Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 30. September 1929.
Oie neuen Katastergebühren.
3m „Gießener Anzeiger" Dom 17. September wird mit Recht darauf hingewiesen, daß die neue Gebührenordnung des Hessischen Finanzministeriums vom 24. 3uli 1929 wieder eine erheblich finanzielle Mehrbelastung für die Gemeinden und die einzelnen Grundbesitzer mit sich bringt. Diese Mehrbelastung wirkt sich aber besonders deshalb für viele Gemeinden Hessens schlimm aus, weil sämtliche Gemeinden Hessens, die zur Zeit im Feldbereinigungsverfahren sich befinden, nunmehr zu gewärtigen ha^n, daß die bei der Feldbereinigung vom Landesvermessungsamt verlangte R e u v e r - Messung des Ortes von dieser Behörde nach dem Hessischen Katastergeseh erzwungen wird, obwohl die Reuvermessung des Ortes vielfach durchaus überflüssig ist. Biele der betroffenen Gemeinden befinden sich mitten im Feldbereinigungsverfahren, das sie unter der alten Gebührenordnung des Landesvermessungsamtes beschlossen haben, und nun auf einmal sind sie durch die neue Verordnung des Finanzministers vor eine Erhöhung der Lasten gestellt, mit der sie bei Beginn des Feldbereini- gungsverfghrens nicht rechnen konnten. Es müßte deshalb dafür gesorgt werden, daß in den Gemarkungen, die im Feldbereinigungsverfahren begriffen sind, die Ortsvermessung zum mindesten nach den alten Gebührensätzen durchgeführt wird, oder aber vollständig unterbleibt. Es ist nicht einzusehen, warum bei dem Feldbereinigungsverfahren in Hessen eine neue Ortsvermcssung vorgenommen werden muß, während dies beispielsweise in Preußen bei dem Zusammenlegungsverfahren nicht erforderlich ist. Auch in Hessen ist bei der Durchführung der Feldbereinigung in Alsfeld eine Ortsvermessung nicht erfolgt, ein Grund mehr, daß dies auch in anderen Gemarkungen in Hessen möglich sein muh. Es ist auch aus der Verordnung nicht ersichtlich, ob die vom Landesvermcssungsamt bereits abgeschlossenen Verträge, deren Ausführung aber noch nicht erfolgt ist, bestehen bleiben und keine Rachforde- rungen nach der neuen Gebührenordnung erhoben werden.
Aeberall drängt man darauf, daß die Bautätigkeit wegen der herrschenden Wohnungsnot gefördert werden soll. Man befreit die Äeu- bauten von der Grunderwerbssteuer und von der Gebäudesteuer. Warum sieht die Gebührenordnung des Finanzministeriums keine Bestimmung vor, nach der die L a g e p l ä n e und die Vermessung der neuen Bauplätze nicht auch gebührenfrei ausgefertigt werden können? Der Bauvorhabende hat heute mit jedem Pfennig zu rechnen. Kostet doch ein Lageplan für einen Neubau heute schon 50 bis 60 Mk.
Wenn auch, soweit es sich um Kleinwohnungs- bau handelt, eine Gebührenermäßigung erfolgt, so ist diese unzulänglich. Die Mindereinnahmen werden übrigens — was der Oeffentlichkeit nicht bekannt sein dürfte — aus Mitteln der Sondergebäudesteuer ausgeglichen, so daß wesentlich der Steuerzahler, nicht aber der Staat die Kosten der Ermäßigung bestreitet.
Sache des Landtags mühte es sein, sich um das Landesvermessungswesen mehr zu bekümmern, um weitere Belastungen der Bevölkerung zu unterbinden.
Großflugtag in Gießen.
