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Ur. 251 Zweites Blati

Deutscher Reichstag.

137. Sitzung.

Berlin, 1. Oft. 1921.

Präsident Lobe eröffnet die Sitzung des HanfeS, das zu Beginn sehr große Lücken auf- wetst, um IO14 Uhr mit geschäftlichen Mitteilun­gen. Die Interpellation der Deutschnationalen über den Stand der Valuta wind innerhalb der ^eschäftsordnungsmäßigen Frist beantwortet toer-

In der fortgesetzten Beratung der Inter­pellationen und Anträge -um

Schutze der Republik tifto. beantragt

Abg Bartz (Ä.), den kommunistischen An­trag auf eine allgemeine Amnestie mit der De­batte zu verknüpfen. Der Antrag wird ange­nommen.

Abg. Marx (3.) appelliert an das ganze Voll, das Trennende zurückzustellen und zum Schutze der Weimarer Verfassung zusammenzu- fleben. Für die Deutschnationalen sei es einiger­maßen prekär, über Ausnahmegesetze zu klagen. Gebe eS doch kein Ausnahmegesetz, an dem sie nicht beteiligt gewesen seien. Aber die Bestim­mungen deS Präsidenten seien gar kein Aus­nahmegesetz. denn sie richteten sich nut gegen Aus­wüchse Sie seien ein Notbehelf, den der Staat zu seinem Schuhe nicht entbehren könne. Seit Monaten wird von feiten der Deutschnationalen systematisch an der Beseitigung der leitenden Per­sönlichkeiten gearbeitet. Äem Wunder, daß die Regierung sich dagegen schützen mußte. Das Zen­trum steht geschlossen hinter dem Kanz­ler Wirth. Wie man ihm den Vorwurf eines Rückzuges gegenüber Bayern machen kann, ist unverständlich. Die Ausnahmebestimmungen müß­ten wie gegen rechts auch gegen links zur An­wendung gebracht werden. Jedenfalls sollen Feiern von echt nationalem Empfinden nicht ver­boten werden: nur wenn ein parteiwidriger Cha­rakter zutage tritt, muß ein Verbot erfolgen, denn sonst hätten wir die Gewalt sicher verloren. Wir sittd nun einmal ein geschlagenes Volk und müssen den Tatsachen Rechnung tragen. Die Vor­würfe der Rechten gegen Erzberger, als sei er ein Schädling im deutschen Volke, mußten zu solchen Erregungen führen, wie sie in dem Morde Mm Ausdruck gekommen sind und wenn gegen den Reichskanzler jetzt schon ein ähnliches Treiben einseht, so wird dies, wenn dem nicht Einhalt geboten wird, zu ähnlichen Ereignissen führen. Ein Mann, der in diesen schweren Zeit- verhältnissen in selbstloser Weise seine Persön­lichkeit einseht, um unser Volk zu retten, bedarf der allgemeinen Unterstützung und unsere Partei steht hinter ihm, selbstlos und treu, wie sie in Der ganzen Zeit der Rot auch nicht einen Augen­blick die Hand vom Ruder des Staatsschiffes ge­lassen hat. Es kann auch einmal der Augenblick kommen, wo auch unsere Geduld ein Ende hat < Zustimmung); mögen darauf unsere parteipoli­tischen Gegensätze und Kämpfe verlegt werden, bis zu ruhigeren Zeiten, damit wir alle zusammen- siehen können zur Entscheidung gegen die Rot unseres Vaterlandes. (Beifall.)

