Oktober 1934
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Nr. 150 viertes Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, 29. Znni 1929
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Wandem und Reisen - Bäder und Sommerfrischen.
Im Hochwald Stisters.
Von Friedrich Schnack.
3m Hnterkunftshaus des Dreisessels, einer der schönsten und höchsten Erhebungen desDayerischen Woldes, erwachen die Massenschläfer mit bajuwarischem Gejuchze, aber noch ehe der laute Schwarm ausfliegt, brechen wir bei frühem Morgenlicht auf und schlagen uns den Grenzweg zwischen Bayern und der Tschechoslowakei entlang.
Rot und golden rollt die Sonne über die schwarze Woldfinsternis empor und feuert ihren starken Blick in das uralte Geheimnis der hohen Wälder, die von den Bergen des Bayerischen Waldes nach Böhmen und Oesterreich hinab- steigen. Der goldene Durst des Lichtes stäubt in die Wipfel, der Fittich des Frühwindes streicht leise und ein wenig schläfrig über die zackigen Fichtenkuppen. Bon den harzig glänzenden Zweigen trieft goldflüssiges Licht, der Himmel über dem Riß das Waidsteigs färbt sich glasblau. 3m Wald an beiden Wegseiten flackern die Schatten bizarr, unmutig und weichen vor der schärfer werdenden Sonne.
Kniehoch und zuchtlos steigt das Heidelbeer- kraut, in dem niemals eine Ernte gehalten wird. .Heber die wüst hingewälzten grauen, moosbeschlagenen Granitblöcke dunkelt der dichtstämmige Wald empor, der keine Forstkultur kennt. Die rauhe Flechte klettert die starken, mastbaumschlanken Hochwaldfichten hinauf und friht sich bis in die junggrün aufzuckende Krone. Alle Moosbärte hängen zottig im Geäst, das weit auslangt und sich tausendfach verfitzt und verheizt. Die Seele des Waldes atmet Mittelalter, düstere, wilde Zeit des Dreißigjährigen Krieges: alte Holzschnitte haben so schwermütige, krausbärtige, wilde und riesige Bäume.
3ch möchte im Abend unter ihnen ein Zigeunerfeuer flackern sehen, düsterrot züngelnd, phantastisch, in wilder Romantik. Altersschwache Stämme brechen nieder, im dumpfen Fall aufge- haltcn von einem jungen, aufstrebenden Baumgeschlecht. Fohl schimmern die von der Der- wesung entschälten Bäume. Kreuz und quer sanken die Toten des Waldes in den Moosgrund: der Moder zermürbt sie, der Wurm zernagt sie, die Feuchtigkeit quillt in ihr hohles Mark, das Beil des Winters hat sie gespalten, das Feuer des Sommers versengt und gebleicht. Sie werden zu Asche, ohne daß sie die Lohe verbrannte. Durch ihren Staub und Zunder kriechen die Wurzelschlangen, rostig und grün rollt sich das Farnkraut auf. die Moosdecke wächst über sie fort, Jahr um Jahr. Waldhüter und Holzfäller entfachen hier nicht ihre lustigen Feuer im Mittag. Der Wald kennt nicht den Schrei der Säge und das Kerbzeichen des Rodmeisters. Er lebt geheimnisvoll, tief und grün, in einer großen, urwaldhaften Einsamkeit. Phönixgleich rauscht sein tiefes Leben durch die Zeit: er verzehrt sich selbst, mystisch und unablässig, und keimt und toäcbit aus seiner fruchtbaren Asche hervor. Unnahbar rauscht er auf den Bergen, wo die Stein- ungeheuer sich ducken und die Maren Wildbäche gurgeln.
Der bayerische Grenzpfahl ist von Dogelkalk geweißt. Hier stoßen drei Länder zusammen:
Bayern, Oesterreich, Tschechien: drei Schritte im Winkel und ebensoviele Länderstriche sind durchquert.
Der Himmel ist enzianblau. Der Frieden liegt im Wald vergraben: seine alte, steingeschmückte Goldkrone blitzt unter Moos im Steingeröll. Der Wind kommt und duftet nach Harz und Rinde. Tiefer im Osten glänzt der Himmel durch die Bäume. Breiter wirft sich jetzt wehende Luft herein, die blaue Brust des Himmels säugt mit strahlendem Licht ein offenes Land: Böhmen.
