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Nr. 150 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger tGeneral-Anzeiger für Gberheffen)

/ Samstag, 29. Zuni 1929

Aord und Süd.

Don Robert Hohlbaum.

Bisher haben zum Anschluhproblem fast ausschließlich Politiker das Wort gehabt. Die Frage ist jedoch nicht nur eine poli­tische, sondern vor allem eine eminent kul­turpolitische, kulturelle. Es wird da­bei weiteste Kreise interessieren, was ein österreichischer Dichter, einer der leiden­schaftlichen Dorkämpfer der Anschlußbewe- gung über den kulturellen Gegensatz von Rord und Süd und über die stimmungs- mähigen Momente des inneren Anschlusses zu sagen hat.

Es tut uns Oesterreichern gut, einmal aus den engen Pfählen unseres unmöglichen Staatsgebil­des herauszukommen. Eine Dortragsreise führte mich quer durch Deutschland bis an die Grenze im Rorden und rief mir alles ins Gedächtnis, worüber ich mir schon theoretisch den Kopf zer­brochen hatte, alles, was uns bindet, alles auch was uns trennt. 3d> bin, bei Gott, nicht der erste, der dies tut. Sicher auch nicht der Eigenartigste und Geistreichste. Was ich hier sage, ist vielleicht vor mir schon von manchem anderen gesagt wor­den. Ich weih es nicht. Ich meine nur, darüber kann nicht oft und vielfach genug gesprochen wer­den. Und schließlich hat doch Wohl jeder das Recht, sich zu dieser uns allen im Herzen bren­nenden Frage zu äußern, vorausgesetzt, daß er guten Willens ist und die Liebe hat.

Süddeutschland. Hier sind wir Wohl daheim, hier pulst der gleiche Rhythmus wie in Oesterreich. Wenigstens ein Teil davon. Wir müssen nur ganz sorgsam in uns hineinlauschen, denn in uns braust ein reicheres und daher ver­wirrenderes Orchester als in München und Stutt­gart. Man höre einmal unsere Philhar­moniker! Abgesehen von aller technischen Vollendung, die natürlich in ein anderes Kapitel gehört, besteht ihr viel gerühmter Zauber wohl aus dem berückenden Reichtum. Der Grund­klang ist sicher deutsch. Aber viel andere Schat­tierungen spielen wohl noch darein, das ma­gyarische Feuerrot, das slavische Dunkelviolett, das polnische Gelb, italienische, spanische, tür­kische Farben mengen sich zu einer Skala von berückender Schönheit. So dirigierte Mahler. Er holte alles dies heraus. Hören wir das Münchener Orchester, so bleibt nur der deutsche Grundton übrig, vom General Knap- pertsbusch kommandiert. Den müssen wir auch aus uns heraushören, müssen zur Erkenntnis kommen, daß er allein Basis und alles andere Rebenwerke ist.

Zum Süddeutschen führen viele Brücken. Auch zum Mitteldeutschen noch. Am nächsten von al­len steht uns wohl der Rheinländer. Ein großer Strom, Weinberge, und etwas fremde Blutmischung hier wie dort, impulsives offenes Temperament, dies sind so starke Gemeinsam­keiten, daß sie das Trennende, Realismus und Weltfreude trüben, sentimentale Romantik und ein wenig verhüllten Weltschmerz bei uns, ver­gessen lassen. Das wird im ersten Augenblick be- sremdend erscheinen, denn in der landläufigen Meinung ist ja der Oesterreicher ein Sanguiniker, die lustige Person des Welttheaters schlecht weg. Wer uns aber.näher kennt, weiß, daß dies eigentlich nur Maske ist. Im Grunde genom­men hockt in uns ein tieferPessimismus. Alles dasRaunzerische" des Oesterreichers ist daraus zu erklären. Er ist im Grunde gar kein Querulant, sondern eigentlich ein tief unglück­licher Mensch, einer, den man jahrhundertelang zu einer gewissen äußerlichen Zufriedenheit dres­siert hat, während er im Innern das dumpfe Gefühl trug, daß er eigentlich doch zu etwas Bes­serem geboren fei und seine Tage verludere.

