Ausgabe 
31.8.1929
 
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Nr. 204 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, 5(. August 1929

Zur Finanzlage der Reichsbahn.

Von Hans piening.

Die Finanzlage der Reichsbahn, die über einen 2ahrLöetat von saft 5,5 Milliarden Mark ver­fugt, gkKattet nach den verschiedenen amtlichen Aeußerungen der letzten Zeit nicht die deckungs­lose ilebernabme der durch den bekannten Schiedsspruch des Reichsarbeitsministers entstan­denen Mehrpersonalkosten von rund 55 Millionen Mark. Das klingt an sich verwunderlich, weil bei einem so hohen Etat und den jährlichen ilcber» schüssen von fast einer Milliarde Mark eine monatliche Mehrausgabe von 5 Millionen Marr eine große Rolle nicht spielen durfte. Sieht man sich die Finanzlage der Reichsbahn indes näher an und ganz besonders die Ansprüche, die an sie gestellt werden, so erscheint der Deckungsantrag, der wegen einer zu erwartenden Tariferhöhung in der Oeffentlichkeit Beunruhigung hervorge­rufen hat, in einem wesentlich anderen Licht.

Auf der Habenseite des Etats erscheinen er­hebliche Posten, die gesetzlichen Bindungen unter­liegen und über die eine freie Verfügung der Reichsbahn nicht besteht. Zunächst erscheint als größter Posten die R e p a r a t i 0 n s l a st, die seit 1928 jährlich 660 Millionen Mark ohne Berkehrsfteuern ausmachen. Bon den Ber­ke hrssteuern hat das Reich außerdem nach dem Dawesplan jährlich 2 5 0 Millionen Mark an den Reparationsagcnten abzuführen. Rach dem Poungplan soll die Zahlung der Ver- kehrssteuer fortfallen, während die Reichsbahn nach wie vor gezwungen sein wird, an das Reich für Reparationszwecke die bisherige Summe ab­zuführen. Ferner erscheinen drei Rücklageposten, und zwar die gesetzliche Ausgleichsrück­lage, die mit Ultimo 1928 die Summe von 408 Millionen Mark erreicht hat, die Betriebs­rücklage, die mit 756 Millionen Mark zu Buch steht, und endlich die Rückstellung für Detriebs-Rechtabschreibung von 365 Millionen Mark. Diese drei Rücklagen stellen gewissermaßen das Vermögen der Reichsbahn dar, das gesetzlich vorgeschrieben ist und aufge­speichert werden muß, bis eine bestimmte Höhe erreicht wird, bei der Ausgleichsrücklage z. D. 500 Millionen Mark. Trotz dieser hohen Rück­lagen war im Jahre 1928 ein Reingewinn von 249 Millionen Mark erzielt worden, wovon 75,6 Millionen Mark aus Dividenden für die Vorzugsaktien entfielen und 173 Millionen Mark auf neue Rechnung vorgetragen worden sind. Menn man diese Zahlen betrachtet, so kann man zu keinem anderen Schluß kommen, als daß die Reichsbahn immerhin noch ein gut rentierendes Unternehmen ist, d. h. wäre, wenn eben nicht die ungeheuren Ansprüche an das Unternehmen gestellt würden. Die Zahlen haben illusionären Charakter. Die Tatsache, daß die Detriebs- zahl der Gradmesser für die Gesamtlage von 82,53 im Jahre 1927 auf 83,24 im Jahre 1928 gestiegen ist, beweist, daß die Finanzlage nicht besser, sondern schlechter geworden ist, d. h. daß die Ausgaben im Verhältnis zu den Einnahmen gestiegen, bzw. die Einnahmen nicht im Verhältnis zu den Ausgaben gestiegen sind. Es ist Weiter bekannt, daß die Reichsbahn wegen mangelnder Mittel mit der Erneuerung der An lagen sehr im Rückstand ist. Rach Angabe der Reichsbahn selbst sind noch 7000 Kilometer Gleislänge verbesserungsbedürftig, also ein er­heblicher Teil der Gesamtanlagen. Rach der Dar­stellung von O.uaah in seinem sehr beachtlichen Buch ^Sicherheit und Wirtschaft bei der Reichs­bahn" hat die Reichsbahn infolge der über­mäßigen Beanspruchung von Reichsbahnmitteln bereits einen Substanzverlust von m i n° bestens 2,5 Milli ar den Mark erlitten, d. h. mehr als 10 Prozent des gesamten Reichs­bahnwertes. Angesichts dieser Tatsachen erscheint die Finanzlage der Reichsbahn nicht in einem besonders günstigen Licht.

