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Nr. 256 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhessen)Donnerstag, 3'. Oktober (929
Sowjet-Rußlands ewige Krise.
Don unserem bl.-Derichterstatter.
Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verbotenI
Moskau, Ende Oktober 1929.
Die letzten Berichte der G. P. 11. über Mas - senerfchiehungen von Gegenrevolutionären werden möglicherweise im übrigen Europa den Eindruck erwecken, als ob in Rußland nun doch eine gegenrevolutionäre Bewegung vorhanden sei, die unter der Decke glimmt und eines Tages berufen ist, den Bolschewismus aus dem Sattel zu heben. Diese Darstellung ist jedoch falsch. Die zwölf Jahre der kommunistischen Diktatur haben wohl genügt, um jede Gegenrevolution unmöglich zu machen und den sozialen Unterbau des kommunistischen Staates so völlig zu verproletarisieren, Laß es keine Macht mehr in Rußland gibt, die imstande wäre, die kommunistische Herrschaft zu stürzen. Die politische Polizei, die sogenannte G. P. 11 die kommunistische Partei und das Heer halten die Macht so fest in Händen, daß niemand gegen sie etwas zu unternehmen vermag. Die Gegner des heutigen Systems, die Bürger, sind denn auch, völlig entmutigt, zu armseligen Proletariern geworden, während das flache Land, das vielleicht murren würde, keine Waffen besitzt, um sich gegen feine Unterdrücker zu wehren. Woher soll da eine gegenrevolutionäre, Bewegung mit Aussicht auf Erfolg kommen?
Wenn man nun aber die Dorstellung hat, daß die Kommunisten doch wenigstens einiges in Rußland erreicht haben müßten, daß ein Staat, in dem der Arbeiter, und zwar der proletarische Industriearbeiter, ebenso wie dec Kleinbauer, das verhätschelte Kind der Politik ist, wenigstens für d iese Devölkerungsklassen einen besseren Lebensstandard erreicht haben müßte, so geht man von europäischen und nicht von russischen Dorstellungen aus. Denn man vergißt eben, daß es in Rußland ganz undern okratisch zu- geht. Der Arbeiter und der Kleinbauer wird nicht etwa gefragt, was er nun möchte, und wie er sich sein Leben am besten ausgestaltet zu sehen wünscht, nein, die Diktat u r schreibt ihm alles vor. Die Diktatur befiehlt, wie der Arbeiter sich zu kleiden hat. wie er wohnt, wie lange er arbeitet, welche Vergnügungen er sich gestatten darf, kurz, die Diktatur mengt sich so stark in sein Leben, wie es wohl sonst auf der Welt nirgends der Fall ist. Auffallend ist daher auch, daß die rote Diktatur gerade unter den Leuten, für die sie gedacht ist, die allergrößte Unzufriedenheit hervorrust. Wohl sind die Bürger und alle die sogenannten Gegner des Systems verzweifelt und empfinden ihre Diederlage sehr stark. Aber die allgemeine Verdrossenheit, der Lebensüberdruß, der sich unter den Arbeitern und Dauern Rußlands bemerkbar macht, ist doch dem nicht zu vergleichen: „Glück" gibt cs eben im Sowjet-Paradies nicht, sondern nur d i e proletarische Pflichterfüllung, die vorläufig in einer Gewöhnung an das allgemeine Elend besteht.
Denn die kommunistische Herrschaft in Rußland hat es nicht etwa zuwege gebracht, das Elend zu bannen, das man früher vielfach in den breiten Massen finden konnte, sondern hat im Gegenteil das allgemeine Elend zur ungeheuerlichen Masse vermehrt. Eine Wohnungsnot, wie wir sie uns schlimmer kaum vorstellen können, ist charakteristisch für alle russischen Städte bis auf die wenigen, die bereits im Aussterben begriffen sind, wie z. D. das frühere Petersburg, jetzt Leningrad. Die Lebensmittelnot ist beinah« so groß, wie sie in den finstersten Kriegsjahren gewesen ist. Es gibt überall Brotkarten, in einigen Städten auch Fleisch-, Fisch- und Dutterkarten, die aber bezeichnenderweise nur den sogenannten proletarischen Schichten zugute kommen, also nur einer kleinen Minderheit der Bevölkerung. während die übrige sehen kann, wo sie bleibt. Auch in der Kleidung ist alles von einer grenzenlosen Verkommenheit und selbst die Leute in besseren Stellungen sind in Rußland in einem Maße verlumpt, wie man sich das
Die Aeuemieilung Jugoslawiens.
