Nr. 505 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Dienstag, 3'. Dezember 1929
an der Jahreswende 1929/1930.
neuer und modern eingerichteter Wagen zeitgemäß verbessern; Erweiterungsbauten im Elektrizitätswerk und im Schlachthof wurden in Angriff genommen; dem von der Regierung für Gießen vorgesehenen Pädagogischen 3 n ft i t u t durch städtische Hilfe der Weg zur Verwirklichung geebnet; schließlich noch an zahl- reichen weiteren Aufgaben positiv gearbeitet. Weitere Aktivposten unserer Gießener Kommunal- bilanz für 1929 sind die endliche Bereinigung der Strahenbahnfrage Gießen— Wieseck und die weitere Steigerung des künstlerischen Niveaus unseres Stadttheaters, sowie eine sehr aktive und erfolggekrönte Derkehrswerbung. Anreihen wollen wir hier — obwohl es sich dabei nicht um städtische Schöpfungen handelt — die Einrichtung des Fernsprech-Selbstanfchluh- a m t e s und die Verbesserungen im Bahnhofsgebäude, die beide mit großen Annehmlichkeiten für das Publikum verknüpft sind. Es ist also, trotz aller Bedrängnisse der Zeit, eine ansehnliche Liste von positiven Taten, die unsere Stadtverwaltung und der Stadtrat, letzterer am Schlüsse einer gedeihlichen vierjährigen Amtsperiode zum Nutzen der Bürgerschaft, beim heutigen 3ahresschluh aufwe'.sen können.
Demgegenüber sind aber auch eine ganze Anzahl Minuspunkte als Ergebnis dieses Jahres vorhanden. Als hervorstechendsten — für den man allerdings die Verantwortlichkeit vor allem der überaus pro* duktioen Reichsgesetzgebung und dem Lande Hessen zuschieben muß — darf man wohl die bedauerliche Tatsache ansprechen, daß es auch in dem nun scheidenden Jahre noch immer nicht gelungen ist, die schon langst fällige Steuersenkung herbeizuführen und damit der gesamten Wirtschaft, wie auch (direkt und indirekt) dem einzelnen verstärkte wirt* schaftliche Schaffenskraft zu verleihen. Weitere Schattenseite ist die obenerwähnte vorübergehende Stilllegung der städtischen Bautätigkeit, durch die nicht nur die Fertigstellung der Bauten verzögert, sondern auch die Arbeits- und Verdienst* Möglichkeit weiter Kreise des heimischen Gewerbes und Handwerks empfindlich beeinträcht'at wurde. Sehr zu bedauern ist ferner die empfindliche Stet* gerungderArbeitslosigkeitinden letzten Monaten und die damit eng verknüpfte Beeinträchtigung in unserem heimischen Geschäftsleben. Mit schmerzlichem Bedauern müssen wir auch vermerken, daß in der hochbedeutsamen Viehhof-Angelegenheit im Jahre 1929 kein entscheidender Fortschritt erzielt wurde. Die Stadtverwaltung hat un dieser Aufgabe auch in den letzten zwölf Tstonaten eifrig gearbeitet, leider waren aber die Schwierigkeiten, die sich dem Abschluß dieser Frage entgegenstellten, bislang noch unüberwindlich groß. Hoffentlich bringt das neue Jahr nun endlich die Verwirklichung dieses wirtschaftlich weittragenden Projektes. Don dem Minus in der Gießener Bahnhofsfrage wollen wir hier nicht weiter sprechen, da es sich in dieser Sache angesichts der Finanzlage der