Nr. 28! viertes Blatt
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, 50. November (929
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Oesierreichische Woche im Reich.
Vorträge in Gießen (Dr. klcinwächtcr und Dr. Palla).
Dom 24. November bis 5. Dezember finden auf Deranlassung der Landesgruppe Hessen und Hessen-Nassau der deutsch.ö st erreicht- sch en Arbeitsgemeinschaft etwa 70 Dorträge prominenter Oesterreicher im Reiche statt, die die Ausgabe haben, die Bedeutung Oesterreichs, seine heutige kulturpolitische, außen» unk innenpolitische Lage ins rechte Licht zu sehend Oberpräsident Dr. Schwander hat am vergangenen Sonntag die Woche durch einen Rundfunkvortrag im Eüdwestdeutschen Sender eröffnet. Unter den Rednern befinden sich Männer wie der berühmte Staatsrechtslehrer Prof. Dr. K e Isen, der Philosoph Prof. Dr. E i b l, der Historiker Prof. Dr. Bauer, der Staatsrechtler Prof. Dr. Brockhausen aus Wien, außerdem Männer des politischen Lebens, wie der Staatssekretär End eres, der Ministerialrat Dr. Mayr aus Wien, der Ministerialrat a. D. Dr. Kleinwächter aus Klagenfurt, der Syndikus der Kammer für Arbeiter und Angestellte, Dr. Palla aus Wien, Männer der Literatur, wie Wildgans u. a. m.
Die Dortragswoche soll, wie Oberpräsidcnt Dr. Sch Wander sagte, dazu dienen, „den naturgegebenen, unlösbaren Dolkstumszusammenhang zwischen dem Reich und Oesterreich wieder stärker ins Bewußtsein der Deutschen zu heben und mit dazu beizutragen. durch Dertiefung gegenseitiger Crlebnisgemeinschaft die Doraussehungen festzuhalten zur Schaffung des gesamtdeutschen Dolksstaates, in dem alle Deutsche Platz finden sollen, die zu uns kommen wollen".
Auch Gießen wird in diesen Tagen Gelegenheit haben, sich mit dieser Frage deutscher Zu- lunft zu beschäftigen. Am Dienstag, 3. Dezember, wird Dr. Friedrich Kleinwächter in der Universität zu dem aktuellen Thema „Deutsch- Oesterreichs Gefahrcnlage und Der» f a s s u n g s k r i s e" sprechen. Dr. Kleinwachter hat mit seinem Buche „Der Untergang der Donaumonarchie" eine der aufschlußreichsten Darstellungen der schwer verständlichen österreichischen Probleme gegeben, er hat weiter mit seinem Buch „Der österreichische Mensch und der Anschluß" nicht nur eine treffliche Einführung in das Anschlußproblem, sondern auch in die Ge- sellschaftsstruktur und die Seele des deutsch-österreichischen Menschen geschaffen. Die Studentenschaft der Universität hat in Verbindung mit der Akademischen Ortsgruppe des D. D. A. und der ^Bereinigung Auslandsdeutscher Studierender die Dorbereitung in die Hand genommen. (Siehe heutige Anzeige.) — Am Sonntag, 1. Dezember, wird D r. Palla aus Wien im Auftrag des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, De» zirksunterausschußGießen (fürOberhessen) und des Afa-Bundes (Allgemeiner freier Angestelltenbund), über das Thema: „D i e politische Lage in Oe'st erreich unter De rücksich - tigung der Interessen der Arbeiter und Angestellten" sprechen.
Turnen, Sport und Spies.
V. f. D.
Bach einer vorläufigen Entscheidung soll in der Angelegenheit Herborns das Urteil des Bezirks-Fußball-Sachbearbeiters bis zur weiteren Klärung bestehen bleiben, wonach die 1. Mannschaft Herborns von den Verbands- spielen ausgeschlossen ist und die Punkte den Gegnern kampflos zugesprochen werden. Somit kommt also das Punkttreffen am kommenden Sonntag nicht zum Austrag. Stattdessen hat der
Das Erbe desHerrn von Ansietten.
Vornan von Z. Gchneider-Foerstl.
Urheber-Rechtsschutz durch Derlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
14. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Einer schlechten Zensur wegen schleicht man sich nicht aus dem Leben." Anstettens Stimme klang jetzt ernst und ins Gewissen dringend.