Der Voungplan befaßt sich sehr eingehend mit der Reichsbahn und verlangt, daß das Unter­nehmen unabhängig bleibt, daß also eine Rückgabe des Besitzes an das Reich, das die

Kanguruhschwanzsuppe und Giraußenrührei.

Eine Studie über den Begriff des Eßbaren.

Von Martin proskauer.

Um jede Speisekarte sind unsichtbar und doch * hemmend die Landesgrenzen gezogen, und der Deutsche, der in einem kleinen Lokal in Rea- pel zum erstenmal Tintensisch ist, kv'nmt sich wie ein wagemutiger Abenteurer vor, dec einen Vorstoß in unbekannte Gebiete macht. Umge­lehrt wird es dem Italiener gehen, der Kö­nigsberger Fleck oder schlesisches Himmelreich zum erstenmal versucht. Daß die Eingeborenen aller Länder, besonders die auf niedriger Kultur­stufe stehenden Stämme, allerlei essen, woran sich der Magen des Weißen nie gewöhnen wird, ist bekannt.

Tie gerösteten Heuschrecken, die in vielen Welt­teilen als Leckerbissen gelten, zwanzig Jahre alte Butter aus PakmilH in den Tee gerührt, die größte Kostbarkeit der Tibeter, und leicht geröste­ter, nur flüchtig gereinigter Elefantendarm als Delikatesse ostafrikanischer Stämme werden frei­willig von Weißen als Rahrung nie ausgenom- men werden. Und im übrigen gilt das Sprich­wort: ,.Jn der Rot frißt der Teufel Fliegen."

Da hier von merkwürdigen Speisen die Rede sein soll, so möchte ich, mit der eigenen Erfah­rung anfangend, vom Känguruhschwanz erzählen, der eine wirkliche Delikatesse ist und ein weiches, außerordentlich fettes Fleisch hat, das ein bißchen nach jungem Schweinefett und ein bißchen fischig schmeckt, am meisten an Schild­krötenfleisch erinnert.

Schildkröte ist längst keine Seltenheit mehr und lecket heute noch alsreal turtle-soup (zum Unterschied vonmock turtie-soup, die aus Ochsenschwanz gemacht wird) viele Festessen em. Da wir gerade von Delikatessen in Konserven sprechen der chinesische Leckerbissen ,,H a i = fischsl 0 sse n" schmeckt wie fettes, ziemlich grobfaseriges Fischfleisch und erinnert noch am meisten an Thunfisch, der in Südeuropa sehr viel gegessen wird und den es in der Zei t der Rah «lngsmittelknappheit auch in Deutschland häufig gab.

Frisches Straußenei schmeckt genau wie Hühnerei, das Gelbei ist etwas heller und

Dahnen im Jahre 1920 von den Ländern er­worben hat, vorläufig nicht stattfindet. Der Reichsverkehrsminister hat, als der Deckungs­antrag nach der Verbindlichkeitserklärung des Schiedsspruches prompt erfolgte, erklärt, daß er e r st öic Auswirkung des Voung- planes ab'toarten wolle, ehe er zu dem Antrag Stellung nehmen werde. Das war vor zwei Monaten. Inzwischen ist seitens der Reichsbahn von neuem Deckung beantragt worden. Rach dem Gang der Haager Verhandlungen ist es sehr fraglich, ob es möglich sein wird, für die Finanzlage der Reichsbahn so viel herauszu­holen, daß die Deckungsfrage, geregelt werden kann. Immerhin wäre zu denken, daß der Sch uldverschreibungsdienst wegfällt und dadurch etwa 100 Millionen Mark, die heute für die Verzinsung und Tilgung der Repa- ratiensschuldverschreibungen aufgewendet werden müssen, frei werden. Doch bestehen darüber so lange noch Zweifel, als die gesetzlichen Bindun­gen bestehen. Es wäre daher auch für die Be­ruhigung der Oeffentlichkeit dringend notwendig, sobald über das Inkrafttreten des Voungplanes Gewißheit herrscht, alsbald Aenderungen bzw. die Aufhebung der gesetzlichen Bin­dungen zu veranlassen, um die notwendigsten Mittel für die Reichsbahn frei zu machen.

