Ausgabe 
30.8.1929
 
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I

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Nr. 205 Zweites Blatt

Zreitag, 30. August 1929

Das deutsche Wunder.

Wieder einmal hat sich in der Geschichte der Menschheit eine Riesentat vollendet:Graf Zeppelin" hat den ersten Flug um den Erd­ball in Lakehurst abgeschlossen, von wo aus er vor drei Wochen aufgestiegen war. 3n den zehn wah­ren, die Deutschland unter dem Versailler Joch seufzt, hat es, trotzdem es gerade auf lufttechni­schem Gebiet an Händen und Fußen gefesselt war und ist, die Vorbereitungen geschaffen, um Länder und Erdteile im Fluge zu verbinden. Das ist der deutsche Genius, der in Versailles von der Llebermacht der Sieger vernichtet wer­den sollte, der sich aber trotzdem stärker erwiesen hat, als die Sieger zusammen. Diese Sieger waren ausgezogen, nicht nur, um das deutsche Volt staatlich zu vernichten, sondern auch, um durch diese Vernichtung die "Befreiung und den Aufstieg aller abend- und morgenländischen Völ­ker zu sichern. Es wirkt wie ein Symbol, daß die Vertreter der Sieger, sowie die Abgesandten der befreiten Völker im Haag sich um ein Dutzend Millionen Mark aus der Siegesbeute zanken, während der deutsche Genius sich aufgemacht hat, um durch die Wundertat des Zeppelins zu beweisen, daß nicht er es ist und nicht sein kann, der die Völker unterdrücken will. 3m Haag das Völkergemisch um den neuen babylonischen Turm, wo sie in tausend Zungen miteinander reden, um sich nicht zu verstehen. Derweil zog der imGraf Zeppelin" verkörperte deutsche Genius einsam und siegessicher über Länder und Meere, um das Problem der räumlichen Annäherung im Sinne wahrhafter Befriedung der Völker lösen zu Helsen.

Der widerwärtige Streit im Haag kennzeichnet die wahre Gesinnung der Sieger, die in den zehn Jahren, in denen sie ihre machtpolitischen Trieb­kräfte gegeneinander ausspielen konnten, nichts getan und alles gelassen haben, um die Völker zu befreien. Wie hat Deutschland ringen und kämpfen müssen, um sich nach der Aiederlage von Versailles staatlich und volklich zu behaupten. Der Versailler Vertrag hatte seine wirischa^t'.iche Kraft gebrochen, wie die Sieger glaubten und hofften, für immer. Aur zeigte sich sofort, daß Europa, daß die Erde nicht ohne deutsche Arbeit und deutschen Geist leben kann. Deutschland hat es wehrlos geschehen lassen müssen, doß ihm im Osten und Westen Gebiete geraubt wurden, die es wirtschaftlich und sozial urbar gemacht, die es mit einer Bevölkerung besiedelt hatte, die im weitesten Sinne des Glücks und des Glanzes des Ausstiegs des kaiserlichen Deutschland teilhaftig geworden war. Deutschland wurden die Kolonien geraubt, auä denen deutsche Arbeit in drei Jahr­zehnten blühende Siedlungen gemacht hatte. Die Sieger begründeten den Raub damit, daß Deutsch­land nicht kolonisieren könne, vielmehr^ die ein­geborene Bevölkerung grausam unterdrückt habe. Dabei grollt es unter- und oberirdisch in den weiten Kolonialgebicten der Sieger. Sie müssen ihre Flugzeuge mobil machen, aber nicht, um den Eingeborenen ct.ien völlerverbin^enden Gruß zu bringen, sondern um ihre Dörfer und Lager­stätten mit Bomben zu belegen.

