Nr. 281 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 30. November (929
Weihnachishandarbeiien in letzter Stunde.
Von Else Mie.
Es ist eine alte deutsche Sitte, zu Weihnachten Handarbeiten zu verschenken. Selbst unsere praktisch veranlagte Jugend, die aus neue Sachlichkeit schwört, hat sich dieser Sitte gefügt, und die fleißigen Häirde, die an der Schreibmaschine, in Bureaus, in allen möglichen Arbeits- räumen schaffen, greifen vor Weihnachten zu Nadel und Faden, zu den verschiedensten älten- silien, um eine Handarbeit anzufertigen, wie cs das Haustöchterchcn in früheren Zeiten gemacht hat. Heute ist Zeit Geld, so daß man zu schwieri- ! gen, großen Handarbeiten kaum mehr Gelegenheit hat. Früher waren Tischdecken, Sofadecken, kleine Teppiche, Kissen, Flügeldecken die typischen Weihnachtsardeiten. Jetzt macht man am liebsten kleine Handarbeiten, die ganz bestimmt gebraucht werden; und wenn die Handarbeit nur aus wenigen Stichen besteht. Es brauchen auch gar keine Textilien zu sein. Man kann praktische Klebearbeiten machen; die Hauptsache dabei ist, daß es sich um brauchbare Gegenstände handelt. die nicht unnütz herumliegen oder herumstehen. Dazu ist meist in unseren Wohnungen kein Platz.
Kissen werden nach wie vor gern geschenkt und gern angenommen; besonders die weichen, viereckigen, länglichen oder dreieckigen Puffs. Man stellt sie am besten aus waschbarer Seide oder aus einem waschbaren Leinenstoff her. Es gibt auch wasserfeste Webstoffe, die sich dazu eignen. Hier spielen schöne Farben und originelle Muster eine entscheidende Rolle. Das Besticken der Kissen erweist sich bei gutgemusterten Kissen ald überflüssig. Wenn man die fertiggefüllten Inletts kauft und die Bezüge dazu näht, ist das schon Handarbeit genug. Ruf alle Fälle soll genau überlegt werden, welche Farben und was für Stoffe sich eignen. Lieber von einer Sleber- raschung absehen; am besten nimmt man zuvor Rücksprache mit dem Empfänger, um zu vermeiden, daß man schon Vorhandenes noch einmal schenft.
Kleine Decken sind sehr hübsche Weihnachtsgeschenke. Wan kann sie immer gebrauchen. Ein Etlichen Batist, ein paar Spihenrestchen genügen ost schon. Mit ein wenig Geduld kann man in einigen Stunden etwas sehr Feines Herstellen. Handnäherei ist hier am Platze, um zu erreichen, daß sich die kleinen Stiche nicht verziehen. Wer echte Spitze, das heißt Hand- ipitze, hat, einen kleinen Rest, einen schmalen Streifen, eine Borte, der kann noch im letzten Augenblick einige elegante Taschentücher nähen. Um dabei der Mode gerecht zu werden, verwerte man dabei farbige Seidenreste. Aus zartfarbigen Batiststückchen werden Garnituren hergestellt. Feine Töne: Mattlila, Zitronengelb, Wasserbläulich. Lindengrün, Fleisch- rosa, Fliederfarben sind gegenwärtig sehr in Mode. Aus Seide und Spitzen hergestellte Taschentuchbehälter kommen auch für die eben genannten Farben in Frage.
Toclettenlissen werden ebenfalls gern als Weihnachtsgeschenke empfohlen; sie können aus ‘Sattift, Seide oder Brokat hergestellt werden. Ein Spihengrund aus mattgetöntem, leichtem Waschstoff sieht ebenfalls sehr fein aus. Elegante Bügel für den Kleiderschrank finden immer viel Beifall. Die mit Wolle umstrickten und umhäkel- len Kleiderbügel sind stark in den Hintergrund getreten; sie sind nicht mottensicher. Dagegen kamen Bügel auf, die mit einfarbigen oder bedruckten Seidenbändern umwickelt sind. An beiden Enden werden nach wie vor Duftbeutel angebracht. Sehr beliebt hierfür sind Veilchenwurzeln. Lavendel soll die Motten fernhalten.
Wer Geschick zum Basteln hat, kann als Weihnachtsgeschenk Lampenschirme fertigen. Das Falten von starkem Pergamentpapier ist für geschickte Hände sehr einfach. Cs gibt sehr fein-
Don eigentlich geheimnisvollen Dingen . . .
