Ausgabe 
30.10.1929
 
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>ie anläßlich unserer Demchlurra sene Aufnierlsamlellen sagen wir unseren herzlichsten Dank.

Wilhelm Pfeiffern. Flau geb. Kaufmann.

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Nr. 255 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch, 50. Oktober (929

Eindrücke von jenseits der Alpen.

Von Dr. Paul Rohrbach.

3m folgenden seien einige Beobachtungen von einem Besuch im Reiche Mussolinis gegeben. Als erstes gleich eine aus einer Buchhandlung auf einem italienischen Grenzbahnhof. 3n der Aus­lage, an auffallender Stelle, lag das Buch von Stein (Rumpelstilzchen):Der Schmied Rom s". Bor ein paar Tagen, erzählte der Buchhändler, war ein Mitglied des örtlichen Faszio zu ihm gekommen und hatte sich erkundigt, ob er das Buch habe. Auf die verneinende Ant­wort die Sendung war noch nicht angekom- mcn sagte der Faszist:Es ist verboten, Eie dürfen es nicht beziehen." Am nächsten Tage kam er wieder und sagte:Cs ist erlaubt worden, wenn Sie es bekommen, so legen Sie es aus!"

Der Schmied Roms" wird in Deutschland viel gelesen. Aus dem Deckel steht eine faksimilierte Widmung Mussolinis, in deutscher Sprache, an den Verfasser:Männer machen die Geschichte!" Es enthält eine sehr eindrucksvolle Schilderung vom Duce und seinem Werk, auch mit etwas Kritik, in der Hauptsache aber begeistert. 3n Deutschland saht man es als eine Propaganda­schrist für die Übertragung sadistischer Ge­dankengänge aus deutsche Verhältnisse auf. Die Meinung in 3talien ist anders: es arbeite für eine italienisch-deutsche Verständi­gung mit der Spitze gegen Frank­reich. Politische Gespräche zwischen Deutschen und höheren Mitgliedern des Faszio bekommen von italienischer Seite regelmäßig bald die Spitze: W a s in aller Welt treibt eigentlich euch Deutsche, die einzigen Freunde Frankreichs zu sein? Bildet ihr euch ein, die Franzosen dahin zu bekommen, daß sic euch gutwillig wieder eine Großmacht werden lassen?"

Der Faszismus treibt konsequente Dücherpolitik. Remarque s:3 m W e st en nichts R e u e s" ist eben in 3talien verboten wor­den. Der Berlcger hat eine große Auflage Her­stellen lassen und stand damit unmittelbar vor der Ausgabe. Da traf ihn das Verbot. Bücher, die da'U beitragen, den Glauben zu untergraben, daß jedermann alles allezeit dem Vaterlande opfern müsse, Vücher. die antimilitärisch, Pazi­fistisch, wirken, solle kein guter 3taliener lesen: für die Tapferen feien sic ein Aergernis und für die Schwachen eine Verführung: sie dienten da, u, eine Ration zu verweichlichen. So die Be­gründung. Der Verleger hat nicht einmal ver­sucht, etwas für die Freigabe zu tun: seine Hoffnung, wenigstens einen Teil der Auflage abzuschen, sind jetzt die 3taliener in Südamerika und in den Vereinigten Staaten.

Der Duce macht Krieg im Frieden auch noch auf andere Art. 3n den letzten Septcmbertagen gab cs in ganz 3talien eine große Siegesfeier: Vittoria del grano, Sieg in der Korn­schlacht! Musik, Umzüge, Reden, vor allen Dingen aber, dem italienischen Geschmack ent­sprechend, Feuerwerke von ganz märchenhafter Pracht. Das wichtigste der Länder, die vor dem Kriege den Volksübcrschuß 3taliens als dauernde oder vorübergehende Einwanderung aufnahmen, Rordamerika, hat bekanntlich die italienische Quote auf einen so geringen Bruchteil herab­gesetzt, daß praktisch ein Einwanderungs­verbot herauskommt. Mussolini macht aus die­ser Rot ganz genial eine Tugend und verkündet: Kein guter 3talicner darf überhaupt auswan­dern! Auf der andern Seite aber weih er, daß 3talien, wenn keine Auswanderung stattfindet, einem Kessel mit zunehmender Dampfspannung und geschlossenen Ventilen gleicht. Deutschland hat nur noch 18 Geburten aufs Tausend, Frank- reich etwa ebensoviel, 3talien aber hat über 30. Allerdings zeigt sich jetzt auch eine leichte Ab­nahme. Um dem italienischen Volk sein eigenes Brot zu geben und die Korneinfuhr herabzu-

Tagung des hessischen Handwerks.

