Nr. 305 Zweites Blatt
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„finanzielle Liquidation des Krieges" —
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sollte das Schlagwort für 1929 sein, von dem Sauerwein, der bekannte Mitarbeiter des „Malin". gesagt hat: cs würde das Rekonstruk- tionsjahr für Europa werden. Wie weit man davon noch entfernt ist, in Reparation» Ltni) Liquidationsfragen, das zeigt der Rückblick auf die erste und der Ausblick auf die zweite
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Italiens leerer Himmel.
Don Gustav W. Eberlein.
Rom, Ende Dezember.
Nirgends ist man dem Geiste Roms näher als dort, wo er starb, wo Geschlechter sich betteten zur großen Ruh?, wo der Staab nichts anderes ist als der Riederschlag der Toten: in Oem ungeheueren Gräberfeld der Campagna, auf Ser Bia 2lppia, der Königin der Straßen.
Die Frenrdenkarawanen halten dort und keh- ien um, wo die eigentliche Totenstrahe erst leginnt: beim'Grabmal der Cecilia Metella. Der tesser unterrichtete, der einsame Wanderer gerät ialö darauf auf das llrfcflafter, in das Biga und Quadriga ihre scharfe Räderspur eingegra« Len haben, Zypressen begleiten ihn, er rastcf unter Pinien und sieht die Schafe springen iiber eseuumwucherte Mulden, gemauerte Grälen, verfallene Keller, seltsame Gebllde aller Art. Ruinen starren wesenlos ins Blau, ein minder Turm steht da, zerspaltet wie eine Grana- ttenhülse. in herdartigen Vertiefungen liegt noch Asche, Mcnschenasche, Grab schmiegt sich an Grab. Nun fühlt die Einsamkeit aufsteigen wie Nebel «m Abend, es gibt nichts, was so erschüttern tonnte wie diese Verlassenheit. Man hört die Stille, sie braust in den Ohren; man fühlt die unermeßliche Weite des Raums und der Zeit Lnd die marmornen Inschriften fragen und die Ihweigenden Statuen lächeln und die ernsten Säulen mahnen: Wer bist du? Wo bist du? Was List du?
Wie weit ist es zu den Toten? Wie nahe sind ffie uns? Sie sitzen in nie endender Reihe am Straßenrand und murmeln den Lebenden in die Ohren: Was ihr seid, das waren wir; was wir fiind, das werdet ihr! Aber den Waicherer packt M.d)t das Grauen, er schaut in den beseligenden Himmel und lächelt, er versteht das Vergehen, r erfaßt den Sinn des Leberts, diese gewaltige Einsamkeit, diese heroische Verlassenheit vermählt ä!jn dem Geiste Roms.
... Aber ein Abt hat sich nicht an den Straßenrand gesetzt, sondern an den Schreibtisch, und in 6er Zeitung beschwörend die Hände gerungen über den Verfall der Dia Appia. Was sollten nur die Fremden denken?
Trennen uns wirklich Welten vom modernen Seist des Südens? Begreift dieser Kritiker, der cS wirklich gut meint, nicht, daß wir gerade das sHöhen, was er beklagt? Wer an die Via Appia Hand anlegt, der mordet sie. An katalogisierten, numerierten und unter Glas beigesetzten antiken Schönheiten haben wir gerade genug. Kein ! Mausoleum der Geschichte, kein kapitolinisches und kein vatikanisches Museum kann so unmittel- Eat in die vergangene Zeit führen, wie diese
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Oie Außenpolitik an der Jahreswende.
Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. X
Hat das zu Ende gehende Jahr die Welt, Huropa in ihren Röten und Sorgen vorwärts gebracht oder nicht? Fragt sich, was wir unter Uesen Nöten und Sorgen zunächst verstehen. Bon unserem Standpunkt, von dem Europas -überhaupt, sind dann die beiden großen Fragen: Hat man auf dem Wege zu einer „Friedenserd n u n g", die Dauer verspricht, Fortschritte gemacht, und ist man in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und ihrer Erleichterung wesentlich vorwärts gekommen? Das ist das politische und das wirtschaftliche Hauptproblem, die beide auf das engste miteinander verbunden sind. Fast überall in Europa begreift man heute, daß unsere ganze Kultur, das, toad Europa der Welt zu geben hat, bedroht ift, wenn das erste Gesamtproblem nicht gelöst wird. Änd man begreift allmählich auch überall, Laß eine Lösung beider Probleme ohne eine wesentliche, sagen wir gleich bestimmt, entschei- rende Mitarbeit der Vereinigten Staaten von Amerika ausgeschlossen ist. Ohne üc Union wird das Europa von heute, wie es ist, lic großen Fragen einer dauernden Friedens- rrönung nicht vollständig lösen, und ohne die Union, von der ja der entscheidende Entschluß, Die Riesenschuldenverpflichtungen aus dem Kriege herabzusehen, abhängt, wird Europa noch loeniger das finanzielle und wirtschaftlicheHaupt- problem lösen. Keine paneuropäischen Ideen helfen darüber hinweg!
Am 2Z o u n g - P l a n ist, von hier aus betrachtet, das Wesentliche, daß ein Amerikaner i h n gemacht hat und Amerika, man mag drüben sagen, was man wolle, mit ihm in Verbindung gebracht ist. Der Plan legt fest, daß etwaiger Schuldennachlaß unter den europäischen Gläubigermächten entsprechend Deutschland zugute kommen soll. In wesentlichem Ausmaß aber ist das ohne Schuldennachlab von Seiten Amerikas nicht denkbar. Dadurch und durch die Berechnung der zweiten Hälfte der Iahreszahlungen verknüpft der Plan doch Die interalliierten Schulden mit der Reparativ ns-> > erpflichtmrg, soviel dagegen in Amerika immer cnngewendet worden ist. Das ist im ganz großen Zusammenhang sicher ein Schritt vorwärts. Aber er ist sehr klein, und er ist vor allem itod> recht unsicher. Don einer Anerkennung, daß die „finanzielle Liquidation des Krieges" im Letzten nur möglich ist, wenn die Dereinigten Staaten über ihre Ansprüche mit sich reden lassen, ist die Politik und die öffentliche Meinung in Amerika noch sehr, sehr weit entfernt Nach Zeichnung des llZoung-Plans haben die Amerikaner gleich Kehrt gemacht Sie haben Europa cmch in nichts bei den Schwierigkeiten der Haager Konferenz geholfen, und warten nur darauf, ob das Gelingen der zweiten Haager Konferenz nun endlich das Riefengeschäft er- niöalicht, den ungeschützten Tcll der deutschen Jahreszahlungen zu „kommerzialisieren", ilnö gegenüber diesen Änsicherheiten soll Deutschland nun freiwillig und ohne Einschränkung die
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)
Samstag, 28. Dezember (929
Haager Konferenz. Mühselig hat sich die andere Seite die Räumungsverpflichtung abgerungen, unter der nun wenigstens die zweite Zone etwas vor der Zeit frei geworden ist und die dritte Zone im nächsten Jahr frei werden soll. Aber mit welchem Hin und Her! Die sog. Ost-Reparationen sind nicht in Ordnung gekommen. Polen gegenüber hat Deutschland mit großen Opfern seinerseits die Empfehlung des Doung-Plans befolgt. Der Entwurf des deutschenglischen Liquidationsabkommens zeigt, wie weit man auch in England davon entfernt ist, für ein gemeinsames Interesse Opfer zu bringen. lieber» Haupt ist das zähe Feilschen der anderen Seite bis zur direkten Schäbigkeit (z. B. die Sicherstellung der 6 Millionen Mark für die Gehälter des Reparationsagenten und seiner Leute in der Haager Vereinbarung) charakteristisch für diese Arbeit; eine seltsame Ausführung des Schlagwortes von der finanziellen „Generalliquidation" des Krieges!
