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Nr. 228 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 28. September 1924
Diktaturen im Nahen Osten.
Außenpolitische Umschau.
Don Or. Otto Hoehsch, 0. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Äerlin, M. d. 5t
3n Litauen und in Polen spielen sich merkwürdige Vorgänge ab, die in Kowno wie in Warschau beinahe das gleiche Problem der Diktatur stellen. 3n Litauen ist der Ministerpräsident Woldemaras, der seit dem 17.Dezember 1926 als Diktator Litauen regierte, plötzlich mit seinem Kabinett zurückgetreten. Das Attentat im Mai, das sich zum ersten Male gegen die Person des Diktators selbst richtete, war ein Alarmsignal, um so mehr, als die politische Polizei in diesem Falle vollständig versagte. Die Oppositon hat sich unversöhnlich gezeigt und die Hartnäckigkeit von Woldemaras, die sein hervorstechendster Zug ist, nur noch gesteigert. Man glaubte, dah dieses Attentat seinen Ursprung in der litauischen Emigration hatte, die sich mit polnischer Duldung in Wilna unter der Führung von P l e s ch - kaitis gesammelt hat. Nun ist derselbe Plesch- kaitis beim Ueberschreiten der deutsch-litauischen Grenze unter sonderbaren Begleitumständen am 5. September verhaftet worden. Was hat er vorgehabt? Stimmen wurden sogar laut, dah er Spitzel im Dienst nach beiden Seiten hin gewesen sei. Kurz, es bedarf nicht vieler Worte, um zu erklären, dah in Kowno eine starke Spannung war. In ihr sind Meinungsverschiedenheiten und Gegensätze zwischen Woldemaras einerseits und den Ministern sowie dem Staatspräsidenten Sme- tona andererseits entstanden. Die inneren Zusammenhänge sind nicht bekannt. Ebenso sieht man noch nicht klar, was wird. Die neue Regierung Tubelis redet zwar von einem Reformprogramm, aber unterscheidet sich bisher nicht wesentlich von der bisherigen. Und wird Woldemaras dauernd, wie er gesagt hat, vom politischen Leben sernbleiben?
Die Borgänge sind ein Beweis dafür, wie wenig sicher diese modernen Halbdiktaturen sind. Gewih regierte Woldemaras selbstherrlich den Staat, aber es gab nach wie vor die Parteien, auch den Landtag. Cs war eine Schwäche, dah die Partei, die die seine ist, ausgerechnet die allerschwächste im Sejm war. Aber eigentlich ist das doch ein Widerspruch, dah ein Diktator überhaupt mit einer parlamentarischen Partei so in Zusammenhang ist! Auhenpolitisch vertrat Woldemaras seinen Staat kenntnisreich, zielbewuht und energisch. Das hat den anderen nicht gefallen, nicht dem Völkerbund, bei dem die litauischpolnische Spannung fortwährend eine Rolle spielt, und nicht den Polen. Aber die Schuld von Woldemaras war das nicht. An der W i Ina» krise, die fortwährend weiter schwelt, trägt der Völkerbund die Schuld. Und dah das kleine Litauen argwöhnisch und zäh der Gefahr gegenüber steht, von dem mächtigen Polen im ganzen so übergeschluckt zu werden, wie das mit Wilna geschah, da? ist sehr begreiflich, und noch mehr, dah es sich dagegen wehrt.
Leicht freilich zu verhandeln war mit Woldemaras nicht. Das hat die deutsche Politik auch gespürt. Wir haben aber jetzt die bekannten Verträge, die das richtige Verhältnis herg.'stellt haben und nur der Fortbildung bedürfen. Wir haben freilich nach wie vor zwischen den beiden Staaten die Memelfrage, die Woldemaras immer im selben unbefriedigenden Zustande gelassen hat. In Kowno betonte er die Rechte des Memelstatuts, und in Memel betrieb und betreibt sein Gouverneur die Litauisierungs- Politik, die erst eben dem Präsidenten des Landtags Grund zu sehr berechtigten Beschwerden wieder gegeben hat.
