Ausgabe 
30.1.1929
 
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Nr. 25 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Mittwoch. 7y. Januar

Jugend und Hochschule

namenilK»

gründe liegen

Sie deutschen technischen Hochschulen bieten ein ähnliches 'Bitt.

Hier hat sich die Zahl der männlichen Studie­renden beinahe verdoppelt, die der weiblichen mehr als verneunfacht. Dafür scheint _ nunmehr ein Stillstand eingetreten zu sein: während in den letzten drei Jahren die Zahl der weiblichen Studierenden.an den technischen Hochschulen noch im Steigen, war. ist die ihrer männlichen Kom­militonen etwas zurückgegangen. An den Uni­versitäten ist dagegen von einem Abflauen des Ansturms, noch nichts zu.merken, ja, er fällt zum größten Seil gerade in die soeben genannten drei 8ahre und zählt hier etwa 23622'Köpfe. Dabei weisen dic Studenten einen Zugang von etwa d3 Prozent auf. und die Zahl der Studentinnen hat sich sogar verdoppelt. An dieser Zunahme sind im wesentlichen die folgernden Siud.enfLHer beteiligt: Rechts- und Slaatswissenschaften. alte und neue Philologie. Mathematik und Aatur- wissenschaften, allgemeine Medizin. Zahnheilkunde und evangelische Theologie. Währmd Kameralia und Landwirtschaft sowie Chemie zurückgegangen sind

Otun rührt allerdings ein Teil dieser Steige­rung daher, daß die Zahl der 18- bis 32jähriien. auö denen sich die Studierenden größtenteils re­krutieren, durch die Volkszählung von 1925 als

Oer rechte Mann am rechten platz.

Berufsberatungsstellen an allen HZ-ereu Schulen! - Das Aerzteproletariat. Geistige Arbeit geschäht, ober nicht bezahlt. - Warnung vor dem Stuömm.

Von Heinrich Gührmg.

Zur Frage der gemeinschastiichen Erziehung.

Von Dr. Martha Resch.

Seit der Revolution steht die pädagogische Be­wegung unseres Vaterlandes im Zeichen der Re­formen und Reuerungen, die in fast alle Gebiete unseres Schulwesens einschneidend erngr'ffen: Re­formen, die auf eine bessere Ausbildung der Schüler abzielten, eine verfeinerte Methode, einen den neuen Zeitsorderungen entsprechenden Lehr­plan verlangten, wurden begonnen. Reformen, die Fragen der Schulorganifatwn oder die Schäf­tung neuer Schulgattungen und -typen ms Auge faßten, Resormen, die eine bessere Vorbildung des Lehrers erstrebten, folgten und all daS. was man zunächst theoretisch mit Energie verfocht, wurde a'.s'ald durch praktische Deiche und Experimente verschiedenster Art auf Ruhen uiu) Erfolg hin von der Lehrerschaft geprüft. Bis­weilen kam dadurch eine gewisse Unruhe in manche Schulbetriebe hinein, und so entstand bei einem Teil der Elternschaft und der breiten Oefsentlichkeit. die der neuen Bewegung größten­teils fremd und unwissend gegenuberstand em gewisses Mißtrauen oder wenigstens erne starke Zurücks,a. tung bestimmten schul.schen Reuerungen

^ffgfaube, in die Zahl dieser pädagogischen Reuerungen, die noch heute einer ab.etznmden Sinstellung von feiten vieler Eltern begegnen, gehört auch der Versuch der Koedukation, der Versuch einer gemeinsamen Erziehung der Ge­schlechter, wie er in den letzten -fahren z. S. an einigen Hamburger Staats chulen ausgeführt wor-

ist. Wenigstens zeigt sich bei Befragung der Eltern, ob sie ihr Kind m eine reme Xnav^ bAto. Mädchenklasse oder in eine gemi.chte Klalk schicken wollen, daß im allgemeinen der neuen Sache nicht volles Vertrauen entgegen gebracht wird Es du s e deshalb loh.wnLie or ige der Koe- dukaiion emmai vom Laien.tandpun.l aus zu ve- leuch'en und aus die G-fande emzugehen, die den sicher nicht zufälligen Bedenken der Eftern zu-