Reichsbahn für die nächsten Jahre doch nur um eine rein akademische Erörterung handeln wird. Die im Früh- fommer projektierte und damals auch im Grundsatz schon beschlossene Autobusverbindung Gießen — Klein-Linden ist unter der Wucht nachträglicher wirtschaftlicher Bedenken sang- und klanglos wieder in der Versenkung verschwunden; die Schaffung einer Straßenbahnverbindung nach dem südlichen Vorort ist aber anscheinend nicht nur technisch ein schwer lösbares Problem, sondern einstweilen auch wirtschaftlich nicht gerade allzu verlockend. Bittere Klage zu führen ist über die immer noch andauernde stiefmü11erliche B e - handlungunseresStadttheatersdurch den Staat. Für das Darmstädter Stadttheater, genannt Hessisches Landestheater, gibt der Staat alljährlich Zuschußbeträge von einer Million und vielleicht auch noch mehr, Mainz erhält — berechtigterweise! — nach den bisherigen Ziffern etwa 30 000 Mark im Jahr, für das Gießener Stadttheater, die einzige Bühne von ernster künstlerischer Bedeutung in oer Pro
vinz Oberhessen, aber hat der Staat jährlich nur ganze 5000 Mark übrig. Es ist ganz richtig, wie das demokratische Stadtratsmitglied Schulrat Fischer im November in einer öffentlichen Versammlung sagte, daß dies ein empörender Skandal ist! So fördert Darmstadt im hessischen Sibirien die Kunst und Volksbildung! Wir meinen, der neue Stadtrat hätte die ernste Verpflichtung, sich einmal gründlich zu überlegen, ob wir bei manchen Wünschen des Staates weiterhin so entgegenkommend sein sollen wie bisher, solange dieser „Theaterskandal" des Staates fortbesteht! Der Ausbau der Straßenbeleuchtung kam in diesem Jahre leider nicht mehr voran, ebenso ist auf dem Gebiete der Baulanderschliehung nicht allzu viel geschehen. Man hat auch nichts von der in absehbarer Zeit notwendigen Erweiterung des Friedhofes gehört. Ein Schmerzenskind dieses Jahres war ferner die mangelnde Pflege unserer Anlagen. Diese kurze Aufzählung der wichtigsten Minusposten in un
serer städtischen Jahresbilanz 1929 mag genügen., da es sich bei einer solchen rückschauendc Betrachtung natürlich nur um einen Blick in groß« Linie handeln kann.
Das Schluhergebnis : Auf gesundem Fundament ist im Jahre 1929 ein gutes Stück Aufbauarbeit geleistet worden, dessen wir uns freiten wollen. Daneben steht noch manches bedeutsame Stück zu leistender Arbeit, wir sehen ernst mahnende Zeichen einer schweren deutschen Zeit, dia zu größter Vorsicht bei allem Beginnen zwingen, jedoch ist kein Grund zu mutlosem Pessimismus oder zu angstmeierischer Schaffensunfahigkeit vorhanden! Die Weiterarbeit an unseren kommunalen 2lufgaben kann in guter Zuversicht auf glückhaften Abschluß geleistet werden, wenn wir äile mit Besonnenheit, hingebendem Eifer und klarer Zielsicherheit bei der A u s w e r t u n g aller Möglichkeiten tätig lind. 3n diesem Sinne auch im neuen Jahre 1930 auf ans Werk!
Die städtischen Vetnebe im Ähre 1929.
Oie Bau-Bilanz. — Oie Arbeit der Feuerwache.
Elektrizitätswerk und Straßenbahn.