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Beograd (Belgrad) Drina
Drava (Drau) Dunao lDonau) Morava Primorje (Küste) Sava (Sau) Dardar 0 rbas Zeta
Beograd (Belgrad) Sarajewo
Ljublana (Laibach) Dovi Sad (Deusah) Dis
Split (Spalato) Zagreb (Agram) Skoplje llleslüb) Banjaluka Eetinje.
vodina und Mazedonien mit rein serbischen Gebieten vereinigt. Dur das bisherige Slowenien, das jetzt Banschaft Drau heißt, bleibt ohne größere Grenzveränderungen. Die H- u tstadt Belgrad mit den benachbarten Stauten Zcmun und Pancevo bildet einen eigenen Verwaltung, bezirk. D e Unzufriedenheit mit der neuen Einteilung wird c durch gesteigert, daß die Banschasten, trotz ih.es geographischen Da- mens, keine Wirt, cha , ts - und verkehrsgeographische Einheiten bilden, sondern nach der M i l i t ä r b e z i r k s e i n t e i- lung des Landes gebildet wurden. Sie werden auch keine autonome und > sich selbstverwaltende Einheiten darstellen, sondern streng zentralistisch iu.ch einen Gouverneur (Bonus) regiert werden.
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Am 3. Oktober 1929 wurde Jugoslawien (Südslawien) durch einen königlichen Befehl neu eingeteilt. D.ese Einteilung bezweckt die Abschaffung der alten historischen Landschaften und will den autono- mistischen Tendenzen der einzelnen Lanoes.eile ein Ende setzen. Auch die bisherige offizielle Bezeichnung des Staates: Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (S. H. S.) wurde ab geschafft und durch den Damen Königreich Jugoslawien erseht. Die neue Einteilung in zehn Dan- schaften wird in allen Landesteilen, insbesondere in Ser ien und Kroatien, großeUnzu,riedenheit erwescn. Kroatiens östlichster Teil wurde zu serbischen und bosnischen Gebieten geschlagen, das eigentliche Serbien unter drei Danschaften au, geteilt, Dalmatien mit dem bosnischen Hinterland vereinigt, da.ür aber in zwei Teile zerrißen. Eben o wurde Bosnien und Herzegowina in mehrere Teile gespa.ten, di« Voi-
3m nachfolgenden geben wir einige statistische Angaben über die neue Einteilung:
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Neueinteilung von Jugoslawien ö5terr£/ci^ |3.0ktober1929
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in Europa kaum vorstellt, um von den Gegnern des Systems ganz zu schweigen, die jämmerlichen Dourgeoisgestalten, die ihre letzten Reserven auf- gezehrt haben und als Bettler vom Abfall zu leben gezwungen sind.
Unter diesen Umständen ist es auch verständlich, daß die augenblickliche Getreidekampagne des Staates die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Hängt doch von der Lebensmittelversorgung durch die staatlichen Stellen das Schicksal fast aller ab. Aber die Aussichten für diesen Winter sind trübe. Das bisherige Aufkommen an Getreide bei den staatlichen Sammelstellen ist schlechter als im Jahre 1926/27. obwohl man mit gröbsten Mitteln gegen alle vorging. die sich den üblichen Requisitionen nicht fügten. Jetzt hat die kommunistische Propaganda einen neuen Sündestbock gesunden, der daran schuld fein soll, daß die Dinge nicht so laufen, wie sich das die Kommunisten träumen. Die Kulakis, von der bolschewistischen Presse fälschlich als Groß-Dauern bezeichnet, in Wirklichkeit Dauern mit Gütern, die wir in Deutschland nur als kleine Güter bezeichnen würden, sollen angeblich das Getreide künstlich zurück- halten. Das ist sicher der Fall, aber ist es nicht auch erklärlich, daß Schichten, denen man das Brot vorn Munde wegsteuert, die von den örtlichen Dorf-Sowjets bis aufs Blut gepeinigt werden und die man bis zum letzten aussdugt, schließlich nicht ihr Letztes hergeben wollen, ohne die Gewißheit zu haben, daß man sie im Winter ernährt? Es ist eben nicht so sehr die Mißernte und die Datur, die hier Schwierigkeiten schaffen, als das bolsch ewistische S y st e m, das es zuwege bringt, überall wirtschaftliche Erträgnisse zum Verschwinden zu bringen, und keinen Bauern dazu zu verlocken vermag, mehr anzubauen, als
er zu feinem notwendigsten Lebensunterhalt bedarf. Spricht doch der Rückgang des Viehbestandes an Pferden, Rindern und Schweinen, der etwa um je 20 Prozent allein im letzten 3ahr gesunken ist, deutlich dafür, daß hier das platte Land allmählich unter den Druck der Sowjet- Herrschaft gerät.
