Ausgabe 
28.9.1929
 
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Aus der Provinzialhauptstadt

Gießen, den 28. September 1929.

Das wirkt ansteckend!

In einer italienischen Stadt bemerkte ich an einem Hause in einer Nebenstraße ein Schild von einem Konsulat irgend einer kleinen mittelamerikanischen Republik. Mein Freund und ich standen einen Augenblick still und lasen die verschnörkelte Um- schrist des Schildes. Ich wollte gerade weitergehen, da flüsterte mein Freund:Bleib noch ein paar Minuten stehen, und guck nach dem Schild!" Ich tat es, drehte mich dann aber vorsichtig um. Da wußte ich, warum ich stehen bleiben sollte. Hinter uns hatten sich nämlich inzwischen etwa zwanzig Leute angesammelt, die alle nach dem Hause schau­ten und wohl irgend eine Ueberraschung erwarteten. Als es so zwischen 50 und 60 Zuschauer waren, ver­liehen mein Freund und ich stillschweigend den Platz. Don der Hauptstraße aus (djauten wir noch einmal zurück, da standen die Leute immer noch und warteten.

Was ist das nun? Neugier, Nachahmungstrieb oder die Sucht, etwas Ungewöhnliches zu erleben? Ich habe damals herzlich gelacht und geglaubt, das wäre nur in Italien möglich. Wenn wir aber den Versuch machen, uns in einer deutschen Stadt, einerlei in welcher, mitten auf die Straße zu stellen und nach dem Himmel, nach einem Baum oder Gott weiß, wohin zu schauen, bann bekommen wir bald Nachfolger. Ueberall finden sich Leute, die auch etwas sehen wollen. Fußgänger, die es scheinbar eilig haben, bleiben plötzlich stehen, schauen und haben Zeit. Alle erwarten etwas.

Aber bei welchen Gelegenheiten werden die Men- schen nichtangesteckt"? Es will eben so langsam anfangen zu regnen. Du spannst deinen Schirm auf. Kaum sieht es der Herr hinter dir, schon deckt auch ihn der Schirm. Dabei regnet es noch gar nicht. Umgekehrt, es will eben aufhören, du klappst den Regenschirm zusammen, flugs tun es auch die an­dern. Gewohnheit, unbewußter Herdentrieb? denkst du. Ja, uns Menschen verbindet scheinbar doch ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl.

Hast du schon einmal in der Eisenbahn bemerkt, welche Folgen es hat, wenn ein Reisender seine Tasche aufmacht und anfängt, zu frühstücken? Folgt nicht eine ganze Anzahl nach? Haben sie wirk­lich alle Hunger? Du ziehst bei großer Hitze deinen Rock aus. Bald sitzen alle Herren des Abteils in Hemdsärmeln. ,, ...

Daß Gähnen auch Menschen, die gar nicht müde sind, ansteckt, hast du sicher schon erfahren. In einer

munteren Gesellschaft fängt ein Herr ganz vor- sichtig hinter der vorgehaltenen Hand leise an zu gähnen. Schau dir die andern an! Bald findet er Nachahmer. Oder irgend eine Dame sagt:Ich muß jetzt nach Hause, ich werde erwartet." Werden dann die andern nicht auch erwartet?

3n einem Laden verlangst du Zahnpasta, Ra­sierseife oder etwas Aehnliches. Der Verkäufer legt dir eine ganze Menge verschiedener Fabrikate vor. Während du noch aussuchst, kommt ein Herr und verlangt eine bestimmte Sorte. Sofort bist du auch überzeugt, daß dies das richtige ist und sagst: .Geben Sie mir diese auchl"

3a, der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagst du, glaubst aber immer, das gälte nur für die an­deren. So ganz sicher bist du deiner aber nicht: denn unzählige Male wirst du dich dabei ertap­pen, daß du einem andern etwas .nachmachst". Umgebung, Erziehung und viele andere Umstände zwingen gar oft dazu.

Schau dir die Kinder an, wie sie die Erwach­senen nachahmen! Sollte bei uns nicht ein bißchen von der Kinderkrankheit zurückgeblieben sein?

Gewiß geschieht es meist unbewußt, vielleicht sind wir erfüllt von anderen Gedanken und tun mechanisch das, was unsere Augen gerade wahr­nehmen. Deshalb brauchen wir noch lange nicht den zerstreuten Professor vorzustellen, der mit den anderen Leuten auf den Bahnhof marschiert und dort nicht mehr weih, ob er angekommen ist, oder ob er abreisen will.

Sein Lachen wirkt ansteckend, sagst du von einem Bekannten, und hast recht. Aber es gibt noch viele Gelegenheiten, bei denen du dich anstecken" lassen kannst, hoffentlich nicht zu dei­nem Schaden.

