Ausgabe 
28.10.1929
 
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m. 255 Erstes Blatt

1Z9. Jahrgang

Montag, 28. Oktober 1929

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: Vrühl'sche Universttälr-Buch' und Steindruckerei H. Lange in Sietzen. Schristleitung und Sefchästrftelle: Schulitrahe 7.

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Dr. Friede. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Or.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Mar Filter, sämtlich in Gießen.

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.

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Die Illustrierte «Lietzener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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Zernsprechanschlüffe unter5ammelnummer2251. Anschrift für Drahtnach- richten: Anzeiger Giehen.

povscheettonlo:

Frankfurt am Main 11686.

Altreichskanzler Fürst von Bülow f.

Rom, 2S.Oktober (Tel. Ltn.) Oer ehemalige deutsche Reichskanzler FürstBernhardvonBülowist heute Montag vormittag gegen l Llhr in seiner römischen VillaMalta" nach langem Todeskampf an den Folgen eines Schlaganfalls im 81. Lebensjahre entschlafen.

Für den Fürsten Bülow, den vierten Kanzler des Deutschen Reiches, ist der Tod eine Erlö­sung gewesen. Es war einsam um ihn ge­worden, seit ihm im Januar in Rom seine Frau gestorben war, die sich um den Preis eines Duells von dem Grasen Dönhoff scheiden lieh und ihm dann ein Menschenalter hindurch als Kamerad wie als kluger Berater zur Seite stand. Seine Karriere, die ihn vom Gesandten zum Bot­schafter, zum Staatssekretär und schließlich zum Reichskanzler führte, die ihm den Grasentitel und späterhin die Fürstenwürde einbrachte, ist ungewöhnlich glänzend gewesen; in der Lleber- steigerung der Auszeichnungen aber doch Wohl auch ein Kennzeichen der LIeberschähung von Scheinerfolgen, wie sie für das Zeitalter Wil­helms H. überhaupt charakteristisch ist. Sicherlich, er war ein bedeutender Mensch, klug, belesen, bis in die Fingerspitzen kultiviert, mit allen Wassern der Diplomatie gewaschen, und doch fehlte ihm die klare Erkenntnis auch der letzten Zusammen­hänge. Er war ein Mann der Behelfsmittel, lebte diplomatisch wie innerpolitisch gleichsam von der Hand in den Mund und verlieh sich auf sein taktisches Geschick, das ihm von Fall zu Fall schon wieder weiterhelfen würde.

Für die Zeit seiner eigenen Kanzlertätigkeit hat ihn das Gefühl auch nicht getrogen, aber es war doch eine böse Erbschaft, die er seinem Rachfolgcr Bethmann-Hollweg hinterließ. Viel­leicht, daß er selbst gewandt genug gewesen wäre, um auch über die Krise von 1914 noch Hinwegzukommen. Der Kronprinz hat ihn nicht mit Unrecht einmal einen Seiltänzer genannt, und gerade weil er von der Diplomatie herkam, sah er auch in verzweifelten Lagen noch tausend Auswege, die dem rein innenpolitisch orientierten Bethmann verborgen blieben. Aber der Knoten der europäischen Verwicklungen wurde doch schon in den zwölf Jahren geschürzt, in denen Bülow die deutsche Politik maßgebend beeinflußte, zu­nächst von 1897 ab als Staatssekretär, dann vom Oktober 1909 ab als Kanzler. Er hat zwi­schen England und Rußland durchlavieren wollen, unter dem verderblichen Einfluß Holsteins und glaubte sich darauf verlassen zu können, daß diese beiden Antipoden sich niemals finden wür­den. Ein tragischer Irrtum, den wir mit dein Kriege bezahlen muhten. Er hat uns schon 1906 nach Algeciras geführt, wo Deutschland seine schwerste Riederlage erlitt, die auch nicht aus­geglichen werden tonnte, als es 1909 gelang, in der bosnischen Krise den Frieden zu erhalten und den Russen eine Schlappe zuzufügen. Sie haben warten können und sich dafür später ge­rächt.

