Ausgabe 
31.12.1929
 
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Nr. 305 Erstes Blatt

179. Jahrgang

Dienstag, 51. Dezember 1929

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Zernsprechanschlüffe llnterSammelnummcr2251. Anschrift für Drahtnach»

Am Ende eines schweren Lahres.

Äon Professor D. Dr. Martin Schian, Genei alsuperintendenten in Äreslau.

Manchem mag der Ton meines Silvesterrück- blicks Ende 1928 zu ernst gewesen fein. Wer so empfindet, der sei gebeten, diesen Aussatz lieber erst gar nicht zu lesen. Ich habe es immer ab» gelehnt, in künstlichem Optimismus zu machen. Wer sich an Silvester um keinen Preis aus einer behaglichen Punsch-Stimmung bringen lassen will, der ist zu solchem künstlichen Optimismus ge­zwungen. Da tue ich nicht mit. Iahresschluh ist immer eine ernste Sache, aber diesmal be­sonders! Ich weih, abgesehen von 1917 und 1918, nur noch das Jahr 1922 zu nennen, dessen Ende ähnlich ernst war; 1923 hatten wir am Jahres­ende doch schon wieder etwas Grund zur Hoff­nung auf bessere Zeit.

Sehe ich recht, so gibt ein Rückblick aus 1929 in dreifacher Hinsicht Anlaß zu sehr ernstem Rachdenken.

Erstens: Das vergangene Jahr hat die Schwierigkeit unserer wirtschaftlichen L a g e, die schon vordem sehr groß war, un- oemcin verschärft. Lange Monate waren den Beratungen über die Revision des Dawes- Plans gewidmet. Tas Ergebnis, der B o u n g- P l a n, ist furchtbar drückend und hart. Daß das nicht von allen Seiten so scharf und klar gesagt worden ist und gesagt w'.rd. wie es g:sch:hen müßte, ist eine Folge teils der innerpolitischen Schwierigkeiten (die Regierung hält trotz alledem die Annahme für notwendig und glaubt daher ihn so freundlich als möglich hinstellen zu sollen), teils einer überoptimistischen, jedenfalls völlig unrealistischen Aufsassung, namentlich bei der Sozialdemokratie, die nun einmal selbst die un­erhörtesten Forderungen der früheren Feind­mächte für tragbar hält. Immerhin bringt der Boungplan wenigstens für die nächsten Jahre einige Erleichterungen. Aber der Dawesplan war für diese Jahre unerfüllbar; wenn der Boungplan etwas leichter ist, so bedeutet das also noch lange keine wirklich ins Gewicht fallende Verbesserung un­serer Lage, Und die finanzielle Situa­tion hat sich gegen Ende des Jahres so kata­strophal gestaltet, daß eigentlich kein Mensch mehr aus noch ein weiß. Das Reich ist am Ende, die Länder sind am Ende, die Städte sind erst recht am Ende, die Industrie zeigt böse Krankh-.itsersch:inungen, die Landwirtschaft ist schwer krank. Dank über Bank kracht zu­sammen; mühfarn gesammelte Säargrcschen gehen verloren; Betrügereien im großen sind an der Tagesordnung. Tie Arbe'.tölofi,k:it nimmt er­schreckende Dimensionen an; Arbeitslosenunruhen beginnen die Städte zu erschüttern. Das ist das Ergebnis des Jahres 1929.

