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Wie die Lehre Christi Weltreligion wurde.
Don Prof Dr. Th. Dirt.*)
Gin jeder mag nach feiner Fasson selig werden, das war der Grundsatz der Alten. Eine Fülle von Göttern, von Kulten gab es: sie waren ursprünglich Dativnalgötter, Lokalgötter gewesen; das Geben selbst hatte sie erzeugt, und sie alle duldeten eüuxFber neidlos. Für die Aufklärung aber waren sie jetzt schon Halbwegs zur Fabel, zur Allegorie geworden: in diesem Sinne las man feinen Homer und Dergil. Die Kultbilder, die in den Tempeln ftonben, waren vielfach 600, 700 (Zähre alt: sie wurden ausgebessert, neu lackiert: aber fte waren tote verstäubt und altersmorsch, und man hatte sich .gleichsam an ihnen müde gebetet. Rur Aesculapius. der Arztgvtt, kam bei dankbaren Verehrern jetzt niehr und mehr in Aufnahme: er war der Heilende, der Heiland auch für die Seelen. Anregender aber war es, dab der Orient ganz neue Götter brachte, internationalen Eharakters, deren Dienst mit klingendem Sauber und aufregendem Geheimnis umgeben war: erst Isis, dann Serapis, Mi- thras Die fonben ungeheuren Zulauf: die Welt wurde ein grober religiöser Jahrmarkt mit frommen Schaubuden, die konkurrierten. Die Isis zog vielleicht am meisten: sie war längst schon die gröstte Attraktion. Kaiser Earacalla war es. der ihren Dienst endlich auch unter die Staalsreli- gtonen mit aufnahm, derselbe Kaiser, bet auch dem Serapis auf dem Quirinal den prachtreichen Tempel baute.
Aber ganz anders als diese drei Götter trat Christus auf Dicht durch prunkenden Kult, er wirkte durch das Wort, die Predigt, die Agitation, die furchtlos von Stadt zu Stadt, von Gasse zu Gasse getragen wurde. Man wubte, dah Christus selbst die Mission, die Weltbekehrung befohlen hatte: Wer Ohren hat zu hören, der höre! Eine planvoll umfassende Propaganda: nur Buddha, nur Mohammed haben ein Gleiches mit gleichem Erfolg getan.
Der Christengott nahm sich aus dem Alten Testament die Losung: .Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Dieser zornig ungestüme Monotheismus hat gewiß mächtigen Eindruck gemacht. Eine grobe innere Logik war in ihm: auf der Erde herrschte nur ein Monarch, der Kaiser: tote soll es im Himmel anders sein? Weg mit der plan- und sinnlosen Vielgöttereil Ein Wille waltet, tote im Himmel, so auf Erden.
War eS dies, toaS die Menschheit so rasch gewann? waS die (Seelen der Vielen packte? oder war es das andere, wovon das Gebet spricht: „und vergib uns unsere Schuld und erlöse uns von dem Heftel“ ? Das Sündengefühl war in den ,Völkern längst wach geworden und die angstvolle Gewistheit, oab es im Jenseits einst Lohn und । ßtrafc gibt. Aber auch die Mysterien der Isis, 'auch die des Mithras verhieben Gnade und ewige «Erlösung. SS tarn hier tote dort nur auf den «Glauben an. Warum glaubte man Christus mehr? !Gewtb. er prebtgte Dachstenliebe und Ernftrnachen ' mit der Tugend. Aber die christliche Tugendlehre !war im Grunde, keine andere als die längst von den Griechen in allen Schulen verkündete.
