' Donnerstag, 27. Juni 1920
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Nr. W8 Zweites Blatt
Empfehlungen
ohne
sreude zu unterstützen.
Men,
er
vw*
I
•4 Sä
1
6tfen' ©er *“6
Menschen gehören. Man mache einmal bei seinen Freundem, Bekannten, bei sich selber die Probe! Wenn man schon Bücher writergibt, dann soll man sie: verschenken. Bücher zu schenken, bedarf es keines besonderen Anlasses: sie sind stets willkommen, wie alles, was dazu dient, die Lebens-
m^tt.Schr.Ang.
Geistige Zechprellerei
Von Hermann Kasack.
Da sagten sie zu chm: „Dring uns doch auch in den Himmel, damit wir solche Leckerbissen uns holen können." „Nichts leichter als das!" antwortete der Gärtner. „Kommt heute abend alle mit mir in den Garten, und haltet euch versteckt. Wenn die Wunschkuh satt ist und in die Luft auffliegt, dann will ich mich an ihren Schwanz anhängen,- an meinen Fuß must sich ein anderer, an dessen Fuh wieder ein anderer hängen und so fort, bis alle eine Kette bilden." Als die Nacht kam, wurde der Vorschlag des Gärtners befolgt und alle flogen zusammen in die Höhe.
Als sie den halben Weg - zurückgelegt hatten, stieg in dem Mönch, der zuunterst hing, ein banger Zweifel auf. „He, du," fragte er den Vordermann, „wie groß sind denn die Kuchen im Himmel?" Da liest der oberste Mönch den Kuhschwanz los und wollte chm die Gröste mit beiden Händen zeigen. Da fielen alle zur Erde nieder und zerschellten ganz jämmerlich.
Bei ungelegener Zeit — so schließt die Geschichte — muh man nicht eines Zweifels Lösung erfragen.
Die von der Gießener Volkshochschule angeregten und im wesentlichen von ihr aus organisierten oberhessischen Kurse konnten im letzten Winterhalbjahr .zu achtzig Prozent des vorgesehenen Programms durchgeführt werden. Ehe wir uns den Fragen des weiteren Ausbaues zuwenden, mögen einige richtig beleuchtete statistische Zahlen die Niederschrift dieses Artikels rechtfertigen. Es wurden in acht oberhessischen Städten und Landgemeinden 21 Kurse mit insgesamt 80 (Abenden veranstaltet, für die sich etwa 400 Personen eingeschrieben hatten. Es sollte in der Hauptsache der Sinn für die Gestaltungsarbeit auf wesentlichen, aber vernachlässigten Gebieten des werktägigen Lebens geweckt und die Einordnung in die engere und weitere Gemeinschaft erleichtert werden. Daher machten Themen wie „Gesunde Lebensführung", „Fragen der Lebensgestaltung des Menschen unserer Zeit", „Schwererziehbare Kinder", „Das Problem der Ehe in unserer Zeit", „Weltanschauung und Wirtschaftsordnung" den Hauptteil des Programms aus. Daher wurde auch die Arbeit in Kursen bevorzugt. Denn es ist von tieferer und ausgedehnterer Wirkung ins Leben, wenn 20 H wer sich während vier Abenden z. B. mit Erziehungs- fragen wirklich beschäftigen, als wenn 200 bis 300 Personen einen Einzelvortrag anhören, der ja bestenfalls zur Beschäftigung mit den Fragen nur anregen kann. Das Ideal der „kleinen Klasse" ist eben für die Volkshochschule mit der gleichen Entschiedenheit zu vertreten wie für alle andern Schularten.
Bei den Vorarbeiten für eine weitere Ausdehnung der Kurse müssen wir unserem Eindruck nach auch die Öffentlichkeit über die Voraus-
/ÜWMckX
tWe Geiri UWe ffioterhofJ \ Kreuiphtz 10 j \Abt Hygiene /
Ins Theater, ins Kino kommt niemand . Dillet herein. Wie wir für die Benutzung von Eisenbahn und Elektrischer einen Fahrschein lösen, so kaufen wir uns für geistige Unterhaltungen
QVereine__|
Mbertus.
