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Dienstag, 6. September (921

171. Jahrgang

Erstes Blatt

2lldldi(Uic O'Jii

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HL 238

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GichenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Der (Entwurf einer Verfassung der evangelischen Landeskirche in Hessen.

Don Professor D. Dr. M. Schian. (Schlub) 3.

Die drei Superintendenten, eine alte hessische Einrichtung, sollen bestehen bleiben. Der Prälat soll nicht Superintendent sein, weil er sonst überlastet würde. Man kann über diesen Punkt verschiedener Meinung sein; zu erwägen ist auf alle Fälle, ob nicht seine Superintendentur. wenn er neben aller anderen Arbeit eine solche zu verwalten hätte, schwer leiden mühte.

Der Ausschuh war der Meinung, dah das Amt des Superintendenten von gröhter Wichtig­keit sei. Er wird daher in dem Entwurf der brüderliche Berater der Pfarrer und Kandidaten genannt; ihm wird die Ausgabe zugewlesen, dah er mit den Gemeinden, Dekanen. Pfarrern, -He» ligionslehrern und den Angestellten der Kirchen­gemeinden in persönlicher Fühlung stehen_ soll. Damit ihm das in ausgiebigem Mähe möglich wird, soll er in der Regel in seinem Sprengel wohnen Eine wichtige Aenderung des gegen­wärtigen Zustandes! Sie alsbald in Kraft zu sehen, wird der Wohrrungsmangel verhindern. Auch müssen die Superintendenten zweifellos zu der "Verwaltungsbehörde gehören und oft an ihren Beratungen teilnehmen, woraus sich Grünte für den Wohnsih in Darmstadt ergeben. Aber der WohnsiN im Sprengel wird die persönliche Füh­lung erleichtern. , _

Eine Reuerung ist aach die Cmrrchtung eine« Kollegiums der Superintendenten, tem der Prälat präsidiert. Diesem Kollegium soll u. a. die Berteilung der Pfarramtskandidaten auf die Sprengel und ihre Bersehung übertragen werden. " _

Die Dekane sollen wie bisher vom De­kanatstag gewählt, also nicht von fror Behörde ernannt inerten. Die Wahl bedarf aber der Be­stätigung durch die Kirchen.regierung. Die auf Einführung ter Ernennung des Dekans durch die Kirchenregierung gerichteten Wünsche fanden im Ausschuh keine Mehrheit. Sie werden im Ple­num wiederkehren und endgültig zu bescheiden sein. Wie mir scheint, hat ter Ausschuh das Richtige getroffen. Es ist jetzt nicht die Zett dazu. Rechte zu entziehen. Hub der Dekan muh da« Bertrauen seines Dekanats besitzen. Dessen kann er am sichersten sein, wenn er gewählt wird.

4.

Der Ausschuh ist nach vielen schwierigen Be­ratungen, nach reichlichem Hin und Her dazu ge­kommen. die Bildung der Landessynode durch Ur« wablenzu empfehlen. Was für. was gegen die­sen Wahlmodus spricht, das habe ich in meinem früheren Aufsatz an dieser Stelle auseinander- geseht; ich wiederhole es nicht. Dah der Kampf um diesen Beschluh nochmals entbrennen wird, ist vorauszusehen. Tatsächlich _ haben Lirwahlen mancherlei gegen sich: wer dächte nicht schon im voraus mit Sorgen an die scharfen Parteikämpfe, die damit verbunden sein können? Aber bei dem bisherigen Siebstzstem kann es wirklich nicht blei­ben; darin sind sich alle einig. Bleibt die Mög­lichkeit, dah die Mitglieder der kirchlichen Ge° meindcvertretungen als Wähler fungieren. Würde das ohne Parteikämpfe abgehen?! Und wäre nicht die Folge, dah die Gemeindevertretungen unter Parteigesichtspunkten gewählt würden? Führt die Kirche aber Lirwahlen für die Landessynode ein, dann kann sie ein für allemal die Anwürfe ab­weisen, als fürchte sie die breiteste Oeffentlichkeit, als gäbe sie nicht jedem das Recht, seine Meinung zur Geltung zu bringen.