WaS schliestlich toirNich den Sieg gab, das war der straffe Zusammenschlub. die Gemeindebildung. Vergegenwärtigen wir uns das damalige Leben und was ihm Inhalt gab. Zur Zeit der freien Demokratie eines Perikies oder der Grac- dxn, damals wäre eine religiöse Massenbewegung und Propaganda undenkbar gewesen. Das Volk nlar ausreichend anderweitig beschäftigt: es erschöpfte sich völlig im Staatsleben, im Klassen- kllntpf, in der Bürgerpflicht, die jeden heranzog u#tb Den ganzen Menschen brauchte. Seit die ro- mischen Kaiser Orient und Ohtbent beherrschten, war in allen Städten, in Ephesus, Thefsalonich, Athen uff. die demokratische Selbstverwaltung als staatsgefährlich unterdrückt worden. Dur ein enger Rat vornehmer Leute besorgte die Stadtgeschäfte, genau dem hochadligen Senat entsprechend, der in Rom tagt Wohin immer die Chrislusboten kamen, fanden sie also das Stadtvolk mübig; es hatte nichts als das bibchen Theater. Musik, das Turnen mtt seinen lumpigen Ehrenpreisen. Auch alle Klub- bildung war verboten. Aber heimlich bildeten sich trotzdem die christlichen Gemeinden: sie umgingen daS Verbot: und da hatte endlich die Menge, in der eine Fülle von Begabung und Tatkraft schlief, und die nach Betätigung hungerte, ein Feld gewonnen. sich zu regen. Die gähnende Leere des Lebens war tauSgefüllt; denn die Gemciuden waren zunächst durchaus demokratisch konstituiert: jedes Mitglied konnte sich tätig rühren, mit abstimmen, mtt »orbeten, selbst sich hinstellen und zungenreden.
Aber die Gemeinde leistete mehr: sie wirkte mtt praktischen sozialen Mitteln: sie schuf die soziale Selbsthilfe, da die Reichsregierung nicht half. DaS griechische Genossenschaftswesen war dafür dn Vorbild: Armenversorgung, .Krankenpflege. Altersversorgung, Degrabniswesen. Die Gemeindediener oder Diakonen gingen von Haus zu HauS und sahen nach den Kranken, nahmen Register der Hilfsbedürftigen auf; die verarmten Witwen wurden alö Pflegerinnen angestellt und sahen sich selbst dadurch versorgt; der Bischof oder EpiskopuS. d. h. der Gemeindeaufseher, verwaltete die Gemeindekasfe und vergab die Hnterstühungen. Auf den Altar deS BetraumeS wurden die einlaufenden Almosen niedergelegt, und der Spender ermutigt durch die Verkündigung, daß der Lohn tm Himmel nicht auSbleibe. Die ,Caritas' wurde zum Kampfmtttel. .Seht, wie wir unS untereinander lieben!" so hieb eS da Wer aber nicht Christ war, dem wurde Hilfe zunächst nicht gewährt: die Hilfe war ftreng exklusiv Sie war ein Zugmittel. Wer beitrat, konnte auf sie hoffen.
Hnb auch der Kampf der neuen Lehre gegen die Brandopfer, den Opferdampf, hat gewiß ganz überyuaenb gewirkt, auch auS ökonomischen Gründen. Schon Seneca und ebenso Apollonius von Tyana lehrten ja damals, daß Gott, der überirdische, solche Opfer nicht wolle und brauche; und wie kostspielig waren sie! Längst suchten die Frommen sie irgendwie zu umgehen oder zu schmälern; wir lesen, bab man den Göttern oft schlechtere, räudige Tiere schlachtete und für sie vom gesunden Vieh nur die ungeniebbaren Teile, Köpfe und
•) Aus besten Charakter köpfen Spät- romS «2. Auflage. Verlag von Quelle L Meyer, in Halbleinenband 32 Mk.). Auch dieS Werk teilt den Erfolg feiner übrigen Bücher, von denen immer neue Auflagen aufgelegt werden. Man kann wohl mit Recht Tagen, bab BirtS Darstellungs- Jun(t weiten Kreisen erst die Antike erschlossen hat.
Klauen, abschnitt; gelobte man dem Handelsgott Hercules den Zehnten des Geschäftsgewinns, so wurde von dem Zehnten in Wirklichkeit oft genug nur der dritte Teil aus den Altar gelegt Die neue Lehre untersagte solchen Aufwand. Das Geld tarn der Gemeinde zugute.
Die Evangelien, durch die heute ChristuS auf uns wirkt und sich der Herzen immer neu bemächtigt, waren noch gar nicht da. immer noch leben- big aber die Stimmungen aus jener Zeit der Mr- gemeinde, als noch beim Pfingstwunder die Flammen sich auf die Häupter der jünger niederlieben; es gab immer noch christliche Wundertäter, die sich insbesondere auf die Dämonen verstanden: bei Dennung von Jesu Damen fuhr allemal der Teufel aus dem Besessenen, und eS wird uns versichert die Heiden konnten solch Wunder nicht verrichten. Auch mit solchem Spuk glaubte man für Christus zu werben. Man mub die flackernd entzündbare, ekstatifche Seele des Südländers kennen, um das zu verstehen.