WSR. Alzey, 28.Olt. Am Samstag und Sonntag tagte hier das hessische Handwerk. Etwa 2000 Teilnehmer aus allen Teilen Hessens waren erschienen, darunter als Ehrengäste u. a. Minister K o r e l l, Ministerialrefercnt Hechler, Kreis- dircktor D r a u d t, Provinzialdirektor U s i n g e r. Präsident der Landwirtschaftskammer Darmstadt Hensel, Präsident A b t von der Handwerks­kammer Frankfurt.

Rach der Landesausschußversammlung am Samstag und einem Degrühungsabend folgte am Eonntagvormittag die Hauptversamm­lung. Der Präsident der Magdeburger Hand­werkskammer Pflugmacher hielt ein Referat überDie sozialen Fragen des Hand­werks". Redner schilderte die sozialen Einrich­tungen des Handwerks im Mittelalter und wies auf die heutigen sozialen Einrichtungen hin, die den Handwerker vor Rot und Entbehrungen schützen. Ohne das Handwerk sei ein Staat nicht lebensfähig, und darum habe es ein Recht dar­auf, von dem neuen deutschen Staate die Ge­währung der selbständigen Versiche­rung vor Ro t und Elend zu fordern, und ein Mtcht darauf, von der Regierung beachtet uni gefördert zu werden. Wenn der Handwerker und Gewerbetreibende gesichert in die Zukunft schauen könne, dann erst habe das Handwerk wieder einen goldenen Boden und der Staat freudige Mitarbeiter am Aufbau des Reiches.

Sodann sprach Generalsekretär Hermann vom Reichsverband des deutschen Handwerks überDas Handwerk in der deutschen Wirtschafts -und Finanzpoliti k'. Der Redner ging auf die Reparationszahlungen, die auch in besonderem Maße das Handwerk be­lasten, ein und erklärte, daß wir durch die Haager Beschlüsse wohl ein Stück weitergekommen wären, daß man aber prüfen solle, wie man den ein-

gegangenen Verpflichtungen gerecht werde. Durch Senkung der Ausgaben seien große Ersparnisse zu erzielen. Die Ersparnisse aus dem Vvung- plan gegenüber dem Dawesplan dürften nicht für die Arbeitslosenfürsorge allein, sondern zur Verbesserung des gesamten Etats gebraucht wer­den. Gleichzeitig müsse eine gründliche Reform der Steuern, der Finanzen und des Derwaltungs- apparates durchgcführt werden. Besonders die Gewerbesteuer und die Hauszinssteuer müßten fallen.

Rachdem die Versammlung den Geschäfts- und Kassenbericht einstimmig genehmigt hatte, wurde folgende Entschließung angenommen:Das hessische Handwerk und Gewerbe kann sich mit der vorgesehenen Verwertung des De­satzungsgutes, wie sie in der Besprechung in Koblenz am 2. d. M. vorbereitet wurde, ein­verstanden erklären. Es erwartet schleunigste Ab­nahme der Verwertung des Bcsahungsgutes un­ter strengster Beachtung der Richtlinien, die das hessische Handwerk aufgestellt hat."

Eine zweite Entschließung besagt:Der in Alzey stattfindende Gewerbetag beschließt fol­gende Resolution: 1. Verbot der wirt­schaftlichen Betätigung der öffent­lichen Hand, der öffentlichen Verwaltungen aller Art. Zur Prüfung, ob ein öffentlicher Be­trieb unter das gesetzliche Verbot im Zweifels- falle zu rechnen ist, sind die gesetzlichen berufs­ständischen Vertretungett maßgebend hinzuzu­ziehen. 2. fordert der Handwerkcrtag eine wirk­same Durchführung des dem gewerb­lichen Mittelstände verfassungsmäßig gewährten Schuhes gegen Privatmonopolisie­rung aller Art."