Zweitens. Man wird feststellen müssen, daß das vergangene Jahr in wachsendem Maße ge­zeigt hat. daß die Regierungsformen, die wir seit zehn Jahren haben, nicht geeignet sind, um der schweren Lage, in der wir uns befinden, zu begegnen. Dabei handelt es sich für mich nicht um die Frage der Staatsform. Ob Monarchie, ob Republik das ist, wie die Dinge liegen, eine Frage der Doktrin, nicht eine Frage des praktischen Lebens. Warum, will ich hier nicht ouseinandersehen. Die Frage der Stunde ist, ob diejenige Spezies einer republika­nischen Regierungssorm, die wir haben, und die wir handhaben, ein geeignetes Instrument dar­stellen kann, um uns aus unserer Rot heraus­zubringen. ilnferc Regierungen sind, wenigstens im Rerch, seit längerer Zeit fast aktionsunfähig. Sie find innerlich so wenig einheitlich, deut­licher gesagt, so völlig zerspalten, daß sie zu kräftigem Entschluß nicht kommen können; zeit­weise kommen sie überhaupt zu keinem Ent­schluß. Sie sind dermas.en an Fra.t.onsmehrheiten und Parteirücksichten gebunden, daß ein Handeln ganz nach sachlichen Gesichtspunkten, wie es un­bedingt sein müßte, überhaupt nicht zustande kommen kann. Das ist das Fazit der Erfahrungen dieses schweren Jahres. Mit Stresemann, dem großen Toten dieses Jahres, ist der Reichs- regicrung der führende Kopf, der energischste Charakter, die starke Autorität genommen; für seinen Rachsolger bedeuten alle die tausend Ab­hängigkeiten, denen ein Minister unterliegt, viel mehr als für ihn. So ist also durch sein Aus­scheiden die Regierungskraft des Reichs erheblich vermindert. Stresemann hat einst, 1923. in schwer­ster Krisis mit Einsatz seiner ganzen Energie, mit entschlossener Opferung aller Popularltäts- und Parteirücksichten (Beamtenabbau!), da^ Steuer herumgeworfen; wer aber könnte das jetzt tun?

Drittens: Dos vergangene Jahr hat eine Er­kenntnis vollends reifen lassen, die zu großen Sorgen Anlaß gibt. Sie knüpft an die Stlarek- Enthüllungen in Berlin und ähnliche Geschehnisse an. Man soll nicht verallgemeinern; man darf nicht übersehen, daß auch jetzt ein gesunder, lernsester Stamm im deutschen Boll vorhanden ist. Aber daß der alte solide Sinn, die selbstverständliche Rechtlichkeit und Zuverlässig leit, die peinliche Ge­wissenhaftigkeit und Ehrlichkeit bei uns weithin ins Wanken geraten find, vielfach als ganz überholt angesehen wer­den, . das ist einfach Tatsache. Das Jahr 1929 ist nicht das erste, dos diese Tatsache über allen Zweifel hinaus klarstellt; aber cs hat sie in zahlreichen sehr bösen Borkommnissen so evident gemacht, daß nur noch an ihr zweifeln kann, der ganz bllnd ist. Gewiß: der Krieg trägt an

Vor den neuen Kämpfen im Haag.

zu machen, ein möglich st großes Maß an Widerstandskraft zu sammeln, den Versuch zu machen, die Rervenkrise zu über­winden. Denn es ist durchaus nicht so, daß die Haager Schlußkonferenz etwa lediglich repräsen­tativen Charakter hätte, wie das noch im Herbst angenommen wurde. Eine sehr große Zahl von Fragen, die teilweise politisch, wirtschaftlich und finanziell einschneidenden Charakter haben, ist übriggeblieben, und um sie wird am Freitag das große Ringen anheben. Eine Delegation, die dann nichts hinter sich hätte als ein in sich zerklüftetes, mit sich selbst zerfallenes deut­sches Volk, stände von vornherein auf verlore­nem Posten. Wie immer man also zu der gegen­

wärtigen Reichsregierung stehen mag, wir machen keinen Hehl daraus, daß wir nach dem Haag ihre schleunige Restaurierung in perso­neller und sachlicher Hinsicht für erforderlich halten für die Zeit des außenpolitischen Kampfes gilt es, Disziplin zu holten und Rerven zu bewahren. Auch die Etappe kann nützliche Dienste leisten, und wenn es gelingt, etwa auf der Linie ReichZkanzler- Reichsbankpräsident die staatspolitische Kraft der deutschen Ration zu sammeln, dann werden äleberrumpelungsmanöver der Gegenseite, wie sie zweifellos nach dem Muster der ersten Haager Konferenz wieder versucht werden, scheitern.

pariser Erwartungen.

