Nr. 279 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen) Donnerstag, 28. November (929
Oberheffen.
Oer Alsfelder Kreistag.
te* AlSfeld, 27. Rov. Eine Berichtigung des Kveistagswahlergebnisses für den Kreis Alsfeld wurde gestern bekanntgegeben. Darnach ändern sich auf Grund der amtlichen Wahlakten die Wahlresultate in der Stadt Alsfeld und in Ober-Ohmen. Die Ratio- nal-Soz. Partei erhielt in Alsfeld 215 Stimmen, nicht wie zuerst angegeben 188; Bereinigte Stadt- und Landliste 562 Stimmen, anstatt 368 Stimmen; Freie Bürger» und Bauernpartei nicht 472 Stimmen, sondern 240 Stimmen; Sozialdemokraten unverändert 786 Stimmen. Darnach stellt sich das Gesamtresultat für den Kreis AlSfeld wie folgt: Wahlvorschlag I. (Soz.) 3212 Stimmen; Wahlvorschlag ll. (Rctt.- Soz.) 2396 Stimmen; Wahlvorfchlag HI. (Bereinigte Stadt- und Landliste) 5129 Stimmen; Wahlvorschlag IV. (Freie Bürger- und Bauernpartei) d. h. Demokraten und Zentrum 1078 Stimmen.
Landkreis Gießen.
X Wies eck, 27. Rov. Am Freitag lief in unserer Kirche der Lutherfilm; er machte auf die Besucher einen tiefen Eindruck. Den Totensonntag beschloß eine stark besuchte Abendfeier zum Gedächtnis der Kriegstoten. Llnterbrochen von Gemeindegesang von drei Chören der Oberklasse, unter Leitung von Rektor Petri, wurden auf dem zum erstenmal in Gebrauch genommenen Lichtschirm. gestiftet von einem geborenen Wiesecker, Generaldirektor Dr. Hildebrand (Zillerthal), gezeigt und vom Ortsgeistlichen erläutert: Film- osto-Monatsschau für Rovember, 50 Bilder aus aller Welt, dabei eine Reihe neueingeweihter Kriegerehrungen und 70 Bilder „Auf den Spuren des großen Krieges". Der erste Teil dieser Reihe brachte Bilder von Stätten des westlichen Kampf- fiebietes in seinem heutigen Zustand, der zweite ührte in guten Aufnahmen in die vielseitige Arbeit das Bolksbundes Deutsche Kriegsgräber-Fürsorge ein, dem der Reinertrag des Abends zufloh.
E Kesselbach, 27. Rov. Dieser Tage feierte der Landwirt und Küfermeister Wilhelm Becker IV. seinen 81. Geburtstag. Der alte Herr ist Kriegsveteran von 1870/71. Der Reichspräsident übersandte ihm sein Bild mit einem Glückwunschschreiben. Der Jubilar erfreut sich noch bester geistiger und körperlicher Frische. Die gleiche Ehrung durch den Reichspräsidenten wurde im August zum 8 0. Geburtstag dem hier wohnenden Altveteran 3. Meihinger, Oberbahnassistent i. R., zuteil.
Dg. Grohen-Duseck, 27.Rov. Dem neu« gewählten Gemeinderat gehören als wiedergewählt an: Huber, Wagner, Scheld, Pfeffer vom Bauernbund, vom Mittelstand: Henh, Peiffer, Scheld, Gans (früher Bauernbund) und von der Sozialdemokratie: Herber und Schneider. Reugewählt wurden auf der Mittelstandsliste Kräh, auf der sozialdemokratischen Lifte Dörr.
:—: Beuern, 27.Rov. Die Holzhauerarbeiten in unseren Gemeindewaldungen haben jetzt begonnen. Es haben sich dazu 48 Holzhauer gemeldet, die in vier Rotten zu je zwölf Mann eingeteilt sind. Geschlagen werden etwa 2600 Festmeter. 3m vergangenen 3ahre waren 35 Mann beim Holzhauen beschäftigt. — Der hiesige Volksbildungsverein wird auch in diesem Winter seine Vortragsabende wieder obhalten. Zu diesem Zwecke sind schon namhafte Redner gewonnen worden. Cs ist beabsichtigt, noch vor Weihnachten zwei Borträge stattfinden zu lassen.
