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Unterhaltung»Erhebung Belehrung §=ss?8=>

Bismarck und Taprivi.

3n dem dritten Band von Bismarcks .Ge­danken und Erinnerung«n", der nun­mehr von der Cottaschen Buchhandlung soeben ausgegeben toirb, erwecken neben der weltgeschicht­lichen Tragödie seiner Entlassung und der Cha­rakteristik Kaiser Wilhelms II. verschiedene Ka­pitel. die einzelnen während siner letzten Amts­zeit hervortretenden Persönlichkeiten gewidmet sind, besonderes Interesse, und unter diesen am meisten das neunte Kapitel, das sich mit seinem Bachfolger, dem Grafen Caprivi, beschäftigt.

Obwohl Caprivi auch in den Konven- tikeln. die um den Grafen Roon und in dem Hause des Geheimrats von Ledbin ge­gen ihn tätig waren, verkehrte, habe er Bis­marck doch die hohe Meinung, die er von seiner militärischen Begabung hegte, bei gebotenen Ge­legenheiten geltend gemacht; so habe er sich da­gegen gewandt, als Caprivi zum Chef der Marine ernannt werden sollte, damit ein General, der wie er daS Vertrauen in der Armee besähe, bei den damaligen zweifelhaften Friedensaussichten nicht dem Landheere entzogen würde. Bismarck empfahl namentlich. Caprivi an der Leitung des General- stabeS zu beteiligen, sobald Moltke der Unter­stützung bedürfe; aber dieser war nicht geneigt, sich von Caprivi unterstützen zu lassen und erklärte, lieber abzugehen.

Für Kaiser Wilhelm II. war Caprivi auf mi­litärischem Gebiete zu unabhängig im Urteil, auf politischem aber war er Seiner Majestät an Vor­bildung nicht gewachsen." Als nun Caprivi gegen die Uebernahme des Reichskanzlerpostens nach BiSmarcks Abgang Bedenken äußerte, beschwich­tigte ihn der Kaiser, wie Bismarck erfuhr, mit den Worten:Seien Sie ohne Sorge, sie kochen alle mit Wasser, und ich werde die Verantwortlichkeit für die Geschäfte übernehmen."Hoffen wir," fügt hier BiSmarck hinzu,daß die nächste Generation die Früchte dieses königlichen Selbstvertrauens ernten werde," und er erzählt dann weiter:Wie Caprivi über die Bedenken, die er gegen Ueber­nahme des KanzlerpostenS hegte, sich hinweg ge­holfen hat, darüber sprach er bei unserer einzigen und kurzen Besprechung nach seiner Ernennung, zwischen Tür und Angel des von ihm in Besitz genommenen Zimmers im Flügel meines Hauses, sich mit den Worten aus:Wenn ich in der Schlacht an der Spitze meines zehnten Corps einen Befehl erhalte, von dem ich fürchte, dah bei Ausführung desselben daS Corps, die Schlacht und ich selbst verloren gehen, und wenn die Vor­stellung meiner sachlichen Bedenken keinen Erfolg hat. so bleibt mir doch nichts übrig als den Be­seh! auSzuführen und unterzugehen. Was ist nach­her weiter? Mann über Bord." In dieser Auf­fassung liegt der schärfste Ausdruck der Gesinnung deS Offizierkorps, welche den letzten Grund der militärischen 6tär!e Preußens in diesem und dem vorigen Jahrhundert gebildet hat und hoffentlich ferner bilden wird. Aber auf die Gesetzgebung, die Politik, die innere wie die äußere, übertragen, hat dieses, auf seinem eigentlichen Gebiete be­wunderungswürdige Element doch seine Gefahren; die heutige Politik eineS Deutschen Reiches mit freier Presse, parlamentarischer Verfassung, im Drange der europäischen Schwierigkeiten, läßt sich nicht im Stile einer durch Generäle au8ge- führten Königlichen Ordre betreiben, auch wenn die Begabung deS beteiligten Deutschen Kaisers und Königs von Preußen der Friedrichs II. mehr als ebenbürtig ist. Ich hätte an Stelle des Herrn von Caprivi den Aeichskanzlerposten nicht ange­nommen; um Kabinettssekretär oder Adjutant auf einem ihm fremden Gebiet zu werden, ist ein hoher preußischer General, der mehr als andere das CVertrauen eines Offizierkorps hat, ein zu vor­nehmer Mann, und die Politik ist an sich noch U&n Schlachtfeld, sondern nur die sachkundige Be­handlung der Frage, ob und wann Krieg nottoen- dfti sein wird, und wie er sich mit Ehren verhüten labt Ich kann die Caprivische Schlachtfeldtheorie nur gelten lassen in Situationen, wo die Existenz der Monarchie und des Vaterlandes auf dem Spiele steht, in Situationen, für welche der Be­griff der Diktatur sich geschichtlich auSgebildet hat. wie ich als solche beispielsweise die Lage von 1862.ansah. Wie genau, ich möchte sagen, subal­tern Caprivi dieConsigne" befolgte, zeigt sich darin, daß er über den Stand der Staatsgeschäfte, die zu übernehmen er im Begriffe stand, über die bisherigen Ziele und Absichten der Reichsregie- rung und die Mittel zu deren Durchführung keine Art von Frage ober Erkundigung an mich gerich­tet hat. Ich entnehme daraus, daß ihm präzis be­sohlen war, sich jeder Frage an mich zu enthalten, um nicht den Eindruck abzuschwächen, daß der Kaiser selbst und ohne eines Kanzlers zu be­dürfen, regierte Es ist mir nie vorgekommen, daß eine Pachtübergabe nicht eine gewisse Ver­ständigung zwischen dem abziehenden und dem anziehenden Pächter erfordert hätte; In der Re- ?|ierung des Deutschen Reiches mit allen ihren omplizierten Verhältnissen ist ein analoges Be­dürfnis aber nicht hervorgetreten. Die Wendung tn meiner Verabschiedung, daß der Kaiser meinen Rat benützen wurde, hat nie eine praktische Betätigung erfahren und die Unterschrift meines AachfolgerS habe icy bet meiner Entlassung und später weder amtlich noch vertraulich zu sehn be­kommen. außer unter einem für mich nachteili­gen Entscheide betreffend meine Pensio­nierung (Anmerkung: Ich wurde u. a. ver­anlaßt. die Quote meines am 1. Januar erhobenen Quartalsgehalts für die 11 Tage vom Datum meiner Verabschiedung (20.31. März) wieder herauszugeben) Meine Erfahrung in unserer Po­litik reichte 40 Jahre zurück, und durch den Amts­wechsel war mein Rachfolaer nicht vertrauter mit der politischen Lage geworden. alS er In der Front des 10. KorpS gewesen war."

