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Nr. 25 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Montag, 28. Januar 1929

Die Richtlinien der deuischen Außenpolitik 1888-1914. Don Wilhelm n., ehern. Deutschem Kaiser.

Copyright by United Press Associations of America. Nachdruck, auch im Auszug, verboten.

Dieser Artikel, den der ehemalige deutsche Kaiser der Presse zur Verfügung gestellt hat, scheint uns in seiner schmucklosen und ein­dringlichen Form der Zeugenaussage das m unserem Lcitaufsasj vom Samstaa zum glei­chen Thema Ausgesührte in besonderer Weise zu ergänzen und zu unterstreichen.

DaS außenpolitische Programm meiner Re- gierungszcit ist sich stets gleich geblieben. Die großen Linien dieses Programms sind bereits in meiner ersten Thronrede im Lahre 1888 enthalten:3n der ausrvär.igen Politik bin ich entschlossen, Frieden zu halten mit iederrnann, soviel an mir liegt. Meine Liebe zum deutschen Heere und meine Stellung zu demselben werden mich niemals in Ver­suchung führen, dem Londe die Wohltaten des Friedens zu verkümmern, wenn der Krieg nicht eine durch den Angriff auf das Reich oder dessen Verbündete uns ausgedrungene Rotwen- bigteit ist. Unfer Heer soll uns den Frie­den siche r n und, wenn er uns dennoch ge­brochen wird, imstande sein, ihn mit Ehren zu erkämpfen. Das wird es mit Gottes Hilfe ver- mögen nach der Stärke, die es durch das von Ihnen einmütig beschlossene jüngste Wehrgefetz erholten hat. Diese Stärke zu Angriffskriegen zu benutzen, liegt meinem Herzen fern Deutsch­land bedarf weder neuen Kriegsruhms noch irgendwelcher Eroberungen, nachdem es sich die Verech'ioung. als einige und unabhängige Ration zu bestehen, endgültig erkämpft hat."

Diesen Grundsätzen ist meine Regierung 26 Jahre hindurch treu geblieben; es ist ihr gelun­gen, die Fricdenspoli.ik'meines Großvaters und meines Vaters sortzusehen und damit Europa seit 1871 nicht weniger als 43 Friedens­jahre zu schenken. Riemals vorher hat Europa einen gleichen Zeitraum ohne kriegerische Ereig- wisse erlebt Die Rüstung, die wir im Herzen des Kontinents gelegen, ohne den Schutz natürlicher Grenzen uns geben mutzten, ist niemals über das Rotwendige hinausgegangen. Die Kriegsstärken betrugen im Sommer 1914 für Deutschland 2147 C00, für Oesterreich-Un­garn 1 4CO C00, zusammen also 3 547 000 Wann Mit der Dundeshilfe Italiens hat der deutsche Generalstab nicht mehr gerechnet. Demgegenüber beliefen sich die Kriegsstärken unserer voraussichtlichen Gegner auf insgesamt 5 379 000 Mann, nämlich Rutzlond 2 712 000, Frankreich 2150 000. England 132 000, Serbien 285 000, Belgien 100 000. Es standen also 3 547 COO Mann auf unserer Seite und 5 379 000 ouf feiten der Qllllerten. Zur See standen sich Flotten von 3 264 000 Tonnen Wasserverdran- gung bei den Alliierten und von 1 263 000 Ton­nen bei den Mittelmächten gegenüber. Das Ver- hältniS der Friedensstärken zur Devölkerungs- zahl betrug in Frankreich 2 Prozent, in Deutsch­land 1,17 Prozent und in Oesterreich-Ungarn 0 94 Prozent. Frankreich stellte 7882 Prozent feiner Wehrpflichtigen ein, Deutschland (5 6 1913) nur 5055 Prozent; Frankreich gab 24.20 Mk. jährlich pro Kops der Bevölkerung für Heeres- zwecke aus, Deutschland nur 16.38 Mk. Diese Ziffern dürsten hinreichend beweisen, datz von einem Militarismus auf deutscher Seite nicht die Rede sein kann. .