Als nächster Tagungsort wurde Alsfeld bestimmt.

drücken, wurde dieKornschlach t", battaglia del grano, organisiert, mit landwirtschaftlichen Kursen, Verteilung künstlichen Düngers, Prämien für die höchsten Ernteziffern pro Hektar in jeder Provinz, und mit einer gewaltigen Propaganda in Presse und Rede. Der Erfolg scheint da zu sein, die Crnteziffern steigen, die Einfuhr sinkt. Daher Musik und Feuerwerk, und die Zeitungen sind voll von der Liste der zugesagten Prämien fürs nächste 3ahr.

Der Reapolitaner ißt Makkaroni, die von Weizenmehl gemacht werden. 3n der Lombardei aber wächst viel Reis. Daher Befehl: An einem Tag in der Woche wird in ganz 3talien Reis gegessen! 3m vorigen 3ahr wurde auch befohlen, das Getreide so stark auszu­mahlen, daß ein großer Teil der Kleie mit ins Mehl ging. Das Brot war grau und gefiel den Leuten wenig, aber sie mußten es essen. Sollten die Erfolge sich noch einige 3ahre so fortsetzen, und sollte es namentlich gelingen, die großen Weidelatisundien in Süditalicn wirklich unter Weizenkultur zu bringen, so wäre das früher Undenkbare tatsächlich geleistet: 3talien hätte sein Brot. Bei den Pontinischcn Sümpfen und bei der Römischen Campagna ist die Ver­wandlung von Unland in Ackerland tatsächlich geglückt. 3etzt wird der Appen n in auf­geforstet. Es ist eine Arbeit auf viele 3ahr> zehnte, aber wenn sie einmal getan ist, so werden die Flüsse von Mittel- und Unteritalien auch im Sommer nicht mehr trockenen Steinbetten gleichen, sondern Wasser für ein reichliches Retz von 3rrigationskanälen liefern.

Diese und ähnliche Eindrücke sind unwider- sprechlich. Wer genauer hinsieht, hat aber auch noch andere. Schon die Frage, was werden wird, wenn der Duce einmal nicht mehr da

i st, wird von vielen 3talienern, Faszisten und Richtfaszistcn, mit einem ängstlichen Achselzucken beantwortet. Man wird gebeten, über diese Mög­lichkeit lieber zu schweigen. Ein zweiter, sehr heik­ler Punkt, ist der beginnende Kulturkampf. Die fasziltische Regierung hat die Verpflichtung der politischen Vereine, ihre Statuten und Mit­gliederlisten (!) der Polizei vorzulegen, auch auf die n i ch t politischen Vereine au i gedehnt. Damit sind die katholisch-kirchlichen Ver­einigungen gemeint, und damit ist gesagt, daß sie aufgelöst und unterdrückt werden können, sobald es der Regierung beliebt. Ende September hat der Präfekt von Como die erste Probe aufs Cxempel gemacht und den katholischen 3ünglings- verein der bischöflichen Diözese von Como auf­gelöst, weil in ihm kritische Aeußerungen über den 21. Dezember 1870 gefallen waren, den Tag, an dem die italienischen Truppen durch die Bresche, die italienische Kanonen neben der Porta Pia in die Mauer der Residenzstadt des Papstes geschossen hatten, in Rom einzogen.

Der Weg, den der Faszismus damit betreten hat, kann ihn leicht in eine Krisis führen, deren Umfang er noch nicht Voraussicht. Die katholische Kirche ist kein bloßer Freimaurerverein, und sie beschränkt sich nicht auf 3talien, sondern sie ist eine Weltmacht, die auch über die Geister gebietet. Selbst Bismarck hat das erfahren. Schon hat der Papst Pius Xl. in einer Ansprache an die italienischen 3ungkatholiken vomMar» thrium" der täglichen Pflichten ge­sprochen und sie ermahnt, keine Zugeständnisse zu machen. Auf beiden Seiten, in den Blättern der Faszisten und in denen der Kurie, fallen scharfe Worte. Es geht um die 3ugend, und beide Teile wissen, was das bedeutet!

