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Ter Vorstand.

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Mittwoch, 27. März 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefsen)

Nr.rZ Zweites Blatt

Binnenwanderung in deutschen Städten.

Der Weltrekord bet älteren Berliner Dame, die neulich ihren 105. Geburtstag feierte und am selben Tage feststellen konnte, daß sie seit 95 Jahren In ein und demselben Hause wohnt, dürfte sobald nicht überboten werden, zu­mindest nicht in den Städten, während es auf dem Lande keine Seltenheit ist, daß ganze Geschlechter in dem gleichen Gehöft hausen, ohne daß ihnen je ein Möbelwagen zu Gesicht kommt. Letzt steht der 1. April wieder vor der Tür und man weih, bah im ganzen Reiche ge- rückt, gepackt und gezogen wird, älns interessieren hier nur die Umzüge innerhalb der deut­schen Städte von 20 000 Einwohnern aufwärts, also die sogenannten Dinnenwan- derungen, aber auch sie sind schon erstaunlich hoch an Zahl.

Wir kennen in Deutschland 268 Städte mit mehr als 20 000 Bewohnern und einer Gesamt­einwohnerzahl von rund 24 Millionen, woraus hervorgeht, was man Wohl nicht erwartet, daß die Mehrzahl aller Deutschen, ja fast zwei Drittel in Städten unter 20 000 Einwohner oder in Dörfern und Flecken wohnen. Das ist um so erstaunlicher, als unter den 24 Millionen, welche in den Städten über 20 000 Einwohner wohnen, sich allein 12 Millionen Großstädter befinden. Rur der ungeheuren Menge an kleinen und kleinsten Städtchen und Dörfern ist es zuzuschrei­ben, dah die Bewohnerzahl doppelt so groh ist, als die aller deutschen Städte über 20 000 Ein­wohner.

In diesen Städten sind im Jahre 1928 insge­samt 3,6 Millionen Menschen nm- gezogen, und zwar nur innerhalb der eigenen Stadt. Das heißt, daß jeder 7. Deutsche, der in einer mittleren oder größeren Stadt wohnt, im vergangenen Jahre umgezogen ist. Jeder zwanzigste Deutsche überhaupt und jede fünfzehnte deutsche Fa­milie hat 1928 ihre Wohnung in der eigenen Stadt gewechselt. Don den 3,6 Millionen Nrngezogenen sind 446 000 sogar im gleichen Stadtteil geblieben. In allen größeren Städten macht sich aber ein 21 b - rücken vom Zentrum bemerkbar, überall sucht man in die Vororte zu gelangen. Die oben er­wähnten Ziffern sind im Vergleich- mit den Zahlen der Vorkriegszeit außerordentlich hoch, was ange­sichts der überall herrschenden Wohnungsnot ver­wundern müßte. Es fei aber daran erinnert, daß der Ringtausch sich stark eingebürgert hat und daß heute viel mehr Familien, die es früher nicht nötig hatten, Zimmer vermieten müssen.

An erster Stelle unter den älmziehenden stehen selbstredend die möblierten Herren und möbliertenDamen. Allein die S t u- denken, die doch auf wenige Städte mit llni- versitäten und Hochschulen angewiesen sind, brin­gen es im Lahr auf mehr als eine Million Umzüge. Leder vierte Umziehende in Deutsch­land ist also ein Student. An zweiter Stelle stehen die beiden Parteien, die entweder eine größere oder eine kleinere Wohnung haben wollen und daher tauschen. Richt weniger als 750 000 solcher Umzüge waren zu registrieren. Leer werdende Wohnungen nach Todesfällen werden natürlich ohne Tausch besetzt, in großen Altwohnungen, die von Einzelpersonen bewohnt sind, wechseln die Untermieter oft stark, auch häuft sich von Lahr zu Lahr die Zahl derer, die aus der Lnnenstadt des Berkehrs wegen fluchten oder aber von den Hausbesitzern gekündigt und abgefunden werden, da die Wohnungen in Läden oder Bureauräume umgewan­delt werden. Gering an Zahl sind die Umzüge in Reubauwohnungen, aber nicht nur deshalb, weil 1928 viel zuwenig neue Wohnungen gebaut wurden, sondern weil ein Drittel aller Reubaumieter vorher schon eine Wohnung besah und diese natürlich in einer anderen Rubrik mitregistriert werden.___________

3n Siebenmeilenstieseln durch Europa.