Die Fichtenwaldung stürzt in die Tiefe und umfängt einen glänzenden, langgestreckten See, der wie ein blauer Edelstein in den böhmischen Wäldern schillert. Hier rauscht Stifters herrlicher „Hochwald", gebadet im Licht, hier stürzt die „steile Felswand" hinab, nach der der Dichter sich sehnte, hier haben ihm deutsche Freunde in den Jahren 1876/1877 einen Obelisk gesetzt: „Adalbert Stifter, dem Dichter des „Hochwald". Auf diesem Anger, an diesem Wasser ist der Herzschlag des Waldes."
Die zweite, seinem Werk entnommene 3nschrift, ein Klang von Weltvergessen und Raturverloren- heit: „Liege in hohes Gras gestrecket, schaue sehnend nach der Felswand". Hier auch in der Rähe muh des Dichters schöne Waldstelle „Der betriebene Tännling" grünen, „ein großer Fleck, der auf der Seite des böhmischen Landes liegt". Einen Tännling nennt man in der Gegend eine junge Tanne, die jedoch nicht größer sein darf, als daß sie noch ein Mann zu umfassen imstande ist. Wenn nun ein Wanderer wirklich zu der Stelle geht, auf welcher es „zum beschriebenen Tännling" heißt, so sieht er dort allerdings eine Tanne stehn, aber dieselbe ist kein Tännling mehr,
Zu dem Dornröschenschloß, das auf dem bekannten Bilde Hbbelohde s vom schlafenden Dornröschen dargestellt ist, hat der Maler den Schloßhof von Weilburg a. d. Lahn als Motiv benutzt. Weilburg ist eines der verträumtesten romantischen Städtchen an der Lahn, für das schon Goethe geschwärmt hat.
3n einer Kapelle zu Altötting, dem berühmten bayerischen Wallfahrtsort, ist einer der berühmtesten Feldherrn des 32jährigen Krieges, Tilly, beigeseht. Hinter einem Glassarg schläft der Feldherr: sein Leichnam macht heute einen mumienartigen Eindruck, die Gewandung ist aber noch tadellos erhalten. 3n der Schatzkammer von Altötting befindet sich das „Goldne Röß'l", die wertvollste und reichste französische Goldschmiedearbeit aus der Zeit der Spätgotik um das Jahr 1400. Der reale Goldwert des Schaustücks beträgt 19 000 Mk.. der Kunstwert wird aber auf mehrere Millionen Mark geschäht.
3n Lorch in Württemberg steht vor dem 1102 gegründeten Kloster eine 1000jährige Linde, die Barbarossa-Stausen-Linde genannt Sie grünt in jedem Frühjahr und spendet weit
sondern ein riesenhaft großer und sehr alter Baum, der gewaltige Aeste. eine rauhe, aufgeworfene Rinde und mächtige in die Erde eingreifende Wurzeln hat. Den Ramen „beschrieben" mag die Tanne von den vielen Herzen, Kreuzen, Ramen und anderen Zeichen erhalten haben, die in ihrem Stamme eingegraben sind. Der beschriebene Tännling steht mitten in dem stillen Walde und die anderen Tannen stehen tausendfach und unzählig um ihn herum. Ost mögen sie noch größer und mächtiger fein als er. Der Wald, dem sie angehören, ist ein Teil jener dunkelnden, großen und starken Waldungen, die über den ganzen emporgehobenen Landstrich gebreitet sind, der sich zwischen Böhmen und Bayern dahinzieht.
Der Blick fliegt über ein Helles, sanftes Tal: in der verblauten Ferne windet sich die silberglänzende Schlange der Moldau und in der östlichen Tiefe schlagen die blaßblauen Wogen böhmischer Berge empor. Bier Stunden entfernt an der Moldau liegt Stifters Geburtsort Oberplan, in dem er 1805 als Sohn eines Leinenwebers zur Welt kam. 3n Linz war er Schulrat für Oesterreich. 1868 starb er. Richt jeder Magister wirkte so lebendig ins Volk wie er. der sich durch seine heiße Raturliebe die Unsterblichkeit erdichtete, lieber der Felswand raunt und geistert sein sonnendurchglühter, atmender, vogeljauchzender, unsterblicher „Hochwald".
Seine Felsblöcke schlafen. Seine Wasser klingen...
Sein See leuchtet aus blitzendem Traum. Der panische Myrgen öffnet ein zärtliches Herz. Der heilige Geist der Erde flammt aus Säften und Seimen: seine feurigen Zungen tönen lautlos, leuchtend und voller Waldweisheit...
hin Schatten, obwohl sie der Blitz zweimal traf, am 1. Rovember 1755 (Erdbeben Lissabon) und 1. Rovember 1870 (Einnahme von Metz).