3n der Landessynode sollen 18 Pfarrer und 36 Richtpfarrer als gewählte Abgeordnete sitzen. Also doppelt soviel Richtgeistliche wie Geistliche. Diese Bestimmung scheint mir sachgemäh. Die Landessynode darf unter keinen Umständen vor­wiegend als Vertretung der Pfarrerschaft erschei­nen; sie ist die Vertretung der Gemeinden. Be­steht ein Drittel aus Pfarrern, so ist für Vertre­tung des theologisch - sachverständigen Elements doch wohl ausreichend gesorgt. Wenn wir aus der Pastvrenkirche heraus wollen, so muffen wir bei der Gestaltung unserer Synoden anfangen.

5.

Endlich dieGerneinde. Mancher Gedanke her neueren ©cmemtetetocgurtg findet sich im Entwurf, wenigstens andeutungsweis, wieder. Ich bekenne, dah ich in dieser Richtung gern mehr geschehen sähe. Dah einmal jährlich einer Ge­meindeversammlung ein ^Bericht über das Ge­meindeleben zu geben ist, ist ein Fortschritt, der manchem Aengstlichen nicht recht sein wird. Viel­leicht ist aber eher ter Entwurf noch zu ängstlich, indem er die Befugnisse der Gemeindeversamm­lung zu eng umgrenzt Dah die Möglichkeit ge­boten wird, offiziell Arbeitsausschüsse der Ge­meindevertretung zu bilden, ist gut; besser noch wäre es. wenn ein Arbeitsausschuh für das innere Gemeindeleben neben dem Kirchenvvrstand wenig­stens in ^gröberen Gemeinden eingesetzt werden mühte. Dah die Kirchengemeindevertretung Mitglieder aus den Organisten, Religionslehrer und -Lehrerinnen, sowie aus den Derttetern der kirchlichen Gemeindevereine in ihre eigene Mitte hinzuberufen kann, ist nützlich. Sehr wichtig und sehr zu begrüben ist die Bestimmung, wonach eine Kirchengemeinte mit mehreren Pfarrern in die gleiche Zahl von Pfarrbezirken geteilt werden muh. Dah die Verteilung ter Pfarramtsgeschäfte durch besondere Satzung erfolgen soll, mag nötig sein; aber noch besser wäre es, wenn die Verfassung vorschriebe, dah die Pfarrbezirke auch für Amts­handlungen und Seelsorge mahgebend fein müssen. Ausdrücklich ist den Gemeindegliedern das Recht

zugesprochen, für < einzelne Amtshandlungen die Dienste eines anderen als des zuständigen Pfar­rers zu Beanspruchen. 3a, in Kirchengemeinden ober Orten mit mehreren Pfarrern können sie ihre Einpfarrung in eine ändere Pfarrei verlangen. Das sindDentile", ohne die es heute nicht gebt. Auch eine Bestimmung ist getroffen, wonach kirch­liche Gebäude «und Geräte für gottesdienstliche Feiern, bei denen ein anderer als der zuständige Pfarrer amtiert, erbeten und gewährt werden können. Warten wir, wie diese Bestimmung aus­genommen werden und wie sie toirlen wird!

6.

Dieser kurze Lieberblick hatte nicht die Absicht, in eine Erörterung der einzelnen Streitfragen einzutreten. Er soll vor allem weiteren Kreisen einen Eindruck von dem Ergebnis der bisherigen Beratungen geben. Auherdem schien es mir wich­tig, zu zeigen, wie ein solcher Entwurf ganz selbst- versländliech niemandem, auch seinen eigenen, nicht immer gleichgestimmten, Verfassern nicht in allen Paragraphen ganz genehm sein kann, wie man aber andererseits, auch dhne wörtlich mit ihm einverstanden zu fein, für ihn eintreten und feine Annahme erhoffen kann.

Der Entwurf unterliegt jetzt der Begutachtung durch die Oeffentlichkeit. Wahrscheinlich wird das Für und Wider ziemlich lebhaft werden. Der ihnftanb, bah das Hessische Erweiterte Oberkon- fiflorium bereits seinen Widerspruch gegen eine Reihe von recht wichtigen Punkten geltend ge­macht hat, läht erwarten, dah die Annahme des Entwurfs sich nicht glatt vollziehen wird.

Ob sich aus den Beratungen der Dekanats­konferenzen einheitliche Linien, die entschieden Be­rücksichtigung fordern, ergeben werden, bleibt ab­zuwarten. Sollte es der Fall sein, so würde vielleicht der Ausschuh selbst noch hier und da Qlenberungen vorzunehmen bereit sein.