Von Margret Halm.
Warum heißt es eigentlich, daß man nicht ton sich auf andere schließen soll? Ich finde, daß man nie so unbedingt das Rechte trifft, als wenn man handelt, wie wenn alles, was man für andere beschließt, für uns selbst geschähe. Wie ich das meine? Run, da wir gerade beim großen Weihnachtsschenken sind, so können wir hierfür die schönsten Beispiele finden. Jede Frau Poßt heute in ihrem Innern einen kleinen un- gehörten Schrei der Freude aus, wenn ihr ein gütiges Geschick irgend etwas aus dem großen Reich der Parfümerie beschert. Gibt es da überhaupt etwas, was eine Frau nicht brauchen kann? Möchte doch jede schon allein einen großen Sack voll Geld besitzen, um nur all ihre duftenden Wünsche zu erfüllen. Und „Wünsche" ist hier nicht einmal das rechte Wort, denn notwendig braucht sie einen Schönheits- faften. der alles an Schönheitsmitteln enthält, was sie zur Pflege ihres Gesichtchens benötigt, llcbcrall steht heute geschrieben, daß Schönheit nicht allein nur Gottesgabe sei, sondern das Produkt von tausend geheimnisvollen Salben mb Wässerchen: Reinigungscremes und Gesichts- Wassern, feinsten Oelen zur Femhaltung und Beseitigung von Falten, Tagescreme zum Schuh der Haut gegen den Einfluß der Witterung, Puder, Lippenrot und Augenschwarz, die miteinander mit weiblicher Geschicklichkeit aufgetragen — natürlich nicht zu stark! — den Ausdruck des Gesichts aufs vorteilhafteste betonen. Ra- türlich ist all das auch einzeln ein schönes Geschenk und unter den deutschen, französischen, englischen und amerikanischen Ramen von gutem Klang hat jede Frau längst ihre Lieblingsmarke herausgefunden. Puder wählt man für die brünette Frau in Dananatönen, für die blondine in einem zarten Pfirsichhauch. Hand aufs Herz, liebe gnädige Frau, bereitete Ihnen eine der entzückenden schaumigen Puderquasten am langen Stiel, die eigens dazu geschaffen sind, Ihrem schönen Decolletö einen sammetweichen Schimmer
Aus dem Reiche der Frau.
getönte, einfarbige und gemusterte Echirmpapicre, die viel empfehlenswerter find als selbstbemalte. Sehr schnell lassen sich Untersetzer für Kannen aus großen Glas- oder Holzperlen Herstellen; dafür hat man immer Verwendung. Für junge Mädchen empfehlen wir die sehr modernen Perlenketten, die ohne viel Mühe selber aufgefädelt werden können. Einkaufsbeutel oder elegante Beutel, aus feinen Stossen hergestellt, dürften sich für ältere Damen als Geschenk sehr eignen.
Rus Pappe ober Pappschachteln kann man eine Menge schöner Sachen Herstellen: Tischpapierkörbe, zusammenlegbare Kragenhüllen, Taschentuchbehälter, Mappen für Er
innerungen aller Art, von ben Liebhaberaufnahmen bis zu den Jubiläumstelegrammen. Außer Pappe gehört als Hauptmaterial ein vornehm gemusterter Stoff ober Papier bazu. Es gibt sehr praktisch wirkende, nicht zu Helle Textilien, die dafür geeignet sind; hier lassen sich auch Reste verwenden.
Wer mit Pinsel und Farben umzugchen weih, und fein blutiger Dilettant ist, bemale Seiden- bänder für Dlusenverschlüsse; davon muh man aber mindestens ein halbes Dutzend verschenken. — Rach diesen Anregungen lassen sich eine Wenge Weihnachtsgeschenke anfertigen, für jung und alt, ohne allzuviel Mühe und ohne allzuviel Kosten.
Lebkuchen, Zimifierne, Pfeffernüsse.
Allerlei Rezepte für die Weihnachtsbäckerei.
Don Else Schwartz.
In früheren Jahren begannen die Weihnachtsbäckereien der Hausfrau wohl erst später, vielleicht kurz vor dem Riklastage, an dem die sorgliche Mutter „im Ramen von St. Rikolaus" all die vor die Tür gestellten kleinen und großen Schuhe zu füllen hatte. Jetzt muß die überlastete Hausfrau aber viel mehr Arbeit le.ften als früher und so ist es empfehlenswert, schon bald mit den Weihnachtsbäckereien zu beginnen, und zwar solche zu wählen, die, fest verschlossen aufbewahrt, zum Fest dann ebenso gut schmecken, als wären sie eben bereitet. Man muh sie nur in fest schließenden Gläsern oder Blechdosen lagern und natürlich vor Raschkähchen hüten.