Die deulsche Regierung hat sich auch Niemals verleiten lassen. Gelegenheiten, die ihr die gün- Higsten Aussichten boten, zum Kriege gegen Frankreich oder Rutzland auszunutzen. Richt 1898, als Frankreich von England die Demüti­gung von Faschoda hinnehmen mutzte, nicht

18991902, als England während des Du- renkrieges Frankreich sich selbst hätte über­lassen müssen, nicht 1905 während der ersten Marokko-Krise, als Rutzland im Fernen Osten und in den Wirren der Revolution blu­tete. Sie nutzte nicht die Bosnische Krise 1908/09, als Rutzland noch nicht erholt, die Bal­kanstaaten noch nicht erstarlt warm, Frankreich nocy nicht daran dachte, dem russischen Verbün­deten sür die Ansprüche Serbiens Gefolgschaft zu leisten, auch nicht die zweite Marok­ko-Krise 1911 und nicht die Balkan- kriege 1912 und 1913, als die militärische Lage für die Mittelmächte noch bei weitem gün­stiger war als 1914. Deutschland hat planmätztg Friedenspolitik betrieben.

Die deutsche Politik hat dementsprechend auch keine Ziele verfolgt, die nur durch Krieg zu erreichen waren. Datz es bei den Alliierten an­ders war, ist heute erwiesen durch die Ver­öffentlichung von geheimen Vcsch.'üsen der Vor­kriegszeit, von Geheimverträgen und vertrau­lichen Korrespondenzen der beteiligten Staats­männer aus der Zett des Weltkrieges und nicht zuletzt durch die Art und Weise, wie die soge­nanntenFriedens"verträge geschlossen wurden. Dor allem die Veröffentlichungen aus den russi­schen Archiven haben den machtpolitischen und imperialistischen Charakter der Ziele, die die Alliierten verfolgten, dokumentarisch belegt Wir wissen durch sie auch von der Tatsache, datz bereits im Jahre 1913 in Petersburg Verhand- lungen zwischen russischen und franzöfifchen Staatsmännern stattgefunden haben, um das Fell des deutschen Bären zu verteilen. Man wird ver­geblich nach Dokumenten suchen, die in gleicher Weise Kriegsziele Deutschlands belegen.

Deutschland hat schließlich keine Bünd­nisse geschlossen, die offensiven Charak­ter trugen; Bismarcks fein angelegtes und sorgsam durchdachtes Bündnissystem galt, wie heute von der Geschichtsforschung mehr und mehr anerkannt wird, der Erhaltung des Friedens. In diesen Bahnen ist meine Regierung fort­geschritten. Wäre der von mir msi dem Zaren 1905 in Björkö abgeschlossene Vertrag Wirk­lichkeit geworden, so wäre der Zweibund Frank- reich-Rutzland mit dem Dreibund Deutschland- Oesterreich-llngarn-Jtalien zu einem Festlands- Hunde zusammengeschlossen worden, der eine sichere Bürgschaft für einen dauernden Frieden bedeu­tet hätte als Grundlage für einen wahren Völ­kerbund. Den Alliierten aber gelang es in die­ser Zeit, um die Mittelmächte einen eiser­nen Ring von Militär - und Marine- konventionen zu schmieden, die nur auf dem Papier Defensivbündnisse waren. Deutschland aber war nicht einmal mit seinem einzigen zu­verlässigen Verbündeten. Oesterreich-llngarn, durch eine Militärkonvention verbunden.

Die gleichen Friedensgrundsähe verfolgte die deutsche Regierung noch zuletzt in der Julilrise 1914. Alle unsere Bemühungen unter denen ich auch meinen Vorschlag eine-Halt in Bel­grad". meine persönliche Einwirkung auf den Zaren und den König von England, sowie meine warnenden Vorstellungen bei dem Kaiser von Oesterreich erwähnen darf wurden jedoch durch die russische Gesamtmobilmachung vereitelt, die am Abend des 30. Juli 111 Divisionen mobil machte. Oesterreich hat erst 18 Stunden nach der russischen seinerseits die Ge'amtmobilmachung an­geordnet. und in Deutschland ist fast um die gleiche Stunde beinah 19 Stunden nach der russischen Gesamtmobilmachung infolge der (Meldung von der russischen Mobilisierung erst der .Zustand drohender Kriegsgefahr" also noch nicht die Mobilmachung befohlen worden.