*V , oe ’A
Indische Schildbürgerstreiche.
Von M. £. English.
Die Erschließung der indischen Literaturschätze durch englische und deutsche Sanskritforscher hat den Zusammenhang der Sagen und Märchen aller indogermanischen Völker nachgewiesen. Auch die humoristische Volksliteratur scheint ihre Wiege in Indien zu haben. Selbst die Streiche, die wir aus Krähwinkel, Lalenburg und Schilda erzählen, haben schon in der ältesten indischen Literatur ihre Vorbilder. Die „Kuchengeschichte" erinnert daran, wie die Lalenburger den Mond haben aus dem Brunnen holen wollen:
In Sushoha grama wohnten viele Dettel- mönche. Einer von ihnen war der Klostergärtner. Sein Garten war voll köstlicher Bäume. Blumen und Früchte. Des Nachts kam die himmlische Wunschkuh, um darin zu weiden, und wenn der Morgen anbrechen wollte, flog sie wieder in die Höhe und war davon. Da durch diese Besuche der Garten immer mehr verwüstet wurde, stellte sich der Bruder Gärtner eines Nachts auf die Wache. Alsbald kam auch die Kuh, weidete die ganze Nacht hindurch, und als sie sich beim ersten Frührotstrahl entfernen und zum Himmel auffliegen wollte, hing sich der Klostergärtner an ihren Schwanz und kam so in den Himmel. Da bekam er köstlichen Kuchen zu essen und, entzückt von dem Wohlgeschmack, nahm er sich am anderen Tage einen Kuchen mit, hing sich wieder an den Schwanz der Kuh und kehrte auf diese Weise in den Klostergarten zurück.
Am anderen Morgen versammelten sich die Mönche um ihn und fragten: „Wo bist du denn gewesen?" „Ich war im Himmel und habe da solche Kuchen gegessen." Und er zeigte den Brüdern den Kuchen, den er mitgebracht. Die Mönche nahmen ein Stückchen, aßen es, und „es blieb ihnen auf der Zunge Üeben", so gut schmeckte es.
Wiederaufbau eines oberhessischen Volkshochschulwesens?
Von Walter Hegar, Mitglied des Arbeitsausschusses für eine oberhessische Volkshochschule, Leiter der Volkshochschule Gießen.
und Unbrauchbares in Europa geschaffen worden. Es ist nicht möglich, ein Volk von über 60 Millionen, das nach Wissenschaft, Kunst, Kultur, körperlicher Tüchtigkeit und nach seiner Geschichte mit an erster Stelle steht, inmitten Europas ohne Kolonien auf einen engen Naum zusammenzupferchen und durch dauernde Tributzahlungen und Beschränkungen seiner Freiheit eine Lebenshaltung aufzuzwingen, deren Ungerechtigkeit von Tag zu Tag mehr erkannt werden wird.
Wann eine Nevision des Vertrages notwendig sein wird, läßt sich nicht Voraussagen, daß aber eine derartige Nevision einmal k o m - m e n muh, dürfte keinem Zweifel unterliegen. Da nun der Vertrag von Versailles moralisch auf der Kriegsschuld Deutschlands aufgebaut worden ist, so ist es selbstverständlich, daß erst, wenn diese falsche moralische Unterlage durch die Aufklärung hinweggeräumt worden ist, eine Revision des Friedensvertrages praktisch näher rückt.
So verfolgen wir mit der Aufklärung über die Kriegsschuldfrage einen doppelten Zweck. Einmal ist die Aufklärung notwendig, um zu erreichen, daß unsere ehemaligen Feinde, namentlich die durch den Krieg am stärksten in Mitleidenschaft gezogenen, benachbarten Franzosen und Belgier, zu dieser Erkenntnis gelangen, daß auch sie für die Katastrophe von 1914 verantwortlich sind, um sie zu veranlassen, in ihrem Haß gegen die Deutschen nachzulassen. Die zweite Aufgabe liegt darin, unser eigenes Volk zu der Ueberzeugung zu bringen, daß die notwendige Revision des Versailler Friedensvertrages nur dadurch zu erreichen ist, daß die öffentliche Meinung des Auslandes einsieht, daß sie sich in der Beurteilung der Kriegsschuldfrage geirrt hat und somit die Härten des Friedensvertrages eine Ungerechtigkeit darstellen.