Abg. Thiel (D.Vpt.) erwidert den Ruf zur Sammlung, bedauert aber, daß die Ausnahme­bestimmungen ihrer ganzen Tendenz nach sich gegen die Rechte gerichtet haben. Unsere Auf­fassung, daß ein Mißverständnis vvrliegt, wurde auch schon durch einen Artikel imVorwärts" widerlegt, der ausdrücklich betonte, daß es sich um einen Komps gegen den Rechtsdolschewismus handele, die praktische Anwendung brachte uns aber den Beweis, daß der Begriff ..Rechtsbol- schewiSmus" gegen alle Richtkoalitivnsparteien zur Anwendung gelangt ist. Berliner Blätter, wie z. D. der .Lokalanzeiger" wurden in ganz un­nötiger Weise verboten. Wir bedauern das aufs tiefste: der Reichskanzler hat aber gesagt, cm Eingriff in die kommunistische Presse hätte mit Rücksicht auf die Stimmung in Arbeiterkreisen nicht erfolgen können. WaS gerade aber hier an Verhetzung geleistet wird, überschreitet jedes Maß. Der Redner ver­liest Auszüge aus kommunistischen Blättern unter zunehmenden SntrüstungSrufen der Rechten und entrüftet sich über die Absicht der Kommunisten, die Leitung ihrer Blätter den durch die Immuni­tät gedeckten Abgeordneten zu übertragen. Auch der ,.D 0 rwärts" habe gedroht, das Gesindel der Rechten an den Laternenpfahl zu hän­gen. Wie kann ein (Blatt, daS eine solche Sprache führt, von Mordver­hetzung der Rechten sprechen. Die Deutsche Volks Partei hat mit allen ihren Ver­anstaltungen der letzten Zeit unter dieser Hetze zu leiden gehabt; sozialistische Feiern dagegen

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Montag, 5. Oktober 1921

wurden nicht beanstandet. In Chemnitz wurde ein Achtbildervortrag der Deutschen DollSpartei iIugendbund» über den Versailler Vertrag ver­boten uni) zwar mit Rücklicht aus die erregte Stimmung der Arbeiterschaft Wo bleibt der 2chuh der Verfassung, der allen Bürgern zugute kommen soll? Rur was zur Linkspresse schwört, wird gestattet, alles andere verboten. Die Pclitit der Presse nimmt erschreckende Formen an und seht sich über alle gesetzlichen und poli­zeilichen Reftimmungen hinweg, und die Polizei hat weder die Macht noch vielleicht auch den guten Willen, den Schutz deS Burgers zu gewährleisten. Wird schließlich einmal eine Versammlung ge­stattet, so kann die Polizei ihre programmäßige Störung nicht verhindern Der Redner wendet sich dann gegen den Vorwurf einer Benachteili­gung des Volkes durch die Landwirtschaft und bedauert, daß den Landwirten durch wilde Aufkäufe Ueberpreise gezahlt werden, die natür­lich von den Bauern genommen werden. Die breiteste Oefsentlichkeit habe ein Recht daraus, zu erfahren, wie sich die Preisbildung bet der Landwirtschaft gestaltet Die Regierung habe die Pflicht, für die Aufklärung des Volkes zu sorgen. Der Redner kommt bann auf die Unru hen der Kom­munisten im Siegerland zu sprechen, durch die ein Schaden von zirka 30 Millionen Mark verursacht worden sei. Die sozialistischen Demonstrationen an der Porta Westfalica gegen die Regierung Kahr und Stegerwald, weiter die Demonstration in Kiel gegen die verfassungs­mäßige schwarz-weiß-rote Handelsflagge, ließen in weiten Kreisen des Volkes Defürch ungen auf­kommen, daß die Staatsautorität im raschen Schwinden begriffen sei. In dem Zusammenschluß der alten kameradschaftlichen Vereinigungen sehen wir eine Rotwendigkeit: diese selbst haben die Macht, Clemente auszuschalten, die egoistische Zwecke verfolgen. Aber andererseits wollen wir auch nicht in die Epionenriecherei verfallen. Der Redner protestiert gegen die Unterstellung, als ob seine Partei zugegeben habe, daß die deutsch­nationale Partei an dem Morde SrzbergerS die Schuld trage; er polemisiert gegen die gestrigen Ausführungen ScheidcmannS. Glauben Sie wirk­lich. daß dieser von Ihnen eingeschlagene Weg zum Ziele führt? Warum verteilte der Reichs­kanzler die Vorteile, Licht und Schatten, nicht gleichmäßig? Warum mußte aus seiner Gedenk­rede für Eiberger der Parteimann unb nicht der Staatsmann herausklingen? Gegen die terro­ristischen Gewaltakte der Linken hat er kein Wort gefunden. Er hat nicht gesagt, wie die Bürger ent­schädigt werden sollen, die ihnen zum Opfer ge­fallen sind. Die in Aussicht gestellte Vorlage zur Unterstützung des Mittelstandes begrüßen wir. Für die Gehaltsfestsehung der Beamten tre­ten auch wir ein, bitten aber, damit nicht wieder bis zum letzten Augenblick zu warten. Wir be­dauern, daß der Reichskanzler kein Wort zum Schuhe unseres so vielfach angegriffe­nen Rechtes gefunden hat. Wir wollen hoffen, daß wir bald zur Ueberbrückung der Gegensätze kommen. Verschwinden muß aber der Kampf gegen das schwarz-weiß-rvte Zeichen, das uns von Jugend auf ans Herz gewachsen ist.