Drei deutsche Automobil-Klubs gehen auf Auslandreisen. Eine ^Spritztour" nach Südfrankreich und Italien. Rumänienfahrt mit dem Motorrad. Ueber Konstantinopel nach Haparanda.

Mit den ersten sonnigen Frühlingstagen, die ins Freie locken, erwacht die Reiselust, werden Pläne ge- schmieder, stursbücber acwälzi. Es gibt freilich heute in Deutschland schon viele tausend Menschen, die sich nicht mehr um den Fahrplan der Eisenbahn zu küm­mern brauchen; sie holen ihr Automobil aus der Garage, und wenn sie über besonders viel Zeit und Geld verfügen, können sie mit ihrerPrivat- bahn" auch große Auslandreisen unternehmen, die von den großen Automobiloerbänden vorher ausge- arbeitet und sorgfältig vorbereitet werden. Diese Auslandfahrten der Äutomobilklubs sind allerdings nicht immer Erholungsreisen; manche sind mit sportlichen Prüfungen verbunden, die Ziemlich hohe Anforderungen an die Automobilisten stellen. Reben diesen Prüfungsfahrten gibt es aber auch bequemeAusflüge über die Landcsgrenzen", die nur zum Vergnügen unternommen werden.

Eine schöne Reife veranstaltet am 21. März der Deutsche Automobil-Club". In Han­nover starteten die Teilnehmer zu ihrer großen Auslandfahrt, die erst am 9. April in Leipzig endet. Köln ist die letzte große deutsche Stadt, in der die Automobilisten rasten; von dort wird sie ihr Weg über die Schlachtfelder von Verdun nach sP a r i s führen. In der Seinestadt ist ein längerer Aufenthalt geplant, bevor es noch Lyon und Avignon weiteMht. lieber Mailand und L u- g a n o fährt die Reihe der Automobile dann nach Zürich. Das schöne Süddeutschland wird man me- nigstens von der Landstraße aus sehen; in Nürn­berg kann die Karawane leider nicht lange bleiben, weil in drei Wochen auch mit dem Automobil Mit­teleuropa nurim Fluge" durcheilt werden kann. Um den Charakter einer Gesellschaftsfahrt zu betonen und auch weniger sportgerechten Mitgliedern die Teilnahme zu ermöglichen, sind in einigen Städten, z. B. in Paris, Avignon und Monte Carlo, ein paar Tage Rast vorgesehen. 300 Kilometer wird jeder Teilnehmer an Fahrttagcn zurücklegen müssen, eine Leistung, die keinen Automobilisten überanstrengen kann.

Sportlich weit anspruchsvoller ist die internatio­nale Länderfahrt, die der Allgemeine Deutsche Automobil-Club für Krafträder vom 15. bis 29. Mai veranstaltet, Durch Deutsch­land, die Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien und Rumänien soll die Fahrt gehen. Nicht nur deutsche Mitglieder können an ihr tcilnehmen; die Veranstal- tung ist vielmehr international. Man will die Güte des Fahrzeuges und die Zuverlässigkeit des Fahrers durch die Länderfahrten prüfen, die über 4300 Kilo­meter geht. Die Veranstaltung beginnt am 15. Mai in Nürnberg. Noch am ersten Tage müssen die Teilnehmer bis Brünn fahren. Der erste Tag dürfte der anstrengendste sein, denn die Teilnehmer müssen 480 Kilometer zurücklegen. Von Brünn geht 65 dann nach Stuhlmeißenburg, ü » f = kirchen und Belgrad. Die Motorradfahrer dürfen allerdings in der jugoslawischen Hauptstadt nicht verweilen; sie müssen über Ternesvar und Hermannstadt nach Bukarest eilen, wo ihnen endlich ein Rasttag gegönnt wird. Den zwei­ten Ruhetag verbringen die Sportsleute nicht in fo interessanter Umgebung; da er in Kaschau in der Slowakei zugebracht wird, werden sie ihn wirklich zum Ausruhen benutzen können. Ueber Gleiwitz und Bautzen geht die Fahrt dann nach dem End­ziel H n u n o d e r.