Den jungen Leuten, die jetzt in allen höheren Schulen' Deutschlands in Examensnöten sitzen, steht nach bestandener Reifeprüfung die schwerste Entscheidung ihres Lebens bevor: sie sollen einen Beruf wählen. Wenn sie sich rat­suchend an die zuständigen Stellen wenden, die ihnen über die Aussichten im akademi- schenErwerbsleben Auskunft geben sollen, so werden sie auf eine knappe, paradoxe For­mel gebracht etwa folgende Ansichten zu hören bekommen: es ist am besten, überhaupt keinen derartigen Beruf zu ergreifen, weil sie alle überfüllt sind. Die Achtung vor der geistigen Arbeit, die tief hn deutschen Volkschuralter liegt, hat zwar einen gewaltigen und noch ständig stei­genden Andrang zu den akademischen Berufen mit sich gebracht, doch nicht ausgereicht, um die- fern Heer geistiger Arbeiter auch eine ausreichende wirtschaftliche Existenz zu verschaffen. Die Uni- versftäten und die höheren Schulen sind über­füllt; aber niemand kann sagen, wie die höheren Schüler und Studenten in einigen Fahren, wenn sie erst den ersehnten Doktortitel sichren dürsen, ihr Brot verdienen sollen. Das Schlagwort vom geistigen Proletariat" gewinnt immer mehr Berechtigung.

älm die Schüler, die nach dem Empfang chreS Abgangszeugnisses meist durch irgendwelche Zu­fälle in einen Beruf gedrängt werden, rechtzeitig mit den wirtschaftlichen Aussichten und den in­tellektuellen Voraussetzungen für ihr zukünftiges Arbeitsgebiet bekanntzumachen. hat die Deutsche Zentralstelle r D e r ufs- Beratung der Akademiker E.V. fünf* und achtzig Merkblätter für Berufsberatung her­ausgegeben, von denen etwa dreißig erst in der allerletzten Zeit erschienen sind. Wie Regierungs­rat Dr. Josef Diel in einer längeren hinter* reöung mitteilte, ist diese Zentralstelle vor mehr als zehn Jahren durch Zusammenarbeit des Aka­demischen Hilfsbundes und des deutschen Stu­dentendienstes 1914 entstanden. 2m August 1918 sand in Berlin ein Derufsberatungskursus statt, an dem 400 Oberlehrer aus dem Reich teilnah­men. Bald darauf stellte die Demobilisation des deutschen Heeres die Berufsberater vor eine außerordentlich schwere Aufgabe; es galt, vielen Hunderttausend unentschlossenen jungen Soldaten

literarisch-ästhetischen Gebieten und sprachlichen Studien zugut: kommen. Hier sind die Mädcyen deshalb Den Knaben im allgemeinen voran. 3n den deutschkundlichen Fächern können sie nament­lich im Alter von 12 bis 18 Jahren, wo sie durchschnittlich eine größere Reife als der gleich­altrige Knabe zeigen, den gemeinsamen Unterricht beleben und fördern, anspornend und anregend wirken. Auf naturwissenschaftlich-technischem Ge­biet läßt sich in umgekehrter Richtung eine unter­richtliche Ergänzung der Geschlechter beobachten. Die Knaben sind, weil sie von Ratur aus em viel stärkeres Interesse für diese Wissenszweige mitbringen, den gleichaltrigen Mädchen meist überlegen. Ausgleich ter Interessenunterschiere innerhalb der Klassengemeinschaft und als Folge davon verstärkte Arbeitslust, gesunder Wetteifer, lebhafter Rhythmus und frisches Tempo bei der Arbeit, darin liegt m. E. der Hauptgewinn der Konstruktion.

