schaftliche Tragweite noch gar nicht zu übersehen waren, sollten jetzt Wahrheit, Wirklichkeit, Tatsache werden. Diese fürchterlichen „Friedens- bedingungen" trotz Wilsonpunkten, trotz Wilson- Programm, trotz Lansings, des amerikanischen Staatssekretärs, amtlicher, feierlich im Ramen der Ententeregierunden gegebenen Versicherungen. Der uns verheißene „Friede der Gerechtigkeit und des Wiederaufba ues" war vergessen, versunken und statt dessen wurde — Versailles die „magna Charta" Europas.
Dafür hatte Deutschland vier Jahre gekämpft, gefochten, geblutet. Dafür lag unsere blühende Äugend unter dem Rasen. Dafür war all das namenlose KriegSelend über uns gekommen. Ein „vae victisl", das einen siegestrunkenen Drennus schamrot hätte werden lassen. Einstimmig hatten nicht nur alle Mitglieder der deutschen Friedensdelegation, sondern auch sämtliche Parteien der Vationalversammlung im Mai gegen die „Friedensbedingungen" von Versailles protestiert. Mit den schärfsten Worten hatte das Haupt der damaligen Reichsregierung, der Reichsministerpräsident Philipp Scheidemann, das „befristete Todesurteil^, den „Hexenhammer", den „Mordplan" von Versailles gegeißelt. Ganz Deutschland war noch vor wenigen Wochen einig und geschlossen in der Verurteilung und Ablehnung des Versailler „Friedens" gewesen und nun nahm dasselbe Deutschland dennoch das drakonische Diktat an.
Trotz klarstem Sonnenschein und wärmstem Wetter fühlen wir tiefe Finsternis in uns. Schwarze, schwere Wolken scheinen uns zu umgeben, wie dichter stickiger Rebel, der uns am Atmen hindert. Endlos dünkt die entsetzliche Stunde. Zaudernd, trovfenweis verstreichen die Minuten. Immer noch diese Totenstille. Gaumen, Stirne, Augen brennen. Der Puls fliegt. Jeder Rerv spannt sich.
Plötzlich zerreist ein dröhnender Schuß die bange Stille. Hunderttausendstimmiges Vivatrufen. Alle Glocken läuten. Die Marseillaise. Vive la France! Jubeln. Jauchzen. Die 101 Kanonenschläge des französischen Siegessaluts. Immer lauter der Jubel, das Glück der Menge. Bald hört man Bewegung in die Messen kommen. Siegestrunken ziehen viele Tausende bei uns vorbei und rufen freudig herauf: „Le Boche paiera tout! — Der Deutsche zahlt all^l" Dange, bittere Zweifel an der ewigen Gerechtigkeit durchbeben unsere Brust. Eine neue Zeit bricht am Versprochen der gerechte, Wiederaufbauende Frieden — und das deutsche Volk versklavt auf viele Jahrzehnte hinaus. Wer diese furchtbaren Stunden fühlend erlebt hat, den hat „der Menschheit ganzer Jammer" angepackt.
Das war Versailles. 10 Jahre, 10 bange schwere Jahre sind seit diesem Tage vergangen. Genau so, wie wir es damals gefühlt und vorausgesagt haben — wenn nicht schlimmer — ist alles eingetroffen. Roch heute das halbe Rheinland und drei rechtsrheinische Brückenköpfe beseht, Ostpreußen und das Saargebiet von uns getrennt. Der wertvollste Teil Oberschlesiens entrissen und all die Grenzlande in die Hand unserer Gegner trotz Wilson „verschoben, wie Steine in einem Brettspiel". Roch auf ein halbes Jahrhundert Trioutzahlungen und Frondienst des deutschen Volkes — und heute verlangt die Welt bon uns, daß wir begeistert dem zustimmen sollen, was sie „große Erleichterungen" im Augenblick nennt — und vergißt dabei, daß eine noch ungeborene Generation Deutscher verblassen wird, bevor die deutschen Kriegsentschädigungszahlungen aushören sollen.
Wie hat unser bekannter Verhandlungsgegner aus Versailles, der englische Änterstaatssekretär Professor I. M. Keynes, über den Versailler Frieden geurteilt: Die Politik, ein großes zivilisiertes Volk in Abhängigkeit und Schuldfron zu führen, es auf viele Jahrzehnte hinaus in der Knechtschaft halten zu wollen, ist nicht nur ungerecht und unsittlich sondern auch kurzsichtig und dumm.
Spielplan der Frankfurter Theater.