Die Sportleute, die diese Prüfungsfahrt mitmachen wollen, müssen natürlich über Geld verfügen. Dabei spielt dasNenngeld" von 40 Mark, das vor Be­ginn zu erlegen ist, wohl kaum eine Rolle; aber es entstehen auf einer solchen vierzehntägigen Reife

nicht unbeträchtlicheNebenausgaben", die zufam' men mit den Spesen für Betriebsstoff und etwa notwendige Reparaturen ziemlich ins Geld laufen. Durch strenge Kontrollen bei Antritt der Reife und während der Fahrt soll die Leistung jedes Teil­nehmers sorgfältig gewertet werden, 2lnf Kontroll­karten werden die Ankunftzeiten der Fahrer nach Stunden und Minuten vermerkt. Aber nich^ nur Fahrer, die zu spät kommen, werden mit Straf­punkten belegt, auch die Teilnehmer, die mehr als 30 Minuten vor der vorgeschriebenen Ankunftszeit einfahren, erhalten für jede Minute, die sie zu früh kommen, einen Strafpunkt. Hat aber gar einer der Sportslcute das Pech, eine Reparatur an Teilen fei­nes Motorrades vornehmen zu müssen, die vor 2In- tritt der Fahrt plombiert worden find, dann muß er sich ohne Murren 100 Strafpunkteankreiden" las­sen. Ein Fahrer, der die ganze Strecke zurückgelegt hat, ohne mit einem Strafpunkt belegt zu fein, er­hält einen silbernen Ehrenbecher mit aufgesetzter gol­dener Medaille. Ist er mit 50 Strafpunkten belegt worden, kann er nur einen Bccher mit silberner Medaille beanspruchen, 100 Srafpunkte berechtigen nur zum Empfang eines mit einer Bronzemedaille gezierten Bechers. Außerdem sind für die besten Fahrer Geldpreise ausgesetzt, die aber höchstens 300 Mark für den einzelnen Teilnehmer betragen.

Diese Länderfahrt stellt gewiß beträchtliche Anfor­derungen an ihre Teilnehmer; doch tritt sie in sport­licher Hinsicht weit hinter eine Veranstaltung zurück, die der Automobil-Club von Deutsch­land für den Juni 1930 plant.10 000 Kilometer quer durch Europa" wird das Kennwort für die in­ternationale Zuverlässigkeitsfahrt des Automobil- Clubs von Deutschland fein. Fast durch ganz Europa geht die Reise, die in Köln beginnt und in Ber l i n endet. Köln, München, Belgrad und Konstantinopel find die ersten Etappen. Nach einem Ruhetag in Konstantinopel, den die ermüde ten Automobilisten kaum zu einer Besichti­gung der Bosporusstadt benutzen können, wird es über Bukareft nach Wien gehen, und von dort wird man nach Warschau fahren. Zwischendurch führt die Fahrt nach Deutschland zurück, nämlich nach Königsberg, aber erst in Reval können sich die Teilnehmer wieder einen Tag ausruhen. Gleich nach dieser Rast wird den Automobilisten eine besondere Leistung zugemuter; sie müssen die 1200 Kilometer von Reval nach Haparanda in 48 Stunden und die 1350 Kilometer von Haparanda nach Stockholm in 54 Stunden zurücklegen. Von Stockholm geht es dann nach Kopenhagen, dem letzten Etappenort vor dem Endziel Berlin. Dem Außenstehenden mag es zunächst merkwürdig er­scheinen, daß von den Fahrtteilnehmern nur eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 25 Kilometer in der Stunde verlangt wird. Wenn man aber bedenkt, daß die Strecken auf dem Balkan vor allem in der Türkei alles andere als vorbildlich find, er­scheint die Festsetzung einer solchen Geschwindigkeit durchaus gerechtfertigt. Den Teilnehmern wird ge­nau Dorgefdjrieben werden, wann sie die verschie­denen Etappen zu verlassen haben, und wer an irgendeiner Station zu spät am Start erscheint, muß sofort aus dem Wettbewerb ausscheiden. Ob dieLänderfahrer" freilich von den 10 Hauptstädten, durch die sie kommen, sehr viel sehen werden, ist fraglich; für die Besichtigung von Sehenswürdig­keiten bleibt bei Sportsleuten selten Zeit!