Brauner Lebkuchen. Ein starker halber Liter Honig wird mit 400 Gramm Zucker so lange gekocht, bis ein Tropfen abspringt. Dazu kommen 200 Gramm grob geschnittene Mandeln, die einige Minuten mitkochen, hierauf 20 Gramm Zimt, 15 Stück Retten, eine halbe Muhkatnuh, 70 Gramm Pomeranzenschale, 70 Gramm Zitronat, die Schale einer Zitrone, ein kleiner Kochlöffel Backpulver, und zuletzt 800 Gramm Mehl. Run nimmt man den Teig vom Herd, schlägt ihn so lange, bis er lau ist, walkt ihn dann aus, schneidet ihn in genügende Stücke und backt ihn auf einem mit Butter geschmierten Blech. Kann auch glasiert werden: Puderzucker, Vanillin, Rum, Orangensaft oder Zitronensaft.
Deutscher Honigkuchen. 500 Gramm Zucker wird in einen größeren Topf getan, dazu ein viertel Liter Wasser und über schwachem Feuer aufgelöst, bis die Flüssigkeit klebt. 500 Gramm warmgestellter Honig wird dazu gegeben, alles zusammen aufgekocht und ein Teelöffel Zimt, etwas Muskatnuß, Ingwer, drei ganze Eier der Honigmasse beigefügt. Ist alles innig verrührt, wird ein Kilo Mehl mit einem Päckchen Backpulver gemischt, dazu gerührt, alles in eine gut ausgebutterte Bratpfanne getan, höchstens zur Hälfte gefüllt, mit grobgehackten Mandeln bestreut und sofort ungefähr dreiviertel Stunde gebacken. Kann auch glasiert werden: Puderzucker. Vanillin, Rum, Orangen- oder Zitronensaft.
Makronen. Ein halb Pfund Zucker vermischt man mit dreiviertel Pfund süßen und einigen bitteren geriebenen Mandeln und einem Eiweiß tüchtig. Dann bringt man die Masse auf das Feuer und ri'chrt sie, bis sie gut zusammenhält, aber nicht zu lange, weil sonst die Makronen bröckeln. Run schlägt man 4 Eiweiß zu steifem Schnee und vermischt alles gut, seht kleine Häufchen davon auf ein gefettetes Blech und läßt sie hellgelb backen.
Marzipankartoffeln. Reichlich ein Pfund süße, 20 Gramm bittere Mandeln werden gebrüht, abgezogen, abgetrocknet und drei- bis viermal durch die Reibmaschine gedreht. Dann vermischt man sie mit einem Pfund Puderzucker,
zu verleihen, nicht eine ganz besondere Freude? Ich sehe Sie im Geiste immer wieder an Ihrem geschmackvollen Toilettentisch stehen, auf ben Sie sich auch biesmal wieber zwei neue Flacons wünschen, passenb zu ben Toiletteflaschen unb Dosen, die, obzwar immer wieber ein wenig anders in der Form, doch in ihrem breiten, ruhigen Flächenschliff zusammenstimmen, vielleicht auch eine Silber-, Schildpatt oder Kunsthorn- gamitur, — und in graziösen Bewegungen die neue Rückenquaste ausprobieren. Run! Ebenso wird sich Ihre Freundin mit einer solchen Quaste freuen... Doch auch von kleinen Handquasten braucht man eine ganze Reihe, zum Anpudern eine aus Samt, zum Lleberpudcrn eine leichtere, und eine besonders schöne mit einer seidenen Maschenschleife als Zierspielzeug. Uni) weil wir gerade so schön beim Pudern sind, gehört — last not least — auch die Taschenpuderdose mit hinein in dieses wichtige Kapitel! Rur wer einmal zugeschaut, wie lange eine Frau unter all ben neuen, beraubernben Taschenpuberbosen in mehr ober weniger echtem Golb unb Silber mit Ziselierung aller Art, Emaille geschmückt, innen in größtem Raffinement mit zweierlei Puder und Rouge ausgestattet, mit passendem Lippenstiftbehälter, der zuweilen an einer Kette mit bet Dose fest verbunden, unb mit passendem Taschen- zcrstäubcr wählt und unter der Wahlqual schmerzlich leidet, dem erst geht eine leise Ahnung auf von der Bedeutung dieses kleinen Utensils, das heute fast die gesamte Frauenwelt in seinem Bann zu halten weiß. Unter ben Lippenstiften steht der Dauerlippenstift an erster Stelle, bet unter Garantie allen Gefahren stand- hält, und ebenso ist auch ein flüssiger, festhaftender Puder fo eine geheimnisvolle Sache, die jeder Mann der Dame, mit der er besonders gerne tanzt, zur Schonung seines Smokings schenken sollte!