War die Diktatur Woldemaras in Litauen nicht frei von grotesken Zügen, so ist es die von Pilsudski in Warschau auch nicht. Was ist das jetzt für ein sonderbarer Artikelwechsel! Der
Dramaturgisches.
3ur Winterspielzeit 1929/30.
Dom Dramaturgen Or. Karl Ritter.
Die Bedrängnisse des Theaters durch das Gespenst des Films sind abgewehrt.
Der neue Gegner — Tonfilm — versucht einen zweiten Angriff, der noch stärker ist und noch bedrohlicher erscheint. Man hat aber gelernt. Die Abwehr darf nicht, wie es das Theater beim Film versucht hat, geschehen, indem die Mittel der Konkurrenz übernommen werden. ... „Die lebende Kulisse" (Film im Theater), die rein optisch wirkenden Szenen (in fast episch aneinandergereihten Serienbildern), revueartige, literarische Gebilde u. a., sondern nur, indem es sich wieder ganz auf sich selbst stellt. Das Hauptmittel des Theaters ist und bleibt die Illusion, die durch Menschenatmosphäre belebt wird. Der typische Theaiergeruch. ein Gemisch von Schminke, Schweiß, Farbe hat genau so eine animalische Ursprünglichleit, wie etwa der der Menagerie, des Zirkus, des Tierkäfigs. Die Atmosphäre des Menschen ist das Element des Theaters. Wenn dieses nun durch das Technikum eines nervenüberspannten Regisseurs erstickt wird, wird auch das Theater als solches erstickt. Die Entwicklung der letzten Theaterjahre hat das gezeigt. Alles sensationelle Aufpeitschen, aller Raubbau mit Rervepmitteln, die hohe Skala eines artistischen Bühnenfiebers brachten nicht über den Tag hinaus. Das rein Spielerische wurde wohl gelöst, aber nicht ein Kern positiven Lebens blieb zurück. Rauschhaft, wie die Zeit, gebärdete sich auch das Theater.
Es muh Einhalt geboten werden, indem nicht zappelnde Rervenbündel als Figuren auf die Bühne gestellt werden, sondern erdhafte, gesunde Menschen, die sich ausatmen, bewegen und sich dem Parkett gegenüber menschlich beweisen können. Ein möglichst ungroßstädtisches Benehmen wird auch die Großstadt erobern.
Während heute noch Georg Kaiser, Bert Brecht, Walter Mehring mit dem Großstädter liebäugeln, indem sie aus eigenen literarischen Fragmenten eine Revue erschaffen, die sich auf Hauen und Stechen mit den alten Lebensnormen stellt, versuchen bereits Zuck - m a Der, Ortner, Diehenschmidt u. a. wieder den alten, großen Acker, der fernab von der Großstadt liegt, zu pflügen, zu bearbeiten, zu reuten. Es ist ein fruchtbares Stück Land geblieben. eine gute Scholle, ein fetter Boden ...
Marschall schreibt einen großen Artikel in der Regierungspresse am 22., und der sozialdemokratische Sejmmarschall D a s z h n s k i antwortet darauf am 24. sehr offen, sehr bestimmt und mit recht interessanten Aufklärungen über die ganze Situation. Was bedeutet dies? Man hat das Gefühl, daß der Marschall Pilsudski nach irgendeiner friedlichen Lösung der innenpolitischen Spannung sucht. Es ist auch hier nicht viel mehr als eine Halbdiktatur. Die faktische Gewalt ist in der Hand des Marschalls, seiner Offiziere und der Armee ohne Frage. Aber wenn irgendwo, bewahrheitet sich in Polen das alte bekannte Wort, dah man mit den Bajonetten alles machen kann, bloß nicht darauf sitzen. Cs gibt keinen besseren Vergleich für die Lage in Polen als dieses Bild. Die Kompromißversuche erst über die Budgetberatung, dann über die Frage der weiteren Behandlung der festgefahrenen Der« fassungsrevision zeigen das. Der Sejm ist schlecht behandelt worden und wird schlecht behandelt vom Marschall, sowohl wie von dem Oberstenkabinett, das jetzt Polen regiert. Aber der Sejm existiert noch, die Parteien ebenso und ihre Auseinandersetzung und ein Hin und Her, das wir eben mit dem Ausdruck Halbdiktatur bezeichnen.
