Aus dem Reiche -er Frau
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die Mahlzeit von allen Teilnehmern in einem bestimmten Zeitraum eingenommen werden. Selbstverständlich mutz man dabei Rücksicht auf die ungelenken Hände des Kindes nehmen. Mer nach einer entsprechenden Weile wird das Essen abgetragen (zu dem man dem Kinde nicht zugesprochen hat) und es findet keine Gelegenheit mehr, das Versäumte nachzuholen. Wenn man so vorgeht, ganz freundlich, ohne Vorwurf, wird das Kind gewiß nach wenigen Tagen trachten, sich dem Tempo der Erwachsenen anzu- passen.
TRan mutz sich überhaupt hüten, dem Kinde am Mittagstisch besondere Beachtung zu schenken. Auch in jener Form, die in einem beständigen Kritteln an der Haltung des Kindes, an seiner Lösfelführung oder an seinem Sesselrutschen usw. besteht. Denn erstens wird dadurch das Kind wiederum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anstatt Mitglied einer Gemeinschaft, zweitens wird es durch das beständige Rörgeln unsicher und unfroh gemacht, und diese Llnsicherheit äußert sich, wie fast immer bei Kindern, in verdoppelter Schlimmheit". Dadurch kann jede Mahlzeit zur Hölle werden. Ein Kind ist zum Teil aus biologischen Gründen noch nicht imstande, längere Zeit ganz still zu sitzen, da es das Kleinste am Tische ist, verlangt sein Geltungswille, daß es sich ein bißchen bemerkbar macht, es sind also das meist, was wir ungerechterweise als „Ungezogenheiten" bezeichnen, normale und notwendige Aus- druckssormen der körperlichen und geistigen Lln- fertigkeit. Je weniger Beachtung wir diesen Unzukömmlichkeiten zumessen, desto schneller werden sie vorübergehen, desto eher erfolgt die An- Passung des Kindes an die andern.
Wie überall, lautet auch am Mittagstisch eine der vornehmsten pädagogischen Grundregeln: es nie auf einen Kampf mit dem Kinde ankommen zu lassen! Es wäre durchaus falsch, ein Kind, das einmal besonders unruhig und renitent ist, mit der Drohung: „Wenn du nicht brav bist, darfst du nicht mit uns essen!" schrecken zu wollen. Denn die gemeinsame Mahlzeit soll für das Kind keine Auszeichnung barftelkn, es soll sich am Familientisch durchaus gleichberechtigt fühlen. Gerade daraus wird chm, sofern es im allgemeinen richtig geleitet ist, jenes Verantwor-
Oie Jnstruktorin im Warenhaus
Ein neuer Frauenberuf.
Von Jonny Behm.
Schon aus diesen Ansprüchen ergibt sich die Schwierigkeit, geeignete Persönlichkeiten zu diesem Beruf zu finden. Das Gegebene wäre, sie aus dem großen Kreis der älteren und geschulten Angestellten zu wählen, doch nur selten waren bisher — infolge der mangelnden Durchbildrmg des Gefamtpersonals — Personen, die als Lehrling oderLeyrmädchen imBetrieb begonnen hatten, zu leitenden Posten prädestiniert. Der Konzern hat nun, da es für diesen Beruf an speziell vorge- bildeten Frauen mangelt und andere Schulen nicht existieren, in feiner Zentrale in Köln ein Seminar für Jnstruktorinnen eingerichtet, in dem die Bewerberinnen in einem sieben- bis achtmonatigen Lehrgang ausgebildet' werden. Lieber die Aufnahme entscheidet die Direktion die als Mindestalter 25 Jahre fordert und sich das Recht Vorbehalt, die Schülerin bei Richteignung jederzeit ohne Kündigung entlassen zu tonnen. Die Bewerberin muh neben ausgeprägter pädagogischer Begabung einen praktischen Sinn für alle Geschäftsvorgänge, ein menschengewinnendes Wesen, eine gute Allgemeinbildung (am besten vorherige kaufmännische Tätigkeit), Intelligenz, Beobachtungsgabe und eine untadelige Gesund-
Die Tätigkeit der Jnstruktorin ist einer der neuesten Frauenberufe. Einer der seltenen für die reifere Frau, die bereits Lebenserfahrung besitzt und sehr oft aus einer anderen, oft minder bezahlten, oft weniger interessanten und befriedigenden kaufmännischen Tätigkeit umsattelt, in dieses verhältnismäßig unbegangene und entwicklungsfästige Gebiet. Ihr Arbeitsfeld ist das Warenhaus, sie selbst das Bindeglied zwischen Geschäftsleitung und Personal. Anregung und Vorbild dieses Berufes ist in Amerika zu suchen, wo ein jedes große Warenhaus. in einer besonderen Abteilung für Personal-Erziehung und Förderung der Angestellten ein ausgebildetes System pflegt. Sie werden dort . zum wirklichen und verantwortungsvollen Mitarbeiter des Llnternestmens herangebildet, und sind sowohl für den Betrieb, wie für den Kunden die ideale Verkaufskraft.