Da durch die militärischen Abmachungen zwischen Frankreich und Rutzland der Weltkrieg nach der russischen Gesamtmobilmachung unabwendbar ge­worden war. geschah alles Weitere zwangsläufig. Die Entscheidung für den Krieg war unwiderruf- lich auf der Seite der Entente gefallen.

In Versailles ist die Anklage erhoben worden, datz Deutfchland den Weltkrieg feit Jahrzehnten planmäßig vorbereitet und 1914 vor­sätzlich entfesselt hätte. Mit großer Ge­nugtuung kann ich heute feststellen, datz diese Behauptung immer mehr an Anhängern ver­liert. Die Dokumente, die inzwischen veröffent­licht worden sind, haben der Welt soweit sie die Wahrheit erkennen will gezeigt, datz von einer Schuld Deutschlands am Kriege nicht die Rede sein kann. Immer mehr Historiker wen­den sich ton der schmachvollen These ab, die dem deutschen Volke als Grundlage für das Friedensdiktat aufgezwungen worden ist. Je mehr Licht auf die Vergangenheit fällt, um so mehr wird diese These als das enthüllt werden, was sie in Wahrheit ist: die große Lüge von Bersailles I

Wohlstand undWohIstandsiodLx.

Die Diskus ion über den Bericht des Repara­tionsage ten hat sich nah eiligem Hin und Her allmählich auf die Frage nach dem Degri f desWohlstands" zug spitzt, iet Par.er Gilbert ja ii Deutschland als ii ausrci hendem Matze vorhanden se."lg:siellt hak. Der Da- wesplan selbst sah für die Crmi'.tlurg di.ses Wohlstandes, der dann zusätzliche deutfche Zah- lungSleiitungen nach sich /.ujen sollte, einen be­sonderem Wohlstandsinder vor. der a^er bis jetzt nicht zur Anwendung gelomrnen i t.

Dieser Inder sollte sich aus der Verfolgung vor 6 wirtschaftlicher Symptomen errechnen, näm­lich aus einer Stasi, sik, in der dir Gesamtsumme der deutschen Ein- und Ausfuhr, zusam» mengenommen, die Ei nahmen urd Ausga'en des gesamten Reichs Haushalts einschliess­lich beuer.ijen der drei grollen Länder, der Eisenbahnverkehr und dir be o beite ©ü'ermenge, die Verbrauchs ziiser an Zucker, Tabak, Bier und Al ohol, di.' Bewegung der Bevölkerungszifser und der Koh - lenv erb rauch je Koos festhalten f Fte. Die Durchsch i'tszi fern für dir Jahre 1927 bis 1929, bzw. bei ei ijen Grundlagen für dir Jahre 1912 bis 1913, 1923 bis 1329 soll er dab i zu­

grunde gelegt werden. Aus diesem merkwürdigen Schlüssel sollte dann eotl. die Verpflich­tung zu einer zusätzlichen Zahlung über die 2' - Mil inrden hinaus Hergelei et wer­den, doch fllte bei einer Verschle^temrng des Status nicht etwa eine Minderung der Zah- lungssumme.r, sondern nur eine Verrechnung sol­cher Summen auf spätere Zuschlagsza.)lungen er­folgen.