Tausende hatten gestern nachmittag auf dem Giehener Flugplatz und an dessen Grenzen Aufstellung genommen, um Zeuge der flugsportlichen Darbietungen zu sein, die von Raab-Katzen» st e i n im Rahmen eines Groh-Flugtages geboten werden sollten. Am das Ergebnis vorweg festzustellen, sei gesagt, dah die Flieger Leistungen zeigten, die einfach staunenswert und bewunderungswürdig waren. Rach einer Flugzeugparade vor dem Flughafengebäude folgte zunächst ein Geschwaderflug mit Luftreigen, hierauf wurde von mehreren Fliegern im Geschicklichkeitsflug erprobt, wer einen Postsack am nächsten an eine auf dem Flugplatz bezeichnete Stelle abwerfen würde. Als Geschicklichkeitsslug war fernerhin die Dallonjagd zu betrachten, bei der der Flieger sehr respektable Ersolgsleistungen zeigte. Besondere Höhepunkte der Veranstaltung zeigten Altmeister Raab, Dipl.-3ng. Katzen- st e i n und der Giehener Pilot Gaus mit ihren geradezu fabelhaften Kunstflügen, in deren Verlauf Loopings, Trudeln, Seitlichüberschlagcn, Abrutschen usw. in höchster Bedeutung gezeigt wurden. Besonders starken Eindruck machte dabei der Segelflug Katzen st eins mit völlig abgestelltem Motor, wobei der Flieger aus großer Höhe unter Ausführung eines Loopings bei stillstehendem Motor bis zum Flugplatz herniedersegelte. Elegant und spannend war auch das Luftturnier Raab-Katzen st ein, interessant ferner die Vorführung des Blerwt-Flugzeugs, das im Jahre 1900 gebaut und gestern von dem Flieger Raab gezeigt wurde. Die Sensation des Tages war aber unstreitig der Luftschleppzug, den die Flieger als „l)-Zug der Luft" bezeichnen und bei dem an ein Motorflugzeug zwei Segelflugzeuge angehängt werden, die cann als Schlepper hinter der Flugmaschine dabinschweben. 3n beträchtlicher Höhe wurden die beiden Segelflugzeuge durch Loskuppelung des Schleppseiles von der Flugmaschine gelöst, worauf sie in elegantem Gleitsegelflug zur Erde zurückkehrten. Aufregende Momente brachte ferner der Fallschirmabsprung des Piloten Stock, der nach glücklichem Absprung wohlbehalten mitten auf dem Flugplatz landete. Sämtliche Vorführungen verliefen zum Glück ohne jeden Anglücksfall, so dah die Veranstaltung in allen Teilen als wohlgelungen bezeichnet werden muß. Dieser Flugtag war für unsere Mitbürger in Stadt und Land ein besonders bemerkenswertes Ereignis, für dessen Darbietung den Fliegern und der Flugplahleitung volle Anerkennung gebührt.
Konzert des Oeffauer Kinderchores.
Den trotz des schönen Wetters und der Flugveranstaltung doch in beträchtlicher Zahl erschienenen Zuhörern bot der Dessauer Kinder- ch o r mit seinem Konzert in der Dolkshalle eine Stunde reinen Genusses. Dieser Chor, der aus nahezu 200 Zungen und Mädchen besteht, singt unter Leitung von Erich Rex mit einer Frische und Ratürlichkeit, wie man sie selten antrifft. Ihm haftet nichts von Drill, nichts gezwungenes und nichts geschraubtes an, er singt einfach und zwingt durch seine Leistung auch den kritischsten