Elektrizitätswerk: Straßenbahn:
Stromerzeugung Auf Fahrscheine
einschl. Fremdbezug beförd. Personen
Monat
1928
1929
1928
1929
Januar
1 084 621
1 130 852
136 688
134 837
Februar
1 093 531
969 292
133 564
118 048
März
1 004 955
927 335
125 772
138 284
April
758 180
878 525
152 764
133 272
Mai
793 922
895 711
164 896
163160
Juni
773 551
853 032
163 880
167 800
Juli
748 439
904 990
187 120
223 120
August
859 453
872 455
156 340
161140
September
893 082
967 959
138 616
157 220
Oktober
985 580
1154 119
158 712
154 040
November
1 099 644
1177 190
146 864
144 660
Dezember
1 126 657
1190 000
145 540
140 320
11 221 615 11921 460 1810 756 1835 901
3m Laufe des 3ahres 1929 wurden folgende größere Arbeiten ausgeführt: Die Errichtung einer Transformatoren-Station nebst Verkaufsraum und Wartehalle für die Straßenbahn an der Volkshalle, die Erbauung zweier Transforma- toren-Stationen in Wieseck für 20 000 Volt Betriebsspannung, weiter eine Transformatoren- Station in Klein-Linden für die gleiche Spannung, eine Transformatoren-Station in Watzenborn- Steinberg, sowie eine Trafo-Station am Wartweg zur Versorgung des Seltersbergs errichtet. Ferner wurde mit dec Umstellung des Bahnhofs Gießen von Gleich- auf Drehstrom begonnen. Der Bahnhof Gießen wird künftig mit Drehstrom, 20 000 Volt beliefert. Ende November d. 3. ist mit dem Bau eines größeren Schalthauses begonnen worden. Der Nohbau soll bis zum 1. März 1930 fertiggestellt sein und die 3nbetrieb- nahme des Schalthauses Ende September 1930 erfolgen.
Das städtische Gaswerk
konnte im 3ahre 1929 die Gasabgabe gegen das Vorjahr um rund 260 000 Kubikmeter auf 3 627 000 Kubikmeter steigern; in dieser Zunahme ist der Gasverbrauch der Gemeinde Wieseck mit 35 250 Kubikmeter eingeschlossen. Die erfreuliche Zunahme ist nicht nur durch den Einbau von Naumheizungsgasöfen, sondern auch durch die vermehrte Verwendung des Kochgases entstanden. Dank der hohen Wärmeeinheiten des Steinkohlengases und der auf den Markt gekommenen, mit hohem Nutzeffekt arbeitenden Gasgeräte bür
gert sich das Gas immer mehr ein, und es wird die Zeit kommen, in der feste Brennstoffe in den Haushaltungen nur noch in Ausnahmefällen zur Verwendung gelangen. Einige Siedlungsgesell- schaften lassen in den Küchen ihrer Mietwohnungen nur noch Gasgeräte einbauen. — Die größte Togesabgabe belief sich auf 12 000 Kubikmeter gegen 11 300 Kubikmeter im Vorjahr, die geringste auf 6930 Kubikmeter (2. Pfingsttag) gegen 6510 Kubikmeter im 3ahr zuvor. Das Gas- rohrnetz, das durch den starken und langanhaltenden Frost im Winter 1928/29 außerordentlich gelitten hat, erfuhr eine Erweiterung um 1090 Meter und hat nun eine Länge von 56,6 Kilometer. Neuanschlüsse wurden 53 ausgeführt. Gasmesser sind mit Ende des 3ahres 8310, einschl. 1144 Vorausbezahlungsgasmesser, gegen 8152 am 31 Dezember 1928 angeschlossen.