Die Grundlagen sind an sich recht mangelhaft gewählt. Denn z. D. die Gesamtsuinme der deutschen 'Ein- und Ausfuhr könnte sehr wohl eine Steigerung aufweisen, die doch in Wirk­lichkeit eine Verschlechterung wäre, wenn die Ausfuhr stark rückgängig, die Einfuhr, c'.toa in'olge neuer Anleihen stark ge .i.'gen wäre. Ebenso ist das A.sichw llen d s Haushalts nicht immer ein Zeihen des steigenden Wohlstands, sondern oft nur die Folge irgendwelcher Kcfta- strvpben mit nitwendiger Hebe.befleuerung der Bevölkerung. Der Eisenbahnver ehr und der Ver­brauch an fogeiannt'.n Lurusgütern kann allen­falls als Zeichen des Wohlstand's angefe'en werden, aber dr Verbrauch an Kohle, dec z. B. durch einen lange anhaltenden und deshalb für die Wirtschaft bZo iders schadli hen Win er ver­ursacht werden Fann, vermag ebensogut als Anzeichen für ei :e schlechte, wie für eine g mstigc Ko siurktur zu dienern

Es sind 5er its zu Anfang der Daweslei'tungei, vestchiede^e vernüns i e Vo schlage zur Ver' bcHcrung dieses Inder, so von dem bekannt-n Frankfurter Stasißi'er Dr. M. Esia) gemacht toorbcL 015r oste bar hält man sich nicht nur für den Fall ei-er weiteren Aufrechterhaltung des Daw^planes an di'ses primitive Schema, so rderm b*r Remrationsazent bat auch schon jetzt diese Symptomatik zur Bildung seines eigenen Urteils über den deutschen Wohl­stand benutzt. Es mag sein, datz auf disiem Wene, dessen Mangel oben gezeigt worden sind, in bett Bureaus des ©eleralaje.itcn ein Gesamt sindcuck c-ffranfr-n ist. de" sich von dmn wirklichen OeSm doch recht deutlich unterscheidet. Der Be­richt des Ha d lsat a des der ame i -mischen Tot» schäft und berje ig' d r R.iHsere it es Nchaft, die b ide vor Abschluß des Be i htes Par'er Gilberts' abgeVt worden si d ste en denn auch in einem so auffälligen Gegensatz zu dielen letzteren, daß man ihn tro) der neuen Auslegun- pc.t des Verfassers und der Bedenken eines Teiles der Ausla-'dvresse nicht als letztes Wort ansehen darf.

Geschichten ans aller Well.

Rachdruck auch mit Quellenangabe verboten!

Es spukt in Bordeaux...

Paris.

Gut, daß die Zeit der Hexenverbrennung vor­über ist, und daß Bordeaux nicht in Amerika liegt, sonst hätte es leicht geschehen können, daß ein junge- Weib in diesen Tagen in Bordeaux auf dem Scheiterhaufen seine arme, unschuldige Seele qualvoll ausgehaucht hätte. Es spukte nämlich in Bordeaux, und zwar am hellichten Tage, mitten auf dem belebten Marktplatz der Stadt. Hnb baS tarn so:

Eine gutgekleidete junge Frau, Madame Perier, unterhielt sich gerade mit einer der Verkäuferin­nen in einer Marktbude, als schnellen Schrittes, hochrot Im Gesicht ihre Freundin, die Frau deS Rechtsanwalts Guillon, nahte, die, wie man wußte, Grund zur Eifersucht auf Madame Perier zu haben glaubte. Als sie nun Madame Perier ganz nahe gekommen war, zog sie plötzlich einen Revolver aus der Tafche, hielt diesen der Freun­din vor die Brust und gab zum Entsetzen aller Umstehenden sechs Schüsse ab. Ein ungeheurer Tumult entstand, und plötzlich ertönten Rufe, wie: .Maria und Joseph der Gottseibeiuns _, heilige Jungfrau!" Madame Perier war näm­lich nicht umgefallen und tot liegen geblieben, wie

es sich unter solchen Llmständen für einen rech­ten Christenmenschen geziemt hätte, sondern ein­fach davongerannt, trotz der sechs Revolverkugeln, die doch in ihrer Brust stecken mußten. »Das Teufelsweib, ich wußte es längst!", rief die Attentäterin und bekreuzigte sich. Dann ver­ließen sie die Sinne.