Bernds Kopf glitt noch tiefer als zuvor herab, so konnte der Baron das erlösende Lächeln, welches um dessen Mund huschte, nicht sehen. Wie gut, daß der Vater ihm selbst einen Ausweg gezeigt hatte! — Eine schlechte Zensur! Er mußte ihn auf diesem Glauben lassen, dann blieb ihm das andere, das tausend schlechte Zensuren übertraf, erspart. Er zog die Mappe zu sich heran, öffnete sie und reichte ihm das Blatt mit der Rotenskala.
« Das ist doch nicht so schlimm, Bernd." Anstettens Hände zitterten. „Ich habe mich auf ein „Nichtvorrücken" gefaßt gemacht. Und nun enthält es sogar ein Lob! Was willst du mehr? Streber waren mir immer verhaßt. Ich bin sehr zufrieden mit dir, mein Iunge! Sehr zufrieden!"
„Wirklich, Vater?"
„Ia. wirklich, Bernd! Ich Danke dir, mein Bub." Er nahm die etwas widerstrebenden Finger zwischen die seinen und drückte sie. „Wollen wir jetzt zusammen in ein kleines Restaurant gehen und deine Gelehrsamkeit feiern?"
Das „Rein" kam hastig, aber es fiel Anstetten nicht auf. Schließlich war es natürlich, daß Bernd jetzt nach Hause strebte. „Wir wollen der Mutter nichts sagen, Kind." mahnte er. „Sie würde doch sehr erschrecken. Vielleicht stistet sie ein Glas Sekt zur Feier des Tages."
Die Stirne Bernds war in Falten gezogen die sich bis in die Nasenwurzeln herab fort- setzten. Er verschluckte die Worte, die sich ihm über die Lippen drängen wollten und ging neben dem Vater her, dessen linker Arm sich in den seinen geschoben hatte.
„Was willst du mir denn sagen?" forschte Anstetten, als der Knabe schon zum zweitenmal zum Sprechen ansetzte, ohne irgendeinen Ton laut werden zu lassen.
„Du wirst es mir nicht verübeln, Papa, wenn ich dich etwas frage?"
.Gewiß nicht, Bernd."
„Ich — Papa — hast du die Mutter lieb?" Anstettens Arm zuckte, aber sein „3a“ kam ohne Besinnen.
„So lieb. Papa, daß du gar nicht mehr ohne sie leben könntest?"
Spielausschuß ein Gesellschaftsspiel der Liga gegen die Mannschaft der Universität abgeschlossen. Die akademische Elf bereitet sich zur Zeit mit Eifer für die bald beginnenden Kämpfe um die südwestdeutschen Hochschulmeistcrschastcn vor. Sie hat in ihren Reihen eine Anzahl ganz ausgezeichneter Kräfte, wie Bantle, Lorbacher, Katz, Adelberger usw., und gibt damit einen sehr spielstarken Gegner ab. V. f. B. wird in stärkster Ausstellung antreten und alles daransehen, um nicht zu verlieren.
Spiclplan dcr Frankfurter Theater.
Opernhaus. Sonntag, 1. Dez.. 20 bis gegen 23 Uhr: Das Land des Lächelns. Montag, 2., 20 bis nach 22: Orpheus und Eurydike. Dienstag, 3., 20 bis 22.30: Fra Diavolo. Mittwoch, 4., 19.30 bis gegen 21.30: 3. Opernhaus-Konzert. Donnerstag, 5. Dez., 20 bis gegen 23: Das Land des Lächelns. Freitag, 6., geschlossen. Samstag, 7., 19.30 bis 23: A'da.
Schauspielhaus. Sonntag. 1. Dez., 10.30 bis gegen 12.45: Cyaukali. 15.30 bis gegen 17.30:
Hui, wir laufen um die Welt. 20 bis gegen 22: Brülle China. Montag, 2., 20 bis gegen 22: Brülle China. Dienstag, 3., 20 bis gegen 22.30:
Marius ahoi! Mittwoch. 4., 20 bis gegen 22.30:
Marius ahoi! Donnerstag. 5., 20 bis nach 22:
Der 14. Iuli. Freitag, 6.. 20 bis gegen 22.30:
Cyankali. Samstag, 7.. 15.30 bis gegen 17.30: Hui, wir sausen um die Welt. 20 bis gegen 22.30: Cyankali.
„Hände hoch — Kriminalpolizei!"
Was ich in jährigem Kampf gegen das internationale Verbrechertum erlebte.
XI.
Oie Macht und das Geheimnis der Camorra.