Aus deu Kämpfen um Le Quesnoy.

30. Oktober bis 3. November 1914.

Von Friedrich Nutzet.

Fast 15 3ahre sind bereits darüber hingegan­gen, und noch steht mir ein Erlebnis aus den für das aktive 3nfanterie-Regiment 116 so ver­lustreichen Tagen bei Le Quesnoy im Gedächtnis, als wenn ich es erst vor geraumer Zeit miterlebt hätte. 3m Regiment war Mitte Oktober eine gefährliche Krankheit, der Typhus, ausgebrochen: es wurde infolgedessen aus seiner Stellung zwi­schen Damery und Pavillers vom Regiment 115 abgelöst und rückwärts nach Cremery verlegt. Den Aerzten des Regiments gelang es schließlich nach dreimaligem 3mpfen der Krankheit einiger­maßen Herr zu werden, doch gar mancher der Kameraden ist der heimtückischen Krankheit er­legen. Während dieser Zeit, für uns eine Er­holung, waren etwa 400 Mann, meist Gießener Studenten, als Ersatz eingetroffen und auf die einzelnen Kompagnien verteilt worden.

Am 30. Oktober, abends gegen 10 Uhr, wir hatten es uns auf dem Strohboden eines Ge­höftes am Ausgang des Dorfes nach Fresnoy recht bequem gemacht, kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Meldung, die Franzosen haben die 21. Division aus der Le Quesnoy- Stellung herausgeworfen. Das Regiment, das zum größten Teil noch die Rachwirkungen des 3mpfens verspürte, wird alarmiert und im Eil­marsch geht's unter Führung von Major W i e r h von den 115ern bis Fresnoy. Rach stundenlangem Warten, es waren inzwischen unsichere Meldun­gen cingelaufen, das verlorene Gelände sei wie­der in unserem Besitz, geht cs vor bis Damery. Die Franzosen haben aber bereits Le Quesnoy zum zweitenmal genommen. Run ist keine Zeit mehr zu verlieren: unser Bataillon wird links von der Straße, die Damery und Le Quesnoy miteinander verbindet, entwickelt. Unheilvolle Tage für das Regiment beginnen. Morgens gegen 5 Uhr geht der Befehl durch die Schützen­linie:Entladen, Gewehrschloß in den Brotbeutel". 3eht erst wissen wir, um was es geht: das Dorf Le Quesnoy soll von uns wieder genommen wer­den. Unter dem Schutze des grau aufsteigenden Rebels rücken wir nun, rechts von uns das 3., vor uns das 2. Bataillon, gegen Le Quesnoy vor. Das Feuer hatte etwas nachgelassen und wir kamen fast ohne Verluste bis vor ein vor dem Dorf liegendes Wäldchen, als auf einmal cm mörderisches Feuer von feiten der Franzosen anhob: Kompagnie- und zugweise wird nun ver­

sucht, in das mit einer dichten Hecke umgebene Dorf einzudringen.