Und wie steht es nun mit der Erziehungsarbeit in gemischten Klassen? Ist sie wfaklich so viel schwieriger als in reinen Knaben- oder Madchcn- llassen? Ich glaube mitnein" antworten zu sollen, denn nach meinen Beobachtungen und Er­fahrungen tritt die SelbsterzieZung der Jugend­lichen untereinander in Koedukationsgruppen stärker in Erscheinung als in anderen Klassen. Die gegenseitige Beeinflussung ist eben inten i. er. was ja auch bei Geschwistern zu bemerken ist, wenn Knaben und Mädchen zusammen sind, als werrn entweder Knaben o.er Mädchen unter sich blei­ben. Dem Lehrer aber wird durch diese wechsel­seitige Einwirkung, durch diese meist vollstanDig unbewußte Crziefamgstätigleit manche mühselige Kleinarbeit erspart.

Doch man hat behauptet, daß diese Peein- flussung ein teilweises Aufgaben oder em Zuruck- drängen der geschlechtlichen Eigenart herbeifuhren könne. Ich glaube, diese Befürchtung ist nur be­gründet, wenn wenige Mädchen,in_ Knaaenklaisen sind. Entweder fühlen sie sich gedruckt und beengt oder sie nehmen ein wenig vermännlichtes Wesen am Aehnliches gilt für Den umge.eprten SaU. Die Knaben können dann leicht ernt gewisse Schlaffheit und weichliche Art gleich­

mäßiger Zusammensetzung der Klassen hingegen

Traumblld von seinem zukünftigen Wirkungs- gebiet mit der harten Wirklichkeit verglichen hat, der wird es gewiß begrüßen, daß Der jungen Generation rechtzeitig ein klares, den Tatsachen entsprechendes Bild von den Bedingungen ent­worfen wird, unter denen sie nun einmal arbeiten muß. Die Merkblätter sind von Autoritäten ver­faßt, das Heft über den Volkswirt ist z. B. von Professor Schumacher geschriebem Um so trostloser wirkt, was diese Autoritäten den jun­gen Leuten zu sagen haben, die jetzt um das Reifezeugnis kämpfam Man erfährt da z. B., daß die Rechtsprechung und die maßgebende reichsgerichtliche Auffassung dieStellungdes Arztes als Gewerbetreibenden ablehnen und sagen,her Arztberuf sei nicht die Betätigung einer wirtschaftlichen Kraft, sondern Aerzte wic Anwälte seien Träger geistiger Kräfte im Dienste des Gemeinwesens . Der Verfasser des Merk­blattes fügt hinzu:Wer Arzt werden will, muß den starken inneren Drang und die echte Be­rufung zum Heiser der Menschen in sich fühlen, oder er wird über kurz oder lang in seinem Beruf genau so unglücklich werden, straucheln oder stranden, wie der Geistliche, ber ohne starke innere Eignung, nur von wirtschaftlichen Grün­den geleitet, sich diesem Beruf zugewandt hat. Wenn em junger Mensch nun Idealist genug ist, sein Leben einer so großen Sache weihen zu wollen, so belehrt ihn das Heftchen aber weiter, daß die ärztliche Ausbildung mit ihren zahlrei­chen Pflichtvorlesungen und ihrer mehr als sechs­jährigen Tauer die teuerste unter allen akademi­schen Berufen ist. Die Gesamtausbildung deS praktischen Arztes dauert im geringsten Falle 6i, 2 Jahre, der Facharzt braucht je nach dem gewählten Fach, mindestens 9Vs &i8 lO/s Jahre. Das Studium selbst ist so anstrengend, daß keine Zeit für Rebenerwerb übrig bleibt Hat man beendet, so findet man wegen allzu großen An-» dranges auf Jahre hinaus keine Beschäftigung^ Die Bruttoeinnahmen der Aerzte, von denen etwa 32 Prozent für Unkosten abzuziehen sind, bleiben bei mehr als der Hälfte unter 4020 Mw jährlich, und ein weiteres Viertel verdient biß zu 8000 Mark, Um sich niederzulassen, muß man aber nach Beendigung des Studiums noch einige, tausend Mark besitzen, denn eine vollständig^ ärztliche Ausrüstung sowie das Mobiliar für Sprechzimmer und Wartezimmer sind teuer. Den­noch ist der Andrang zum Studium der Medrzm sehr groß.