Die Zentrale des Tietz-Konzerns in 'Köln hat als erste und bisher einzige Firma in Deutschland dieses System für ihre einzelnen Häuser übernommen, hat die Leitung der jeweiligen „Abteilung zur Förderung des Personals" einer Frau übertragen, und so einen interessanten, aussichtsreichen und allen Fähigkeiten der Frau Rechnung tragenden neuen 'Beruf gestaltet.
Die Jnstruktorin unterweist während der Geschäftszeit die vier verschiedenen, nach Berufsjahren und Fähigkeiten gerichteten Klassen des Verkaufspersonals in allen Fragen der Verkaufskunst, fördert ihre Allgemeinbildung und menschliche Haltung, weiht sie vor allem ein in den Sinn des „Dienstes am Kunden", der wahrhaft beraten sein muß und vom wesentlichen Einfluß auf den Gang des Geschäftes ist. Reben den eigentlichen Verkaufskräften zieht sie auch andere Angestellte des Hauses, das Fahrstuhlpersonal, Handwerker, die Räherin im Atelier, die Kontoristin, die Kassiererin usw. za chren Allgemeinvorträgen oder Einzelbesprechungen heran. Ihren eigenen Linkerricht führt oder auch — im gegebenen Fall — korrigiert sie durch ihre tägliche praktische Beobachtungstätigkeit in den einzelnen Verkaufsabteilungen, wobei sie gleichzeitig kontrolliert, ob die von ihr gegebenen Weisungen befolgt und angewandt werden. Alle Erfahrungen und Beobachtungen faßt sie zu regelmäßigen Referaten für die Betriebsleitung zusammen und vermittelt darin nicht allein ihre Eindrücke bei der Kontrolle und Organisation, sondern auch Wünsche, Beschwerden und Interessen der Angestellten. Dieser Posten der Vermittlerin ist keine leichte Aufgabe: Können und Scharfblick, menschlicher Takt und Gerechtigkeitssinn sind von nöten, damit aus der Jnstruktorin nicht etwa die Angeberin, sondern die helfende, fördernde Beraterin wird. Sie soll die Vertraute des Personals sein, die ihre menschlichen Forderungen vertritt und vor allem Begabten Geltung verschafft, ihnen zu schnellerem Fortkommen und zur Erlangung eines höheren Postens verhilft. ___________
daher in der Gesellschaft zu einer Puppe, die selbst nichts zu sagen hat und unterhalten werden muß.
In unserem Jahrhundert hat sich bann erst die im romantischen Zeitalter angebahnte Emanzipation der Frau weiter durchsetzen können. Die Frau von heute ist geschult auf allen Gebieten des Wissens. Sie gibt sich daher in der Gesellschaft auch nicht mit der ihr von der früheren Generation zudiktierten passiven Rolle zufrieden, sondern sie nimmt lebhaft aktiven Anteil an der Entwicklung der Unterhaltung. Wie heute der romantische Geist in der Dichtung wieder aufgelebt ist, so ist es im gesellschafllichen Leben wieder wie damals die Frau, die den Gang des Gespräches in der Gesellschaft bestimmt. Mit einem Unterschied vielleicht: Die „neue Sachlichkeit" ist auch ins gesellige Leben eingedrungen, und ein gewisser zarter Reiz ist
tungsgefühl fließen, das es in dem Maße, als es größer und vernünftiger wird, zur Rücksicht auf die anderen anleitet.
