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Oie Liebe
-erBrigittaHollermann
Vornan von Elisabeth Ney.
Copyright by Martin Fcuchtwanger, Halle (Saale).
19. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Hongkong ist. wie mir mein alter Jugendfreund einmal schrieb, eine wundersame Insel, von einer herrlichen Natur umgeben. Er wußte von Dillen und neuzeitlichen Palästen, von ungeahnter Schönheit und Pracht zu berichten. Die Gegend ähnelt der italienischen Landschaft, und ist noch inniger, märchenhafter und bunter. Sie werden dort sicher viel deutsche Landsleute treffen. und somit bald Freundschaften schließen."
Brigitta Hollermann nickte zu allem nur stumm.
Dorläufig fand sie sich mit dieser neuen, plötzlichen Lebenswende noch nicht zurecht.
Was war China? Was Hongkong?
Sie vermochte sich davon keine Vorstellung zu machen, viel weniger darüber jetzt nachzudenken. Der Trennungsschmerz hatte sie mit aller Gewalt gepackt, und doch wußte sie, daß ihres Bleibens hier nicht mehr länger war.
Dazu kam, daß sie irgend etwas mit unwiderstehlicher Gewalt davontrieb, hinüber in das fremde Land.
Eine maßlose Unruhe hatte sich ihrer bemächtigt. als ahne sie unbewußt, daß sie damit ihrem Schicksal cntgegengehe.
So kam eS, daß SanitätSrat Lührmann schon am nächsten Tag die Nachricht von Brigittas . Entschluß, mit der Bitte, für Brigitta die nötigen Papiere zu besorgen, erhielt.
" Nach Hongkong war ein ausführliches Telegramm abgesandt worden, und einige Tage später traf bereits die Antwort ein.
Man erwartete die deutsche Schwester hocherfreut, und Missionar Boldenkamp würde sie persönlich abholen. Schiff und Abfahrtzeit sowie der Tag der Ankunft waren genau angegeben.
So waren die Würfel für Brigitta Hollermanns Fahrt in die ungewisse, weite Fremde gefallen.
Pfarrer Wendelin nahm die Nachricht mit bleicher, gefaßter Miene entgegen.
Ebenso still und ergeben reichte er Brigitta zum letzten Male die Hand: dann aber drehte er sich rasch um, und schritt schnell davon.
Niemand sah, daß er weinte. —
Schwester Christiane brachte Brigitta selbst nach Hamburg, wo man Einkäufe halber noch einige Tage verweilte.
Dann aber kam die Stunde des Abschiednehmens. Cs war wohl ein Abschied fürs Leben.
Zum letzten Male standen sich Brigitta und Schwester Christiane im Arbeitszimmer des alten Sanitätsrats allein gegenüber.
Die besorgte alte Dame gab ihr Derhaltungs- m aß regeln.
Brigitta aber weinte herzzerbrechend.
Da zog Schwester Christiane sie noch einmal fest ans Herz, und sagte, selbst mit Tränen kämpfend:
„Sei tapfer, kleine, liebe Brigitta, und laß uns ^um Abschied das trauliche Du tauschen. Latz mich dir von nun an eine wirkliche, vertraute Schwester sein."
„Liebe, liebe Schwester, ich danke dir!" stammelte Brigitta, unter Tränen lächelnd.
Sanitätsrat Lührmann störte den innigen Abschied. Gr versuchte den ebenso großen Tren- nungsschmerz hinter polternden Worten zu verbergen und rief:
„Hallo, ihr beiden, nun laßt eS genug sein, die ,Köln< wartet nicht so lange, bis ihr euch ausgeweint habt. Kommt! Christiane, es ist die höchste Zeit, wenn wir das Kind noch glücklich auf dem Dampfer verstauen wollen."
Hinter ihm war die alte Wirtschafterin Jürgens erschienen.
„Wenn das nur gut geht! Wenn daS nur gut geht!" jammerte sie, und aus ihren. dickverweinten Augen rannen neue Tränenströme, als sie Brigitta tn den Mantel half.
AdjüS denn, Fräulein Brigitta, und besuchen Sie uns bald einmal", sagte sie schluchzend.
„So über Sonntag von Hongkong nach hier, 's wird sich schon machen lassen", entgegnete Sanitätsrat Lührmann auflachend, was zur Folge hatte, daß alle in fein Lachen einstimmten.
Zwei Stunden später stach die „Köln" in See.
Brigitta winkte lange — lange von Bord, bis langsam das älfer sich entfernte und sie niemand mehr zu erkennen vermochte.