Reichsminister des Innern Dr. Gradnauer: Ich will nicht auf alle Einzel­heiten eingehen, die der Vorredner genannt hat. Unser öffentliches Leben war zweifellos aufge­wühlt. Wir müssen unS aber darüber klar sein, daß diese Ereignisse eine Folge der ruchlosen Tat von GrieSbach sind. Genau, wie nach dem Kapp­putsch zur Abwehr reaktionärer Bestrebungen als­bald eine gewaltige LinkSbewegung einsetzte. war cs auch hier der Fall. Rur Griesbach war die Veranlassung der Ausnahmebestimmungen. (Grof-e Unruhe und Protestrufe links.) Die Unterstellung, als ob diese Bestimmungen sich gegen alle richten, die nicht zur Koalition gehören, trifft nicht zu. Sie sollte sich nur gegen Elemente richten, welche die Sicherheit der Republik gefährden. Das sind die Grundsätze gewesen, die mich bei der unan­genehmen Ausgabe, die Bestimmungen durch­zuführen. geleitet hoben. Ich habe wahrlich kein Vergnügen daran. Sie, meine Herren von der Rechten, trifft allein die Schuld. (Lärm und Proteste rechts.) Auch gegen die Linke wäre ich eingeschritten, wenn mir die Mitteilungen des Vorredners be­kannt gewesen wären. Ucbrigens habe ich auch Blätter der Linken verboten. Das Verbot des Präsidenten richtet sich aber In Wirklichkeit gegen den Rechtsbolschewismus. Das wollen wir nicht vergessen. Wenn der Vorredner die Ge­schichte vom La ter nen pf a h/anzog, so möchte ich erwidern, daß der Inhall des Artikels ein ganz anderer war. Hier wurde vielmehr jede Gewalt abgelehnt. Allerdings ist unter dem ersten Eindruck von GrieSbach gegen manche Versamm­

lungen der Rechten vielfach schan'verfahren wor­den, schärfer, als es heute für nötig befunden wird. (Großer Lärm rechts, l Ich "begreife nicht, daß die Herren von der Rechten mit einem Male sich fo über die Angriffe aus die Pressefreiheit auf regen. (Erneuter Lärm rechts ) Präsident Kieffer läßt den Platz vor der Tribüne räu­men.) Ich selbst habe mich in dieser Angelegen­heit ganz zurückgehalten und die ganze Sache dem Rcichsrats-Ausschuß übertragen. Dabei bin ich davon ausgegangen, daß nicht ein ein­maliger Verstoß, sondern nur die ganze Tendenz für das Verbot einer Zeitung maßgebend fein sollte. Bei Verleumdungen sollte nicht ohne wei­teres ein Verbot, sondern vielmehr durch gütliche Verständigung ein Modus gefunden werden. Hier­aus geht hervor, daß daS Ministerium bemüht war. Schwierigkeiten auszugleichen. Ausschrei­tungen sind ja vorgekommen und es kann kein Zweifel daran fein, daß wir sie ebenso wie die Landesregierungen mißbilligen. Es soll alles geschehen, um solche in Zukunft zu ver­meiden und die gewalttätigen Elemente zu Der- hmderm, solche zu wiederholen. Solche Ausschrei­tungen wären ja auch nur Wasser auf die Müh­len der Reaktion. Auch die Linke mag bedenken, daß der SatzGleiches Recht für alle" noch heule Grundsatz der Regierung ist. Es ist bereits eine gewisse Entspannung eingetreten, und das Ver­dienst daran nimmt die Regierung für sich in Anspruch. Wäre sie nicht so verfahren, wäre es schlimmer gekommen. Wenn alle sich befleißigen würden, sachlich zu handeln, kämen wir weiter. Daran ändert auch das Spottlachen der Rechten nichts. Sie kann durch dieses Lachen nicht die Schuld fortwaschen, die auf ihr lastet. Wir können jetzt nicht die leidenschaftliche Kampfesweise der Rechten gebrauchen. Wir müssen unsere Situation mit Würde ertragen.