Eine anscheinend amtliche Mitteilung besagte vor einigen Tagen, daß zwischen der Reichsbahn

und dem Reichsverkehrsminister erneut Verhand­lungen über die Deckungsfrage stattgesunden hätten. Bei dieser Gelegenheit wurde bemängelt, daß die Reichsbahn schon Vorbereitungen für eine etwaige Tariferhöhung ge­troffen hätte. Aber die Tatsache, daß ein vor­sichtiges Unternehmen mit Möglichkeiten rechnet, darf nicht verwundern und braucht auch nicht die Befürchtung wachzurufen, daß in der Tat schon mit einer Tariferhöhung zu rechnen ist. Es wird schon aus dem Grunde mit einer be­sonderen Maßnahme des Reiches zu rechnen fein, weil das Reichsbahngericht aus Anlaß der letzten Tariferhöhung in dem damals beantragten Um­fange von 10 Prozent entschieden hat, daß die Reichsbahn zu der damaligen Erhöhung der Preise berechtigt werde, daß aber das Reich ver­pflichtet fein müsse, in künftigen Bedarfsfällen Mittel für die Reichsbahn frei zu machen, ohne die Tariffchraube anzusehen. Wenn also für das Reich d i e Verkehrs steuern frei werden, so wird es nicht mehr als recht und billig sein, der Reichsbahn hieraus genügende Mittel zur Verfügung zu stellen. Die Wirtschaft, die sich von einem Jahr zum andern mit fast untragbaren Lasten durchschleppen muß. ohne Aussicht zu haben, daß sich die Lage bessert, muß verlangen, daß alle Mittel und Wege geprüft und aus- genuht werden, bevor man zu dem rohen Mittel der Tariferhöhung schreitet.

Der Kamps um die Klagemauer.

Von unserem kLyv.-Derichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Haifa, Ende August 1929.

In Palästina ist der Rassenkrieg ausge­brochen. Schon hat es in Jerusalem blutige Zusammenstöße zwischen Juden und Mohamme­danern gegeben; in Hebron sollen Äraber- banfcen das Polizeihaus gestürmt und eine große Zahl von Juden man spricht von 40 bis 50 Opfermassakriert" haben; überall aus dem Lande, insbesondere aus Galiläa, kommen sich überstürzende Hiobsbotschaften und selbst in der zionistischen Hochburg, in T c 1 A v i v und der mit ihr verbundenen Araberstadt Jaffa hat es Scharmützel gegeben, die nicht ohne Blut­vergießen endeten. Keiner der Kenner des Lan­des kann sich über den Ernst der dadurch ent­standenen Lage täuschen. Man wartet mit einer erregten Spannung das Eintreffen weiterer Un­glücksnachrichten ab, und man ist sich klar dar­über, daß man erst am Anfang von Entwick­lungen steht, die eine überaus gefährliche, viel­leicht sogar in die Weltpolitik greifende Zu­spitzung zu erfahren vermögen. Auch hier in Haifa werden bereits Sicherheitsmaßnahmen getroffen, obwohl man das Vertrauen haben kann, daß das gute Verhältnis zwischen der mohammedanischen Bevölkerung und den vorwiegend christlichen und schon alteingesessenen Kolonisten an dieser frucht­barsten, zivilisiertesten und schönsten Bucht der palästinensischen Küste ein Uebergreifen der Kämpfe nach hierhin verhindert.