Opernhaus. Sonntag, 30. Juni, von 17,30 bis gegen 23 Ähr: Abschieds-Zyklus Clemens Krauß: Die Meistersinger von Rürnberg. Montag, 1. Juli, von 19,30 bis 22,45 Ähr: Die Fledermaus. Dienstag, 2.» von 19,30 bis gegen 22,30 Ähr: Das Mädchen aus dem goldenen Westen.
Mittwoch, 3., von 19,30 bis 22,30 Ähr: Pulcinella : hierauf Der Jahrmarkt von Sorotschintzi. Donnerstag, 4., von 20 bis 22,45 Ähr: Cavalleria rusticana; hierauf: Der Bajazzo. Freitag, 5., von 19 bis nach 22,30 Ähr: Die Jüdin. Samstag, 6., von 19,30 bis gegen 23 Ähr: Die Zauberflöte.
Schauspielhaus. Sonntag, 30. Juni, von 20 bis gegen 22,15 Ähr: Der Mann, der seinen Ramen änderte. Montag, 1. Juli, von 20 bis gegen 22,15 Ähr: Katharina Knie. Dienstag, 2., von 20 bis gegen 22,15 Ähr: Der Mann, der seinen Ramen änderte. Mittwoch, 3., von 20 bis gegen 23 Ähr: Wilhelm Teil. Donnerstag, 4., von 19 bis gegen 22 Ähr: Wilhelm Teil. Freitag, 5., von 20 bis gegen 2,15 Ähr: Der Mann, der seinen Ramen änderte. Samstag, 6., von 20 bis gegen 22,15 Ähr: Kater Lampe.
Blindenkonzert.
Das Konzert blinder Künstler am Donnerstagabend im Saale des Caf6 Leib war bis auf den letzten Platz besetzt, ein erfreuliches Zeichen für das Interesse, das man den künstlerischen Darbietungen vom Schicksal schwer geprüfter Menschen entgegenbringt. Änverständlich aber ist das Verhalten einiger Zuhörer auf der Galerie, die sich während der Beethoven-Sonate ungeniert laut unterhielten und somit bewiesen, daß sie den Ernst der Veranstaltung nicht begriffen hatten. Die Vortragsfolge war recht ge- schmack- und stilvoll zusammengestellt. Beethovens 1. Sonate(O-Dur) für Violine und Klavier stand an der Spitze. Gustav P r o b st (Violine) und Fräulein Leonore Müller (Klavier) spielten sie mit großer Hingabe und feiner Ruancierung. Ihr Zusammenspiel war ausgeglichen und sauber. Die Romanze in 0-Dur von Beethoven, die Reverie von Dieuxtemps und eine Ballettszene von Deriot wurden von Herrn P r o b st ebenfalls mit sicherer Auffassung und gutem technischen Vermögen wiedergegeben und von Frl. Müller trefflich begleitet. Zwischen den einzelnen Violin- stücken sang Frl. Ellen Propst (Sopran) Lieder von Schubert, Mendelssohn und Brahms. Ihre recht ausdrucksvolle Stimme ist tragfähig und hat Kraft. Schuberts „Wohin?" und Brahms' „Von ewiger Liebe" hinterließen einen besonderen Eindruck. Zum Schluß sang sie noch zwei Lieder von Goltermann und Reinicke mit Violin- und Klavier-Begleitung. Auch diese Stücke Hangen abgerundet und im Zusammenspiel sicher. Ganz besonders verdient aber die Leistung der Pianistin (Leonore Müller) hervorgehoben zu werden, die ihrer schweren Aufgabe, die mannigfachen und nicht immer leichten Begleitungen aus dem Gedächtnis zu spielen, in verblüffender Weise gerecht wurde. Gerade das Auswendigspielen von Begleitungen erfordert neben zähem Studium besondere Befähigung und Gedächtniskraft, die hier in großem Matze vorhanden ist. Den drei Ausführenden ist zu wünschen, daß sie auch an anderen Orten immer so gut besuchte Konzerte haben. Das Publikum war recht dankbar für die verschiedenen Darbietungen und spendete herzlichen und wohlverdienten Beifall.
Tagung des Hessischen Sparkaffen- und Giroverbandes.
