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Ur. 205 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für (Vberhefsen)Freitag, 2. September 192J
Es wollte kein rechtes Gespräch zustande kommen zwischen ihnen. Eine fremde Befangenheit lag über beiden. Sein Blick flog immer wieder forschend in ihr schönes, feines Gesicht, und Anneliese. die selbstsichere, formgewandte, konnte den leichten ^Interhaltungston nicht finden, den sie sonst so gut beherrschte. Sie muhte immer daran denken, dah Wendloh heute zum letztenmal ge- rommen war für lange Zeit — vielleicht für immer .
„Es tut Ihnen wohl sehr leid, dah Magelone tzicht hier ist?" fragte sie plötzlich schroff. eöu langweilen sich?"
„Bein, gar nicht. 3m Gegenteil. Es ist fo hübsch, dah wir noch einmal gemütlich plaudern können: 3ch wollte, ich mühte nicht mit dem Sechsuhrzug schon wieder fort .
„Sie wollen nicht wie sonst zum Lee und zum Wendesfen bleiben?" unterbrach sie ihn erschrocken.
„Leider kann ich dies heute nicht. Meine Eltern sind in Wien und Papa erwartet mich mit diesem Zuge."
„Wie schade."
„Tut es 3hnen leid, Komtesse?"
Er beugte sich ein wenig vor und sah ihr tief in die Augen. Anneliese errötete.
„Sie waren so lange nicht hier!" murmelte sie verwirrt.
„Das ist wahr. Lind ich bedauere es heute schmerzlicher, als Sie glauben! Wer es gab verschiedene Llmstande, die mich abhielten . Er brach ab und fuhr gleich darauf in anderem Ton fort: „Wäre es denn ganz unmöglich, Komtesse, dah Sie sich entschlössen, Ihre Tante auf'ALdens- loh wieder zu besuchen? Eie sagten, Sie waren
Die Not der deutschen Kolonisten an der Wolga.
Am Mittellauf der Wolga, zwischen den Städten Samara und Saratow, wohnen seit den Tagen der Kaiserin Katharina deutsche Bauern, die, meist aus Süddeutschland zu- gewandert. sich in geschlossenen Siedlungen ihr Volkstum im grohen und ganzen unverfälscht bewahrt haben und auf mehr als eine Million Köpfe angewachsen sind. 3n früheren Jahren konnten sie Dank ihrer Sparsamkeit Mißernten, wie sie das Klima Rußlands häufig verursacht, glücklich überstehen. Jetzt werden sie, durch die unaufhörlichen Requisitionen der Roten Armee ihrer letzten Borräte beraubt, mit in das furchtbare Hungerelend, das in den ganzen Gouvernements des östlichen Rußlands wütet, hineingerissen. Wie grausig die Rot auch unter unsern Volksgenossen an der Wolga jetzt ist, bekundet in erschütternder Sprache ein Aufruf, die die in Berlin SW. 11, Königgrätzer Straße 471, erschütternder Sprache ein Ausruf, den die Osten (herauSgegeben vom Ausschuß der deutschen Gruppen AltrußlandS) in ihrer Ausgabe vom 28. August veröffentlicht. Darin heißt es u. a.:
Der Hunger tötet menschliches Empfinden, macht den Menschen zur wilden Bestie, der dem schwächeren Rebenmenschen das zuckende Fleisch von der Rippe reiht. Wir übertreiben nicht. Stelle jeder sich vor mit dem ganzen Aufgebot seiner Phantasie: 3n meiner Wohnung, in meinem Hause, in meinem Dorf, in der Stadt, in der ganzen weiten Umgegend, die du erreichen kannst, ist nichts mehr da, was ehbar ist, absolut nichts Solche Zustände herrschen heute in weiten Gebieten Rußlands. Die Massen fliehen vor dem Hunger: sie werfen sich auf Gegenden, die noch nicht ganz leer sind. Und in wenigen Tagen und