Diesem Ziel soll uns die Erinnerung an den 28. Iuni näherbringen.
Lohn.
Wir wollen gar nicht davon sprechen, wie solche Bände aus Lechbibliotheken mitunter aussehen: denen Spuren anhasten, die weder in ästhetischer noch in hygienischer Hinsicht erfreulich sind. Wo Unterstreichungen oder gar irritierende Bemerkungen gemacht sind, die der inneren Zurückgezogenheit bei der Lektüre zuwiderlaufen. Ich weih auch, dah wirkliche Volksbüchereien begrüßenswerten Zwecken dienen, weil sie manchem Menschen in geistiger und seelischer Beziehung Zutritt in Welten gewähren, die sonst verschlossen blieben, und nicht nur aus materiellen Gründen verschlossen blieben. Aber ich weih auch, daß für eine große Anzahl von Menschen — viel mehr als man denkt — wirtschaftliche Gründe nicht so stichhaltig sind, "um sich einer dauernden, bequemen, geistigen Zechprellerei schuldig zu machen. Verkennen wir auch nicht die Gefahr der Verflachung, die in einer ständigen Lektüre von nur entliehenen Büchern liegt. Lieber wenig lesen, aber das besitzen! Das, was man selber liest: mit einem materiellen Opfer erkausen! Es wird ja nichts im Leben — weder im materiellen noch im immateriellen — ohne Opfer erkauft: warum also bei Büchern Mißbrauch treiben?
Ob es ein Unterhaltungsbuch. ein Saisonbuch ist, oder eines von bleibendem Werte: gleichgültig. Es schadet auch nichts, einmal einen Irrtum zu kaufen. Man kauft ja auch manchmal trockene Semmeln und Kleider, die sich schlecht tragen. Bücher sind kein Luxus, sie sind heute so lebensnotwendig wie Nahrung und Kleidung. Wenn sich jeder den Grundsatz zu eigen machen wollte: lieber weniger zu lesen, aber das besitzen, also kein Buch mehr zu entleihen und zu verleihen, so würde das nicht nur der ausgleichenden Gerechtigkeit entsprechen, sondern auch manchen unnötigen Aeraer vermeiden lassen. Denn die geistige Zechprellerei, die sich der buchentleihende Leser leistet, wird häufig auch noch zu einer materiellen gegenüber dem Besitzer des Buches. In vielen Privatbüchereien sind Lücken, weil ein Teil der entliehenen Bücher nie zurückgelangt, und in vielen Privatbüchereien
HiMetb
Tel. 1790, M,p
Hochfchulnachrichten.
Auf der 68. Hauptversammlung des Vereins deutscher Ingenieure ist dem bekannten Forscher und Hochschullehrer Dr. Phil. Dr.-Ing. e. h. Ludwig P r a n d t I, ordentlichem Professor an der Universität Göttingen, die goldene Grashof- Denkmünze verliehen worden. Der Verein deutscher Ingenieure ehrt mit dieser höchsten Auszeichnung die Verdienste Prandtls um die Entwicklung der Strömungslehre und um die Lehre von Elastizität und Festigkeit. Die Luftfahrtwissenschaft dankt ihm ihre bedeutendsten Erkenntnisse. Prandtls Arbeiten galten hier besonders der Grenzschicht- und der Tragflügeltheorie. — Der diesjährige Dertretertag des Deutschen Akademischen Assistenten- verbandes wird vom 6. bis 8. Oktober 1929 in Erlangen stattfinden. — Der außerordentliche Professor Dr. phil. et med. Emst G e l l h o r n hat einen Ruf als Associate Professor für Physiologie an das Departement of Animal Dio- logy der Staatsuniversität von Oregon (USA.) erhalten. Gellhorn war Assistent am physiologischen Institut der Universität Halle bei Geheimrat Abderhalden und habilitierte sich 1921 dort für das Fach der Physiologie.