Ein schöneres Wunder dagegen war die sittliche Reinheit im Gemeindeleben Jene erste Zeit des Christentums, die noch tief bis in das zweite Jahrhundert reicht, steht durch sie wie verklärt da und wie von einem Dimbus umschimmert Es war die kurze Idealzeit praktischer IesuSliebe, der Verwirklichung der göttlichen Forderungen Jesu und seiner Sendboten, die einzige Idealzeit, die die Menschheit — oder doch ein Ausschnitt der Menschheit — erlebt hat und nach der totr unS umsonst zurücksehnen Heiligung des Lebens, vor allem im keuschen Wandel; paradiesische Harmonie; eine Gemeinde der Heiligen Auch die aubenstehenden Weltleute wie Plinius sehen mit Staunen die makellose Sauberkeit dieser seltsamen Leute. Aber es war ein Gutsein mit Furcht und Zittern. Die Angst vor dem jüngsten Tage stand wie mit Peitschenhieben dahinter Christus selbst hatte ja den Tag als nahe verkündet, wo er kommen werbe zu richten die Lebendigen und die Toten; so sprach auch Paulus au den Philosophen in Athen yon ihm nur alS dem zukünftigen Richter.
Schon aber begannen die Konflikte mit bem Staat; die ersten Glaubensopfer fielen. ES konnte nicht anders sein. Ein Geheimhalten war nicht durchführbar: allein schon, wenn der Christ über die Strabe ging, sah er rechts und links Götterbilder an den Wegscheiden, auf den Märkten; wenn er zu Schiff fuhr, war auch da das Bild des (Saflor und Pollux oder der Isis als Patronin geweiht; es mubte auffallen, wenn er das Zeichen der Adoration nie machte. Genossenschaften, die sich selbst besoldete Beamte hielten, waren immer noch untersagt; der Betrieb einer christlichen Genossenschaft oder Gemeinde wurde um das Jahr 111 in Kleinasien aufgedeckt, die Teilnehmer mit dem Tode bestraft. Aber der Kaiser Trajan machte sich klar, bab eine Durchführung solchen Strafverfahrens allerorten unmöglich sei; die Sekte der Gottlosen war schon zu verbreitet. Darum befahl er den Statthaltern möglichstes Dichtbeachten: nur in akuten Fällen sollte zugegriffen werden. Hnd das ist lanL? Zeit die Richtschnur der Regierung geblieben. Bben damals fiel auch der römische Bischof Ignatius alS Märtyrer: im Jahre 156 Polykarp, der Bischof von Smyrna. der sich übrigens nicht sehr tapfer zeigte. Bekennernaturen, die sich nicht zurückhalten konnten, gab es zu allen Zetten; auch lieben sich Anlässe nicht umgehen, wo für den Kaiser die göttliche Verehrung, für die Staatsgötter das Opfer gefordert wurde. Wer es verweigerte, war gottlos, war Atheist, war des Todes. Das Sterbenlassen in Massen war in jenen Zeiten nichts Desonb«es; schon Septimius Severus hat unS das gezeigt; eS betraf die politischen Widersacher. Warum sollten nicht auch die Christen sterben? Hnd sie taten es gern. Ihre Seelen drängten sich danach. Der Himmel stand den Bekennern offen. Die Engel neigten sich zu ihnen. Glorie umgab sie.
Hnd die Wirkung? „Die Verfolgung wirkt nur als Lockspeise für unsere Sekte; totr werden um so zahlreicher, je mehr man unS hinmäht. Das Blut der Christen ist fruchtbarer Samen," sv lautet eine der exaltierten Stimmen aus jenen Zeiten.
In Wirklichkeit hat es im Reich eine planvolle Verfolgung der Chrislenhett in den ersten 200 Jahren nicht gegeben; nur an einzelnen Orten, too das Volk sich durch die Christen, die sich spröde abgeschlossen, provoziert glaubte, wurden Hetzen gemacht; dieser oder jener Statthalter griff dann einmal zu. Es waren immer nur durchaus lokale Erscheinungen, und die Zahl der Opfer keineswegs sehr grob, wenn wir die Massentötungen, die sonst geschahen und von denen ich sprach, vergleichen. Aber die Christen selbst erhoben laut wehklagend und anllagend ihre Stimme, feierten die Damen der Gerichteten, und so wurden in der Tat auch die Märtyrer zu Werbern für die Christensache. Blut war geflossen. Die Kampfesfreudigkeit wuchs: .Christus unser Kaiser und König!"