Und die Parfüms! Da allerdings soll man sich schon ein wenig orientieren, welchen Geruch die Frau, die man durch ein Geschenkflacon erfreuen will, als den für sich schönsten erkor.- Die sehr geschmackvolle Frau benutzt nicht eine bestimmte Marke; sie versteht es, einen zu ihrer Persönlichkeit fein abgeftimmten Duft aus verschiedenen Blumen, auch Phantasien selbst zu mischen.
zwei Eßlöffeln Rosenwasser, und toenn alles gut durchknetet ist, rollt man Kugeln davon in der gewünschten Gröhe, die man mehrfach einkerbt. Sie werden in Kakao gewälzt und im lauwarmen Ofen etwas getrocknet.
Marzipantörtchen. Sehr gut schmecken auch Törtchen, die man aus dieser Marzipanmasse bereiten kann. Dazu rollt man die Masse etwa einen halben Zentimeter dick aus, sticht mit einem Weinglas runde Böden, oder mit Ausstechformen verschiedene Figuren aus. Jede Form bekommt einen Rand aufgelegt, der durch einkerben verziert wird. Das Innere der Törtchen wird mit passend geschnittenem weißen Papier belegt unb nun ein Eisen erhitzt, bas man so nah über bic Törtchen hält, daß deren Ränder gebräunt werden.' Dann nimmt man das Papier heraus, rührt aus Puderzucker und Rosenwasser eine dicke Glasur, wovon man in jedes Törtchen eine dicke Schicht füllt. Auf diese Glasur legt man dann in zierlichen Mustern fein geschnittene, eingekochte Früchte.
Z i m t ft e r n e. 125 Gramm Butter mit 200 Gramm Zucker schaumig rühren, zwei Eier, ein halb Pfund Mehl, ein Teelöffel Zimt, zuletzt eine Messerspitze Hirschhornsalz zur Masse geben und einige Zeit kaltstellen. Teig ausrollen, Sterne ausstechen davon, mit Eigelb überpinseln und im Ofen backen.
Weihnachtsbrezel. Auf das Dackbrett 250 Gramm Mehl im Kranz schütten, in die Mitte 125 Gramm kalte Butter, 75 Gramm Zucker, zwei Eidotter und etwas gestoßene Vanille tun und alles zum Teig zusammenkneten; diesen etwas ruhen lassen. Dann kleine dünne Würstchen davon rollen, zu Brezeln zusammen- fügen und im Ofen goldgelb backen. Die erkalteten Brezeln mit grobem Zucker bestreuen oder mit Zucker-, auch Schokoladenglasur, überziehen.
Pfeffernüsse. Vier Eier werden verquirlt und mit ein halb Pfund Mehl, ein halb Pfund Zucker, etwas abgeriebener Zitronenschale, Backpulver unb einer Messerspitze Hirschhornsalz tüchtig burchgeknetet, gewalzt und lange Würstchen davon gerollt, von denen man kleine Scheiben abschneidet. Diese backt man hellgelb bei schwacher Hitze unb wälzt sie in Puberzucker.
Schokolabenschnitten. Vier gequirlte Eier schüttet man auf ein halb Pfunb Mehl, ein halb Pfund geriebene Schokolade, ein Eßlöffel Kakao, etwas Zimt, feingestoßene Retten und einige süße, geriebene Mandeln, alles wirb tüchtig burchgeknetet, ein Teelöffel Hirschhornsalz dazugegeben, gut durchgearbeitet und etwa zwei Zentimeter dick auf ein gewachstes Blech gestrichen. Bei mäßiger Hitze eine halbe Stunde baden und warm in schmale Streifchen, Halbmonde ober Sterne schneiben, cotL mit Guß überziehen.
wie die Französin es schon immer tat. Etwas herber für ben Tag, ein wenig süßer und wärmer für ben Abenb. älnb daran hält sie fest unb wählt dann in der gleichen Richtung ihre Seifen, Haar- und Toilettenwasser, Körperpflegemittel, Cremes, Puder, Badesalze, so daß nicht nur von ihrer ganzen Person eben dieser Duft ausgeht, sondern ein Hauch davon auch die Räume ihres Heims durchzieht.