Man steht erst am Anfang der Entwicklung, aber diese Entwicklung, wie sie heute eingetreten ist, war bereits seit langem, seit Jahren schon v 0 r a u s z u s e h e n. Man muß einen kleinen Exkurs in die neueste Weltgeschichte unterneh­men. um sich über diese Dinge klar zu werden. Palästina war unter türkischer Herrschaft ein ruhiges und friedliches Land, in dem die drei Re­ligionsgemeinschaften, die an Zahl bei weitem überwiegenden Mohammedaner, die Christen und die Juden einträchtig beieinander wohnten. Es war durchaus das gelobte Land des Friedens, und de? große Pilger- und Fremdenverkehr zu den heiligen Stätten der Christenheit brachte auch genug Geld, um al n Einwohnern einen, wenn "bei der Kargheit des Ackers auch recht bescheidenen Wohlstand zu sichern. Da kam der Krieg, und England war es. das hierhin die Kriegssackel trug. Cs versprach den Ara­

bern Befreiung von der türkischen Oberherrschaft, die ohnedies nur durch ihre Steuermaßnahmen sich bemerkbar machte und sicher nie, jedenfalls hier in Palästina nicht, alsJoch" empfunden wurde. Aber diese durch hervorragende englische Agenten man denke an den Oberst Lawrence - überallhin in der blumenreichen Sprache des Orients verstreuten Versprechungen schufen und erweckten etwas, was es bis dahin in dieser Ge­schlossenheit nicht gegeben hatte, ein arabi­sches Rationalgefühl und den Traum einer eingeborenen Rationalherrschaft über ganz Arabien. Man sagt nicht zu viel, wenn man behauptet, daß diese Vorstellung eines arabi­schen Staates sich auch in den Gehirnen von Ein­geborenen unauslöschlich festgesetzt hat, deren Denken sich sonst in der Sorge für die Familie und für das bißchen Futter für die paar Zie­gen, die man besitzt, erschöpft. Das Qlrabcrtum schaute mit einem unvergleichlichen Vertrauen auf England, und dieses Vertrauen konnte nicht einmal erschüttert werden durch die starken Sym­pathien. die ganz unzweifelhaft von den deutschen Truppen bei der arabischen Bevölkerung erwor­ben wurden. Dann tarn jene Bals 0 ur - De­klaration. die der schon im Jahre 1916 ge­schaffenenjüdischen Legion" die Wieder­errichtung Zions an der Stätte des alten Tempels versprach. Damit hatte England nun auch noch den jüdischen Rationalis- m u s geschaffen und ein Land zweimal ver­teilt, das ihm noch gar nicht gehörte.

Nach dem Kriege setzte sofort die z i 0 n i st i s ch e Einwanderung mit Macht ein. Jaffa war das Einfallstor der Juden, die von allen Kontinen­ten herbeiströmten, und, wie von Zauberhänden gebaut, entstand die amerikanisch anmutende, auf­dringlich schöne, an einen Weltkurort erinnernde jüdische Stadt Tel Aviv in der Nachbarschaft die­ses alten arabischen Hafens. Vorerst hielten die Zio­nisten sich sehr zurück. Sie begnügten sich mit den ihnen angebotenen Gebieten, und sie machten deut­liche Anstrengungen, mit der mohammedanischen Ur­bevölkerung in ein Freundschaftsverhältnis zu kom­men. Doch nicht lange. Das muß zur Steuer der Gerechtigkeit gesagt werden. Nicht die Araber sind cs, die die Gegensätze dann schufen, sondern der zionistische Expansionsdrang ging, sobald erst einmal der Besitz des Küstenplatzes gesichert erschien, mit einer Rücksichtslosigkeit vor, die hier doppelt unan­gebracht war, weil bis zum Kriege der Jude in Pa­

blasser. Wenn man die sehr harte Straußenei- schale von etwa Bleistiftdicke durchbohrt hat, fließt das appetitlich aussehende Innere heraus, das ungefähr einer Menge von fünfundzwanzig Hühnereiern entspricht. Wer nicht weiß, daß er Straußenei vorgesetzt bekommt, wird es ohne weiteres als Hühnerei verzehren.