Sagen aus Hessen und Nassau.
Einen für jeden Hessen und Nassauer sehr lesenswerten Sagenschatz hat KarlWe hrh a n in Frankfurt a. M. gesammelt und In Hermann SicstdlatlS Verlag, Leipzig-Gohlis, herauS- gegeben. Es begegnet uns manches Bekannte darunter, aber der Herausgeber bietet auch Sagenstoffe, die bisher noch nicht veröffentlicht wurden oder in neuer Form jung und alt Genuß bereiten. In den beigefügten Quellennachweisen begegnen totr auch unseren alten „(Siebener Familienblättern". dem „Sonntags- grub“ und den mannigfaltigen Verdiensten unserer lokalen Forscher. Wir geben aus dem Buche folgende eindrucksvolle und poettsch durchwehte Geschichte wieder:
DaS Stoppelkalb bei Dillenburg.
In der Dillgegend, wo der Bergbau gepflegt wird, lebte ein Steiger namenS Wilhelm. In heimlicher Weise schürfte er gern für sich, well er hoffte, durch die Entdeckung ergiebiger Erzadern auf einmal reich zu werden. Finster stach sein Blick auf den Boden, alS ob er durch die Erdrinde in verborgene Tiefen spähen könnte. Er sprach nur wenig, und mit niemand hatte er freundlichen Umgang.
Eines Abends kam er, verdrieblich vom vergeblichen Suchen, durch den Scheider Wald. Fäustel und Eisen auf der Schulter, ging er am Lützelbach hinauf, um einen näheren Pfad nach Medenbach einzujchlagcn, wo er zu Hause war.
Der Herbsttvrnd schüttelte di? Bäume und stieh ihre Häupter zusammen, dab He ächzten und stöhnten. Dazwischen rauschte der angeschwvllene Dach, und Debelstreisen zogen im fahlen Mondschein über ihn hin wie Geister. Plötzlich hörte der einsame Steiger mit starker Stimme feinen Damen rufen Er wandte sich um, konnte aber niemand sehen. Als er weiterschritt, erscholl zuweilen etwas, als wäre es ein höhnendes Gelächter. Mit einem Male aber rief es nicht weit hinter ihm. .Halt! halt? warte mir!" Das war nicht eines Menschen Stimme. Der Mann, der sich sonst nicht fürchtete, fing an zu laufen. Was hinter ihm herkam. holte ihn bald ein Ihn schauderte, als eine schwere Last auf seinen Rücken plumple und ihm zwei haarige Deine Racken und S^ati umschlangen. Er wollte schreien, aber er vermochte nicht, nur einen Laut hervorzubringen. Umsonst war auch sein Bemühen, das Ungetüm von sich abzuschütteln. Laut blökend klammerte es sich nur noch fester um ihn. Aus feiner Stirne brach kalt der Schweif) hervor. Dun suchte er über den Bach zu kommen, um nach dem nächsten menschlichen Anwesen dem Feldbacher Hof. zu flüchten. Das wilde Wasser aber vertrat ihm überall den Weg. Erst ganz bachaufwärts nahe der Quelle, als er sich anschicken konnte, hin- durchzuwaten, lieb die unheimliche Last von ihm los. Drüben atmete er tief auf und wagte dann, den Blick rückwärts zu wenden. Da stand auf der anderen Seite ein Mistgeschöpf. das ihn mit glühenden Augen anglotzte. Er wubte nun, dab er das Stoppelkalb vor stzch hatte, das im Herbste, wenn der Wind über die Stoppeln weht, in dieser Gegend schon öfters gesehen und von dem mancher einsame Wanderer fast zu Tode geängstigt worden war.
Während der erstarrte Bergmann es noch betrachtete, richtete eS sich auf die Hinterbeine, schüttelte sich und verwandette sich plötzlich in eine riefengrobe Mannesgestalt, die ganz ähnlich wie Wilhe-hn gekleidet war und wie dieser Fäustel und Eisen auf der Schulter trug.