und Anregungen eine Einlaßkarte. Das empfinden wir als ganz selbstverständlich. Bei Büchern, die in einem viel ausgesprochenerem Sinn geistiges Gut darstellen, nehmen wir es oft genug weniger genau, gedankenlos machen wir uns einer Sache schuldig, die eigentlich nichts anderes ist als geistige Zechprellerei. Wieso? Wer? Ieder, der sich von Bekannten, Freunden usw. ein Buch entleiht. Vor allem Bücher belletristischer, schöngeistiger Art. Man soll Bücher nicht entleihen, man soll Bücher besitzen. Borgt und verborgt man denn Teller, Messer und Gabel, mit denen man täglich ißt? Den Stuhl und Tisch, die im Zimmer stehen, die Bilder, die an den Wänden hängen, und die geliebten Kleinigkeiten, die einen umgeben? Aber beim Buch meint man es aus, ich weih nicht, was für einer schlechten Gewohnheit heraus tun zu können. Obwohl vom Buch eine viel persönlichere Wirkung ausgeht, als von den meisten Dingen unseres täglichen Lebens. Obwohl durch die Lektüre ein neuer menschlicher Kontakt hergestellt wird zwischen dem Ich des Schriftstellers und dem Du des Lesers, obwohl wir dem Erlebnis durch ein Buch oft ebensoviel verdanken, wie dem Erlebnis durch einen Menschen.
Wenn wir ein Buch schenken, so empfinden wir auch, daß es ein durchaus persönlicheres Geschenk ist at§ viele andere Gegenstände. Der Geschmack z. B. dessen, der es schenkt, und dessen, der es empfängt, möchte sich gemeinsam treffen. Bücher schenkt man nicht gedankenlos. Aber man entleiht sie: gedankenlos. Denn da kommen wir nun an einen Punkt, über den unser ethisches Gewissen nicht so ohne weiteres Hinwegspringen kann. Sie wissen, verehrte Leserin und verehrter Leser, daß der Verfasser im allgemeinen sein Honorar in Form einer prozentualen Beteiligung am Ladenpreis jedes verkauften Exem- plares erhält. Iedes verkauften Exemplares! Wer sich daher irgendein Buch eines modernen Schriftstellers ausleiht, der setzt sich in den Genuß
ab. DaS erneute Wettrüsten, das zwischen den Nationen mit Ausnahme der durch den Vertrag darin beschränkten Völker wieder Platz gegriffen hat, und das Gefühl, daß trotz aller internationalen Abmachungen die eigene Rüstung letzten Endes die einzige Sicherheit gegen feindliche Einfälle bietet, wird kaum zu vermindern sein, wenn es nicht gelingt, bei den breiten Massen mehr Verständnis dafür hervorzurufen, wie der Weltkrieg entstanden ist und worin die Gesa h r e n b e st e h e n, die in Zukunft Kriege fjer- beiführen können. Rur wenn die Entstehung des Weltkrieges besser und allgemeiner verstanden wird, dürfte es möglich fein, auch in Zukunft Mittel und Wege richtig einzuschähen, die für eine Verhinderung von Kriegen brauchbar sind. Man wird nicht, wie es heute noch geschieht, an äußeren Formen und am Vorhandensein von Rüstungen kleben bleiben, sondern wird erkennen müssen, dah die letzte Ursache aller Kriege in Interessengegensätzen der Dölker zu suchen ist, und daß es nur möglich sein wird, Kriege zu verhindern, wenn ein friedlicher und gerechter Ausgleich der Interessen möglich gemacht wird. So bildet die Beschäftigung mit der Kriegsschuldfrage das beste Lehrmittel für die zukünftige Gestaltung internationaler Beziehungen.