+ Grünbcrg, 26.Rov. 3n der jüngsten Gemein d e r a t s s i h u n g unter dem Vorsitz von Beigeordneten Keller war der Gemejnderat vollzählig versammelt. Bezüglich der Errichtung eines neuen Spritzenhauses wurde beschlossen, es auf dem zuerst dafür vorgesehenen Platze, dem Durggraben, zu errichten und im Frühjahr 1930, sobald die Geldbeschaffungsfrage geklärt ist, damit zu beginnen. Eine in der letzten Sitzung angeregte Ortsbesichtigung wegen des vorgeschl'g nen Platzes am Dieb, türm, l ie mit e - weile stattgefunden, hat ergeben, daß dieser Platz nicht so günstig gelegen ist und außerdem hohe Geländeerwcrbskvsten verursachen würde, während ersterer städtisches Eigentum ist. — Die städtische Anleihe-Ablösungsschuld ist laut gesetzlicher Vorschrift in 32 3ahren aus- zulosen und zu tilgen, jährlich sind drei Stücke a 12,50 Mk. und zwei Stücke ä 25 Mk. auszulosen. Die Auslosung findet zum ersten Male statt, und zwar gleich für die 3ahre 1926, 1927, 1928 und 1929. — Die Herrichtung der Theo-Koch-Straße ist jetzt beendet und hat erhebliche Kosten verursacht. Es ist zu befürchten, daß sie von schweren Fuhrwerken und Kraftwagen viel benutzt wird, da sie eine günstige Verbindung zwischen Gießener und Londorfer Straße bildet und daher bald stark beschädigt wird. Der Gemeinderat beschloß deshalb ihre Schließung für den Durchgangs ver- k e h r. Hierbei wurde auf die schl«hte Verfassung der Londorfer Straße, die Provinzialstraße ist, hingewiesen. Der Beigeordnete erklärte, daß er schon mehrmals mit der Provinzialstraßenver- waltung in dieser Sache verhandelt habe. Diese begründe die Hinauszögerung der 3nstandsehung damit, daß erst die völlige Senkung der Erdmassen nach der im vorigen 3ahre erfolgten Kanalisation erfolgt sein müsse. Angeregt wurde hierbei, die Straße vor dem Landwirtschaftsamt mit Dasaltgrus zu decken und weiterhin quer über die Theo-Koch-Straße nach der Bezirks- Sparkasse in Breite des Bürgersteiges pflastern zu lassen, denn der starke Fußgängerverkehr nach beiden Anstalten, sowie nach dem dicht dabeiliegenden Amtsgericht erfordere hier unbedingt einen besseren Weg. — Eine längere Aussprache zeitigte wiederum die Frage der K a n a l b e - Nutzungsgebühren. Der seinerzeit beschlossene Ausschlag auf das Wassergeld hat nicht die ministerielle Genehmigung gefunden. Eine viergliedrige Kommission soll versuchen, einen Weg zu finden, wie in anderer Weise der Ausschlag gefunden werden kann. Die Verwaltung des st ä d t i s ch e n Archivs, die seither in den Händen des nach Gießen verzogenen Oberstudiendirektors Angelberger lag, wurde dem Rentner Christoph Schweißguth übertragen.
LI Grohen-Linden, 26. Rov. Unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Lang fand gestern abend im Saalbau Schaum eine sehr stark besuchte öffentliche Dürgerversamm- lung statt. Die Bürgerschaft sollte zu der die Gemüter stark erregenden Bahnhofsfrage Stellung nehmen. Es sollte insbesondere darüberabgestimmtwerden. ob die Tewilligung eines Zuschusses durch den Gemeinderat für die Erbauung einer Gleisunterführung die Genehmigung der Bürger finde oder nicht. Die Gesamtkosten dieser Unterführung sollen nach Mitteilung der Reichsbahnverwaltung 38 000 Mk. betragen, wozu die Gemeinden Großen-Linden, Leihgestern, Hörnsheim und Hochelheim zusammen 20 000 Mk. aufbringen sollen. Hierzu wollte der Gemeinderat von Großen-Linden einen ansehnlichen Zuschuß bewilligen, während dir übrigen genannten Gemeinden sich zur Uebemahme von Kosten nicht bereit erklärten. Der Bürgermeister schilderte die Vorgänge und Verhandlungen mit der Reichsbahnverwaltung und den sonstigen Stellen in eingehender Weise und gab
ein Bild über den augenblicklichen Stand der Angelegenheit. An der lebhaften Aussprache beteiligten sich eine Anzahl Herren, die teils für, teils gegen die Bewilligung von Mitteln waren. Die anschließende Abstimmung ergab eine starke Mehrheit für die Ablehnung jeglicher Mittel.