Man weiß, daß es den jungen Rechtsan- toälten in ber Regel nicht gtt geht. Heber den weiblichen Anwalt schreibt Är. Marie anunk. daß eine Frau sich in einem freien juristischen Beruf wesentlich schwerer durchsetzen werde als ein Mann, da sogar die Frauen in ihren eigenen Angelegenheiten noch in sehr erheblichem Maße männliche Beratung fachem Daß es sehr viele stellungslose Volkswirte gibt, ist be­kannt Wird ein volkswirtschaftlicher Poften aus­geschrieben, so laufen stets ungeheuer viel De-, Werbungen eim Andererseits meint Professor Schumacher, daß nur das Angebot an vvlkS> wirtschaftlichen Dilettanten groß sei; Männe^ die etwas können, werden in allen Berufen uns also auch unter den Oekonomisten gesucht. 66 galt bisher als feststehend, daß dem Technip ter die Zukunft gehöre; aber Professor latj schoß schreibt warnend: .Der Überaus groß« Andrang der studierenden Jugend zum technischer« Berus läßt für die Zukunft nichts gutes et* hoffen. Werden wirklich hervorragende Inge­nieure zu allen Zeiten gesucht bleiben und eu® gutes Auskommen haben, können die Aussichten für die durchschnittlich Begabten nur als fchlM bezeichnet werden." Man sollte annehmen, daß nur verhältnismäßig wenige Leute sich dchnl' entschließen, nach dem Abiturium noch eine achfa jährige Ausbildung durchzumachen, um ßanb-» Wirtschaftslehrer zu werden. Tatsach-. lich ist der Andrang sogar zu diesem Beruft recht groß, die Zahl der Stellen demgegenüber, beschränkt, so daß man ihn gegenwärtig alS, überfüllt bezeichnen muß. Aehnlich sieht eS inj den meisten Berufen aus. Der Einblick in die

finden sie stets bei ihren Kameraden Stütze und, Schutz für ihre spezielle Eigenart, sowie die Wäd-j chen ihrerseits bei ihren Mitschülerinnen, und sr» können sie sehr wohl weiblich und mädchenhaft bleiben, auch wenn sie jahrelang mit Knabe» zusammen auf der Schulbank sitzen. Ein toeiterer Erziehungssaftvr der Koedukation soll nicht un­erwähnt bleiben. Das dauernde Zusammensein! von Knaben und Mädchen bedingt ein genaue#] Kennenlernen untereinander auch in den Leistun- gen. Hnb gerade dadurch wird Flirt, der in den! letzten Schuljahren leicht zu einer gewissen Ge­fahr werden könnte, stark eingedämmt. Man! sieht von Knabenseite aus in dem Mädchen niW nur das andersgeartete Wesen, eben das Wad-! chen, sondern zugleich die Kameradin, die Mttj schülerim Das Gemeinsame tritt stark tn Dert Vordergrund, und von Mädchenseite aus ist es ähnlich. Das Zusammensein mit den Knaben ßafi durch die Gewohnheit an Reiz und Anz egungS-i traft verloren und damit auch an Gefahr. Ratur- lich wäre cs falsch, die Bedeutung der Koeduka-^ tion überschätzen zu wollen Immerhin Hoffa ich gewisse Dedenlen aus ßaienlreifen gegen ffa entkräftet zu haben Die Koedukation ist selbst-, verständlich lein Allheilmittel gegen jugendlich« Liebeleien", wohl aber ein gewisses Vorbei^ gungßmittel. Schlechte Elemente können natuiN lich in Koedukationsklassen sich sehr Verhängnis-', voll vielleicht verhängnisvoller als in andere» Klassen auswirken Aber das sind Ein^lfalfai die nichts gegen die Sache der Koedukation a» sich sagen, die nach meiner, Erfahrung bei now mal veranlagten und natürlich empfindenden Jugendlichen keine sittliche Gefahr in sich birgt