3n Tittmoning an der Salzach ist im Kanonikatsgebäude ein vorzüglich erhaltener, mehrfarbiger Mosaikfußboden mit geometrischen und anderen Mustern aus der römischen Kaiserzeit erhalten.
Ein Gartenzaun aus Walfischknochen ist nicht alltäglich. Auf der Rordseeinsel Borkum besitzt ein Fischergehöft eine solche Einzäunung. Die Walfischknochen sind in die Erde gerammt, eine Erinnerung an die Zeit, da von Borkum aus noch Walfang betrieben wurde.
Ein ncncs Naturschutzgebiet.
Die im Kreise Verden bei Kirchlinteln gelegene Nomelsener Machangelheide ist jetzt zum Naturschutzgebiet erklärt worden. Das Gebiet wurde vor dem' Weltkrieg zuerst von Bremer Wandervögeln entdeckt, die hier unter den tausenden herrlicher , Machangelbäume ein kleines Wochenendheim eingerichtet hatten. Heute steht an der Stelle ein schlichtes I Denkmal der Gefallenen dieser Wandereroereinigung.
Reisen im Ausland.
Von Liesbet Dill.
Nachdruck verboten.
Wir sollten uns doch einmal von der Vorstellung frei machen, daß es irgendwo im Auslande für uns Deutsche billiger sei... Aus diesem Grunde zieht es viele über die Grenzen ihres Landes hinaus. Eie haben einmal irgendwo gelesen, oder einer hat ihnen erzählt, wie billig sich's jetzt mit deutscher Reichsmark in Jugoslawien lebt, in Paris hat man den Damen die seidenen Kleider — und was für Kleider! — gar geschenkt.... 3n 3talien gibt es Pensionen, da lebt man für ein paar Lire am Tage: und für Oesterreich sind wir ein Balutaland. Dort gilt der Schilling wie bei uns die Mark. Und dann reist man hin. und will teilnehmen an dem großen Ausverkauf, der Inflation, an denen noch andere Länder verdauen ... Aber man findet überall dasselbe ... Heberall in jenen Ländern hat man inzwischen dieselbe Bewertung der Dinge vorgeiwmmen, und den Ausverkäufen hat man längst Barrieren gesetzt ... Cs gibt keine Ausverkäufe mehr.
3ch fand in Wien an Geschäften ein Schild: „Ich verschleudere Schuhe": aber wenn man hineinkam, fand man dieselben Preise wie bei uns. Die billigen Schuhe waren weder schön noch haltbar, und die schönen waren sehr feuer. Schuhe für 40 bis 50 Schillinge kann man in derselben Art bei uns kaufen, ohne daß man über die Grenzen fährt und sie noch verzollen läßt... Was für Sagen waren über das billige Frankreich verbreitet. Als man hinkam, fand man die Preise den unseren durchaus angemessen. Wenn auch Vereinzelte so geschickt waren, Kleider für 25 Mark zu finden, und in den besten Hotels für 20 Franken ein Zimmer bekamen: ich selbst habe in Paris in kleinen Hotels, deren Einrichtung und Sauberkeit durchaus nicht immer unseren landläufigen Begriffen entsprechen, obwohl man jetzt überall fließendes Wasser bis in die Mansarden dort vorfindet, für ein einbettiges Zimmer immer sechs bis zehn Mark bezahlt, in großen, eleganteren Hotels hundert Franken, also 16 Mark ohne Frühstück oder Bad. In der französischen Provinz, der Bretagne, im Innern Frankreichs, bekommt man ganze Pension von vierzig Franken ab, die ausgezeichnet ist, aber vierzig Franken sind acht Mark, und dafür hat man auch bei uns, im Harz, in Thüringen, an der Ostsee, ja auch an der Rordsee in der Vorsaison, in Badeorten wie Wiesbaden, eine sehr gute ganze Pension. Billiger in Frankreich sind nur die Autos, die Eisenbahn, und in Badeorten die Quellenbäder, die mit Wäsche und Trinkgeld 75 bis 90 Pfennige kosten.
Heber d i e „M e n us" in Frankreich wird immer viel gefabelt. Wer viel im Lande dort herumreist, nicht allein in dem. für Frankreichs Verhältnisse durchaus nicht allein maßgebenden Paris, wird zwar vielgängige, blenbcnMange Speisefolgen vorfinden, von denen er aber kaum satt wird. Zwei junge Deutsche, die im Frühjahr eine Radfahrreife durch Südfrankreich machten, berichteten mir, sie seien nirgends satt geworden. Als sie in Marseille einen Burger fragten, wo
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