»Das Fernbleiben Dr. Schachts lebhaft begrüßt.

Paris, 30. Dez. ($11.) Rach dem Abschluß der Kammerberatungen wendet sich nunmehr die politische Aufmerksamkeit der Haager Konferenz zu, die am 3. Januar im Haager Binnenhof be­ginnt. Die Hoffnung der Gläubigermächte, noch vor Beginn der Haager Konferenz eine ge­schlossene Einheitsfront gegen Deutschland zustandezubringen, hat sich nicht in vollem Maße erfüllt. Man spricht von etwa zwanzig noch offen gebliebenen teils wichtigen, teils nebensächlichen Fragen, die der Entschei­dung im Haag trotz aller Anstrengung über­lassen werden müssen. Als völlig ungelöste Frage ist die der Ostreparationen zu betrachten, da sowohl Ungarn als auch Bulgarien bisher nicht einen Schritt von ihren Forderungen abge­wichen sind. Die Vertreter der Gläubigermächte sehen die Bereinigung der Ostfragen als eine unumgängliche Voraussetzung für das In­krafttreten des Boungvlones an, während man in Deutschland bekanntlich anderer Auffassung ist. Mit Mißbehagen stectr man daher in Paris fest, daß H zam und Bulgarien demguten" Beispiel Deutschlands, das sich in fast allen Fragen nachgiebig erweist, nicht ge­folgt seien. Eine zweite nicht minder kritische Streitfrage ist die Wahl des Sitzes für die Internationale Bonk, über die man sich in Baden-Baden zwischen den Sachverständigen geeinigt hatte, ohne daß die Regierungen, ins­besondere die englische, Basel selbst als dauernden Sih der Bank anerkennen wollen. DaS Fernbleiben Dr. Schachts von der Haa­ger Konferenz wird in Paris lebhaft be­grüßt, da man davon eine Erleichterung der Haager Verhandlungen erhofft. England und Frankreich haben die zwischen ihnen bestehenden Streitfragen, die vor allem die Zahlung der französischen Schulden an England betrafen, mehr oder weniger bereinigt. Ob und in welchem Um­fang dies auf Ko st en Deutschlands ge­schehen ist, läßt sich zur Stunde noch nicht fest­stellen. Die sog. Kommerzialisierung der deut­schen Schuld wird Montagnachmittag von der Liberte" zum Vorwand genommen, den guten Willen Deutschlands bei seinen Wiedergut­machungszahlungen erneut anzuzweifeln. Das Blatt spricht von den Bemühungen der Reichsregterung, das Ansehen des deut­schen Kredites im Auslande mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu erschüttern und so die Unterbringung der deutschen Obli­gationen auf dem internationalen Markt zu erschweren.

Englands Vertretung im Haag.

Henderson bleibt zu Hause.

London, 30. Dez. (TU. Funkspruch.) Schah­kanzler Snowden und Handelsminister Gra­ham werden mit den anderen Mitgliedern der britischen Abordnung für die 2. Haager Kon­ferenz am Reujahrstage von London nach dem

Haag abreifen. Obwohl die Vorarbeiten für die Konferenz sich nicht ganz so günstig entwickelt haben, wie man bei Abschluß der ersten Haager Konferenz auch auf englischer Seite erwartete, rechnet man offenbar auch heute noch damit, daß es gelingen wird, in den drei wichtigsten noch ungeklärten Punkten der Reparationsbank, den nichtdeutfchen Reparationszahlungen und der tschechoslowakischen Schuldscheine zu einem Heber» einkommen zu gelangen. Dom englischen Stand­punkt aus werden die mit der Internatio­nalen Ban t zusammenhängenden Fragen als weitaus am wichtigsten angesehen. Jedes Ein­gehen auf die deutsch-englischen Fra­gen wird in diesem Augenblick geflissentlich vermieden. Die ;,D. Ä. Z.".findet es be­deutsam, daß sich der englische Außenminister Henderson nicht unter den Mitgliedern der englischen Abordnung für den Haag befindet. Die Gründe, die das ..Foreign Office" zu dieser Zurückhaltung bestimmten, entbehrten nicht eines weitgehenden Interesses, nachdem sich in jüngster Zeit die Anzeichen gemehrt hätten, daß Tar- dieu und Briand im Haag mit neuen politischen Forderungen auftreten wollten.