Thüringischer Minister Freiherr von Bran­denstein wendet sich gegen eine Schilderung des Abg. Thiel (DVP.), der sich über ein Verbot einer Tagung des deutschnalionalen Handlungs- gehilfentageS in Weimar beschwert hatte. Die Versammlung sei auf eine Sedanfeier hinausge­laufen. die nicht gestattet werden konnte (stürmi­sche Protestrufe rechts), wenn nicht Zusammen­stöße mit den Kommunisten geradezu provoziert werden sollten. Heute werde sich schon ein Weg zur Abhaltung der Versammlung finden lassen. Damals aber mußte alles geschehen, um der Re­publik keine Steine in den Weg zu werfen.

Abg. Koch (Dem.) meint, die Leidenschaft müsse in dieser Zeit vor der Tür dieses Hauses Halt machen. Wir können keine Politik ä la Don Quichotte gebrauchen, sondern eine Politik der Versöhnung, eine Politik der Mitte. Wir verurteilen die Kugelt dieHerrn Strese- mann zu gedacht war, genau so wie die Tat von Griesbach. Wir haben auch nichts gegen die Regimentsfeiern. Auch wir wollen die Wehr- tüchtigkeit unseres Volles erhalten. Das erreichen die Herren von der Rechten aber nicht dadurch, daß sie durch Betonung ihrer Parteizwecke die Halste des Dolles zurückschrecken. Rational sind wir alle, aber nicht nationalistisch. Wir wollen keine künstliche Scheidewand zwischen unseren Brü­dern errichten. Andererseits müssen die Maß­nahmen zum Schutze der Republik etwas ener­gischer gehandhabt werden. Cs dars nicht wieder zu der gerügten (Laxheit der Staatsanwälte kom- men. lieber die Angelegenheit Weiß­mann schwebt mysteriöses Dunkel. Solange ich Reichsminister war. ist Weißmann jedenfalls nicht nach Bayern Lesandt worden. Die Landesregie­rungen dürfen künftig keine Agitation mehr gegen Reichsregierung treiben. Ein deutschnativnaler Kandidat, der fein (Betreibe verschoben hatte, wurde von feiner Partei gehallen. Hier liegen die Keime zu der gewaltigen Erbitterung gegen rechts. Wir wollen die Sicherung einer einheit­lichen Politik des Reiches. Wir können aber keine gute Außenpolitik treiben, wenn unsere Innen­politik nicht llappt. Wir können nur im Geiste der Versöhnung leben und müssen aus dem Kabinett der Erfüllung ein Kabi­nett der Versöhnung machen. (Beifall.)

Abg. Beyer le (Bayer. Dp.) betont, daß wir am Abschluß einer unerfreulichen Krise stehen, die nicht notwendig gewesen Ist. Wir werden aber daraus lernen, wie es in Zukunft zu machen ist. Auch der Reichskanzler hätte zum Teil klüger getan, die Kunst des Schwei­gens zu üben, sonst hätte sich wohl der Rück­tritt des Herrn von Kahr vermeiden lasten, dem der Redner einen bewegten Rachruf widmet. W i r haben uns nicht von ihm getrennt. Wir erblicken in ihm noch heute den Hort und das Symbol der staattichen Ordnung. Kahr ist nicht em deutschnationaler Mann, sondern genießt noch beute unser uneingeschränktes Vertrauen. Das offen zu erklären, find wir ihm nach den gestri­

