Nr. 200 Zweiter Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, 27. August 1929
Das Iranz-Zosesslaud - Sowjetgebiet.
Pryffegeographie »6
liegenden an. daß sollte, zu und um«
riums des Franz-Josefslandes werden für den Wetterdienst in Osteuropa, auf dessen Klima die atmosphärischen Verhältnisse im äußersten Vörden entscheidenden Einfluß ausüben, von größter Bedeutung sein.
DAS
FRANZ JOSEF-LAND- — SOWJETGEBIET.
meisten der Briese waren an Offiziers baten eines damals an der Grenze Truppenteils adressiert. Man nimmt der Kurier, der den Postsact befördern
wanderte nach Amerika aus und geriet nach seiner Rückkehr auf dem Heimweg von Lissabon nach Polen unter eine Gauklerbande, die ihm die ersten Tricks beibrachte. Die drei Fratel« l i n i s . die jetzt in Berlin austreten, stammen aus einer altitalienischen Artistenfamilie, während der Vater des berühmten Clowns G r o cf. der eigentlich Weltach heißt, ein Gastwirt aus der französischen Schweiz ist.
ten lürzlich — ausdrücklich heißt es da „kürzlich" — über die Landstraßen von Arizona. 2n der Rähs des Dörfchens Oatman suchten sie ein altes verlassenes Haus auf. um dort die Rächt zuzubringen. Ihres Bleibens war da freilich nicht lange, denn sie mußten bald feststellen, daß die Ruine einer ganzen Familie von Klapperschlangen als Wohnung diente. So mußten die beiden bei Mutter Grün logieren, was sie derart ärgerte, daß sie am nächsten Morgen aus Rache die alte Schlangenvilla mit einer Dynamitpatrone vollends zerstörten. (Amerikanische Landstreicher haben offenbar stets Dynamitpatronen bei sich.« Als sie dann weiter wandern wollten, bemerkten sie, daß durch die Explosion eine Art Keller freigelegt worden war, den sie nun mit ebensoviel Reugier wie Vorsicht betraten. Zu ihrem Erstaunen sanden sie in einer Ecke das Skelett eines Maulesels mit einem Sattel, an dem ein noch gut erhaltener
meins gehört hatten. Denn was für die glücklichen Finder das Wichtigste toar: die Mehrzahl der Briefe war mit alten Marken beklebt, die heutzutage zu den begehrtesten Seltenheiten gehören. So sanden sich darunter mehr als 100 blaue Marken mit dem Bildnis Washingtons, die heute einen hohen Wert besitzen und von denen alsbald mehrere von einem Briefmarkenhändler für eine ansehnliche Summe an- getauft wurden. Ferner waren viele Briese mit den jetzt so seltenen sogenannten „Postmeistermarken" frankiert, die in den Katalogen und im Handel mit hohen fünfstelligen Ziffern bewertet werden, zum Teil bis zu 10 000 Dollar für ein einzelnes Stück. Wie es heißt, hüten sich aber die beiden pfiffigen tramps, ihre ganze „Samm
lung" so schnell herzugeben,— sie vermuten wohl, vielleicht mit Recht, noch steigende Kurse und damit eine ..Kapitalserhöhung".
Die Geschichte klingt fast zu schön, um wehr zu sein.
a Archangelsk
SOWJET-
Am 29. Juli 1929 hißte die Besatzung des Sowjeteisbrechers „Grigorij Sedow" auf der zum Archipelagus des Franz-Josefslandes gehörigen Insel H o o k e r die Sowjetflagge. Damit wurde das Franz-Iosefsland, nachdem es durch ein Dekret der Sywjetregierung schon am 15. April 1926 unter Sowjethoheit gestellt wurde, nunmehr tatsächlich Sowjetgebiet. Das Franz-Zosefsland umfaßt 20 000 Quadratkilometer, ist also so groß wie Württemberg, seine 300 bis 800 Meter hohen Basalthochflächen werden vollständig von Inlandeis bedeckt. Es wurde 1873 von der österreichisch-ungarischen Expedition von Payer und Weyprecht entdeckt, seither von zahlreichen Expeditionen, darunter 1880 vom Schotten Lee Smith, 1894 bis 1897 vom Engländer Jackson, 1896 von Fritjof Ransen, 1899 von Ludwig Herzog der Abruzzen und von mehreren russischen Forschern besucht. Die gegenwärtige Expedition steht unter wissenschaftlicher Leitung des von der vorjährigen Krassin-Ex- pedition bekanntgewordenen Professor Samoi- l o w i t s ch. Der Eisbrecher Sedow hält sich bis Ende August an der Hooker Insel auf, wo von der Expedition eine Radiostation und ein meteorologisches Observatorium (die nördlichsten der Erde) errichtet werden. Das technische Personal dieser wissenschaftlichen Beobachtungsstelle, das hier nördlich vom 80. Breitengrad zurückbleiben wird, wird die Bevölkerung der nördlichsten, ständigen, menschlichen Siedlung der Erde bilden. Die täglich durch Radio verbreiteten meteorologischen Beobachtungen des Observato-
Das getreue Echlüffelchen.