Vorbereitungen im Haag.

Nnterbringungsschwicrigkeiten.

I m H a a g, 29. Dez. (TU.) Die Vorbereitungen für die zweite Haager Konferenz sind irn vollen Gange. In den lehken Tagen haben die Hotels soviel Telegramme erhalten, daß sie ihre Räume zwei- und dreifach vermieten könnten. Alles will rund um den Dinnenhos wohnen und Schevenfng.n, ter b.I ebte Arfenth. lt vom Aug st, wird heute ängstlich gentieben.

Die Unterbringung der Abordnungen, für die die Gesandtschaften sorgten, ist nicht ganz einfach gewesen; die meisten muhten geteilt und in verschiedenen Hotels untergebracht werden. Die französische Abordnung hat ihren Hauptsih wieder im Hotel des Indes auf­geschlagen, wo ungefähr 35 Personen wohnen werden. Hier sind die Räume für die Minister und ebenso wie im Sommer der Empfangs salon für Briand reserviert. In demselben Hotel wird die rumänische Abordnung mit neun bis zehn Personen absteigen. Auch die deutsche Abordnung konnte mit ihren 60 Mitgliedern nicht in einem Hotel geschlossen untergebracht werden. Der Kern der Abordnung wird im Central Hotel wohnen, ungefähr 30 Per­sonen dagegen in dem zwei Minuten weiter ge­legenen Viktoria Hotel. Im Central Hotel haben auch die E n g l ä n d e r und dieT s ch ech e n ihren Wohnsitz aufgeschlagen.

Heber die Anzahl der Teilnehmer und be­sonders der Journalisten ist noch keine Hebersicht möglich. Man erwartet, daß die Presse nicht so zahlreich vertreten fein wird wie im Sommer, und daß sich viele kleinere Blätter nicht

Disziplin und Nerven!

Wenn die beutfd)e Delegation am Donnerstag ohne Herrn Dr. Schacht nach dem Haag rei­sen muß, um dort den Endkampf um den Poung- plan durchzufechten, so ist das vielleicht das sicherste Kennzeichen für die überaus kritische psychische Ver­fassung, in der sich Deutschland heute befindet. Unter normalen Verhältnissen und bei normalen Zuständen im Reich wäre es wohl selbstverständlich gewesen, daß der Reichsbankpräsident, der mit seinem Me­morandum und dein geglückten Vorstoß gegen die Auslandsanleihepläne Hilferdings ein erhebliches Maß an Verantwortung für die Behandlung und ©eftaüung des Reparationsproblems von Deutsch­land aus vor aller Oeffentlichkeit übernommen hat, dies Verantwortlichkeitsgefühl auch praktisch durch offizielle Teilnahme an den Haager Verhand­lungen betätigt hätte. Und es ist fein Zweifel, daß die Mitarbeit Schachts im Haag für die deut­sche Delegation eine bedeutsame Verstärkung ihrer Fronten nach außen und nach innen gewesen wäre. Es liegt uns fern, Schacht allein die Schuld daran zuzumessen, daß er nicht Mitglied der deut­schen Delegation ist. Die grundsätzlichen Meinungs­verschiedenheiten über gewisse taktische Fragen, die zwischen ihm und dem Kabinett zweifellos vorlie­gen, sind natürlich nicht so ohne weiteres zu über­brücken, und, man kann von einer gradlinigen Per­sönlichkeit nicht verlangen, daß sie Grundauffassun­gen abschwört, die sie vor wenigen Wochen erft zum Ausdruck gebracht hat. Es wäre vielleicht richtiger gewesen, wenn das Reichskabinell sich zu größerem Entgegenkommen an die Gesichtspunkte des Reichs­bankpräsidenten verstanden hätte. Denn daß Schacht von dem besten Willen beseelt ist, seinem State r= lande zu dienen, darüber ist wohl nicht der geringste Zweifel erlaubt, auch wenn man wie die Minister an feinen Methoden wenig Freude hat.