gen Angriffen schuldig. Aber auch die neue Regierung wird ebensowenig einen Putsch von rechts, wie einen von links zulasten Auch wir haben den Ausnahmezustand in Bayern stets nur für vorübergehend gehalten. Rach den Tagen der Räterepublik war er aber unentbehrlich. Die Ixtßtrifdxn Sozialisten 'ind hinsichtlich der Ver- trimungen des Reichspräsidenten ganz anderer Ansicht^ als die Berliner. Die 'Bayerische Volks- Partei steht auf dem Boden der Weimarer Der- sastung Sie wird aber niemals Schindluder mit sich treiben lassen und energisch für die Achtung der Rechte der Einzelländer eintreten. Die Pflege deS föderalistischen Gedankens ist ein Grundsatz unserer Verfassung Gegen bie'en Gedanken bat die erste Verordnung des Reich?präs d n.e 1 ent­schieden verstoßen. Zweifellos ist dies nicht gleich erkannt worden und erd der Konflikt mit Bay­ern hat in Berlin die Rügen geöffnet und bewiesen, daß mit dieser Verordnung der Entwicklung des Föderalismus nicht gedient war Der Redner protestiert sodann gegen die Deutsch- nationale Partei, die sich lediglich von 'IVirtei- interesten leiten laste und beute für die bayeri­schen Wehrverhältnisfe eintrete, während fic die­selben früher energisch bekämpft hab- Der Redner nimmt sodann zu den einzelnen Anträgen Stel­lung und lehnt die gegen Bayern gerichteten Einträge ab, stimmt aber dem deutsch- nationalen Antrag auf Aushebung de r Verordnung deSReichspräsiden- t e n z u.

Abg. Frau Klara Zetkin (Komm.). Auch wir wollen die Republik schützen, obwohl eS eine Bourgeoisie sei und nicht eine Proletarierrepu­blik. Die Verordnung deS Reichspräsidenten sei nur em bayerischer Ausnahmezustand. Jede Ge­walt wirkt abstoßend und ihre Durchführung widerspricht der Verfassung. Merkwürdig ist es nur, daß wir unS in diesem Kampfe gerade in der merkwürdigen Gesellschaft deS Herrn Hergt und Genossen befinden, der Väter aller bisheri­gen Ausnahmegesetze. Der Wille deS Reichs­tages muß dem Minister scharf zum Ausdruck gebracht werden. Wir fordern die Amnestie für Max Holtz (große Unruhe), der durch eine Hölle gegangen ist, ohne zum Mörder zu werden, nicht aber für die Kriegsverbrecher und nicht für diejenigen, die die Monarchie wieder ein­führen wollen, auch nicht für die Mörder Erz­bergers und ihre Hintermänner. Alle öffent­lichen Einrichtungen der Republik müssen von den republikfeindlichen Elementen gesäubert werden.

Abg. Dr. Levi (Komm. Arbeitsgemeinschaft) sagt, der Mord an Erzberger fei nur eine Fort­setzung der politischen Moröe, die feit zwei Jah­ren an der Tagesordnung feien. Der Redner richtet scharfe Angriffe gegen die Justiz und be­tont, daß die Gerichte Proletariern gegenüber keine Rücksicht kennen. Die Reichsreaierung will der braunschweigischen Regierung die Polizei- zuschüsse kürzen, weil diese zumStahlhelm" ge­hörende Polizisten entlassen hat. Das Reichsge­richt vermag nicht gegen v. Iagow vorzugehen. Aus solchen Verhältnissen heraus mußte die Mordatmofphäre entstehen.

Präsident der Braunschweigischen CtaatSregie» rung Oerter: Braunschweig hat 54 Polizisten entlassen müssen, well sie demStahlhelm" angehörten, der sich anmaßt, die öffentliche Ord­nung schützen zu wollen. Dies ist aber nicht Auf­gabe privater Organifationen Wir werden diesen Weg auch weiter gehen. (Lebhafter Beifall auf der äußersten Linken.) Trotz des schlechten Rufe#, den Braunschweig genießt, ist festzustellen, daß während der Revolution in Braunschweig, ab­gesehen von zwei Fällen, wo diese von Militär verursacht wurden, kein blutiger Todesfall er­folgt ist.