In dem Werdegang des Zeppelin spiegelt sich das leidvolle Schicksal des deutschen Volkes wider. Als Graf Ferdinand Zeppelin das starre Luftschiff ersann, mußte er die ersten Anfänge durchkämpfen gegen Widersacher und Feinde, gegen Menschen und Elemente. Aahezu zwei Jahrzehnte dauerte es, bis Graf Zeppelin den denkwürdigen Flug vom Bodensee ub:r UNittet- deutschland wagen konnte, der auf dem Ruck­slug nach einer Trium"hsahrt ohnegleichen m dem Flammenmeer bei Echterdingen endete. Wen dies Unglück nicht beugte und beugen konnte, das war Gras Ferdinand Zeppelin, diese glückliche Mi­schung nord- und süddeutscher Lebenskraft. Graf Zeppelin glaubte an den Wiederaufstieg, glaubte felsenfest an die Unzerstörbarkeit seines "ItkrteS. Dieser Glaube hat nicht getragen, denn schon vor dem Kriege stand es fest, daß dem Starr­luftschiff eine gewaltige Zukunftsaufgabe beschie- den sein würde. Dann kam der Rückschlag nach dem verlorenen Krieg, ein politischer und seeli-

scher Rückschlag, der uns in Zweifel und Selbst- vemichtung zusammenbrechen lassen wollte. Ver­gessen wir doch nicht, daß just in der Zeit, in der die Franzosen im Ruhrgebiet eingebrochen waren, in der Luftschiffhalle zu Friedrichshafen der Zeppelin gebaut wurde, den Eckener im Oktober 1924 nach Reuyork führte. Diese glänzende Tat hat uns mittelbar die Befreiung von den Fesseln gebracht, die das deutsche Volt von der Eroberung der Luft femhalten sollten. Von den stolzen Luftschiffen, die Deutschland nach dem Kriege an die Sieger ausliefern mußte, ist keines mehr in Betrieb. Sie alle sind verloren und unter­gegangen, wie dieDixmuiden", die Weihnach­ten 1923 an der sizilianischen Küste zerschellte. Wieder war es die unsterbliche Tat des alten Graf Zeppelin, daß er seine Unbeugsamkeit auf Männer übertragen konnte, die als seine Schüler sich um ihn geschart hatten. Unter ihnen stand Hugo Eckener schon zu Lebzeiten des alten Grafen an erster Stelle. Geradeso wie Graf Zeppelin selbst mußte Eckener kämpfen und rin­gen, um das vom Parteihader zerrissene deutsche Volk zu bewegen, die Mittel für den Bau eines neuen Luftschiffes zu bewilligen, das bestimmt war, die völkerverbindende Eroberung der Luft endgültig mit dem deutschen Genius zu ver­knüpfen. Dies Luftschiff ist derGraf Zeppelin", dessen Wundertat wir in diesen Wochen erlebt haben, ein Ereignis, das so überwältigend groß ist, daß wir Zeitgenossen seine Bedeutung noch nicht recht zu erkennen vermögen.Graf Zeppe­lin" hat es geschafft, weil die Männer, die an ihm werkten und wirkten, in aller Ungunst der Verhältnisse nicht niederzuzwingen waren. Das deutsche Volk hat allen Grund, sich an dieser Tat seelisch wieder aufzurichten, denn sie zeigt ihm, welch riesengroße ungebrochene Kräfte in ihm schlummern. Wir wollen wieder aufwärts, trotz alledem Iss

Die volksnationale Aktion.

Demokratie und Liberalismus.

Aus Kreisen des Jungdeutschen Ordens geht uns folgende Zuschrift mit der Bitte um Ausnahme zu. Wir entsprechen der Bitte, ohne uns mit den hier gemachten Ausführungen im einzelnen zu identifi­zieren.

Demokratie heißt Volksherrschaft. Sie bedingt eine irgendwie zustande gekommene Zusammen­fassung des Volkes, eine Volksgemeinschaft. Libe­ralismus bedeutet Ellbog n,r iheit des einzelnen, den Zerfall des Volkes in Einzelpersönlichkeiten. Wahre Demokratie und wahrer Liberalismus sind also Gegensätze. Da das staatliche Leben eines Volles eben als eine der vielen Erschei­nungen des Lebens überhaupt den allge­meinen biologischen Gesehen unterworfen fein muß, so können wir diese beiden Faktoren auch biologisch als Konzentrierung und Differenzie­rung bezeichnen.