Lins wars darum zu tun, in diesen Zeilen anzuregen, geheimste Wünsche zu erfüllen. Doch ist uns vielleicht manche gram, daß wir fo aus der Schule schwatzten. Wer aber macht es allen recht?
Das Adventskörbchen.
Von Dora Stieler.
Ein kleiner Blondkopf kniet am Fenster und schaut imDertoanbt hinaus in die blaue Dämmerung des Dezemberabends. Es ist heute der erste Adventsonntag. Da steigen Engelchen auf Dächern umher und lassen die Adventkörbchen herunter an langer Schnur. Wit dem Artigsein ist es leidlich gewesen — die Wutter meint, daß ein Körbchen erscheinen wird. Im Zimmer brennt kein Licht, damit die brennenden Kerzlcin draußen doch ja bemerkbar werden. Ein tiefer Atemzug vom Fenster her — weil noch immer nichts flimmert. Da — jetzt — ein Lichtschein von oben und wirllich schwebt ein Körbchen hernieder, leidenschaftlich verfolgt von den Kinderaugen. Rasch öffnet die Mutter das Fenster, schneidet die Schnur ab und holt das Körbchen herein. Dann wird die Kleine hochgehoben, um dem oben stehenden Engel ihren Dank zuzu- rufen. Dieser fällt ja etwas kurz aus, doch das Kinderherz hämmert rasch und stark. Unb dann wird das Heine Himmelsgeschenk beschaut. Das Körbchen ist mit Tannengrün geschmückt, rote Dänder und goldnes Engelshaar flattern dran herunter, und auf dem Korbrand stecken brennende Christbaumkerzen. Don all dem Gitten, das das Christkind bann bringen wird, liegt schon allerhand im Körblein beisammen. Die Lichter strahlen in die Kinderaugen, unb diese
Der Weihnachtstisch.
Von Gisela Urban.
Der Weihnachtstisch sott wie jeder andere Tisch, der für eine festliche Gelegenheit bestimmt ist, das Fest symbolisieren. Wie wird dies am eindrucksvollsten erreicht? Vor allem: Ollem stimme den Tisch auf weiß-grün ab. Glänzender Damast wird tief herabhängend aufgebreitet, weil sich das satte Grün der Tannen» und Fichtcnreiser« aber auch die mattere Tönung natürlicher Mistelzweige, ja selbst das Golb, in bem sie im präpariertem Zustande sunkeln, von dem glatten, seidig schimmernder Fond dekorativer abheben, als von der unruhig wirkenden Grundierung eines gestickten Tischtuches oder Läufers. Die roten Beeren der Stechpalme dienen zur reizvollen Belebung der grünen Verzierung, aber auch der sanfte Schmelz der weißen Beeren, die an den Mistelzweigen lieben, ist imstande, jede Monotonie des Tafelschmuckes zu verscheuchen« Rur muh darauf geachtet werden, daß die Beeren nicht so zu liegen kommen, daß sie dem Zerdrückt» werden ausgesetzt sind, da sie häßliche Flecken hinterlassen. lieber Grün und Beeren lassen sich zur Erhöhung des Weihnachtszaubers noch Silber- fäben spinnen, dichter oder dünner, je nach Geschmack und der Möglichkeit, den Tafelschmuck zu weiten. Grundsatz aber muß sein: jede Lieber- ladenheit zu vermeiden. Der Schmuck der Tafel sott das Auge erfreuen, Stimmung erwecken und verbreiten, er darf aber niemals den Ausblick über den Tisch hindern, die Rachbarschaft der Rebeneinandersihenden beeinträchtigen und die Unterhaltung stören.
Feierlich wirkt der Weihnachtstisch im Lichte von Kerzen, die in hohen, tannenumwundenen Leuchtern flammen. Uebcrhaupt ist es stimmungsvoll, das Licht nicht von den Lampen unb Lüstern ausstrahlen zu lassen, die sonst die Abende erhellen, sondern von eigens konstruierten Weihnachtsbeleuchtungen, von Tisch- und Wandleuchtern, die ohne große Kosten hergestettt werden können.