Dr. Hornaday, ein bekannter amerikani­scher Zoologe, der vierzig Jahre lang große Tier- forschungs- und Fangexpeditionen unternahm, benutzt jede Gelegenheit, ungewöhnliche Rahrung zu kosten. Vor Jahren hatte eine amerikanische Walfischgesellschast die Absicht, Walsisch- fleisch auf den Lebensmittelmarkt zu bringen, um es dort zu außergewöhnlich billigem Preis abzusehen. Sie veranstaltete zunächst ein Einfüh­rungsessen, bei dem Walfleisch in allen möglichen Formen vorgesetzt wurde.

Das.zarte Fleisch schmeckt ähnlich wie Beef­steak, es war nur etwas fetter, aber gar nicht fischig; in kaltem Zustand dagegen kam der Fischgeschmack sehr deutlich heraus. Der sogenannte ..Blubber", das Walfischsett. aus dem das Oel gewonnen wird, toar selbst knusprig gebraten, tranig und ungenießbar.

Als ein junger indischer Elefant, der einem Wanderzirkus gehörte, wild wurde und er­schossen werden mußte, verschaffte sich Hor­naday ein großes Stück von der Schulter, das er ä la Beefsteak zubereiten ließ. Der Fleischer- jneiftcr des Ortes, der Hornaday beim Zerlegen geholfen hatte, er Härte verächtlich:Das kann man nicht essen".

Am Abend lud ihn Hornaday, der das Ele­fantenfleisch heimlich beiseite gebracht hatte, zum Essen in sein Hotel ein. Der Fleischermeister folgte geschmeichelt der Einladung und so lange Elefantenbraten, bis er satt war. Als er dann erfuhr, daß er damit den Gegenbeweis zu seiner Behauptung geliefert hatte, Tagte er lachend:Donnerwetter, das habe ich nicht gemerkt. Cs war ja ein bißchen zäh, aber oa§ ist in dem Hotel hier immer so."

Bei einer Wanderung in den Rocky Mountains eS war nod) in den letzten Tagen des wirk­lichen Wildwestlebens - kam Hornaday mit seinen Freunden bei einer Jagdfahrt zu einem Offizier in einem einsamen Grenzposten. Die­ser setzte ihnen dreierlei Fleisch vor: Elch, Reh und Schaf, alle drei leicht angerauchert und dann gebraten. Es schmeckte ausgezeichnet; und

nun sollten die Jäger sagen, was sie gegessen: hatten. Der Gastgeber lachte:

Ihr habt alle miteinander falsch geraten."

So wenig war das Fleisch der Wildtiere vom Hammelsleisch zu unterscheiden.

In Südamerika, im Orinoko-Delta, geriet Hor­naday mit einer zoologischen Expedition infolge mangelnden Rachschubs in Rahrungsschwierig- [eiten, und sie mußten sich wochenlang von Tieren nähren, die sie dort schießen konnten. Da gab es gebratenes Wasserschwein (Capybara hydrochaerus), das größte lebende Ragetier, das so groß wie ein Schwein wird, aber Zähne wie ein Biber hat. Cs war aber nur eben gerade genießbar und nicht wohlschmeckend; auch Gürtel­tiere wanderten in den Kochtopf und schmeckten wie fettes Schweinefleisch. Besser schmeckten die großen, meterlangen Eidechsen, und Hornaday behauptet, daß gehackter Leguan, mit der richtigen Sauce angemacht, von kaltem Huhn nicht zu unterscheiden sei. Am besten hat ihm in dieser Zeit Krokodilschwanz geschmeckt. Er schoß ein junges Orinoko-Krokodil (crocodil intcr- medius). Beim Abhäulen meinte Hornaday zu feinem Jagdgefährten^Das Krokodil lebt von guten Fischen, das Fleisch muß also auch gut schmecken. Wollen wir es probieren?"

Bitte sehr," sagte der Freund,wenn du willst, kannst du alles haben. Ich verzichte."

Hornaday schnitt also ein ordentliches Stück Fleisch aus dem Schwanz und ließ es knusperig braun braten. Das Fleiscy war feinfaserig, weiß wie Truthahnfleisch, ganz zart und ohne jeden Moschus- oder Wildgeschmack. Der Jagdgesährte sah zu, wie Hornaday mit Appetit. Als die Hälfte verschwunden war, konnte er nicht länger widerstehen.

