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Ur. 50 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen) Donnerstag, 28. Zebruar 1929

zusammen.

Fahrplankonferenz in Alsfeld

ständige Vermehrung sorgen kann.

Wieder anders liegen die Dinge bei der Flotte. Hier ist seit Kriegsende ein Ausbau großen Ausmaßes im Gange. Die französische Flottenpolitik wird durch zwei Tatsachen und eine Forderung bedingt. Die Tatsachen sind: nahezu völlige- Aussehen des Flottenbaues im Weltkriege und gewisse Bindungen durch da- Fünsmächte-Abkommen von Washington. Die Forderung ist: Gesicherte Verbindung mit dem afrikanischen Kontinent, der die Menschen für einen zukünftigen Krieg stellen soll. 3tn Weltkriege galt Frankreichs ganze

gehende Durchberatung die Konferenz bis in die Dachmittagsstunden in Anspruch nahm. Das Er -

teer und Flotte dienen, also im wesentlichen die . personelle und materielle Kraft dem Kanwf an rkundungsslugzeuge und wiederum zu ihrem | der Westfront. Den Weg über die Meere schuhten

Unbeirrt durch innere oder äußere Kritik, noch weniger durch schwebende Abrüstungsverhandlun- gen hat Frankreich in den letzten Jahren seine Wehrmacht derart ausgestaltet, wie es feinen politischen Wünschen und seinem machtpolitischen Ehrgeiz entspricht. Umbau des Heeres, Ausbau und Autonomie der Lultmacht und Ausbau der Flotte sind die charakteristischen Kennzeichen für die Entwicklung der drei Teile der Wehrmacht.

Der Umbau des Heeres geht seiner Vollendung entgegen. Die Vorbedingungen für die Einführung der einjährigen Dienstzeit, des Kernstücks der Reform, werden im Laufe des Jahres 1929 erfüllt sein. Der Halb'ahrgang, der im Dovember 1929 eingezogen wird, soll als erster nach einem Jahre entlassen werden. Die neue Gliederung, durch die die Zahl der Divisionen mit Rücksicht auf die Herabsetzung der Dienstzeit vermindert wird, ist bis zum Mai dieses Jahres durchgeführt. Die geforderte Zahl von 106 000 Kapitulanten, von 15 000 Zivil­angestellten und 30 000 Zivilarbeitern, die den Verwaltungs» und Arbeitsdienst im neuen Heer übernehmen, wird im Laufe des Jahres erreicht werden. Die Struktur des Heeres ist damit fertig. Vom Dovember 1929 ab wird kein Soldat, der sein Jahr abdient, mehr der eigentlichen Aus­bildung durch andere Dien st verricht ungen ent­zogen werden. Ist mit diesem Umbau eine Ab­rüstung verknüpft? Dach französischer Ansicht: se'bstverständlich, denndie Zahl der Divisionen ist gegen 1914 um 50 Prozent, die Länge der Dienstzeit gar um 66 Prozent herabgesetzt."

Die französischen Prozentzahlen werken be­wußt irreführend. Die Zahl der Dienst­pflichtigen, die auch ausgebildet werden, ist die gleiche geblieben, denn das System der allge­meinen Wehrpflicht bleibt bestehen. Sie werden nicht mehr, drei, sondern nur ein Jahr ausgebll- det. Dadurch wird die Stärke des FriedenS- heeres. nicht die des Kriegsheeres geringer. Auch war die dreijährige Dienstzeit, die 1913 einge- führt wurde, gar nicht eine Forderung zugunsten der Ausbildung. Ueberall auf der Welt war man sich einig, daß zwei Jahre zur Ausbildung vollauf ausreichten. Die dreijährige Dienstzeit war eine für die Dauer untragbare Heber» spannung der Wehrfähigkeit, keine Dormal­rüstung, nur erzwungen. um eine große Zahl aktiver Divisionen und dadurch eine der deut­schen Armee gleichstarke Friedensarmee zu besitzen. Bedeutet die Herabsetzung der Aus­bildung von zwei auf ein Jahr eine Schwächung für den militärischen Wert deS Heeres, also eine Art verminderter Rüstung? Alle Maß­nahmen sind getroffen,.um diese Gefahr aus- z u s ch a l t e n. Bei halber Stärke der auszu­bildenden Dienstpflichtigen ist die Zahl der Of­fiziere und Kapitulanten fast ebenso hoch wie im Heer von 1914. Die Erfahrungen des Weltkrieges haben zweckmäßigere Ausbildungs­methoden gebracht: die militärische Ju- genbvorbcreitung nimmt einen nicht un­wesentlichen Teil der Ausbildung vorweg.