Abgesehen von diesen beiden Gesichtspunkten, die in der Hauptsache das Zusammenleben der Völker betreffen, hat aber die Aufklärung in der Kriegsschuldfrage für unser deutsches Volk noch einen besonderen Grund.
Der Versailler Friedensvertrag hat Verhältnisse geschaffen, die nach der Ueberzeugung einsichtiger Politiker — und zwar nicht nur unserer eigenen — auf die Dauer untragbar sind. Daraus ergibt sich, dah eine Revision des Friedensvertrages für unser Volk eine unabweisbare Forderung ist. Unsere Interessen sind zu schwer geschädigt, und es ist zuviel Unnatürliches
[Verschiedenes] *w auf gutes I-Wiabr. Geschäftshaus E mehrfache Hvoo'bel- Slcherheit fleiud). Schr. Angeb.umer (P77Ld, Gicy.An^
Oer Kampf gegen die Kriegsschuldlüge.
Von Dr. Alfred von Wegerer.
Der Verfasser, der Herausgeber der bekannten „Berliner Monatshefte für internationale Aufklärung", dessen Verdienste im Kampfe gegen die Kriegsschuldlüge die philosophische Fakultät unserer Ludwigs- universität durch die Verleihung der Doktorwürde honoris causa anerkannte, spricht auf Einladung der Universität bei der grohen Kundgebung in der Aula am Freitagvormittag.
Es hat der Arbeit langer Iahre bedurft, um im deutschen Volk das Verständnis für die Kriegsschuldfrage wachzurufen. Zweifellos ist heute in dieser Beziehung manches erreicht worden, aber wir sind noch nicht so weit, dah die Ueberzeugung von der Notwendigkeit einer Beseitigung der „Versailler Kriegsschuldthese" Gemeingut des deutschen Volkes geworden ist.
Nach dem Krieg war fast die gesamte Kulturwelt gegen das deutsche Volk im höchsten Mähe aufgebracht, weil fünf Iahre lang die öffentliche Meinung unwidersprochen in dem Sinne bearbeitet worden ist, dah die deutsche Regierung und das deutsche Volk die alleinige Verantwortung für den Weltkrieg zu tragen hätten. Aber damit nicht genug, wurde mit allen Mitteln der Propaganda die Auffassung verbreitet, dah das deutsche Volk diesen Krieg mutwillig und auf Grund einer geheimen Verschwörung vom Zaune g e- b r o ch e n habe, um über die anderen Völker herzufallen, sie zu knechten und zu berauben. Hinzu kam noch, dah dem deutschen Volk besondere Grausamkeit der Kriegsführung angedichtet wurde.
Da der Krieg, abgesehen von dem Einfall der Russen in Ostpreußen, fast ausschließlich in Feindesland geführt wurde und noch nie da- gewesene Verwüstungen in einem hoch kultivierten Gebiet anrichtete, darf es nicht Wundernehmen,- dah eine grenzenlose Erbitterung der vom Krieg betroffenen Bevölkerung hervorgerufen worden ist. Da Deutschland für all dieses Unglück als der allein Verantwortliche hingestellt wurde, ist es begreiflich, dah sich sehr bald ein fast unauslöschlicher Haß gegen alles, was deutsch ist, herausgebildet hat. Wir können uns diese Geistesverfassung am besten klar machen, wenn wir uns einmal in die Lage der Bevölkerung Belgiens und Nordfrankreichs hineinversehen. Der im Krieg von den Vätern ererbte oder mit Fleiß erworbene Besitz ist vielfach mit Stumpf und Stiel vernichtet. Von Generation zu Generation wird es sich fortpflanzen, dah diese Stadt oder jenes Dorf 1914 von den Deutschen, die in Nordfrankreich einbrachen, in Asche gelegt worden ist. Was Poincarö in dramatischen Worten den Franzosen fast an jedem Sonntag in seinen Denkmalsreden in die Erinnerung zurückruft, pflanzt sich in einfachen Worten, mit Denen der Vater seinen Kindern über den Krieg berichtet, vielleicht noch Iahrzehnte lang fort. Und die Erinnerung an das Geschehene wird stets neuen Hah gegen Deutschland aufkommen lassen. Diesen Haß einschränken oder verkleinern zu wollen, läht sich durch ein Der- gessenwollen aber nicht erreichen. Haben wir etwa bis heute die Zerstörung des Heidelberger Schlosses vergessen? So bleibt nur ein Mittel übrig, durch unermüdliche sachliche Arbeit in den vom Krieg unmittelbar betroffenen Völkern die Erkenntnis wachzurufen, dah sie s e l b st an der Entstehung und Herbeiführung des Weltkrieges einen großen Anteil hatten und daher für die Katastrophe sich selb st mitverantwortlich fühlen müssen. Nur wenn diese Erkenntnis Platz greift, wird es möglich fein, den Hah zu verdrängen und das Vertrauen zwischen den Völkern allmählich wieder herzustellen.