Alle diese '.Reifen könnten nicht fo reibungslos vor sich gehen, wenn die Automobilklubs der verschie­denen Länder nicht dauernd enge Fühlung halten I würden. In derAssociation Internationale des I Automobile-Clubs Reconnus. einer Dachorgani- »iniiiiiiii im i......«munrii tu iw in ir~rnnr

fation, sind 34 Automobilklubs aus der ganzen Welt zufammcngefchlosfen. Der nationale Klub jedes Lan des bemüht sich, feinen ausländischen Klubkameraden den Aufenthalt im Ausland möglichst angenehm zu gestalten und ihm jede Unterstützung zu gewähren. Man kann bei den Angehörigen des 21. I. 21. C. R. von einer internationalen Familie der Automobi­listen sprechen. Jeder Automobilklub muh fein Tou> riftitbureau den Mitgliedern der ausländischen Klubs unentgeltlich zur Verfügung stellen; die auslänbi scheu Automobiltouristen haben außerdem die Mög­lichkeit, ihre Post an den fremden Automobilklub senden zu lassen. Drei ständige Ausschüsse, die In­ternationale Sporlkommifsion, die Internationale Tourenkommission und die Internationale Kommis­sion für Verkehr und Zölle arbeiten dauernd an einer Vertiefung der Zusammenarbeit. Die wich tigste Einrichtung, die von den internationalen Au- tomobilverbänden geschaffen worden ist, bilden die Passierscheinhefte, die sog. Carnets, die sich besonders für den Reisenden eignen, der mehrere Landesgrenzen nacheinander überschreiten will. Der Automobilist braucht nun nicht mehr an jeder Grenze den vorgeschriebenen Zoll sicherzustellen; er hinterlegt nurelnmal einen Betrag, nämlich den Zoll des Landes, das den höchsten Zoll erhebt. 26 000 Passierscheine und Carnets sind im Jahre 1928 von den internationalen Bereinigungen ver ausgabt worden. 9000 mehr als 1927. In diesem Jahr werden wahrscheinlich noch weit mehr Passier­scheine abgegeben werden, denn die Zahl der Auto­mobile nimmt bekanntlich ununterbrochen zu.

Verständigung zwischen Kirche und Gemeinde Wieseck.

X Wiefeck, 26. März. Unter dem Borsitz von Regierungsrat Dr. Krüger fand gestern im Ratssaal eine gemeinsame Sitzung von K i r - chenvorftand und Gemeinderat statt. Als Vertreter des Landeskirchenamts wohnten Prälat D. Dr. Diehl und Oberkirchenrat Dr. B ü ch l e r aus Darmstadt den Verhandlungen bei. Der schon längst geplante, aber durch Ueber-- lastung der oberen Kirchenbehörde verzögerte Termin ging auf den Wunsch des Kirchenvor- ftands zurück, die Auseinandersetzung zwischen Kirchcngemeindc und Bürgerlicher Gemeinde auf friedlichem Weg zu Ende zu führen. Die drei­stündigen Verhandlungen, bei denen die Öffent­lichkeit ausgeschlossen war. hatten folgendes Er­gebnis : Ein Vermittlungsvorschlag des Vorsitzenden wurde von beiden Kör- perschaften einmütig angenommen, nach dem die bürgerliche Gemeinde in den Rechnungsjahren 1929 und 1930 für Zwecke der Baulast, der Glöckner- und Organistenbesoldung nach dem Stand vom 31. März dieses Lahres die Summe von 2250 Reichsmark an die Kirchenkasse bezahlt, und zwar ein Viertel dieses unverzinslichen Be­trags je am 1. Luli und 1. Lanuar. Die Be­teiligung der Gemeinde am Organisten- und Kirchendiener- bzw. Glöcknergehalt bleibt wei­terhin bei Zweifünftel des ganzen Gehalts. Der an die Beschlüsse angefügte Wunsch des Ver­treters des Kreisamts wurde allgemein geteilt' Es möchte mit diesem Tage endlich der lang­ersehnte Friede einkehren zwischen beiden Körper­schaften zum Segen des ganzen auf Gedeih und Verderb zusammengehörigen Gemeinwesens.