3m Herbst, leider wohl erst im Spätherbst, wird der Landeskirchentag Über den Entwurf zu beraten haben. Möge er zu einem guten Er­gebnis kommen!

Die neueste Rede des Reichskanzlers.

Berlin, 5. Sept. (Wolff.) In der gestrigen von vielen Tausenden besuchten Kundgebung der Zentrumspartei Berlins in der Stadthalle anlählich ter Ermordung Erzbergers hielt Reichs­kanzler Wirth eine Rede. Er erinnerte einleitend an den Mord von Serajewo. Damals als der Schuh gefallen sei und ein ungeheures Gewitter heraufstieg, fehlte es in Europa an entschlosfenen Männern, welche es verstanden hätten, ein Mittel zur Entspannung ter Lage zu finden. Statt dessen wurde ein Ultimatum an Serbien gerichtet. Der Reichskanzler wies auf die ungeheuerlichen Folgen hin, die sich daraus ergaben.Sieben Jahre liegen seitdem hinter uns, Trümmer häufen sich auf Trümmer. Millionen in ganz Europa sind verküm­mert und zu Grunde gegangen, weil der Ge­danke der Gewalt gesiegt hat über die Idee ter Versöhnung und Verständigung. Im gewissen «Sinne ist ter Krieg noch nicht vorüber. Roch sind die endgültigen Grenzpfähle in Oberschlesien nicht eingegraben, aber unser Volk hat mit eisernem Willen den Wiederaufbau begonnen. Dieser ele­mentare Wille zum Leben ist in ter Reugestaltung des Reichs dadurch zum Ausdruck gekommen, dah das Volk nach ter Katastrophe des Krieges selbst die Verantwortung übernommen hat. llnb heute, sieben Jahre seit Serajewo, sind liebliche, tannen- umrauschte Wälder wieder der Schauplatz einer furchtbaren Mordtat von geschichtlicher Bedeu­tung geworden. Selbst über den Hergang dieser Tat sucht die Derleumdungssucht schon wieder Märchen zu verbreiten. Der Hergang war aber, wie ich mich selbst durch Befragen des schwerver­letzten Abgeordneten Diez überzeugen konnte, so rasch, dah das Opfer überhaupt keine Zeit mehr hatte, um, wie behauptet wird, seinen Mörder um Gnade anzuflehen. Wie ist eF'überhaupt möglich, noch angesichts des Grabes Erzberger den Stempel ter Feigheit aufdrücken zu wol­len. Dieser Mann war nicht feig. Er hat ständig fein Leben aufs Spiel gesetzt im Dienste des Vaterlandes. Schon sein Gang nach Compiegne war, davon bin ich überzeugt, fein Todesgang. Er hat sich nicht dazu ge­drängt, er hat einem Befehl Folge geleistet wie ein Soldat. Auch in der Folgezeit hat er sich mit verzehrender Aufopferung in den Dienst des Vaterlandes gestellt. Der Schuh in Griesbach war fein Lohn. Sollen wir wieder, wie nach dem Schuh von Serajewo auhenpolitisch, heute innerpolitisch uns in den Strudel ziehen lassen? Rein, wir wollen die Republik mit aller Kraft schützen. Wir verabscheuen jede Gewalttat, komme sie, woher sie wolle. Wir müssen aber nicht nur die Exzesse ab­wehren, sondern auch ihre Quellen verstopfen. Diejenigen, die den Gedanken des Mordes ver- herrlichen, finden sich ter geschlossenen Front des Volkes gegenüber. Wir wollen nicht etwa einen Konflikt mit dem bayerischen Volke, wenn auch tert extreme Elemente die Treibereien be­günstigen. Das ist ter Geist des neuen Volks­staates, dah wir nicht Konflikte suchen, sondern sie vermeiden und am Verhandlungstische lösen, ohne Revolver, ohne Gift, ohne Gewalt. Hat denn das deutsche Voll noch so viel zu verlieren, kann es sich den Frevel gestatten, sich zu zer­splittern und den Bürgerkrieg heraufzubeschwö- ren? Was war es doch ein Gröhes und Erheben­des um die Abstimmungssiege in den Grenzlan- den! Da sehen wir die wahre Liebe zur deutschen Heimat. Oder was haben unsere Landsleute im l Rheinland erduldet! Hätte dieselbe Liebe zum deutschen Vaterlande, zur Einheit des ganzen i Volkes nicht alle Herzen bei uns beseelen müssen

