Nr. 228 viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 28. September (929
Geschichten aus aller Welt.
Der Herr Gcmeinderat erhält Anschauungsunterricht.
(r) Amsterdam.
Mynheer Lohten, (eines Zeichens allgewaltiger Gemeinderat des holländischen Aestchens Zwael- men, verliest in bester Stimmung seinen Klub. Da überfielen ihn — es geschah zur elften Racht- stunde — vier maskierte Männer, verbanden seine Augen mit einem schwarzen Tuch und forderten den zu Tode Erschrockenen auf, einen kleinen Spoz4erqang mit ihnen zu unternehmen. Mit der Versicherung, es würde ihm kein Haar gekrümmt werden. Dem Mynheer blieb in seiner Zwangslage nichts anderes übrig, als der Einladung Folge zu leisten. Der nächtliche Vummel begann. Aach der ersten Viertelstunde kam die zweite, bald verstrich eine volle Stunde und — der Weg wurde immer schlechter. Aatür- lich gost es in Strömen und der durchweichte Boden war kaum gangbar. Da hielt auf einmal die fünfköpfige Gesellschaft. Die Entführer nahmen ihrem Gefangenen das Augentuch ab, er konnte scststellen, dah er sich auf der Landstraste nach Doekoel befand. „3ft das eine menfchen- würdige Landstraste, Herr Gemeinderat?", erdröhnte die Stimme der Maskierten im gemischten Chor. „Wie oft wurde schon im Gemeinderat die Verbesserung des Weges vorgeschlagen? Wer war immer dagegen? Sie, Herr GemcinderatI So geht das nicht länger, und wenn Sie nicht an Ort und Stelle schwören, Ihre Opvosition aufzugeben, dann spazieren Sie jetzt gefälligst weiter mit uns. Bis zum Morgengrauen wird aus Ihnen ein durchaus menschenunähnliches. bis über die Ohren kotbedecktes Klümpchen!!!" Dazu hatte nun Mynheer Lohten beileibe keine Lust: ohne Bedenken leistete er den geforderten Cid. Worauf ihn die „Banditen" in einem Auto nach Hause brachten und sogar mit einer Kiste Zigarren beschenkten. In der nächsten Gemeinderatssihung war der wackere Lohten unklug genug, sein nächtliches Abenteuer unter schallendem Gelächter den Versammelten preiszugeben. In der Folge fastte man zwei Beschlüsse: die Ausbesserung der Landstraste und die — paritätische Verteilung der Zigarren an die Mitglieder des Gemeinderates ...
Ter ticrfrcundliche König von Spanien.
(g) Madrid.
Der König von Spanien überraschte sein Volk mit einer für spaniche Begriffe geradezu epochemachenden Verordnung, wonach öffentliche Tier- auälerei verfolgt und mit 50, im Wiederholungsfälle mit 100 Peseten bestraft wird. Man nimmt allgemein an, dah die Verordnung als Vorläufer eines generellen Verbotes der berüchtigten Stierkämpfe zu bewerten sei, die ihre alte Volkstümlichkeit immer mehr einbühen und von den intellektuellen Kreisen längst verurteilt werden. Wenn sich der König schon als Schimn- herr der Tiere zeigt, so hofft man, daß der tierfreundliche Herrscher im Laufe der Zeit auch — stierfreundlich wird und diesem blutigen Sport Einhalt gebietet.
Jntelligcnzprüfung.
T. Athen.
Eine unglaubliche Räubergeschichte hat sich soeben mal wieder in Griechenland ereignet, und zwar diesmal unmittelbar vor den Toren der Stadt Athen selbst. Dort erschien im Dorse Willia bei einem Gutsbesitzer, der drei Söhne sein eigen nannte, eine Räuberbande, die nach dem Vorbilde der berühmten „Räuber von Epirus" den gerade allein anwesenden ältesten Sohn festnahm und verschleppte. Unter Todesdrohungen wurde das Opfer gezwungen, vom sicheren Port aus seinem geängstigten Vater einen Brief zu schreiben und ihn zu bitten, umgehend Lösegeld in Höhe von 80 000 Drachmen flüssig zu machen.