Lieberhaupt haben die gemeinsamen Mahlzeiten nur dann erzieherischen Wert, wenn sie in heiterer, freundlicher Stimmung eingenommen werden. Das gilt nicht nur von den Erwachsenen den Kindern gegenüber, sondern auch von den Erwachsenen untereinander. Riernals sollten die Eltern, auch wenn dies sonst in ihrem ehelichen Leben unvermeidlich ist, an der gemeinsamen Mittagstafel streiten. Sie sollen an dieser Stätte niemals ihre üble Laune auslassen, nicht einmal gegen Abwesende. Riernals soll die gemeinsame Tafel etwa so aussehen, daß der Vater seine Zeitung liest und alle anderen den Mund halten müssen. Es svN auch nicht über Dinge gesprochen werden, die das Kind nicht verstehen kann. Denn solche Gespräche, die das Kind ausschließen, sind für das Kind bemütigenb, bringen ihm seine Kleinheit zum Bewußtsein. Es ist genau so taktlos, in Anwesenheit eines Kindes Dinge zu besprechen, die es nicht verstehen kann, wie es taktlos ist, in Anwesenheit Erwachsener Gespräche zu führen, in deren Materie man sie nicht einführt. Für solche Taktlosigkeit wird sich das Kind gewiß mit Llngezogenheit rächen — und es ist eine große Llngerechttgkeit, wenn das Kind für so eine Llngezogenheit bestraft wird, während die Erwachsenen nicht einmal zu der Einsicht gelangen, daß sie es waren, die als erste die Regeln der Gemeinschaft gebrochen haben.
Die gemeinsamen Mahlzeiten sollen so fctn, daß sie dem Kind einen Wert fürs Leben mitgeben: die Erinnerung an das fröhliche Beisammensein von Menschen, die einander lieb hatten und aufeinander Rücksicht nahmen. Wer weih, was für ungeheure Bedeutung solche täglich wic- derkehrenden Kindheitseindrücke für das ganze Leben eines Menschen haben, welchen Einfluß auf seinen Lebensmut, auf seine gesellschaftliche Anpassungsfähigkeit — der wird um seiner Kinder willen es zustande bringen, sich täglich eine halbe Stunde zu beherrschen und den gemeinsamen Mittagstisch zu einem freundliche-, er.» genehmen Aufentzalt zu machen.
Kinder bei Tisch.
Von Gina Kaus.
SkberaU, wo man nicht versteht, Kinder zu erziehen, werden die meisten pädagogischen Fehler am Mittagstisch gemacht. LleberaN aber, wo man Kinder richtig und zweckmäßig behandelt, bieten sich gerade am Mittagstisch die günstigsten Gelegenheiten zur Erziehung.
Der wesentlichste Zweck der Erziehung ist kne Einschulung des Kindes in die Gemeinschaft. Was immer wir das Kind lehren, vom „Gu- tentagfagen“ angefangen bis zur Ahettn Mathematik — es sind lauter Mittel, die wir ihm an die Hand geben, sich der Umwelt und ihren Erfordernissen anzupassen. Die Gemeinschaft stellt im wesentlichen zwei Anforderungen an die einzelnen: Leistung — und ein gewisses Maß von Rücksichtnahme. Ist es vor allem die Schule, die dem Kinde jenes Wissen und jene Fertigkeiten vermitteln soll, die zur Leistung notwendig sind, so ist es die Ausgabe des Elternhauses, dem Kinde jene Spielregeln der Gemeinschaft beizubringen, ohne die auch ein tüchtiger Menscy außerstande ist, seine Fähigkeiten imd Kenntnisse in einer für ihn und seine Umgebung vorteilhaften Weise zu verwenden.