in der Erwartung des Tages, an dem die Ent­scheidung über das letzte gefährdete deutsche Land fällt? Womit verteidigen wir Oberschlesien? Mit dem Gedanken des Rechts und der Selbst­bestimmung der Völker. Mit groben Gedanken der demokratischen Freiheit, den wir für unsere oberfchlesischen Brüder geltend machen in der ganzen Welt. War die Politik des 10. Mai ver­gebens, die vom Zentrum mit ter Sozialdemo­kratie und den Demokraten gemacht wurde? Rein, sie war ein leuchtendes Zeichen des deutschen guten Willens und hat viel zur Entspannung der Welllage beigetragen. Als ter Krieg hereinbrach, wo war da im deutschen Volle einer, ter als alles aufstand, Heimat und Herd zu verteidi­gen den führenden Gewalten in den Arm ge­fallen wäre? Heute aber, wo wir mit Gedanken der demokratischen Selbstbestimmung Einfluh auf das Weltgewissen zu gewinnen anfangen, da er­heben sich in Deutschland reaktionäre Kreise, die gerade diese Demokratie vernichten wollen. W e r fein Land liebt, der folge der Fahne der deutschen Repu b l i k. Einer der tiefsten Irrtümer, von dem unser Voll befreit werden muh, ist der, dah nationale Ge­sinnung, nationaler Stolz und patriotische Hin­gabe nur auf dem Boten ter Monarchie blühen. Haben sich die republikanischen französischen und amerikanischen Truppen nicht tapfer geschlagen? Haben nicht republikanische Staatsmänner aller Zeiten Gröhes für ihr Land geleistet? Ist das Gedeihen und die Gröhe einer Ration, die sich republikanisch selbst regiert, nicht der Begeisterung ter Hugend wert? Viel mehr, als es nach auhen bekannt wird, steckt republikanischer Wllle und republikanischer Stolz in unserem Volle. Alle diejenigen, welche dazu mitwirken wollen, die groben Fähigkeiten unseres Volkes und seine in ruhmvoller Geschichte erprobte Vaterlandsliebe zu entwickeln zu einer stolzen und groben Leistung besonnener republikanischer Selbstregierung, alle diese rufe ich auf! Viel zu viel entziehen sich diebesten KöpseDeutschlands ter Po litil. Um ihnen den Weg zur Politik zu öffnen, muh allerdings ter Schutz des anständigen Man­nes gegen die feigen Waffen persönlicher Belei­digung gesetzlich in viel schärferer Weise geregelt werden. In keinem Lande sind die Persönlichkeit, das Privalleben und ter gute Ramen dessen, ter schwere, patriotische Opfer politischer Mit­arbeit bringt, so schutzlos gegen gewissenlose öffent­liche Verunglimpfung. WirbraucheneinGe- seh und ich werte mich dafür einsehen, dah es bald kommt, damit die Ehre des Mit­menschen und desjenigen, der im po­litischen Leben steht, genau so ge­wahrt wird, tote in anderen Ländern, bei­spielsweise in England. Welcher anständige Mensch wollte sonst noch in die Politik gehen und seinen und seiner Kinder Ramen.den ver­gifteten Waffen der Verleumdung aussehen? Ich erinnere nur an die Hetze gegen einen Mann wie Walter Rathenau, der seinem Vaterlande die größten Dienste geleistet und die schwersten persönlichen Opfer gebracht hat. Und nun diese elende antisemitische Hetze gegen ihn. Gewih, er ist seinem Glauben treu geblieben. Gerade wir Katholiken müssen den Hut abziehen vor jemand, der für seine Lieberzeugung eintritt. Allen denen, die dem Daterlande dienen, müssen wir danken und auch allen, die aufrichllg und gerecht nach allen «Seiten hin den Kampf zur Abwehr der ungeheuerlichen Vergiftung des deutschen Volls- wefens im ganzen Vaterlande ausgenommen haben. Der Kanzler erinnerte an die Prozesse gegen Erzberger. Der Meineidprozeh sei erledigt, der Steuerprvzeh noch im Gange. Sein Ergebnis könne ruhig abgetoartet werden. Erzberger hat sein Leben dem Vaterlande und der Arbeit ge­widmet und in Arbeit beendet. Richt darum handelt es sich, etwa Rachegeister heraufzu­beschwören. In der Weltanschauung, der wir dienen ist für Hah kein Platz. Es ist aber Christenpflicht und Staatsbürgerpflicht, alles auf­zubieten, um dem «Staate über die schweren Zeiten hinwegzuhelfen. Es ist niemanden zu verübeln, wenn er auf die grobe geschichtliche Vergangen­heit zurückschout. Aber Politik treiben heiht, die gegebenen Tatsachen erkennen und danach