Abg Dr. Rosenfeld (Unabh.): Trotz ihre# zentnerschweren Materials sind die Deutsch- nationalen moralisch gerichtet. Sie tragen die Verantwortung für den Mord an Erzberger, wie auch für die Tat des Fähnrichs v. Hirschfeld. (Abg. Dr. Helfserich ruft: Unverschämtheit!) Die Riesendemonstrationen haben gezeigt, auf wessen Seite die Arbeiterschaft steht. In der Verteidi­gung der Republik ist sich die gesamte Arbeiter­schaft, auch anderer Parteien, einig. Roch ist nichts geschehen, die Republik stchenustellen. Bei den weiteren Ausführungen des Redner- gegen die Rechte erhebt sich im Hause wachsende Unruhe. Zwischenrufe kommen von rechts und links. Schließlich greift Vizepräsident Dr. Bell ein und erteilt dem Abg. Henning wegen des Rufes Dummer Lümmel'' und dem Abg. K u h n t (Unabh.) wegen des borangegangenen Zurufe- Deutschnationale Kanaille" einen Ordnungsruf Der Redner schließt mit der For­derung. die Einheitsfront der Arbeiterschaft gegen

Der Schuh im Vlut.

Roman von Horst B 0 demer.

3. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Und neben ihr hatte der Fremdling im Konzert gesellen, vielleicht war's Zufall, daß er dasselbe Abteil benutzte, vielleicht auch nicht! Anscheinend ein ursolider junger Mann aus nicht unDermögenbem Hcmse, denn eine dicke, goldene Uhrkette hing an seiner Weste. Der Landwirt war ihm sofort anzusehen. Er konnte ihm ja einmal ein Wort an den Kopf werfen!

Sie waren doch auch im Konzert, Herr!"

Der Kopf fuhr Heinrich Wärhahn herum, so erstaunt war er über die Frage. Vergewll- lern wollte er sich, ob er auch wirklich gemeint war.

.Ich war auch bar

Aus gepreßter Kehle kamen die vier Worte.

Emst nickte der alte Herr.

»Auch noch ganz erschüttert, nicht wahr? Za, unsere Gürzenich-Konzerte!"

.Es war für mich ein Ereignis. Ich stamme aus Hellen von einem Rittergute!"

Das .Rittergut betonte er, denn Dauer wollte er diesem Herrn gegenüber nicht sein.

Li, ei! Vielleicht werden Sie gar selbst noch einmal Herr RittergutSbellher!"

.Sogar zweifellos, beim ich bin bas einzige Kind meines Vaters!"

Lachend schlug der Komponist dem Herrn, mit dem er sich soeben unter hallen hatte, auf« Knie.

.Wohl dem. der vorsichtig ist in bet Wahl feiner Ellern!" . . . Und bann wandte et sich!

wieder an Heinrich Wärhahn.Sie lieben sicher Musik sehr!"

.Ganz gewiß, aber sie ist noch Reu land für mich! Heber Musik kann ich mich noch gar nicht mitunterhalten, meine Liebe für fie habe ich eigent­lich erst seit einigen Wochen seit ich am Rhein bin entdeckt!"

.0! O! Herr, was haben Sie da bis heute versäumt!"

Sehr viel, darüber bin ich mir vollkommen klar! Ich bleibe noch ein paar Monate in Pop- pelSdorf und hoffe, hier noch recht oft gute Musik zu hören. Das wird auch ein Gewinn sein, den ich mit nach Hause nehme!"

»Ja, Herr, da sollten Sie sich in die Werke unserer großen Komponisten von einem Sach­verständigen einführen lassen!"

Heinrich Wärhahn packte mit fester Hand zu. Die Gelegenheit war günsttg.

.Wer sollte das wohl tun?

.Ra, zum Beispiel der Komponist Joseph Sitten, das bin ich nämlich!"

Der alte Herr lachte schallend, als habe er soeben den besten Witz von der Welt gemacht.

.Herr Sitten, gnädiges Fräulein, wenn ich mich vorstellen bars, Landwirt Heinrich Wär­hahn, unb ich nehme dankbar mit großer Freude den Vorschlag an!

Der Komponist hielt ihm immer noch lachend die Hand hin.

Topp eingeschlagen! Die Sache hat ihre Richtigkeit! Wollen Sie übermorgen nachmittags um fünf zu uns kommen?