Der Kampf des dritten Standes gegen den Absolutismus leitet das Zeitalter der bürger­lichen Demokratie ein. Das Bürgertum herrschte. Inzwischen entstand ein vierter Stand, der eben­falls seine Rechte anmeldete, genau so wie vor hundert und mehr Jahren das Bürgertum. Die heute noch bestehende amtliche Demokratie ist keine Volksherrschaft mehr, sie war es einmal.. Wir nennen sie deswegen Scheindemokratie. Das ist die Tragik der Demokratie.

In einem mächtigen, aufstrebenden Staats­wesen mit zentraler Staatsgewalt war es möglich und gut, daß der Liberalismus die freie Konkur­renz der einzelnen auf allen Gebieten sich zu einer gewissen Blüte entwickeln konnte. In einem schwachen und geknechteten Staatswesen führt dieser Liberalismus als letzte Konsequenz zur Anarchie, zur Auflösung des Staates, der Ge­meinschaft. Das Zeitalter des Liberalismus ist vorbei. Wir stehen an einer geistigen, kultu­rellen, politischen und wirtschaftlichen Schicksals­wende. Das neue Jahrhundert sucht nach Zu­sammenschlüssen aller Art und auf allen Gebieten

und in jedem Ausmaß. Politisch gesehen sucht es die wahre Dolksherrschaft zu verwirklichen.

Wir haben sie trotz Revolution und trotz Verfassung heute nicht. Der Liberalismus, der einzelne groß gemacht hat und der die Gene­ration des verflossenen I ahrhunderts be­herrscht, verhindert die wahre Demokratie. An die Stelle der Erbfürsten sind Geldfürsten ge­treten. Das Volk hat nichts zu sagen. Cs will sich diese Bevormundung jedoch nicht mehr ge­fallen lassen. Jeder fühlt instinktiv, daß die derzeitigen Zustände zum Zusammenbruch fuh­ren müssen, Und trotzdem sehen Millionen nicht, auch solche, die sich in Parteien, Bünden und Jnteressenvereinigungen zusammengeschlossen haben, daß sie nicht mehr aktive Subjekte, son­dern passive Objekte der Geldherrscher gewor­den sind. Ja, sie glauben zu kämpfen für die Freiheit und kämpfen für die Knechtschaft.Wieder andere Millionen sehen diese Tatsachen wohl, sie wissen aber nicht Mittel und Wege, um

dieser Verstrickung zu entfliehen, noch wenig« aber wissen sie, Wege aufzuzeigen, wie eine solche Verstrickung einmal davon frei für alle Zukunft verhindert werden kann. Ein art» gemäßer Weg ist für das deutsche Volk im Jungdeutschen Manifest in seinen Grundzügen vorgeschlagen. Die darin enthaltenen Vorschläge dienen heute namhaften Gelehrten, Politikern, Kulturträgern und Wirtschaftlern als geeignete Basis zur Diskussion. Ihnen haben sich in Dort­mund nennenswerte Parteien, Verbände und Jnteressenorganisationen angeschlossen, um die vorliegenden Probleme durchzuberaten und zu einem geeigneten und artgemäßen Endziel zu gelangen, d. h. die wahre Demokratie herzu­stellen und dem gesamten deutschen Volk dazu zu verhelfen, seinen eigenen Staat aufzu­bauen. Das wird an? 1. September in Dresden fortgesetzt und erweitert, dem deutschen Volks kundgetan werden. Wir nennen es:Die volks­nationale Aktion".

Tumen, Sport und Spiel.

Spielvereinigung 1900 Gießen.