Das städtische Wasserwerk
wurde infolge des langanhaltenden und trockenen Sommers sehr stark beansprucht. Die Förderung des Pumpwerks ist von 2 872 865 Kubikmeter hn 3ahre 1928 auf 3173 000 Kubikmeter gestiegen, während die Brunnen- und Stollenanlagen im Stadtwald und bei Großen-Duseck durch den niedrigen Grundwasserstand ganz bedeutend nachgelassen haben. 3nsgesamt sind 3 442 000 Kubikmeter Wasser abgegeben worden, gegen 3 157 800 Kubikmeter im Vorjahr. Die größte Tagesabgabe wurde mit 13045 Kubikmeter gegen 11942 Kubikmeter im Vorjahre, die kleinste mit 5429 Kubikmeter gegen 6108 Kubikmeter im 3ahre zuvor festgestellt. Dc-s Wasserrohrnetz ist um 1460 Meter verlängert worden und hat einschließlich der Zubringerleitungen von den WaFergewinnungsstät- ten die stattliche Länge von 117,9 Kilometer. Das Rohrnetz hatte während der langen und strengen Frostperiode des Winters 1928 29 eine harte Belastungsprobe auszuhalten. Außer den 26 Aufgräbungen bei Wasserrohrbrüchen muhte es noch an verschiedenen Stellen freigelegt werden, um kleinere Schäden zu beseitigen. Für die Unterhaltung des Wasserrohrnehes wurden rund 25 000 Mark mehr als in den Vorjahren verausgabt. Die Zahl der Hausanschlüsse stieg um 48, die der Gartenanschlüsse um 41 auf insgesamt 2905. Wassermesser sind 3150 und Hydranten 430 vorhanden. Das Wasserrohrnetz der Gemeinde Queck- born, die unentgeltlich mit Wasser beliefert wird, erfuhr keine Erweiterung. — Das Wasser aus den verschiedenen Dersorgungsanlagen wurde wieder, wie in den Vorjahren, durch das Ehemische Antersuchungsamt der Provinz Oberhessen chemisch und bakteriologisch untersucht. Das Wasser
Gießen
Jahresschluß. Wieder rüsten wir uns ;u dem bedeutsamen Schritt über die Grenze, die das Gegenwärtige, das Bekannte und Vertraute trennt von dem Zukünftigen, Dunklen und Ungewissen. 3n dieser Stunde auf der Brücke von einem Ufer zum andern hält jeder, der nicht tote ein Kind sorglos und unbeschwert nur dem Tag lebt, Rückschau und Selbstprüfung, in der Familie, im Geschäft und auch im Gemeinwesen. Reben befriedigenden und erfreulichen Ergebnissen werden da auch mancherlei enttäuschte Hoffnungen zu verzeichnen sein. Natürlich können nicht alle Wünsche und Pläne in Erfüllung gehen; wenn es anders wäre, würde ja das Leben seinen größten Reiz für den tätigen Menschen verlieren: den Kampf, durch den erst der rechte Mensch gestärkt und erhoben wird. Aber wir fürchten, das 3ahr 1929 wird an seinem Ende für viele doch weit mehr negative Ergebnisse enthalten, als man bei seinem Beginn anzunehmen geneigt war. And was für viele Einzeleristenzen in Stadt und Land als 3ahresschlußbilanz für 1929 gilt, hat auch für die Bürgergesamtheit unserer Stadt Gießen Gültigkeit in der Feststellung: es ist ein schicftalschweres, ein von vielfacher Not gekennzeichnetes 3ahr, das in wenigen Stunden ab- schlieht.
Wenn wir heute unter dem Gesichtswinkel der Allgemeinheit rückwärts schauen, so wollen wir zunächst die erfreuliche Tatsache gebührend würdigen, daß unsere Stadt dank der vorsichtigen und sorgfältigen Führung durch die Stadtverwaltung und beit früheren Stadtrat durchaus gesund und leistungskrästig dasteht. Die städtischen Finanzen sind in Ordnung, den Derpslich- tungen unseres Gemeinwesens steht ein weit größeres Vermögen gegenüber und die kommunalen Steuersätze sind, wenn sie auch unter dem Drucke der allgemeinen Wirtschastsnot vielfach schwer empfunden werden, immer noch etwas geringer als in den übrigen großen Städten Hessens und in den vergleichbaren anderen Gemeinden des Reiches. An der geordneten Verfassung unserer städtischen Finanzen ändert auch der Umstand, daß vor wenigen Woch-en die städti- schett Bauten wegen Mangels an den für diese Unternehmungen erforderlichen flüssigen Mitteln vorübergehend ftiHgelegt wurden, nicht das geringste. Diese Maßnahme der Stadtverwaltung diente vielmehr nur dem Zweck, eine Gefährdung der gesunden Lage unserer Finanzen durch Drauflosbauen ohne ausreichende Bereitschaft flüssiger Mittel zu vermeiden. Gescheiterte Anleihepläne zur abschließenden Finanzierung dieser Dau- unternehmungen machten den natürlich zeitbe- arenzten Entschluß der Stadtverwaltung notwendig. 