handeln. Der gröbte Teil des deutschen Dolles ist guten Willens, den Hab

zum Abbau zu bringen, der unser armes Vater­land umgibt In München ist das Wort gefallen, meine Parole sei, durch Arbeit das deutsche Voll zur Knechtschaft zu führen. Der, der es sagte, hatte einmal im Kriege eine grobe Stunde zu nützen. Diese historische Stunde ist verronnen, ohne dab man rechtzeitig zu Ende gekommen wäre. Die heutige Stunde kennt ein anderes Gebot. Hin­ter uns liegt ein Schlachtfeld von Millionen von Kreuzen in Oft und West, vor uns ein gewib steinig und dornenvoller Weg, auf dem wir unser dÄitsches Volk führen müssen. Uns leuchtete der grobe Gedanke des Rechts, der die Doller im innersten Herzen beseelt, wenn auch kriegerische Mächte in vielen Güntern die Doller von neuem in ein Meer von Hab und Blut stürzen wollen. Es ist eine uralte Sehnsucht der "Volker, dab ter Gedanke des Friedens und des Rechts unter ter Menschheit wieder einziehen soll, ilnb da sollen wir verzweifeln, wenn wir dazu die Pa­role der Arbett ausgeben? Soll uns das schänden, wenn wir diese grobe Idee, der die Welt zuneigt als Parole ter Republik bekennen? Rein, wir haben am 10. Mai diese Politik begonnen und es soll mir niemand nachsagen, dab ich einen Augen­blick inkonseguent gewesen wäre; solange ich Reichskanzler bin unb an dieser Stelle stehe, werde ich diese Wege gehen. Ich werde alle Ex­treme abwehren, auch wenn es fein mub mit allen Mitteln unserer staatlichen Macht, über bie wir noch verfügen. Wer an die Gewalt appelltert, ter verletzt das neue, friedliche und demokratische

Deutschland. (Stürmischer Beifall.) Rur nicht ver­zagen! Unser neuer DolkSstaat wird sich durch­setzen und eine Großmacht des Friedens werden. Der Kernpunkt ist ter dab alle, die vom Staat« Schuh und Schirm heischen, auch die Deranttovr- tung für diesen Staat übernehmen. Das ist die Idee eines staatsbürgerlichen Lebens. Bei ilcbcr- nahme der Verantwortung wird wie bisher auch in Zukunft immer die Zentrumspartei in vorderster Linie stehen. Beim Opfer stehen wir immer in Front!Deutschland hoch in Ehren!" ging einst der «$ang. Die Grobe ist verschollen. Unsere Ehre ist es, dem deutschen DollSstaate zu dienen mit den Händen und dem Herzen, um ter Freiheit willen. (Rauschender Beifall.)

Der Reichskanzler hat in einer Zentrums- Versammlung gesprochen und seine Rete ist die Rete eines Parteimannes. Das amt­liche Wolff-Bureau verbreitet in ter vorstehen­den Ausführlichkeit einen Bericht über eine Par­teiveranstaltung, von ter man wirklich nicht mehr agen kann, dab sie eine Defensive für die deutsche Republik bedeutet. Ein neutrales Korre­spondenz-Bureau hatte die bedeutsame Rede Dr. Wirths ebenfalls in voller Ausführlichkeit ver­breitet, und es ist nun interessant, wahrzuneh- men, wie die amtliche Publikation gewisse, fast sozialdemokratisch anmutente Retewendurgen des Reichskanzlers anscheinend abgemildert hat. Ur­sprünglich soll nämlich Dr. Wirth Aeutzerungen getan haben wie:W o auch die Reaktion ihr Haupt erhebt, wird Bas wert- tätige Volk zur Stelle sein,die Leute, die am 9. Rovember in den Mauselöchern /Ti e n". Er soll ferner von einerA ffen- freiheif gesprochen baten,mit ter auf­geräumt werten mub. Wenn der Reichskanzler auf solche Weise versuchen will,die Quellen der Reaktion z u verstopfen" er Hal dies ausdrücklich als Aufgabe ter heutigen Re­gierung bezeichnet, so kann man ihm nicht bescheinigen, bah er für eine Dollseinigung auf­tritt, sondern man mutzte eher sagen, bah et die Geister auseinanderjagt.