Heinrich Wärhahn brachte es nicht fertig. Fräulein Sitten anzusehen. Sein Blut drängte nach dem Herzen und wurde in wilden Schlägen in den Kops getoirbelt.

.Es wird mir eine große Freude und eine Ehre sein! Dielen Dank, Herr Sitten!"

Da hielt der Zug in Bonn. Heinrich Wär­hahn war froh, daß er jetzt aussteigen konnte. Als er sich empfahl, nahm er einen sehr warmen Vlick aus veilchenblauen Augen mit.

Rad) Hause gehen jetzt in dieser lin­den Spätherbstnacht? Ach nein, hinter eine gute Nasch« gesetzt in einer traulichen Rische und die Augen geschlossen und gedacht, eine fäß neben ihm mit einer schmalen, weißen Hand, an der ein paar schone Diamanten blitzten mit einer Alt­stimme, die so ruhig klang, daß sie wildeS Blut wohl zu bändigen verstand!

Tine Heine Villa von nur sechs Zimmern, in einem mäßig großen Garten, in den Wein­bergen, aus halber Höhe, bewohnte Joseph Sitten mit seiner Tochter und einem Hausmädchen. Er hatte sich vor einigen Jahren das kleine An­wesen, von dem aus man einen köstlichen Fern­blick auf 'Godesberg, Bonn, Rheintal und Sieben­gebirge hat, gebaut und sehr hübsch eingerichtet Der größte Raum neben einem breiten Altan, war das Musikzimmer. Ein Bechsteinslügel stand da fast mitten im Zimmer, ein paar lauschige Ecken mit beq" einen Sesseln gaben dem Raum ein sehr gemütliches Aussehen. Durch breite Fen­ster flutete das tiießt herein . .

Das erste Mal war Heinrich Wärhahn mit klopfendem Herzen den Hang hinaufgestiegen, einen Rosenstrauß für Fräulein Sitten in der Faust. Aber alle D mgenheit war rasch von ihm gewichen, er tourte feßr herzlich willkommen geheißen. Der Komponist in einer kurzen beque­men braunen Samtjoppe begrüßte ihn mit einem Schlage auf die Schuller.

.Also guten Tag, und nun machen Sie kein so feierliches Iesicht! Dat kann ich für den Tod nicht ausstehen! . . Ein Rlann von Lebensart, der Fremdling aus Kurhellen. Mari-a, Rofen hat er dir mitjebracht!"

Fräulein Sitten stand neben ihrem Vater hielt Heinrich Wärhahn die Hand hin, schüttelte die seine kräftig. Sie trug ein loseS, weiches Ge­wand mit einem tiefen Halsausschnitt, hieß ihn mit freundlichen Worten willkommen. Da schlug Heinrich Wärhahn das Herz stark an die Rippen

.Hinjeseht da in die Scke, Fremdling k Eine jute Flasche Rheinwein fleht auf dem Tisch, meine Tochter wird Ihnen den Iöttertrant kredenzen, ich werde Ihnen vorspielen mit den nötigen Er­läuterungen, damit Sie den Begriff von einer musikalischen Ahnung bekommen! Aber rauchen verboten, dat is 'ne Sünd und Schande, wenn man einen juten Tropfen im Hla« hat!"

Joseph Sitten fhielte. Heinrich Wärhahn brauchte nicht mehr die Augen zu schließen und sich einzubilden Maria Sitten säße neben ihm. Es war eine holde Wirklichen geworden, und wenn er sie ansah, lächelte fie. Von ihren schlan­ken weißen Händen konnte er den Blick kaum los- reißen. fie sah eS, und stützte den Kobs in die Hand, er sollte sie bewundern diese Hände. Unb im stillen mußte sie lachen. Er versteckte seine breiten Dauernsäuste unter dem Tisch. In ihren weichen Händen war dieser sehnige Mann Wachs. Run, vielleicht lohnte es sich, ihn zurecht­zukneten. Und der Vater spielte, phantasierte mit zurückgelehntem Kopfe, sprang dann auf.

.Herrjott. ich hab auch Durst. Rläbef, schenke deinem alten Vater ein, und bann setz du dich an den Flügel!"

1 Fortsetzung folgt!