Ein Gesprächsstoff.
Von Lili von Baumgarten.
Haben Sie schon jemals einen kleinen Gegenstand, Schmückstück, Füllfederhalter, Portemonnaie oder dergleichen im Grase suchen müssen? Wenn nein, dann können Sie nicht mitreden und brauchen dies auch hier nicht zu lesen. Wenn aber ja, dann können Sie meine Stimmung ermessen, als ich neulich meine ilf>r vermißte, nachdem ich einen ganzen Rachmittag auf der üppigsten aller Wiesen gefauleuzt hatte.
So eine hochsommerliche Wiese, das ist ein Urwald im Kleinen: wer hat das noch nicht mit Bewunderung festgestellt. Die Bewunderung aber hört auf. wenn man all die Abgründe und Höhlen, die Dickichte und sonstigen Verstecke betrachtet, in denen eine kleine, silberne Uhr, die man noch als Kind von seinem Vater be- kcun und darum lieb hat, sich unsichtbar machen kann.
Dem Wandel der Sonne folgend, hatte ich im Laufe Aes Rachmittags nicht weniger als dreimal mein Quartier gewechselt, was die Lage nicht gerade vereinfachte... Rachdem ich sämtliche Plätze der Reihe nach vergeblich abgesucht hatte, stellte ich seufzend die Betrachtung an, daß eine Kub im Laufe der nächsten Monate eben so viele Aussichten habe, mein Ufjrlcin zum ersten Frühstück zu verschlucken, als ich hoffen konnte, das arme Ding wiederzu'inden.
Cs war Zeit zum Gehen. Mißmutig packte ich meine Siebensachen zusammen: als letztes nahm ich mein Handtäschchen untern Arm. Ich, beschloß, am nächsten Morgen noch einmal her- zukommen und zu suchen, könnt s aber, obwohl es schon halb dunkel war, nicht lassen, die in Betracht kommenden Plätze noch einmal abzuschreiten.
Da — an der zweiten Stelle, derjenigen, die ich vorhin am genauesten untersucht hatte, — wies geschehen konnte, ist mir vollkommen unklar — siel etwas aus meiner Tasche — etwas kleines, blitzendes — o weh. das flache, feine Schlüssclchen zu meinem Handkoffer. Das fehlte noch, daß auch das verloren ging!
= (norweg.) -..L. Nowdiä
Vagabunden, Klapperschlangen und Briefmarken.
Wenn Klapperschlangen wertvolle Schätze hüten und dadurch arme Landstreicher zu Großkapitalisten machen — kann man heutzutage mehr Kinoromantik verlangen? Wie sich das jutrug. wird uns aus dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten in einer Geschichte erzählt, die sicher die Herzen aller Briefmarkensammler höher schlagen läßt. Zwei bescheidene „tramps" tippcl-
Oie Wahlbeteiligung der Krau
Bei den in Preußen bevorstehenden Gs- meindetoahlen soll, wie es bei der letzten Reichstagswahl in einigen Ländern und Städten bereits geschehen ist, wiederum eine besondere Erfassung der abgegebenen Stimmen nach dem Geschlecht der Wähler erfolgen. Aus diesem Grunde dürfte es nicht ohne Interesse fein, einmal festzustellen. welche Auswirkung die Wahlbeteiligung der Frau bei der letzten Reichstagswahl gehabt hat. Die derart gesonderte Erfassung hatte sich auf ungefähr 14,5 Proz. aller Wahlbeteiligten erstreckt und umfaßt die Länder Thüringen und Hessen- Darmstadt, sowie die Städte Berlin, Leipzig. Elberfeld und Barmen. 2m Durchschnitt könnt, man seststellen, daß die Wahlbeteiligung Männer mit 81,8 Proz. um rund 8 Pro? größer war als die Wahlbeteiligung der Frauen mit 73 Proz. Diese mindere Wahlbeteiligung muß im Verhältnis zu der männlichen noch dadurch herabgemindert werden, daß wir doch in Deutschland bald 10 Proz. mehr Frauen als Männer haben.