Dem besorgten Vater gelang es auch mit unendlicher Schwierigkeit, 30 000 Drachmen aufzu-
bringen, die er den Räubern an dem verabredeten Treffpunkt zukommen liest. Und zwar — Rätsel der menschlichen Seele! — durch seinen zweiten Sohn. Selbstverständlich kam dieser den Räubern wie gerufen, er wurde ebenfalls in Verwahrung genommen und die Lösegeldsumme entsprechend hinaufgeseht.
Einem on dit zufolge soll sich jetzt der alte Herr, der sich wahrscheinlich nicht durch ein übermäßig hohes Mast von Intelligenz auszeichnet, mit dem Gedanken tragen, diesen Betrag, und zwar wieder in Raten, den Herrn Räubern durch seinen dritten Sohn zu übermitteln ... x
Die kleine Postmeisterin nnb der große Diktator.
(g) Rom.
Cignorina Rosetta Ravanelli zählte zwanzig Lenze und war bis vor kurzem beim Hauptpostamt der „ewigen Stadt" als weibliche Hilfskraft angestellt. Eine fleißige kleine Postnicisterin, die gewiß nicht im Traum daran dachte, dast eines Tages ihr Aame fett gedruckt dura) alle Zeitungen Italiens gehen und letzten Endes dazu beitragen würde, die Popularität Mussolinis — wenn auch indirekt — zu fördern.
Das brave Fräuleinchen hatte eine einige Untugend: Mussolini hat es chr angetan! Ihr Interesse für den Duce war geradezu krankhaft. Lind da ihr nie die Freude vergönnt war, den Helden ihrer Mädchenträume persönlich zu sehen — fast sie doch tagein tagaus hinter dem Schalter — wählte sie einen anderen Weg, um diese krank-
Sonnfag, 29. September.
7 Llhr: Von Hamburg: Hafenkonzert von dem Dampfer „Deutschland" der Hamburg-Amerika- Linie. 8.15 bis 9.15: Morgenfeier, veranstaltet von der Evangelischen Landeskirche Frankfurt am Main. 11: Stunde der Jugendbewegung: „Ziele und Ausgaben der weiblichen Jugendpflege auf dem Lande", Vortrag von Bezirksjugend- pslegerin Käte Schmidt. 11.30: Konzert der Stadtkapelle Aschaffenburg am Ludwigsbrunnen. 12.30: Elternstunde: „Rationale Aufgabe der Landerziehungsheime". Vortrag von Kurt Hahn. 14: Stunde der Jugend: Ein lustiger bunter Rachmittag von Liesel Simon. 15: Stunde des Landes. 16.45: Vom Stadion Frankfurt a. M.: Fußball-Repräsentativspiel Süddeutschland gegen Westdeutschland. 17.45: Aach Stuttgart: Konzert des Rundfunkorchesters. . 19.05: Stunde des Rhein-Mainischen Verbandes für Volksbildung: „Pater Stanislaus von Dunin-Borkowski S. I. liest aus seinen Miniaturen erzieherischer Kunst". 19.35: Das Frankfurter Opernhaus vom 29. September bis 5. Oktober. 19.45: Sportnachrichten. 20: Von Stuttgart: Heitere Dialoge. 20.30: Von Stuttgart: „Die Schweizer Hütte". 21.30 bis 22.45: Von Stuttgart: älnterhaltungskonzert. 23 bis 0.30: Tanzmusik.
Montag, 30. September.