Wochen fliehen nun alle zusammen weiter und stürzen sich auf eine dritte Gruppe, bis auch diese nichts mehr hat. Und in diesen Gebieten der Verzweiflung. des Todes, des Kampfes aller gegen alle um das letzte Stück Brot, leben über eine Million deutscher Bauern unter Fremden. Deutsche Dauern, die seit 1OO bis 150 Jahren diese Gegenden zu Getreidekammern Europas gemacht haben, die fleißigsten Getreidebauern, die man sich denken kann! Und diese Leute verhungern jetzt auf ihrem fruchtbaren Lande, da fie, aller Vorräte beraubt, dem Mißwachs nicht standhalten können, wie es sonst ihr Stolz war. Helft, ihr Deutschen alle! Helft sie uns retten aus ihrer augenblicklichen Rot, und sie werden keinen Schweiß scheuen, um auch euch wieder zu helfen auS eurer RotI Helft uns retten, Die u n - serS Stammes, unser« DluteS sind, vor dem schrecklichen Tode des Verhungerns! Helft uns retten unsere Hoffnung auf den Wiederaufbau in Rußland, auf eine erfolgreiche und nützliche Zusammenarbeit auf ein neues Aufblühen deutscher Tatkraft, deutschen Schaffens und deutscher Ordnung.
Das Vereinigte Hilfswerk für die deutschen Kolonisten Rußland« will das Sammelbassin sein für alle milden Gaben. DaS Vereinigte Hilfswerk, bestehend au« Angehörigen und Vertretern dieser Kolonisten, will aber vor allem die Wege weisen, tote geholfen werden kann, wie geholfen werden soll, und tote geholfen werden muß.
Die deutschen Kolonisten an der Wolga haben manchem kriegsgefangenen Reichsdeutschen Obdach und Brot gegeben; die deutschen Pastoren in Rußland haben in Konzentrationslagern und Krankenhäusern an unsern kriegsgefangenen und internierten Landsleuten trotz aller Strafandrohungen und persönlichen Gefahren zahlreiche Werke derRächsten- liebe verrichtet. So ist e« eine Pflicht vergeltender Dankbarkeit, ihnen, die jetzt in noch größerer Rot als wir sind, nach unsern schwachen Kräften zu helfen.
Der oberschlesische Bergbau.
Die Begehrlichkeit der Polen ist hauptsächlich auch aus dem Grunde auf Oberschlesien gerichtet, weil dieses Land in seinem Innern sehr reich an Kohle, Erz und Zink ist. Oberschlesien ist gewissermaßen die zweite Kohlenkammer Deutschlands neben dem Rbeinlande, und deshalb eben für unser Wirtschaftsleben unentbehrlich. DaS Steinkohlenvorkommen ist ein gewaltiges Becken von etwa 5500 Quadratkilometer Größe, wo-
Die Nothersteins.
Roman von Erich Ebenstein.
Copyright 1919 by ©reiner & Eornp., Berlin W 30.
44. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
„Meine Schwägerin hat mit Rüdiger einen Spaziergang unternommen," sagte sie endlich. Herthas Teilnahme daran absichtlich verschweigend. Dann setzte sie etwas boshaft hinzu: „Bei dem lebhaften Interesse, das Magelone an Rüdigers Gesellschaft nimmt, dürfte sie wohl fo bclld nicht zurückkehren."
3hre schönen Rixenaugen weideten sich an Wendlohs überraschter Miene. Er sollte es nur wissen, daß Magelone ihre Rehe nicht nach ihm allein auswarf. Wenn es feinem Herzen weh tat — um |o besser! Er hatte sie ja auch leiden scmadjt . .
Sehr weh schien die Andeutung Wendloh nun freilich nicht zu tun. 3m Gegenteil. Ein kleines Lächeln umspielte seinen Mund, als er, leinen kurzgefchnittenen Schnurrbart zupfend, die schöne Anneliese mit einem Blick von unten herauf ansah.