3n Verbindung mit den verhältnismäßig günstigen Steuereingängen trug auch der gedeihliche Gang der städtischen Betriebe zu dem zufried-nstellenden Stand unserer Stadtftnanzen bei. Das Gaswerk und das Elektrizitätswerk weisen, wie weiter unten dar- gelegt, eine erfreuliche Steigerung ihrer Produktion durch Erschließung neuer Absatzmöglichkeiten auf, das finanzielle Rückgrat dieser Betriebe ist ausreichend stark, so daß Erneuerungen und Erweiterungen nicht etwa aus den laufenden Betriebserträgen selbst bestritten werden müssen, und eine Anzahl weiterer Cigenbetriebe (z. B. die motorisierte Müllabfuhr, der Steinbruch und die Sandgrube) ermöglichen ansehnliche Ankostensenkungen, die sich auf der Ausgabenseite des Haushalts natürlich auswirlen. Dank ter gesunden Finanzlage war es auch im verflossenen 3ahre möglich, einer Reihe von Erfordernissen und Wünschen der Bürgerschaft zu genügen. 3m Straßenbau konnten erhebliche Fortschritte erzielt werden; auf dem Gebiete des Wohnungsbaues ging es weiter voran; die Schulhaus- bauten, in einer langen Reihe von Jahren immer wieder zurückgestellt, gediehen nun endlich in erfreulicher Weise und werden hoffentlich in den nächsten Monaten endgültig zum Abschluß kommen; die Straßenbahn konnte ihren Wagenpark durch die Anschaffung einer Anzahl
Das Erbe des Herrn von Anstetten.
Vornan von I. Schneider-Foerstl.
Arheber-Rechtsschuh durch
Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
38 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Anstetten verneinte apathisch, sah dann schweigend in die Ecke gelehnt und lieh den Blick über die Weinberge schweifen, die sich an den sonnen- beschienenen Hängen hinaufzogen. Als man durch Grinzing kam, war das Leben und Tosen der City längst verstummt.
Es war ganz ländlich still herauhen, nur ab und zu gellte ein Hupensignal! Das Rattern eines Motorrades schlug für Sekunden Lärm! Dann wieder Ruhe!
Der Wagen nahm die vielen Kurven, die nach dem bekannten Ausflugsort führten, mit Eleganz und Leichtigkeit und hielt dann ohne jeden Ruck vor der Riesenstrahe, von der aus sich der Blick an dem grandiosen Bilde Wiens satttrinken konnte.
Anstetten bestellte für Bernd und sich eisgekühlte Limonade und sah sich, während er den Ober damit beauftragte, flüchtig um. Es war noch früh an der Zeit und von den Tischen waren nur einige wenige schon besetzt. Ein halb Dutzend Kellner sahen in weihen Zacken und ebensolchen Beinkleidern an die Brüstung gelehnt und warteten auf die Flut von Gästen, Die zwischen vier und fünf Ahr cinzusehen pflegte.
Ganz unvermutet legten sich Hans Peters Hände auf die des Sohnes und blieben daraus ruhen: „Es bleibt mir nicht mehr viel Zeit, Bernd! Die Mama wird bald kommen. Aber ich möchte nicht wegreisen, ohne dich gebeten zu haben. Daß Du ihr immer Der treubeforgte Sohn bleibst, bet du bisher gewesen bist." 3n Das verzweifelte Gesicht des jungen Mannes schauend, setzte er rasch hinzu: „3d) bin krank, Bernd! Todkrank! Wie du ganz richtig bemerkt hast. Am nun die Mama nicht durch den ganzen Verlauf meines Siechtums zu ängstigen, habe ich diese Reise angetreten — von der ich voraussichtlich nicht mehr zurückkommen werde."