Wer Zeit hat und will sich seine Mitmenschen einmal genau ansehen, dem wird immer wieder auffallen, wie gern und wie leicht sich unsere lieben Mitbürger in äußeren Dingen führen lassen und unbewußt das tun, was sie gerade bei anderen bemerken. Eine Fahrt in der Elek­trischen, oder in der Eisenbahn, ein Abend in launiger Gesellschaft, sie geben dir tausend Bei­spiele für die Richtigkeit derAnsteckungsgefahr".

Gießener Ferienkurse 1 929. Am Tage der Eröffnung (30. September) wird Prof. Dr. D i e t o r einen Bortrag über Lessing halten (10 Llhr, Universität, 1. Stock), zu dem alle An­teilnehmenden freien Zutritt haben. Der Stunden­plan für die künstlerischen Veranstaltungen wurde bereits im Anzeigenteil desGießener Anzeiger"

vom 21. September mitgeteilt; der Stundenplan der in der ersten Wochenhälfte für die Kurs­teilnehmer veranstalteten Vorträge ist in der Geschäftsstelle der Ferienkurse (Sekretariat der Universität, Dismarckstratze 22) einzusehen. Eben­dort werden die zur Teilnahme an allen Ver­anstaltungen (Vorträge, LehrauSflüge, Theater, Kockzert usw.) berechtigenden Teilnehmerkarten (25 Mk.) ausgegeben.

Dünsberg-3ubil2um. Zur Feier des 30jährigen Bestehens des Dünsbergturms und -Hauses ist für morgen bekanntlich eine Veran­staltung auf dem Dünsberggipfel vorgesehen. Wer die Beteiligung an dieser Feier mit einer schönen Herbstwanderung verknüpfen will, sei auf folgende Wegemarkierungen zum Dünsberg aufmerksam gemacht: ab Bieber schwarzer Punkt 1% Stunden (Variante weißer Strich) über Obermühle gelber Strich 1% Std. oder ab Obermühle über Forsthaus Bieber, schwarzer Punkt, 2 Stunden; ab Krofdorf roter Strich über Fellingshausen 2 Stunden; gelber Strich durch den Krofdorfer Forst 2 Stun­den; ab Lollar roter Keil über Alteberg Waldhaus 3% Stunden. Andere nicht markierte Zugänge: ab Gießen über Himberg, Forsthaus Haina, nördlich zum gelben Strich von Buben­rodWetzlar; oder über Himberg nach Hohen­solms, von da schwarzer Punkt. Heber Rapo- leonsnase durch den Krofdorfer Forst zum roten Keil; oder über Seemühle bei Krofdorf gelber Punkt über Waldhaus zum roten Keil.

** Das neue Wieseckbe11. Mit den (Ein- bämmungs- und Regulierungsarbeiten an der Wie- seck zwischen Garten- und Bismarckstraße ist man jetzt nach beinahe vierwöchiger Arbeit fertig gewor­ben. Das Bett bes Flüßchens hat seinen natürlichen Reiz behaltem Die einbämmenbe Ufermauer ragt nur wenige Zentimeter über bem Wasserspiegel her- vor. Auf ben abgeschrägten Ufern wirb noch Gras gepflanzt werben.

** Eine R i e s e n k a r t o f f e l würbe uns gestern aus Großen-Linben überbracht. Das Kar­toffelmonstrum ist 26 cm lang, hat einen Umfang von 25 cm unb wiegt 2 Pfunb unb 55 Gramm. Gewachsen ist bieser Kartoffelriese auf bem Acker ber Witwe Menges, WirtinZum Ritter" in Großen- ßinben.

* Der Gießener W ochenmarkt wird vom 1. Oktober ab an den Markttagen jeweils von 8 bis 14 Uhr abgehalten.

** Die Alice-Schule veranstaltet vom 21. Oktober ab Kurse im Weißnähen und Schneidern, sowie im Bügeln und Kochen. 3m heutigen An­

zeigenteil wird zur Anmeldung von Schülerinnen aufgefordert.

weitere Lokalnachrichten Im 2. Blatt

Kirchliche Nachrichten.

Evangelische Gemeinden.

Sonntag, 29. September. 18. Sonntag nach Trinitatis.