Er hatte verstanden. Richt nur, dah sie ihm Magelones heimliche Absichten verraten hatte, sondern auch — warum sie es tat.
Diese Entdeckung an der bisher |o stolzen und Unnahbaren Anneliese griff ihm seltsam ans Herz. Sie kam ihm mit einem Male noch viel schöner vor als je zuvor. Gerade Wärme hatte er an ihr vermißt. Wer heute lag ein Schmelz in ihren sonst so kühlen Augen, der ihn schon unten im Park bei der Begrüßung verwirrt hatte . . .
von auf Preußen 2800 Quadratkilometer und auf da« ehemalige Oesterreich 2500 Quadratkilometer entfallen. Hiervon sind durch Bergbau bis jetzt erst 800 Quadratkilometer erschlossen. DaS oberschlesische Steinkohlenbecken enthält auf je 100 Meter Schichtung 2,8 Meter gewinnbare Kohle und 4,5 Meter Kohle überhaupt. Die Mächtigkeit des gesamten Steinkohlengebirges beträgt in westlichen Teilen des Beckens 6900 Meter mit 477 Flößen von zusammen 272 Meter Kohlen- Mächtigkeit, davon sind 124 Flöhe mit 172 Meter abbauwürdig. Bis zu 1000 Meter Tiefe birgt das oberschlesische Steinkohlenbecken 60 Proz. des gesamten deutschen Steinkohlen- vorrateS in seinem Schoße. Der Gesamtvorrat in oberschlesischer Steinkohle wird bis zu einer Tiefe von 2000 Meter auf 113 995 Millionen Tonnen abbauwürdiger Kohle berechnet. 1913 betrug die Kohlenförderung in Oberschlesien 43,80 Millionen Tonnen. Selbst wenn sie verdoppelt würde, so könnte noch über 800 Jahre lang aus der ersten Tiefenstufe bis 1000 Meter Kohle gefördert werden. Die oberschlesische Steinkohle eignet sich infolge ihres Gasreichtums besonders zur Leuchtgasbereitung. Sie hat außerdem den Vorteil der leichten Entzündbarkeit. Die Bergbauanlagen sind zunächst dort angesetzt worden, wo der Abbau am leichtesten war, also an den Rändern deS SteinkohlengebirgeS und den sogenannten schlesischen Kohlen-, Blei- und Zinklagerberg- Mulden. So liegt der Schwerpunkt des ober- baueS zwischen Hindenburg und MhSlvwitz. Bei MhSlvwitz zeigen die Flöhe eine Mächtigkeit von 20—25 Meter.
Das Steinkohlengebirge tritt in Oberschlesien nicht überall frei zutage, sondern es ist vielfach unter einer Decke von jüngeren Gesteinsschichten verborgen. 3n der Gegend von Tarnowitz, Beuchen und Scharley besteht diese Decke auS Muschelkalk und enthält nutzbare Ablagerungen von Bleierzen, Zinkerzen, Schwefelkies und Eisenerzen. Die Bleierzeugung spielt in Oberschlesien eine bedeutende Rolle und betrug im Zähre 1911 25 Prozent der gesamten deutschen Bleierzeugung. An Zink lieferte Oberschlesten im gleichen Jahre 17,4 Prvz. der gesamten Welterzeugung und 62,4 Proz. der gesamten deutschen Produktion. 3m Jahre 1913 lieferte Oberschlesien an Bleierzen 55 500 Tonnen im Werte von 6,59 Millionen Mark, an Zinkblende 400 000 Tonnen im Werte von 28,1 Millionen Mark, an Eisenerzen 33 000 Tonnen im Werte von 195 000 Mark. Die Blei- und Zinkerze, sowie der Schwefelkies treten gemeinsam in einer Lagerstätte auf und müssen zusammen gewonnen werden. Sie werden dann in den Aufbereitungs-Anlagen Über Tage voreinander getrennt. Die Bleierze Oberschlesiens sind auch urch einen geringen Silbergehalt ausgezeichnet, aus dem Im Jahre 1912 11 763 Kg. Silber auf 41 313 Tonnen in Oberschlesien gefördert wurden. Oberschlesien fördert ebensoviel Steinkohlen wie ganz Frankreich und doppelt soviel wie Belgien. ES ist der zweitgrößte Steinkohlenbezirk Deutschlands.
