Wiesbadener Vertra­ges bezeichnete Loebe als Grund zur besonderen Freude für die Friedensfreunde. Ich begrüße schloß der Reichstagspräsident auf diesem Kon­greß mit besonderer Genugtuung, daß heute die wirtschaftliche Notwendigkeit erzwang, was recht­zeitig und freiwillig zu tun die Völker versäumt haben, alS Urnen die Idealisten den Weg dazu zeigten.

Essen, 8. Ottbr. (Wolff.) Der 10. deutsche Pa^ifistenkongreß nahm nachstehenden Antrag Earl DetterS, eines Mitgliedes deS HauptauS- schuffeS, zum Abkommen inWieSbaden ein­stimmig an:

Der 10. deutsche Pazifistenkvngreh begrüßt bas Abkommen von Wiesbaden unb spricht seine Befriebigung auS, baß eS auf dem Wege der diretten Verständigung gelang, bie erste feste Drücke zwischen Frankreich und Deutschland zu schlagen. Der Kongreß ist sich einig in der Forderung, daß deutscherseits alles geschehen müffe, um die übernommenen Verpflichtungen auf das loyalste zu erfüllen, und erwartet auch, daß das ftanzösische Volk in diesem Abkommen den ehrlichen Willen zur Wiedergutmachung von sel­ten der Mehrheit des deutschen Volkes erkennt. Die Tagung der deutschen Pazifisten schätzt die Wiederaufbauvereinbarungen der beiden Natio­nen um so mehr, als diese Methode der Auseinandersetzung über Streitfragen zu den wesentlichen Zielen aller deutschen Kulturvrganisa- tionen gehört und weil sie der Ansicht ist, daß die deutsch-französische Verständigung eine der ersten Vorbedingungen darstellt für die Wiedergesundung Europas und die Ausgestaltung des Völkerbundes zur wirklichen, alle Nationen umfaffenden Rechts-, ArbeitS- und Kulturgemelnschast."

Die internationale Hilfe ffir Rnhland.

Brüssel, 8. Okt. (Wolff.) Der RebaktionS- ausschuß der internationalen Konfe­renz für bie RuhlanbShilse hat heute morgen den Wortlaut der Entschließungen, bie heute nachmittag erörtert werden sollen, festge­stellt. Eine technische Kommission wirb von ber Konferenz beauftragt werden, sich an Ort unb Stelle au begeben und dann einen Bericht vorzu- legcn. der bie Konferenz in den Stand setzt, bie Regierungen um bie erforderlichen Kredite za bitten. Die Entschließungen sahen gleichfalls vor, erst bann in eine wirtschaftliche Lösung einzu­willigen, wenn bie normalen Debingun - gen beS Wirtschaftslebens in Ruß­land wieder Hergeste ll t sind. Das Ver­trauen könne nur hergestellt werben durch die Anerkennung der biS jetzt noch nicht anerkannten Verpflichtungen unb ber Vorschüsse durch bie Sowjetregierung. Die Regierungen finb mit Kre­diten nur unter folgenden Bedingungen einver­standen: a) Die Sowjetregierung erkennt bie V o r- kriegsfchulben unb die anderen Verpflic^ hingen, die aus dem bestehenden Regime her- rühren, an; b) die Bür^schaftöbedingungen für die Krediteröffnung werden billig unb normal sein; c) die bewilligten Kredite werden erst nach den Angaben der Etudienkommisfion unb für bie wesentlichsten Lebensrnittel benutzt werden können.

Die Lage in Kleinasien.

Athen. 8. Okt. (Wolff.) Das Preffebureau verbreitet eine ausführliche Auslastung von zu­ständiger Stelle, bie gegen die türkischen Be­richte über bie Lage in Kleinasien Stellung nimmt und bie Entwicklung der militärischen Opera­tionen seil dem 4. September schildert.

Die Auslassung klont, daß ber am 12. Sep­tember begonnene Rückz ugdergriechitch en Armee, entgegen den türkischen Meldungen, in voller Ordnung durchs eführt wurde. Die griechi-