Ein niedriges, gellendes Gelächter, von dem der ganze Wald dröhnte und zitterte, erschallte aus dem Munde des Fürchterlichen, der dann dem erschaudernden Steiger zurief: .Du bist ein gutes Reitpferd, hast mich trotz dem bester, Esel getragen. Warum hast du auch nicht gewartet, du einfältiger Mensch! Dann wäre ich neben dir hergegangen, statt auf dir zu reiten. Ich wollte dir ja ein Geheimnis entdecken, das dich reich machen sollte. Dicht wahr: Silber willst du finden, und weiht nicht, wo und wie? Dun, ich kann dir noch heute soviel zeigen, dab du zum reichsten Mann deS ganzen Fürstentums werden sollst, wenn du so gescheit bift, mir zu gehorchen."
Sobald der habsüchtige Bergmann von Silber hörte und von Reichwerden, bekam er wieder Mut und antwortete hastig: .Sllber? Ei, wo denn?" Als Antwort aber kamen ihm die Worte entgegen: „Das sage ich dir noch nicht bis du mir versprichst, das zu tun, was ich verlange - und zeigen mub ich dir das Erz selbst, sonst findest du es nicht." „Was soll ich denn tun?" — „Dur eine Kleinigkeit! Das erste Stück Silber, zu dem ich dich führe, verkaufst du und gründest aus dem Erlös ein Wirtshaus zu Wetzlar neben dem Dom — sonst nichts." „O, wenn es nur das ist," lachte verächtlich der Steiger, der an eine Verschreibung seiner Seele an den Teufel gedacht hatte und sich nun sehr erleichtert fühlte, .so komm herüber und zeige mir den Ort!"
„Halt! Das geht nicht so geschwind, wie du denkst. Erst brich den Mistehweig, der hinter dir an der alten Eiche grünt und reiche ihn mir über den Bach herüber, dann darf ich kommen; denn hier ist meine Grenze."
Wilhelm tat, wie ihm geheiben war, und gleich darauf stand der gespensttge Bergmann neben ihm. In demselben Augenblick aber ging ein tief klagender Ton durch den ganzen Wald. Eulen und Fledermäuse kamen zwischen den Stämmen hervor und umflatterten quiekend den Bergmann und seinen rätselhaften Gefährten. 2luf8 neue stieb der Herststurm rafenb durch den Wald, flutend tobte der Bach, und wimmernd schwebten die toeiben Debelgestalten darüber hin.
Stärker als die Wildheit der Natur war die Macht des unheimlichen Gesellen. Drohend hob sich sein Arm, sein Mund donnerte ein unbekanntes Wort, und aller Lärm und jeder Ton verstummte.
Darrn wandte er sich wieder Wilhelm zu: „Jetzt will ich meine vorige Gestalt annehmen und dich dahin bringen, wo du eine reiche Silberader finden wirst. Halt aber nur den Mistelzweig fest, den ich dir hier zurückgebe, und sprich während der Reise kein Wort, sonst bist du verloren."
Ehe Wilhelm etwas erwidern konnte, war die Verwandlung schon geschehen, und daS Kalb, dessen Augen wie Feuerbrände rote Helligkeit verbreiteten, fuhr dem halb Ohnmächtigen zwischen die Deine, so dab er dem Tiere verkehrt auf dem Rücken Jab, und sprang in groben Sähen den Lützelbach entlang, bis es an die Dill kam, über diese hinweg, dann an Niederscheld vorbei, die Herrentoiese bei Dillenburg hinauf, über den Zim- merplatz, an der Eberhardt hin, den Friedhof links lassend, biS zum Galgenberg, wo um Galgen und Rad gespenstige Gestalten schwebten und Nagend schrien und winkten. (
Hier blökte daS Kalb so furchtbar, dab alle Berge ringsum den entsetzlichen Ton Wiedergaben, worauf die Geistergesellschaft plötzlich verschwand. Der Ritt jedoch ging ruhlos weiter, an SechS- delden vorbei, vor der Haiger-Hütte her. an der Struth, dem schönen Wald entlang, rechts vorn Rodenbach das Robbacher Tal hinauf, biS er in die Gegend führte, too jetzt die Grube Aurora ist.
An dieser Stelle warf das Dier den Reikcr kopfüber ab, stand dann mit einem Male wieder in Bergmannsgestalt da. schüttelte den fast Besinnungslosen und schrie ihm inS Ohr: .Hier ist die Silberader! Hier schlag ein!"