Zuhörer in seinen Dann. Die unbedingte Ruhe bei den Darbietungen dürfte der beste Beweis dafür sein. Die Klangfülle des Chores ist erstaunlich, und die Stimmen erweisen sich in jeder Lage ausgeglichen, weich im piano und tragend und stark im Forte. Dies alles läßt sich nur dann erreichen, wenn die Eiruelstimmbildung in ziel- bewußter Arbeit neben dem Chorsingcn gepflegt wird. Die kleinen Sänger sind aber auch sehr ernsthaft bei der Sache, folgen ihrem Leiter genau, und man merkt ihnen die innere Freude am Musizieren an. Das ganze Programm wurde ohne jede Zuhilfenahme eines Rotenblatts ausgeführt, gewiß eine beachtenswerte Leistung. Cs ist unmöglich, die einzelnen Darbietungen hier einer Detre^'tung zu unterziehen. Die Vortrags- folge enth elt Volkslieder für Chor und für Solo und Chor aus der Zeit vom 14. bis 20. Jahrhundert, und sie war sehr geschmackvoll und folgerichtig zusammcngestellt. Das eine oder andere liehe ftd> vielleicht als besonders gelungen hervorheben, so z. B. das „Minnelied" aus dem Lochheimer Liederbuch, oder das „Waldvögelein" aus dem Memminger Tabulaturbuch von 1610 und die Gagliarde von Haßler (1610), indessen muß auch für die übrigen Chöre eine hohe künstlerische Leistung bestätigt werden. Ein besonderes Kapitel: Die Einzellieder mit Chor, bei denen wir drei kleine Solistinnen und einen Solist hörten. Einfache, aber schön gesungene Volksweisen mit Wechselgesang. Der Chor sang ohne Dirigent, aber darum nicht minder genau und sicher. Ein Bild — wenn man dieses Paradoxon gelten lassen will — idealen Gemeinsammusizierens.
Zum Schluß sei dem Chorleiter Erich Rex für seine erfolgreiche, oft gewiß nicht leichte Arbeit, die ihm mit Recht gebührende Anerkennung gezollt.
Durch reichen, am Schluß stürmischen Beifall bedankten die Erwachsenen sich für das, was ihnen die Kinder gegeben hatten. B.
Gießener Wochenmarktpreise.
Es kosteten auf dem Samstag-Wochenmarkt: Butter 210 bis 220, Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 140, Wirsing 20 bis 25, Weißtraut 15 bis 20, Rotkraut 20 bis 25, gelbe Rüben 10 bis 15, rote Rüben 10 bis 15, Spinat 20 bis 30, Römischkohl 10 bis 15, Bohnen, grüne und gelbe, 25 bis 30, Feldsalat 100 bis 120, Tomaten 15 bis 25, Zwiebeln 10 bis 15, Meerrettich 60 bis 150, Kürbis 5 bis 8, Pilze 40 bis 45, Kartoffeln 5 (der Zentner 4 bis 4,50 Mk.), Falläpfel 4 bis 5, Aepfel 10 bis 15, Birnen 10 bis 15, Preiselbeeren 35 bis 40, Pfirsiche 45 bis 70, Brombeeren 55 bis 60, ZWetschen 8 bis 12, junge Hähne 120 bis 130, Suppenhühner 100 bis 120, Rüsse 80 Pf. das Pfund; Tauben 70 bis 90, Eier 15 bis 16, Blumenkohl 30 bis 80, Salat 10 bis 15, Salatgurken 10 bis 25, Cinmachgurken 2 bis 4, Endivien 10 bis 15, Ober-Kohlrabi 10 bis 15, Lauch 5 bis 10 Pf.
Bornotizen.
— Tageskalender für Montag. Gießener Ferienkurse: Vortrag Wilhelm Schäfer: „Der Dichter und seine Zeit", 20.15 Uhr, Großer Hörsaal. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das zweite Leben"; auf der Bühne: Deutsch-russische Kleinkünstlerbühne: „Feuervogel".
— Aus dem Stadttheater wird uns ge- schrieben: Die morgige Vorstellung „Vasantasena" beginnt um 19.30 Uhr. Spielleitung Hans T a n -
nert. Bühnenbilder Karl Löffler, Kostüment- würfe Obergarderobier Kurt Huber, gesamte Beleuchtung Ludwig Keim. — Am nächsten Mittwoch, dem 2. Oktober, wird zum erstenmal Direktor Baars mit den Frankfurter Operetten-Gostspielen in Gießen spielen. Als Eröffnungsvorstellung seiner Gastspiele wird Franz von Supp6s „Boccaccio" gegeben werden. Auch in diesem Jahre wird, wie in der vorigen Spielzeit, das Frankfurter Harmonie- Orchester bei den jeweiligen Operetten-Gastspielen begleiten. — Anmeldungen zum Abonnement nimmt das Stedttheater noch entgegen.