12.15 älhr: Schallplattenkonzert: Operetten und Schlagermusik. 13.15 bis 13.30: Werbekonzert. 15.15 bis 15.45: Stunde der Jugend: Aus Sport und Spiel: „Wintersport", Vortrag von Dr. Paul Laven. 16.15: Hausfrauen-Aachmittag, veranstaltet vom Frankfurter Hausfrauen - Verein. 17.05: Vortragszyklus des Frauenverbandes Hessen-Aassau und Waldeck: „Warum soll die Frau ein Interesse an den Wahlen haben?", Vortrag von Frau Dr. Anna Schultz, Rechtsschuhstelle für Frauen. 17.30 bis 18: Don Stuttgart: Konzert des Rundfunkorchesters. 18.10: Lesestunde. 18.30: „Die Einheitsbewertung 1928“, Vortrag von Kataster-Sekretär Herrmann. 18.50: Umzugstag, Mikrophon-Reportage. 19.20: Englische Literaturproben. 19.35: Englischer Unterricht. 20 bis
hafte Aeugierde wenigstens einigermaßen zu stillen: sie öffnete kurz entschlossen zwei Privatbriese. Der eine war an den Ministerpräsidenten selbst, der andere an seine Gattin, Donna Rachele Mussolini, gerichtet.
Das war nun kein Scherz mehr, juridisch sogar ein Doppelverbrechen: Verletzung des Briesge- heimnisscs und gleichzeitig der Deamtenpflicht.
Aatürlich kam die Sache bald heraus. Man witterte eine antifafzistische Verschwörung, mobilisierte die Kriminalpolizei und die Faszisten- detachements und — ertappte die gefährliche „Attentäterin" kurz darauf beim Oeffnen eines dritten Brieses. Große Aufregung, große Empörung. Dann: Schutzhaft, Verhör und — Gelächter. Die kleine große Sünderin gestand unter dicken Tränen die „Beweggründe", vielmehr den einzigen Beweggrund: sie sei eben in Mussolini unsterblich verliebt. — Da das dumme Mädel durch die Oeffnung der an sich belanglosen Privatbriefe keinerlei „Staatsgeheimnisse" erfahren hat, kam es mit einer verhältnismäßig geringen Strafe davon: sechs Monate Zuchthaus! Das Arteil war rechtskräftig und die Gemüter beruhigten sich — sowohl Frau Justitia wie Herr Mussolini konnten nunmehr ruhig schlafen.
Da kam die große, ganz große Aeberraschung: Mussolini „winkte' und Rosetta wurde begnadigt! Begründung: der eigentliche Beweggrund der verbrecherischen Tat sei verzeihliche menschliche Schwäche" gewesen. Unö Mussolini hat nun einmal Verständnis für Schwächen anderer! Der Knalleffekt ist restlos gelungen: das Volk klatschte Beifall und die Zeitungen brachten Leitartikel über das große Herz des großen Mannes. Mussolini tnumphator siegte auch diesmal. Röschen wird wohl zum Film gehen. Die kleine Postmeisterin ist ja über Rächt eine Persönlichkeit geworden...
22.30: Aach Stuttgart: „Die Zirkusprinzessin", Operette in drei Akten von Julius Brammer und Alfred Grünwald, Musik von Emmerich Kalman. 22.45 bis 24: Aach Stuttgart: „Gespenster", echt und imitiert.
Dienstag, 1. Oktober.
13.15 bis 13.30 Uhr: Werbekonzert. 13.30 bis 14.30: Schallplattenkonzert: Instrumental-Soli. 15.15 bis 15.45: Stunde der Jugend: Aus dem Wunderreiche der Aatur: „Der Mikrobenjäger", Vortrag von Dr. Höfer (für Kinder vom 12. Jahre ab). 16.15 bis 18: Aach Stuttgart: Konzert des Rundfunkorchesters. 18.15: Von Kassel: Gespräche Prominenter aus „Dichtung und Rundfunk". 19: Von Kassel: Zehn Minuten Ratschläge für den Gartenfreund von Garteningenieur Karl Hinze. 19.10: Äur für Frankfurt: Zehn Minuten Wanderratschläge für den Taunusklub. 19.20: Funkhochschule: „Erste Hilfe bei Verletzungen und Blutungen", Vortrag von Stadtarzt Dr. Görisch. 19.40: Vortrag über Hans Thoma. 20: Von Stuttgart: Sinfoniekonzert. 21: Don Stuttgart: Herbstgesang. 22: Don Stuttgart: Konzert des Rundfunkorchesters: Klassische Operetten. 23 bis 24: Don Stuttgart: Unterhaltungskonzert.