Keiner, dcr nach der deutschen Einigung in­nerhalb des geeinten Landes leben durfte, wird

Nachts über Berlin.

Von Michael Geyer.

In der Zufohrtstraße zmn Flugplatz tragen alle Strahenbahnmasten an der Spitze rote elektrische Lampen eine flimmernde Girlande längs des Tempelhofer Feldes. Am Flughafen bekommen wir die Erklärung für diese festliche Beleuchtung: es sind neue Signale, die den Piloten bei Racht- landungen vor Hindernissen warnen sollen.

Aus der Dunkelheit des Platzes, die von ver­streuten roten, weihen und grünen Lichterir nur wenig unterbrochen wird, schimmern die stählernere Körper der großen Iunkersmaschinen, die die neuen Rachtflugcinrichtungen der Luft-Hansa in der Praxis vorführen sollen. Ein paar hundert Meter, während das Flugzeug am Boden rolit und sich gegen den Wind dreht, wird man noch gehörig durch und durch gerüttelt und plötzlich find wir über Berlin. Der erste Eindruck ist fast eine Enttäuschung, riesige schwarze Klumpen, dazwischen verstreut eine Anzahl winziger Licht- Pünktchen. Erst nach und nach schälen sich Einzel­heiten heraus. Die Friedrichstraße: ein Heller Strich von Rorden nach Süden: der Potsdamer Platz: ein Rundtanz von zahllosen Glühwürmchen. Ganz langsam kriecht eine glitzernde Schlange durch die finsteren Häusermassen: ein Stadtbahn­zug. Weiter im Süden der Stadt wird die Orien­tierung schwieriger. Rur hier und da erkennt man einzelne Strahenzüge an ihren Lichtreklamen, die schwach heraufschimmern. Mir fällt das Wort Lichtmeer von Berlin" ein. So sicht das also von oben aus! Plötzlich taucht ein rot eingefaßtes Quadrat vor uns auf. Mitten darin ein grün- weih-roter Streifen der etwas schräg läuft. Eine Rakete wird abgeschvssen, die Motoren sehen aus: das Tempelhofer Feld. Im Gleitflug geht die Maschine nieder. Etwa 50 Meter über dem Erd­boden läßt der Pilot die Magnesiumlichter, dre an den Enden der Tragdecke angebracht sind und elektrisch entzündet werden, aufflammen. Wie starke Scheinwerfer beleuchten sie taghell das Gelände und ganz sicher setzt die Maschine genau neben dem grün-weiß-roten Streifen auf den Boden. Die Rachtlandung ist gelungen.

Die Bedeutung eines absolut sicheren Rachtflug- verkehrs liegt auf der Hand. Der Vorteil des Flugzeugs gegenüber allen anderen Ver­kehrsmitteln liegt in seiner Schnelligkeit. Auf langen Streckens deren Bewältigung auch einem Flugzeug im Laufe eines Tages nicht möglich ist, ging aber bisher fast überall der Zeitgewinn zu einem großen Teil wieder verloren, da nachts

sich ganz in die Sttmmung der von der großen Weihnachtsbescherung ausgesperrten Kinder ver­sehen können, die dumpf oder klar das Bewußt­sein trugen, daß sie ein Schicksal getroffen hätte, das sie doch nicht ganz verdienten. Aus dieser immer währenden latenten wunden Sehnsucht, der wir nur selten Worte leihen konnten und durften heraus, sind viele unserer scheinbar so widersprechenden Eigenschaften zu erklären, die der gefestigte, auf sicherem deutschen Boden stehende Deutsche mißdeutet und nicht versteht. Aus diesem wunden Gefühl des Ausgestoßenseins wurden andererseits wir wieder > von vornherein in eine Oppositionsstellung gedrängt, wuchs eine krankhafte Empfindlichkeit in uns, die uns mehr als feinhörig für Mihverstehen und Mißdeuten machte.