Das Elternhaus ist eine Vorbereitung auf das spätere Leben; je ähnlicher die Verhältnisse dieser Vorbereitungszeit denen des wirklichen Lebens sind, desto leichter wird es spater dem Kinde werden, sich zu behaupten. Die Situation der Kinderstube selbst ist nur der des spateren Lebens ziemlich unähnlich, denn hier findet das Kind weit mehr Rücfficht als von ihm verlcmgt wird. Aber es gibt einen innerhalb der Familie, wo die AnpassungsfähiAtt De8 Kindes täglich frisch erprobt und geübt werden kann, das ist die gemeinsame Tafel.
Aus diesem Grunde messen moderne Mago- gen den gemeinsamen Mahlzeiten große Wichrig- feit zu und sind der Ansicht, daß ein Kind aar nicht früh genug an ihnen teilnehmen kann. Ra- türlich nicht des Abends, weil das Äüw viel zeitiger zu Rächt essen soll als die Erwachsenen.
heit besitzen. r. _
Die Vorteile dieses Studiums sind, daß die Schülerin, von Beginn ihrer Lehrzeit an, pro Woche 50 Mark verdient und sich dafür nur verpflichten muß, nach vollendeter Ausbildung ein Jahr lang bei der Firma zu arbeiten und sich mit der Hinweisung an eine bestimmte Finale zufriedenzugeben. Das Anfangsgehalt beträgt 350 Mark monatlich, je nach Leistung und Große der Filiale bestehen weitestgehende Skigungs- möglichkeiten. Die Lehrzeit beginnt mit der rem praktischen vier Monate dauernden Ausbildung als Verkäuferin, mit Verkaufskontrollen, deren Erfahrungen und Beobachtungen in schriftlichen Arbeiten niedergelegt werden müssen, mit praktischen Anweisungen zum Verkehr mit dem Publikum, mit der Teilnahme an allen Personal.- besprechungen. Daneben laufen theoretische Lsirs- bildungskurse und Vorträge über allgemein volkswirtschaftliche und juristische Fragen, über oraa- nisationstechnische Probleme und über Pshcho- technik, Pädagogik, Lebenskunde usw. Rach vier Monaten beginnen Lehrproben innerhalb des Seminars, später Lehrproben innerhalb des Betriebes und dann eine ein- bis zweimcmattge Volontärzeit in auswärtigen Filialen unter der Aufsicht bereits tätiger Jnstruktorinnen. Für eine Anstellung garantiert der Konzern in jedem Fall.
Es ist anzunehmen, daß diese vorbildliche Or- ganifation in Kürze auf alle großen Betriebe übergreift und aus dem oft freudlosen, stumpfen Beruf der Verkäuferin ein freudiges und ziel- bewußtes i'.nd von allgemeinen Interessen getragenes Mitarbeiten am Ganzen gestaltet. Vielen Frauen würde damit ein neuer Erwerbszweig geschenkt, der darauf hinzielt, im Laufe der Zeit auch aus der Schar der Verkäuferinnen Fuhrerinnen und Jnstruktorinnen zu gewinnen.
Am Frühstücks- und Mittagstisch soll das Kind so bald als möglich, so bald es nur ben Löffel führen kann, teilnehmen — und das Kind soll möglichst bald imstande sein, allein den Löffel zu führen, denn nut über Die Selbständigkeit führt der Weg zur Anpassung und mit der Anleitung zum Selbstessen fängt die Erziehung zur Selbständigkeit gerade an. Ratürlich muß man dabei Geduld üben und darf nicht ärgerlich werden, wenn es dem Kinde vorerst recht häufig mißlingt, den Löffel ohne zu verschütten und mit der richtigen Seite in den Mund zu befördern. Wenn man es entmutigt, wird es sehr lange brauchen, um die ersten Schwierigkeiten zu überwinden. Deshalb muh man es immer wieder ermuntern: „Versuche es doch nochmals, es wird schon gehen."