Zur Ausbeutung dieser gewaltigen Bodenschätze gehört aber auch ein industriell und wirtschaftlich auf der Höhe stehender Staat mit einem altangesessenen Stamm von Bergleuten. Die völlige Erschließung dieses Gebietes wird einem Staate wie Polen nie möglich sein. Rur Deutschland ist in der Lage, diese Schätze zu heben. Mit ihrer Hilfe wird eS Deutschland gelingen, im Laufe vielerIahre seine drückenden Kriegsverpflichtungen abzulösen. Bei einer uns ungünstigen Entscheidung würde die Ausbeutung dieser Bodenschätze ganz dem Auslande anheim fallen, denn schon jetzt machen sich Anzeichen dafür bemerkbar, daß englische und amerikanische Finanzkvn- zerne sich den vberschlesischen Besitz an Steinkohlenfeldern zu sichern suchen, um unter Ausschaltung Deutschlands diese Bodenschätze für sich zu gewinnen und den Deutschen nur als Lohnsklaven für die Arbeit zu betrachten, während sie die Gewinne selbst einstecken wollen.
Aus Stabt und Land.
Gießen, den 2. Sept. 1921.
*• Amtliche Personalnachrichten. Ernannt wurde am 26. August die Schulamts- antoärterin Margarethe F 1 eck aus Binningen zur Lehrerin an der höheren Bürgerschule zu Vilbel unter Belassung in der Kategorie der Dollsschullehrerinnen.
** „Dortagsanmeldungen" im Fernsprechverkehr. Rach der neuen Fernsprechordnung können vom 1. Okwber ab im Fernverkehr Gespräche bereits am Rachmittag des Vortags gegen eine besondere Gebühr von 50 Pf. für die Anmeldung eines jeden Gesprächs unter Angabe einer bestimmten Anmeldezeit bestellt werden („V ortagS° anmeldunge n“). Der Teilnehmer hat bei diesen Vortagsanmeldungen den Vorteil, dah er die Anmeldezeit beliebig bestimmen kann, seinerseits also nicht gezwungen ist, die Gespräche in früher Morgenstunde anzumelden. Daneben können auch vom 1. Oktober ab schriftliche Vortagsanmeldungen sowie Daueranmeldungen zugelassen werden, das sind Anmeldungen auf täglich zwischen denselben Teilnehmersprechstellen auszuführende Gesprächsverbindungen, die für einen längeren Zeitraum, z. B. 14 Tage, im voraus bestellt werden. Einrichtungen dieser Art werden jedoch nur in solchen Orten gugelassen, wo ein Bedürfnis dafür vorliegt. Die gewerbsmäßige Anmeldung von Ferngesprächen durch Dritte ist nach der neuen Fernsprechvrdnung verboten und gilt als mißbräuchliche Benutzung des Anschlusses. Die Höchstdauer einer Ferngesprächsverbindung wird durch die neue Fernsprechvrdnung auf 15 Minuten begrenzt, damit die Leitungen künftig einem weiteren Kreise von Benutzern zur Verfügung gestellt werden können.