Die Friedensordnung Europas hängt an der Abrüstungsfrage. In Genf ist sie nicht einen Schritt vorwärts gekommen, wie überhaupt der Völkerbund, abgesehen von an sich wichtigen theoretischen Erörterungen im September, eigentlich nur hindämmerte. Bemerkenswertes hat er nicht geschafft. Die Minderheitenfrage kam nicht vorwärts, und dem russischchinesischen Konflikt im Fernen Osten gegenüber tat der Völkerbund, als wüßte er überhaupt nichts davon. Dagegen ist die Abrüstungsfrage zur See zwischen England und Amerika vorwärts gebracht worden. Daß im Januar 1930 die große Seeabrüstungskonferenz in London möglich wird, das ist unzweifelhaft ein großer und wichtiger Schritt vorwärts. Getan wurde er durch Macdvnald und Hoover, die beiden neuen Exponenten der angelsächsischen Welt. Es ist nichts Geringes, daß es im abgelaufenen Jahr gelang, die Spannung zwischen England und Nordamerika, die im Jahr 1928 schon einen bedenklichen Grad erreicht hatte, nicht nur zu lösen, sondern in die jetzige englisch-amerikanische Entente umzuwandeln. In diesem Sinne scheint uns Macdonalds persönlicher Besuch in Nordamerika das wichtigste Ereignis der Weltpolitik im letzten Jahr zu fein. Gelingt die Seeabrüstungskonferenz — und jedenfalls sind England und Amerika entschlossen, sie gelingen zu lassen, wünscht Japan und schließlich auch Italien ein Gelingen —, so muh das auf die Abrüstungsgespräche in Genf zurückwirken und muh das zugleich die Vereinigten Staaten trotz ihres Widerstrebens in engere Verbindung mit Europa bringen.
Nicht mit gleichem Erfolg ist der Wagen auf dem anderen Gleis vorwärts gekommen. Wir meinen den Kellogpakt. Er trat am 24. Juli in Kraft. Mehrmals hat Hoover sich energisch zu ihm bekannt; man sieht: der Pakt soll Grundlage seiner Weltpolitik fein. Aber die erste Probe, im russisch-chinesischen Konflikt, wurde sehr schlecht bestanden. Monate verstrichen, ohne dah Amerika etwas tat, und dann geschah etwas ohne Erfolg, ja mit einer Niederlage für bie Union. Es sei dahingestellt, ob man diese Niederlage ausgeglichen sehen will durch den Anschluß der Vereinigten Staaten an den Haager Gerichtshof, dessen große Bedeutung gewiß auf der Hand liegt.
Die Annäherung zwischen England und Amerika bedeutete eine Lockerung der Beziehungen zwischen England und Frankreich. Frankreich ist gewiß noch die Hegemoniemacht Europas, aber seine Gesamtsituation ist nicht besser geworden. Es steht in der Defensive gegen die See- abrüstungspläne der anderen Grohmächte. Es hat sein Schuldenabkommen mit Amerika ratifizieren müssen und ist aufs höchste interessiert daran, dah der Voungplan zustande kommt. Es hat so
alte Via Appia. Wenn den Fremden dort etwas mißfällt, so ist es etwas ganz anderes, etwas brutal Zeitliches —
Während der Blick noch im meertiefen Blau des Campagnahimmels taucht, fährt die Empfindung plötzlich unter einem Knall zusammen: ein „Jäger" ist erschienen, ein Mensch mit einem Fahrrad und einem Schießprügel, der Strauch um Strauch und Grab um Grab und Mal um Mal mit seinen Schroten abspriht. Und mit einem Schlage fühlen wir, dah der immensen Stille doch etwas Belebendes fehlte und dah der Himmel Italiens leer ist, gefühllos teer.
Die Singvögel... hier scheiden sich Nord und Süd.