Einem kleinen Häuflein nur gelingt es, von der Straße aus bis ins Dorf vorzustoßen: aber keiner von ihnen kehrt zurück. Die Verluste sind ungeheuer. 3ch komme bis an den Dorfrand: die das Dorf umschließende Hecke läßt ein Weiterkommen nicht zu: hinter der Hecke ver­schanzt liegen die Franzosen. Ein mörderisches Feuer ist auf mich gerichtet: aber wie durch ein Wunder bin ich gegen alles gefeit. Rur die Hosen, der Rock und mein Gewehr, von dem mir das Bajonett bis auf einen kleinen Stumpf abgeschossen wird, sind stumme Zeugen von der Gefahr, in der wir uns befinden. Ein großes Granatloch, wahrscheinlich von unseren 21er Mör­sern herrührend, nimmt mich auf, und fast gleich­zeitig mit mir springt noch der Unteroffizier und spätere Leutnant der Reserve S. Kann in diese Deckung. 3mmer noch auf Entsatz hoffend, liegen wir. gequält von Hunger und Durst, mit leerer Feldflasche und leerem Brotbeutel in un­serem Loch und erwarten die Rächt. Einige Ba­taillone der 21.3nfanterie»Division, die in der Rächt eingesetzt werden, können kaum bis zu uns Vordringen. Born Regiment 88 findet nachts noch ein Gefreiter Deckung bei uns. An ein Zurück­läufen oder -kriechen ist in der taghellen Rächt nicht zu denken, ja, wir können uns nicht einmal unterhalten wegen der unmittelbaren Rähe der Franzosen. So vergeht die Rächt in qualvollem Warten. Ein neuer Tag bricht an, eröffnet von einem schweren Feuer unserer Artillerie, die den Dorfrand beschießt. Links und rechts, vor und hinter uns schlagen schwere Granaten ein, eine wahre Hölle, so hilflos mitten drin zu sitzen, jeden Augenblick gewärtig: der nächste Ein­schlag besiegelt unser Los. Gegen Mittag ver­sucht der tollkühne Hauptmann P o l y mit einer Schar rückwärts in Deckung Liegender nochmals zu stürmen: aber es ist umsonst, im französischen Feuer bricht alles zusammen. Ein Kriegsfreiwilliger der 3. Kompagnie springt noch unverletzt in unser Loch. Hunger und Durst quälen uns aufs neue; an eine Verpflegung der wenigen Lieberlebenden ist nicht zu denken. Unteroffizier Kan n hat noch eine Tafel Schokolade in seinem Tornister, die er grammweise unter uns verteilt. Aber was bedeuten 100 Gramm Schokolade unter vier von Hunger und Durst Geplagte: der Durst wird um so größer davon. Der Kopf schmerzt, wir er­warten die kühle Rächt, in der Hoffnung, zurück­kriechen zu können. Aber taghül beleuchtet der Mond das Schlachtfeld, so daß auch in dieser Rächt an ein Zurück nicht zu denken ist. Apa­thisch ergeben wir uns unserem Schicksal, nur der Kriegsfreiwillige ist nicht mehr zu halten. Dem

Wahnsinn nahe, ohne Rücksicht auf den zu er­wartenden sicheren Tod, springt er aus der Deckung auf den zunächst liegenden Toten, in der Hoffnung, etwas- oder Trinkbares zu bekom­men. Von unzähligen Kugeln getroffen, sinkt er tot um.

Am nächsten Morgen seht unsererseits wieder schweres Artilleriefeuer ein. Wer noch nie mitten im Trommelfeuer ausgehalten hat, kann sich keine Vorstellung machen, wie uns zu Mute war. QIuf einer Breite Dqn etwa 100 Meter schlagen un­aufhörlich schwere Granaten ein, Granatsplitter fliegen über uns weg, etliche auch in unser Loch, ohne jedoch jemand zu verletzen. Die Hoffnung auf Rettung ist längst in uns geschwunden, wir wünschen uns lieber den Tod, als noch länger in dieser Hölle so nahe am Feind gushalten zu müssen. Mit schmerzendem Kopf und ausgetrock­neten Lippen, körperlich und seelisch widerstands­los, erwarten wir nun die kommende Rächt. Aber euch die ist hell. Der Gefreite vom Regi­ment 83 kann die Qualen, die Hunger und Durst bringen, nicht mehr bezwingen, verläßt die Deckung und verfällt dem gleichen Schicksal wie der Kriegsfreiwillige der vergangenen Rächt. Erst der gegen Mitternacht sich bewölkende Him­mel entscheidet unser Los. Auf Bitten von Unter­offizier Kann schiebe ich mich, den letzten Rest von Energie zusammennehmend, aus dem Loch, um Umschau zu halten, ob noch ein Weg nach rückwärts frei ist. Beim Verlassen der Deckung drückt er mir noch die Hand und bittet mich im Flüsterton, falls ich könnte, wieder zurückzu­kommen und ihn mitzunehmen. Ruckweise schiebe ich mich weiter, bis an einen rückwärtigen Gra­ben. Keine lebende Seele ist mehr in diesem Gra­ben, nur die zahlreichen Toten geben Zeugnis der vergangenen blutigen Tage. 3ch gedenke meines vorn im Granatloch liegenden Kameraden und mache strich auf den Weg, ihn zu holen. Wir erreichen beide unversehrt den vorher erwähnten Graben, von da aus schleppen wir uns mühselig bis zu einem int Feld stehenden Strohkegel. An diesen angelehnt liegt stöhnend ein Schwer- verwundeter. Obwohl es uns selbst schwach und elend ist, den Kameraden aber wollen wir nicht im Stich lassen: ich nehme ihn auf den Rücken, Unteroffizier Kann trägt meinen Tornister, und bringe ihn bis kurz vor Damery.