Rach seinem Sturz in derDaily-Tele-- graph"-Affäre 1908,09 ist Fürst Bülow, abge­sehen von der kurzen Zeit als Botschafter in Rom zu Beginn des Weltkrieges nicht wieder amtlich tätig gewesen. Ein Versuch, ihn 1917 mitten im Weltkrieg wieder an die Spitze der Rcichsregierung zu bringen, scheiterte an kleinen Hofintrigen. Statt seiner kam damals Michaelis und mit ihm die politische Unzulänglichkeit und Unfähigkeit. Er persönlich war bereit, sich dem Reiche zur Verfügung zu stellen. Ebenso nach dem Zusammenbruch in den Tagen der Revolu­tion. Dah die deutsche Politik so leichtherzig auf die Kraft und Persönlichkeit Bülows glaubte verzichten zu können, ist ein geradezu klassischer Beweis für den unpolitischen Sinn des deut­schen Volkes. Bülow hat allerdings niemals den Gekränkten gespielt, sondern immer seinen Rat zur Verfügung gestellt, wenn er darum gebeten wurde oder sich ihm dazu eine Gelegenheit bot. Im Gegensatz zu dem gewaltigen eruptiven Ge­nie Bismarck war Bülow ein innerlich aus­geglichener Mensch, er war wie Hardenberg ein politischer Grandseigneur, ein Diplomat, von dem derMatin" einmal im Kriege schrieb, daß er der einzige deutsche Politiker sei, der dieGabe des Läct^lns" besitze.

Mit dem Sturz Bülows scheiterte seine Blockpoli­tik wie der Rücktritt Bismarcks seiner Kartellpolitik ein Ende machte. Zum zweiten Male war der ge­schichtliche Versuch einer Zusammenfassung der ton seroativen und liberalen Kräfte, auf denen das Deutsche Reich ruhte, mißglückt. Trotzdem hatte der Bülowblock bedeutsame gesetzgeberische Ausgaben ge­löst. Er hatte vor allem die Linksliberalen endgültig für Flotten-, Heer- und Kolonialforderungen gewon­nen. Um so verhängnisvoller waren die Folgen sei­nes Zerfalls. Das Philippi, bei dem sich Bülow mit seinen konservativen Gegnern Wiedersehen wollte, war bereits 1912 in vollem Umfange da. Die 1907 in den Blockwahlen geschlagenen Sozialdemokraten eirangcn 1912 einen gewaltigen Sieg. Am 3. April 1912 schrieb damals der nationalliberale Führer Bassermann an Fürst Bülow:Die Prophezeiung Eurer Durchlauft ist erfüllt, der Tag von Philippi ist erschienen! Im Reichstag unleidliche Zustände, Zentrum und Sozialdemokraten finden sich, und so vieles andere lähmt die politische Energie."

Aber nicht diese augenblicklichen Folgen waren das Schlimmste. Mit ' dem Sturze Bülows war gleichzeitig die letzte Möglichkeit verschüttet worden, ein gesundes parlamentari s ch es S y- st em in organischerEntwicklung erstehen

zu lassen. Unvorbereitet auf die gewaltigen Auf­gaben, die ihnen bei der nächsten Schicksalswende zufallen mußten, gingen die deutschen Parteien in den Weltkrieg, und ohne jede Beziehung zur Ver­gangenheit, nach denkbar radikalstem Bruch mit der Vergangenheit, schenkte uns die Revolution eine rein formale Demokratie, einen para- graphierten Parlamentarismus, der sich lediglich auf die Paragraphen der neuen Verfassung, aber nicht auf die wertvolleren Erfahrungen eigenen Lebens und eigener Vergangenheit stützen kann. Hierin hat der verewigte Bülowbiogravh Dr. Spickernagel recht, wenn er 1921 in seiner Bülowbiographie schrieb, daß eine Linie von den Novembertagen 1908, dem Ende der Bülowschen Blockpolitik, bis zu den Novembertagen 1918 geht.