ö. Für den kommenden Sonntag hat die Spiel­vereinigung 1900, Gießen, die sehr spielstarke Liga- mannscyaft des Sportvereins 190 7, Frank­furt a. M. - Heddernheim zu einem Gesell­schaftsspiel nach hier verpflichtet. Das Spiel dürfte, wie all die Begegnungen der Blauweißen mit spiel­starken süddeutschen Gegnern, auch diesmal sehr interessant werden. 1900 probt zu den kommenden Derbandsspielen noch einige neue Spieler aus, um schwache Stellen, die sich in der seitherigen Mann­schaftsaufstellung gezeigt haben, evtl, auszumerzen. Die Stürmerreihe der Einheimischen wird abermals vor eine große Aufgabe gestellt, denn im Gästetor steht in Abt ein Hüter, der mit zu den Besten im Mainbezirk zu rechnen ist und der sich von dem seit­her schußschwachen Gießener Angriff nur schwer schlagen lassen wird. Die Gäste spielen in der Kreis­liga des Nordmainkreises schon seit Jahren eine führende Rolle. Noch im vergangenen Jahre waren sie Meister dieses Kreises, versagten aber in den Spielen um den Aufstieg in die oberste Spielklasse. Bon den 1900ern nimmt man bestimmt an, daß sie eine weit bessere Partie liefern, als im letzten Spiel gegen den B. f. R Butzbach. Man kann es bei der Gießener Elf bald für selbstverständlich halten, daß sie gegen spielstarkere Gegner besser abschneidet, als gegen schwache, das bewies bisher der Gang der Ereignisse. Der Ausgang dieser Begegnung ist voll­ständig offen.

Dem Ligaspiel voraus geht ein Spiel derAlten Herren gegen dieAlten" des Sportklubs Wetz­lar-Niedergirmes, bei dem auch der Humor zu seinem Recht kommen sollte, insofern man bei­derseits wirklich auch nuralte Herren" einsetzt. Bei Ausnutzung des Vorteiles des eigenen Platzes dürfte man 1900 als den vermutlichen Sieger an- sprcchen. w

1900 3. Seniorenelf bestreitet schon am kommen­den Sonntag das Rückspiel gegen die 3. Mannschaft vom D.f.R. 05 Kurhessen Marburg in Nkarburg. Bei komplettem Antreten und dem glei­chen Energieaufwand sollte eine Wiederholung des Dorspielsieges im Bereich der Möglichkeit liegen. Ob allerdings in derselben Höhe (4:1), das muß man dahingestellt sein lassen.

Die 1. Jugendmannschaft trägt vormittags in Wetzlar gegen die'. 1. Jugendelf des dortigen Sportvereins das Schiedsrichterbelehrungsrückspiel für jugendliche Schiedsrichteranwärter aus.

3. und 4. Jugend fahren zur Germania Marburg, um dort Gesellschaftsspiele auszu- tragen.

Die 2. Schülerelf spielt gegen die Schüler Steinbachs in Steinberg und dürfte wohl da­bei um eine Niederlage nicht herumkommen.

Ligareserve und 4. Mannschaft werden wohl auch tätig sein. Infolge Absage der verpflichteten Gegner werden zur Zeit neue Verhandlungen mit Lollar

bzw. Großen-Buseck gepflogen, die bei Niederschrift dieser Zeilen noch nicht endgültig abgeschlossen waren. Bei einem evtl. Spiel der Reserven in Gießen wird die Begegnung nach dem Ligaspiel zum 2Iustrag kommen.

B. f. B.

Während Ligareseroe und dritte Mannschaft we­gen der am kommenden Sonntag auf dem Wald- sportplatz stattfindenden leichtathletischen Vereins« meisterschafts-Wettkämpfe spielfrei find, wird die Ligamannschaft voraussichtlich nach Alsfeld fahren, um dort eine alte Nückspielverpflichtung einzulösen. Das vor Jahresfrist auf hiesigem Platz ausgetragene Vorspiel wurde beim Stand von 3:2 für Alsfeld wegen Gewitterregens abgebrochen. Sportverein 08 stand während der Fußballsperre einige Wochen lang unter dem Training des bekannten Interna­tionalen Kugler vom 1. F.C. Nürnberg, der als routinierter Theoretiker und Praktiker die Spiel» ftärfe der Mannschaft zweifellos verbessert hat. V.fiB. wird schon in stärkster Aufstellung antreten und in guter Form sein müssen, wenn er ein eini­germaßen günstiges Resultat mit nach Hause bringen will, zumal der dortige Platz mit seinen ungewöhn­lich kleinen Ausmaßen für fremde Mannschaften feine Tücken l)at.