Reben den militärischen führt Bismarck auch psychologische Gründe für Caprivis Verhalten an, als eine Folge seiner Jugend, die für einen Gardecsi^ier ohne Vermögen von Entbehrungen und Bitterkeiten nicht frei war. die Empfindung, daß der Abschluß des Lebens in höchster Stellung eine auSaleichende Gerechtigkeit des Schicksals sei. Trotz allen Aufwandes persönlicher Liebenswür­digkeit sei es ihm nicht gelungen, die unfreundliche Stimmung Caprivis gegen ihn zu überwinden;es war immer den Leutenmit Ar und Helm" gegen­über der Iugendeindruck eines jahrelang tantali- fiertcn Offiziers ohne Zulage durchzusüblen". Und zum Schluß macht Bismarck in einer Anmerkung folgende für ihn selbst höchst charakteristische, ganz persönliche Aeußerung:Ich kann nicht leugnen, - mein Vertrauen in den Charakter meines

AachfolgerS ehren Stoß erlitten hat, feit ich er­fahren habe daß er die uralten Bäume vor der Gartenseite seiner, früher meiner, Wohnung hat abbauen lassen, welche eine erst in Jahrhunderten zu regenerierende, also unersetzbare Zierde der amtlichen Reichsgrundstücke in der Residenz bil­deten. Kaiser Wilhelm I. der in dem Reichskanz­lergarten glückliche Iugendtage verlebt hatte, wird im Grabe keine Ruhe haben,, wenn er weiß, daß sein früherer Gardeoffizier alte Lieblings­bäume. die ihresgleichen in Berlin und der Um- gegend nicht hatten, hat niederhauen lassen, um um poco piü di luco zu gewinnen Aus dieser Daumverttlgung spricht nicht ein deutscher, son­dern ein slawischer Charakterzug. Die Slawen und die Kelten, beide ohne Zweifel stammverwandter als jeder von ihnen mit den Germanen, sind keine Daumsreunde, wie jeder weiß, der in Polen und Frankreich gewesen ist; ihre Dörfer und Städte stehen baumlos auf der Ackerfläche, wie ein Aüm- berger Spielzeug auf dem Tische. Ich würde Herrn von Caprivi manche politische Meinungsverschie­denheit eher nachsehen als die ruchlose Zerstörung uralter Bäume, denen gegenüber er das Recht des RießbrauchS eines Staatsgrundstücks durch De- terioration desselben mißbraucht hat."