Mittwoch, 2. Oktober.
10.40 bis 11.10 Mf)r: Schulfunk: Gegenwartsstunde: „Die Dilbeler Quellen", Dortrag von Rektor F. Hürten und Rektor K. Wehrhan. 13.30 bis 14.30: Schallplattenkonzert: „Das deutsche Dolkslied". 15.15 bis 15.45: Stunde der Jugend: Aus dem Buche der Sage und Geschichte: „Die Füße im Feuer und andere merkwürdige Geschichten", vorgetragen von Rektor K. Wehrhan. 18.10: „ Funk-Kritik". 18.30: Dortrag von Hans Aeuert. 18.45: „Polemik" von Herbert Jhering, Berlin. 19.05: Französische Literaturproben. 19.20: Französischer Sprachunterricht. 19.45: Senckenüerg-Diertelstunde: „Der herbstliche Laubfall", Dortrag von Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. M. Möbius. 20: Aach Stuttgart: Kammermusik. 21 bis 22: Don Stuttgart: „Das jüngste tschechische Lied". 22.30: Funkstille.
Rundfunkprogramm.
Das Eisenbahnunglück.
Von Siegfried von Vegesack.
Endlich habe ich ein Eisenbahnunglück erlebt, ein richtiges Eisenbahnunglück.
Anhalter Bahnhof, ab 7.53, D-Zug nach Mün- chen. Aiernals denke ich an eine Gefahr, wenn ich einen Zug besteige. Als ich aber diesmal in der Mitte, gleich hinter dem Speisewagen, meinen Platz einnahm, kam mir der beruhigende Gedanke: gut, dah ich nicht ganz vorn oder ganz hinten sitze, die ersten und letzten Wagen sind immer die gefährlichsten.
Alles war, wie es immer auf Eisenbahnfahrten ist: man sitzt, blättert sorglos in einer Illustrierten, steht im Gang, starrt auf die vorüberjagenden Kartoffeläcker, Felderstreifen, Wiesenstücke, die sich wie auf einer großen rotierenden Scheibe drehen, denkt an allerlei, aber nicht an den Tod, der unsichtbar dicht hinter den Rädern herrast. Ich denke an ein kleines blondes Mädchen mit Schulranzen, das mich auf der Ferienheimfahrt in Regensburg erwartet.
In jedem Abteil hocken, wie in einem Käfig, die Passagiere. Keiner spricht mit keinem ein Wort. Jeder ist eine Welt für sich, durch seelische Abgründe, unübersteigbare Mauern vom Aachbar isoliert und getrennt.
Aber im Gang lehnt ein verliebtes Pärchen am Fenster, drückt sich innig die Hände: Reise in den Süden, Reise ins Glück. Etwas weiter steht eine junge Dame in Hellblau. Braunes, halblanges Haar bauscht sich im Wind, Sonne liegt auf dem schmalen, blassen Gesicht, den geschlossenen, von langen Wimpern überschatteten Augen, dem vollen, lächelnden Mund.
Dann kommt der Ober vom Speisewagen und verteilt die Plätze zum Mittagessen. Wird das Schicksal gnädig sein? Rein, das Schicksal im Speisewagen ist immer dumm und verständnislos. Mein Gegenüber ist ein blonder Jüngling mit leeren Froschaugen, sicher Reisender in Dauerwurst. Die Dame in Hellblau sitzt drüben in der Ecke, eingekeilt neben einer überquellenden Matrone. Ich kann nur ihren Racken, den dichten Haarschopf, und dann und wann, wenn sie sich zur Seite wendet, einen Schimmer ihrer weihen Wange, den Schatten ihrer schwarzen Wimper sehen.
Der Wagen leert sich. Cs wird schon abgeräumt. Ich schwanke hinaus, laviere durch den schlingernden Gang bis zu meinem Abteil. Der Zug rast mit irrsinniger Geschwindigkeit. Unö in diesem Augenblick geschieht es.