Aus dem Amtsverkündigungsblaki.

* Das Amtsverkündigungsblatt R r. 19 vom 26. März enthält.' Feuerlöschwesen im Kreise Gießen. Schlüsselzahlen. - Tarif für die Benutzung der Abdeckerei in Garbenteich. Vogelschutz. Die Bekämpfung der Schnaken- plage.

Sieben Wörter russisch.

Von Hans Riebau.

Ln Hannemanns Grog-Keller fingen die Bal­ken langsam an, sich durchzubiegen. Die zehnte Runde dampfte auf dem Tisch. Der erste Offizier von der ..Holfatia" wischte sich den Bart und tagte: Vrost. Denn er war es. der die Runde bestellt und er war es, der eben erzählt hatte, tote der FischdampferElse". auf dem er als Steuermann gefahren, nördlich von Spitzbergen von Eisbären überfallen und im wefentltchen nut Mann und Maus aufgefrefsen wurde.

Die Tafelrunde nickte beifällig. So was kam vor! Tschawoll, so was kam vor! Da Passterten manchmal noch ganz andere Dingel

Rur Kap'tän Klaus ärgerte sich. Denn so schön lügen wie die anderen konnte er nicht. Und darum konnte er auch nicht so schön zuhören.

Tschä", gab er sich da plötzlich einen Ruck, da passiert so mancherlei in der Welt. 2Der was ich da erst voriges Lahr in Rußland erlebt habe, das___" Kap'tän Klaus toicgte den Kops

hin und her.

Man toi" rief die Tafelrunde.

Tschä", fuhr Kap'tän Klaus fort, ..tch fahr da" nun all drei Lahre von Bremen nach den russischen Häsetr. An Land bin tch da Wetter nie gegangen, denn mit den Bolschewikis will tch nichts zu tun haben. Neulich aber ba gtng bog nicht anders. Lch sollte da einen Kaufmann Gontschow besuchen, der vor dem Kriege nut un­serer Reederei was za tun hatte. Lch gehe also in Kronstadt an Land und sehe mich um Da kommt ein Mann über die Straße, fragt mtch auf deutsch, ob er mir helfen könnte . . -

Gott sei Dank", denke ich und zeige ihm die Adresse von Gontschow.

Das ist ziemlich schwierig", sagt der Mann, als er sie gelesen hat. v2Lber ich wtll Lhnen die Adresse auf russisch aufschreiben, dann brau­chen Sie den Zettel nur überall vorzuzeigen, und man wird Lhnen schon Bescheid sagen."

.Hub der Mann schreibt denn auch wirklich irgendetwas, es waren sieben Wörter, in russi­scher Schrift auf einen Zettel.

Ich sage Dankeschön und ziehe los. immer die Straße entlang. Als da aber eine andere Straße abzweigt, gehe ich auf einen Arbeiter zu und zeige chm meinen Zettel. Der Arbeiter liest, Sdt mich an. macht kehrt und läuft, was er ifen kann. ... .

Ranu?" denke ich,was ist Henn das für n Kerl?" llnö ich gehe aus einen Polizisten zu,

Der liest den Zettel, knüllt ihn zusammen, wirft ihn mir vor die Füße, schreit mir irgendetwas ins Gesicht und geht weg.

Lch stehe da und weiß nicht, was ich sagen soll. Sind die Leute in Rußland alle verrückt oder oder was hat der Mann am Hafen mir da auf den Zettel geschrieben?