Sie teilt mit Litauen und anderen gleichen Verhältnissen anderswo die Eigenschaft, daß sie den Staat weder nach innen noch nach außen wesentlich vorwärts bringt. Wir sehen einen Hauptgrund für die merkwürdige bald schroffe, bald Kompromisse suchende Haltung Pilsudskis neben seiner eigentümlichen Persönlichkeit in der inneren Lage Polens, die namentlich wirtschaftliche Experimente irgendwelcher Art nicht gestattet. Und das ist und bleibt doch der wundeste Punkt und die schwächste Stelle, daß das polnische Regierungsshstem von heute, unter wirklich günstigen wirtschaftlichen und finan'jeden Bedingungen. das Land in dieser Beziehung nicht ins Gleichgewicht und in Ordnung bringt. Der letzte Dierteljahrsbericht des amerikanischen Fi-
nanaberaterd Deweh bestreitet zwar eine Krise, aber günstig ist seine Beurteilung des polnischen Wirtschaftslebens in keiner Beziehung. Daß Polen es nicht versteht, in geregelte Wirtschaftsbeziehungen mit seinen beiden großen Rachbarn zu kommen und die Lage hierin.gleichfalls stagniert, streifen wir nur.
Außenpolitisch ist es nicht viel anders. Man hat zwar im Haag erreicht, daß Polen in den Voung-Plan mit einer halben Million pro Jahr auf 37 Jahre eingeschaltet ist, unter der Voraussetzung, daß nun zwischen ihm und Deutschland in jeder Beziehung reiner Tisch gemacht wird. Aber die Gesamtberatung im Haag hat sich ohne Polen vollzogen. Man hat seinen Anspruch, der allerdings auch so unberechtigt war wie irgend möglich, ignoriert, bei Gesprächen über die Rheinlandräumung irgendwie beteiligt zu werden. Und wenn die Folge der Haager Konferenz (in Verbindung mit den neuen Beziehungen zwischen England und Amerika) eine gewisse Isolierung Frankreichs ist, so trifft das auch Polen, vor allem da zur gleichen Zeit England, sich von Frankreich lösend, mit Polens Rachbar, Rußland, wieder Verhandlungen anbahnt.
So ist der Staat in einer unbehaglichen Situation: er kommt in der inneren und äußeren Politik nicht voran. Und das ist jedenfalls klar: das parlamentarische System, das das wieder erstehende Polen übernahm wie alle die neuen Staaten nach dem Weltkrieg, hat die nächsten Aufgaben nicht zu lösen vermocht. Aber die Halbdiktatur, verkörpert in der eigenartigen Persönlichkeit Pilsudskis. vermag es auch nicht. Sie findet vor allem nicht, worauf es uns ja ankommt. den Weg zu einer Verständigung mit dem großen Rachbar im Westen, mit Deutschland. der doch nun einmal für Polen der nächste ist und für Polens ganze Zu tuns ts- enttoidlung unter allen Umständen wesentlich und bedeutungsvoll bleibt.
Deutschlands größte Bank.
Das vereinigte Erbe von Hansemann und Siemens. — Wo Helfferich/Mankiewitz und Gwinner gewirkt haben.
Don Herbert Ruland.