„Vater, wie kannst du mich so in Angst versetzen!"
„Richt so laut“, wehrte Anstetten. „Es ergibt sich keine andere Gelegenheit, mit dir darüber zu reden. Du mußt mich hören. Das Fieber hat mich vollständig in der Gewalt. Es hat mich lange genug geschont! — Fünf 3ahre! 3ch hatte kaum mit Dreien gerechnet und habe allen Grund, dem Geschick dankbar zu sein, baß es mir diese ungetrübte Frist des Glückes gönnte. Denn es ist ein Glück gewesen, Bernd, in des Wortes vollster Bedeutung, bis an Den Rand mit Liebe und Seligkeit gefüllt. Deine Mutter hat mir gegeben, was eine Frau einem Manne nur immer zu geben vermag. — And du — du hast mich geliebt, mein 3unge.“ Er neigte sich herab und küßte, ehe Bernd es hindern konnte, die unruhig zitternde Hand, die auf der gemusterten Decke lag.
„Vater", stammelte er hilflos.
„Laß mich, mein Bub! Es ist das einzige und letztemal. — Du und Mutter, ihr benötigt mich nicht mehr. Cs bleibt nur Klein-Peter, um dessen Zukunft ich mich sorge." And als Bernd schwieg, well ein Sprechen für ihn unmöglich war, fuhr er eindringlich weiter: „Du bist schon ein Mann, Bernd! Er noch ein Kind. Du kannst mir das Gehen so sehr erleichtern, wenn ich dein Wort hätte, daß Du Vaterstelle an ihm vertrittst, wenn ich nicht mehr bin.“
Das junge Gesicht glitt tief auf Die Brust herab, um Das Aufschluchzen zu unterDrüden, das ihm Brust unD Kehle zusammenschnürte.
„Willst Du, BernD?"
Ein stummes, hilfloses Zucken Des jungen Mundes. Bernds Hände schoben sich in die des Vaters, während das faßie Gesicht sich tief darüber herab- neigte.
„3ch nehme Dein Schweigen als Versprechen an“, ging Anstettens Stimme über ihn hin. „Was ich irgendwie fehlte, das habe ich redlich zu büßen und allezeit gut zu machen gesucht — Bewahre mir ein liebes Gedenken. Bernd! Sei Deiner Mutter ein guter Sohn unD Dem Kleinen ein treuer Bruder. And Bernd — dort kommt die Mama," unterbrach er sich, „wir wollen ihr entgegen gehen, mein 3ungel“
Er taumelte, als er sich erhob, und griff dankbar nach dem Arm des Sohnes, der sich ihm bot.
Brunhllde kam mit raschen Schritten näher und reichte jedem eine Hand, »Was macht ihr
für ernste Gesichter? Es wäre besser gewesen, wir hätten uns in den Menschenstrudel gestürzt. Der da unten flutet Dann vergißt man wenigstens für ein paar Stunden, daß man Sorgen hat. — Aebrigens haben wir gar keine," lachte sie etwas gezwungen auf, „Papa wird völlig gesund aus Ungarn zurückkommen; wir werden Dann ein frohes WieDersehen feiern. Man Darf nichts schwerer nehmen, als es ist! Auch so ein bißchen Kranksein nicht! Winke uns einmal Den Ober herbei, Hans Peter, ich habe mir eine Tasse Mokka ehrlich verdient."
Sie ahnt nicht, wie krank der Vater ist, dachte Bernd gequält und sah ab und zu verstohlen nach ihr hin, wie sie mit gutem Appetit ihren Kuchen knabberte und Den Mokka trank, Der aus Der Rickelkanne floß.