(Eltern.

Von Wilhelm Schmidtdvnn.)

Hand in Hand schritten daS Väterchen und das Mütterchen durch den Lärm der Straße hindurch. DaS Väterchen hob und setzte den Stock, durch den oben ein kleiner Riemen gezogen war, rüstig, wie er es von der Landstraße ge­wohnt war. wollte immer geradeaus gehen und stieß vorn und hinten damit auf fremde Füße. Als ihm einer den Stock mit dem Fuß beiseite schleuderte, blieb er stehen, und sah sich noch lange nach der Ursache des Ereignisses um, während der Eilige schon lange in den Menschen­wogen untergegangen war.

Wenn die Menschen der Straße nicht alle diese sonderbare Hast gehabt hätten, die sie ein­ander stoßen und auf die Füße treten ließ, hätten sie auch den eigenartigen Stolz gemerkt, der außer der Verwunderung über diese nie gesehene Welt auf den roten Gesichtern der beiden Alten lag. Und gewiß! Wenn man fünf Stunden auf der Dahn gesessen hatte, was doch wohl eine Reise zu nennen war, und noch dazu einen Sohn besuchen kam, der ein Haus hier hatte und studierter Doktor war, durfte man wohl mit dem ganzen Gefühl seiner Bedeutung in diese eilenden Menschenmassen hineinsehen.

Das Väterchen, das gewohnt war, eben wegen dieses Sohnes von jedem im Dorf mit Hoch­achtung gegrüßt zu werden, suchte noch immer in allen Gesichtern, ob es da nicht eine Freude, eine Bewunderung, einen Reid lesen könne und sing an, als alles und alles an ihm vorüber­ging. ohne auch nur nach ihm hinzusehen, nieder­geschlagen und verwirrt zu werden. Das Mütter­chen aber setzte tapfer Fuß vor Fuß, zog ihren Mann an der Hand mit sich sah nicht in die Leute, sondern sah nur zu den Häusern hinauf.

Unb endlich standen sie vor einem HauS, das die gesuchte Rümmer trug. Erschreckt blieben sie stehen, rückten ganz nahe eins zum andern hin, sahen nur mit den Augen hin, ohne den Kopf in die Richtung zu bringen, wollten plötzlich weitergehen. Dieses Haus da, dieses glänzend weiße mit der breiten Treppe und der goldenen Tür konnte ja das Haus nicht sein.

Jetzt handelte es sich darum, den Ramen an der Tür zu lesen. Väterchen war zwar sonst immer gern ein wenig pahlerisch bei der Hand, um feine Fertigkeit im Lesen zu erweisen, bei einer so wich­tigen Sache indes wollte er es auf die Meinung nur eines Mannes nicht anfommen lassen, zumal die Buchstaben hier lateinische waren. Mit dem alten Stolz wieder, aber doch mit einer gewissen vertraulichen Miene, die zu erkennen geben sollte, wie nahe er zu dem Erfragten stand, streckte er den knöchernen Arm aus und schlug einem Vorüber­gehenden auf die Schulter.Ra. wo wohnt denn der Herr Doktor?"

Der Herr, der einen Zylinder und braune Handschuhe trug, lachte und sagte:Ja, da wohnt der Doktor Soundso."

Das Väterchen hatte schnell die Kappe abge­zogen vor dem feinen Herrn, voller Freude, den Ramen seines Sohnes aus fremdem Mund zu hören.Es ist mein Herr Sohn nämlich," sagte er, ich bin der Vater und die hier sieh her, Frau ist seine Mutter" Aber der Herr war schon weg.