Wir waren weniger mißtrauisch gegen Süd­deutsche, weil wir denn doch noch das Gemeinsame herausfühlten. Aber ein wenig innerliches Frie­ren ergreift einen jeden von uns, der nach R o r d- de u t s ch l a n d kommt. Dagegen hilft keine groß- deutsche Gesinnung, kein noch so gefestigtes Dolks- bewußtsein, das ist eine triebhafte Regung, wie ein wahrhaftes körperliches Frieren, dagegen kein Kraut gewachsen ist. Trotzdem ist alles das, was gegen die Rorddeutschen bei uns im allge­meinen ins Treffen geführt wird, ins Reich der Fabel zu verwerfen. Sie sind gar nicht kalt, sie sind nicht unliebenswürdig, im Gegenteil. In Schleswig-Holstein habe ich mir nie allein ben Mantel angezogen, ich habe mich nie über Gebühr mit drei Koffern abgeschleppt, wenn kein Träger zur Hand war, immer war ein Hilfsbereiter, ein tätig Hilfsbereiter zur Stelle, der mit einer stil­len Selbstverständlichkeit und jeden Dank ab­wehrend, mir diesen Liebesdienst erwies. Richt nur mir, dem unkundigen Gast, sondern jedem, der es nötig hatte. Allerdings zeigten sie nur Interesse, solange als er diese Hilfe nötig hatte, .bann waren sie wieder Fremde. Bei uns ist es umgekehrt. Da zeigen die Leute so lange ein brennendes Interesse, als sie nicht aus ihrer Bequemlichkeit gestört werden, dann versiegt das mitunter.

Die Rorddeutschen sind auch nicht materialisti­scher veranlagt als wir. Sie sind nur tüchtiger und konzentrationssähiger. Auf uns, die wir ein wenig Reigung zum Verströmen haben, wirkt diese geschlossene Festigkeit, dieses starre System der Persönlichkeit immer ein wenig unheimlich. Auf sie, die Gefestigten, mutz dagegen unser aus- gebreiteles Wesen manchmal schäm- und gleich- gewichtslos wirken, ungefähr so, wie uns der Italiener in manchem abstößt. Wir stoßen sie aber nicht ab. Sie sind viel zu klug, als daß sie nicht wüßten, daß wir eine Wesensart re­präsentieren, die der ihren entgegengesetzt, aber doch als eine gewisse Ergänzung willkommen ist. Der Harte sehnt sich mitunter eher nach der Weichheit, als der Weiche nach der Härte, ob­wohl auch er diese ergänzende und zusam- menraffende Eigenschaft als nötig empfindet. Unb wir beobachten gar oft, daß der Mei­ster der Linie nach Farben Sehnsucht trägt, indes der Kolorist, berauscht von der Farbenfülle, die Linie vernachlässigt. Lind so läßt sich vielleicht die primitivste Art, der Gegensatz zwischen Rord und Süd, als ein Gegensatz zwischen Linie und Farbe, zwischen Plastik und Malerei bezeichnen. Es gibt Zeichner unter den Rorddeutschen, die einen feinen Silberstift führen, der Holsteiner Storm war ein solcher, und der Dithmarscher Brahms. Es gibt Plastiker unter ihnen, wie Bach und Hebbel. Der Süddeutsche Schu­bert ist Maler wie sein Freund Schwind, Bruckner hat sich, manchmal vergessend, dem farbigen Cinzelgedanken hingegeben, ehe er sich wieder zum Gigantischen aufritz. Der Mittel­deutsche Wagner steht klug wägend in der Mitte und läßt jeder der beiden Grundeigenschaf­ten ihr Recht angedeihen. Deshalb hat er in seinem Siegeszug so bald ganz Deutschland er­obert.

nicht geflogen wurde. Auch bei der Post- und Frachtbeförderung durch Flugzeuge machte sich dieser Mangel stark bemerkbar. Gibt man z. B. in Berlin am Abend einen gewöhnlichen Brief nach London auf, so trifft er fahrplanmäßig erst am nächsten Abend in London ein und wird am übernächsten Morgen dem Empfänger zugestellt. Wird der Brief durch Flugpost befördert, so bleibt er dis zum nächsten Morgen liegen, kämmt am Rachmittag in London an und kann im günstigsten Falle am Abend dem Empfänger zu- gestellt werden, findet aber auch erst am nächsten Morgen seine Erledigung. Die Losung des Pro­blems, einen gesicherten und regelmäßigen Racht- flugverkehr zu schaffen, ist also geradezu eine Lebensfrage für die Luftfahrt.