Erst nachdem sich die allgemeine Aufregung gelegt hatte, was ziemlich lange Zeit in Anspruch nahm, und Frau Guillon vor Gericht vernom­men worden war, Karte sich langsam die ganze Geschichte auf. Frau Guillon war nämiich am Morgen des gleichen Tages, da die Tat geschah, in Heller Aufregung au einem Wafsenhändler ge­laufen, der natürlich angesichts deS seltsamen Verhaltens der Kundin Verdacht schöpfte und ihr Platzpatronen verkaufte. So kam man denn schließlich dahinter, daß eS in Bordeaux doch nicht spukt.

Ein treuer Mieter seines Wirtes.

(r) Wien.

Ob die reizende Geschichte, die jetzt in Wiener Künstlerkreisen kolportiert wird, auch wirklich ge­schehen ist, läßt sich schwer feststellen. Jeden­falls könnte sie wahr sein.

Daß die von der Wohnungsnot Betroffenen mitunter einen nicht zu unterschätzenden Abstand

Liliencrons poggsred-Kest.

Don Heinrich Splero.

Im VolkSverband der Bücherfreunde er» scheint demnächst unter dem Titel ^Schick­sal und Anteil" ein Buch. In dem Heinrich Dpiero aus seinem an Begegnungen reichen Leben erzählt. Wir geben hier eine Probe daraus.

2klS ich zum erstenmal die Schwelle feines HauseS überschritt und von Liliencrons Wirtin on der Flurtür empfangen wurde, erschien plötz­lich im Halbdunkel des Treppenhauses eine unter­setzte Gestalt, fragte mit knarrender Stimme nach meinem Tarnen und bat mich dann heraus. Erst als wir oben das lichtdurchslutete Arbeitszimmer betreten hatten, sah ich, wer vor mit stand. Zu­nächst stieß mir in Haltung und Gebärde dre Aehnlichkeit mit Moritz von Ggidy auf; beides kaum mittelgroße Reiterfiguten mit abgemessenen Bewegungen, jugendlichen, Hellen Augen unter ganz kurzgeschnittenem blondgrauen Haar. Dazu nun auch im weiteren Gespräch die den Kom­mandoton nicht ganz verleugnende Stimme und die strasse Verbindlichkeit des früheren Offt- {lerß. Das zweifenstrige Vorderzimmer, mit Pein- ichster Ordnungsliebe gehalten, barg den Schreib­tisch auf dem immer Heynes Deutsches Wörter­buch und WustmannsSprachdummheften" $ur Hand lagen. An der anderen Wand stand eine Garnitur um einen runden Mahagonitisch, und die Tür zum Rebenzimmer umrahmten links und rechts zwei schöne, alte Mahagonispiegel; sie hatten einst in Liliencrons Elternhause zu Kiel gestanden, und er hatte sie bei einem Trödler wiedergefunden. Was dem Raum aber seinen Charakter gab, waren die über Schreibtisch und Wände verteilten Kunstblätter; ich habe sie einmal Spaßes halber in seiner Gegenwart gezahlt, es waren genau einhundertsünfzig. Auf dem Schreibtisch stand eine kleine Erzbüste des Kaisers Claudius. Unmittelbar darüber hing eine Photographie einer englischen Herzogin, die Liliencron um der großen mahnenden Augen wegen gern vor sich haben wollte. Links und rechts davon sah man Frau Anna und die Kinder Abel und Wulff, Liliencron; Eltern, zwei Schattenriffe Rapoleons, einen Stich der Toten­maske Friedrichs des Großen und einen Abguß von Max Kruses Riehschebüste. Ganz groß in der Mitte der Wand aber hingen übereinander: Klingers RadierungDie tote Mutter" und Thomas FarbholzschnittDer Ritter", beide mit