O Holzheim, 27. Rov. Missionar Meller aus Frankfurt a. M. hielt in unserer Kirche vor einer großen Zuhörerschaft einen interessanten Lichtbildervortrag über Armenien. Eine Sammlung zugunsten der Armenischen Mission ergab die beträchtliche Summe von 150 Mk. Außerdem wurden im Laufe der folgende Tage armenische Handarbeiten im Werte von 56 Mk. verkauft. — Am Totensonntag wurde der älteste Mann — die zweitälteste Person unseres Dorfes, 3akob Reuhl II., beerdigt. Er war 88 3ahre alt und bis in die letzte Zeit noch rüstig. 3m verflossenen Kirchenjahre starben hier 24 Personen. — 3n unserem Filialort Dorf- Güll, das etwas über 400 Einwohner zählt, haben 10 Personen das Zeitliche gesegnet. — Hier gibt es 73 Leute, die „öie Siebzig" überschritten haben. Davon zählen 14 sogar 80 bis 90 Lenze.
i 3nheiden, 27.Rov. Bei der dieser Tage von 3agdpächter Doppelbaum (Hungen) ao- gehaltenen Treibjagd erlegte der 3äger W. Wilhelm von hier im »Heckenwald" einen Keiler, der das stattliche Gewicht von 276 Pfund (lebend) aufwies. Aufgebrochen wog das Tier 190 Pfund.
Kreis Büdingen.
„2" R id d a, 27. Rov. Die Oeffentlichkeit in unserer Stadt beschäftigt sich bereits stark mit den K a n d i d a t e n sür die kommende Bürger- meisterwahL Der Vorschlag, einen De - rufsbürgermeister anzustellen, wird kaum ernstlich erwogen, obwohl ihn eine politische Partei lebhaft unterstützt. Der größte Teil der Bürgerschaft lehnt ihn ab. Einstweilen führt Beigeordneter R u l l m a n n die Bürgermeistereigeschäfte.
s. Berstadt, 27. Rov. Auch hier wurde nach uraltem Brauch „M a r k t a b r n d" gehalten. Am 26. Rovember fand früher, als Berstadt vor dem Ausbau der Bahnlinien noch von größerer Bedeutung für die Umgegend war, ein großer Krämer- und Viehmarkt, ähnlich dem Ortenberger »Kalten Markt", statt. Der Markt ist längst geschwunden, aber der Tag wird bis heute gefeiert. Die Bäcker backen dafür die sog. „Kuloppe", kleine Formkuchen, die auch in die Rachbarortr gefahren werden. Die Spinnstubengesellschasten halten den Marktobend im Hause eines Mädchens, wobei die Burschen ganze Körbe voll Kuloppe stellen müssen. Dafür werden sie beim »Reujahr", das wieder im Hause eines anderen Mädchens gefeiert wird, reichlich mit Tabak und Zigarren beschenkt. Wer auf diesen Tag geboren wird, heißt im Volksmund »Maatsteck" (Marktstück) und behält diesen Spottnamen sein Leben lang.
# Echzell, 26. Nov. Am Sonntag konnten Landwirt Heinrich Reuter und seine Ehefrau, Elisabethe geb. Stoll, das Fest der goldenen Hochzeit feiern. Beide Iubilare sind körperlich und geistig noch verhältnismäßig rüstig.
T Stockheim, 27. Nov. Auf der in der Gemarkung Stockheim und Glauberg abgehastenen Treibjagd (nur Waldjagd) wurden 56 Hasen erlegt. Rehe wurden nicht geschossen.