Rächtliche Flüge stellen den Piloten vor eine ganze Reihe von bedeutenden Schwierigkeiten. Vor allem ist es die Frage der Orientierung, die natürlich nachts erheblich schwerer ist als bei Tage. Dazu kommen noch die Gefahren der Lan­dung, bei der der Pilot den g cf amt en Flugplatz übersehen muß, um die Auslaufstrecke berechnen zu können, bei der er auch die Windrichtung kennen muß, da ja die Maschine nur gegen den Wind auf den Boden gesetzt werden kann, und die Vermeidung von Hindernissen aller Art. Alle diese Probleme sind heute in völlig befriedi­gender Weise gelöst, und man geht in Deutsch­land daran, neben der einen vorhandenen Racht- pasfagierlinie BerlinKönigsberg eine ganze Reihe weiterer Rachtflugverbindungen auszu­bauen. Zur Streckenorienticrung für den Piloten werden in Abständen von etwa 30 Kilometern starke Drehscheinwerfer aufgebaut, die bei gün­stigem Wetter etwa 100 Kilometer weit reichen. Dazwischen befinden sich etwa alle vier Kilo­meter rote Leuchtröhren. Bei jedem Scheinwerfer soll em Rotlandungsplah vorgesehen werden, der nachts mit allen Hilfsmitteln versehen ist.

Tie Rachtlandungsvorrichtungen sind bis jetzt am weitesten auf dein Flugplatz Tempelhofer Feld ausgebaut. Das gesamte Rollfeld ist mit roten Reon-Leuchtröhren eingefaßt. In der ganzen Um­gebung des Flugplatzes sind alle in Betracht kommenden Hindernisse durch elettrische Beleuch­tung kenntlich gemacht. Außer dem Windrich­tungsanzeiger, der durch starke Scheinwerfer er­hellt wird, befindet sich auf dem Flugplatz selber ein 400 Meter langer leuchtender Landestrich, der dem Piloten die genaue Wind- und Lmrde- richtung angibt und aus transportablen grünen, weihen und roten Denzinglühlichtlampen besteht. Zwei riesige Reon-Leuchtkörper auf dem Turm des Verwaltungsgebäudes blinken den Morse- | buchstaben B und zeigen so dem Piloten an, daß

Wagner. ES scheint jetzt Mode zu werden, gegen ihn Sturm zu laufen. Der Derdi-KultuS, der nun allenthalben ausbricht, scheint eine Anti- Wagner-Aktton zu fein, also in Wahrheit eine anti-deutsche Angelegenheit. Uns, die wir den Großen aus Bayreuth lieben, scheinenüble Streiche" zu drohen. Man mag im allgemeinen über denRing", denTristan , ja sogarPar- sifal" seine Einzelmeinung haben, bei denMei­stersingern" darf es wohl bei jedem Deutsch­fühlenden nur eine Stimme geben. Und da fällt mir ein norddeutsches Erlebnis ein. Ich saß als einziger Südländer in einer Gesellschaft von echten Rordlandssohnen, und mich wollte schon wieder das verdammte seelische Frieren anwehen, von dem ich eingangs gesprochen habe. Richts schlug Brücken. Kein politisches, kein historisches Gespräch. Da fiel das Wort Rürnberg, das Wort Wagner, das Wort Meistersinger. Und mit einem Male leuchtete die verborgene- innere Wärme meines Rachbarn aus seinen eben noch kühlen Augen, und ich sah darin einen Widerschein meiner eigenen, um so viel lauter und Heller sich gebärenden Glut. Am nächsten

er sich über dem Flughafen Berlin befindet. Außerdem soll noch ein starker Scheinwerfer, der eine Viertel Milliarde Kerzen entwickelt, dem Piloten den Weg weisem Von einer besonderen Beleuchtung des Rollfeldes durch Scheinwerfer, wie sie in England und Frankreich üblich ist, hat man abgesehen. Die zur Landung erforder­liche Beleuchtung führt jedes Flugzeug in Form von Magneliumlichtern, die an den Enden der Tragflächen befesttgt sind, selbst mit. Damit ist auch die Möglichkeit gegeben, daß der Pilot sich bei etwa Vorkommen den Rotlandungen besser über das Landungsgelände orientieren kann.