Wenn es wahr ist, dah Deutsche und Italiener politisch eine Wand trennt, die Brennerwand, so ist es gewiß noch viel mehr wahr, daß alle Völker nördlich der Alpen in ihrem Versuch, die italienische Volksseele zu begreifen, an der <5ing» vögeljagd scheitern. Ein Engländer von internationalem Ruf hat schon vor Jahren Mussolini den Vorschlag gemacht, diese unverständliche Vertilgung nützlicher Tiere zu verbieten, Italien würde dann das Vogelparadies der Erde werden, der herrlichste Fruchtgarten — es hat nichts genützt. Es gibt tatsächlich etwas was stärker ist als Mussolini.
Man wird vielleicht sagen, der Duce hat eben auch kein Empfinden für die sentimentale und ästhetische Notwendigkeit der Vögel, er vermöge dieses wundersame Naturgeschenk so wenig zu begreifen wie alle anderen Italiener. Ich glaube nicht, dah das zutrifft, nicht für Mussolini im besonderen und für die Italiener im allgemeinen. Der kleine Benito hat Vogelnester ausgenommen, das tun fast alle Jungens. Er hatte aber auch einen zahmen Zeisig und ein Käuzchen, an dem der Knabe, den niemand streichelte, der nie das Gluck einer zärtlichen Kindheit genoß, mit solcher Liebe hing, dah er der Bäuerin, die seine Lieblinge in seiner Abwesenheit Pflegen sollte, sie aber verhungern lieh, nie mehr ins Gesicht schaute. Und auch die Dichter verschließen sich nicht der süßesten Stimme des Himmels. In ihrem halb in Italien, halb in Deutschland spielenden (und auch in deutscher Sprache erschienenen) köstlichen Kinderroman „Pelzmärtel" läßt die geistreiche T e r e s a h die Nürnberger Spielwaren auswandern, um die Nürnberger für ein schweres Unrecht zu strafen. Ihnen folgen aber auch die Singvögel, die Blumen und die Sterne, denn Kinder, Singvögel, Blumen und Sterne, sind die schönsten Dinge der Schöpfung."
Dennoch ist es schmerzliche Tatsache, daß in Italien die Singvögel so betrachtet werden, wie anderswo die Heringszüge. Ein denkbar unglückliches Jagdgesetz erlaubt eben jedermann, alles was kreucht und fleucht abzuknallen. Es gibt wohl wenige Kinder und kaum einen Fremden,
im ganz großen Zusammenhang nur zu fordern und nichts zu bieten. Seine Vasallen in Europa aber bedeuten ihm dafür nichts. Wir deuten geradezu als einen Ausdruck dieser französischen Verlegenheit, dah Briand den paneuropäischen Gedanken in Genf proklamierte.
Alles andere tritt für uns zurück. In Südosteuropa, im nahen und im fernen Orient, vor allem in Südamerika, hat sich kaum etwas vollzogen, was im Gesamtjahresrückblick zu nennen wäre, mit Ausnahme der Derfassungs- reform in Oesterreich und der Beilegung des russisch-chincsischcn Streits. Das ab aufcnde Jahr sieht Ruh land in angespanntester Arbeit des Fünfjahrplans, nur nach innen gewendet. Ein wesentlicher Faktor in der Weltwirtschaft, in der Weltpolitik, im Sinn des europäischen Gleichgewichts ist Ruhland auch dieses Jahr noch nicht geworden. Diese Tatsache und die Situation der beiden zuerst besprochenen Probleme ergebet das Gesamtfazit einer labilen, unsicheren Gesamtlage, die noch fern ist von Sicherheit und Vertrauen ins neue Jahr herübergeht.