Recht interessant ist die Wahlbeteiligung der Frau geordnet nach den Parteien. Daraus erkennt man, daß sie am stärksten bei dem Zentrum ist. wo unter 100 Wählern 61,2 Frauen und 38,8 Männer zu verzeichnen sind. Bei den Deutschnationalen sind die Zahlen 58,4 Frauen. 41,6 Männer, bei der Volkspartei 54 und 46 Männer, bei den Völkischen 53.6 und 46,4 Männer, bei den Demokraten 51 Frauen und 49 Männer, bei den Sozialdemokraten 50.8 Frauen und 50,2 Männer, bei der Wirtschaftspartei 49,8 Frauen und 50,2 Männer, bei den Kommunisten 45,5 Frauen und 54,5 Männer und bei den R a - ti'onalsozialisten 42,7 Frauen und 57.3 Männer. Mithin haben das Zentrum und die Deutschnationalen eine stärkere weibliche Wahlbeteiligung aufzuweisen, während die extremen Parteien, die Kommunisten und Rationalsozialisten eine wesentlich stärkere männliche Wahlbeteiligung aufweisen. Das Zentrum hat durch das Frauenstimmrecht auf diese Weise 12 M a v° bäte mehr erlangt als ohne Frauenstimmrecht, die Deutschnationalen haben einen Gewinn von 9 Mandaten, 'die Voltspartei von , zwei Mandaten, dagegen haben die Demokraten dem Frauenstimmrecht den Verlust von einem Mandat, die Sozialdemokraten einen solchen von vier Mandaten, die Wirtschaftspartei einen Verlust von einem Mandat, die Kommunisten von acht Mandaten und die Rationalisten von vier Mandaten zu verdanken. Ohne Frauenstimmrecht hätte also gerade die Rechtskoalition in Deutschland den größten Rachteil. Man erkennt daraus die starke Traditionsgebundenheit der Frau und ihr Eintreten für die historischen und konservativen Mächte.
Diese Statistik ist sehr interessant. Hnb es wäre zu begrüßen, wenn sie bei einer bet kom- menben Wahlen einmal auf bas ganze Reich ausaedehnt würbe. Wenn sich babei wahrscheinlich "die Relationen auch etwas verschöben, so würbe man boch in bet Gesamtheit zu bem gleichen Resultat kommen. Auf diese Weiss stellt die Wahlbeteiligung der Frau ein Problem bar, bas noch einer bebeutenb eingehenberen Betrachtung unterzogen werben muß, als es bisher der Fall war. Hier hat auf jeben Fall einmal eine Revolutionsrnahnahme benjenigen ben größten Schaben zugefügt, bie sie eingeführt haben. Trotzdem ist selbstverständlich bie Ermöglichung ber Wahloeteiligung für bie Frau zu begrüßen, wenn es auch gewiß noch mancher Entwicklungen bedarf, um die Frau in allen Kreisen einer posi- 1 titxn politischen Einstellung fähig zu machen.
jener Zeit von Indianern überfallen gebracht wurde, die aber mit den Briefschaften nichts anzufangen wußten.
Richt Io indessen unsere beiden Vagabunden, anscheinend Helle Jungens von heute, die schon von ben materiellen Seiten bes Markensam-
Ich kniete mich ins Gras — dort lag's zwischen Rosmarin und Klee, mein Schlüsselchen — und dicht daneben — ist's denn möglich? — wohlbehalten mein schmerzlich vermißtes silbernes Uhrlein... Was soll man nun zu so was sagen?