Jeder Erziehungsberater weiß, daß die verbreitetste Kindernervosität — oder wie andere es nennen: Ungezogenheit - das Mchtessenwol- len ist Hunderte Mütter wissen em Lied davon ,u fingen, wie das sonst durchaus gesunde imd fröhliche Kind scheinbar Überhaupt fern Bedürfnis nach Rahrung »ei^, gleich nach den ersten Löffeln unruhig und übellaunig wird den Kopf wegwendet, den Teller fortschiebt und das Essen womöglich ausspuckt. Dann werden alkr- ki Mittel versucht, Lieder vorgesungen, Ge- schichten erzählt, Belohnungen versprochen oder Strusen angedroht. Alk diese Mittel insgesamt sind pädagogisch ganz verfehlt. Denn der geheime Grund der Appetillosigkeit ist der Wunsch des Kindes, recht viel Beachtung zu erfahren, eine recht große Rolle im Hause $u spulen.
Je mehr Aufhebens nun mit Dem kleinen Richt- esser gemacht wird, desto besser erreicht er seinen Zweck, desto weniger wird er geneigt sein, sein gelungenes Manöver aufzugeben. Soll man ihn also tüchtig auszanken ober gar schlagen c Gewiß nicht. Denn fein geheimer Wunsch ist ihm gar nicht bewußt, er verspürt wirklich fernen junger, und so würde er mit Recht unsere Strenge unverständlich und ungerecht empfinden, — und seinen Zweck: Beachtung zu finden — trohdmi erreichen. Am gemeinsamen Mittagsttsch ist die beste Gelegenheit zur richtigen Behandlung gegeben: die Appetitlosigkeit des Kindes nicht weiter zu beachten. Am gemeinsamen Tisch muß
Kleinigkeiten.
Von Henny pleimes.
Im engen Kreis verengert sich der Sinn, und es gibt Frauen, die so durchdrungen sind von der Kleinheit und Bescheidenheit ihrer Lebens- arbeit, daß sie selber ganz klein und bescheiden werden. Run ist bekanntlich Bescheidenheit eine Zier — aber es sei schon erlaubt, diese Redensart zum mindesten im Falle der Hausfrau für recht unzeitgemäß zu halten. Zu jeder wirllich guten Leistung ist eine angemessene Dosis Selbstbewußt - sein nötig. Prüfen wir daraufhin einmal die scheinbar kleinen Dinge im Leben der Frau.
Stehen nicht die kleinen Verrichtungen und kleinen Sorgen, alle die kleinen Dinge, die durch unsere Hand gehen, im Dienste der großen Frauenaufgaben, die als Ganzes genommen von höchster Bedeutung sind für Volk und Vaterland? — Gibt nicht die Arbeit der Hausfrau jeweils einem ganzen Kreise von Menschen den Lebensrahmen und die Berufsfreudigkeit? Rahrung, Kleidung, häusliches Behagen sind die Grundfragen aller Existenz, von denen auch die größten Leistungen im öffentlichen Leben abhängig bleiben. Die Lösung dieser Fragen aber fordert Treue im kleinen. Ist sonst auch Großzügigkeit lobenswert, in Haus und Familie wird sie zur Gefahr, wenn die kleinen Dinge übersehen oder gering geachtet werden. Die kleinen Münzen, die kleinen Werte, die kleinen Schäden, die peinliche Sorgfalt bei der Bereitung der Speisen, der Pflege der Wäsche, in der Erziehung der Kinder sind von großer Bedeutung.
Besinnliche Menschen überdenken gern rückschauend ihr Tagewerk. Sollen wir da hängen bleiben an den kleinen Dingen und Verrichtungen oder nicht lieber die Ganzleistung betrachten? — Sollen wir unsere Arbeit für zwecklos halten, für unproduktiv, weil die sichtbaren Spuren des Schaffens leicht verwehen, weil am nächsten Tage dasselbe von neuem beginnt, weil sich Wochen an Wochen und Jahre an Jahre reihen im gleichen Kreislauf der kleinen Dinye? — Daß Haushalt und Familie im Gleichgewicht bleiben, daß junge Menschen gesund ins Leben wachsen, daß für alle eine Heimstätte da ist, wo Lebensnöte und Lebenskämpfe einen Ausgleich finden — das ist wohl etwas Großes. Und dieses Große ist die tausend kleinen Dinge wert, die wir auf uns nehmen müssen.