Lassen wir bei diesem Rückblick, wie natürlich ist. die letzten Erfahrungen und Kämpfe besonders auf uns wirken, so haben diese ganz besonders die Abhängigkeit Deutschlands vom Kapital, vom privaten, vom internationalen Kapital gezeigt. Man sinnt Deutschland eine Belastung aus zwei Mensdhenalter an. Man verlangt von ihm (und mit Recht), dah es seine Finanzen in Ordnung bringe. llnb man kommt ihm auf der einen Seite so wenig entgegen, läßt es auf der anderen Seite die Abhängigkeit vom privaten und internationalen Kapital so stark fühlen. Denn schließlich lief die Weihnachtskrise in Deutschland, wenn wir es einmal in diesem Sinne sehr zuspitzen, auf einen Kampf der beiden amerikanischen Bankhäuser Morgan und Dillon, Read & Co. hinaus. Das ist nur ein letzter und uns ganz besonders fühlbar gewordener Ausdruck des Riesenversuchs im Poungplan, dem Abkommen über die interalliierten Schulden und mit der Bant für internationale Zahlungen, die Welt durch das internationale Kapital organisieren und damit beherrschen zu lassen. Wer sozialistisch denkt, wird in seiner Anschauung dagegen nur bestärkt. Wer, wie wir, das kapitalistische Wirtschaftssystem für das
hält, in dem die Wirtschaft Deutschlands und Europas allein wieder aufgebaut werden und arbeiten kann, kann gerade von dieser Situation nicht begeistert sein.
Der Krieg hat die Zahl derer in Europa, bei Besiegten und Siegern, ungeheuer verstärkt, die nach der Definition des Marxismus „Proletarier" sind, weit hinaus über hie Zahlen, die heute in sozialistischen und kommunistischen Parteien sich organisiert haben. Wir sind davon überzeugt, daß, wenn eine Dauer versprechende Friedensordnung in Europa nicht gelingt, ein neuer Krieg, auch nur zum Teil im Stil des Weltkrieges, die letzten Reste der europäischen Kultur verschlingen und den B o l -- schewismus zum Sieger werden lassen wurde. Will man das verhindern und will man am kapitalistischen Staate sesthalten, so muh der Kapitalismus selbst, d. h. diejenigen, die ihn führen und bestimmen, sehen wo seine Grenzen sind und wo seine reformerischen Aufgaben liegen, mit denen der Marxismus auch innerlich überwunden werden kann und wird. Auch das ist eine Aufgabe, die nur in der Zusammenarbeit mit Nordamerika gelöst werden kann und für die deshalb auch in Amerika das Verständnis allgemein werden muh, das nach unserer Ueberzeugung der Präsident Hoover für dieses Problem heute schon bat. Für Deutschland aber ist es eine Aufgabe, die sehr stark zusammenflieht mit der anderen, Ordnung im eigenen Staatshaushalt zu schaffen und seine innenpolitischen Verhältnisse endgültig zu festigen.
Die Erstarrung und Stagnation, die in den Iah' ren 1927 und 1928 über der Weltpolitik lagen, ist ohneZweifel, vornehmlich durch die englifd^en Wahlen und den Amtsantritt des neuen amerikanischen Präsidenten, im Jahr 1929 gelöst worden. Die Bahn ist freier geworden! Aber zugleich hat sich die Innenpolitik in den Hauptländern, vor allem in England und Deutschland, sehr stark in den Vor« bergrunb gedrängt. Sicherlich bleibt der Satz wahr vom Primat der Außenpolitik. Aber keine Außenpolitik von Kraft und Dauer kann von einer Staatsgewalt geführt werden, die daheim keinen Boden unter den Füßen hat und deren Haus nicht in Ordnung ist. Was im Rückblick auf 1929 in der Gesamtlage der Weltpolitik heller erscheint, als im Jahr vorher, wird wieder verdunkelt durch die tiefen Schatten, die auf unserem Vaterland im Innern liegen!
Frauen, von denen man nicht spricht.
Man hört, man liest überall und immer von prominenten Frauen. Alle Welt weih, was sie auf dem Ball getragen, was sie auf diese oder jene Zeitungsfrage zu sagen haben. Sind aber nicht viel interessanter und im Alltag wichtiger jene Frauen, von denen man nicht spricht? Unter E. R.-2Hitarbeiter ist dieser Frage einmal nachgegangen und berichtet im folgenden, was ihm von solchmr Frauen über ihr Leben und ihre Berufsarbeit erzählt wurde.
Die Frau des Fliegers.