Reue Menschenquellen wurden außerdem er­schlossen. Die farbige Armee ist schon dop­pelt so stark wie vor dem Kriege, ihr weiterer Ausbau geplant. Außer in Marokko ist überall die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, wenn sie auch bei weitem noch nicht alle Wehrpflichtigen der rund 60 Millionen Kolonialbevölkerung an- gewendet wird. Wie wenjg die Behauptung, daß die farbige Armee nur der Sicherheit des Kolonialreiches diene, zutrifft, zeigt der Um­stand. daß von 200 000 Farbigen etwa 150 000 in Frankreich und Dordafrika. zumeist fern ihrer He'.mat. stehen.

Trotz der Herabminderung der Dienstzeit ver­fügt Frankreich über ein Heer von 26 (darunter 21 weihen) Divisionen, 5 Kavallerie- und 2 Luft­divisionen (eine dritte ist geplant) in Europa, über mindestens 7 weitere Divisionen in Dord­afrika. Dieses Heer kann binnen weniger Tage durch Verdoppelung der weißen Divisionen auf

mindestens 54 Divisionen gebracht wer­den. Es ist eine leider recht erfolgreiche Speku­lation auf die militärische Unkenntnis der öffent­lichen Meinung inner- und außerhalb Frank­reichs. wenn behauptet wird, daß diese- Krieg-- Heer nur eineDeckungsarmee" sei, unter deren Grenzschutz sich die Ausstellung desVolks in Waffen" vollziehen solle. Kommt es wirklich zu einem Kriege, so wird keine Macht der Welt, am wenigsten das französische Parlament, den Generalissimus hindern, nach den unvergäng- llchen Gesehen der Kriegskunst mit seiner Deckungsarmee" in Feindesland eine bal­dige Entscheidung zu erzwingen, anstatt an der Grenze abzuwarten, bis der oder die Geg­ner Zeit gefunden haben, den ungeheuren Rü­stungsvorsprung der Franzosen auszugleichen.

Es ist ein lächerliches Spiel mit zurechtgemach. t«n Zahlen, wenn gegenüber diesen Tatsachen oder Wahrscheinlichkeiten die französische Rüstung a l s rein defensiv und zu jedem Angriff unge­eignet hingestellt wird. Auch darf bei Zahlen­vergleichen nie außer Acht bleiben, daß moderne Kriege mit viel mehr Material geführt werden, al- es noch zu Beginn de- Weltkrieges der Fall war. Ein modernes Heer mit Zehn­lausenden von Maschinengewehren, vielen Tau­senden von Geschützen. Kampfwagen und Flug- zeugen ist eben, selbst wenn es weniger Divisionen zählt, ein viel stärkeres Kampf inst ru- ment, ganz abgesehen davon, daß Stärken re­lative Begriffe find und an den Machtmitteln der anderen gemessen werden müssen. Die un­endlich viel höheren Kosten und der vermehrte Bedarf an Dachschub, der in Fabriken nicht nur durch Maschinen, sondern auch durch Menschen hergestellt werden muh. zwingt schließlich auch zu anderer Verteilung der verfügbaren Mittel und Menschen. Das sind Ilmlagerungen, die sich durch Zahlenbegriffe nicht erfassen lassen. Hier mag die Feststellung genügen, daß aus Gold­parität gebracht der französische HeereshauS- halt 1929 ebenso hoch ist wie der von 1913. Solche Aufwendungen macht man nicht, um eine 50- bis 60prozentige Abrüstung" zu erreichen.