Da kommt ein Kohlenwagen gefahren.He!" rufe ich. Der Wagen hält. Lch reiche dem Kut­scher den Zettel hinauf. Der Kutscher liest, nimmt die Peitsche und klatsch, habe ich einen tiefen, roten Striemen im Gesicht."

»Gottesdunner!" murmelt die Tafelrunde,und dann?"

Kap'tän Klaus nimmt sein Glas und trinkt. Tjä". sagt er,was soll ich da noch viel er­zählen! Auf der Strähe habe ich den Zettel niemandem mehr gezeigt, und ich hab' die Adresse von Gontschow denn auch so richtig gefunden. Lch bespreche mit ihm. was da zu besprechen ist. er schenkt mir Schnaps ein. wir trinken, lind dann kriege ich meinen Zettel aus der Tasche, halte ihn Gontschow vor die Rase.Was steht da mm eigentlich draus?" frage ich. Gont- schow setzt sich erst seine Brille auf und lieft. Springt mit einem Satz vom Stuhl.Schuft!" schreit er.Betrügeri Raus! Nichts wie raus!" Und eh ich weiß, was los ist, bin ich wieder auf der Straße."

Die Tafelrunde sitzt atemlos. Kap'tän Klaus trinkt fein Glas leer. .. Roch eine Runde!" be­stellt er. -llnö dann erzählt ec weiter:

Tjä, also die ganze Fahrt nach Bremen denke' ich über den albernen Zettel nach. Was da wohl drauf stand? Und kann man überhaupt in sieben Wörtern was auf einen Zettel schreiben, dah alle Leute wild davon werden?

Ln Bremen, kaum haben wir neben einem Llohddampser festgemacht, gehe ich los, zum russi­schen Konsulat.Letzt", denke ich.wirst du es gleich wissen, llnö ich habe ordentlich Herz­klopfen, als ich die Treppe zum Konsulat rauf- - steige.

Der Konsul ist ein netter Mann. Lch aber halte ihm nicht gleich meinen Zettel unter die Rase, sondern fange vorsichtig an zu erzählen: Lch habe, sage ich, in Kronstadt von einem Mann einen Zettel bekommen. Lch kann nicht russisch. Lch weiß nicht, was drauf steht. Aber alle Leute, denen ich den Zettel gezeigt habe, haben mich rausgeworsen oder mit der Peitsche ge­schlagen oder"

. Zeigen Sie mir den Zettel", sagt der Konsul ruhig.

»Ra, ich greife in die Lasche und dann .

Kap'tän Klaus macht eine Pause. 'Die Tafel­runde sitzt mit borgebeugten KöpfenUnd dann? Wat dann?"

Tjä". sagt Kap'tän Klaus und nimmt seine Mütze vom Haken,da war der Zettel nicht mehr da. Lch muß ihn wohl unterwegs verloren haben."

Gesenheim.

Von Bert (Schiff.

Es war vor dem Kriege. Lch zählte achtzehn Lahre und liebte Friederike Brion.

Lch liebte ihre blauen Augen und ihre blon­den Zöpfe. Zöpfe, selbstverständlich, denn es ge­schah vor dem Kriege.

Zwar war Friederike vor hundert Lahren ge­storben (1813). und wenn sie noch lebte, zählte sie reichlich 159 Lahre. Aber das behinderte meine Liebe keineswegs, denn cs war nicht die handgreifliche Rachkriegsliebe der Achtzehnjähri­gen, sondern die wunschlose Liebe der Vorkriegs­jahre, die sich der Pracht der Sterne freut und sie nicht begehrt.

Lch wußte sehr genau, daß Friederike am 19. April Geburtstag hatte, daß sie auch auf den Rainen Elisabeth hörte, daß sie in Sesen- heim da irgendwo im Elkaß lebte, daß Goethe sie mit achtzehn Lahren zum ersten Male sah, daß sie darum zeitlebens unvermählt blieb. Aber trotz all dieses Wissens war meine Liebe nach- ernvfindend und nicht selbstschöpferisch, sie war passiv, untätig, abwesend, lag im Koffer meiner Seele in irgendeiner Ecke verpackt. Sie ähnelte mehr einem Hofhund, der wachsam, unsichtbar hinter der Türe schläft und träumt, und glich weniger einem Schloßhund, der belfernd, vier­füßig vor bas Portal sich stellt. Wie ein Ofen im Zimmer stand fie in mir, .um den fich im Sommer niemand kümmert. Aber zu anderen Zeiten, beim Wechsel der inneren Lahreszeiten strahlte sie wohlige Wärme aus.