+ Bleichenbach, 26. November. Bei der in den letzten Tagen hier abgehaltenen Treibjagd war das Ergebnis: zwei Rehe, ein Fuchs und 25 Hasen. Trotz starken Rehbestandes wurden nur diese beiden Exemplare geschossen.
4= Ortenberg, 26. Nov. Zu einer erhebenden würdigen Feier gestaltete sich in unserer Kirche
die Feier des Totensonntags. Sämtliche Vereine (Kriegerverein, Feuerwehr, Turnverein. Gesangverein, Männerquartett. Fußballklub) marschierten geschlossen zur Kirche, die bis auf den letzten Platz beseht war. Der Gottesdienst war umrahmt von Liedern und Chorälen der Gesangvereine. Die Festpredigt hielt der Ortsgeistliche Pfarrer Le hing. 3m Anschluß hieran wurden die 01 amen der im abgelaufenen Kirchenjahr Verstorbenen und im OMtfrieg Gefallenen verlesen.
j:l Gelnhaar, 26. Rov. Zu einer schönen, würdigen Feier gestaltete sich in unsrer Gemeinde die Feier des Totenfestes. Der Ortsgeistliche, Pfarrer Ullmann (Rauborn), batte sämtliche Ortsvereine zu der Feier eingeladen. zu der diese sich auch vollzählig einstellten. Rachdem um 9.45 Uhr eine kurze Gedenkfeier am Gefallenendenkmal gehalten war, bewegte sich unter Glockengeläute der Zug zur Kirche, die bis auf den letzten Platz gefüllt war. Der Gottesdienst war umrahmt von Liedern und Chorälen des Gesangvereins, Gemischten Chores und Musikvereines. 3m Anschluß an die Predigt wurden unter Glockengeläute die Ramen der Verstorbenen des 3ahres, der Gefallenen und der Vermißten verlesen. Mögen diese schönen Sitten unserer Gemeinde immer erhalten bleiben.
Kreis Schotten.
§ Ulrichstein, 27. Rov. Seit längerer Zeit hat die hiesige Molkerei mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Da hier der ernste Wille besteht, die Molkerei nicht eingehen zu lassen und nötigenfalls auch Opfer dafür zu bringen, wurde unter dem Vorsitz von Bürgermeister Appel eine Versammlung abgehalten, um zu beraten, was zu geschehen habe. Die von etwa hundert Teilnehmern, darunter auch einigen Auswärtigen, besuchte Versammlung war sich darin einig, daß ein für die ganze Gegend so lebenswichtiges Unternehmen wie die Ulrichsteiner Molkerei unbedingt erhalten bleiben müsse. Rachdem verschiedene Redner dieser Ueberzeugung nachhaltig Ausdruck gegeben hatten, beschloß man, eine Genossenschaft zu gründen mit dem Ziel des Ankaufs der Molkerei, die dann auf genossenschaftlicher Grundlage weitergeführt werden soll. Ueber 60 Anwesende zeichneten sich sofort in die aufgelegten Listen als Mitglieder der neuen Genossenschaft ein. Cs wurde ein Vorstand gewählt, bestehend aus Bürgermeister A p - p e l (Vorsitzender), Beigeordneter Geiß, W. Stein, L. Stern, W. Repp und K. Vehr- mann. Er soll die zunächst notwendigen Schritte tun, vor allem in Kaufverhandlungen mit dem derzeitigen Besitzer eintreten.
)—( Ruppertsburg, 25. Rov. Die diesjährige Herb st Versammlung unseres Obstbauvereins fand bei Gastwirt Becker statt. Der Vorsitzende des Vereins, Lehrer De - bu s, suchte, ausgehend von den billigen Obst- Preisen der letzten 3ahre, die Frage zu beantworten: »Was können wir tun, um besseren Qlb- satz für unser gutes, einheimisches Obst zu bekommen?",^ und berichtete daran anschließend über die planmäßige Umpfropfaktion im Kreise Schotten während des letzten Sommers und über die Schädlingsbekämpfung durch Spritzungen mit Obftbaumfarbolineum. Auch unsere Einwohner beteiligten sich wieder daran. Mit Standardsorten umgepfropft wurden in unserer Gemarkung 112 Bäume, gespritzt 240 Bäume I., 521 Bäume II. und 569 111. Größe, insgesamt 1330 Bäume. Rach einer anregenden Aussprache über richtige Aufbewahrung und Lagerung des Winterobstes erfolgte die Gratisverlosung von 23 Obstbäumchen, die auch in diesem 3ahre wieder der Kreis- Obst- und Gartenbauverein Schotten aus der Baumschule des Kreises zur Verfügung gestellt hatte. Rachdem zwei neue Mitglieder ihren Ein-
Das Erbe
-es Herrn von Anstetten.