Die Jugend- und Schülermannschaften sind aus dem genannten Grunde ebenfalls spielfrei, wenn sich nicht doch noch die eine oder andere einem aus­wärtigen Gegner verpflichtet.

Leichtathletik der Gp.-Dg. 1900.

ö. Rächsten Sonntag entsendet die Leichtath- letilabteilung der Spielvereinigung 1900 einige Aktive an den Rhein, und zwar starten der Sprin­ter Geist, der Mittelstreckler Depperling, die Werfer Hopfenmüller und Klös. evtl, auch noch der Springer Seipp bei den Ra­tionalen Wettkämpfen des S. C. 1900/02 Ko­blenz. Der Veranstalter ist ein altangefehener Verein, dem es dank feiner guten Beziehungen gelungen fein dürste, sowohl aus West- als auch aus Süddeutschland eine ausgezeichnete Besetzung seiner Wettkämpfe zu erhalten. Die 1900er wer­den daher alles daransetzen müssen, um in die Entscheidungen zu kommen. Von den Mannschasts- kämpsen bestreiten die Spielvereinigungsleute dir Schwedenstaffel der Leistungsklasse II.

Ä. f.B. Leichtathletik.

Am kommenden Sonntag trägt die Leichtathletik- abteilung ihre diesjährige Vereinsmeisterschafts- Wettkämpfe aus. Es ist dies die zweite Veranstal­tung ihrer Art seit Bestehen der Abteilung, die Zeugnis oblegen soll von der Entwicklung des Leicht­athletikbetriebs im D.f.B. und dem Können der Mit­glieder. Nach den bis jetzt eingegangenen Meldungen werden sich fast alle Frauen, Aktiven und Jugend­lichen an den Wettkämpfen beteiligen. Für Aktive sind ausgeschrieben 100, 200, 400 und 1500 Meter,

Freundliche Erinnerung.

Don Dorothea Hofer-Oernburg.

Wie schön die kleine Dodo ist! Wenn man sie ansieht, lächelt man. Wenn sie spricht, so hort man nicht zu. Es genügt ihr Sprechen zu sehen. Sie ist sehr lieblich. t ,

Dodo hat keine Geschwister, und ihre Spiele sind so eingerichtet, daß sie ganz gut ohne andere auskommen kann. Tleberhaupt ist es ihre Art, Brücken zu bauen zwischen den Realitäten des Lebens und dem, was ihre Phantasie schneller und leichter leistet, als die Wirklichkeit Als sie sehr klein war. hatte sie eine Auseinandersetzung mit ihrem Vater, wegen Knopfelutschens. Er wünschte Dodo solle diesen Sport aufgeben, und er versuchte, ihr eindringlich vorzustellen wie er sich andernfalls ein neues, reizendes kleines Mädchen suchen würde, wenn Dodo nicht gesonnen sei, ihm in dieser Sache zu folgen. Aber Dodo, schwankend zwischen zwei Hypothesen, machte ihn auf die wahrscheinlichere aufmerksam.Das^ an­dere Kind,"" sagte sie,lutscht auch Knöpfe.

Das war klar und deutlich gedacht und ge­sprochen. Aber damals war sie auch noch klein genug, um ohne Kompromisse auszukommen. Jetzt wo sie größer ist, bedarf sie schon eher der Esels- brücren ihrer Phantasie, um sich zurechtzufinden.

In diesem Sommer war sie mit ihren Eltern auf dem Land. Es war wundervoll dort, und sie ist so ungern wieder nach Hause gefahren; aber was kann man tun, wenn der Vater sagt: Ich muß heim und Geld verdienen?"

Dodo ist ein wenig gebräunter zurückgekommen, wie ein angerauchter Meerschaum etwa, das ist nun alles 3n der Stadt wird es schnell genug vergehen. Ach, und es war so schön auf den Wiesen am See und in den Stallen, zuzusehen, wenn die Kohbäuerin, die Dodo in einem un­bezwinglichen Verlangen nach Veredlung die Kostbarerin" nannte, mit dem Schemel kam um die große Kuh zu melken und die blasig in den Eimer schäumte, wie fertige Schlagsahne. Ach, Dodo melkt zur Erinnerung, wo sie etwas Geeignetes findet. An Mutters Fransenschah an den Zipfeln des Tischtuches, an Vaters Rock­schößen. Sie macht dazu ihr süßes verhauchtes Madonnengesicht, andächtig und sanft geneigt. Es ist eine schöne und wehmütige Erinnerung, und es handelt sich dabei gar nicht um das Melken allein.