Ich war den italienischen Kollegen dafür sehr dankbar, daß sie mir einen derart interessanten Einblick in die kriminellen Verhältnisse Neapels ermöglichten. Die Angaben bezüglich der Camorra dürften aber nicht ganz zutreffend gewesen sein. Als ich später in einigen großen Berliner Zeitungen über meine Reiseerfahrungen berichtet hatte, erhielt ich aus Neapel von einem angeblichen Mitglied der Camorra einen Brief, der als Richtigstellung meines Berichtes über das Leben und Treiben der Camorra gedacht war. Der sehr interessante Brief, zweifellos von einem die deutsche Sprache leidlich beherrschenden Italiener, lautete:
„Alles, was Sie an historischen Daten erwähnen, lasse ich insoweit gelten, als bis zum Iahre 1859 die .Könige beider Sizilien' aus dem Hause der spanischen Bourbonen, der Conte di Toledo, stammten, und daß sich bis zum heutigen Tage im napolitanischen Platt etwa 60 Prozent spanische Vokabeln erhalten haben. Aber nicht erst damals, s ondem schon viele Iahrhunderte vorher bestand die Camorra, die heute ungefähr 10 000 Mitglieder in allen Teilen der Welt umfaßt.
Selbstverständlich wollte und tonnte Ihnen weder die Quästur noch die Prefettura in Napoli irgendwelche Auskünfte geben, denn die Polizei arbeitet Hand in Hand bei großen Verbrechen mit der Camorra.
3<ß mache jede Wette mit Ihnen, wenn Ihnen auf dem Bahnhof in Neapel beim Kauf einer Fahrkarte nach Torre Annunziato oder Resina usw. usw. die goldene Uhr mit Kette gestohlen wird, so brauchen Sie nur irgendeinem kleinen Carozellenkutscher die Order zu geben, daß Ihnen Ohre Uhr und Kette da und dort geftohlen worden ist, und Sie erhalten sie bestimmt nach kaum einem Tag zurück, sofern Sie bereit sind, ein kleines Lösegeld zu zahlen.
Ich perfönlich kenne mehrere Häuptlinge der Camorra, die sogar von altem napolitanischen und römischen Adel sind, die mit zwölfmonat- ließen Eisenbahnfahrkarten für ganz Italien (nicht Tanfa diffcrenziale) bewaffnet sind, und ununterbrochen zwischen Wien, Paris, London und Berlin hin- und herpendeln, um die von ihren untergeordneten Organen gestohlenen Pretiosen im internationalen Handel abzusehen. — Oder wozu meinen Sie, brauchen die kleinen Camorristen die ganz großen Verdiener? Doch nur, um die großen Steine durch elegant auftretende Weltmänner,
„Ich habe das noch gar nicht in Erwägung gezogen, Bernd. — Warum fragst du?"
„Ich dachte nur! — Weil — Papa es tut mir so furchtbar weh für dich, wenn ich darüber nachdenke."
Anstettens Arm preßte den Bernds fest gegen sich: „Du mußt dich nicht mit diesen Dingen beschweren, mein Iunge. Ueberlaß das ruhig mir allein. Ich bin bald vierzig, da hat man ausgebüßt und — hoffentlich auch bald aus- gerungen.“
„Vater!" — Bernd hatte sich losgerissen, die Mappe fiel! Zwei Hände umklammerten Anstettens Hüften, ein toterschrockenes Augenpaar brannte in den seinen. „Ausgerungen!" stieß er hervor. „Sag das nicht wieder!"
Ein schmales Lächeln glitt über Anstettens Lippen. „Warum? — Würdest du mir die Ruhe nicht gönnen, Bernd?"
Ein Kops fiel gegen seine Schulter. Er strich den Scheitel des Knaben entlang und wartete, bis dieser ruhiger geworden war. Dann hob er selbst die Mappe auf und reichte sie ihm.
„Komm jetzt! Und vergiß nie, daß ich nur fo lange zu leben erbitten werde, bis ich Anstetten in deinen Händen weiß."
Nichts als ein würgendes Aufschluchzen war die Antwort.
Der große Spiegel in Bernds Schlafzimmer zeigte dessen farbloses Gesicht. Die Augen waren tief beschattet und in den Höhlen eingesunken. Mit hastig nervösen Händen fd)loß er die weiße Hemdbrust und knüpfte die dunkle Kravatte.