Die erste Sitzung der Völkerbundsversammlung.

Genf, 5. Sept. (Wolff.) Die zwelle Ta­gung ter Völkerbundsversammlung wurde heute vormittag 111/2 übr im Genfer Re- sormationssaal vom Dorsihenten des Völker­bundes Wellington Koo (China) eröffnet. Reden dem Präsidenten hatte ter Generalsekretär des Völkerbundes Sir Eric Drumont Platz genommen. Wellington Koo tegrühte die Versammlung und besonders die neuen Mitglieder des Völkerbundes und betonte, bah im letzten Jahre nur 41 «Staa­ten an der Versammlung teilgenommen hätten, während diesmal 48 dem Bunte angehören. Das sei ein deutliches Zeichen für den Fortschritt, den ter Völkerbund zur Liniversalitat hin mache und für das Wachsen und Ansehen des Bundes. Dank ter Erfahrungen, die die Dölkerbundsver- sammlung im letzten 3<rhre gemacht habe, könne sie diesmal ohne Zeitverlust in die Prüfung ihrer eigentlichen Aufgaben eintreten. Rach einem kur­zen Rachruf für den verstorbenen norwegischen Delegierten des letzten Jahres, Hagerup, er­innerte Wellington Koo an die Aeuherungen Mottas im vergangenen Jahre, wonach man sich bie Well ohne Völkerbund nicht mehr vorstellen könne. Der Völkerbund sei ein notwendiges Or­gan ter Menschheit geworden.

Der Vorsitzende gab dann einen auSfüfctN lieben Lieberblick über die bisherigen Arbeiten des Vollerbundes. Auf ter Tagesordnung dieser Versammlung sei an erster Stelle die Wahl der Richter für den internationalen Ge­richtshof gesetzt, ferner die Anträge auf Abände­rung des Paktes und die gröbte aller Fragen, die Abrüstungsfrage, die zwar langsam, ater sicher fortschreite. Der Döllerbund, so be­tonte der Redner schlieblich, fei kein Lieber« ftaat, sondern eine Vereinigung ter Völker, ein Mittel zur Linderung ter Kriegsfolgen und ein praktisches Organ zur Führung der Intematio« nalen Geschäfte.

Die Rede wurde in englischer Sprache ge­halten. Der Vorsitzende glaubte, angesichts Der Tatsache, dab eine französische Lieberfehung be­reits den Mitgliedern gegeben worden fei, auf eine Lieberfehung durch Dolmetscher verzichten zu können. Auf französischem Wunsch muhte aber die Lleberfetzung in französischer Sprache verlesen werten. Auf der Tagesordnung der heutigen Sitzung stand die Wahl des Präsidenten ter Versammlung und des Vizepräsidenten. ES erregte eine gewisse Lieberraschung, als der Dor- sitzende mitteilte, dab man bie Wahl auf den Rachmittag verschieben werte, um den Mitglie­dern Zeit zu lassen, sich über die Kandidatur zu verständigen.

Genf, 5. Sept. (Wolff.) Die DDllerbundS» Versammlung trat heute nachmittag kurz nach 4 Llhr zusammen. Die Kommiffion für die Prü­fung ter Dollmachten konnte das Ergebnis ihrer Arbetten noch nicht vorlegen, da verschiedene Delegierte noch keine Dollmachten vorweifen konn­ten. Die Prüfung wurde auf die nächsten Tage I verschoben. Man schritt hierauf zur W a > l deS Präsidenten und tes Vizepräsidenten Dal- I four (England) schlug van Karnebeek (Holland)