Schließlich ist die Koedukation, wenn man sie in die übrigen menschlichen BildungsPrvblemS einreiht, die beste Vorbereitung fürs Leven, wo man niemals die geschlechtliche Dif erenzierung alles Werdens und Geschehens wegleugnmi kann, und wo immer männliche und weibliche EtnsiUss« und Elemente zusammenwir.en undfai> ausj einandersetzen, und von die.em Ge,ichtspunkt auL wächst die Koedukation weit über den Rahme« einer bloß schulischen Einttchtung hrnaus unß wird zu einer der wesentlichsten Aufgaben alle» menschlichen Erziehungsarbeit.

des unterrichtlichen Fortkommens ihrer Kinder in gemischten Klassen, wo ja zweifelsohne das Rek^neinander von Knaben und Mädchen und ihre Begabungsdifferenzierung dem Lehrer neu­artige methodische und erzieherische Maßnahmen vorichreibt Andererseits fürchtet man die Ge­fahren und schädlichen Einflüsse, die auf sitt­lichem Gebiet hervortreten können

Wie verhält es sich nun mit diesen Befürch­tungen in der Praxis, natürlich vorausgesetzt, daß man den Unterricht in Koedukationsklassen nicht so organisiert, daß wenige Knaben bzw. Mädchen mit einer größeren Anzahl von Mäd­chen bzw. Knaben zusammen unterrichtet und er­zogen werden, sondern so, daß die Gruppe un ungefähr gleichen Verhältnis aus Knaben und Mädchen zusammengesetzt wird. Unter dieser Voraussetzung ist ein gemeinsames Arbeiten und Forkschreilen in den verschiedensten Unterrichts­fächern durchaus möglich. Wohl sind Unfar- schiede in der Begabung und, was vielleicht noch wesentlicher ist, in den Interessengebieten zwischen den Geschlechtern vorhanden. Der Knabe ist im allgemeinen stärker sachlich intereijim, tag Mädchen mehr persönlich. Die reinen Be- gaöungsunterschiede dagegen sind innerhalb der Geschlechter sehr viel größer als zwischen Knaben einerseits und Mädchen aubererfeitg. Das durste auch durch die neueren Psycholog.scheu und Päda­gogischen Forschungen, die sich auf eine große Qln ahl praktischer Versuche stützen können, ein­wandfrei festgestellt sein. Ich erinnere 3.'S. an die Experimente von Cohn und Dieffen- bacher und an die Untersuchungen der Inter­nationalen Mathematischen UntrrrichtSkommission. die sich auf das vielumstrittene Köpfte! der mathematischen Begabung bei Knaben und chen beziehen, und zu dem Ergebnis kommen, datz ein prin'ipieller Unterschied nicht bestehe.

Es ist ganz allgemein so. daß den Anlage- Vorzügen des Knaben: streng sachliche Einstellung zum Unterrichlsgegenstand beim^chea andere aeaenüberstehen, die nicht gleichartig. wo.)l aber gleichwertig llnd. In erster Line waren zu nennen die stärkere Cinfühlungsfahigkeit. die per­sönliche Bewertung, die größere sprach ich? Ee-

Aufklärung über die wirtschaftlichen Existenz- möglichkeften zu geben. Ende 1918 wurden daher mit Unterstützung der Behörden die ersten Merk­blätter herausgegeben Seitdem hat die Arbeit der Zentralstelle manchmal eine Unterbrechung erfahren; aber es ist doch gelungen, durch den Ausbau der Merkblätter das Fundament für eine großzügige Aufklärungsarbeit zu schaffen und damit den jungen Menschen eine hervorragende Möglichkeit zu bieten, sich schon auf der Schulbank einen Ueberblick über die weitverzweigte berufliche Gliederung der geisti­gen Arbeit zu verschaffen