Elfriede Kochi, die Gattin des Ozeanfliegers:
„Angst, Unruhe, Aufregung? Ach nein, die hat mir mein Mann schon lange abgewöhnt. Freilich habe ich zuerst gezittert, als er Flieger wurde. Freilich habe ich mit klopfendem Herzen am Telephon gelegen, als er als erster Nachtflüge nach Warnemünde unternahm, als er unsere Wohnung um 12 Ähr nachts verließ und um 6 Ähr morgens wieder da fein sollte, und oft um 1 oder 8 Ähr noch keine Nachricht gegeben
hatte! Freilich habe ich ihn in der Nacht, in der Charnberlin nach Berlin kam, und die deutschen Flieger sich in Tempelhof schworen, die zu fein, die künftig den Ost-West-Flug machten, für wahnsinnig erklärt, als er sagte, daß er es wagen wollte. Aber das Lachen verging mir, als ich hörte, dah er mit Herrn von Sachsenhausen wegen Verbesserungen des Typs der „Bremen" konferierte und schliehlich Herrn von Hünefeld in Dessau traf. Als ich dann sah, wie er Lindberghs Bücher las und sich mit Charnberlin besprach, wie er nächtelang den Sternenhimmel beobachtete, waren meine Sorgen zurückgestellt, und es galt nur, ihm bei dem großen Werk zu helfen. Denn ich wühle, wenn es überhaupt möglich war, würde der Flug seiner Vorsicht und seinem Orientierungssinn gelingen.
Das ist auch mein Prinzip noch heute: ihn nicht zurückzuhalten und uns das Leben mit Sorgen zu verbittern. Im Gegenteil, es so schön zu machen, wie nur möglich, jede glüclliche Minute voll zu genießen, viel mehr als der jemals genießen taim, dem ständige Sicherheit eine gewohnte Selbstverständlichkeit ist. Änd meinem Mann bei Ausarbeitungen, bei Vorträgen und
die schon einmal einen Hasen in Freiheit gesehen hätten, geschweige denn ein Reh. Das Land ist ausgeschossen. Der Jagdschein, der nicht etwa für Reviere, sondern überall gilt wie ein Führerschein, kostet nur ein paar Lire. Jeder Hirte, überhaupt jeder Mann, den sein Weg in Freie führt, hat daher eine Flinte umhängen, und da es nichts anderes mehr zu jagen gibt, gilt der Sport eben den kleinen gefiederten Sängern. Man traut feinen Augen nicht, wenn man plötzlich am Sonntagmorgen auf der Landstraße ein elegantes Auto hallen und einen Signore heraustreten sieht, der die Büchse auf einen Daum anlegt, weil er dort etwas zwitschern hörte oder flattern sah. In der einsamen Campagna sowohl wie auf den Spazierwegen in der Umgebung Roms knallt es unaufhörlich.
Keine Lerche, die trillernd in die Lüfte steigt. Sie würde nur eine willkommene Schießscheibe bilden. Keine Amsel, die fröhlich ihr Abendlied fingt. Selbst in den Wäldern oder vielmehr Dickichten wagen sich die atmen Dinger mit ihrem Sümmchen nicht heraus, nur die Liebe ist oft stärker als die Angst, und dann knallt es auch schon. Bloß die Schwalben haben Flugfreiheit, weil sie nicht gut schmecken. Sollen zäh sein.
Es wäre also ein Irrtum, zu glauben, in Italien werde nur im Frühling und Herbst auf die Zugvögel Jagd gemacht. Nein, Tag für Tag schießt sich, wer kann, seine Mahlzeit zusammen, und um satt zu werden, braucht einer natürlich schon seine zwei Dutzend Rotkehlchen.