Das Mütterchen wischte sich die Augen mit einem Zipfel seines Tuches.Komm", sagte sie.

Sie gingen die Stufen der Treppe hinauf. Oben standen sie und suchten, wie die Tür anzu­fassen fei. Schließlich zog sie ihr Taschentuch her­aus, um Nicht mit der bloßen Hand den schweren, goldenen Griff zu berühren. Aber der Griff ließ sich nicht verschieben, und die Tür blieb ver­schlossen.

DaS Väterchen, in dem Drang, seine Bekannt­schaft mit solchen städtischen Dingen zu zeigen, suchte und fingerte überall herum. Schließlich drückte er auf einen weißen Knopf. Es läutete irgendwo, und die Tür öffnete sich tote durch Gei­sterhand ein wenig.

Er sah durch das goldene Gitter und das Glas dahinter in den Hausflur hinein. Da war eine Marmortrevpe, mit einem Teppich belegt, der von goldenen Stangen gehalten wurde. An der Wand war ein mächtiger Spiegel und irgendeine weiße, nackte Frauenfigur. Drm Väterchen sank wieder der Mut.Geh du zuerst", sagte er.

DaS Mütterchen drückte gleichfalls den Kops gegen das Gitter und sah hinein.Rein," sagte sie, ich gehe nicht."

Dummkopf, du bist wohl bang V brauste das Väterchen auf, und ging schnell und zornig die Treppe wieder hinunter, indem er mit dem Stock auf die Stufen stieß. Er ging die Straße weiter, an dem Haus vorüber.

Sie folgte ihm, hielt ihn am Rock fest.Sei nicht gleich so bös," sagte sie,ich gehe schon. Laß mich nur noch ein bißchen warten."

) Diese stimmungsvolle Erzählung mit ihrem so zarten und gütigen Humor entnehmen wir einem neuen Aovellenbuch des bekannten rßeini- schen Dichters Wilhelm vchmidtbonn. das unter dem TitelUferleute" bei Egon Fleischet (Berlin) erschienen ist und ein Stück Rheindichtung eigner, kindlich-innerlicher und doch weltweiter Art darstellt.

Komm auf die andere Sette", sagte er. Aach- bem sie einen günstigen Augenblick abgewartet hatten, erreichten sie mit kurzen, laufenden Schrit­ten durch die rollenden Wagen hindurch die gegen- überliegenben Häuser.

Sie gingen nun wieder dem Hause zu, wagten verstohlene Blicke erst über die unteren Fenster hin, dann zu den übrigen hinauf, bogen schließlich die steifen Hälse nach hinten und sahen bis zum Dach empor.

Wieder stieß sie mit einmal einen erschreckten Schrei aus.

Er fließ sie mit den Knöcheln der Faust gegen die Hüfte und ging schnell weiter.Bleib nicht stehn, was sollen die Leute denken? Du bist doch nicht im Dorf hier?"

Aber sie ließ sich nicht mehr halten. Die Gar­dine unten hatte sich bewegt, sie hatte einen Kops mit krausem, schwarzem Haar gesehen.Ich gebe1, sagte sie mit einer plötzlichen, fröhlichen Ent­schlossenheit.

Hast du auch alles gut eingepackt?" fragte er, indem er sie durch den vorgehaltenen Stock am Fortgehen hinderte.Sind die Eier noch gana?"

Sie fühlte und sah in ihrem Bündel nach: es war alles in Ordnung.

Komm, Peter", sagte sie.

Rein." Er blieb auf seinem Platze stehen.Es schickt sich nicht, baß wir gleich zu zweien ins Haus kommen. Geh du allein, ich komme spater, ruf mich!"

Ja, ja." Ihr war alles recht. Es war ein un­widerstehliches Drängen in sie gekommen.

Gib mir die Eier. Es sieht besser aus so." Er nahm ihr das Bündel. Sie hatte es zwar tragen müssen, aber er konnte doch auch meßt mit leeren Händen kommen.

Endlich ging sie. Und während er mit dem Bündel, bas e&an ben zusammengeknoteten Zipfeln hielt, mit seinen schnellen, kurzen Schritten auf unb ab ging, stieg sie die Treppe brinnen hinauf, schellte oben unb fragte nach bem Herrn Doktor.