Auch die russische Industrie, die es ermöglichen soll, daß sich Rußland vom Ausland ganz unabhängig macht, leidet unter dem allen. Daß, wie schon oft geschildert wordeä ist, die Fabriken veraltet, die Maschinen herabgekommen sind, die Arbeitsleistung unzulänglich ist, mag dabei nicht so sehr eine Rolle spielen, wie das kommunistische System überhaupt. Ein Fabrikbetrieb, in dem es keinen verantwortlichen Leiter gibt, ist eben ein Wesen ohne Kopf, und alle Pläne und bureaukratischen Maßnahmen der sogenannten wirtschaftlichen Zentralstelle vermögen eben die Initiative des Einzelnen nicht zu ersetzen. Das hat sogar die Sowjet-Union auf die Dauer einsehen müssen und hat nunmehr selb ständige u nd verantwortliche Betriebsleiter wieder eingeführt, die beinahe ebenso große Vollmachten erhalten, wie früher Unterdirektoren in diesen Fabriken. Aber nun wird es eben die Frage sein, ob es gelingt, hier Persönlichkeiten hinzusetzen, die nicht nur den guten Willen, sondern auch die Fähigkeiten haben, etwas aus der ihnen anvertrauten Fabrik zu machen. Die primitive proletarische Vorstellung ist ja bekanntlich der Ansicht, daß das einzige Können des Fabrikdirektors im Verzehren der Dividende besteht. In Wirklichkeit liegen die Dinge ja aber doch anders. Technische und kaufmännische Erfordernisse werden, — auch im Sowjetstaat — notwendig fein, um die Fabrikation auf einen einigermaßen befriedigenden
Standard zu heben. So. wie die Dinge liegen, muh man befürchten, daß auch diese neue Maßregel nicht zum Segen ausschlagen wird, 6a den Leuten, die von den Kommunisten zu Betriebsdirektoren gemacht werden, meist die Kenntnisse fehlen, um ihren Posten auszufüllen. Es ist daher zu befürchten, daß das neue Gesetz nur der G. P. U. wieder neue Arbeit geben wird. Man hört die Gewehrsalven bereits knattern, die Fabrikdirektoren „wegen angeblicher Sabotage" ein Ende bereiten. Senn schließlich kann auch die siebentägige Arbeitswoche in Sowjet-Rußland Kenntnisse nicht ersetzen.
Malt sich so das Bild in Sowjet-Ruhland arau in grau, so kann man doch nur betonen, dah das politische System trotz allem fest steht. Solange die Armee zuverlässig bleibt, passiert eben in Sowjet-Rußland nichts, und die Fähigkeit des russischen Menschen, Leiden au erdulden, ist eben fast unbegrenzt. Das Volk fügt sich mit einem Fatalismus, der bewunderungswürdig wäre, wenn er nicht ein so ungeheures Elend bedeutete. Ein Wandel in Sowjet-Rußland ist eben nur zu erwarten, wenn andere Führer kommen und wenn an die Stelle der jetzigen alten Garde junge Kommunisten kommen, die nicht mehr wissen, wie es im nicht-kommunistischen Rußland ausgesehen hat, und die daher den Mut haben, durch unvereingenommene Maßnahmen wieder vernünftige Verhältnisse zu schaffen. Bis dahin kann es aber noch lange dauern.
Tagung
des Hessischen Sängerbundes.