So versank vor Brigitta Hollermann mehr und mehr der Streifen Land, der ihr bisher die Heimat gewesen war.
Begleitet von tausend guten Segenswünschen des lieben, alten Geschwisterpaares, fuhr sie der neuen, unbekannten Zukunft entgegen.
•
Aengstlich und scheu zog sich Brigitta Hollermann tunlichst von allen Neisenden zurück. Nur hier und da plauderte sie mit einigen Damen belanglos, so, wie es eben eine lange gemeinsame Meeresreise mit sich bringt.
Des Abends suchte sie meist ihre Kabine auf oder machte einsame Spaziergänge auf dem Promenadendeck.
Diele bewundernde Blicke folgten dem schönen, einsamen Mädchen. Ihre Zurückhaltung hielt man für kühlen Hochmut und hielt sich ebenfalls fern.
Je mehr sich die „Köln" Brigittas Reiseziel näherte, desto größer ward die Erregung in ihrem Innern.
Singapore war der letzte Hafenort, den der Dampfer angelaufen hatte: der nächste Hafen würde Hongkong fein.
„Hongkong." Brigitta flüsterte es oft leise, ängstlich vor sich hin.
Wie ein buntes Märchen waren die Städte des Orients an ihr vorübergeglitten. Ihr Blick hatte sich geweitet, und sie hatte all das Schöne, Fremde, Verwunderliche des Ungcfannten in sich ausgenommen.
Erst unterwegs war c8 Brigitta Hollermann eingefallen, daß ja ihre Schwester Isa auch irgendwo in China oder Japan mit Frau von Salden weilen sollte.
Wie seltsam es doch oft das Schicksal fügte! Ob ihr Isa eines Tages irgendwo begegnen würde?
•
Hub dann kam die Stunde der Ankunft in Hongkong.
Die „Köln" glitt in voller Fahrt durch ein wahres Labyrinth kleiner, grüner Inselgruppen,
die sich vor dem eigentlichen Hasen von Hongkong lagerten.
ES war am Spätnachmittag.
Heiß brannte die Sonne am Himmel, eine schwüle, drückende Atmosphäre hervorrufend.
Die Passagiere, die das Schiff auch hier verlassen wollten, standen in Gruppen zusammen.
Brigitta Hollermann lehnte bleich und still an der Reling und sah hinüber auf daS neue, bunte Land, das sie nun aufnehmen sollte.
Immer mehr näherte sich die „Köln" der Landungsstelle.
Brigitta sah undeutlich eine große, wogende Menschenmenge, die der Ankunft des Dampfers am Kai harrte; und schwer legte es sich ihr mit einem Male aufs Herz, wie sie wohl unter all den sich schiebenden und stoßenden Menschen den Missionar Boldenkamp, den sie doch nicht kannte, herausfinden sollte.
Fast wäre es ihr jetzt lieber gewesen, wenn der Dampfer nun und nimmer die Landungsstelle erreicht hätte. Dann aber kam es wieder mit aller Gewalt über sie: das seltsam drängende, sehnsüchtige Gefühl, das sie zu dieser Reise getrieben hatte.
Sie ahnte es mit Bestimmtheit, sie wußte es seit jenem Brief aus China, dah Hongkong ihr Schicksal werden würde, und doch konnte sie sich bisher keine Rechenschaft über die eigentümlich- treibende Macht in ihrem Innern abgeben.
Um sie her an Bord entstand jetzt ein wirres Durcheinander.
Hastige Abschiedsworte, gute Wünsche, vermischt mit unruhigen Rufen und Schreien drangen an ihr Ohr.
Brigitta stand neben ihrem Koffer. Man bot ihr nur flüchtig-nickend Abschied: jeder hatte jetzt vollauf mit sich selbst zu tun.
Jetzt war man an dem Kai. Die Taue flogen an Land, die „Köln" legte fest.
Klirrend rollte die Drücke hinab.
Der Menschenknäuel an Land geriet in Bewegung. Eine Woge von Chinesen, Händler und Träger ergoß sich auf das Schiff; darunter mischten sich Europäer, die suchend nach den Erwarteten Ausschau hielten.
Brigitta Hollermann hastete durch das Tohuwabohu zu dem interen Deck, und trat zum Steg.
Zögernd blickte sie, am Brückenzugang stehenbleibend, um sich.
Mo war der Missionar Boldenkamp?