WER. Lauterbach, 27. Juni. Hier fand die Hauptversammlung des Hessischen Sparkassen- und Giroverbandes statt. Der Vorsitzende, Iustizrat Dr. Reh, erstattete nach kurzen Begrüßungsworten den Geschäftsbericht, in dem festgestellt wird, daß die fortschreitende innere und äußere Stärkung der Sparkassen auch im Jahre 1928 angehalten hat. Auch sind in 1928 die Spareinlagen weiter gewachsen. Sie betrugen Ende 1928 166 674 000 Mk. gegen 114 752 000 Mk. im Jahre 1927. Somit ist ein Zuwachs von 51 922 000 Mk. festzustellen. Bemerkenswert ist weiter, daß die Sparkassen sich mehr und mehr der Ausgabe langfristiger Darlehen zugewendet haben. Der Förderung des Wohnungsbaues haben sich die Sparkassen im verflossenen Jahre besonders gewidmet. Insgesamt betrugen die für Wohnungsbauzwecke gewährten Darlehen etwa 27 Millionen Mark. Sehr rege war auch die Tätigkeit der Sparkassen auf dem Gebiete der Lebensversicherung. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Entwicklung der hessischen Sparkassen im vergange
nen Jahre befriedigend gewesen ist. Im Anschluß an die Erstattung des Geschäftsberichts hielt Direktor Seipp einen Vortrag über „Die Geldwährung". Er hob besonders hervor, daß der Voung-Plan unsere finanziellen Verpflichtungen endlich geklärt habe, so daß wir uns danach einstellen könnten. Weiter folgte noch ein Vortrag über das neue Sparkassengeseh, der für die Teilnehmer der Tagung von Interesse war. — Im Anschluß an die Tagung fand die Einweihung des neuen Lauterbacher Sparkassengebäudes statt, dessen kassentechnische Einrichtung unter den Bezirkssparkassen des Hessenlandes seinesgleichen sucht.
Erweitertes
Schöffengericht Gießen.
Gießen, 26. Juni. Änter Ausschluß der Oefsentlichkeit wurde gegen einen Familienvater verhandelt, der versucht hatte, ein geisteskrankes Mädchen zu mißbrauchen. Der Angeklagte ist noch unbestraft. An dem fraglichen Morgen hatte er ziemlich viel Lllkohol zu sich genommen. Änter Zubilligung mildernder Ämstände wurde gegen ihn auf eine Gefängnis st rase von vier Monaten erkannt.
Auch die nächste Verhandlung fand wegen Gefährdung der Sittlichkeit hinter verschlossenen Türen statt. Ein 55jähriger Mann wurde wegen an seiner Stieftochter begangener Blutschande zu vier Monaten Gefängnis verurteilt.
Ein wiederholt vorbestrafter Arbeiter, der bei einer mit der Ausführung von Installationsarbeiten beauftragten Firma Hilfsarbeit leistete, hatte, dieser mehrere Kilogramm Reublei entwendet. Zwar bestritt er den Diebstahl und will nicht gewußt haben, daß er in den Besitz des bei ihm Vorgefundenen und beschlagnahmten Reubleis gewesen ist. Doch wurde dem Angeklagten nachgewiesen, daß er mit Änterstützung eines anderen Arbeiters sich das Blei verschafft hatte. DaS Gericht erkannte gegen ihn wegen Rückfalldiebstahls auf vierMonateGefängnis..
Aus der Äntersuchungshaft vorgeführt wurde ein sehr häufig vorbestrafter Gelegenheitsarbeiter, der seit feiner letzten Entlassung aus der Strafanstalt als Landstreicher umhergezogen ist und durch Diebstähle und Betteln sein Leben gefristet hat. Im Frühjahr war er auch in dem hiesigen Obdachlosenasyl, wo er geherbergt hatte, eingebrochen, wobei ihm eine Reihe von Gegenständen in die Hände fieL Zuvor hatte er auch auswärts zwei Diebstähle begangen. Schließlich gelang es, ihn in Offenbach festzunehmen, wo er sich unter einem falschen Ramen im Gefangenenbuch eintragen ließ. Wegen eines schweren Rückfalldiebstahls, zweier einfacher Diebstähle und wegen intellektueller Ärkundenfäl- schung wurde er unter Zubilligung mildernder Ämstände zu einer Gesamtstrafe von einem Jahr sechs Monaten Gefängnis verurteilt, außerdem erhielt er wegen Landstreicherei und Bettelns Haftstrafen von je zwei Wochen.
Amtsgericht Gießen.