Welcher junge Mensch, der Jura und Rational­ökonomie studieren will, weiß zum Beispiel, D?ß er nach diesem Studium nicht nur Dichter, Staats­anwalt, Rechtsanwalt. Diplomat. Derwaltungs- beamter, beratender Volkswirt oder Journalist werden kann, sondern daß es heute auch Parla­mentsbeamte, Sozialbeamte, Gewerkschaftsbeamte. Dersicherungsbeamte gibt, für die ein solches Studium unbedingt anzuraten ist. 2n 24 Heften kann man sich sowohl über die erwähnten Berufe wie über die Aussichten des Buchverlags-Redak- teurs, des Handelslehrers, des Statistikers, des höheren Reichsbahnbeamten usw. unterrichten. 23 Berufe stehen dem Technfter und Raturwisien» schaftler offen. Ganz neu sind die sechs Hefte über Frauenberufe; um der Ueberbewer- tung der geistigen Arbeit entgegenzutreten, sind jetzt auch vier Merkblätter über den Handwerker, den industriellen Facharbeiter, den Werkmeister und den technischen Angestellten mit Fachschul­bildung erschienen. 300 000 Exemplare dieser Merkblätter sind von der Zentralstelle an die 2500 höheren Lehranstalten Deutschlands kosten­los verschickt worden; sie sollen dort dazu dienen, unter der Leitung eines Dertrauenslehrers an jeder Schule eine kleine Berufsbera­tung s st e l l e zu bilden, die in Zusammenarbeft mit den regionalen Berufsberatungsämtern durch Vorträge und persönliche Aufklärung der einzel­nen Schüler den Uebergang von der Schule zum Leben erleichtern wird.

Wer sich entsinnt, durch welche Zusälle und unter wie falschen Voraussetzungen er selbst fei­nen Beruf gewählt hat. wer an die ersten gro­ßen Enttäuschungen zurückdenkt, nachdem er das

großer festgestellt wurde, als sie bei der vorher- gegangenen Volkszählung im Jahre 1910 für das alle Reichsgebietgew:sen war. Dieses Wehr betrug allein für Preußen fast i, 2 Million. Aber selbst wenn man die hierdurch bedingte Korrekfar bei dem Zuwachs an Studierenden berücksichtigt, sollte deren Zahl doch jedem Berufsberater und jedem Abiturienten sehr zu denken geben.

Diese Andeutungen lassen kaum ahnen, welche Fülle soziologischer Deziehun'en in den Zahlen­reihen der ^Deutschen Hoch'chulstalistik" verborgen liegt. Darüber hinaus will aber dieDeutsche Hochschulstatistik" ganz besonders praktischen Zwecken dienen. Die deutschen HoHichulverwaltun- gen streben den Ausbau der Statistik vor allem auch in der Absicht an, »der Berufsberatung" unentbehrliche Unterlagen darzubieten und den höheren Schulen AufÜärungsmaterial in die Hand zu geben. Jede staatliche und die meisten nicht staatlichen Lehranftallen beziehen das Werk, das halbjährlich, und zwar noch vor Beginn des neuen Semesters erscheint. Rechtzeitig befragt, etwa in Arbeitsgemeinschaften der Abiturienten und ihrer Lehrer, gibt es den angehenden Stu­denten und Studentimicn ins einzelne gehende Antworten über Andrang und Berufsaussichten, Schwierigkeiten und Möglichleften, ein unent­behrlicher Berater bei der Berufswahl. Dr. M.