Die sich das Leben nach Kräften einfach machen, werden von Zufall sprechen und alles weitere ablehnen. Wer zu moderner Psychologie neigt, wird mit Erklärungen von unbewußter Gedankentätigkeit des Suchenden, die sich in zweckmäßige Bewegungen umsehte, bei der Hand sein. Ich persönlich, die ich diesbezüglich schon Merkwürdiges erlebt habe und den nach vieler Meinung „toten" Dingen mancherlei Befähigungen zuerkenne, von denen andere nichts wissen wollen. ich persönlich neige ja nun dazu, an die Anhänglichkeit und Treue meines Schliis- selchens zu glauben, das schon seit Jahren zusammen mit meiner Uhr in meiner Tasche hauste. Die beiden haben sich gewißlich im Lauf der Zeiten angefreundet, und als nun das Schlüsselchen zwischen dem Zirpen der Grillen im Gras das angstvoll rufende Ticken der Gesährtin vernahm, für das meine Ohren zu stumpf waren, da machte es eine verzweifelte Anstrengung, ihr zu Hilfe zu eilen, eine Anstrengung, als deren Ergebnis es gradenwegs an die Seite seiner Freundin plumpste, die dadurch vom Kuhmagenschicksal gerettet ward.
Jawohl, so war s und nicht anders. Warum soll denn schließlich, wenn alle Welt ber jeder Gelegenheit mit Redensarten von ber Tücke bes Objektes um sich wirft, nicht auch einmal jemand von ber Treue bes Objektes — erzählen bürfen?
Was ist nun Ihre Meinung?
— Postiack befestigt toar. In biesem befanden sich annähernb 200 Briefe aus bem letzten Teil des Jahres 1859 und von Anfang 1860. Die ' und Sol-
l.eningräd
„UNION
Moskau
0 500 1000
Grelle Plakate weisen den Weg zu der ersten deutschen Artistenschule in Berlin. Auf den bunten Bildern sieht man den Salto mortale, den „Luftspagat", den „Schmetterling" und andere akrobatische Sprünge, die im Zirkus und im Variete hoch bezahlt werden. Der Besitzer der Schule, der gleichzeitig Direktor und einziger Lehrer ist, gibt gern darüber Auskunft, wie man Gleichgewichtskünstler wird, mit Bällen jonglieren lernt, und akrobatische Tricks erfindet. Es ist ein Herr mittlerer Größe, dem man seine außerordentliche Gewandtheit und Kraft nicht ansieht: man würde ihn auf vierzig Jahre schätzen, doch ist er bereits über fünfzig. Turnen erhält jung. Schon mit neun Jahren trat dieser Mann in England auf und nahm dort bei dem berühmten Artisten L e c l a i r e Unterricht. Ununterbrochen durchwanderte er die Länder der Erde, führte mit seiner Tochter eine berühmte Springnummer vor, wurde aber im Krieg in Rußland gefangengenommen, und dadurch aus seinem Beruf geschleudert. Als er aus der Gefangenschaft nach Deutschland heimkehrte, büßte er sein erspartes Vermögen — Artisten sind nicht, wie man gewöhnlich annimint, leichtsinnige Verschwender, sondern meist sehr sparsame Leute — als Besitzer eines Zigarrenladens ein. Run kehrte er zu seinem alten Beruf zurück und widmete sich der Ausbildung des artistischen Rachwuchses.
Ter Turnsaal der Varietekandidaten unterscheidet sich kaum von dem entsprechenden Raum irgendeiner anderen Schule. Gerade wird ein Paar ausgebildet, ein athletisch gebauter, blonder Jüngling und ein schlankes Mädchen im Bade- trikot erlernen eine artistische Rümmer. Sie beginnen mit leichten Hebungen, um die Gelenke geschmeidig zu machen, er boxt am Pun- ching-Ball, sie springt über die Schnur und biegt ben ganzen Körper rückwärts an der Stange, Dann folgen einige Vorführungen, die für die kurze Ausbildungszeit von einem Monat schon ein erstaunliches Können verraten. Im Anlauf
„Akrobatenlchrting gesucht!"
Besuch in der ersten deutschen Artistenschule. - Wie die großen Varietekünstler ausgebildet werden. — Berühmte Tricks können gekauft werden.
Von Richard Rieburg.
springt das Mädchen auf den Partner, der sie wie eine Schlange um seinen Leib wickelt und mit ihr wie mit einem leichten Gewicht jongliert; schließlich läuft sie seinen Rücken empor und steht triumphierend auf seinen Schultern. Dann folgen die <5alto=mortale=llcbungen, bei denen der Leib der Schüler von einem Gurt gehalten wird, der an zwei mit Rollen an der Decke beseitigten Seilen angebracht ist. Die freien Enden der Seile hält der Lehrer, der im richtigen Augenblick die Seile spannt und so über den toten Punkt der Drehung forthilst, dann jedoch sofort nachläßt, damit die Füße den Boden berühren können. Das ist eine sehr schwierige Sache, die verstanden sein will! In fünf Monaten, so holst der Lehrer, werden die Schüler auftreten können. Sie bezahlen ihm etwa 60 bis 75 Mark monatlich.