Was geschieht? Das ist schwer zu sagen. Zuerst gibt es einen Ruck, dah ich an die Wand fliege, und gleich darauf einen Stotz auf die andere Seite, der mich gegen die Tür schleudert. Es ist. als wäre der Wagen betrunken geworden, als hüpfe er bald auf den linken, bald auf den rechten Rädern. Eine Damenstimme kreischt. Irgendwo kracht ein Gepäckstück zu Boden. Fensterscheiben klirren. Dann plötzlich: ein Ruck, — und der Zug hält. Dieses plötzliche Halten des Zuges in rasender Fahrt wirkt wie ein Wunder, und ist auch das Wunder, das eine größere Katastrophe verhinderte und vielen, — vielleicht auch mir, — in diesem Augenblick das Leben rettete.
Ich strecke den Kopf zum Fenster hinaus. Auf dem Bahndamm wimmelt es schon von Menschen. Alles rennt nach hinten. Unheimlich hängen die letzten Wagen schief zur Seite geneigt. Jemand ruft aufgeregt:
„Ist ein Arzt im Zuge?"
Unö wie eine Lawine pflanzt sich der Ruf fort, von Wagen zu Wagen:
„Ist ein Arzt im Zuge? Ist em Arzt un Zuge?"
Ich klettere die Stufen hinunter, bin nun auch ein Teil der erregten, neugierigen Masse, die nach hinten drängt. Die vier letzten Wagen sind entgleist. Die Räder haben sich tief in den Schotter eingegraben. Dohlensplitter liegen umher, die Wagen hängen so schief, dah sie sich über das Rebengeleis neigen.
Irgend jemand soll verletzt sein. Und der Koch im Speisewagen soll sich verbrüht haben: grabe als er den Kaffee kochte, wurde ihm das siedende Wasser über die Hände gegossen. Sonst ist alles glimpflich abgelaufen. Es bilden sich Gruppen. Einige lassen sich am Bahndamm gemütlich nieder, spielen Picknick. Kinder pflücken Blumen. Jemand hat schon einen photographischen Apparat gezückt, hockt hinter dem letzten überhängenden Wagen und macht interessante Rahaufnahmen für eine Illustrierte.
Ein junger Mann wiederholt unermüdlich, mit der Stimme eines geübten Fremdenführers:
„Sehen Sie sich die Schienen an: dies ist das Allerinteresfanteste!“
Und tatsächlich: die Schienen, diese langweiligen. ewig geraden, ewig korrekten eisernen Geleise sehen interessant genug aus: sie laufen, wie von Kinderhand mit dem Bleistift hingekrihelt, schief und krumm im Zick-Zack über den Bahndamm.
Die vier letzten Wagen, — und leider auch der Speisewagen, — werden abgehakt. Run kann ich keinen Kaffee trinken. Und die Gänge sind vollgestopft mit Menschen. Aber alle, alle sind plötzlich eine grohe Familie geworden. Jeder teilt jedem seine besonderen Erlebnisse mit.
Man bietet einander Zigaretten an, reicht Feuer. Stullen und Würste werden ausgekramt und mit schmatzendem Behagen verzehrt. Aber nach und nach schrumpft das Abenteuer, das große Erlebnis zu einer Zug - Derspätung zusammen:
„2a, wir haben Derspätung, zwei Stunden Der- spätung!"
Zwei Stunden, — das ist ärgerlich. Und das ist sehr viel für ein kleines Schulmädchen, das allein auf einem großen Bahnhof wartet.
Das verliebte Pärchen steht wieder im Gang, eng aneinander geschmiegt, Hand in Hand: Reise in den Süden, Reise ins Glück.
Die Dame in Hellblau lehnt am Fenster mit geschlossenen Augen.
Keiner kennt keinen. Alles ist wieder fremd.
Ein unsichtbarer, unheimlicher Passagier hat uns einen Augenblick gestreift. Aber nur gestreift. Und nun hat er taktvoll den Zug wieder verlassen.
Und das kleine blonde Mädchen mit dem Schulranzen auf dem Rücken wird nicht umsonst auf ihren Dater gewartet haben.