WSD. Worms, 29. Olt. Am Samstag und Sonntag tagte der Hessische Sängerbund in Worms unter großer Beteiligung von Delegierten ans as..'en Drei Provinzen Hessens. Am Samstag fanden tagsüber die Vorstandsberatungen statt, abends veranstaltete der Gau Worms zu Ehren Der Gäste einen Rheinischen Abend im großen Karpfensaal«, der einen überaus fröhlichen und erhebenden Verlaus nahm. Eindrucksvolle Ansprachen hielten der Dundesvorsihende Ministerialrat Dr. Sieg er t (Darmstadt), sowie Schulrat Hassinger (Darmstadt) vom Landesbildungsamt.
Am Sonntag vormittag begann die eigentliche Tagung. Gauvorsihender Mayer (Heppenheim) vom Gau Worms entbot den Gästen herzlichen Willlommensgruß, worauf der „Liederlranz"- Worms das Lied „Es klingt ein hoher Klang" zum Vortrag brachte.
Der Bundesvorsitzende, Ministerialrat Dr. Siegelt, hielt nunmehr die Tegrühungs-An- sprache, indem er insbesondere Schulrat Hassinger (Darmstadt) als Vertreter der Regierung, Regierungsrat Jourdan für die Krcis- verwaltung Worms, und Oberbürgermeister Rahn für die Stadtverwaltung Worms begrüßte. Oberbürgermeister Rahn dankte für d e Begrüßung im Damen _«r Ehrengäste und h eß die Sänger aus dem Hessenlande herzlich willkommen. Gr wünschte den Bestrebungen des Bundes reichen Erfolg und gab der Hoffnung Ausdruck, daß auch die Beziehungen zu den gemischten Chören einen Ausbau erfahren mögen. Schulrat Hassinger betonte, daß die breite Basis im Hessischen Sängerbund erreicht sei und cs nun gelte, Tiefenwirkungen zu erzielen. Dach einem weiteren Liefervertrag erfolgte die Ehrung der Veteranen. Der von Dr. Siegelt gegeben« Iahiesbericht toutDe mit Aufmerksamkeit aufge wrnrnen. Dei geordnete Stand der Bundeska e hatte nach dem Pri> fungsbericht des Herrn Wendler die einstimmige Entlastung des Schatzmeisters Bitter zur Folge. Die Kasse weist einen Uebeischutz von 2138 Mark auf. Unter dem Arbeitsprogramm des Bundes fand die Vorbereitung des Deutschen Sängerbundesfestes :n Frankfurt und die De f r ei u n g s s eie r , die im nächsten Jahre voraussichtlich in Mainz ftatt» finden soll, besondere Deachtung. Als nächstjähriger Tagungsort wurde Offenbach ein-
Tee.
Novelle von Alfred Brust.
Der Dichter wurde vor einigen Tagen mit dem Klcistpreise ausgezeichnet.
In der Großhandlung, in der Werner den Kaufmannsberus erlernte, gab es eine bedeutende Teeabteilung. Hier lagerten die unterschiedlichen Tees exotischer Länder in großen Kisten. Die indischen Tees waren in glatten Kisten aus planiertem Holz verpackt, mit eisernen Bände, n verschnürt. Bezeichnungen in englis^er Sprache verkündeten den Ursprung des Gewächses und die Lieferfirma. Die chinesischen Tees aber waren mit dicken Stricken verschnürt: Dastmatten umhüllten die dünnen, mit chinesischen Bildern und Wortzeichen bunt beklebten kleinen Kisten, und die innere Dleiverpackung war mit hauchfeinem Seidenpapier überzogen. Oeffncte man die Blei- Packung mit zwei diagonalen Schnitten, so lag barunter ein besonderes Seidenpapier, das in den senkrechten Wortfolgen dec Knöchelchenschrift ostasiatische Anpreisungen enthalten mochte.
Es dauerte nicht lange — und so hatte man Werners leidenschaftliche Fürsorge für Den Tee erkannt und ihn zum Lagerhalter der Teeabteilung bestimmt. Da sah er Dann auf seinem Tee- speicher, gab vorsorglich Obacht auf die ihm anvertraute Ware und dachte an die hunderttausenden Menschen, denen seine Aufmerksamkeit das wahre Aroma aufhob und verschaffte. Denn der Tee ist eine sehr empfindlich« Angelegenheit. Und doch wußte Werner, daß von all diesen ungezählten Teetrinkern kaum einer in den Genuß des wahrhaften Teearomas kam, wie er es selbst erlebte, wenn er eine neue Kiste öffnete, sich über den schwarzgrauen Blätterinhalt warf und mit vollen Düstem den monatelang, jahrelang versperrten Dust mit wilden Atemzügen plötzlich einsvg. Er griff mit den Händen in die bmchkrieseliche Masse hinein und lieh sie sich durch Die Finger gleiten. Und er war der Mensch, der den Tee — seine Milde, Güte, Härte — bei verbundenen Augen mit den Fingerspitzen haargenau bestimmen konnte.