Auch eine seltene Schildkröte, die grotesk aus­sehendeMatarnata-Terrapin" wanderte in diesen Tagen in den Kochtops. Hornaday sagt:Wäh­rend mir mein zoologisches Herz schlug, daß eine solche zoologische Seltenheit aufgegessen werden sollte, erklärte mein Magen, seit langem nichs Besseres erhalten zu haben."

Bei einer zoologischen Versammlung in Reu- york ließ Hornaday zum Frühstück Klapper­schlangen-Koteletts servieren, die wie Schwcinckoteletts zubereitet wurden. Das Fleisch war weiß und im Geschmack fischartig; doch war auf den Gesichtern der Tafelrunde deutlich zu lesen, daß man es nur der Wissenschaft halber

läflina wie im ganzen Orient durchaus in der Min­derzahl war. In Jerusalem selbst hatten die Juden zwar rein nummerisch wohl immer das Uebcrgcwicht gehabt. In ihrer Hand lag auch die Organisation des Fremdenverkehrs. Aber Jerusalem unterstand dock) vorwiegend arabischer Verwaltung und immer waren es die beiden Familien der Nascha-Schibis und der Husseinis, die eine Art Patriziertum über die Heilige Stadt ausübten. Die Juden befanden sich dabei recht wohl, denn sie wurden weder in ihrer kommerziellen Betriebsamkeit gestört, noch be­engte man ihnen ihre Neligionsübungen, die an auch den Moslemin heiligen und ihnen meist gehörenden Stätten stattfanden. Das wurde anders, als der Zionismus in das Land eindrang.

Es ist schon oft in den letzten Jahren an der Klagemauer in Jerusalem und an anderen jüdischen Religionsstätten, die, wie gesagt, aud) Religions­stätten der Moslemin sind, zu scharfen Auseinander­setzungen gekommen. Diejüdische Legion" ist in einer etwas eigentümlichen Form bestehen geblie­ben. Es gibt eine Art zionistischen Faszismus, und dieser Faszismus soll, wenn die Nad;rid)ten, die hier vorliegen, zutrefsen, das erste Signal zu den Kämpfen gegeben haben, die sich nun über das ganze Land ausbreiten. Die Klagemauer selbst soll der Ort der ersten Zusammenstöße gewesen sein. Die christliche Bevölkerung steht diesem Kampfe neu­tral gegenüber. Sie wird von der immer mehr fid) verschärfenden Spannung mitbetroffen und fühlt sich schon seit geraumer Zeit wie auf einem Vulkan, der über kurz oder lang fürchterlich ausbrechen wird. r ,, .

Der Druck des jüdisd)en Kapitals ist wohl eine der tiefsten und ernstesten Ursachen des Rassenkrie- ges, der hier entstanden ist, und die ihm neben dem Charakter des Religionskrieges aud) noch den Cha­rakter des uralten Kampfes um die Sd)o((c verleiht. Die ersten Einwanderer, die das neue Zion errich­ten wollten, waren durchweg wohlhabende Leute, vornehmlich aus England und aus den Vereinigten Staaten, die denn auch dem neu errichteten Tel Aviv schon äußerlich den Charakter eines Buen Retirv gaben. Aber schon sehr bald flackerte eine Art Spe- tulafionsfieber auf, und es dauerte nicht lange, da waren beträdjtlidye Teile des arabischen kleinen wie großen landwirtschaftlichen Besitzes in die Hande jüdischer Einwanderer übergegangen. Der Landpreis stieg und mit ihm erreichte der Preis landwirt­schaftlicher Erzeugnisse eine auch für Palästina phan­tastische Höhe. Als die arabische Landbevölkerung den Vorgang begriff und aufwachte, war sie schon nahezu rechtlos auf der ihr einst gehörenden Scholle geworden. Das sammelte einen Zündstoff an, der sich schon früher in Explosionen Lust machte und der die Behörden der Mandatsmacht England hatte warnen sollen. Es scheint durchaus, als ob diese Warnung verstanden worden wäre, aber es sind bie geheimnisvollen und von hier aus in ihren M0- tioen nicht ganz zu durchschauenden Ratschlüsse des Foreign Office" gewesen, die diese Warnung u n b e a d) t c t ließen und fast das Gegenteil von dem anorbneten, was hätte geschehen müssen, uni der sich immer mehr steigernden Spannung zu begegnen.