Dodo atmet den Duft der gemähten Wiesen und des Heuwagens, auf dem sie hochoben thro­nend in den abenddunklen, kühlen Schober schwankte. Sie hört die Krähstimme ihres Freun­des Hans-Jörg" mit dem schlanken hochtrabenden Ramen und den dicken, kurztrabenden Deinen. Sie sieht und fühlt den See und den Sand, in dem sie buddelte und morgens Durgen baute, sie schmeckt das Frühstücksbrot, das man ihr hinunterbrachte, und das so ganz anders, so neu und besonders war, mit ein paar weihen und trockenen Sandkörnchen darauf, die auch immer zwischen Haaren und Lippen waren.

Das schönste von allem aber ist doch das Kälbchen gewesen. Dodo kann gar nicht ohne tiefe Rührung daran zurückdenken. Es war ein blondes Kälbchen semmelblond, mit einem weißen Fell- wirbel mitten auf der dicken Stirn. Es stand herum und schaut nur immer mit seinen großen, feuchten Augen, und wenn Dodo ihm einige Grasbüschel oder Kleeblümchen brachte, so schob es das so drollig herum im Maul und schaute dazu ganz wie vorher. Es sagte nichtDanke" mit den Augen, aber es hatte ja auch nicht Ditte"' gesagt, und vielleicht war es eben des­halb so schön, weil es wie ein stummes, aber lebendiges Spielzeug war. Richt so groß und beängstigend ungeschlacht tote die Kuh, aber doch noch immer fremd und imponierend genug, um es zu verehren und zu lieben

Das Kälbchen, die Kuh und der Dulle waren

eine Familie. . , . ~ ,

Es gab außerdem noch kleine, quiekende Serkel- chen auf dem Hof, die an Der Mutter hmgen und zuckelten, und dazu den Eber, von dem Dodo feststellte, daß er ganz aus Schwein war wie das Osterhäschen ganz aus Schokolade ist. Auch sie alle miteinander waren eine Familie.

Dodo nahm zum Abschied ein paar Haare aus dem Schwanz des Kälbchens mit, die sie nud) Lieberwindung von mancherlei Mühsal und Ge­fahr an sich gebracht hatte, ein Fläschchen See­wasser und ein Dütchen Sand. Es war ein schwerer Abschied. . ..

Ieht sitzt sie wieder da in Westend tote die entzauberte Wiesenprinzessin und versucht, das versunkene Reich, so gut es gehen will, wieder heraufzubeschwören.

So baut sie zu allererst einen Stall aus Stuy- len. Er ist haargenau wie der von der Kost­barerin und nun ist sie das Kälbchen mit dem weißen Stern auf der Stirn. Sie muß das Kalv-

chen anbinden es soll alles seine Ordnung haben und sie bindet eine Schnur an iHv kleines, dickes Bein und befestigt es am Tisch. Run ist das Kuhkind fertig und der Stall. Fehlt nur die übrige Kuhfamilie. Es ist nicht schwer, sich die vorzustellen. Die Mutter, die da herum­geht und aufräumt und sowieso Dodos Mutter ist, niutz auch die Mutter vom Kälbchen sein, versteht sich. Aber der Vater? Der Vater ist heute früh wieder in sein Dureau gegangen. Das ist schade, aber nicht zu ändern. Und dann und wann vor sich hinmöhcnd, wie Kälb­chen tun, nimmt Dodo träumerisch mit ihrem Dein noch einige architektonische Verbesserungen am Stall vor.

Was tust du eigentlich da, Dodo, weshalb bist du angebunden?" erkundigt sich die Mutter, die nicht wissen kann, daß ihre Dodo wirklich das Kälbchen mit dem Weißen Stern ist, und daß sie alle die Familie dazu sind. Man muß ihr das zuerst erklären.