Vornan von 3- Schneider-Foerstl.
Urheber-Rechtsschuh durch
Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
12. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Graf Oertzen lieh die Peitsche leicht über den Braunen hinschwingen, der so gemächlich über den Waldweg dahintanzte. Das Tier verspürte die Unruhe seines Herrn und trabte jetzt mit ihm dahin, daß die Zweige von allen Seiten ins Gesicht schlugen und seinen Hut ins Wanken brachten.
Er zog die Uhr und sprang ab. — Zehn Minuten nach fünf. — Er war also auf die Minute pünktlich.
Aber sie war es auch. Ueber den Hang herauf kam die schlanke Gestalt der Baronin und bog nach der Lichtung ein, auf welcher er stand. Gr lieh die Zügel fallen und schritt ihr entgegen.
Sie duldete es, dah er ihr den Arm küßte und ihn dann durch den seinen zog.
»Diese letzten drei Rächte waren die längsten meines Lebens," gestand er und ging mit ihr über die Lichtung, in welcher ein Ausschnitt durch Ne Tannen den Dl.ck auf die Berge fre gab
»Es muh aus und gar fein, Oertzen." Er >ah, wie sie zusammenfror. „Haben Sie ihn gesehen?"
»Gestern im Vorüberreiten."
»Glauben Sie, daß er einen Spaß versteht?" „Keinen." Oertzen fühlte ein Rieseln, das sich bis unter die Kopfhaut erstreckte. »Warum haben Sie ihn zurückgerufen, Drunhilde?"
Sie schüttelte den Kopf. „Sie müssen einsehen, Ferdinand" — sie nannte ihn zum erstenmal mit feinem Vornamen — „daß es gefährlich wäre, ein Spiel fortzufetzen, das über kurz ober lang zu einer Katastrophe führen müßte. 3ch bin deshalb hierhergekommen, um 3hnen ein Abschiednehmen zu ermöglichen."
»Drunhilde!" Er erblaßte. »Sie sagten mir doch, daß er auch im Falle feiner Rückkehr keinerlei Rechte an Sie geltend machen dürfe."
„Stimmt! — Deswegen bleibt man aber doch Mann und Frau! Vor der Welt wenigstens, verstehen Sie, Graf. — Und um Demds willen.'
„Können Sie mich nicht einmal besuchen, Baronin?"
3n ihr Gesicht trat ein starrer Zug. »Die Dründe für diesen Besuch?"
Er wurde verlegen. »3ch bin ein Mönch geworden. — 3hrelwegen, Drunhilde! Und lebe im Zölibat. 3st das keines Lohnes wert?"
Sie lachte zu ihm auf. „3mmcr das Gleiche! — Er ist auch ein Mönch! Und lebt auch im
Zölibat! — Soll ich ihn fragen, von wem er sich belohnen läßt?"
»Sie wollen mir entschlüpfen, Drunhilde. 3ch möchte Sie aber warnen."--
Er sah den Spott in ihren Augen und reckte sich. »3ch habe Sie einmal geküßt und werde Sie wiedcw küssen! — Brunhild?, es gibt fein Entrinnen vor mir! Verlassen Sie sich darauf. 3m Rotfalle schieße ich auch sehr gut."
„Raubritter?" 3hr Lachen gurrte über die Lichtung.
„3awohl! — Meine Ahnen waren es, bis Rudolph, der Habsburger, sie aus den Restern hob. 3d) hab etwas von ihrem Dlut in mir.“
„Es scheint so!"