Die bisherigen Erfahrungen haben bewiesen, daß alle diese Einrichtungen zur Durchführung eines geordneten und vollkommen sicheren Racht- flugverkehrs absolut ausreichen, und man wird sich wohl bald mit der gleichen Ruhe in das Rächt- flugzeug sehen können, wie man heute den Rächt- fchnellzug besteigt.

©er Tausender des Kaisers.

Vor einiger Zeit wurden in Frankreich die neuen Tausdndfrankscheine herausgegeben. Die neuen Geldnoten sind im Vierfarbendruck her- gestellt, um Fälschungsversuchen nach Möglichkeit oorxubeugen. Die Pariser Zeitungen haben an­läßlich der Premiere des neuen Tausenders einen netten Vorfall aus der Zeit Rapoleons III. auf­gefrischt. Damals waren die Banknoten zwar nur mit schwarzem Aufdruck versehen, jedoch mit derartigen technischen Hilfsmitteln verfertigt, daß Falsifikate zunächst gar nicht aufkamen. Dis eines schönen Tages ein gewisser Herr Daguerre die Kunst des Photographierens erfand. Jetzt stand der Geldfälschung cn gros nichts mehr im Wege; jeder, der nur über einen photographischen Appa­rat und eine Druckmaschine verfügte, konnte mit Leichtigkeit Geld zu Hause fabrizieren. Die Falsi­fikate schossen wie die Pilze aus der Erde und die Banque de France konnte bald ein kleines Museum für dieDrucksachen" einrichten. Ende 1861 würdigte sogar die Kaiserin Eugenie diese interessante Sammelstelle ihres hohen Besuches. Ein besonders gelungener falscher Schein gefiel ihr so gut, daß sie ihn mitnahm, um das beinahe einwandfreie Stück ihrem Manne zu zeigen. Zu Hause angelangt, legte die Kaiserin das Falsch­geld auf den Schreibtisch des Herrschers, der nicht in seinem Arbeitszimmer war. Am nächsten Tage gewährte der Kaiser einem armen Bitt­steller eine Audienz und schenkte diesem den Tausendfrankschein, der zufällig auf seinem Tische lag. Der Mann zog beglückt ab und wurde eine

Tage standen die Meistersinger" auf dem Spiele plan. Rebeneinander faßen wir beide, der Rord- deutsche und der Süddeutsche, die noch gestern ein Abgrund des Richtverstehens getrennt hatte. Richts mehr trennte uns. All unser Mißverstehen warfen wir in die rauschenden Wogen dieser Mu­sik, in der alles lebt, die Stimme des Meeres, der schlesischen Tannenwälder, des Rheins und der Donau, alles, das ganze Deutschland, von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt. In diesem Augenblick, nicht des De- geisterungsra usches, der ist romantisch, sondern des tiefen, stillen, ruhigen beseligenden Glückes, das durch unferc Adern strömte, wie wilder schwerer Rheinwein, habe ichs erkannt: Alles, was uns trennt, alle unsere Gegensätze und Ver­schiedenheiten sind lächerlich Hein und versinken vor dem Machtwort einer großen Stunde, die von dem Worte Deutschland erfüllt ist. Denn dieses Wort ist nicht nur ein geographischer Be­griff, ist nicht nur Wald, Stadt, Strom und Meer, es ist weit mehr. Es ist ein Gedanke, der in den Sternen leuchtet, zu denen wir alle im gleichen vertrauenden Glauben emporschauen.

Stunde später beim Einwechseln der großen Rote verhaftet. Bei feiner Vernehmung beteuerte er. das Geld vom Kaiser zu haben. Das wollte natürlich fein Mensch glauben: glücklicherweise fiel aber Eugenie die Sache mit dem Tausender wieder eilt, man forschte der Angelegenheit nach und befreite den unschuldigenGeldfälscher" aus seiner unangenehmen Lage. Er erhielt einewasch­echte" Banknote und obendrein hundert Franken Schmerzensgeld.