Diese Schule ist wohl die erste öffentliche Institution ihrer Art in Berlin. Sonst werden die Schüler durch Artisten ausgebildet, die noch im Beruf stehen und Lehrlings annehmen. Ich besuche also einen solchen Akrobaten, der durch eine Anzeige in einem Fachorgan nach einem Lehrling verlangt hat. in seiner recht bescheidenen Wohnung im Berliner Rordsn. Wie er erzählt, ist es üblich, sehr junge Leute, manchmal sogar sind es noch halbe Kinder, als Lehrlinge für diesen schwierigen Beruf heranzuzie- hen, genau so, wie man einen jungen Mann in irgendeinem bürgerlichen Gewerbe ausbilden läßt. Die Lehrlinge erhalten freie Station und ein kleines Taschengeld, müssen aber einen langjährigen Vertrag abschließen, damit sie ihre Sicnntniffc nicht so'ort bei Konkurrenten verwerten. Man kann nicht behaupten, daß sich auf solche Lehrlingsgesuche sehr viel Bewerber melden. Ader der Ärtistenstand ergänzt sich auch auf andere Weise, wie das Beispiel des Künstlers lehrt, der gerade nach einem Schüler inseriert hat. Er kam zu seinem Beruf durch seinen Bruder, der schon Artist war. und ihm zuredete, weil er gut turnen konnte. Die Turn
künste der Turnamateure erreichen oft eine solche Vollendung, daß der Artist es sehr schwer hat, sie auf der Bühne zu überbieten.
Heber die Ausbildung der Artisten weiß am besten der Schriftführer des bekannten Artistenvereins „Sicher wie Gold" zu berichten, der selbst seit 40 Jahren im Berufsleben steht. Er hält nicht sehr viel von den Akrobaten-» schulen und meint, daß die besten Kräfte ihren Beruf sozusagen ererbt haben: sie stammen fast stets aus Künstlerfamilien. Freilich kann man auch ohne strenge Ausbildung Artist werden: man kann nämlich vollständige Variete-Rummern kaufen, namentlich Illusionsnummern, also Zauberkunststücke, die in einfacher Ausführung schon für 500 Mark zu haben sind; um Zaubertricks wirklich vollendet vorzuführen, muß man jedöch über eine in Jahrzehnten mühsamer Arbeit erworbene Fingerfertigkeit verfügen, und eindrucksvoll werden solche Rummern erst, wenn sie durch die Erfindung eigener Tricks ergänzt worden sind. Selbst Tierdressuren mit den dazugehörigen berühmten Ramen und der ganzen Ausstattung kann man kaufen; aber das ist sehr teuer, und Leute, die sich auf diese Weise ein» führen, werden nicht als richtige Artisten angesehen; die Fachwelt spricht geringschätzig von ihnen. Oft wird ein neuer Trick, der sehr lange durchgearbeitet werden muß, von einem Kaufmann finanziert, der Jahre lang für die materielle Unabhängigkeit der Artisten sorgt, bis die neue Spezialität bühnenreif ist.
Große Artisten sind selten auf so reguläre Art zu ihrem Beruf gekommen. Wenn sie nicht aus alten Künstlerfamilien stammen, so sind sie meist als junge Burschen ihren Eltern entlaufen, um dann auf abenteuerlichen Wegen beim Zirkus zu landen. Die Artistenfamilien sind vielfach untereinander verschwägert, und es versteht sich bei ihnen von selbst, daß sie ihre Kinder in ihrem Fach ausbilden. Schon im Alter von fünf Jahren müssen sie sich für den Beruf eines Schlangenmenschen vorbereiten, zu dem man biegsame Rippenknorpel und nachgiebige Muskelbänder besitzen muß. Diese Ausbildung ist im sechzehnten Lebensjahr vollendet. Hat der junge Künstler so früh angefangen, sich zu schulen, so wird er sich kurz vor dem Auftreten nur noch selbst massieren, um sich gelenkig zu machen, und er braucht nicht zu fürchten, daß er mitten während der Vorführung Muskelkrämpfe bekommt. Auch viele Zirkusbesiher stammen aus alten Artistenfamilien. Ernst Renz, der Begründer seiner Dynastie, wurde im Jahre 1814 als Sohn von Seiltänz.rn geboren, und man hat nachgewiesen, daß seine Vorfahren schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts als fahrende Künstler herumzogen. Die Artistenfamilie Blumenseld wird schon in Chroniken des Jahres 17C0 erwähnt. K rohne toar der Sohn eines kleinen Schaustellers in Thüringen. Eine Ausnahme machte der Kaufmannslehrling Paul Busch, der im Garde- kürassierregimenk reiten gelernt hatte und später Schulreifer wurde. Kludsky sollte erst Priester werden; aber das von den Vorfahren ererbte Blut der Zirkusleute trieb ihn bald zur Manege.