Reben dem Umbau des Heeres steht der A u S- bau der Luftmacht. Er ist durch die Schaf­fung eines seVständigen Lu'tministeriums in ein ganz neues Stadium der Entwicklung getreten. Unabhängig vom Umbau des Hceees kam der Anstoß zu dieser entscheidenden Entwicklung aus einem tragischen Zufall, einem Flugzeugunglück, dem der Handelsminister im letzten Herbst zum Opfer fiel. Dieses Ereignis führte zum Siege des Fortschritts über das Beharrungsvermögen, das in Gestalt von Ressorteitelkeit und Bureau- kratiSmus in Frankreich recht ausgeprägt ist. Heer und Flotte wollten ihre Fliegerkräfte nur ungern hergehen. Dun führte ein Zufall zu dem Riesenschritt: das gesamte militärische und zivile Flugwesen wurde in einer Hand verei­nigt. Der organisatorische Fortschritt ist un­geheuer. Subventionen. Deschaffungsw:sen, Aus­bildung. Verwaltung. Flughafenanlagen. Verkehr mit den Fabriken und viele- mehr, das bisher in einem Reben- und Durcheinander von drei Behörden vielfach mehr gehemmt als gefördert wurde, ist in einer Behörde vereinigt. Die mili­tärische Bedeutung des neuen Ministeriums ist bei weitem größer als die zivlle. Das kommt schon in seinem Haushalt zum Ausdruck, der zu zwei Dritteln militärische Aus- gaben umfaßt. Durch die neue Organisation ist ferner die Luftwaffe (armee ddclair) gleich­berechtigt neben das Heer (arm^e de terre) und die Flotte (arm£e de mer) gestellt worden. Der alte Begriff »Heer und Flotte" für die Wehr­macht eines Landes ist überholt. Dementspre­chend sind alle zur Führung des strategischen Luftkrieges gehörenden Verbände (die Tag- und Dachtbombensliecer und die Masse der sie be­gleitenden und schützenden Jagdflieger) von der Armee und der Marine völllg losgelöst Dur die Flugzeug«, die unmittelbar den Zwecken von

Frankreichs Wehrprogramm

Don Sturt von Tippelslirch.

seine Verbündeten. Die Dachkriegslage, oder besser ge.agt die französische Dachkriegspolitik zwang zum Deuaufbau der Flotle. Er ist zur Hälste beendet. Die Bindung bezüglich der Zahl der Großlampsschisfe und Flug,eugmutterfchiffe hat eigentlich nur theoretische Bedeutung, denn sie liegt weit über der Grenze dessen, was Frankreich machtpolitisch braucht und sinanziell leisten kann. Ihm liegt am Dau von 10 000- Tonnen-Kreuzer. von denen bisher sechs Deu- bauten vorhanden sind, ferner an starken Zer­störern bis zu 2400 Tonnen (Deutschland ist auf 600-Tonnen-Boote gesetzt) und an vielen 11- Booten. Die Forderung ist durch den Marine­minister kürzlich dahin formuliert worden, daß eine pleberlegenheit im Mittelmeere und darüber hinaus eine starke Flotte in der Dordsee vorhanden sein mühten, also ein Zweimächte-Standard gegen Italien und Deutsch­land. Praktisch läuft diese Forderung auf ein Wettrüsten mit Italien hinaus, in dem Frankreich sowohl bezüglich des derzeitigen Stan­des wie auch des Dauprvgramms im Vorteil ist.

Dach allem. waS im französischen Wehrprv- grarnm steht, ist eS kein Wunder, daß der Rüstungshaushalt seit der Stabilisierung des Franken und der Ueberwindung der Finanz­krise in ständigem Wachsen begriffen ist und für 1929 11,56 Milliarden (=1,8 Milliarden Reichsmark oder 21/anal so viel als der deutsche WehrhauShall) beträgt. Frankreich gibt 25,5 Pro­zent seines Gesamthaushaltes für Rüstungszwecke per. Dieser Tatsache gegenüber fällt jede .Ab­rüstungsstatistik" wie ein Kartenhaus in sich

Schuhe ein Teil der Jagdflugzeuge sind ihnen geblieben, soweit es sich um das Zusammen­wirken in der Ausbildung handelt.