Spät, in bescheidenem Umfange und militärisch nicht immer glücklich, ist Italien unter die Kolonialmächte getreten. Sein heutiger überseeischer Besitz beträgt 2 Millionen Quadratkilometer mit 3 Millionen Einwohnern. Davon entfallen auf Libyen allein 1 Million Quadratkilometer mit 825 000 Einwohnern. Der Rest verteilt sich auf Erytrea, Somaliland und den Dodekanes, dessen griechische Einwohner, was die politischen Rechte betrifft, Farbigen gleichgestellt sind. Der größte und weitaus wichtigste Besitz ist Libyen. 2^achdem Crispi sich vergeblich bemüht hatte, in Rord-Asrika Fuß zu fassen (Tunis), eroberten die Italiener im Kriege mit der Türkei nicht ohne Mühe den Küstenstrich von Tripolis und der Cyrcnaica. 2m Weltkriege wurde die Besetzung auf wenige Hafenstädte beschränkt und eigentlich er ft unter dem saszistischen Regime begann die wirkliche „Pazifizierung" des Landes, die sich heute etwa bis zum 29. Breitengrade erstreckt. Was das neue Regime in wenigen Jahren in dieser Kolonie geleistet hat, ist erstaunlich und nur durch die Einordnung der Kolonie in eine große Staatspolitik zu erklären. Es handelt sich um das, was die Italiener „Demographia“ nennen. Man könnte es mit Dolkspolitik oder planmäßiger Nutzung und Entwicklung der Volkskräfte annähernd übersehen. Es scheint, und ist ein beredtes Zeugnis für die staatsmännische Weisheit Mussolinis —, daß Demographie allmählich wich-
und vor allem ... das Theater hat wieder Möglichkeiten, Fleisch und Blut auf die Bühne zu stellen, was ihm keine Konkurrenz nachmachen kann.
Historisch sehe ich die Entwicklung ähnlich wie die der Literatur um die Wende des 17./18. Jahrhunderts. Der Schwulst nach dem Dreißigjährigen Krieg, die Schlesier, die Hamburger Opernmonstren, die tändelnden Anakreontiker werden abgelöst durch die Schweizer Dichter. Haller erkennt die starken Kräfte in der Bauernbevölkerung, besingt wieder die Alpen mit den einfachen, wunschlosen Menschen, die in ihrer Primitivität dem großen Wunder Ratur am nächsten stehen. Die moderne Theaterentwicklung der nächsten zehn Jahre kann man nicht feststellen. Cs wird aber aller Voraussicht nach eine starke Ernüchterung auf die barocken Ausmaße des Großstadttheaters hin eintreten. Das Volksstück (phantasievoll, aber der Ratur nahestehend), das taktvolle Kulturstück (ohne Tendenzhetzerei), die plaudernde Komödie, die Legende werden über Optik, Akustik und deren technische Verbundenheit hinaus, das Leben im dreidimensionalen Raum bedächtig und tief einatmen.
Ein Herbst, eine Schaukel, eine Grammophonplatte.
Don Otto 3off.
Wenn man im Sommer altmodisch genug war, um eine Schaukel in die offene ßaubentür zu hängen, wenn man das Grammophon unermüdlich aufzog, am späten Abend noch und in die Rächt hinein, — und wenn es nun Herbst wird, und wenn es nun Winter wird, und man abermals altmodisch ist, das welke Laub und ein graues Schweigen zwischen unseren Herzen und dem Himmel zu bemerken, — dann ist dies schon ein kleiner Roman an sich: man hat es nicht notwendig, etwas zu erfinden.
Roch hängt die Schaukel in der offenen Laubentüre; auf dem Tische liegt noch die Grammophon- platte. Aber die Schaukel hängt schief, der Sitz ist auf der einen Seite tiefer gerutscht, und oben, unter dem Türbalken, hat eine Spinne ihre Fäden zu dem einen Seil hinübergezogen. Sagen wir es offen: es ist ein blamabler Anblick. Aber schließlich, es ist ja auch Herbst, wer kommt denn noch in eine Laube, wer wird sich dann noch auf eine Gartenschaukel sehen, der Wind ist frostig, und außerdem haben die Vögel auf das Sitzbrett —
tiger genommen wird, als Wirtschaft und Sozialpolitik. Wichtiger als Demographie aber — weil nämlich die Voraussetzung für sie — erscheint die Erziehung und Durchdringung des Volkes mit saszistischen Gedankengängen.