Es kommt aber jetzt nicht auf persönliche Ver­ärgerung und Verstimmung an. gilt, die Kräfte auf die schwere Aufgabe zu konzentrieren, die der deutschen Delegation im Haag bevorstehen. Und wir müssen leider sagen, was wir schon eingangs fefti gcstellt haben, daß die seelische Verfassung des d-ut- ichen Volkes uns recht kritisch erscheint. Wir haben den Eindruck, daß unter der Wucht der wirtschaft­lichen und finanziellen Erscheinungen maßgebende Kreise in Deutschland die Nerven verloren haben. Denn anders ist die Tragikomödie, die sich vor Weihnachten im Reichstag abspielte, als kaum eine Woche nach dem erteilten Vertrauensvotum der Finanzminister das Regierungsschiff verlassen mußte, gewiß nicht zu verstehen. Wir wollen nicht flau machen. Aber wir halten es für besser, die Tat­sachen mit ihrem ganzen Ernst zu erkennen und uns daraus einzurichten, als daß wir die Dinge in rosa­rotem Optimismus betrachten, um bann nachher vor vollendeten Ereignissen vollends zusammenzu­brechen. Wer das rapide und nicht lediglich saison­bedingte Anwachsen der Erwerbslosenziffern verfolgt hat, wird fid) keinen Illusionen darüber hingeben, daß wir auch ohne die rührige und geschickte kom­munistische Revolutionspropaganda binnen kurzem vor gewaltigen inneren Spannungen stehen müssen, zu deren lleberwindung eine starke Staats- autoritär gehört. Das amtierende Reichskabinett besitzt gegenwärtig diese Autorität infolge zahlreicher eigener Fehler wohl kaum. Um so dringlicher ist die Aufgabe, sein Ansehen nach außen eben in diesem Zeitpunkt mit allen Mitteln zu verteidigen, und ge­rade deshalb hätten wir es gern gesehen, wenn der Reichsbankpräsident mit nach dem Haag gefahren wäre. Dr. Schacht ist das ist in den letzten Tagen von sehr angesehenen Persönlichkeiten der Linken bestätigt worden heute einer der popu­lärsten Erscheinungen im öffentlichen Leben Deutsch­lands, und ihm wäre es vermutlich gelungen, ohne große Schwierigkeiten hinter der deutschen Dele­gation eine geschlossene Front für die Re- parationsoerhandlungen zu schaffen.

Da er nicht mitgegangen ist, sind alle staats­politisch gerichteten Persönlichkeiten und Par­teien, g leichgültig wo immer sonst sie stehen, verpflichtet, nun von sich aus den Versuch

dieser Entwicklung sicher Schuld; die Inflation nicht minder. Aber es sprechen auch andere Um- stände mit. In breiten Volksschichten sieht man über Verstöße gegen Treu und Glauben viel leichter hinweg als früher; wo man die christliche Sittlichkeit grundsählich nicht mehr als Maßstab gelten läßt, da werden auch die einfachsten Mo- ratbegriife schwanlend. Parle'.gisichtspunite durch­kreuzen oft die moralischen Erwägungen. Rie- mand ist da, der scharf durchgreift; dazu trägt auch der Umstand bei, daß scharfes Durchgreifen unbeliebt macht; der Betroffene oder fein An­hang rächen sich vielleicht durch öffentliche An­griffe. die niemand gern auf sich zieht. Aber, vom Moralischen ldas sich ja nach dem berühm­ten Wort von selbst versteht oder doch verstehen sollte!) ganz abgesehen: dieses Versagen der öffentlichen Sittlichkeit rächt sich auch auf anderen Gebieten. Auf dem wirtschaftlichen Gebiet; denn wer will noch Geld sparen, wenn es möglich ist, daß die Bank, der ers gibt, infolge unsolider Geschäftsführung zusammer.bricht? Sogar auf dem außenpolitischen Gebiet: der alte Ruf Deutschlands gerät ins Wanken, daß die völlige Verachtung aller Sittlichkeit durch den Kommunismus, daß die unsichere Haltung der Sozialdemokratie in diesen Fragen die bedenk­liche Entwicklung fördert, ist deutlich. 1929 zeigt, daß sie bereits sehr erhebliche Fortschritte ge­macht hat.