Widmungen der Meister. Dann setzte sich die Reihe über alle drei Wände fort Und Toten­masken Goethe, Fredrich, Beethoven schmückten das Hinterzimmer, das man durch die Tapetentür zwischen den Spiegeln betrat. Da lehnte hinter dem Kopfende des Bettes der Säbel, über dem Lager hingen ausschließlich Soldatenbilder aus den sechziger und siebziger Jahren, ein Lenbachsches Porträt des alten Kai­sers kam hinzu, und den Kleiderschrank bekrönte Houdons farbige Büste Voltaires. Das immer wohlgeordnete Pfeifenbrett in der Fensterecke hatte nur noch die Bedeutung eines Erinne­rungsstückes. _

Dies Häuschen mit dem schmalen Vor- und dem tieferen Hintergarten war alles, was als greifbarer Restbeftand von den Poggfredräumcn langer Jahre Wirklichkeit geworden war. Und einmal jährlich, am ersten Januarfonntag, wurde aus Altrahlftedt Poggsred. Dann nämlich lud der zum Schlohherrn gewordene Landhausmicter zumSiner des Jahres. Ein Hundertmark­schein wurde gleich nach dem Festtage, für den nächsten, aus die Wandsbecker Sparkasse gebracht, umdrei Mark und acht" Zinsen zu gewinnen. Der Gaumen der Gäste ward mit dem Heran- rücken des Zeitpunkts durch immer stärkere Ver­heißungen etwa folgendermaßen gekitzelt:

Alt-Rahlstedt bei Hamburg, den 30. Dezember 1907.

Fröhliche Hundstage I

Sonntag: Diner a Quatre. Punkt 6 ülhr.

Menu:

1. Haifischflossensuppe.

2. Artischocken und Braunschweiger Stangen­spargel.

3. Bracino aus dem Adriatischen Meer (PAana- tique).

4. Waldschnepfen.

5. Lyoneser Dirnen (fo groß wie diese Karte).

6. Eis.

7. Der Hundertmarkschein hat dann grab em Jahr gelegen und bringt 3 bis 31/» Mark Zinsen. Er wird diesen Sonnabend eingelöst.

Einmal Im Jahr muhhhhhß man doch luftig sein. Morgen endigt der Romani!!!

Sehr Diel zu erzählen.

Dein Detlev.

ANe Fenster desSchlosses" erstrahlten im Lichterglanz. Gleich an der Tür trat uns Cilien- cron in Frack und weißer Binde entgegen, neben ihm in schwerer Seide die Baronin. Er kam recta aus der Küche, ton er den für diesen Tag

verpflichteten Koch (er nannte ihn den chef de cuisine) durch allerletzte Weisungen völlig zu zerstören versucht hatte. Dann bot er den beiden geladenen Damen den Arm und führte sie zu den Plätzen rechts und links neben sich am oberen Ende des über und über mit Blumen ge­schmückten Tisches. Unb nun begann das Essen einmal mit indianischer Feuersuppe, die er bequemer, aber nicht phantasieloser als der Graf von Montechristo aufgetrieben hatte. Jedem machte Liliencron in unwiderstehlich liebens­würdiger Anmut die Honneurs, den ausgeprobten Rotwein schenkte er in die großen Kristall­gläser, das letzte Tafelstück aus dem Eltern­heim, jeder der Damen schälte et eine Birne; und dann kam der Schlußakt, sein Lieblingsgericht: die Schlagsahnentorte. Jedesmal wandte er sich dann an die Dame zur Rechten:Bitte, meine gnädigste Frau, sehen sie fort, damit sie nicht merken, wieviel ich mir auflege l" Dann saßen wir um den runden Tisch unter der Hänge­lampe und alsbald holte er eine noch tinten- ftische Ballade ober einenallerletzten" Pogg- fredkantus vor und begann zwischen Kaffeetassen und Zigarren (Zigaretten durften in seiner Gegenwart nicht geraucht werden) vorzulesen, sich hier und da mit Hinweisen auf ein Wort, ein kühnes Bild unterbrechend. So wenig sein Vortrag in großen Sälen von seiner Wesenart offenbarte, so unvergeßlich war der Eindruck dieser erweiterten Selbstgespräche mit der eigenen Kunst. Rot- und Blaustift lagen zur Hand, und oft genug blitzte, durch das laute Lesen au3- aelöst, eine neue Wendung auf, und wir er­lebten sorgsame Umformung. Zum vor bestimm­ten Zuge verließen wir das Haus, unter der Pforte an das nächste Jahresdiner erinnert, und Poggsred ward wieder Altrahlftedt.