Bülows Lebensgang.

Bernhard von Bülow wurde am 3. Mai 1849 in Klein Flottbeck als Sohn des späteren preußischen Ministers und Staatssekretärs Ernst von Bülow geboren. Seit 1873 im diplomatischen Dienst des Reiches wurde er 1888 Gesandter in Bukarest und 1893 Botschafter in Rom. Im Jahre 1897 übernahm er als Staatssekretär die Leitung der auswärtigen Politik. Hier gelang ihm im Jahre 1899 die Erwer­bung der Karolinen-Inseln aus der spanischen Ko- lonial-Hinterlassenschast, was ihm den Grasentitel eintrug. Am 17. Oktober 1900 übernahm er dann an Stelle be& alten Fürsten Hohenlohe das Reichs­kanzleramt.

In die ihm bisher ungewohnte innere Politik lebte er sich dank seiner großen Gewandtheit und redne­rischen Begabung ungewöhnlich rasch ein. Es gelang ihm zunächst, in den Kämpfen um den Zolltarif von 1903 sich eine Mehrzahl zu sichern und diese Mehrheit auch bei den Handelsverträgen von 1904 und 1905, bei dem Heeresgesetz von 1905 und der Reichsfinanzreform von 1906 zusammen, zuhalten. Ende 1906 kam es aber über der Frage eines Nachtragskredites zur endgültigen Niederwer­fung des Aufstandes in Südwestafrika zu einem Bruch Bülows mit dem Zentrum, der zur Reichs­tagsauflösung und zu Neuwahlen führte, bei denen die Sozialdemokratie die Kosten bezahlte und mit dem Zentrum in die Minderheit kam. Die siegreichen Parteien Konservative und Liberale bildeten fortan den sog. Bülow-Block, der zwar in den nationalen Fragen zusammenhielt, über soziale Fragen jedoch bald brüchig wurde. Das neue Reichs- Vereinsgesetz und die Revision des Börsengesetzes gelangen zwar noch, aber über die endgültige Reichs­finanzreform kam es zu Schwierigkeiten. Konfer- vative und Zentrum einigten sich hier wieder über Bülow und die liberalen Parteien hinweg. Dazu

kam, daß Bülow sowohl beim Kaiser wie bei den Konservativen wesentlich an Geltung verloren hatte, einmal infolge seines Eintr:t'ns für eine größere Zurückhaltung des Kaisers in Zusammen­hang mit der Angelegenheit des Kaiser-Inter­views imDaily Telegraph" (Rovember 1908) und zum anderen wegen seiner Ankündigung einer organischen Fortbildung des preußischen Wahl­rechts. So trat er nach Erledigung der Reichs­finanzreform am 14. Juli 1909 zurück. Sein Rachfolger wurde von Bethmann-Hollweg.

In der auswärtigen Politik hielt B. darauf, den Dreibund zu erhalten. Eine Erweiterung durch Ein­gehen auf mehrfache englische Bündnisangebote in den Jahren 1898 bis 1910 lehnte er dagegen ab. Infolgedessen nahm die englische Politik dann den Weg, der zur Entente mit Frankreich und Rpßland führte. Die Folgen hat Bülow noch selbst im Amt miterleben müssen, als die erste Marokkokrisis mit der Konferenz von Algeciras 1906 endete, einer kla­ren Niederlage der deutschen Politik. Daß er später in der bosnischen Krise (1908 bis 1909) das Schlimmste, den Kriegsausbruch, noch einmal ver­hüten helfen konnte, änderte an der allgemein schwie­rigen tiagc Deutschlands bei seinem Rücktritt nichts.

Fürst Bülow lebte seither teils auf seinem Gut Klein-Flottbeck a. d. Elbe (Holstein), teils in seiner Villa Malta zu Rom, die ihm übrigens auch trotz des Krieges durch die verwandtschaftlichen Beziehun­gen seiner Gemahlin, einer italienischen Prinzipessa di Eamporeale, erhalten blieb.