Von dem Vertrauen von Volk zu Volk hängt aber in erster Linie die Möglichkeit einer Gestaltung friedlicher Beziehungen
. out onduliert.
S-Sä
Dame
Aren im H°ur.
loruchenzuml.tzult. rAwil. Angeb. unt E a. b. M Anr.
ucht Stellung als
Stütze.
L ZeiB, Barhun L
'SerbeiitUL '
Alle dem
setzungen und den Sinn einer oberhessischen Dolkshochschulorganisation soweit wie möglich aufklären. Denn es ist alles aufzubieten, daß das Unternehmen nicht an Mängeln leide oder im letzten Augenblick gar scheitere, für die die Sache als solche nicht verantwortlich sein würde. Wir wünschen durch öffentliche Begründung unseres Planes auch die abwartend eingestellten Kreise davon zu überzeugen, daß unsere Vorschläge von einem ganz nüchternen Standpunkt aus zu bejahen sind: denn es entspricht doch wohl einer geordneten Verwaltung, wenn wir uns bemühen, die aus öffentlichen Kassen viele Iahre hindurch unter st ützte Gießener Volkshochschule nicht auf die Dauer in gänzlich unzureichender finanzieller Ausstattung und daher chronischer organisatorischer und geistiger Krise zu belassen. Die Gründe der Krise müssen beseitigt werden, ehe es zu spät ist, sonst wäre am Ende ein nicht unerheblicher Aufwand in mancher Hinsicht vertan. Sicherlich werden daher die amtlichen Freunde und Förderer der Volkshochschularbeit einen Weg zur materiellen und geistigen Sicherung der größten oberhessischen Volkshochschule ebnen helfen.
Gegenüber vielfach geäußerten Bedenken müssen wir zunächst erklären, warum in Oberhessen von den zahlreichen nachkrieglichen Volkshoch- schulveranstaltungen nurmehr einige Ueberlebsel, darunter die Volkshochschule Gießen, vorhanden find. Die Antwort ergibt sich leicht: die ernähren örtlichen Gründungen konnten wegen der Kleinheit der Gemeinden nur ganz ausnahmsweise eine längere Lebensdauer besitzen, wenn jede von ihnen isoliert blieb, wenn fie nicht zu gegenseitiger
Stützung in geistigen Kräfteaustausch traten. Es galt damals, in den ersten Nachkriegsjahren, den geschichtlichen Augenblick zu nahen, nämlich die zahlreichen, der ersten, hohen und opfermutigen! Begeisterung verdankten Volkshochschulen zusammenzufassen und einen soliden oberhessischen Volksschulaufbau nach dem Vorbild anderer deutschen Landschaften zu erarbeiten. Die geistige Lage hätte dieses Unternehmen außerordentlich begünstigt: denn durch das Erlebnis des alles in Frage stellenden Zusammenbruchs und der Umwälzung war eine sehr lebendige und starke Volksbewegung da. die lediglich in geordnete Bahnen zu leiten und darin im Fluß zu erhalten war. Ohne jeden Zweifel war so bei sachkundigen Führung zum mindesten das katastrophale Abbröckeln der oberhessischen Volkshochschulbewe- gung mit Sicherheit zu vermeiden. Ohne jeden Zweifel konnte es so zu der chronischen Krise der Gießener Volkshochschule nie kommen: denn auch diese ist, was wir noch zeigen werden, nur durch Isoliertheit verschuldet: denn auch Gießen erweist sich als zu klein, um eine selbständige Volkshochschule zu tragen. Aber der geschichtliche Augenblick durfte — anscheinend nur aus äußeren Gründen — nicht genützt werden, obwohl schon damals die leitenden Persönlichkeiten der Gießener Volkshochschule einen oberhessischen Zusammenschluß nachdrücklichst anstrebten. Es durfte damals lediglich zu einer entsprechenden Bemerkung in den Satzungen des Vereins „Volkshochschule Gießen" kommen, obwohl das geistige Arbeitsfeld und die Arbeitsweise des erstrebten Verbands klar abzugrenzen waren. Die chronische Notlage der Volkshochschule Gießen wurzelt ganz ausschließlich in den damaligen Unterlassungen.