©er Knigge für den amerikanischen Gentleman.

Der seelige Knigge, der in seinemUmgang mit Menschen" so weise Lebensregeln für den guten Ton und die beste Art des Fortkommens ausgestellt hat, würde sich im Grabe umdrehen, wenn er die Ratschläge vernehmen konnte, die der amerikanische Professor Robert Roggers den Stu­denten des Instituts für Technologie von Massa­chusetts gegeben hat. In einer Ansprache, die in Reuyorker Blättern großes Aufsehen erregte, teilte er den jungen Leuten einige Hinweise mit,wie man ein Gentleman wird und Erfolg im Leben hat". Unter den Geboten des Professors seien einige hervorgehoben:Kaufe dir niemals einen Anzug, ohne zugleich ein Paar Extrabeinkleider mitzukaufen. Laß den Anzug jede Woche bügeln. Kaufe niemals ein Paar Schuhe, ohne passende Schuhleisten dazu zu erwerben. Trage niemals denselben Kragen am Abend, den du am Tage getragen hast. - - Heirate die Tochter des Chefs und nicht die Dureaudarne. Cs ist ebenso leicht. Suche Beziehung zu den herrschenden Klassen; junge Leute, die es zu etwas bringen, heiraten immer in Kreise, die sozial etwas hoher stehen. Stärke mit allen Mitteln dein Bewußtsein der Ueberlegenbeit. Begehre stets nach den besseren Dingen und wende dein Geld daran, -Unter­nehmungen zu unterstützen, die es wert sind. Trage stets eine Haltung zur Schau, durch die du bezeigst, daß du dich für besser hältst als die andern. Äiinrn dir den Politiker und den Alkohol­schmuggler zum Vorbild, und es wird dein eigner Fehler fein, wenn du in späteren Jahren nicht zur herrschenden Klasse gehörst." Prof. Roggers warnte seine Hörer davor, Verstand für das Wichtigere zu halten als Willen: ein zweit­klassiger Verstand und ein erstklassiger Willen brächten größere Erfolge im Lebenskampf als ein erstklassiger Verstand und ein zweitklassiger Wil­len.Suche in einen guten Klub zu kommen," war fein Schlußrat, wie ein Gentleman und vor allem: verkehre mit Gentlemen." t

Vor 10 Jahren in Versailles.

Von Kurt Freiherr« von Lersner, vorm. Präsidenten der deutschen Friedensdelegation.

Versailles, am 28. Juni 1919: Französische Truppen aller Waffengattungen, besonders schwere Artillerie, ziehen stundenlang unter un­seren Fenstern vorbei. Fast jeder der zahlreichen Offiziere und viele Soldaten werfen einen froh­lockenden Blick herauf nach unseren Zimmern, den historischen Zimmern der Marquise de Pom­padour. Die Straße, bisher durch mannshohe Stacheldrahtzäume abgesperrt, ist zum ersten Male freigegeben. Mit jeder Trikolore oder Standarte reiten die Kommandeure und marschiert die Musik, die bet uns sofort die stolze Marseillaise intoniert. Kanonengerassel, Geschwindschritt der französischen Infanterie, Pferdegetrappel. Dom frühen Morgen an ist ganz Versailles im Jubel, umrauscht von zahllosen blau-weiß-roten Flag­gen, die in der strahlenden Sonne luftig flattern, ileberall lachende, fröhliche Gesichter. Denn heute soll Friede werden. Der Welt­krieg endet ja heute, llnb Friede auf Erden. Wirklicher Weltfrieden.

Rur bei uns, in unseremHotel des Reser­voirs", da sieht es anders aus. Morgens wa­ren die Reichsminister Hermann Mülle r und Dell angekommen, die im Auftrage des Reiches und der Rationalversammlung das Friedens­diktat von Versailles unterzeichnen mußten. Wahrlich eine bittere, schwere Ausgabe! Da die ganze große deutsche Friedensdelegation, die aus Mitgliedern aller Parteien vor allem aber aus Sozialdemokraten, Zentrum, Demokraten bestand, einstimmig gegen d i e Annahme der Versailler Bedin­gungen gestimmt hatte, konnte von irgend­einer Teilnahme am Akte der Anterzeichnung für unS natürlich keine Rede sein.