Als Wilhelm völlig zu sich selber kam, war er allein. Doch brauchte er geraume Zeit, um sich von Schauder und Entsetzen zu erholen. Dann aber erfüllte ihn fein alter Sinn. Er hieb den Boden an, und bald lieh ihn der grauende Tag daS ver- beibene Silber entdecken Den ersten Klumpen Erz. der ihn schon zum wohlhabenden Mann hätte machen können, legte er zur Erfüllung seines Vertrages beiseite Rüstig arbeitete er dann weiter, biS die Sonn« hoch hinaufgestiegen war und ferne Menschenstimmen ihn mahnten, feinen Schatz zu bergen und fich zu entfernen 3m nahen Dorfe kehrte er ein, ftiUte Hanger und Durst und legte sich biS gegen Abend zum Schlaf nieder. In stiller Mondnacht fetzte er die Bergmannsarbeit fort. Auf einem Karren, den er in Niederrod* bad) erstand, fuhr er feine reiche Ausbeute nach Wehl ar, wo er sie Dctiaufto. Sara sah er sich
beim Dorn um. Hnd wirklich stand ein Haus gerade leer, das er sogleich erwarb und — ganz wie ihm gedeihen war — zu einem Wirtshaus machte
Reichlich kamen auch die Gäste Doch war der neue Wirt sehr häufig fort Mit Pferd und Wagen fuhr er hin nach Dillenburg und.von dort zu feiner Silbergrube Was er nachts schürfte, schaffte er bei Tag nach Wetzlar Wie er in feiner Gier auch tätig war, fo wollte sich doch kein Reichtum bet thm häufen Sr war in feinem Haus auf lauter fremde Menschen angewiesen Do stahl der Knecht, da nahm die Magd. Der Ruf der Wirtschaft sank. Es lärmten drinnen wilde Trinker, die borgten und nicht zahlten Das Ackergut, das Wllhelm nach und nach mit dem Erlös der Erze erlangt hatte, zerfiel, das Vieh mißriet Jagte er den Knecht, die Magd davon, so erhielt er ein Gesinde, das noch diebischer und gewissenloser war.
Alles Mühen erschien ihm jetzt vergeblich. Mistmutig gab er sich dem Trünke hin Seine Grube sah chn nur noch teilen, und chS dann Krankheit zu ihm kam, blieb fic ganz verlassen. Als völlig verarmter, segensloser Mann wurde er des LebenS überdrüssig. Eines Tages spülte die Lahn seinen Leichnam an 4 Hf er. Wohl hatte er am Lützelbach dem Unhold sich nicht mit Blut verschrieben, in Wahrheit aber war er dennoch dem bösen Geist der nächtlichen Gestalt verfallen. Denn trefflich kannte sie die alte List: Wo Gottes Haus steht, da baut der Teufel gern ein Wirtshaus daneben.
Der Wirkungsgrad der Wärmekraftmaschinen.
In der Lehre von der Wärmeenergie gibt es zwci Hauptsätze. Der erste, allgemein bekannte, besagt. dah die Wärme eine besondere Form der Energie barftellt, und dast sie zahlenmüstig (nach Mayer, Joule und Helmholtz, mit mechanischer Energie verglichen werden kann. Nichts aber lagt uns dieser Satz darüber, ob eine Hmwandlung von mechanischer — in Wärmeenergie und umgekehrt. stets stattfinden kann. In der Tat. mechanische Energie läßt sich wohl stets in Wärme verwandeln. aber Wärme in mechanische Arbeit nur unter gewissen Hm- ständen. Der zweite Hauptsatz gibt hierüber genauen Ausschlust; eS kann darnach zwar eine bestimmte Wärmemenge von einem Körper höherer TerNperatur von selbst auf einen solchen niederer Temperatur übergehen sz. B. vom Dampfkessel einer Dampfmaschine nach dem Kondensator», abe. niemals ist der Hebergang in umgekehrter Richtung von selbst. 