Das gestreifte Beinkleid, welches über dem Divan lag, zeigte einen scharfen Bug und war noch in die Klammer gespannt, wie er es aus dem Schrank geholt hatte. Er nahm den dunklen Rock vom Haken, vergaß die Weste und mußte ihn noch einmal abnehmen.
Ehe er die Tür öffnete, horchte er. Auf dem langen Korridor herrschte nachmittägliche Stille. Die Mutter schlief, der Vater würde im Guts- hof sein. Wenn er den rückwärtigen Ausgang benützte, lief er keine Gefahr, gesehen zu werden.
Der Weg über die Wiesen führte am Beihof vorüber. Chatten faß in dem kleinen Pavillon, der ganz am Ende des Parkes stand und sah ihn kommen. Wie groß der Iunge wurde! Ganz ein Monn schon! Sie wollte auf stehen und ihn herbeiwinken. sah, daß er plötzlich abbog. und unterließ es. — Vielleicht hatte er einen Besuch zu erledigen.
Mehr als einmal nahm Bernd den Hut ab und trifdjte sich über die Stirne. Die Hitze war brütend. Erst als die QInlagen der Stadt begannen, flaute sie etwas ab.
3m Villenviertel angelangt, schritt er auf eines bet großen Eisentore zu. die. aus dunkler Bronze geschmiedet, die dahinterliegenden Gärten ab»
Von Kriminalkommissar Ernst Engelbrecht.
Copyright by Greiner & Co., Berlin NW 6.
die mehrere Sprachen perfekt sprechen und auch ost genug mit hohen italienischen Orden und Titeln dekoriert sind, an den Mann zu bringen.
Wenn Ihnen Ihr Leben absolut nicht lieb ist, so sehen Sie sich doch mal dahinter und studieren Sie die Camorra. Haben Sie von dem Abenteuer einer Deutschen in Neapel gelesen?
2ch kenne den betreffenden napolitanischen Obersten sehr gut, weiß seine Adresse sowohl in Reapel wie auch sein Schloß in Bayern, das er sich von einem großen Raub gekauft hat, auf das Genaueste, weiß auch, daß dessen Mithelfer, der Advokat S. M..... in Neapel, Alba, zu
drtzj Iahren schweren Kerkers, wegen Betruges, Urkundenfälschung usw. usw. bestraft worden ist, und weiß sogar, daß vor diesem Camorrahäupt- ling auch die hiesige Staatsanwaltschaft so große Angst hat, daß sie ihn weder laden noch ver- hasten läßt, obwohl er — frecherweise — vor dem vernehmenden Richter Diebstahl, Einbruch und Urkundenfälschung eingestanden hat. Da, und da sagen Sie, es gibt keine Camorra?
Ei. ich mochte nicht, daß Sie meinen Namen herausbekommen, dann mochte es mir schlecht gehen, denn ich werde auf Schritt und Tritt bis an mein Lebensende von Camorristen bewacht, und wenn man aus der Schule plaudert, — oder kennen Sie nicht die Sache, wo der deutlche Kommunist in bestialischer Weise ermordet ist?
Daß ich genauestens mit der Camorra Bescheid weiß, werden Sie ja aus der Nennung von Namen sogar anerkennen müssen, aber hüten Sie sich, in den Tiefen zu schürfen, ich habe in Neapel einen Duca mit seiner gesamten Familie, Besitzung und Rennstall in einer Nacht vom Erdboden verschwinden sehen, ohne daß auch nur eine Untersuchung angeordnet wurde, weil man die Täter genau kannte.
Und was war der Grund? Der Duca hatte z. B. kleinen Camorristen, die ihm einen Brillanten oder sonst einen wertvollen Schmuck, den sie auf der Hohe von Meta (zwischen Sorrent und Amalfi) auf der Fahrt mit der Carozelle erpreßt hatten (von Fremden natürlich) vorschriftsmäßig abgeliefert, damit er ihn zu Geld machen sollte, aber was hatte der gute Duca getan, er hatte auch nicht annähernd ben auf die andere Part entfallenden Teil abgegeben, sondern die kleinen Camorristen so furchtbar übers Ohr gehauen, daß er nach einer Verwarnung fällig geworden war, und wäre er bis nach Australien gefloßen, der Rache der Camorra entgeht keiner!
Und die Häuptlinge der Camorra sitzen zu Hunderten mit großen Besitzungen überall, auch
in Deutschland, ober haben Sie schon mal gehört, baß ein Napolitauer arbeitet? Woher soll denn das Geld sür Spiel, Pferde und Frauen kommen, wenn nicht von der Camorra.