Gegen 3 Ahr begeben sich die Reichsminister von einem jüngeren Herrn geleitet, wie zur Bei­setzung eines Toten in den Spiegelsaal Lud­wigs XIV, im Versailler Königsschloß. Dort, im gleichen Saale, hatte Bismarck vor einem halben Jahrhundert unter dem Jubel ganz Deutschlands den Traum des ganzen deutschen Volkes erfüllt und das deutsche Kaiserreich pro­klamiert.

Still wird es In Versailles. Totenstill. Die zahllos aufmarschierten Truppen treten ins Ge­wehr. Das ganze Volk wartet. Richts regt sich mehr. Alles hält den Atem an. Auch wir wenigen, zurückgebliebenen Deutschen atmen nicht, warten. Aber ein anderes Warten wie das unserer Kriegsgegner. Wie Blei senkt sich's herab. Ans schleicht das kalte Grausen durch die

Adern. Ist es denn faßbar, ist es denn mög­lich? Heute soll es wahr werden, was das fürch­terliche gelbe Buch vom 7. Mai und 16. Juni, die Friedensbedingungen" Clemenceaus, gefor­dert hatten?

Geraubt: Elsaß-Lothringen, deutsch zu drei Vierteln: Moresnet.Eupen-Malmedy rein deutsch; Posen, Danzig und der westpreußische Korridor weit überwiegend deutsch; das Memelland rein deutsch: das Hittschinerland rein deutsch: unsere Kolonien. Ansicheren, unter der Aufsicht der Ententetruppen stehenden Bestimmungen unter­worfen: Oberschlesien, Rordschleswig, Teile von Ost- und Westpreußen. Das Saargebiet soll in Frankreichs Hand fallen, wie die ganzen Saar­gruben. Das Rheinland, auf lange Jahre be­seht, schwer bedroht: vier große rechts­rheinische Brückenköpfe für Jahre, vielleicht Jahr­zehnte okkupiert. Oesterreich darf sich nicht mit uns vereinigen. Vernichtung unserer Handels­flotte und unseres Aeberseehandels. Beschlag­nahme unserer Auslandvermögen und Ausland­werte. Zahlung der Kriegskosten der gesamten Welt. Zwangsweise, kostenlose Lieferung eines Drittels unserer Kohlenförderung. Entlassung un­seres ruhmreichen Heeres bis auf einen ver­schwindenden Rest. Vernichtung unserer Kriegs­flotte und Marine. Vollständige Zerrüttung un­seres Wirtschaftslebens. Völliger Ruin unserer Finanzen. Harter Frondienst unseres gan­zen Volkes auf viele Jahrzehnte. Auslieferung des Kaisers und hunderter verdienstvoller Heer­führer und Generale, Hindenburgs, deutscher Für­sten und Staatsmänner zur Aburteilung an Leib und Leben. Trotz der entsetzlichen Hungerblockade Abkieserung von Hunderttaufenden von Milch­kühen.

Während mehrerer Jahrzehnte hat Deutsch­land unausgesetzt eine Politik getrieben, die dar­auf hinzielte, Eifersucht, Haß und Zwietracht zwischen den Rationen zu säen, nur damit eS seine selbstsüchtige Leidenschaft nach Macht be­friedigen konnte" ein vorbedachter Angriffs-, EroberungS- und Anterjochungskrieg uns. uns, in die Schuhe geschoben; w i r allein- schuldig am Ausbruch des Weltkrieges, wir das friedliebendste Volk Europas, unsere Regie­rung, die jahrzehntelang den Krieg verhindert, die nie an Krieg gedacht hatte: wir waren zu böswilligen, beutegierigen, blutdürstigen Ver­brechern gestempelt.

Dies und Hunderte von anderen aufgezwun­genen Friedensklauseln, deren polittsche oder wirt-