Run setzte ich mich zur Weihnachtszeit in Mainz ins Coupe, ein bemühter Beamter schlug die Türe zu. Der Zug rollte, die Räder und Kolben flochten einen Takt: 1 2 3 4. Ln Worms sand ich, bah man auch anders zählen konnte. _

Ln Speyer lochte der Schaffner mit seiner Beißzange mein Billett letzter Klasse und sagte: Ln Straßburg aussteigen'" Da ich mich sogleich erljob, besänftigte er mein gelehriges Ohr:Roch zwei Stunden Zeit."

Ln Straßburg zog unterdes ein schon gebrech­licher, kinderloser Onkel feine wollene Weste an,

die Tante griff nach ihrem schwarzen Para" plui. Beide machten sich zeitig auf. mit vier Augen nach dem'Ankömmling zu spähen, daß der Reffe nicht in den Gefahren der Großstadt sich verirre.

Da hielt der Cilzug zum zwölften Mal und der Stationsvorsteher rief draußen: Se senheim!

Wie ein Zigeunerbund, der plötzlich in einen Haufen raschelnden Laubes fährt unb einen über­rumpelten Igel vorzerrt, fo wurde der Träumer in mir aus feinem Schlaf und Federnbette ge­rissen. Lch griff sogleich ins Gepäcknetz, packte mein Köfferchen und sprang behext aus dem schon wieder langsam anrollenben Zug. Der Beamte lieh mich durch die Barriere.

Lch mußte das Pfarrhaus sehen, wo Frie­derike gelebt, wo Goethe sie geliebt, die Laube, den Hügel mit dem Blick auf die Vogesen und den Schwarzwald jenseits des Rheines! Ein Fluidum, eine Emanation mußte segnend und be­reichernd die gewaltigen Stätten umschweben wie einen Temvel!

Schon von Hagenau ab schneite es neu aus den alten Schnee. Ln den Dunst der Flocken mischte sich die frühe Dämmerung. Meine Schuhsohlen, mit achtzehn Jahren achtet man wenig darain. daß sie zerrissen, waren überdies der Rässe nicht gewachsen. Von oben und unten ward meiner selig drängenden Begeisterung hart zu- gesetzt.

Lch tastete mich fragend durchs halbdunkle Dors zum Pfarrhaus, zog an der Schelle, zog noch und wieder, hörte drinnen im Finstern meinen Ruf. doch die Antwort blieb aus.

Lch schritt die Straße entlang bis zur Bürger­meisterei. Bei Salzheringen und dampfenden Kartoffeln rief jener. Herein! Der Geistliche sei auf zwei Tage verreist. Mit schwarzer, knövsiger Weste und quadratisch massigem Kops berichtete der Bürgermeister ruhig, sei's daß er derlei Fragen gewöhnt, sei's daß der dürftige Flaum meiner Oberlippe ihn nicht beunruhigte Sesenheim sei ein Pfarrdorf, Kreis Hagenau, Amtsgericht Bischweiler. 989 Einwohner, besitze Post und Telegraph, außerdem ein kleines Frie- derike-Brion-Museum. liege an der Eisenbahn­linie Straßburg -Lauterburg und sei vor 1870 dem Departement Bas-Rhin zugeteilt gewesen. Lm achten Lebensjahre Friederikens fei ihr Vater als Pfarrer hierher versetzt worden. Doch jetzt sei es dunkel und nichts zu sehen. Lch möge int Sommer wiederkcmmen.

Lch trottete ernüchtert in die Rächt zum Bahn­hof. wartete vier Stunden bis zum nächsten Zug und fuhr nach Straßburg, Oede und Weh­mut im Herzen,

Jlu-.n