Merkwürdig war auch der Lebenslauf B e r o l* Konorahs. der jetzt Präsident der Internationalen Artistenloge ist. Sein Vater besaß in Alt-Terlin eine berühmte Tanzstätte; mit ■ sechzehn Jahren brannte der Junge durch, ging nach Amerika, versuchte sich dort in allerlei Berufen und nahm auch einmal an einer spiritistischen Sitzung teil, in der allerlei Zauber durch eine verabredete Zeichensprache möglich gemacht wurde. Das gefiel ihm, er vervollkommnete sich in dem Fach, erwarb von einem Zauberkünstler Apparate, ging damit auf die Reise, legte sich immer mehr Tricks zu und wurde schließlich ein berühmter Schnellrechner, bis er im Jahre 1915 in Japan telegraphisch die Rachricht von seiner Ernennung zum Präsidenten der Artistenloge erhielt. Der berühmte Jongleur R a st e l l i stammt aus -einer alten Arlistenfamilie. auch sein Vater und Großvater waren Jongleure, und er selbst trat schon mit ll Jahren auf. Der Dompteur Kapitän Alfred Schneider war ursprünglich Architekt, dann Rennfahrer, und beschäftigte sich erst sehr spät mit der Tierdressur. Der Altmeister der Zauber- | Zünftler, Be11achini, war Klempnerlehrling.
Hochschulnachrichten.
Der Ordinarius der speziellen medizinischen Pathologie und Therapie und Direktor der I. Medizinischen Klinik Dr. Karl Friedrich Wenckebach trift am Ende dieses Semesters in den dauernden Ruhestand. Der Gelehrte lehnte seinerzeit Berufungen nach Leiden, Amsterdam und Marburg ab. Der Akademie der Wissenschaften in Wien, der R. Academia medica in Rom, sowie der kon. Acad. d. Wetensch. in Amsterdam gehört Prof. Wenckebach als Mitglied an. — Das durch den Weggang des Prof. Pohl in der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen erledigte Ordinariat für öffentliches Recht ist dem nicht- beamteten a. o. Professor Dr. jur. Hans Gerber in Marburg übertragen worden. Dr. Gerber hat erst dieser Tage einen Ruf an die Hniversität Rostock erhalten.
— Grenzlandarbeit des Wingolfsbundes. 60 Angehörige des Wingolfsbundes aus allen Teilen des Reichs zogen zu Beginn der Herbstferien nach dem Osten zu einer 10- tägigen Grenzlandtagung. Sie begann in Danzig. In einer Reihe von Vorträgen und Führungen wurden Geschichte und Rotlage dieser herrlichen Stadt sowie des Weichsellandes veranschaulicht. Rach Besichtigung von Marienwerder sand in Marienburg ein Empfang durch den Bürgermeister statt. Die Besichtigung der Burg war ein starkes Erlebnis. In Königsberg begrüßte der Rektor der Hniversität die Grenzlandfahrer. Der Generalsekretär des Wingolfsbundes Dr. Röderhäuser sprach über den Geist, in dem die Grenzlandarbeit gerade der akademischen Jugend geschehen müsse. Unter den Vorträgen im weiteren Verlauf der Tagung verdienen Erwähnung der von Prof. Dr. Prey er (M. d. R.) über „Bismarck und die Polenpolitik", von Freiherrn von G ay l (M. d. R.) über „Ostpreußen und das Reich", und von Prof. Dr. Radler»über „Ostpreußen im de itschen Geistesleben".
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