Eng sind in einem in feiner Rüstung freien Lande die Beziehungen zwischen militärischer und ziviler Luftfahrt. Militärische Wünsche finden selbstverständlich beim Dau der Derkehrsslug- zeuge Berücksichtigung, wie auch der Ausbau der ileberfceocrbinbungcn im we entl'chen militär­politischen Gesichtspunkten folgt. So sind bis 1931 Verbindungen nach Dordafrika, Madagaskar. Syrien unb Jndochina vorgesehen. Dackte Zahlen über die vorhandenen Flugzeuge spielen, da sie überdies ständiger Aenderung unterworfen sind, gegenüber der Bedeutung dieses organi­satorischen Aufbaues keine entscheidende Rolle. Sicher i st. daß zu Deignn eines Krieges mehrere tausend militärifch verwendungsfähige Flugzeuge vorhanden sind, die gar nicht anders als offen­siv eingesetzt werden können, ebenso sicher, daß ein sofort einsetzender Serienbau in den 35 zur Zeit vorhandenen Fabriken nicht allein den Ersatz in vollem Matze sicherstellen, sondern auch für

gebniS war folgendes:

Strecke GießenFulda:

Der Personenzug 563, Gießen ab 5.41 Uhr. wird im neuen Fahrplan täglich, also auch SonntagS. verkehren und wird als durchlaufender Zug von Gießen bis Fulda derart urngc- staltet. daß er unter Aenderung deS seitherigen Aufenthalte- in Alsfeld nicht mehr al- Trieb­wagen. sondern als durchlaufender Zug weitergeführt wird, ab Alsfeld 7.25. und in Fulda anstatt seither 10.08 nunmehr 8.45 an» kommen soll, wodurch er dort Anschlüsse nach Berlin und Frankfurt erhält.

Der Gegenzug in der Richtung Fulda Gießen wird künftig Fulda ab 6.41. AlSfeld 8.02, Gießen an 9.33, ebenfalls täglich ver­kehren. und zwar auch als durchlaufende Ver­bindung FuldaGießen ohne Umsteigen in Als­feld.

Der Personenzug 560. seither Fulda ab 19.19, wird sväter gelegt, wodurch er einen Anschluß von Frankfurt erhält. Dieser Zug wird ebenfalls als durchlaufender Zug bis Gießen gefahren, die seitherige Unterbrechung in Als­feld fällt weg. Ankunft in Gießen etwa 22.15, gegenüber seither 21.54, wodurch allerdings der Anschluß an den Zug D 82 ab Gießen 22.00 nach Frankfurt verloren geht. Der Personenzug 568, Fulda ab 17.42, bleibt werktäglich bis Alsfeld.

In der Richtung Gießen Fulda verkehrt künftig der Zug 565. Gießen ab 17.35, täglich, so daß also insgesamt auf dieser Strecke nun­mehr sechs durchlaufende Verbindun­gen täglich vorhanden sind.

Strecke AkfelbNiederaulaherrfeld.

Aus dieser Strecke wird der Zug ob AlS­feld 4.50 Uhr im neuen Fahrplan aanzjährig gefahren. Der Personenzug 2441 geht künftig Grebenau ab 6.20 Uhr. Hersfeld an 7.26 Uhr.

In der Richtung von Diederaula nach AlSfeld wird der Zug 2442 nunmehr ganzjährig gefahren, und zwar so, dah er 7.21 Uhr in Alsfeld an­kommt und dadurch Anschluß nach Gießen und Fulda erhält.

Am gestrigen Mittwoch fand im Sitzungssaal« des altehrwürdigen Rathauses in A l S s« l d auf Einladung der Reichsbahndirektion Frankfurt am Main eine Fahrplankonferenz un­ter dem Vorsitz von Oberbahnrat Pietz von der Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. statt. An der Besprechung nahmen u. a. Vertreter hessischer und preußischer Regierungsbehörden, der hessischen Bürgermeistereien der in Betracht kommenden Eisenbahnstrecken, sowie die Vertreter der beteiligten wirtschaftlichen Organisationen. In­dustrie- unb Handelskammer. Landwirtschas tskam» mer unb bie Vertreter bet verschobenen Ver- kehrSorganisationen teil.