1>. h. ohne besondere Energiezuführung, möglich. Verfolgt man die Energieumwandlung weiter, so findet man. dah der theoretische Höchstbetrag der mechanischen Arbeit, die aus Wärme gewonnen werden kann, gleich ist einem Bruchteil der abgegebenen Wärmemenge, der durch das Verhältnis von Temperaturdifferenz zwischen dem wärmeren und dem kälteren Körper zur Temperatur des wärmeren Körpers gegeben ist. wobei die Temperaturen absolut zu messen sind, d. h. als Summe von gewöhnlicher Temperatur und 273 Grad. Besitzt der Dampf eine Temperatur von 197 Grad, der Kondensator eine solche von 30 Grad, so beträgt nach dem zweiten Hauptsatz der höchst erreichbare Wirkungsgrad (197 -s- 273) Grad mlnu* (30 4- 273) Grad, geteilt durch (197 + 273) Grad, das gibt 0,355 oder rund 35 Prozent. Der theoretische Wirkungsgrad wird jebod) bei keiner Wärmekraftmaschine erreicht und kann nicht erreicht werden. Der praktisch vorhandene Wirkungsgrad beträgt bei den Dampfmaschinen durchschnittlich nur 15 Proz., d h es gehen 85Prvz. der von den Sxohlen erzeugten Wärnrnmenae verloren. Sin- bet di - Verbrennung stn Arbeitszhlinü.r selbst statt wie bei den Explosionsmotoren lGaS-. Benzinmotor usw.), so wird ber Wirkungsgrad wesentlich Höher und erreicht beim Dieselmotor etwa 30 bis 34 Prvz. Auch bei den Dampfturbinen findet eine wesentlich bessere Ausnutzung der Wärme statt als bei der Dampfmaschine, aber wie gesagt, kann auch hier die Leistung nicht über bi* Grenze hinaus- gehen, welche die Datur unerbittlich vorschreibt. Wegen ihrer groben Wirtschaftlichkeit hat die Turbine die Dampfmaschine vielerorts verdrängt und wird es künftig noch mehr tun; schon hat man neuerdingS In der Schweiz eine Lokomotive gebaut, die mittels Dampfturbine getrieben wird, und damit ein wichtiges Problem seiner Lösung näher gebracht, bei dessen allgemeiner Ausführung mar allerdings auf grobe, praktische Schwierigkeiten stöbt. Ch.
Der Gülerzvg zu Lande und zu Wasser.
Von einer neuen praktischen Erfindung, einer Art Güterzug, der die Eigenschatten der Amphibien in sich vereinigt, wissen französische Kolonialzeitschriften zu berichten. Danach Haden zwei belgische Erfinder namenS Goldschmidt und Vander- bangel vor kurzem einen Eisenbahnzug konstruiert, der sowohl auf Schienen fahren alS auch im Wasser schwimmen kann. Die damit bisher angestellten Versuche sollen zur vollsten Zufrie- denheit verlaufen sein Dieter .Amphtbiumzug" soll insbesondere auf dem belgischen Kongo zur Verwendung gelangen, wo zahlreiche Strom- schnellen emc regelrechte Flublchifsahrt behindern Der neuartige oufl besteht aus einer Schlepper- Lokomotive. Die mehrere Wtggon-Kähne mit einer Tragfähigkeit von je 15 bis 23 Tonnen ziehen kann D^ vollständige Zug kann biS zu 363 Tonnen Fracht befördern Im Verlaufe der angestellten Probefahrten hat bie’er seltsame Eilen- bahnzug mit gröbter Leichtigkeit sein« Schienen verlassen und ist auf dem Walser weitergeschwommen. auf dem er sich mittels einer Art Schiffsschraube fortbewegt. Dann ist er fbzu- fagen wieder an Land gestiegen, wieder auf feine .Schienen gebracht worden und hat die Fahn auf festem Boden fortgesetzt Die Lokomotive und jeder Waggon dieses originellen Zuges werden aus zwei seitlich nebeneinander liegenden Schwimmkästen gebildet, die durch ein gewölbtes Mittelstück untereinander verbunden sind. Auf dem Lande befindet ljch der Zug auf einer einzigen eingemauerten Schiene im Gleich- Jlewicht, wahrend er im Wasser auf den Seitenästen schwimmt. Die Räder werden auf dem Lande durch den gleichen Motor angetrieben wie die Schraube im Wasser Für die Fort.<wegu»g genügt selbst flaches und enges Fahrwasser, da Räder und Schraube beliebig eingezogen werden können. Man verspricht sich von diesem merf- I würdigen Transportmittel gute Dienste in den I französischen uad belgischen Kolonien In Asrilg.