Hier könnte man, da sentimentale Einwände nicht verfangen, wirtschaftlich aufmerksam werden. Es ist zu hoffen, daß die Rationalisierung, die ja von der faszistischen Regierung in großem Maßstab betrieben wird, an der kläglich negativen Vogelbilanz nicht Vorbeigehen werde. Wie groß ist der jährliche Ertrag an Singvogelfleisch, wie groß dagegen der Ausfall an Früchten? Diese Frage sollte sich einmal der Minister für Land- und Forstwirtschaft, der soeben einen Lehrkursus für die Verbesserung des Obstbaues eröffnet hat, vorlegen. Es ist nämlich ein Märchen, das von den guten Früchten in Italien. Die „Südfrüchte" ausgenommen, sind Aepfel und Dirnen, Nüsse und Kirschen durchweg wurmig. Sie müssen deshalb schon halbreif gepflückt werden. Änd wie soll die von Mussolini dekretierte Aufforstung durchgeführt werden, wenn man die beste Waldpolizei, die Vogel, nicht aufkommen läßt? In Italien sind nicht nur die Möbel, sondern schon Fliederbäumchen der ersten Blüte wurmstichig! In den Kastanienwäldern am Monte Cavo, die erbarmungslos gelichtet werden, ist der Boden übersät mit Myriaden von Kastanien, alle aber tragen das Kainszeichen der Vogeljagd auf den glänzenden braunen Bäckchen.
Ein Gegenbeispiel. Auf den Boschhöfeir in Detllschland wurde auf Betreiben des Erfinders
des Doschmagneten im Zusammmenhang mit Dodenverbesserungen ein mustergültiger Vogelschutz eingerichtet. Es Hausen da an 16 030 Stare, Meisen und Schwalben, die an jedem Frühlingstag, wenn die Jungen flügge werden, rund sieben Zentner Insekten verülgen. Manche Vögelchen verzehren täglich das Doppelte ihres Gewichts an schädlichen Kerbtieren, durchschnittlich 2000 Stück!
Würde Italien, wo die klimatischen Verhältnisse ungleich besser sind, die Vögel sich also wohl fühlen, nur die Singvogeljagd verbieten^ es könnte sich auch fernerhin die Anbringung so völlig unbekannter Dinge, wie Nistkästen und Starenkobel, ersparen und seine Handelsbilanz um ungezählte Millionen verbessern. Einmal belehrt, welchen Nutzen ifjm die uccelletti bringen würden, die er jetzt gedankenlos in einer halben Stunde verzehrt, würde auch die Land» mann einsehen, daß die Schießerei ein abträgliches Vergnügen ist.
Vielleicht gibt Mussolini seinem Lande doch eines Tages die Stimme des Himmels zurück.
Hochschulnachrichten.
Der Privatdozent Lic. Erich Fascher in Marburg hat einen Rus an die Universität Jena auf den Lehrstuhl für neutestamentliche Wissenschaft als Nachfolger des nach Bonn über» gesiedelten Prof. L). Karl Ludwig Schmidt erhalten. — Der durch den Weggang des Prof. W. Gerlach an der Äniversität Halle erledigte Lehrstuhl der allgemeinen Pathologie und pathologischen Anatomie ist Professor Dr. Julius W ä t j e n an der Äniversität Berlin angeboten worden. — Ernannt wurde der o. Professor Dr. Ernst Frey von der Äniversität R o si o ck zum ordentlichen Professor der Pharmakologie in Göttingen als Nachfolger von Pros. W. Heubner. — Der Ordinarius des römischen Rechts und modernen Privatrechts an der Äniversität Zürich Dr. Andreas B. Schwarz hat die Berufung an die Äniversität .Freiburg i. B. als Professor für römisches und deutsches bürgerliches Recht sowie für Rechts- vergleichung angenommen.
Zur Wiederbesehung des Lehrstuhls für Strafrecht an der Frankfurter Äniversität an Stelle des Geheimen Iustizrats B. Freudenthal ist ein Ruf an den ordentlichen Professor Dr. Arthur Baumgarten in Basel ergangen. — Der durch die Emeritierung des Geheimen KonsistoriaIraks Gerhard Ficker an der Äniversität Kiel erledigte Lehrstuhl der Kirchengeschichte ist dem a. o. Professor an der Äniversität Halle und Pfarrer an der Trinitatis- kirche Charlottenburg Lic. Dr. Karl Qlnet angeboten worden.