Sie breitete den Hellen Tuchmantel über den nadelbedeckten Boden und benützte ihn als Decke: »Wieviel verlangen Sie als Lösegeld?"--Es
war wieder dieses gurrende Lachen, das ihm so sinnverwirrend in den Adern brannte.
„Kommen Sie — kommen Sie ein einziges Mal zu mir, Drunhilde! Und wenn Sic dann noch können, sollen Sie frei sein."
Sie zog mit der Spitze des silbergriffigen Stockes, den sie zum Steigen benützt hatte, Runen in das Radelgewirr am Boden. — — »Zeit?" --Sie fragte es so lässig, dah er nicht sofort zu antworten wußte.
„Tag und Stunde ganz nach 3hrem Belieben", sagte er, nachdem er sich gefaßt hatte. »3ch werde von morgen ab, von nachmittags ein Uhr bis abends elf Uhr ununterbrochen zu Hause sein."
„Welch ein Opfer!" Sie sah mit einem Blinzeln der schieferblauen Augen zu ihm auf. »Wenn ich aber vormittags tarne?“
Sein verblüfftes Gesicht amüsierte sie derart, daß sie nach seiner Hand faßte und ihn zu sich auf den Boden zog. „Sie werden kopflos, mein Lieber. 3n solchen Fällen macht man dann die unmöglichsten Sachen. — Also ich komme! — Handschlag darauf, daß es Lösegeld ist."
Er streckte ihr zögernd die behandschuhte Rechte entgegen. „Unter der Bedingung natürlich, dah ich zu Hause bin."
„Selbstverständlich! 3ch werde zuvor telephonieren."
„Wann?"
»Das weih ich noch nicht! — Vielleicht bald! — Vielleicht auch nicht! — Das hängt ganz von den Umständen ab. — Verabschieden Sie sich jetzt, bitte! Etwas rasch, mein Lieber! — Aus Wiedersehen, Graf!"
Er gehorchte, obwohl er nicht begriff. Als er ben Fuß in den Steigbügel setzte, sah er einen Herrn in die Lichtung treten, der vor Drunhilde den Hut zog und dann neben ihr stehen blieb. Das matte Kupfer des Vollbarts leuchtete in der Sonne und auf dem grünen Hut, den er jetzt in der Hand trug, bauschte sich ein Gamsbart.
»Der Forstmeister!" Oertzen kannte ihn von
seinen Waldspaziergängen her. 3edenfalls war er als Bediensteter des Gutes keine Persönlichkeit, die man fürchten mußte. Er würde sich kaum getrauen, die Gattin seines Drotgebers irgendwie an den Pranger stellen zu wollen.
Trotzdem war es ihm sehr erwünscht, dah Brunhilde Auge und Ohr für sie beide offen- gehalten hatte. Man konnte nicht wissen, wie der Teufel einen Wächter auf den Plan schickte, der hernach zum Verräter wurde.
Ehe die Zweige hinter ihm zusammenschlugen, sah er noch einmal zurück und hatte ein Lachen um den Mund. Die zarte Gestalt Drunhildes schritt jetzt neben dem Riesen einem Seitenpfade zu, der sich ins Tal schlängelte.
Er stoppte mit einem Ruck des Zügels und warf eine Kußhand nach der Richtung:
„Gute Rächt, du allerschönste grau!---
Auf Wiedersehen bei mir!“
Hans Peter saß in dem großen nach Osten zu gehenden Arbeitszimmer und hatte Hörmann, den Verwalter des Gutes, vor sich stehen. Dessen Hände zitterten leicht und stützten sich haltsuchend auf die Platte des Diplomatenschreibtisches, der an das breite Mittelfenster gerückt stand.
„Sie glauben also, Hörmann,“ die dunllen Augen des Barons hafteten unverwandt in den grauen des Verwalters, „dah der Betrieb wesentlich vereinfacht und eingeschränkt werden muh, wenn das Gut zu halten sein soll."
„3a, das ist meine Ueberzeugung, Herr Baron."
Hans Peter — Günthers Rame muß endgültig gestrichen werden — ließ die Blätter des aufge- schlagenen Ausgabenbuches durch die Finger gleiten. „3ch habe heute nacht über den Büchern gesessen und ttohdem nicht herausgefunden, wo die überflüssigen Ausgaben liegen. — Wo muß also zuerst gespart werden?"