Libyen ist ein nahegelegenes und scheinbar aussichtsreiches Feld für demographische Bestrebungen. Dis vor kurzem gab es zwei Derwal» tungßgebiete: Tripolis mit der gleichnamigen Hauptstadt und die Cyrenaica mit Benghasi. Seitdem die Landverbindung zwischen beiden Städten einigermaßen gesichert scheint, sind die beiden Gebiete unter dem Rainen Libyen zu einer Kolonie vereinigt. An ihrer Spitze steht der Marschall D a d 0 g l i 0. Sein nächster Mitarbeiter während des Weltkrieges und der Dot- schafterzeit in Brasilien, General Siciliani. fungiert als Dizegouvemeur in Benghasi. Der bisherige Gouverneur von Tripolis ,d e Bono, ist Unterstaatssekretär im Kolonialministerium. Dessen Vorgänger wiederum, Graf V 0 l p i, wurde Finanzminister. Mussolini selbst verwaltet das Kolonialministerium. Schon aus dieser Personalpolitik ist die Bedeutung und Sorge für die Kolonie ersichtlich.
Kein europäischer Staat befindet sich in so günstiger geographischer Lage seinen Kolonien gegenüber wie Italien. Syrakus, der Haupthafen des Mutterlandes für Libyen, liegt noch günstiger als Marseille. Die Durchdringung der Kolonie, deren Grenzen ja nur im Rorden un-
„Ich bedauerte ja immer", sagt die Grammophonplatte vom Tisch herüber, „ich bedauerte ja immer, daß ich nichts von dem Dialog verstehn konnte, wenn ich gerade meine „Mondnacht in Rio de Janeiro" zum besten gab. Aber sobald man singt, kann man nicht gleichzeitig hören. Außerdem sprachen die Beiden so leise, dah es schon indezent war. Run. das ist ja auch selbstverständlich, bei einem Tango, der prima ist."
„Damals war mein Sih noch horizontal geschnallt", seufzt (die Schaukel. „Er war glatt und stank nach Politur und Kaufhaus. Haben Sie gesehn, wie federleicht die Dame auf ihm hin und herschwebte? Haben Sie diesen zierlichsten aller Füße gesehn, wenn sie sich jedesmal mit einem Heinen Druck vom Boden abstieß? Und wie sie lächelte! Es gibt heutzutage nicht mehr viele Mädchen, die zu lächeln verstehn, wahrhaftig."
„Cott fei Dank! Es ist an der Zeit, dah sie endlich aufhören, sich bis in das Greisenalter als Backfische aufzuspielen. Aber in diesem Falle fand ich die Koketterie befonders unangebracht. Der Bengel, der neben ihr stand, hatte ja alle Contenance oerloren. Wie er sich krampfhaft an die beiden Seile anhielt: für einen jungen Mann von amerikanifchem Zuschnitt einfach lächerlich!"