„Fräulein Brigitta Hollermann, stimmt es?" erklang es da dicht neben ihr, mit fremden Akzent, doch in deutscher Sprache.
Brigitta fuhr erschrocken zusammen.
Ein großer, breitschultriger Herr mit weißem Bart, in. einem etwas seltsam-schwarzschößiaen Anzug, stand vor ihr, und reichte ihr freundlich lächelnd die Hand.
„Willkommen in der Fremde, Schwester Brigitta! Mein Name ist Doldenkamp. Kind, Sie sehen ja ganz verstört aus! Haben Sie sich etwa gar geängstigt?"
Brigitta errötete leicht.
„Es ist alles so fremd, so neu," stotterte sie verlegen. „Ich freue mich, daß Sie mich abgeholt haben, denn allein wäre ich wohl in diesem unbekannten Milieu verraten und verkauft gewesen."
„Alles Gewohnheit, Schwester Brigitta; man lebt sich hier schnell ein und gewöhnt sich bald an das bunte Treiben. Hongkong wird Ihnen gefallen, und bald werden Sie sich unter den
deutschen Kolonisten heimisch fühlen. Bekanntlich halten die Landsleute im Ausland fest zu- fammen.“
Ein halbnackter chinesischer Diener drängte sich herbei.
„Dring daS Gepäck zum Auto," befahl ihm Boldenkamp, und bot darauf Brigitta fürsorglich den Arm.
„Nun ohne Furcht den ersten Fuß auf fremdes Erdreich gesetzt, kleines Fräulein; Sie werden hier bald heimisch sein," sagte er gütig lächelnd.
Brigitta faßte sofort ein unumschränktes Der- trauen zu dem alten Herrn. Sein Wesen drückte Dornehmheit, Wohlwollen und Güte aus. Ihre Furcht war völlig verschwunden.
Mit freierem Blick, beinah neugierig und zuletzt in Hellem Entzücken, nahm fie das buntfarbige Durcheinander des Hafenbildes in sich auf. Sie sah erstaunt auf die Dschunken, die kautlos über das Wasser glitten, mit dem eigentümlich hohen Bug und großen Segel, und schritt wie betäubt am Arm ihres Führers zu dem wartenden Auto.
In rascher Fahrt ging es dann durch die Straßen der asiatischen Stadt.
Brigittas Augen leuchteten, ihre Sinne waren gefesselt von dem phantastischen Leben und Treiben um sie her.
Sie sprach nur wenig, ab und zu einen Ruf der Bewunderung, des Staunens ausstoßend, als der Wagen nach der inneren Stadt einbog.
Geschäfte mit großen Schaufenstern, geschmückt mit bunten Lampions und wehenden Fähnchen. Menschen mit gelben, unbekleideten Oberkörpern, Europäer in Weih, elegante Frauen, Engländer, Franzosen, Japaner, Chinesen, Hunderte von Rikschas, von Chinesen flink und geschickt durch die von elektrischen Dahnen und Autos und sonstigen Fahrzeugen gefüllten Straßen gelenkt, jagten an ihr vorbei.
Endlich fuhr man in eine ruhige, vornehme Dillenstraße ein.
Nie glaubte Drigitta schönere Besitzungen als diese hier, in den großen Gärten, gesehen zu haben, und mit leuchtenden Blicken trank sie das Wunder des Orients.
Langsam verlieh nun der Wagen daS Stadtweichbild, und fuhr eine große Chaussee bergan.
Je höher die halbstündige Fahrt ging, desto mehr jauchzte es in Brigittas Innern in hellem Entzücken, und plötzlich entfuhr ihr ein leiser Schrei, als sich mit einem Male links unten in der Tiefe der weite Stille Ozean vor ihren Augen ausbreitete.
„Ich sehe mit Freuden, wie aufnahmefähig Sie für all das Schöne, Wundersame hier sind. Somit wird es Ihnen in unserem Heim da oben am Berg gut gefallen. Der Orient wird Sie bald ebenso gefangen halten wie mich, und wohl nie wieder loslassen."
Brigitta starrte noch immer weltentrückt auf das herrliche Panorama da unten, auf das unendlich tiefblaue Wafsermeer, aus dem die Inseln mattgrün schimmerten. Ganz drüben in der Ferne zogen Schiffe ihre dunklen Rauchwolken am Horizont hin.
„Haben Sie niemals Sehnsucht nach der alten Heimat gehabt, Herr Boldenkamp?" fragte Brigitta Hollermann mitten aus ihrer Ergriffenheit heraus.
(Fortsetzung folgt.)
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