,e Eine Kundgebung zum Schuhe der Republik touroe — gleichwie am Vortage Im Reich — gestern nachmittag auch in Gießen von den drei sozialistischen Parteien veranstaltet. Zahlreiche Arbeiter, zu einem großen Teil auch von auswärts, waren der Parole gefolgt, und der Saal des (Safe Leib erwies sich als zu klein, weshalb die Kundgebung nach dem Brandplah verlegt wurde. Hier sprachen Getoerk- schaftsbeamter Mann von der Mehrheitssozialdemokratie, Landtagsabgeordneter Kiel von der 41SP. und der Kommunist Haupt. 3n kurzen Reden wurde die Gefahr, die der Republik von der Reaktion drohe, geschildert und die Arbeiter zur Einigkeit aufgefordert, um die Freiheit zu schirmen. Die Redner traten weiter ein für Aufhebung des Belagerungszustandes, besonders in Bayern, für energisches Vorgehen gegen die Mordhetze der Rechtspresse, für Verhinderung der monarchistischen und nationalistischen Kundgebungen, für stärkere Steuerbelastung des Besitzes bei Schonung der Arbeit, für Demokratisierung der Justiz und Verwaltung, der Reichswehr und der Polizei usw. Herr Haupt sprach davon, daß jetzt die Stunde der Befreiung des Proletariats gekommen sei, daß es so nicht mehr weitergehen könne. Die Masten müßten sich rühren und kampfbereit dastehen. Wenn es zum Kampfe komme, müsse reine Arbeit gemacht werden, dann müsse der letzte Reaktionär verschwinden. Herr Kiel sagte, dah die Geduld des Proletariats jetzt zu Ende sei, dah das dumpfe Grollen, das sich schon lange in der Arbeiterschaft bemerkbar gemacht habe, jetzt zur Explosion komme. Es liege ihm aber vollständig fern, so bemerkte der Redner, an- dieser Stelle, dah er hiermit zum Mord aufhehen wolle. — Die Massen formierten sich dann in Viererreihen, und ein sehr langer Zug bewegte sich über den Seltersweg zum Bahnhof. Viele Fahnen, in der Mehrzahl schwarz-rot-golden, wurden mitgeführt. Auch Schilder mit den bekannten Forderungen: „Rieder mit der Reaktion!", „Rieder mit den Meuchelmördern!", „ Für Erhaltung des AchtstundentagesI", „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" usw. Einzelne Teile des Zuges fangen sozialistische Lieder oder liehen die Republik hochleben. Die Ordnung wurde überall aufrechterhalten, nur der Strahenbahnverkehr war für kurze Zeiten gestört.
Kreis Lauterbach
± Herbstein, 30. Aug. Der Krieger- vereins-Bezirk Herbstein hielt am Sonntag im Deutschen Haus zu Bermutshain leinen 2. Bezirkstag ab. Rach dem Bericht über den Hassiatag in Bensheim durch Lehrer Doll- Lanzenhain stimmte der Bezirk der Erhöhung des Mitgllederbeitrags auf 3 Mark zu. Sodann wurde eine Bezirksgruppe der Kriegsbeschädigten und
lange nicht dort und die alte Dame würde gewiß glücklich sein? . . . ilnb dann denken Sie nur: Addensloh liegt so nahe bei Dirkenried! Wie schön wäre es, wenn wir dann dort unsere gemütlichen Plauderstündchen fortsetzen könnten! Auherdcm würden Sie ein gutes Werk an einem armen Verbannten tun. CBtrfenrieb würde mir nämlich gar nicht mehr wie die Verbannung erscheinen, wenn ich nur die Hoffnung hätte. Sie in absehbarer Zeit in der Rahe zu wissen!"
Anneliese errötete noch liefet. Wer zugleich trat ein abweisender Zug in ihr Gesicht. Glaubte er denn, nachdem er sie monatelang vernachlässigt hatte, jetzt nur winken zu brauchen, damit sie ihm — nachlaufe? Denn gerade so sähe es doch aus.
„Was fällt 3hnen ein!“ sagte sie hochmütig wie einst, und alle Weichheit war plötzlich wie weggewischt aus Ton und Blick. „Was sollte ich jetzt im Winter bei Tante 3sabella? Sie sagen ja selbst, es sei graulich langweilig dort!"