Damens der Stadt Alsfeld begrüßte Bürger- meister Dr. Dölsing die Teilnehmer, dankte der Reichsbahndirektion, daß sie der Stadt Als­feld wiederum die Ehre erwiesen habe, auch die diesjährige Fahrplankonferenz in AlSfeld begrü­ßen zu dürfen.

Zur Erörterung standen auf der Fahrplankon­ferenz die Derrehrsverhältnisse der Eisen- bahn st recken GießenFulda, Bad- Salzschlirf Diederaula, AlSfeld RiederaulaHerSfeld unb HerSseld Treysa.

Zu Beginn der Sitzung gab Oberbahnrat P i e tz eine Mitteilung übet Die Aenderungen, di« auf bet

Strecke KasselGießenFrankfurt im neuen Fahrplan vorgesehen sind. Wobei von Interesse ist die Umwandlung des bereits im vorigen Jahre eingcführten D-Zuges Bremen Frankfurt von einem gewöhnlichen D-Zug in einen Fern-l)-Zug (F-D). Diese Aenderung sei im Interesse des internationalen Reiseverkehrs erfolgt, wobei auch der frühere Halt in Gie­ßen infolge der Umwandlung in einen F-V-Zug nicht beibehalten werden könne. Die Vertreter des Verkehrsbundes Oberhessen und des Hess. VerkehrsverbandeS sprachen über diese Maßnahme ihr Bedauern aus unb äußerten Bedenken gegen die Bestrebungen der Reichsbahn, immer mehr Schnellzüge in F D-Züge umzuwandeln.

Zur Besprechung standen von den zu erörtern­den Strecken insgesamt 31 Anträge, deren ein-

Gießener Giadiiheater.

Bernauer und Lesicrrcicher: Das Geld auf der Straße".

Qur angesehener reichshauptstädtischer Kritiker erQarte vor kurzem, nach der Rückkehr von einer Auslandreise: in Berlin machen wir doch noch immer das beste Theater der Welt. Unausge­sprochen blieb bie Fortsetzung: deshalb können wir uns auch die miserabelsten Stücke leisten. (Oder mit entsprechender Umkehrung.)

Die Auffassung des Her Liner Herren wird durch eine der treffendsten Bemerkungen im kürzlich ge­hörten Vortrage des Dramaturgen Dr. Rittet ergänzt: wir leben in einer Zeit theatralischer Höchstleistungen unb haben dabei Mangel an dichterischen Stücken.

Wir haben Stücke ohne Zahl, Stucke für Schauspieler, Stücke fürs Publikum. Stücke für die Kasse. Aber es gibt dec Kleistpreis-Sttf- hing unb anberen Bemühungen zum Trotz sehr wenige Stücke für Theater, bie aus dichterischen Händen kommen. Die Grunde dafür sind hier nicht zu untersuchen.

..Das Geld auf der Straße" von Oester- reicher unb Bernauer ist eines von jenen vielzuviclen Stücken, die außerdem noch lTrmer durch minderwertige unb deshalb lästige Aus­länder vermehrt werden.

Bei Löns heißt es in einem Roman:Der Staat müßte einmal zehn Jahr« lang verbieten, daß etwas anderes gemalt würde als Kreuz^ gungen; dann würde man bald sehen, wer wirklich etwas kann." .

Die Analogie liegt nah«: die Dlchterakadeime oder der Kultusminister oder der Reichspräsident oder eine unvorstellbare höhere Instanz mühte einmal für ein paar Jahre verbieten, daß Stücke erscheinen, die von Liebe (oder vonLiebe") handeln.

Dann würde man bald sehen ...

Datürlich war es den beiden Verfafsern, wie man sich in Erinnerung an denGarten Eden" denken kann, im Grunde gar nicht so sehr um bie dreiaktige Glossierung des Gemeinplatzes vom Geld auf der Straße zu tun.