Sehr hübsch wirkt ein Tisch, wenn das Obst, in unregelmäßiger Verteilung auf Tannenzweigen gebettet, die Tischmitte so umschlingt, daß vor jedem Gedecke rotwangige Aepsel, golb» gleißende Orangen, Rüsse, Trauben usw. locken. Ist es überdies noch möglich, ein grüngemustertes oder grünbordiertes Service zu verwenden, und nimmt man sich noch die Mühe, die aufgetragenen Schüsseln in diskreter Weise weihnachtlich zu schmücken, dann zaubert der Tisch eine Weihnachtsstimmung hervor, jene Stimmung, die noch lange Zeit nach dem Feste beglückend nachklingt.
„So ist die neue Frau."
— Dr. jur. ElsaHerrmann:So i ft bic neue Frau. Start. 3 Mark, Ganzleinen 4,80 Mark. Ava- lun-Berlag, Hellerau bei Dresden. (346.) — Das Buch ist geschrieben von einer Frau, die der vorigen Generation angehört. Ihr steckt der Stampf um die Gleichberechtigung der Frau, um eine Wertung ihrer Persönlichkeit um ihrer selbst willen noch tief im Blut. Darum weckt die Haltung des Buches Widerstand und Widerspruch bei uns ,„neuen Frauen", die wir das, was die Generation vor uns, oft unter Aufgabe ihrer Weiblichkeit, erkämpfen mußte, mühelos und selbstverständlich genossen haben. Nein: so ist die neue Frau nicht. Bor allem nicht so bewußt, so erfüllt von Forderungen, so verstandesmäßig ein» gestellt. Der neue Typ, wenn man schon von Typen sprechen will, ist naturhafter, triebhafter; die neue Frau geht, ohne ihrem innersten Wesen Gewalt anzutun, ihren Weg nach ihrer schicksalhaften Beftim- mung. Dr. Elsa Herrmann beginnt mit einer historischen Einleitung, sie zeigt die ehemaligen Typen der Dame und Hausfrau, die eine im äußeren, nur gesellschaftlichen Leben ihre Erfüllung suchend, die andere nur im Haushalt, in den engen vier Wänden ihres Heims sich betätigend. Ihnen gegenüber stellt sie die neue Frau, die sich aus inneren und äußeren Fesseln gelöst hat und ihren Weg zum Beruf, zum
wiederum in die Lichter zurück. Die alte Tante aus dem Rebcnhaus kommt leider ein wenig zu spät, um das große Ereignis noch mit zu erleben. Doch brennen die Kerzen noch bei ihrem Eintritt, und sic kann mit bewundern und staunen über das geschickte Engelchen, das die Sachen heil vom Dach heruntergelassen hat. Ihre Frage, ob Inge denn etwas von dem Engel gesehen habe, beantwortet die Kleine geheimnisvoll: „oh ja — das war ein Kindlein ganz voller Licht." Das Tantchen, das die Cngelaas- gabe so gut gelöst hat, lacht belustigt und streicht über den feinen Lockenkopf ...
Advent ... ist es beim Aufklingen dieses Wortes nicht, als ob für uns alle etwas vom Himmel herniederschwebte etwas Lichtumwobnes, Fröhliches, Geheimnisvolles. Etwas, das nichts gemein hat mit dem abgebrauchten Begriff Geschenk. Das man aber doch als Gabe hinnimmtt und sich baduvch beschenkt fühlt, wie das Kind mit seinem bunten Korb. Dem Einen ist das schönste in diesen Wochen die Erinnerung an gewesene Kinderfreudc, die dem Christkind entgegenflatterte. Andern bringt der Advent das Hineinschauen in die Freude eigner Kinder. Die Weihnachtslieder, von kleinen Stimmen gesungen, lassen in den Herzen alles Gute und Feine aufblühen auch „als ein Blümlein zart." Manches Herz kann aus der Weihnachtszeit wieder die ganze Kinderfrömmigkeit in sich aufnehmen und jedem Stern am Himmel zunicken als Bethlehems Stern. Der grüne Kranz mit den vier weihen Kerzen im Zimmer einer einsamen Frau, hält in seinem Ring geschlossen das Wissen von dem ewigen Zusanunenklang: Gott und Menschentum. Ob es doch Engel sind, die in der Adventszeit Gaben vom Himmel schweben lasten — auch die seltene Gabe: ein Warten, das lauter Freude und Lächeln ist?
Drum wollen wir leise und achtsam durch die liebe Adventszeit gehen. Jeden Abend mag die blaue Dunkelheit vor den Fenstern sagen: e-8 ist Rdvent. Es formten Lichter kommen von oben, die erwartet sein wollen. Und vielleicht schenkt uns das Christkind dann die Gabe, daß es aus unserm eignen Wesen herausscheinen darf auch ein wenig „boller Licht".