Alles in allem: eine recht unerfreu­liche Bilanz am Jahresende. Gibt es denn tcine erfreulichen Momente? Wir dürfen sie nicht übersehen, weil wir uns nicht über Ge­bühr das Herz schwer machen dürfen. Aber ich weih ihrer freilich nicht viele aufzuzählen. Daß die zweite Zone des besetzten Gebiets geräumt ist. ist ein solches günstiges Moment, dessen sich nicht bloß der Westen, sondern das ganze Volk freuen soll. Daß wenn der Boungplan ange­nommen und wenn seine Ausführung in die Wege geleitet ist das ganze Rheinland bis Mitte 1930 geräumt fein soll, ist höchst erfreu­lich. Rur sind diese Zugeständnisse mit dem Boungplan sehr teuer erlauft. Vielleicht gar Gott verhüte es! mit dem Herzblut des Volles! Und jedes weitere Zugeständnis läßt Frankreich sich teuer abkaufen: so müssen mir nunmehr hart um das deutsche Saargebiet han­deln. Hnd diese Errungenschaften sind noch dazu in Frage gestellt: was wird, wenn das aus­gesogene Deutschland den Boungplan nicht er­füllen kann?

Oder sollen wir die durch Scheitern des Volksentscheids herbeigeführte innerpoli­tischeÄlärung" als günstiges Moment buchen? Darüber wäre viel zu sagen; aber hl er ist nicht der Ort dazu. Ich für mein Teil fürchte, daß die Parteivcreingenommenheit b:t Befürwortern und bei Gegnern in weiten Schichten so groß sein

wird, daß aus dem Schicksal des Volksentscheids aus beiden Seiten falsch: Lehren gezogen wer­den. Wir bei unserer Art brauchen mehr, um das Richtige zu lernen. Auch die Absplitterung der TeuNchnationalen Arbeitsgemeinschaft und der in der Bildung begriffenen Christlichsozialen Partei hat noch keine Klärung erheblichen Hm längs herbeigeführt; wohl aber hat sie zur weiteren Zersplitterung beigetragen. Welches wird das Schicksal dieser Reugründung bei den nächsten Wahlen fein?

Aber Eines darf als günstiges Moment an- gesprochen werden: das deutsche Volk hat auch 1929 den mühsam neugewonnenen Sinn für Ruhe und Ordnung wenigstens in dem Sinn bewahrt, daß keine größeren Erschütterungen zu ver­zeichnen waren. Das ist nicht viel. Aber wenn man an dieArbeitslosigleit und Rot von Millionen denkt, ist es auch nicht wenig. Es ist keine Bürg­schaft für einen kommenden Aufschwung, aber es liegt wenigstens die Hoffnung darin beschloßen, daß nicht alles verloren ist.

Wir stehen mitten in schwerer Krisis. Im Reichskabinett krachen d'.e Ballen. Unter unserer Wirtschaft schwanken die Fundamente. Die Par­teien befehden sich heftiger denn je. Dennoch müssen wir Mut und Hoffnung behalten. Selbst­erkenntnis? Selbstbesinnung! Zusammenstehen! Es gibt keine andere Losung für 1930. Möge 1930 besser sein, als es 1929 war!