Sondern nur um einen Vorwand für die Ab­wandlung derLiebe". (Zum wievielten Wale?) Es lohnt sich kaum, den Inhalt auseinanderzu­klauben. Denn bie Romantik, auf die sich die beiden Autoren hier plötzlich besinnen, glaubt man ihnen einfach nicht. Man glaubt ihnen nur ihre guten Absichten für die Schauspieler, das Publikum und die Kasie.

DaS mindeste wäre ja gewesen, das Ganze nicht auf so faustdicken Unwahrscheinlichkeiten aufzu­bauen und mit einer so läppischen Technik von vorvorgestern durchzuführen.

Aber da ist noch immer bet gefundene Brief unb das verwechselte Telegramm unb die dro­hende Kompromittierung des Mädchens aus gu­tem Hause, bet Auftritt aufs Stichwort, bie Pointen bcS Schwanks unb eine Motivierung, der man entwaffnet gegenübersteht.

Etliche gute, obwohl nicht ganz hasenteine Witze unb Situationen finb b'.e mehr als magere Ausbeute dieser Angelegenheit, in der uns vor- gegaukelt werden soll, wie ein Hochstapler sicher Dichtstuer mit Hilfe des in unerlaubter Weise mißbrauchten Zufalls auf dem Wege über ein erwischtes Techtelmechtel, bie Einschleichung in ein fremdes Haus, ein abgefangenes Telegramm, einen gestohlenen Absagebrief und mehrere aus- gestochene Freiet in den Besitz ungezählter Däuser und obendrein bet Tochter eines stein­reichen Berliner Bankiers gelangt.

Deini romantische Lustspiele sollte man nicht von Bernauer unb Oesterreicher beziehen: es gibt überhaupt nicht allzuviele. Wenn wir uns einen Dorschlag erlauben Dürfen: vielleicht sucht man einmal bei Hauptmann, Georg Kaiser. Thad- däus Rittner ober Max Mohr: bie haben baä Zeug dazu, unb bei jedem von ihnen ist minde­stens eins zu finden.

Die Aufführung, von Goll inszeniert, ließ sich anfangs recht hübsch unb munter an. offen­barte aber im Verlaus bes Abend- zwei emp­findliche Mängel. Erstens fehlte ihr an einigen Stellen, wo es sehr daraus ankam. die bialek- tsiche Straffheit und die klappende Textsicher - hell, die ein Konversationsstück unb «ine große Gesellschaftsszene immer braucht: unb auherbem traj bie Regie nicht Den scharfen Ton unb bie

nüchtern-sachliche Geste eines bestimmten Mi- I lieus aus dem Berliner Westen von 1929. | worauf vor allem die beiden letzten Akte abge­stimmt sind.

Dieser Zellstil war insbesondere bei zwei Hauptfiguren zu vermissen: Ebert-Graffow. der dicke Kommerzienrat, hatte ein paar hübsche Redensarten zu sagen, aber er hätte (bei geist­reicherem Text) ehrt von Fontane sein können, als aus dem Tiergartenviertel von heute. Di« Herren tragen Dort keine so verschollenen Backen­bärte mehr, keinen altmodischen Zwicker unb solche Hosen zum Cut.

Jngeborg Scherer, obwohl sehr aufgekratzt und munter, wirkte zu harmlos lustig für das gewitzte Tauenhiengirl, daS hier gemeint ist. (Doch war ihre Morgengymnastik drollig und sehenswert unb fanb ein Sonderappläuschen.)

Gannett machte den angeblichen Romantiker mit dem großen Zufall und spielte (bis auf die matten Textstellen, für die er nichts kann) mit Humor und Laune.

Don den Chargen: ein geschwätziger Kammer­sänger (Arzdorf) und ein alter Herr mit unpassenden Bemerkungen (G o l l).

ES wurde ausdauernd geklatscht. Dr. Th.