* Gießen, 25. Juni. Zum zweitenmal wurde gegen einen Landwirt aus der Ämgegend verhandelt, weil er auf der Straße nach Rödgen in der Rähe des sog. Professorenrcks in zwei Fällen den Fußsteig mit seinem Pferdegespann befahren hat. Es'handelt sich um eine geteerte Fahrstraße, deren Benutzung namentlich an der hier fraglichen Stelle nach Ansicht des Angeklagten und auch anscheinend nach Ansicht einer großen Reihe von an dem dortigen Straßenverkehr beteiligten Landwirten aus Rachbarorten für Pferdefuhrwerke gefährlich sei insofern, als dort infolge der durch den starken Autoverkehr veranlaßten Glätte die Pferde zu Falle und die Landwirte leicht zu großem Schaden kämen, und tatsächlich auch schon zu solchem gekommen seien. Deshalb will der Angeklagte gezwungen gewesen fein, die Fahrstraße zu verlassen und das Bankett zu befahren: er will gewissermaßen in einem Rotstand gehandelt haben, der seine Freisprechung begründe. Die Beweisaufnahme ergab, daß die fragliche Stelle allerdings schon Anlaß zu Beschwerden gegeben hat, so zu solchen des Tierschutzvereins und
von Pferdeversicherungen, daß auch das Passte^ ren der dortigen geteerten Straßenstrecke mit geringem Gefälle infolge der Glätte für ben Angeklagten mit Schwierigkeiten verbunden gewesen sein mag, daß dieser aber doch recht wohl in der Lage war, den Schwierigkeiten, welche, will die Baubehörde nicht ganz auf den Oberflächenschuh der Straßen verzichten und nicht nur dem Fuhrwerksverkehr Rechnung tragen, trotz dahingehender Versuche nicht zu vermeiden sind, mit Erfolg zu begegnen und das Fuh- bankett zu meiden. Der Angeklagte hat aber nicht gebremst, auch die Zügel nicht angezogen, er blieb auch auf dem Wagen sitzen, obwohl er als vorsichtiger Fuhrmann an der fraglichen ihm bekannten Stelle hätte absteigen müssen, um das Pferd, wenn es nottat, am Kopfe zu führen. Rach alledem lag für den Angellagten nach Ansicht des Gerichts keinerlei Strafausschließungsgrund, namentlich kein Rotstand, dessen Voraussetzungen gänzlich fehlten, höchstens ein Strafmilderungsgründ vor. Eine gegenteilige Ansicht würde im Straßenverkehr zu den bedenklichsten Konsequenzen führen. Der Angeklagte erhielt Geldstrafen von je 3 Mark.
Preußen.
Kreis Wetzlar.
WSN. Wetzlar, 28. Juni. Der Kreisarzt hat wegen Scharlachgefahr die Schließung der Wetzlarer Volksschulen angeordnet.
J Wetzlar, 27.Juli. Ein tragischer Zusammenstoß eines Automobils mit einem Radfahrer ereignete sich heute mittag in der Bahnhofstraße, Ecke Bannstraße. Der Sohn des hiesigen Kommissärs Neuhaus kam mit seinem Personenkraftwagen aus der Stadt und wollte zum Bahnhof. An der Kreuzung der Bahnhofstraße mit der Bannstraße kam aus dieser der Arbeiter Kolb auf seinem Fahrrad, um ebenfalls in die Bahnhofstraße einzubiegen. In diesem Augenblick kam der Kraftwagen heran, und es gab einen fürchterlichen Zusammenstoß. Der Versuch des Kraftwagenführers, im letzten Augenblick zu bremsen, mißlang: der Wagen packte den Radfahrer und drückte ihm mit den Rädern den Kopf so stark zusammen, daß Teile des Gehirns herausgepreßt wurden. In schwerverletztem Zustande wurde der bedauernswerte Mann in das nahe gelegene Hotel Kaltwasser verbracht, wo er kurze Zeit darauf verschied. Sofort eingeleitete polizeiliche Feststellungen und photographische Aufnahmen werden über die Schuldfrage Klärung herbeiführen.
Oie $rau im Streit erstochen.
Frankfurt a. M., 28. Juni. (WTD. Draht- bericht.) Der Arbeiter Josef Grün aus der Gneisenaustraße, der bei seiner Schwiegermutter mit Frau und Kind wohnt, erstach in der vergangenen Rächt nach einem vorauf gegangenen Streit seine Frau mit einem Küchenmesser und verletzte fein ach tjähr iges Töchterchen. Er stellte sich dann selbst der PolizeL
Berliner Börse.
Berlin, 29. Juni. (WTB. Funffpruch.) Rach- dem schon gestern abend das Geschäft sehr stillen Charakter gehabt hatte, ist man auch heute vormittag zurückhaltend. Man nennt vorläufig ziemlich unveränderte Kurse, rechnet aber mit Deckungen am Tietz-Markt, durch die auch die Allge- meinftimmung dann eine Besserung erfahren könne. Besondere Anregungen liegen heute nicht vor. An Kursen hörte man Siemens 396 bis 397 (etwa) und Farben 239,5 (etwa). Am Devisenmarkt nannte man heute London gegen Paris 123,89, London gegen Madrid 92,65, London gegen Spanien 34,25, London gegen Amsterdam 12,08, London gegen Schweiz 25,2025, London gegen Kabel 4,8485, London gegen Berlin 20,3460. Kabel gegen Berlin 4,1950, 4,1955, und Tokio gegen Kabel 43,70._____________________________
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