Der Diener wies sie ein wenig ärgerlich in ein Zimmer.

Mehrere Herren und Damen faßen da unb sahen ihr mit einiger Verwunderung entgegen. Ein dicker Herr gab ihr einen Stuhl.Seht Euch, Mut­ter. es geschieht Euch nichts hier."

Sie fühlte über ben weichen Sammet und setzte sich schließlich, erst auf den Rand, bann erst schob sie sich langsam weiter.

So faß sie unb hielt die Hände immer gefaltet. Sie hörte seine Schritte im Rebenzimmer sie erkannte sie sofort dann seine Stimme. Ihre ein­gefallenen Backen, die unter den Augen tiefe Höh­len bildeten, röteten sich und erbleichten dann wie­der. Sie irrte mit zitternden Händen über ihren Schoß. Dann stand sie plötzlich auf, sie hielt es nicht mehr länger aus, sie mußte zu ihm.

Aber als die zwei Damen, die in Büchern blätterten, den Kopf nach ihr umdrehten, setzte sie sich wieder. Sie sog die Luft des Zimmers in sich ein, als spüre sie seine Gegenwart in der Luft.

Die Tür zum Rebenzimmer ging auf. Der Herr Doktor kam halb heraus, um ben nächsten Kranken hereinzulassen. DaS Mütterchen zog schnell ben Kopf ein, bückte bie Schultern und schlüpfte ganz tn sich hinein, wie eine Schneche. Sie hob ein wenig die Hände, wie um abzuwehren. Aber der Herr Doktor war schon wieder weg.

Das Mütterchen war überglücklich. Sie hattte ihn gesehen, ganz nahe an ihr war er gewesen wie er groß und stark unb wie sein Gesicht voll unb hell geworben war! Unb ber feine, schwarze Rock!

Beim nächsten Male, wenn er kommt, wirb sie zu ihm gehen. Ob sie ihn küssen soll? Auf ben Mund, das geht wohl nicht, aber vielleicht auf die Stirn? Oder die Backe? Auf jede Backe, dann könnte sie zweimal küssen. Am besten wäre es schon, wenn er ben Anfang machte, sie nähme unb sie küßte bann brauchte sie nicht lange im Zweifel zu fein.

Ob er nicht böse sein wird? Ach nein, sie wird ihm schon sagen, baß sie nichts wollen sie haben ja ihr Auskommen, jeben Sonntag Fleisch daß sie nur gekommen sind, weil er so lange, seit einem Jahre bald, nicht mehr geschrieben hat. Sie wollen ja nur sehen, ob ihm nichts zugestoßen ist in der großen Stadt.

Wieber machte ber Doktor bie Tür auf, und toieber versteckte sich baS Mütterchen in sich selber. Rein, das geht doch nicht, die Damen haben ja Eile, und ber Herr beißt auch so ungebulbig in seinen Bart. Unb bann es sinb ja Kranke, unb mir gottlob! fehlt ja nichts, unb Peter hat ja auch feit zwei Wintern kein Reißen mehr. Rein, nein, ich werbe schon warten.

Unb toieber überließ sie sich ihren Bildern. Mit einem glücklichen Lachen ber Erwartung, baS ihr Gesicht fonberbar breit unb strahlenb machte, faß sie ba, die Augen starr auf einen Punkt ge­heftet.

Ein ausgezeichneter Arzt!" sagte die Dame, bie nun allein war. zu dem Herrn, mit bem sie sich in ein Gespräch eingelassen hatte.

Ja, ja! Diese Ruhe! Ein Arzt, wie er sein soll!" sagte ber Herr.

Wie bem Mütterchen das Herz klopfte! Zu seinem ilnglüd kamen noch neue Kranke. Ach was, sie wirb schon warten. Unb sie wartete. Einmal hob sie den Kopf, über einen Laut erschreckt, unb ba merkte sie, baß sie eingeschlafen war unb ge­schnarcht hatte. Die Fahrt auf ber Bahn hatte auch gar so lange gedauert, und wenn man über bie Siebzig hinaus ist! Sie sah nach den Leuten hin unb schämte sich, alS sie lachenbe Augen auf sich gerichtet sah.