Hier begegnen wir der Sanitätskompagnie vom 18. A. K., dte nach vorne will, um noch Ver­wundete zurück zu bringen. Der mir bekannte 3ohs. Stamm aus Lauterbach ist dabei uitb versorgt uns, nachdem er mir den Verwundeten abgenommen hat, mit Brot und schwarzem Kaffee. 3n Fresnoy treffen wir die Ueberrefte des Regiments. Von etwa 110 Mann unserer

Oie Arbeitsvermittlung.

Gewerbsmäßige Stellenvermittlung und staatlicher Arbeitsnachweis.

Durch die neue Gesetzgebung über die Arbeits­vermittlung und Arbcttslo'enversicherung wird vom 1. 3anuar des nächsten 3ahres ab b i e ge­werbsmäßige Stellenvermittlung im ganzen deutschen Reichsgebiet verboten fein. Cs erlischt von diesem Zeitpunkt an also die Erlaubnis zum Gewerbebetrieb eines Stellenver­mittlers. und es dürfen dann weder neue Er­laubnisse nicht erteilt, noch alte verlängert wer­den. Es ist vorgesehen, daß nach dem 1. 3anuar an Stelle der gewerblichen Stellenvermittlung ausschließlich die staatlichen Ar­beitsnachweise treten. Durch diese neuen gesetzlichen Maßnahmen, denen die Stellenver­mittlung /owcit sie bisher privat betrieben wurde, zum Opfer fällt, sind inzwischen die Berufsorgani­sationen des Stellenvermittlungsgew^rbes auf den Plan getreten. Es sind schon seit längerer Zeit von ihrer Seite Besprechungen im Gange, eine Abänderung der neuen Gesetzgebung durch­zudrücken, die den Stellenvermittlern eine weitere Fortführung ihres Berufs ermöglichen. Das Reichsarbeitsministerium wird sich infolgedessen demnächst erneut mit den Argumenten, die von den Stellenvermittlern vorgebracht worden Jini), zu beschäftigen haben. Dem Reichstag ist übri­gens auch eine Petition vom Verband der deut­schen Stellenvermittlung zugegangen, in der dar­aus hingcwiefcn wird, daß die Monopolisierung des Arbeitsnachweiswcsens nicht im 3n tc r - esse des privaten Wirtschaftslebens liegt. Es wird damit argumentiert, daß sich die Anzahl der durch Stellenvermittler besetzten Stel­len in den letzten 3ähren nicht unwesentlich er­höht habe, und daß durch die schematische Ver­mittlungstätigkeit der Arbeitsnachweise derar­tige Erfolge nicht erzielt werden können. DicS sei lediglich das Verdienst persönlich interessier­ter Privatunternehmer. Seitens des Verbandes der deutschen Stellenvermittlung ist im Verfolg dieser von ihm vorgebrachten Argumente der Antrag gestellt worden, die betreffenden Para­graphen des Arveitsvermittlungsgesehes zu streichen und den Bestimmungen des Stellenver- mittlergesehes einen Wortlaut zu geben, nach dem das Gewerbe der Stellenvermittlung nicht völlig unterbunden wird.

Hessische Künstlerhilfe 1929.