Amtlich fand er noch einmal Verwendung, als er im Dezember 1914 als außerordentlicher Botschafter in Rom damit beauftragt wurde, den Abfall Ita­liens vom Dreibund zu verhindern. Doch scheiterte diese seine Mission. Am 24. Mai 1915 erfolgte seine Abreise aus Rom.

Nach Bethmanns Abgang war v. Bülow dicht daran, zum zweiten Male Reichskanzler zu werden, doch konnte Wilhelm II. feine Haltung jn der No nembertrife des Jahres 1908 nicht vergessen. Auch als Reichspräsidentschaftskandidat kam er in Frage, als sich Eberts letztes Präsidentenjahr nahte. Am 26. Januar 1929 starb ihm in Rom seine geistvolle Gemahlin, die mit ihm in glücklicher Ehe verbunden war, nachdem sie im Jahre zuvor am 6. Februar noch ihren 80 Geburtstag hatte begehen können.

In einem 1916 erschienenen BuchDeutsche Poli­tik" hat B. die Grundzüge seiner Politik rückschauend selbst erörtert. Seine Reden wurden von I. Penzler und O. Hötzsch herausgegeben (3 Bände, Leipzig 1903 bis 1909). Weitere Literatur: I. Haller,Die Aera Bülow", Stuttgart 1922, W. Spickernagcl, Fürst Bülow", Hamburg 1921, A. TardieuLe prince de Bülow", Paris 1909.

Aus der Bülow-Zeit.

Es sind seit Bernhard von Bülows Rücktritt vom Kanzleramt zwei Jahrzehnte verflossen, keine große Spanne für die Geschichte, ein kleiner Zeitraum für die Ewigkeit, aber sie haben für Deutschland die erhebendsten und schwersten Er­eignisse gebracht, die einem Volk in so kurzem Zeitraum nur beschießen sein können. Wenn das Bildnis Bülows dennoch heute immer noch in festen und plastischen Zügen vor uns steht, kaum getrübt durch die Flut ungeheurer Geschehnisse und unverwischt durch die verwirrende Fülle von inneren und äußeren Eindrücken, die inzwischen über uns einbrachen, so bedeutet das wohl, daß sich sein geistiges und körperliches Profil sehr tief in die Erinnerung jener Generation ein­geprägt haben muß. welche die Jahre seines Kanzleramts mit einigem Bewußtsein, wenn auch nicht mit ganzer Ahnung ihrer historischen Wich­tigkeit miterlebt hat.

Zwischen jener Bülowzeit und der Gegenwart liegen Welten. Wenn das Theater ein Spiegel des Augenblicks ist: damals lebten auf der Bühne des Berliner Melropoltheaters noch die großen Revuen, und es war einer ihrer stür­mischen Ersogle, als damals. ein leben­des und glänzend gestelltes Bild, Menzels Flötenkonzert" vor dem überraschten Publi­kum erschien; man erwäge für einen Augen­blick, mit welchen Mitteln. Songs und Szenen die Zuschauer im Jahre 1929 gepackt werden müssen, man vergleiche den gehetzten Irrsinn der heutigenSchlager" mit der graziösen Leich­tigkeit derCouplets" von 1903 und den da­maligen schar.pointierten Witz mit dem heutigen Geschrei des politischen Theaters, um zu er­messen. wohin wir uns bewegen. Sicherlich hatte die Zeit ihre Spannungen, aber sie blieben unterirdisch-verborgen, und das böse Schlagwort vom Amerikanismus beherrschve noch nicht die ruhigen Stunden.