Wir Napolitaner sagen immer, Neapel hat eine Million Einwohner, aber nur fünftausend Menschen! Fragen Sie mal — so ganz im Vertrauen — die dort ansässigen Engländer O ... mann, M .... cus, C ... ce, die Deutschen A... er, 03... er, und noch hundert andere könnte ich Ihnen nennen, ob nicht so ab und zu ein elegantes Fuhrwerk bei ihnen vor dem Geschäft hält und ein Duca oder gar Principe demselben entsteigt und mit höflichster Miene die Herrschaften, die er nie vorher gesehen hatte, bittet, ihm — je nachdem, welche kommerzielle Stellung der Betreffende cinnimmt — mit 10 000 bis 50 000 Lire aus der Verlegenheit zu helfen, da ein Wechsel von ihm fällig sei, und daß stets prompt bezahlt wird. Dafür allerdings kann auch der Zahler mit seiner gesamten Geschäftskasse so spät nachts, wie er will, unbehelligt nach feiner Wohnung fahren ober gehen, es wird ihm nichts geschehen.
Auch diese Kavaliere kenne ich mit Namen und Wohnung, aber wenn Sie mal wieder nach dort fahren, so sagen Sie mir vorher Bescheid, damit ich Ihnen an Ort und Stelle genaues!« Informationen erteilen darf, denn sonst finden Sie nichts.
Glauben Sie nur nicht, daß der gewiß sehr starke Herr Mussolini irgendwelchen Einfluß in Neapel hat, sage und schreibe ganze zweitausend Mann „Schwarzhemden" sind zur Qkrteibigung nach Rom gefahren.
Die Camorra hat ein Medusenhaupt, und kein Mensch der Welt wird je etwas dagegen tun können I"
Leider gab der Driefschreiber seine Adresse nicht an, so daß ich keine Gelegenheit nehmen konnte, mit ihm in näßere Verbindung zu treten. Allem Anschein nach hat er aus Furcht vor der Rache der Camorra, deren Geheimnisse er auszuplaudern wagte, seinen Namen verschwiegen: nach allem, was ich in der Folgezeit noch feststellen konnte, glaube ich, baß der Briefschreiber aber sehr gut orientiert war.
2lls ich später in einem Rundfunkvortrage die Camorra behandelte, erfolgte tags darauf eine telephonische Warnung. Eine ausländisch klingende Stimme erklärte mir am Telephon, daß ich, wenn ich mich weiter mit der Camorra beschäftigte, sicher fein könne, auch ihrer Rache zu Versalien.
Von Neapel kehrte ich nach Deutschland zurück. Der Winter 1924 25 verlief hier rußig.
(Fortsetzung folgt.)
schlossen. Ein kurzes Zögern — bann lag der Mittelfinger auf dem weißen Knopf, der in dem Steinsockel eingelassen war.
Die Angeln drehten sich. Oßne ben Blick seitwärts zu wenden, ging er ben breiten, tadellos gepflegten Weg hinab, der zu dem Hause führte, das mit seinen Baikonen und der großen Terrasse nach Westen einen pompösen Eindruck machte. Eine Livree empfing ihn an der großen Flügeltüre.
Bernd reichte seine Karte.
„Herr Graf empfangen niemals vor vier Uhr." Das Bedientem,gesicht erstarrte in Höflichkeit.
„Dann warte ich."
Das große Empfangszimmer, in welches er geführt wurde, strahlte eine wundervolle Kühle aus. Die Ialusien nach Süden waren herab» gelafjen und nur die beiden Türen nach dem Park hin offengehalten. Er machte ein paar Schritte in Öen Raum, dem sich rechts ein großer, in schwarzrotem Mahagoni gehaltener anschloß und warf einen flüchtigen Blick hinein.
Auf dem Schreibtisch lag ein Gewirr von Zeitungen Büchern, 'Briefen und dazwifchen stand in kostbarem Rahmen ein Bild.
Den Atem verhaltend, starrte er darauf hin und kniff die Lippen zusammen: „Die Mutter!"
Er legte den Kopf nach rückwärts und schöpfte Luft. Mit zwei Schritten stand er über der Schwelle, streckte die Hand und nahm es an sich. Die gezackte Umrahmung schlitzte ihm das Seidenfutter des dunklen Rockes, in dessen Tasche er es verbarg.