Oie Hessische Landesbiblioihek

Der Oberbibliothekar an der Landesbibliothek, Professor D. G. Pfannmüller, spricht in einer kürzlich erschienenen Schrill (Verlag des Historischen Vereins für Hessen, 0,50 Mk.) über die Bedeutung der ehemaligen Hof- und Landesbiblio- thek in Darmstadt. Wenn der Verfasser in feiner Einleitung jagt, die Bedeutung dieser Biblio­thek. eine der größten unb reichsten Deutschlands, für das geistige Leben in Hessen fei noch nicht genug bekannt, so wird man zugestehen Dürfen, daß auch viele Oberhesten so gut wie nichts von ihr wissen; deshalb mag ihre Entstehung und ihr Inhalt hier kurz skizziert werden. Ihre älteste Geschichte ist wie bei allen deutschen Landesbibliotheken mit Der Geschichte des Fürstenhauses eng verbunden. Die ersten Bücher wurden schon von Philipps des Groß- mutigen Sohn Georg, dem ersten Landgrafen von Hessen-Darmstadt getauft; von einer Schloßbiblio­thek aber kann erst seit Georg II., dem Gelehrten, | gesprochen werden, dessen sächsische Gemahlin auch

eine Vorliebe für Bücher hotte, die ihr Sohn erbte. 1692 erhielt die Bibliothek in dem Sohne des be­kannten Schriftstellers I. M. Moscherosch ihren ersten Bibliothekar. Da ihre Bestände durch bie Büchersammlungcn Philipps von Butzbach, des letz­ten Grafen von Hanau-Lichtenberg und des Geh. Regierungstats Hombergk sehr bereichert wor­den waren, wurde sie aus dem Glockenbau in das neue Schloß überführt, von dem hessischen Historiker W e n ck neu geordnet unb 1778 zum ersten Male für die fürstliche Familie und den Hof an zwei Tagen geöffnet. Ihren Höhepunkt erlebte sie unter Großherzog Ludwigunter dem sie durcy Schen­kungen (z. B. Baron H ü p f ch) und Käufe (z. B. Merck) sehr anwuchs und der sie mit feiner bedeutenden Kabinettsbibliothek im südöstlichen Schloßflügel vereinigte. Sie wurde nach dem System des Bibliothekars Schleiermacher, das auch für die Universitäts-Bibliothek in Gießen angenom­men wurde, neugeordnet und 1817 zur allgemeinen Benutzung geöffnet. Nach feinem Testament sollte sie unveräußerlich beim Großherzogshaus bleiben und als Staatseigentum betrachtet werden. 1830 hatte sie etwa 100 000 Bände, heute gegen 750 000. Damit ist sie unter Beiseitelassung der Preußischen und der Bayerischen Staatsbibliothek die drittgrößte Landes­bibliothek Deutschlands. Die drei großen Abteilun­gen Der Landesbibliothek umfaßen: Druckwerke, Handschriften und Musikalien, worauf hier natürlich nicht näher eingegangen werden kann. Die Landes­bibliothek dient einem doppelten Zweck: der wißen- schaftlichen Forschung und der allgemeinen Geistes­bildung; der Gelehrte findet dort Rüstzeug für seine Arbeit und jeder andere Benutzer die Möglichkeit, sich weiterzubilden. Diese Hauptbedeutung der Lan­desbibliothek wurde vor allem dadurch erreicht, daß schon der Großherzog Ludwig I. den noch heute gel­tenden Grundsatz aufstellte, daß alle Wissensgebiete gleichmäßig berücksichtigt werden sollten, und daß bei der Auswahldurchaus mehr auf größere, sel­tenere, ausländische und vorzügliche Hauptwerke, als auf neuere, besonders Handbücher, deren jeder vom Metier doch immer selbst haben und sich anschaffen muß, Rücksicht zu nehmen ist, indem doch die Ab­sicht öffentlicher Bibliotheken nicht eigentlich ist, die Anschaffung von Privatbüchersammkungen entbehr­lich zu machen, sondern diesen nur durch ihre reiche­ren und selteneren Schätze zu Hilfe zu kommen unb Prioatgelehrte in ihren Bemühungen zu erleichtern."

Dr. Wa.