„ Für einen allein! Zwei aber könnten doch vielleicht ein wenig Leben hinabzaubern . . für mich wäre 3hre Gegenwart allein das Leben dort, ilnb ich würde alles tun, um Sie vor Langeweile zu bewahren. Seien Sie so gut, Anneliese, geben Sie mir wenigstens die Hoffnung auf ein Wiedersehen!"
Sie erbebte bei seinem warmen Ton und dem flehenden Blick, der auf ihr ruhte. Aber fte schüttelte den Kopf.
„Wozu? Sie werden sich sehr bald in Birkenried eingelebt haben und dann gar nicht mehr denken an unsere . . Plauderstündchen! Außer
dem bedenken Sie doch, wie es gedeutet würde, wenn ich — jetzt gerade zu Tante 3sabella ginge!"
»Gedeutet? Das sagt Ihr Stol-, und ich
Kriegshinterbliebenen gebildet und ein Obmann bestimmt.
Kreis Friedberg.
O Friedberg. 31. Aug. 3m Stadtteil Fauerbach ist nach 6 / jähriger russischer Gefangenschaft Lehrer W. Du c n, der letzte Friedberger Gefangene, heimgekebrt. Die Einwohnerschaft bereitete dem Heimkehrer einen herzlichen Empfang.
Kreisausschuh.
Gießen, 31 August 1921.
Heute fand im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes eine öffentliche Sitzung des Krcisaus- schusses statt. Zuerst kam zur Verhandlung die Reuregelung der Besoldung des Gemeinderechners Faber zu Großen-Linden. Rach den Akten steht dem Gemeinderechner zu Großen-Linden entsprechend der vom Kreisamt in Anlehnung an die von dem Ministerium des 3nnern erlassenen Richtlinien vorgeschlagenen DeschäftigungSdauer, eine sich aus einer Wochenbeschäftigungsdauer von 36— 38 Stunden berechnende Besoldung zu. Der Gemeinderat wollte einer solchen auch zustimmen, wenn der Gemeinderechner die von ihm mitverwaltete Ortsstelle der Landkrankenkasse und der Ortskrankenkasse für den Landkreis Gießen zu Gunsten eines anderen Kriegsbeschädigten abtrete. Dem hatte der Gemeinderechner aber nicht zugestimmt, worauf der Gemeinderat beschloß, die Besoldung des Gemeinderechners unter Zugrundelegung einer wöchentlichen Defchäftigungsdauer von nur 32 Stunden festzusetzen. Da der Gemeinderechner hiermit nicht einverstanden war, mußte im Dertoaltungsstreitverfahren entschieden werden. Rachdem über den ilmfang und die Art der Geschäftsführung ein Rechnungsverständiger gehört worden war, wurde die Gemeinde Großen-Linden kostenpflichtig verurteilt, dem Gemeinderechner Faber unter Zugrundelegung einer durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit von 38 Stunden eine Besoldung in Hohe von 9120 Mk zu gewähren.
Die Gemeindevertretung Ettingshausen hatte unterm 8. Mal v. Zs. beschlossen, jedem Ortsbürger zu den Kosten eines Hausanschlusses einen Zuschuß von 500 Mk. aus Mitteln der Gemeinde zu gewähren. Einer Frau, die zum zweitenmal verheiratet ist, wurden diese 500 Mk. füi das ihr in erster Ehe zugefallene Haus nicht gewährt, weshalb fie sich beschwerdeführend an das Kreisamt gewandt hatte. Letzteres stellte fest, daß es sich im vorliegenden Fall um Schenkungen der Gemeinde handle, wozu gemäß § 95 LGO. die Genehmigung des Kreisdirektors erforderlich fei Einem dahingehenden Antrag der Bürgermeisterei wurde die Genehmigung versagt mit dem Hinweis darauf, dah in den heutigen Verhältnissen kein Anlaß vvrliege, einen Betrag von 56 000 Mk. zu verschenken. Außerdem könne das Kreisamt nicht billigen, daß in einer Angelegenheit, welche mit dem Ortsbürger- nutzen nicht das geringste zu tun habe, lediglich Ortsbürgern Zuwendungen gemacht würden, zumal noch Hausbesitzer in Ettingshausen vorhanden seien, welche bei der Leplanten Schenkung leer ausgehen würden. Gegen diese ablehnende Verfügung erhob die Gemeindevertretung Klage beim Kreisausschuß. Diese Klage wurde kostenpflichtig abgewiesen.