Jedoch — seine Fähigkeit war ihm nichts. Alles an ihm und in ihm war Sehnsucht nach jenen asiatischen Landschaften und Menschen und Umgebungen, wo dieser Tee geerntet, gepackt und in ersten Handel genommen war. Er flüsterte die
Damen östlicher Länder und Städte mit heiliger Andacht. Und diese Sehnsucht zauberte ihm eine gewaltige Datur vor den Blick, große Ereignisse, Landungen an fremden fernen Küsten. Das mußte es geben.
Und dann ging er endlich eines TageS nach Asien. Das weite .'.nendliche Meer war am schönsten. Auch das Anlaufen der Häfen war schön. Die Erwartung lieh bedeutende Möglichkeiten zu. Aber dies war die erste große Erschütterung seines Lebens, als Erwartung Tatsache wurde und sie in grauen Alltag hinein» sank. Dürftige Ereignisse, armselige Kreaturen, schorsüberzogene Tiere, Ratten, Ungeziefer, dazwischen krampfhafte Europascheide — das alles brachte seine Wünsche, die er phantastisch in die fremden Singe gesetzt hatte, zu frostiger Enttäuschung. Wieder auf hoher See wurde er beglückter, wenngleich auf schwimmendem Hotel alle Kleinlichkeiten und Beziehungen des irdischen Daseins von Mensch zu Mensch schmerzhaft zum Bewußtsein tarnen. Alkes war anders, als er es gedacht. Alles war Da — ganz gewiß: aber der Traum, den er Die vielen Jahre Darüber gebreitet, Der fehlte.
Jähes Erwachen fiel eines Tages wie eine Lähmung auf ihn. Bombay, Hongkong, Schanghai — was war Denn dies?! Es waren tosende, schreiende Umschlaaplähe mit kalten Instinkten und befremdlichen Lastern. Mögliche und unmögliche Waren verschiedener Kontinente brüteten unter glühender Sonne unheimlichen Gestank aus. Und man mußte wohl dort geboren sein, um den penetranten Geruch dieser farbigen Völker auszuhalten, ein Geruch, der über allem lagerte und dem nicht zu entrinnen war. Und es ergab sich bald, daß es Werner an etwas gebrach, das nicht ganz leicht zu formulieren war. Der Handelsherr, dem er unterstellt war, hatte schon auf Den ersten Blick Den Kopf geschüttelt. Denn er hatte in Werners Augen gelesen, daß er her- getommen war, etwas zu suchen, was es auf dieser praktischen Erde keineswegs gibt.
So kehrte Werner zurück, gescheitert zwar, aber doch erleichtert. Und er wurde ein kleiner Kaufmann daheim. Ein Seifenhändler, ein achtbarer Mann in der kleinen Stadt — nicht wohlhabend, aber auskömmlich und gern gelitten.
Sein alter Chef, der ihn manchmal sah, äußerte sich einmal über den Teewerner, wie er ihn immer nannte: es fehlt dem Werner zum Kauf
mann ein ganz bestimmter triebhafter Impuls materieller Kernnatur, der sich nicht angewöhnen läßt, da man mit ihm geboren sein muß — wie mit anderen Impulsen auch...
Zuweilen besucht Werner einen guten Freund, Der mit alten Teekisten handelt, deren planierte Bretter er beschneidet und an Malschüler verkauft. Und hier bei Dem Freund kommt es Dann wohl vor, daß Werner ganz tief in eine dieser leeren Teekisten hineinriecht, um vielleicht einen Hauch des vergangenen Iugendaromas zu erhaschen. Dicht des Aromas von lieberfee. Denn dort fand er es nie. Sondern des Aromas jener jungen Tage, Da er Die unberührten Kisten öffnete und sich von Seeduft vollsog unD Die dreißig oder vierzig verschiedenen Sorten geschlossenen Auges mit Den Fingerspitzen unterscheiden konnte. Und es geschieht wohl, daß seine Träume noch rasch einmal aufleben wollen, aber sogleich erstickt, erdrückt werden von Dem erlebten Bewußtsein, Daß Die Welt eines Tages ganz anders ist, als man sie sich vorgestellt hat. Man sollte Das auf Den Schulen lernen. Dann sieht er seinen Freund, den Produktenhändler, langsam an und spricht mit Kennermiene auf die leere Kiste deutend: „Orissa — mit Spitzen — zwei b — matt..