Der junge Mann war dankbar für ihre bloße Gegenwart. Sie wirkte ungemein beruhigend auf ihn. Vaters Worte erschienen ihm mit einem Male nicht mehr so düster. Vielleicht war dessen große Sorge Doch unbegründet. Man sah gerne schwarz und gab sich trüben Gedanken hin, wenn man sich nicht wohl fühlte. And der Papa hatte doch schon so viele Fieberanfälle glücklich überstanden. Warum sollte es gerade zu einer Katastrophe kommen.
Auch Anstetten gab sich Mühe, seine Depression zu verbergen und als Brunhllde einen Scherzartikel, den sie für Klein-Peter gekauft hatte, aus ihrem Täschchen nahm, fand er sogar ein Lächeln dafür.
Man fuhr gegen sechs Ahr nach Wien zurück. Am Bernd über das eigentliche Reiseziel des Vaters zu täuschen, hatte Brunhllde es verneint, als ?r fragte, ob er mit zum Bahnhof kommen Dürfe. Es war besser, sich zuvor „ADieu“ zu sagen, als zwischen einer großen Menge von Gaffern.
So standen sich Vater und Sohn in dem kleinen Mietzimmer seiner Studentenwohnung noch einmal gegenüber. Es fielen nur mehr vereinzelte Worte, tropfenweise, von jäh erwachten Ahnungen durchschauet.
„3ch kann also auf dich rechnen, Bernd", sagte Anstetten, als Brunhilde sich für einen Moment entfernt hatte.
„Mein Ehrenwort, Papa!"
Bernd ließ es sich nicht nehmen, noch die Treppe hinabzugehen und die Eltern bequem in
dem Wagen zu bladeren. Er winkte so lange, wie dieser noch zwischen den anderen Fahrzeugen sichtbar blieb. Mit hängenden Schultern ging er nach seinem Zimmer zurück, warf sich auf den Divan und wühlte den Kopf in die Arme: „Vater!"
Erst nach Mitternacht erhob er sich aus dieser unbequemen Stellung und suchte sich zurecht- zufinden, erinnerte sich an alles und schlich mit Halbstarren Gliedern nach seinem Bett hinüber. Ganz scheu und schüchtern schlug die Hoffnung, daß er den Vater trotzdem Wiedersehen würde, in seinem Herzen Wurzel und brachte ihm einen erquickenden Schlaf, der voll der seligsten Träume war.
Gemäß der getroffenen Vereinbarung hatte Anstetten nach seiner Ankunft in Bombay ein Telegramm an seine Frau geschickt:
„Angekommen. Befinden gut“
Die Anterschrift fehlte. Er durste keine Vorsicht außer acht lassen. 3m Hafen sah er sich sofort um, welche Schiffe tagsüber eingelaufen waren. Cs lagen ein Franzose und ein 3taüener vor Anker. Laut Der Auskunft eines BeDiensteten war noch ein Russe zu erwarten.
Der Letztere würde wohl am 'günstigsten für feine Pläne fein. Kurz nach 6 Ahr lief vieler ein. Eine Menge Passagiere strömte 10 Minuten später über die Landungsbrücke und flutete Dem 3nncren Der StaDt zu. Anstetten mischte sich unter all Das rufende, kreischende, gestikulierende Volk und ließ sich mittreiben.
Auffallend oft wandte er das Gesicht nach rechts und links, schien auf etwas zu warten, und fühlte eine gewisse Depression, als er sich immer wieder enttäuscht sah.
Man war nicht umsonst volle fünf 3ahre von 3nDien fortgewesen. Der Bekanntenkreis hatte sich infolgedessen stark gelichtet. All die Droschken, Autos und sonstigen Fahrzeuge, die an ihm vorüberflihten, trugen Insassen, deren Gesichter ihm fremd waren. Sonst hatte bald aus diesem, bald aus jenem eine Hand gewinkt, eine Stimme gerufen, ein Kopf sich geneigt, heute blickte er in lauter fremde, gleichgültige Züge, die keinerlei 3nteresse für ihn hatten.
1 (Fortsetzung folgte