„Ich werde immer daran denken, was die Beiden gesprochen haben“, schwärmte unentwegt die Schaukel. „Selbst wenn mein Sih dereinst ganz schlapp hinunterhängen sollte, werde ich noch daran denken. Er beugte sich ihr nach und sagte: „Warum lachen Sie über mich? Immer entfliehn Sie mir wie ein Reh. Aber ich, ich werde Ihnen nachjagen, gleich einem Jagdhunde, und ich werde Sie —„Rein, mein Herr, Sie werden mich nicht fangen", das sagte nämlich sie und sie lachte sehr überlegen dazu. „Sie werden mich nicht fangen, weil ich mich, wenn Sie mich erreicht haben, in eine Taube verwandle, die hochfliegt." — „Gut", erwiderte er, — „und wenn ich zu einem Falken werde und auf Sie hinabstoße ?" — „Auch das wird Ihnen nichts nützen", und sie gab sich mit den Zehenspitzen einen neuen, kleinen Schwung, aber schon ausnehmend kokett, das muß ich zugeben, — „und zwar wird es Ihnen deshalb nichts nützen, weil ich mich blitzschnell von der Taube in einen Fisch verwandle. und nun schwimme ich, unten am Grunde der Donau, tief, tief unten, da schwimme ich, leicht und froh und kühl, und ahne nicht, daß es überhaupt Falken gibt“. — „Ich bin doch schon längst ein Hecht geworden, und Sie dürsten aus der Schule wissen, mein gnädiges Fräulein, daß die Hechte böse Kreaturen sind und die
mittelbar gegeben sind, wird noch viel Zeit erfordern. Itallen stützt sich in seinem Vorgehen rechtlich auf das Prinzip der sogenannten türkischen Erbschaft, d. h. das Recht, sich alle die Gebiete einzuverleiben, welche seinerzeit den Türken in irgendwelchem, meist fiktiven Abhängigkeitsverhältnis standen. Daher kann es südlich des feftgelegten Teiles der tunesischen Grenze leicht zu Reibereien mit den Franzosen kommen. Frankreich ist ja bestrebt, ein zusammenhängendes Kolonialgebiet zu schaffen, das Afrika vom Rordwesten nach Südwesten durchzieht. Also von Algier über Französisch-West-Afrika. Französisch-Aeq uatorial- Afrika, den belgischen Kongo nach Madagaskar« Aber unüberbrückbar sind die Gegensätze nicht« Im Altertum und bis in die türkische Zeit führten die Karawanenstraßen aus dem Tropengebiet des T'ad-Sees durch die Wüste nach Tripolis am Mittelländischen Meer. Seit dem Dau der Linie Cano—Lagos am Golf von Guinea hat Tripolis dies entfernte, aber große Hinterland verloren. Ueberdies wird die englische Politik in der glücklichen Lage sein, eine vermittelnde und Frankreich wahrscheinlich stützende Haltung einzunehmen.
Während eine unorganisch-zentralistische Politik die künstliche Romanisierung Südtirols anftrebt, werden ähnliche Bestrebungen der Franzosen in Tunis auf das lebhafteste verurteilt und ihnen die Berechtigung hierzu mit dem formal-juristischen Einwand abgesprochen, dah es sich nicht um eine Kolonie, sondern um ein Protektorat handele. Man fürchtet, durch die Französierung der dort lebenden Italiener wertvolle Volkskräfte zu verlieren.
Der demographische Grundgedanke der italienischen Kolonialpolitik offenbart sich heute deutlich im Gegensatz zu dem Wirtschaf llich-militäri- schen der benachbarten Franzosen. Die diesbezügliche italienische Literatur spricht den Franzosen überhaupt das Recht auf ein so großes Kolonialreich ab, da es in schroffstem Gegensatz zur Menschenarmut des Mutterlandes stehe. Denn über» völkerte Länder hätten den ersten Anspruch auf Kolonien. — Aber noch ein anderer Gegensatz zu den französischen Methoden wird in Theorie und Praxis bewußt gepflegt: aus Mangel an Rassegefühl, aus der Rotwendigkeit, dem Menschenmangel abzuhelfen, im Glauben an die alles überwindende Kraft ihrer Zivilisation suchen die Frastzosen künstliche Franzosen zu schaffen — und versündigen sich hiermit am eigenen Volke und an Europa.