Eine andere Streitsache brauchte nicht verhandelt zu werden, nachdem sich die Parteien vor dem Termin geeinigt hatten.
Schlichtungsausschus; der Provinz Oberhessen.
Sitzung vom 30. August 1921.
3n der Lohnstreitsache des Deutschen Metallarbeiterderbandes in Frankfurt a. M. gegen den Arbeitgeberverband der Metallindustriellen Butzbachs, für die Firmen Meguln A. G , Gebr. Freitag, A. 3. Tröster, A. Volk u. Samesreuther, wurde wegen Wiederaufnahme der Arbeit eine Verständigung erzielt und im übrigen mit Wirkung vom 15. August 1921 durch Schiedsspruch durch Vermittlung zwischen den bereits durch die Verhandlungen nahe aneinander geführten Vorschlägen der Parteien, die bisherigen Lohne durch Zuschläge je nach Altersstufen von 10—50 Pf. zu dem Stundenlohn, neu geregelt . Verheirateten Arbeitern wurde eine besondere Stundenlohnzu- läge von 20 Pf. bis zu 2 unterhaltsberechtigten Kindern, die nicht selbst entlohnte Arbeitnehmer sind, 40 Pf. bei mehr als zwei dieser Kinder, zuerkannt. Ab 1. September 1921 sollen sich die Stundenlohnsähe in sämtlichen Gruppen und Altersklassen um 20 Df., ab 1. Oktober 1921 um weitere 20 Pf. erhöhen.
Der Zentralverband der Bäcker, Konditoren und Berufsgenossen in Frankfurt a. M. hatte gegen die Bäcker Innung Bad-Rauheim eine Lohn-
verstehe dies sehr wohl. Wer — werden Sie auch "bann nur auf Ihren Stolz Horen, wenn ich Ihnen sage, daß ich von diesem Wiedersehen viel mehr erhoffe, als bloß eine Fortsetzung unserer Plauderstündchen?"
3n wortloser Verwirrung blickte Anneliese zu Boden.
Da schlug die ^Ihr am Kaminsims fünf.
Wendloh sprang auf.
„Schon so spät! Ich muß fort, wenn ich den Zug noch erreichen will!"
Er ergriff Annelieses Hand und sah ihr tiet in die Augen.
„Hub Ihre Antwort? Wollen Sie mich wirklich fo gehen lassen?"
„3ch . . weih es nicht Ich kann Ihnen kein Versprechen geben . . murmelte sie.
Er zog, ohne den Blick von ihr zu wenden, ihre Hand an die Lippen.
„Gut. Aber Sie werden überlegen, nicht wahr? — und sich dabei vor Augen haften, bah ein Menschenfchicksal von Ihrem Entschluß abhängt . . Liebe, teure Anneliese!" murmelte er weich und heiß
In diesem Augenblick trat Rainer ein, bei feine Münzen endlich toieber in Ordnung gebrach hatte. Er entfchulbigte sich taufeubmal und toai lehr bestürzt, als er horte, bah ber Gast bereits fort müsse.
„2lber bas geht doch nicht!" protestierte er „Wenigstens den Tee müssen Sie mit uns nehmen ich toerbe gleich —", er wollte klingeln. Wei Wenbloh hielt ihn zurück.
„Heute geht es wirklich nicht, lieber Gras Ich muß den Zug erreichen!"
(Fortsetzung folgt.)