Liegen nicht auch zwischen den kleinen Ausgaben und kleinen Sorgen versteckt tausend kleine Freuden, Freuden, wie sie nur von Frauen recht erkannt und recht empfunden werden können und die viel Sonnenschein in müde, graue Arbeitstage bringen? — Die Freude an irgendeiner technischen Neuerung, die wir unserem Haushalt nutzbar machen, ein fetbfterfunbencä Rezept, ein selbsterdachtes Hilfsmittel, ein selbst- ausgeklügeltes besseres System der Haushaltsführung sind Freuden, die manchen Aerger überwinden helfen. Freuden liegen auch darin, wenn bei geschicktem Disponieren Hilfstruppen übrig bleiben, und die köstlichste aller Freuden ist es, daß kein Beruf so die volle Auswirkung der Persönlichkeit gestattet, wie der der Hausfrau.
Den Blick für kleine Freuden dürfen sich Hausfrauen nicht trüben lassen durch die Klein - heit Der Pflichten. Sonst kommt das verdrossene Grämeln über sie, das alle Kräfte lähmt und das früh alt und müde macht. Sonst führen die kleinen Dinge hn Leben der Frau leicht dazu, daß sie kleinlich toirb, die Dinge und die Menschen von allzu engem Gesichtsfeld mißt und selber geringe Einschätzung erfährt.
Kleine Sorgen, kleine Leiden, kleine Pflichten, kleine Freuden — alle diese fleinen Dinge im Leben der Frau, sie geben, richtig ineinandergefügt, harmonisch verbunden, das Mosaik eines reichen, vollausgemünzten Frauenlebens. Weil Sinn und Blick für das Kleine geschult sind, haben auch Frauen besondere Begabung für die sozialen und pflegerischen Aufgaben unserer Zeit. So spinnen sich die Fäden von den kleinen Dingen des Hauses und des Hausfrauenlebens zu den großen Lebensfragen. Und Goethe behält auch hier recht:
„Willst du dich am Ganzen erquicken, so mußt du das Ganze im Kleinsten erblicken."
Vas Talent der Unterhaltung.
Von Eva Mendorfs.
Die Atmosphäre des geselligen Lebens wird durch die Frau bestimmt; die Wesensart des weiblichen Elementes ist es, die einem Kreise den Stempel aufdrückt und das geistige Niveau beherrschend beeinflußt. Mag die Frau nun in aktiver Weise durch die Wahl des Gesprächsstoffes oder durch das Aufwerfen eines Problems dem geselligen Beisammensein die bestimmende Richtung geben, oder durch mehr passives Verhalten, durch Anerkennung oder Ablehnung der vertretenen Ansichten an den Wendungen der Unterhaltung teilnehmen, — stets ist sie es, die den Charakter der Geselligkeit bestimmt.
Diese Bedeutung Des weiblichen Einflusses haben frühere Jahrzehnte von einseitigem Standpunkt aus verkannt. Die Geselligkeit der Vorkriegszeit wurde im allgemeinen getragen durch die Unterhaltungs- kunst des Mannes. Es war Vorschrift, daß auf den damals üblichen großen Diners und Abendgesellschaften der Herr seine Tischdame „unterhielt"; er machte Konversation, wählte das Gesprächsthema und plauderte aufs Geratewohl von diesem und jenem, von dem er annehmen konnte, daß die Dame Interesse dafür hätte, oder er erzählte auch einfach von sich, von seinem beruflichen Leben, von seinen Privatinteressen, und die Dame hatte sich mit dem Gebotenen abzufinden. Da man erkannte, daß eine natürliche Unterhaltungsgabe sehr vielen Männern abging, wurde eine Art Unterhaltungskunst ausgebildet: in den studentischen Korps wurden die „Füchse" darauf gedrillt, wie und wovon sie ihre Tischdame zu unterhalten hätten, und es erschienen zahlreiche Broschüren, die über die Kunst der Unterhaltung und des gesellschaftlichen Erfolges Aufschluß gaben.