Hinter ihm tat sich eine Türe auf. „Bernd, wie unverzeihlich, daß man Sie bis Glockenschlag vier Uhr warten ließ!"
Graf Oertzens Rechte blieb in der Luft hängen. Bernds Verbeugung wirkte wie ein Wassersturz.
„Wollen Sie nicht Platz nehmen, lieber Freund?"
Oerßen fühlte es in den Fingern fribbeln.
„Danke! — Ich erledige das. was ich Ihnen sagen will, lieber im Stehen, Herr Graf! Wenn ich Sie noch einmal in Begleitung meiner Mutier treffe. schieße ich Sie über den Haufen!"
npß°!" Oertzen schwang die Rechte. „Solch ein gefährlicher Mann sind Sie?" Das Lachen in seinem Gesicht war verzerrt.
„Meine Ahnen waren auch Raubritter, wie die Ihren. Graf Oeryen."
Dessen Wangen waren vollkommen blaß. „Sie haben also den Lauscher gespielt?"
„Nein! — Aber ich wollte meinen Platz auf der Lichtung nicht verlassen, um Ihnen die Schande zu ersparen, Sie in Gegenwart meiner Mutter züchtigen zu müssen."
„Bernd!" Oertzen ftanb jetzt in drohender Haltung vor ihm und hatte die Hand geballt, um ben Knaben, der ihm öas ins Gesicht zu sagen wagte, nicht auf öie Wange zu schlagen.
„Für Sie bin ich nicht Bernö. — Nur Baron Anstetten." kam es verweisenö.
„Also gut, Baron! — Säbel ober Pistolen? — Ober wollen wir lieber zum Konbitor gehen unb dort Versöhnung feiern?"
Der Spott traf. Die Finger um einen ber Drokatstühle gekrampft, rang ber Knabe nach Fassung. „Es soll Ihnen nicht vergessen fein, ®raf, baß Sie mich höhnten, weil ich noch nicht reif genug bin, einen Schimpf wie Diesen zu vergelten. — Zwei Iahre noch, bann werbe ich mit Ihnen abrechnen."
„Bernd! — Verzeihen Sie, Baron! Seien Sie doch vernünftig", lenkte Oertzen ein. „Ich nehme mir doch nichts, was mir Ihre Frau Mutter nicht freiwillig gibt. Das kommt duhende Male vor im Leben, daß Menschen, die nicht zusom- menpassen, sich voneinander trennen. — In Frieden trennen, Bernd. Ihr Vater hat es eben nicht verstanden, diese gottvolle Frau dauernd an sich zu fesseln.
Die Knabenaugen lagen jetzt ganz umschleierk. „Fürchten Eie sich nicht, Graf, einem Manne die Frau zu nehmen. — Und einem Sohne die Mutter?"
Oertzen wurde es schwach bei dem Blick, der auf ihm ruhte. „Von Liebe zwischen Ihren Eltern kann wohl nicht mehr die Rede sein. Und ich, Baron, trage keinen sehnlicheren Wunsch, als in Ihnen den Sohn in die Arme schließen zu dürfen."
Bernd verneigte sich: „Ich habe Sie gewarnt, Herr Graf, und ich habe jetzt auch Ferien, meine Seit steht somit vom Morgen bis zum Abend zu meiner freien Verfügung."
»Was soll das heißen, Baron?"
„Daß Sie meine Mutter in den nächsten Wochen nur in meiner Begleitung treffen werden."
Ehe Oertzen noch zu Wort kam, schritt Bernd auf die Schiebetür zu. welche den Weg in öie Halle freigab. Der Livrierte hielt schon Mantel und Hut bereit unb öffnete öie beiben Aus- gangsflügel, die leise nachscywangen.
Oertzen stand noch mitten im Zimmer unb biß sich öie Lippen wund. Mit einem unbän- v Svrn auf den „grünen Jungen" kämpfte das Gefühl ber Hochachtung für Öen Sohn, der um öie Ehre seiner Mutter rang. Wenn er diesen Knaben gezeugt hätte! — Er! — Sein ®to.l3 würöe ohne Grenzen fein! So war er öleifrf) unö Blut öes anderen, öcr ihm im Wege ftanb.
Im Wege! —
6r erfeßraf bor seinen Gedanken wie vor Ungeheuern, die sich plötzlich über ihn ßerftür- 3en. Wenn er — ben anderen. —
Er schrie ein „Nein" in ben Raum, daß der Diener eiligst ßcrbeigelaufcn kam.
(Fortsetzung folgt.)