Ueberhaupt, ihr wäre lieber gewesen, sie hätte allein ba sitzen unb warten können. Das waren gar so vornehme Leute. Hatte sie im Anfang gedacht. Herrje, wenn die Leute wüßten, wer du bist! so dachte sie jetzt: Es ist nur gut, daß sie mich nicht kennen, sie würden gewiß nicht mehr solchen Re- spett vor ihm haben.

Sie rückte mit ihrem Stuhl gang tn die Ecke. Rein, er soll sie nicht eher sehen, bis alle fort sind. .Als daS Mütterchen die Augen aufschlug, stand der Diener vor ihr und hatte ihren Arm gefaßt. Ra. Mütterchen, da haben wir gut geschlafen. Jetzt müßt Ihr morgen wieberkommen."

Das Mütterchen sprang auf und konnte erst kein Wort herausbringen. Sie dachte erst, daß eS der Sohn fei. Dann sah sie zu dem großen Mann auf und beruhigte sich. Das Zimmer war sonst leer. Ich bin ja nicht krank," sagte sie und lachte ein wenig,kann ich

Ja, Mütterchen, zu Knnen ist sonst nichts hier. WaS wollt Ihr denn?" Der Mann ließ den Arm der allen Frau nicht loS und schob sie, ohne

daß sie damit einverstanden war, sanft und unauf­hörlich nach der Tür hin.

Ich will" Sie brachte es nicht heraus. Was soll ber Mann von ihrem Sohn denken, wenn sie wirklich so schlecht ausficht, daß er sie zur Tür hinausschiebt? Der würde gewiß bei einem solchen Herrn nicht mehr dienen wollen.

Das Mütterchen wurde plötzlich feuerrot und ging.

Da sah fte ihren Allen auf der anderen Seite unermüdlich auf- unb abgehen, immer noch schnell und fest, immer noch das Bündel in derselben Hand. Er tarn zu ihr herüber.Ra?" fragte er, in- bem er den Stock hob, um gleich bie Treppe hinauf» zu gehen, unb sah sie erwartungsvoll an.

Sie stand auf ihrem Fleck und rührte sich nicht. Rein", sagte sie.

Komm doch!"

- k "^Ein. bleib." Sie setzte ihm alles auseinander, tnbem sie ihn von den Fenstern wegzog.

Seine Augen wurden kleiner, fein Kinn sah mit einmal länger und schmäler ausGut", sagte er, ohne sie anzuschen, und drehte sich um.Wir wollen ihn nicht in Schaden bringen. ES kann nicht sein also gut. Komm!"

Sie aber stand, faßte ihn schutzsuchend an die Oacke und hiell den Kops steif in einer Richtung.

Ein Wagen war vor dem HauS ihres Sohne- vorgefahren. Ein Herr stieg ein, dem ber Kutscher, den Hut in der Hanb, den Schlag öffnete.

Der Herr grüßte nach einem gegenüberliegen­den Fenster hin. an bem zwei Damen standen Der Herr grüßte mehrere Male und lachte vielsagend dazu.

Die beiden Alten hatten sich aneinander ge­klammert und ließen sich erst los. als der Wagen im Gewühl der anderen Gefährte verschwunden war. Sie sprachen lange kein Wort.

Jetzt hast du ihn doch gesehn". sagte sie dann leise.

Wenn wir sterben, wird er schon kommen und uns bie Augen zubrücken", sagte er noch leiser, mit einer Stimme, wie er sie nie gehabt hatte.

Sie legten Hanb in Hanb und gingen toieber nebeneinander her, bie Straße hinunter. Mitten in dem Lärm horte man noch eine Welle das regel­mäßige Ausstößen des Stockes.

Leitvermögen für Wärme und Elektrizität.