P e r s o n a l i e. Durch Erlaß des Reichspräsidenten ist der praktische Arzt Dr. med. Hechler zum Regierungs- und Medizinalrat ernannt und bei dem Versorgungsamt Gießen angestellt worden.
•* Gießener Ferienkurse. Die erst« Abendveranstaltung der G. F. K. findet heute. Montag, 20.15 Ahr, im Großen Hörsaal statt. Dr. h. c. Wilhelm Schäfer wird einen Vortrag halten: „Der Dichter und seine Zeit". Eintritt 1,50 Mark. Teilnehmerkarten für sämtliche Veranstaltungen (25 Mark) gibt die Geschäftsstelle (Bismarckstraße 22) aus; ebendort sindl auch Auskünfte über alle Einzelheiten des Programms und des Stundenplans zu erhalten.
** Die Gewerbe- und Maschinenbauschule Gießen weist im Anzeigenteil vom Samstag auf den Beginn des Wintersemesters hin. Die Anstalt ist zur Zeit provisorisch in den zwei oberen Stockwerken der Alten Klinik, Liebigstrahe 16, untersebracht, weil daS früher« Gewerbeschulgebäude wegen des Ambaues vollständig geräumt werden mußte. Die Anstalt wird in diesen Räumen bleiben, bis der Ambau des Gewerbehauses fertiggestellt ist und di« Räume der früheren Pestalozzischule zur Verfügung gestellt werden können,
•* Mit dem Motorrad in eine Fuß- gängergruppe gerannt. Ein schwerer Anglückssall ereignete sich in der letzten Rach? zwischen 2 und 3 Uhr in der Rodheimer Straße. Dort fuhr ein Motorradfahrer namens Hengst aus Dorlar mit seiner Maschine in eine von Gießen nach Heuchelheim wandernde Grupp« junger Burschen hinein, wobei der achtzehn Jahre alte Paul Rinn aus Heuchelheim von der Maschine umgerissen wurde und einen schweren Schädelbruch erlitt. Der Motorradfahrer Hengst stürzte und trug einen Rasenbeinbruch davon, sein Soziusfahrer erlitt leichtere Hautabschürfungen im Gesicht, ein weiterer junger Mann auS Heuchelheim Verletzungen am Fuß und eine Quetschung der Hüfte. Der Motorradler Hengst und der besinnungslos an der Anfallstelle liegende Paul Rinn wurden mit dem SanitätS- auto der Feuerwache von der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz nach der Chirurgischen Klinik verbracht, wo der bedauernswert« Paul Rinn heute vormittag noch bewußtlos an seiner schweren Verletzung darniederlag.
** Keine Fichtenreiser aus dem Stadtwald. Von der Stadtverwaltung wird uns geschrieben: Aus den städtischen Waldungen kann der in den letzten Jahren stark gestiegene Bedarf der Gießener Einwohnerschaft an Fichtenreisern nicht mehr gedeckt werden. Es muß daher den Interessenten überlassen bleiben, die von ihnen benötigten Deckreiser bei Händlern zu kaufen. Eine Be- lieferung durch die Stadt erfolgt in Zukunft nicht mehr.
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Die trauernden Hinterbliebenen:
Familie Heinrich Baumann Familie Georg Ferber Familie Philipp Baumann Familie Ludwig Baumann nebst allen Angehörigen.
Allen dort a. d.Lahn, Waldgirmes, Watzenborn, 29. September 1929. Die Beerdigung findet Dienstag, den 1. Oktober 1929, nachmittags 3 Uhr, statt
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