Während Frankreich die Stellung des weißen Menschen untergräbt, gehen die Italiener planmäßig in umgekehrter Richtung vor. Es ist bemerkenswert, daß sie nach den Engländern das europäische Volk mit dem stärksten Rassegefühl sind. Dieser gesunde Trieb wird von der Kolonial- Verwaltung in jeder Richtung gefördert und alle Blutmischung energisch unterbunden. Man kann wohl behaupten, daß Nordafrika in den abendländischen Kulturkreis hineingehört. Als Algier, Tripolis und Aegypten wieder unter europäische Oberhoheit kamen, kehrten sie zu einem in spätem Altertum bestehenden Zustande zurück. Europa wird jenseits des mittelländischen Meeres verteidigt. Wenn Italien am Nordrande Libyens eine Men- schenmauer zu errichten bestrebt ist, so treibt es nicht nur gesunde nationale, sondern ebenso europäische Politik. Auf die Dauer haben ja auch nur solche Bestrebungen Erfolg, die — vom voll- liehen ausgehend und in diesem verankert — doch über das eigene Volk hinausgehende Aufgaben erfassen und Verantwortungen für sich und andere enthalten.
Die Demographie stößt aber auf andere Schwierigkeiten. Nur relativ kleine Teile des großen libyschen Raumes kommen für eine Kolonisation im wahren Sinne des Wortes in Betracht. Es ist dasselbe Gebiet, das eine der Kornkammern des Römischen Reiches bildete, das blühende Hafenstädte besaß und dessen Garnisonen den ständigen An-
Heinen Fische auf fressen, und wenn es auch bloß aus Liebe wäre." — „Fressen die Hechte auch Muscheln? Sie werden es mir nicht glauben: ich habe mich nämlich schon längst in eine Muschel verzaubert." — „Wenn ein Hecht verzweifelt ist, dann verschlingt er auch Muscheln mit Haut und Schale." — „Zu spät, zu spät, mein Lieber. Ich habe mich eins, zwei, drei in ein riesiges Fischnetz verwandelt, das Fischnetz wirst sich Ihnen entgegen, — und fängt Sie." — „Das haben Sie doch schon längst getan!“ — und wirst Sie an Land! Dort können Sie meinetwegen verschnappen." Auf diese Antwort aber hielt er die Schaukelnde an, beugte sich tiefer und blickte ihr in die Augen: „Es wäre poetischer", sagte er beinahe melancholisch, „wenn Sie den Aermsten erlösen wollten. Der Hund, der Falke, der Hecht, — sie alle waren ja bloß die Metamorphosen eines verzauberten Prinzen!" — „So sehen Sie aus," war ihre Antwort."
„Aha! dieses „So sehen Sie aus" habe ich auch gehört", unterbrach hier die Grammophonplatte die Erzählung; „und dann ließ der Courmacher die Seile los, nahm die Puppe um den Hals, und sie küßten einander. Aber was den Dialog selbst anbetrifft, so hätte ich ihn mir moderner vorgestellt, sagen wir schmissiger. Was soll die Romantik? Wenn man sich schon um eine Frau reiht, dann verwandelt man sich doch lieber in einen Aufsichtsrat oder einen Fassadenkletterer als in einen Falken. Und außerdem paßt das Ganze nicht zu meiner „Mondnacht in Rio".“
„Ich fand es sehr schön,“ sagte die Schaukel.
„Aber ich bitte Sie! Hat nicht der junge Mann acht Wochen später eine Andere geheiratet, weil die um ein paar Mille schwerer war? Und was die kleine Hexe anbetrifft, — nun, fie hat er ja fchließlich niemals allzu genau genommen. — Sie aber sollten sich mit derartigen Märchen gar nicht erst abgeben. Die Menschen lieben das nicht und lassen Sie dann hier in der Kälte mit Staub, Spinnweben, zerbrochener Schnalle und — verzeihen Sie das harte Wort — sogar mit Spahendreck hängen."
Die Schaukel schwang leise und liebenswürdig. „Hat man nicht auch Sie vergessen? Haben die Spatzen nicht auch auf Ihnen ihre Difitkarte abgegeben? Und zu allem Ueberfluh find Sie nicht sogar zersprungen? Ob man also romantisch ist oder neu — sachlich —“
Aber hier blies der Wind die Schaukel in die Höhe; und sie fand es auch überflüssig, über die ganze Geschichte noch ein Wort zu verlieren.