Stadtkirche. 8 Uhr: Pfarrer Becker; zugleich Chri- stenlehre für die Neukonfirmierten der 'Markus- gemeinde; 9.30: Pfarrassistent Schlaudrafs; 11: Kin- derkirche für die Matthäusgemeinde; Pfarrassistent Schlaudraff. 2ohanneskirche. 8: Pfarrer Ausfeld; zugleich Christenlehre für die Neukonfirmierten der Iohannesgemeinde; 9.30: Pfarrer Bcchtolsheimer; Beichte unb hl. Abenbmahl für bie Lukas- unb 3o- hannesgemeinbe; 11: Kinberkirche für bie Lukas- gemeinbe; 8: Bibelbesprechung im Iohannessaal; Pfarrer Lic. Waas. Kapelle des Alten Friedhofs. 9.30: Pfarrer Ausfcld; 10.45: Kinberkirche. Pfarrer Ausfeld. Llisabelhkleinkinderschule. 8.15: Chri­stenlehre für bie Neukonfirmierten ber Petrus- gemeinbe; 9.45: Pfarrer Lic. Waas. Klein-Linden. 9: Hauptgottesdienst; hl. Abendmahl für die männ­liche Jugend; Kollekte für die Jugendarbeit. wieseck. 9: Beichte; 9.30: Predigt; im Anschluß Feier des hl. Abendmahls. Alien-Buseck. 9.30: Beichte; 10; 11: hl. Abendmahl; 1.30:. Kirchberg. 10: Kirch- berg; 11: letzte Christenlehre für bie männliche 3u« genb; 1.30: Lollar. Hausen-Garbenteich. 9.30: Hausen; 10.30: Garbenteich; Feier bes hl. Abend- mahls. Wahenborn-Steinberg. Orbentliche Kir­chenvisitation burch Herrn Oberkirchenrat Wagner. 10: Hauptgottesbienst (Kirchenchor); 1: Iugendgottes- bienst (Schülerchor). Lich. 9 30: Pfarrer Dr. Hey- mann. Rieder-Bessingen. 10.30: ßcfegottesbienft.

katholische Gemeinden.

Samstag, den 28. September.

Gießen. 16.30 unb 19 Uhr: Beichte.

Sonntag, 29. September. 19. Sonntag nach Pfingsten.

Gießen. 6.30 Uhr: Beichte; 7: Messe; Kommunion ber kaufmännischen Beamtinnen unb Gehilfinnen; 8: Kommunion; 9: Hochamt mit Prebigt; 11: Messe mit Predigt; 14: Andacht. Grünberg. 9.30: Messe mit Prebigt. fjungen. 8: Hochamt mit Predigt. Lich. 10: Hochamt mit Predigt. Jlibba. 8.30: Hoch­amt mit Predigt.

Gießen. Irn Oktober ist Rosenkranzandacht Diens­tag und Freitag um 20 Uhr, an den übrigen Tagen um 7 Uhr. Donnerstag, 17.30 Uhr, ist Beicht- gelcgenheit. Freitag, 6.30 Uhr, ist Segensamt.

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Gegründet 1862

Aktienkapital.................................. 10005000 Reichsmark

Gesetzlicher und außerordentlicher Reservefonds..... 6500000 Reichsmark

Gesamter Darlehensbestand.................rund 209000000 Goldmark

Gesamtumlauf der Goldp'aidbriefe und Gold­kommunalobligationen......................rund 195000000 Goldmark

Einladung zur Zeichnung.

Wir legen hiermit zur öffentlichen Zeichnung auf:

Goldmark 5 Millionen

unserer 8°/o Goldpfandbriefe Reihe 13 nicht rückzahlbar vor 1.Oktoberl934. Zinsscheine April-Oktober (in Hessen mündelsicher) zum Vor­zugskurse von 98,50 (Eörsenkurs dieser Reihe 97%). Zeichnungen auf diese Goldpfandbriefe können an der Kasse der Bank (Gallusanlage 8) oder durch Vermittlung sämtlicher Banken und Bankgeschäfte vom 1. bis 21. Ok­tober 1929 einschließlich erfolgen; früherer Zeichnungs­schluß bleibt vorbehalten.

Wir empfehlen ferner zu dauernder Kapitalanlage unsere

S/oGoldkommunalobligationen Reihe 2 nicht rückzahlbar vor 1. April 1933. Zinsscheine April-Oktober (in Preußen mündelsicher) zum je­weiligen Frankfurter Börsenkurse heute 93%

Die Goldpfandbriefe und Gol^kommunalobligationen sind an derFrankfurterBörse amtlich notiert; seitensderRelchs- bank sind sie zum Lombardverkehr in Klasse A zugelassen. Die Stücke sind sofort lieferbar.

Unsere Goldpfandbriefe und Goldkommunalobligationen lauten auf Goldmark (1 Goldmark = 1/2790 kg Feingold), sie sind eingeteilt in Abschnitte zu GM. 5000, 2000, 1000, 500 und OO.

Frankfurter Hypothekenbank.

Frankfurt a. M 28, September 1929.

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e. V. (Klub).

Die Bücherei ist neu geordnet worden Vor dem endgültigen Abschluß und der Herausgabe d. neuen Bücherverzeich­nisses bitte ich d. verehr liehen Vereins­mitglieder, etwaige Wünsche wegen Er­gänzung d. Bücherbestandes im Laufe d. kommend. Woche schriftl. an mich zu richten u. bei d. Geschäftsstelle des Vereins abgeben zu wollen.

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Zu den am 21. Oktober beginnenden Kur­sen: Weiirnäbcn, Schneidern (balbjäbr.), Bügeln und Kochen tvierteljähr.i werden noch Schülerinnen angenommen. Baldige Anmeldung erbeten. 7967D

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