„3m Haushalt des Schlosses, Herr Baron."
Hans Peter stutzte. „Verschlingt der soviel?" „3a!“--Der Beamte wurde etwas verlegen.
„Die Löhne des Personals belasten das Budget über Gebühr."
Hans Peter notierte.
„Haben der Herr Baron gesehen, wie hoch die Hhpothekenzinsen angelaufen sind? — 3ch mußte vier unserer schönsten Kühe verkaufen. Wir hatten schon im Februar kein Futter mehr."
„Trotz der hundertsechzig Tagwerk Wiesen!" „Trotzdem, Herr Baron. Um Weihnacht stand das Heu sehr hoch im Preis. 3ch mußte davon verkaufen, um Außenstände regeln zu können. Diese dreihundert Zentner haben mir dann im ersten Frühjahr gefehlt."
Ein zustimmendes Ricken.
Hörmann wagte einen Vorschlag, möglich, daß er in der nächsten Minute zur Türe hinausflog: „Es wäre eine Leichtigkeit, den zweiten Ver
walter einzusparen, wenn ich nur wenigstens einigermaßen Mithilfe bekäme, Herr Baron."
Hans Peter verstand. „Entlassen Sie ihn. — 3ch bin ab morgen vor vier Uhr früh ab auf den Feldern."
Das war mehr als Hörmann erwartet hatte. Wenigstens war es für ihn ein neuer Ansporn, Anstetten solange über Wasser zu halten, als es nur irgend ging.
2lls die Türe hinter ihm zuklappte, lehnte der Freiherr den Rücken weit nach hinten und ließ die Lider über die Augen fallen. Die Kette begann zu schmerzen. Aber drei 3ahre würde sie zu ertragen sein.
Er neigte den Oberkörper über den Schreib- ttsch und notierte sich einige Zahlen, erhob sich dann und ging nach den Zimmern Drunhildes.
»Frau Daronin lassen um einen Augenblick Geduld bitten.“
Das war das erstemal, daß er in ihren Räumen stand. Ein leichter Hauch von Heliotrop lag über den spiegelnden Zirbelholzmöbeln, die in der Dormittagssonne glänzten.
Hinter ihm eine Wolke diskreten Duftes. „Guten Morgen. — 3st die Angelegenheit so dringend, daß sie hier erledigt sein muß? — Ditte, nimm Platz.“
Sie schob ihm einen der niederen Stühle mit Iben rosa Seidenbezügen dicht an das offene Fenster und blieb vor ihm stehen. 3hre Rasenflügel vibrierten. Er sah, wie unter dem feinen Datist ihres Kleides sich die 03ruft in rafeßen Schlägen hob. „Vielleicht hast du die Güte zu sprechen, Hans Peter?"
Das Starre, Wesenlose seines Dlickes verlor sich. »3ch wollte dich bitten, mir die Hypotheken- Sinsen der letzten 3ahre noch einmal zu stunden. — 3d) habe ihre Höhe unterschätzt.“
„Auf toielange?“
Er fror und faß nach Dernds Photo, das in künstlerischem Rahmen an der Schmalwand des Fensters hing. „Drei 3ahre!"
3hr Lachen ließ ihn zusammenfahren. „Du verstehst zu rechnen! 3nzwischen ist Dernd achtzehn. Laut (Vertrag bekommt er dann Anstetten überschrieben — und die Zinsen sind dir erlassen."
„Drunhilde!" Er war so weiß, wie das Sims, dessen Lack schneefarben aufglänzte. »3ch werde eine Klausel in den Qkrtrag setzen, daß dir bis dahin der Detrag, den ich dir schulde, bis zum letzten Pfennig zurückbezahlt fein muß.“
Er wollte sich erheben, aber die Füße versagten. Sie war ganz dicht zu ihm getreten und hatte ihre schmalen, weichen Hände auf seine Schultern gelegt. „Der Okrtrag ist dir Wohl eine unerwünschte Fessel, Hans Peter?"
Er begriff nicht, wo sie hinauswollte und nickte nur,
(Fortsetzung folgt)