Ich bin das Kälbchen, du bist die Kuh und der Ochse ist im Geschäft!" erläutert sie die Situation.

So und ähnlich sehen die Spiele von Dodo aus dieser schönen, phantastischen- Realistin.

Aegypiische Zivilprozeßordnung auf Papyrus.

Eine ägyptische Zivilprozeßordnung konnte, wenigstens in Resten von zehn Paragraphen, aus einem neu erworbenen Papyrus der Ber­liner Staat!. Museen von W. Spiegelberg erkannt und entziffert werden, nachdem Hugo Jbscher die Einzelstücke zusammengesetzt hatte. Das Fragment ist in demotischer Schrift abgefaht und stammt aus der Ptolemäerzeit, 3. auf 2. Jahrhundert v. Ehr. Ist auch viel von die­sem Text verloren, das Erhaltene zeigt doch mit Sicheret, daß man hier ein ganz beson­deres Dokument, die erste Spur eines national­ägyptischen Zivilrechtsbuches vor sich hat, das für die Praxis bestimmt war, wie die Para­graphen beweisen. So:Wer mündlich klagt, den soll man einen Eid leisten lassen gemäß seinen Worten" (§ 4). Oder:Wenn einer gegen einen anderen klagt: er hat mir die oder die Akten weggenommen, so soll der Dellagte sagen: Ich habe sie nicht weggenommen. Lind man soll

es ihn beschwören lassen, indem er sagt: Ich habe sie nicht weggenommen, ich habe sie nicht wegnehmen lassen, ich habe nichts auf der Welt getan, um sie wegnehmen zu lassen. Ich habe sie nicht zerrissen, nicht getilgt, nicht tilgen lassen" usw. Als rein praktisches Doku­ment war der Papyrus mit seinem Inhalt bald veraltet, die Bestimmungen änderten sich mit der Zeit. So wurde er zum Altpapier ge­legt und auf der freien Rückseite anderweitig beschrieben, mit einer ebenfalls wertvollen Liste von ägyptischen Priestern mit ihren Amts­bezeichnungen und der Angabe ihrer Antritts­gebühren, die sie zu leisten hatten. Der neue Papyrus bildet mit Vorder- und Rückseite eine bemerkenswerte Bereicherung der demotischen Literatur, der Kenntnis von ägyptischer Rechts- wie Religionsgeschichte. Er stammt vermutlich aus Theben.

Lochschulnachrichten.

An der Berliner Landwirtschaftlichen Hoch­schule ist der a. o. Professor für Bienenkunde. Dr. Ludwig Armbruster zum ordentlichen Professor ernannt worden. Professor Armbruster ist Begründer und Herausgeber des Archivs für Bienenkunde, der Bücherei der Dienenkunde, sowie der Anleitung für Dienenzüchter. Von seinen Werken nennen wir:Wünsche und Röte der deutschen Bienenzucht" 1919;Bienenzüch­tungskunde' 1919;Zum Problem der Bienen­zelle" 1920;K. A. Ramdohrs Versuche Über die einfachste und einträglichste Art der Bienen­zucht" 1921;Der Wärmehaushalt im Bienen­volk" 1923;Der Bienenstand als völkerkund­liches Denkmal" 1926;Der Imker, sein eigener Tierarzt'" 1928.

Professor Dr. Victor Moritz Goldschmidt von der Universität Oslo (Norwegen) hat einen Ruf als ordentlicher Professor der Mineralogie und Direk. tor des Mineralogischen Instituts an der Universität Göttingen als Nachfolger von Geheimerat O. Mügge erhalten und zum 1. November 1929 ange­nommen; seine Ernennung zum ordentlichen Pro­fessor an der Göttinger Universität ist bereits er­folgt. Der langjährige Vertreter der Landwirt- fchoft und Direktor des Instituts für Tierzucht und Molkereiwesen an der Landwirtschaftlichen Hoch­schule zu Bonn-Poppelsdorf, Professor Dr. August R i ch a r d f e n , ist von seinen amtlichem Verpflichtungen entbunden worden.