Und hüstelt ein wenig, preßt die Lippen aufeinander ... Und sie schreiten bedächtig über den toten Hof ins Haus...
„Asphalt" — ein Film.
Dor einiger Zeit erschien ein sehr guter, sehr neuartiger, sehr intereifanter Film unter Dem Titel „Berlin", ein Film ohne Liebe, ohne Spiel, ohne Hel,, en und ohne Handlung — geschaffen allein als Die faszinierende Vision einer großen Stadt von morgens bis mitternachts. Es lag damals nahe, Die,em Film einen zweiten folgen zu lassen: Der nämlich das hier in verwirrender und erregender Photcmontage geschaffene Außen bild ins Innere zu verfolgen hätte, also etwa Die ganz flüchtig angedeuteten Schicksale Der Stadtbewohner, Die ja Dort gewissermaßen nur a.Z Staffage au tratei, in ihren viel- fälligen Kreuzungen und Uc-bcr.chneidurgen, in ihren Beziehungen zum Gesamtbilde weiterzu- sühren und zu Ende zu bringen. Dies müßte einen Riesenfiim von phantastiscyen Ausmaßen, ein Kaleidoskop von betäubender und erschüt
ternder Vielfalt ergeben. Bisher ist ein solcher Film noch nicht geschrieben und gedreht worden: Wie ein Ansatz dazu, als ein Vorspiel, Intermezzo oder erster Versuch wirkt Der Film „Aspha 11", Den man jetzt im Lichtspielhaus sehen kann. Der Auftakt ist ganz ähnlich wie beim Film „Berlin": Vision Der Riesenstadt. Dann greift Der Regisseur — Joe May — in Die pausenlose Brandung Des Verkehrs hinein und fängt sich eine von tau end Möglichkeiten heraus: er gestaltet Das Schicksal eines jungen Pvälzeibe amten, Dem ein« ganz zufällige Begegnung zum Verhängnis wird, dem eine Dienstliche Verfehlung Die menschliche Existenz zerbricht. Dieses Motiv, La eS vereinzelt blieb, könnte zwar auch m.t andern Mitteln, e.toa als Dovelle, gestaltet wer eä; immerhin liegen die Vorzüge Der Filmsasiung auf Der Hand. Es konnten auch Einwände gege i den Ver.auf Der Ereignisse erhoben werden. Interessant bleibt — abgesehen von Der erwähnten C ezenüberstellung — die hier vollzogene Kombination aus Photomontage, Spielfilm und Kriminalreportage. Die rcgiemäßige und photographische Gestaltung ist überaus bemerkenswert: sie beweist wie er einmal, wie verblüffend die technischen Möglichkeiten des Films heute e ’.ttoidelt und vervolliommret sind. Außerdem wird glänzend gespielt. Gustav Fröhlich, lie bisher kaum bekannte Betty Amann, und Steinrück vor allem leisten Hervorragendes: diese Dollen waren einfach nicht besser zu vergeben. Ueberhaupt reicht Die Qualität des Ensembles bis in dir kleinsten Chargen: neben Else Hel - ler und Schle11ow sind in ganz kurzen Episoden il a. Albers, die Valetti, Ballen- t i n und Vespermnnnzu bemerk in. Man sieht also, daß allein das darstellerische Aufgebot des Films den Besuch lohnen Dürfte. -r-
Hochschulnactinchten.
Prof. Dr. Friedrich Ranke in Königsberg i. Pr. hat den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl Der deutschen Philologie in Breslau als Dachfolger des Geh. Rats Th. Siebs angenommen.
Der Berliner Privatlozent, GerichtZassesfor Dr. jur. et phil. Gerhard Leibholz hat den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl für Staatsrecht in Greifswald als Dachfolger von Prof. G. Holstein angenommen.