Wie im vorigen 3ahre. werden auch Heuer Weihnachtsausstellungen für die drei hessischen Provinzen in Darmstadt, Mainz und Gießen veranstaltet, die jedem Kunstfreund Gelegenheit geben, zu niedrig gehaltenen Preisen Originalwerke von künstlerischer Qualität zu er­werben. Für die Provinz Starkenburg findet diese Ausstellung unter Leitung der Reuen Hes­sischen Arbeitsgemeinschaft für bildende Kunst in Darmstadt im Kunstverein statt: in Mainz in der Städtischen Kunsthalle, für die Künstler der Provinz Rheinhessen, eingeladen vvn der Vereinigung Mainzer bildender Künst­ler; in Gießen im Turmhaus am Brandplah, eingeladen vom Oberhessischen Kunstverein. Als Ergänzung der Ausstellungen werden in eben­falls nach den Provinzen getrennten Ausspie­lungen drei Lotterien durchgesührt, deren Gewinne in Kunstwerken bestehen, die von den ausstellenden Künstlern angekauft werden.- heres über Termine und Bedingungen wird noch bekannt gemacht.

Talen für Donnerstag 31. Oktober.

1517: Luther schlägt seine 95 Thesen gegen den Ablaßhandel an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg. 1835: der Chemiker Adolf von Baeyer in Berlin geboren.

Kompagnie waren 28 Mann übrig geblieben; uns hatte man schon zu den Vermißten gezählt.

Wer jemals in die Lage kam, tagelang ohne Rahrung und Schlaf im Trommelfeuer dicht vor dem Feind aushalten zu müssen, wird ermessen können, welche Anforderungen die hinter uns liegenden Tage an uns stellten. Unvergeßlich werden darum gerade diese Tage für diejenigen sein, die sie überleben durften. Auch in der Re­gimentsgeschichte der ehemaligen 116er werden die Kämpfe um Le Quesnoy ein unauslöschliches Ruhmesblatt fein.

Bestrafte Provokation.

Man soll jedem Mitmenschen nicht nur seine persönliche Meinung, sondern auch feinen Ge­schmack an den verschiedenen Dingen dieses Le­bens gönnen. Tut man es nicht, so kann man böse Erfahrungen machen, wie es soeben in Paris zwei Mehgermeistern ergangen ist. Daß jedem Fleischer jedes vegetarische Restaurant ein Dom im Auge ist, braucht ja wohl nicht be­sonders betont zu werden; diese beiden Meister jedoch beschlossen kürzlich in einem Augenblicke aufgeräumter und durch' etlicheapdritifs noch wesentlich erhöhter Stimmung, aus der still­schweigenden Opposition diesen Gaststätten gegen­über in den Angriff überzugehen und einem vegetarischen Speisehaus, das in der Rähe ihrer Läden liegt, einen Streich zu spielen.

Sie erschienen also am nächsten Tage um die Mittagszeit, als sich die Stammgäste zum Essen eingesunden hatten, in diesem Restaurant, nah­men durchaus manierlich Platz und bestellten ebenso manierlich je eine Portion Milchreis mit Apfelmus. Kaum hatte der Kellner ihnen dies durchaus nähr- und schmackhafte Essen gebracht, so zogen sie jeder aus der mitge­brachten Handtasche ein derbes Stück Wurst von einem halben Meter Länge und hieben darin ein wie ausgehungerte Landstreicher. Der Gäste, des Wirts und des Bedienungspersonals bemäch­tigte sich im ersten Augenblick bei diesem an dieser Stelle unerhörten Anblick tiefste Be­stürzung, die sich in Wut und Helle Entrüstung wandelte, als sie erkannten, daß sie provoziert werden tollten. Man stürzte sich auf die beiden Demonstranten des verpönten Fleischgenufses. kippte ihnen vorerst einmal ihren Milchreis und das Apfelmus über die eckigen Schädel und be­förderte sie sodann mit Brachialgewalt an­dern geschändeten Tempel

Ob die beiden Meister noch einmal auf diese ArtKunden werben" werden, darf füglich be­zweifelt werden.