Lande nie auf einem Tulpenbeet!
Endlich, nach mehreren Monaten, hat die bekannte französische Pilotin Maryse Hiltz von den holländischen Behörden ihr Flugzeug wiederbekommen, das man ihr unbarmherzig beschlagnahmt oder, besser gesagt, gepfändet hatte. Das junge Mädchen war auf einem Fluge über Holland gezwungen worden, eine Rotlandung vorzunehmen. Wie das nun bei derartigen aeronautischen Dorgängen einmal ist, blieb chr nicht
Donnerstag, 3. Oktober.
12.15: Schallplattenkonzert: Volkstümliches Or< chesterkonzert. 15.15 bis 15.45: Stunde öer Jugend. „Das deutsche Volkslied, wie man es sammelt und singt", vorgetragen von Constanze und Elisabeth Speyer, Bad Homburg v. ö. H. 16.15 bis 18: Von Stuttgart Konzert des Rundfunkorchesters. 18.10: Dücherstunde. 18.30: Von Kassel: „Das Wesen der modernen Polizei", Vortrag von Regierungspräsidenten Dr. Friedensburg. 18.50: „Wie liest man den Parlamentsbericht einer Zeitung?", Vortrag von Ministerialrat Hans Goslar, 'Berlin. 19.10: Schachstunde. 20 bis 22.30: Aus dem Frankfurter Opernhaus (nach Stuttgart): Madame Butterfly (Die kleine Frau Schmetterling), Tragödie einer Japanerin (drei Akte) von L. Jllica und G. Giacoso. Deutsch von Alfred Drüggemann. Musik von Giacomo Puccini. 22.45 bis 24: Don Kassel nach Stuttgart: Der blinde Passagier. Funkgroteske in einem Akt von Paul Leuchsenring.
Freitag, 4. Oktober.
12.15: Schallplattenkonzert: Unvergängliche Walzer. 13.15 bis 13.30: Werbekonzert. 15.15 bis 15.45: „Die Berufsberatung der Jugend als sittliche Pflicht und wirischastliche Ausgabe" von Dr. h. c. Engler, Präsident des LandesarbeitS- amtes Hefsen. 16.15 bis 18: Rach Stuttgart: Konzert des Rundfunkorchesters. 18.10: Lesestunde. 18.30: Von Kassel: Fünfzehn Minuten Dialog aus dem Alltagsleben: „Man schenkt sich..." 18.45: Stunde des Südwestdeutschen Radioklubs. 19.05. Stenographischer Fortbildungskurs us. 19.25: Zwanzig Minuten Fortschritte in Wissenschaft und Technik. 19.45: Filmwochenschau. 19.55: Von Köln: „Westdeutschland", Reportage. 21.30: Don Stuttgart: Konzert des Philharmonischen Orchesters. 22.30 bis 24: Von Stuttgart: Militärmusik.
Samstag, 5. Oktober.
13.30 bis 14.30: Schallplattenkonzert: Aus Opern. 15.15 bis 15.45: Stunde der Jugend. Aus dem deutschen Liederkranz. 16.15 bis 18: Von Stuttgart: Konzert des Rundfunkorchesters. 18.10: Lesestunde. 18.30: Briefkasten. 18.40: Esperanto- Unterricht. 19: Stunde des Arbeiters. 19.20: Stunde des Frankfurter Bundes für Volksbildung: „Der Sternhimmel im Oktober. Der Aufbau eines Rormalstemes", Vortrag von Pro- fefsor Edmund Sittig. 19.50: Rach Stuttgart: Zeitberichte XI. Mussolinis Rede vor der Fafzisti- schen Versammlung am 14. September, bearbeitet von Actualis. 20.30 bis 22.30: Rach Stuttgart: „Das Wolkenbrettl", Rundfunk-Kabarett. 22.45 bis 0.30: Rach Stuttgart: Tanzmusik.
Briefkasten der Redaktion.