In diesen saturierten Jahren, in denen sich jeder Deutsche noch als Angehöriger einer Welt- und Wehrmacht fühlen durfte, hatte der einzelne naturgemäß ein anderes Verhältnis zu dem füh­renden Staatsmann, dem Reichskanzler als heute. Wenn die Gestalt Stresemanns immer von der Tragik jenes Kampfes umwittert war, durch den er seinem Volke wieder eine Geltung neu er­

ringen mußte, so hatte der Reichskanzler von Bülow im Bewußtsein der Menge eine ganz andere Aufgabe: er war mehr Repräsentant des Vorhandenen und Bestehenden, er war Ver­walter. nicht Kämpfer. Lind er repräsen­tierte auf seine geschmeidige, höfliche und höfische Art, er war auch äußerlich mit seinem grauen Schnurrbart, der damaligen Mode, seiner un­auffälligen Eleganz, seinen klugen grauen Augen ein Typus, der Typ des Diplomaten, wie ihn sich diese gesättigte Zeit, die noch nichts von der Zukunft ahnte, eben vorstellte.

Roch lebte der Schatten des abgedankten Bis­marck in aller Vorstellung, und man sah ihn, wie er auf den Wegen des Friedrichsruher Parks in Begleitung gewaltiger Doggen wandelte. Der ständige Begleiter Bülows hatte nun freilich weniger Wucht und Schwere. Er wurde von seinem Pudel Mohrchen begleitet, von einem klugen und gelehrigen Hündchen, das zu seiner Erscheinung paßte, und Mohrchen hatte die Auf­gabe, seinem Herrn DüchmannsGeflügelte Worte" nachzutragen, denn aus ihnen, so wollte es die Dolksvorstellung, bereitete sich Bülow auf seine glänzenden und eleganten Reichstagsreden vor. Die Zeit war zu ernst, als daß sie Strese- mann mit einem so hübschen Symbol ausge­stattet, die Erscheinung Bismarcks zu gewaltig, als daß man sich mit einer solchen Vernied­lichung an sie herangewagt hätte. Dem Rach­folger Bülows. Bethmann-Hollweg hat die Vor­stellung der Menge einen Band Kant in die Hand gedrückt, Bülow hatte seinenZitaten-Pu- del". und mit diesem hilfreichen Hündchen ist er auf jener Bühne des Metropoltheaters einmal erschienen, mit ihm in zahllosen Karikaturen und Zeichnungen abgebildet worden. Auch das Attri­but. das die schaffende Phantasie den leitenden Männern mitgibt, ist für deren Wesen bezeichnend.

Bezeichnend auch jene Worte, welche die Staats­männer einmal geprägt haben und die durch sie zugeflügelten Worten" im Sinne Büchmanns geworden sind. So wird Bismarck immer mit dem Wort vonBlut und Eisen" verbunden bleiben. Bülow, damals noch nicht Kanzler, sprach am 6. Dezember 1897 über die Besitzergreifung von Kiautschou und führte aus, daß Deutsch­land gerne bereit sei, auch den Interessen anderer

Großmächte Rechnung zu tragen, daß Deutsch­land niemand in den Schatten stellen wolle, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne". Lind noch einmal fand er ein geflügeltes Wort; Chamberlain ha te zu der Zeit, als die deutsche Stimmung zur Zeit des Burenkrieges stark gegen England an­ging, die Grausamkeiten der englischen Soldaten zu verteidigen und verglich das Verhalten der Engländer in Transvaal mit dem der deutschen Soldaten im Jahre 1870. Damals wehrte Bülow diese Angriffe ab:Wer das tut, beißt auf Granit". Solche Prägungen sind auch für die Stimmung der einzelnen Epochen bedeutsam und aufschlußreich, denn Stresemanns geflügeltes Wort ist wie konnte es anders sein das von dem schmalen Silberstreifen, den er für Deutschland am Horizont erscheinen sah. Blut und Eisen Platz an der Sonne Silber- streifen: drei Zeiten, drei Männer, drei Dölker- schicksale ruhen in diesen Aussprüchen.

Beamte und Volksbegehren.

Disziplinarverfahren gegen Bürgermeister Berndt-Schöneberg.