Und die Frau? Sie fungierte im gesellschaftlichen Leben im allgemeinen unter der Klassifikation der „Tischdame"; mit dieser Rolle, allenfalls noch mit der der guten Tänzerin mußte sie sich zufrieden geben und sie tat cs auch, da sie sich ihrer Individualität meist noch nicht bewußt geworden war. Die Frau oder gor das junge Mädchen, das in jener Zeit gewagt hätte, die Führung der Unterhaltung an sich zu zielxen, hätte als unweiblich gegolten und wäre als „Emanzipierte verspottet worden. , ... «
Und doch hatte es schon einmal vor nicht allzu langen Jahren eine Zeit gegeben, in der die Frau sich der Bedeutung ihres gesellschaftlichen Emflus- ses bewußt war und diesen auch in der Wirkung nach außen hin kund tat, — zugleich ober in dieser ihrer Stellung auch rückhaltlos anerkannt wurde. Es war das Zeitalter der Romantik, das der Frau diese führende Rolle im gesellschaftlichen Leben einräumte, jene Tage, in denen überhaupt die Keimzellen für die gesamte spätere Frauenbewegung gebildet wurden. Damals sammelten sich in den Ber- kiner Salons einer Rahel Varnhagen, einer Henriette Herz di« Vertreter des geistigen Lebens, Politik und Literatur wurden in gleicher Weise gepflegt. Hier war es die Frau, die durch ihren Esprit, durch den Zauber ihrer Persönlichkeit dem Beisammensein den für jene Zeit charakteristischen Reiz geistreicher Leichtigkeit verlieh. In Jena aber kristallisierte sich der dichterische Mittelpunkt des romantischen Kreises, und dessen männliche Hauptvertreter, August Wilhelm und Friedrich Schlegel und der'Philosoph Schelling, gruppierten sich um eine Frau, die die eigentliche geistige Führerin des Kreises war: Karoli ne Schlegel, die spätere Gatttn Schellings. Ihr lebhafter Geist erfaßte und verarbeitete mühelos alles Gelesene und Gehörte; sie übte in witziger und spottender Weise schonungslose Kritik und regte gleichzeitig die Schaffenden durch anfeuerndes Zureden zu neuen Leistungen an. Die Gabe der graziösen und dabei nicht oberflächlichen Unterhaltung war ihr m einem Maße eigen wie wohl keiner andern Frau.
Die romantische Dichtung wurde in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts durch das Hervortreten des Naturalismus abgelost, — Der romantische Geist wurde verdrängt durch das kapitalistische Zeitalter. In einer Epoche, da die, Naturwissenschaft, die Technik und die .kaufmännische Tüchtigkeit Den Rhythmus Der Zeit bestimmten, konnte' die auf allen diesen Gebieten noch ungeschulte Fran sich keinen Platz erringen; sie wurde
Damit aus den Salons entschwunden Was uns heute fehlt, ist Die selbstverstänDlich« Leichtigkeit der Frauen des romantischen Zeitalters. Diese hatten unbewußt erkannt, daß der Zauber Der gesell- schaftlichen Wirkung darin besteht, bas Gespräch gleichsam unmerklich zu dirigieren, dem Partner Gelegenheit zum Hervortreten zu geben und eine Meinungsverschiedenheit durch ein Witzwort ober durch eine ablenkende Bemerkung zum Austrag zu bringen. Die Briefe der Karoline Schlegel-Schelling — die einzigen „Werke", die sie hinterlassen hat — geben ein beredtes Zeugnis Dafür, in welchem Maße diese Romantikerin das echte Talent der Unterhaltung befaß und können unserer heutigen Frauengeneration einen auch für sie gangbaren Weg erschließen.