Dem aufmerksamen Beobachter entgeht nicht, daß zwischen bem Leitvermögen für Wärme und bem für Elektrizität eine mcrltoürbige Ueber- einfiimmung besteht, in bem Sinn, daß die guten Wärmeleiter im allgemeinen auch gute Glektri- zitätsleietr sinb. Dabei ist bas Verhältnis beider Leitvermögen nur abhängig von der Temperatur, bei welcher sich die Leitung abspielt, unb bet allen Metallen nahezu stets basselbe, z. B bet Kupfer 0,738, bei Silber 0,760, bei Gold 0,807 (in bezug auf 18 Grab); 0,957 bzw. 0,978 bzw. 1,027 (in bezug auf 100 Grab). Dividiert man ein solches Verhältnis in bezug auf 100 Grad durch ein solches in bezug auf 18 Grad, so ergibt sich eine Konstanz vom Betrage 1.28. Ein Grund für ben Zusammenhang der beiden Leitfähigkeiten läßt sich nicht ohne weiteres finden; wohl aber wird eine Antwort auf die Frage nach bem ©runb durch die sogenannte Glektronentheorie ge­geben. Rach dieser Theorie nimmt man an, baß die elektrische Leitung tn einem Metall auf Be­wegung ber Elektronen beruht; bie Elektronen sind bie kleinsten Teilchen ber Elektrizität, so wie bie Atome bie kleinsten Teilchen eines Körpers sinb, unb sie sinb losgelöst von jebem Stofs z. B. in ben Kathvdenstrahlen vorhanden Die Wärme- leiutng wirb bann ebenfalls burch Bewegung von Elektronen erllärt, unb im Zusammenhang mit dieser Erklärung ist auch bie Erzeugung freier Elektronen (also solcher, bie sich vom Metall loslösen und in ben Raum hinauSfliegen) burch bie Theorie gefolgert unb burch Versuche be­stätigt worben; es sei nur an bie Derstärkerröhren (Elektronenröhren) der modernen drahtlosen Tele­graphie und Telephonie erinnert Richt nur für die Theorie ber Wärmeleitung, sondern auch für diejenige anderer Wärmeerscheinungen ist die Einführung ber Elektronen von großem Ruhen Ruhen gewesen, unb es sinb vor allem Ar­beiten ber großen Berliner Physiker Planck und Einstein, durch die anfangs unüberwindlich schei­nende Schwierigkeiten auS dem Wege geräumt wurden. ---

Der Todestanz deS Wiesel-.

Die Kunst der Verstellung und die Anwen­dung von Kniffen beim Erlangen der Deute ist bei den Tieren sehr viel größer, alS man gewöhn­lich annimmt. Als die weitaus geschickteste Art eines Tieres, um seine Rahrung zu erlangen, be­zeichnet der englische Raturforscher Oliver Pike den Totentanz des Wiesels. DaS schlaue Tier führt diesen seltsamen Tanz auf, um die Kiebitze anzulocken, die eine von ihm besonders begehrte Speise darstellen.Das Wiesel", schreibt Pike, der dieses seltene Schauspiel öfters beobachtet hat, sieht die Vögel in der Mitte einer großen Wiese und möchte sich gern ein- der Tierchen für seine nächste Mahlzeit sichern. Wollte es direkt auf sie losgehen, bann würbe es sein Ziel nicht erreichen, denn bie Vögel würden davon fliegen, lange bevor es ihnen so nahe gekommen wäre, um einen der Kiebitze zu packen. Es schleicht sich also durch das Gras so nahe an die Vögel heran, als eS ihm mög­lich ist. nicht gesehen zu werden. Run beginnt eS seinen Tanz; eS springt empor und läßt sich wie­der herunterfallen, zunächst nicht sehr rasch, aber gerade so. um über das Gras emporzuragen. Die Kiebitze werden aufmerksam unb sehen nach dem Geschöpf, das so wunderliche Bewegungen auS- füßrt Es springt und fällt hin, taumelt und überkugelt sich, springt auf und nieder, aber wäh­rend dieser tollen Bewegungen vergißt eS nicht, immer näher an den Vogel heranzukommen, den es sich zur Deute auserkoren hat. Die Kiebitze haben so etwas noch nie vorher gesehen. Da sie von Aatur neugierig sind, so kommen sie immer näher an daS kleine Tier heran, das vor ihnen eine so merkwür­dige Aufführung veranstaltet. Immer wilder und rascher werden Die Sprünge des Wiesels; näher und näher drängt eS sich an die Vögel heran. Jetzt ist es mitten unter der bewundernden Gruppe. Da plötzlich ein schneller Sprung, der erschreckte Schrei eine- Vogels, ein Geflatter von Flügeln, und die Schar ist verschwunden. Aber die Zähne desTodestänzers" sind mit voller Kraft in den Hals des Opfer- geschlagen, das er sich er-

I beutet hat und nun behaglich verzehrt."