Sin Besuch auf Robinsons Eiland.

Die Insel, auf der Desoes unsterbliche Ge­schichte von Robinson Crusoe spielt, hat die Sehn­sucht unzähliger Leser erweckt, die sich fern von der Hnraft unseres Lebens nach einem einsamen Erdenfleck hinträmntrn, wo der Meirsch in einem glücklichen Klima, nur auf sich selbst angewiesen, reiche Rahmung findet und so gleichsam den Weg der Menschheit von neuem beginnen kann. Dieses Eiland Robinsons be indet sich noch heute un. gefähr in dem Zustand, in dem es war, als das Ilrbild des berühmten Romans, der Matrose Alexander Selkirk dahin verschlagen wurde. Freiüch. ganz fo abgeschlossen von der zivi­

lisierten Welt ist die Insel Mas-a-Tierra nicht mehr, die größte unter den drei Inseln der Juan Fernandes-Gruppe, in der man heute mit Sicherheit den Schauplatz der Robinson-Geschichte sieht. Ein deutscher Gelehrter, Dr. W. Schmitt, hat sich jetzt längere Zeit auf der Insel auf- gehalten, um das überaus reiche und noch kaum erforschte Tiei leben in den Gewässern um die Inseln zu studieren. Von seinen Beobachtungen erzählt er in einer Londoner Wochenschrift. Deioe war von den Abenteuern Delkirks, der vier Lohre und vier Monate auf der Insel verbrachte, durch Briefe und Aufzeichnungen des Matrosen unter­richtet, aber seine geographischen Angaben sind nicht ganz genau, und bisweilen nahm er feine Phantasie zu Hilfe. So gab es z. D. keinen Mann namens Freitag auf der Insel, und nie-' mals haben Menschenfresser das Eiland während Selkirks Aufenthalt besucht. Im übrigen aber grünen dort noch dieselben, reichbewaldeten Täler, die sich an lieblichen Flüssen entlang ziehen. Die Gewässer liefern eine Unmenge von Fischen, der Küchengarten spendet alle nur erdenklichen wohl­schmeckenden Pflanzen, und die wilden Ziegen bieten nicht nur einen köstlichen Braten, sondern: man kann sie auch zähmen und von ihnen Milch,, Butter und Käse erhalten. Schmetterlinge gau­keln um schöne Blumen, und es läßt ftch hier gut leben.Mas-a-Tierra erhebt sich etwa 3000 Fuß über die Küstenlinie," berichtete der deutsche Ge­lehrte.Die toenigen Einwohner, die die Insel hmtte hat, wohnen an der Ostseite der Insel- zwischen den hohen Bergen und dem Meer. Sie! sind fast alle Fischer, und die riesigen Hummern,^ die sie fangen, sind ein Leckerbissen ersten Ran­ges. Aber sie sind sofort bereit, ihren ganzen Fang dem Kapitän eines Schoners gegen einige, Rahrungslonserven auszuhändigen, da sie dieser^ Genüsse überdrüssig sind. Das Leben verfließt | in idyllischer Stille, und der kleine Laden des! Dorfes ist nur zweimal die Woche geöffnet Mehr als 60 Prozent der Pflanzenwelt die auf diesem interessanten Eiland wächst, findet I sich sonst nirgends auf der Welt, und die Blätter | mancher tropischen Gewächse messen 10 Fuß im Durchmesser. Die Hauptsprache unter den Be­wohnern der Insel ist spanisch Sie sind fast ganz von dec Berührung mit der übrigen Welt abgeschlossen, aber der Rundfunk hat jetzt auch zu ihnen seinen Weg gefunden, und sie finden an den Programmen, die von Valparaiso gesendet werden, eine Unterhaltung, von der ihr berühm­ter Vorfahr vor 200 Jahren noch nichts ahnens konnte."