Es darf nun nicht übersehen werden, daß die Arbeit in einer völlig veränderten geistigen Situation wieder aufgenommen worden ist. Kurse werden heute nicht mehr durch eine Strömung im Volke erzwungen, sondern sie werden unten Aufgebot alles verfügbaren pädagogischen und propagandistischen Raffinements vom Volksbildner organisiert. Die heutige Bewegung geht nicht vom Volke, sondern vom Volksbildner aus. Und nicht jene an Einern geschichtlichen Ereignis entzündete allgemeine Begeisterung, sondern in jahrelanger Gedankenarbeit erzielte Einsichten weniger sind heute das Bewegende. Die Frage ist: werden die zur Förderung der Volkshochschularbeit berufenen staatlichen und kommunalen Behörden und Körperschaften sich der heutigen, weniger lauten, weniger massenhaften, weniger „begeisterten", dafür aber geistig solideren und gedanklich tiefer begründeten Bewegung ebenfalls annehmen? Werden fie auch einer Bewegung von Volksbildnern die Wege ebnen helfen, so wie sie es gegenüber einer Volksbewegung seinerzeit zu tun sicherlich bereit waren? Unsere bisherigen Erfahrungen scheinen uns zwar zu einem gewissen Optimismus zu berechtigen. Aber wir hoffen mit diesen Darlegungen zu erreichen, daß unsere Eingaben mit noch weniger Skepsis und noch mehr Wohlwollen geprüft und bann von den Antragstellern mit noch me$r Liebe und Nachdruck vertreten werden, und daß sich in den Körperschaften leichter eine Mehrheit für die Anträge findet, als bisher. Es handelt sich ja um Beihilfen, die, jede für sich genommen, keine spürbare Belastung des Bewilli- gers darstellen, sondern die lediglich summiert allerdings ein tragfähiges Fundament bilden würden. Es sei hier nur darauf hingewiesen, daß der hessische Staat, die Provinz Oberhessen, die Gemeinden und die Hörerschaften eine leistungsfähige Volkshochschule für ganz Oberhess en unterhalten können, wenn sie insgesamt nur dasselbe nochmals aufwenden, was jetzt für die Gießener Volkshochschule allein aufzubringen ist.
Nur die von uns vorgeschlagene Organisation wird die wenigen Ueberreste des oberhessischen Volkshochschullebens vor dem schließlichen Zerfall bewahren. Denn wir dürfen uns der Einsicht nicht langer verschließen, daß die Gießener Volkshochschule auch in materieller Hinsicht die Lage
W= WM werb, iachgmän | n. preiswert ec-1 stimmt u. tepat. •
etrteiuwi t
einer Arbeitsleistung, für die er dem Schrift- stehen fremde Bücher, die eigentlich anderen steller, dem Dichter, dem Verfasser nichts be- ----™---"
zahlt. Es ist nicht daran zu deuteln: wer ein entliehenes Buch eines modernen Autoren liest, bringt den geistigen Urheber, dem er schließlich die Lektüre verdankt, um seinen entsprechenden
419 tu. tW.i« Rekannt^eln.Hm