Sicher spielt dabei das Oel eine Rolle. Mehr aber wohl noch der politische Blick auf Aegyp­ten, der heute schon damit rechnet, baß es einmal notwendig sein könnte, aus einer englanbfreundlichen arabischen Bevölkerung, sei es nun, baß sie in Pa­lästina selbst ober noch mehr an den Suezkanal heran bomiziliert werde, eine Kampfreserve zu schaf­fen. Während man in den letzten Jahren der zioni­stischen Einwanderung gewisse Fesseln anlegte, öff­nete man die Landgrenzen nach dem Süden und Osten hin einem Zustrom ganzer Araberstämme, vor allem aus Transsordanicn und aus dem Hed- fchas. Alic diese '2fraber, denen man sicher große Versprechungen gemacht hat, wollen Land und Nah­rung, sind fanatisch mohammedanisch und außerdem trotz ihrer Bereitschaft, England zu die­nen, von arabischem Nationalismus er- süllt. Sie sind durchglüht von den Ideen Ibn Sauds und der Wahabiten, und sie tragen diese Ideen in ein nur zu gut vorbereitetes Land, das in ihnen den Befreier non einem wirklichen Joch, dem zionisti- fdjen Kapitalsjoch, gegen das auch Englands Macht versagt, erblickt.

fjeruntcrtoürgte und nicht als Delikatesse be­trachtete.

Bei der schon erwähnten sübainerikanischen Ex­pedition wurde auch der Versuch gemacht, Affen­fleisch zu essen. Die kleineren Arten schmecken nach Angabe des Forschers wie wilde Kanincyen, ohne unangenehmes Aroma und jedenfalls besser als Eichhörnchen, das er auch versuchte. Die Brüllaffen dagegen hatten einen so starken Wild- gerud), daß sich niemand heranwagte.

Auch in Indien, Ceylon und Borneo versuchte Hornaday allerlei ungewohnte Tafelgenüsse, wie Ärgusfasan, Axishirsch und Gaur (Wildbüffel), die alle wie ihre entsprechenden europäischen Verwandten schmeckten; auch der Sambur, eine indische Hirschart, war vom europäischen Reh auf der Tafel nicht zu unterscheiden. Auch das Fleisch von Moschusochscn wurde von Hornaday mehrfach versucht und als durchaus schmackhaft und merkwürdigerweise ohne jeden Moschus­geschmack gefunden.

Bei Forschungsexpeditioncn oder Jagdfahrten in exotische Länder ist der Weiße fern der Zivilisation auf das angewiesen, was er mit Gewehr und Angelrute erbeuten kann. Die Mit­nahme von Konserven und anderem europäischen Lebensmittelvorrat verbietet sich meist schon durch die Höhe der Linkosten für die Fracht und für die Cingeborenen-Träger durch die Wildnis.

So erzählt Dr. Lutz Heck vom Berliner Zoo­logischen Garten, der im vorigen Jahr von einer ostafrikanischen Expedition zurückkam, daß der Hauptbestandteil der Mahlzeiten das Wild war, das er unterwegs täglich für die Kochtöpfe schießen mußte. Ob es nun ein Gnu, eine Oryx- antilope oder eine Thompson-Gazelle war, das ganz frische, nicht abgehangene Fleisch schmeckte fade wie ganz frisches Kalbfleisch und war faserig und zäh. Zur Entfaltung besserer Kochkünste war keine Zeit, und die farbigen Träger der Karawane legten mehr Wert auf Quantität als auf Qualität.

Abschließend läßt sich sagen, daß die Entwick­lung der Speisekarte, also die Kultur des Essens, mit der Zivilisation Hand in Hand geht; und daß unsere Sprache mitschmausen, speisen, offen, sich ernähren und fressen" so viele ver­schiedene Wörter für denselben biologischen Vor­gang hat, ist ein Beweis, daß zwischen dem Kochseuer unter einem hohlen Baum in der Wildnis bis zum modernsten Backherd eine weite Strecke menschlicher Entwicklung liegt.