Die deutsche HochschuWistik

Es kann als ein bedeutsames Ereignis im deut­schen Hochschulwesen angcs.hen werden, daß sich im Frühjahr des vergangenen Jahres in aller Stille eine nach einheitlich-n Grundseyen geregelte Zusammenarbeit aller deuts chen Hochschulverwaltungen mit dem Ziele bet regelmäßigen statistischen Erfassung und Au - Wertung der Frequenzverhältnile an den deut­schen Hochschulen organisiert hat. Das Feld dieser Zusammenarbeit sind die sämtlichen deutschen Hochschulen, chr Ausdruck ist die ^Deutsche Hochschul st atistik*) Rch umfaßt sie bisher nicht die Dozenten. Roch nie vorher ist aber auch nur annähernd in solcher Vollständigkeit ein so weit chichtiges, seingeg'ied:rtes Zah enw:rk über die Studierenden vorgelegt worden, sei es daß sie an Universitäten, sei eS an technischen, sorstlichcn, landwirtschalllichen, terärztihen. philosophisch theologischen und Handelshochschu­len an pädagogischen und Bergakademien imma­trikuliert sind. Aus Grund einer für sämtliche deutschen Hochschull fader gültigen Zählkarte für Studierende sind sie nach einheitlichem Plan erfaßt In die Zukunft weist die Tatsache, daß die Gesamtübersichtcn aus dem ersten dieser Berichte, der soeben sür das Sommersemester 1928 er­schienen ist. den Teilnehmern an der Hochschul- konferenz in Villach im September dieses Jahres als Sonderdruck überreicht worden find.

So verwirrend die Menge von mehreren hun­derttausend Zahlen zunächst wirkt, so schnell finöet sich der Benutzer dank chrer durch ichtlgen An­ordnung in ißnen zurecht. Sie sind sowohl für jede Hochschule gesondert, als auch nach Landern und für das Reich zusammen gefaßt, und zwar nach den mannigfachsten Gesichtspunkten, wie: Lebensalter. Studienalter. religiöse Zugehörig­keit. Vorbftdung, Derufsziel, gegenwärtige Staatsangehörigkeit, nach gegen Entgelt aus ge­übter Beschäftigung und nach Beruf und De- rufsstellung des Vaters. Vergleichszablen aus den Jahren 1924/27 und 1911/12 bilden eine wertvolle Ergänzung

Welchen Zwecken kann nun diese Hochschul- statistik. die am Schluß jedes Semesters erscheint, nutzbar gemacht werden? Ein paar Beispiele mögen Antwort dienen.

Täglich wird, und zwar von allen Berufs- Vertretungen, geklagt, daß der Andrang der Be­werber beängstigend wachse. Das einfachste Wittel aU deren Abwehr bietet sich scheinbar in der Einführung efaes Berechtigungszwanges. so wenn, wie es kürzlich vorgekommen ist. eine Schuh­macherinnung von ihren Lehrlingen statt abge- schlosiener Dol sschulbildung Ober ekun'a-Rel^ verlangt ober für andere Laufbahnen statt Prima- Reife das Abiturium gefordert wird. So wird Die Abwehr in gewissem Maße zwar erreicht. Die Folge ist aber eine wachsende Ueberfullung der Hochschulen, insbesondere der Universft^ten. Wer nämlich die Obersekunda erreicht haft arbeitet sich schließlich auch zur Reifeprüfung durch, und wer diese hinter sich hat, will aufs Studimn nicht verzichten, selbst wenn er vorher nicht daran gedacht hat. Die Zahl der Studierenden wächst unheimlich. Heber 53 000 allem auf den deutschen Universitäten im Sommersemester 1928, nämlich 71270 männliche und 12 0p2 weibliche gegen rund 55 002 (52 654 männliche und 2464 weibliche) im Sommersemcster 1911: das ist War­nung genug, zumal sich die Zahlen von 1911 auf das alte Reichsgebiet beziehen. Auch für die Studenli men gilt diese Warnung; denn wenn sie auch in Preußen erst 1903 immatrckulat.onsfahig wurden und sich ihre starke Zunahme hum Teil aus der dadurch gegebenen Eröffnung vieler Be- rufe erklärt, so ist doch eine Vermehrung um etwa 500 Prozent entschieden ungewöhnlich.

* Deutsche Hochschulstatistik. Mit textlichen Er­läuterungen und graphischen Darstellungen. Her­ausgegeben von den Hochschulverwaftungen. Sommerhalbjahr 1928. Struvpe & Wmckler, Berlin 1928.

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