Berlin, 26. Okt. (Privatmeldung.) Der Bür­germeister von Schöneberg, der deutschnatio­nale Reichs tagsabgeordnete Berndt, hat an den Berliner Magistrat ein Schreiben gerichtet, in dem er mitteilte, daß et aus Gewissens­pflicht nicht in der Lage sei, die Ver­fügung auszuführen, wonach die bekannte Er­klärung des preußischen Minister­präsidenten über das Verhalten der Beamten gegenüber dem Volksbe­gehren an die ihm unterstellte Beamtenschaft weitergeben sollte. Bürgermeister Berndt begründet seine Stellungnahme unter Hinweis auf die Reichsverfassung und andere Bestimmun­gen damit, daß das Volksbegehren vom Reichs­innenminister vorbehaltlos zugelassen und dadurch klargestellt sei, daß es gesetzmäßig ist. Durch ein Volksbegehren solle die Mei­nung des ganzen deutschen Volkes erforscht werden. Diese Meinung komme aber nicht zum Ausdruck, wenn ein großer Teil des Volkes, hier die Beamtenschaft, gehindert wird, am Vo.ks- begehren teilzunehmen. Er könne die Erklärung des preußischen Innenministers nicht weiter­geben, weil er sich nach seiner Auffassung da­durch einer mit Gesetz und Verfassung nicht in Einklang stehenden Beeinflussung der Beamtenschaft schuldig und strafbar machen würde. Bürgermeister Berndt fügt noch hinzu, daß er auf feine Immunität als Reichstags­abgeordneter verzichte.

Hierzu erfahren wir von unterrichteter preu­ßischer Seite, daß die Aufhebung der Immunität nur durch den Reichstag selbst erfolgen kann, dieser Passus in dem Schreiben also die Bedeu­tung hat, daß er sich der Aufhebung nicht widersetzen würde. Die Aufhebung ist in der Tat notwendig, wenn ein Disziplinarver­fahren eingeleitet werden soll. Dieses Ver­fahren ist von der zuständigen Aufsichtsbehörde, dem Oberpräsidenten, beabsichtigt. Er hat bereits die erforderlichen Schritte eingeleitet, um die A u f h e b u n g der Immunität zu er­reichen.

OieLandtagswahleninBaden

Karlsruhe, 28. Okt. (TU.) Das nichtamt­liche Ergebnis der badischen Landtagswahlen

ist folgendes:

Sitze

Zentrum

341 860

(283 404)

34

(28)

Sozialdemokraten

187 290

(160 533)

18

(16)

Deutschnat. Volkspartei

34 081

(93 727)

3

(9)

Deutsche Volkspartei

74 318

(72 882)

7

(7)

Demokraten

62 335

(66 842)

6

(6)

Wirtjchaftspartei

35 613

(22 858)

3

(2)

Kommunisten

55168

(47 304)

5

(3)

Linkskommuniften

1 530

(0)

0

(1)

Volksrechtpartei

6 803

(0)

0

(0)

Eoang. Volksdienst

35 328

(0)

3

(0)

Nationalsozialisten

65 106

(0)

6

(0)

Christlich-Soziale

5105

(0)

0

(0)

Badischer Bauernbund

28 141

(0)

3

(0)

88 (72)

(Die Zahlen in der

Klammer

bedeuten

das

Er-

gebnis der letzten Landtagswahl.)

Die Wahlen sind trotz des vorausgegangenen, überaus heftigen Wahlkampfes, überall ruhig verlaufen. In der Landeshauptstadt war die Wahlbeteiligung ziemlich stark. Man schätzt sie auf über 70 Prozent, während in Freiburg eine Wahlbeteiligung bis zu 60 Prozent zu ver­zeichnen war.

Der bisherige Landtag zählte in der Regierungs -(Weimarer)K 0 a l i t i 0 n i ns- gesamt 50 Abgeordnete, und zwar Zentrum 28, Sozialdemokraten 16, Demokraten 6 Abgeordnete; die Opposition stellte 22 Abgeordnete: Deutichnationale 9, Deutsche Dolkspartn 7, Wirt- lchaftliche Vereinigung 2. Kommunisten 3, linke Kommunisten 1. Die heutige Wahl vollzog sich