(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)
Aufbringungspflicht. Durch das Induftrie-Be« lastungsgesetz vom 30. August 1924 wird den Unternehmern der industriellen und gewerblichen Betriebe usw. nach Maßgabe dieses Gesetzes die Last der Verzinsung und Tilgung von 5 Milliarden Goldmark auferlegt, die als eine öffentliche Last durch eine Hypothek an erster Stelle gesichert ist. Durch die zweite Durchführungsverordnung vom 4. Dezember 1925 ist der Kreis der Belasteten neu festgelegt worden, die Bemessungsgrundlage, die Freigrenze, die Umlegung der Beträge usw. lieber Einzelheiten der umfangreichen gesetzlichen Vorschriften wird das Finanzamt Auskunft geben können.
L. M. Die Redakteure haben Wohl gelegentlich ihre Freude an einem schöngeschnittenen Bubikopf. Sie können Ihnen aber nicht verraten, mit welchen Mitteln eine Dubikopfrnüde ihr Haar zu schnellerem Wachstum bringen kann, um wieder langbezopft zu werden. Vielleicht erkundigen Sie sich wegen wirksamer Düngungsversuche bei einem Meister des Faches.
Daten für Montag, 30. September.
Sonnenaufgang 5.58 Uhr, Sonnenuntergang 17.41 Uhr. — Mondaufgang 2.13 Uhr, Monduntergang 17.15 Uhr.
1857: der Dichter Hermann Sudermann in Matzicken geboren.
allzu viel Zeit, sich einen geeigneten Platz für öie Landung auszusuchen, und so ging sie einfach auf einem wunderschönen Tulpenbeet nieder, das natürlich von der Maschine um und um gepflügt wurde. Darauf wurde das Flugzeug beschlagnahmt und als Pfand zurückbehalten. Vergebens wies öie Pilotin öarauf hin, öatz sie von oben — unö Wohl mehr noch in öer Aufregung, aber so etwas verschweigen auch Französinnen — öas Tulpenbeet nicht gesehen habe. Damit verletzte sie nur Öen nieöerlänöischen Rationalstolz, öenn ein hollänöisches Tulpenbeet h a t man einfach zu sehen, besonöers im Sommer, wenn öie Farbenpracht am schönsten ist. Unö fo verlangte man öenn von Demoiselle Hilh Öas runöe Sümmchen von 10 000 Framen, wiörigenfalls. ... Schließlich einigte man sich auf 6000 Franken, öas Flugzeug touröe herausgegeben, unö so mancher holländische Tulpenzüchter fleht jetzt den Himmel an, er möchte im kommenden Lenz auf einem seiner Beete einen Aeroplan notlanöen lassen...
Hochschulnachnchten.
Der durch die Uebersiedlung von Prof. R. Roeßle nach Berlin erledigte Lehrstuhl der Pathologie an der Universität B a s e l ist dem ordentlichen Professor Dr. Werner Gerlach in Halle angeboten worden. Gerlachs Arbeiten betreffen besonders Entzündung, Infektion und Immunität. Wiesbadener von Geburt, studierte er in Tübingen, München, Jena und Basel. Seine Lehrer waren G. Herxheimer (Wiesbaden), Borst (München) und Rößle (Basel). Von 1920 bis 1924 bekleidete Gerlach eine Assisten» tenstelle bei Professor Rößle in Jena und Basel und erwirkte seine Zulassung als Privatdozent für allgemeine Pathologie und pathologische Anatomie in der Basler Medizinischen Fakultät. Michaelis 1928 erfolgte seine Ernennung zum Ordinarius und Direktor des Pathologischen Instituts in Halle als Nachfolger von Geheimrat R. Beneke.
Zum ordentlichen Professor der organischen Chemie an der Technischen Hochschule zu Darmstadt ist als Nachfolger des emeritierten Professors H. Fischer Privatdozent Dr.-Ing. Clemens Schöpf von der Universität München berufen worden. Dr. Schöpf, der aus Gersfeld (Rhön) gebürtige Chemiker, bekleidete eine AssistentensteUe am Chemischen Laboratorium in München.


