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Aus der pwvinziashauptsiadt.

Die hen, den 26. November 1929.

Oberhessischer (Seschichtsverein.

Der Oberhessische Geschichtsverein hielt am Donnerstag seine erste Veranstaltung im Hotel Schütz ab. 3n der diesjährgien Hauptver­sammlung berichtete Bibliotheksdirektor Prof. Dr. Ebel über das vergangene Geschäftsjahr und die geplante Arbeit dieses Winters. Der seit­herige Vorstand wurde wiedergewählt. Dem Vor­stand und den Rechnern wurde mit dem Ausdruck des Dankes Entlastung erteilt.

Dann ergriff Prof. Dr. Götze das Wort zu seinem Vortrag über die Grundlagen der deutschen Reformation und führte etwa folgendes aus:3m 16. 3ahrhundert erhielten deutscher Geist und deutsches Gemüt für Iahrhun- derte ihr entscheidendes Gepräge. Freiheit des Geisteslebens, 3dealisrnus und Sittlichkeit, der ungehemmte Zug zur Wahrheit und damit un­sere Wissenschaft mit dem Schwung ihrer Gedan­ken und der Wucht ihrer Methoden: das waren die Errungenschaften des geistigen Kampfes je­ner großen Zeit um deutsches Wesen, der auch heute noch nicht beendet ist. Die alles beherr­schende Frage war: Rom. Das heilige römische Reich deutscher Ration lag in kraftlosem Siech­tum. während ein anderes römisches Reich eine ungeheure Entwicklung nahm: die römische Kirche, die im Begriff war, aus der Ecclesia militans zur Ecclesia triumphans zu werden. Der mittel­alterliche Mensch fühlte zu jeder Stunde seines Lebens die Hand der Kirche über sich. Als Geg­ner aber erstanden ihr die jungen Völker Euor- pas, voran Frankreich. Die wirtschaftliche Kräf­tigung brachte das Verlangen nach feinerem Le- bensgenuß mit sich und manchem Rachdenkenden erwachten Zweifel an seiner Weltanschauung. Die Grundlagen des Lebens schienen zu wanken und die Kirche war nicht mehr der Eckpfeiler, weil sie selbst verderbt war. Eine Reformation aus eigener Kraft war unmöglich. Warum aber gelang es Luther? Weil er nicht an Einzelbe­schwerden seinen Widerspruch knüpfte, sondern an seine religiöse Grandüberzeugung. 'Bei der Frage nach der letzten Ursache der lutherischen Reformation stoßen wir auf Goethes großes Wort:Dos schönste Glück des denkenden Men­schen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das llncrforschliche ruhig zu verehren." Richt jede Erscheinung der sog. Rcformationszeit (1517 bis 1559) ist religiösen Ursprungs. Die Gegen­sätze in der auswärtigen Poltiik so gut wie in den innerstaatlichen Zuständen gehören untrenn­bar dazu. Das für uns Wichtige aber ist, daß die Vorgänge, die die Welt von damals entschei­dend bestimmt und in ihre künftige Richtung gedrängt haben, in Deutschland liegen. Unter den Motiven des Widerspruchs gegen die Kirche sind vor allem zwei zu nennen: dah in der Popstkirche des späteren Mittelalters das welt­liche 3deal gesiegt hat, und dah sie das gesamte Leben der Christenheit umfassen will. Dagegen er­hoben sich die nationalen, wirtschaftlichen und geistigen Kräfte in den immer selbständiger wer­

denden Rationen. Diese Verselbständigung wurde die Grundlage, auf der Luthers überragende Per­sönlichkeit aufbauen konnte. Der ßntbccfung der Welt folgte die Entdeckung des Menschen. Dos zeigt sich äußerlich in der Entwicklung der deut­schen Städte, in der Malerei, im Briefstil und auf vielen anderen Gebieten. Renaissance und Humanismus in 3talien haben ihr Teil an die­ser Bewegung. Aber der deutsche Humanismus konnte nur zersetzen und nicht ersehen. Dazu be­durfte es einer neuen Religiosität. Erst in Lu­ther ist der neue 3ndividualismus soweit ent­wickelt, dah er Mittlerschaft der Kirche leugnet und damit die alte Religiosität durch eine neue ersetzt.

An den mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag schloh sich eine lebhafte Aussprache an, an der sich Prof. Dr. R 0 l 0 f f, Prof. Dr. Ebel und der Vortragende beteiligten.

Diebstähle. Der Polizeibericht meldet: Aus dem Wirtschastsraum eines hiesigen Boots­hauses wurden mittels Einsteigens durch ein Dachfenster und Erbrechens von Behältnissen ver­schiedene Flaschen Kognak, Zigaretten und etwa 2 Mk. an Kupfergeld: aus einer Wohnung ein grauer Sakko- und ein Sportanzug und auf dem Wochenmarkt eine Wirtschaftswaage mit verschie­denen Gewichten entwendet. Die Waagenschüssel ist innen weiß und außen rot emailliert. Bei der nun eingetretenen kälteren 3ahreszeit nehmen die Manteldiebstähle einen Umfang an, daß größte Vorsicht bei Ablage in öffentlichen Lokalen, Schulen usw. am Platze ist. So wurden u. a. in einer Wirtschaft drei Herrenmäntel, aus dem Universitätsgebäude ein brauner Herren- lodenmantel und ein Wintermantel (Ulsterschnitt) entwendet. Bei einem Einbruch in ein Ver­kaufshäuschen wurde der Täter, ein jugendlicher, von auswärts zugereister Arbeiter überrascht und festgenommen. Der Täter gestand weiter ein, in Friedberg ein Fahrrad und aus einer Bauhütte in der Rähe der Kliniken eine neue Isolierdraht­zange entwendet zu haben. Die noch in seinem Besitze befindliche Zange wurde beschlagnahmt und kann von dem Eigentümer auf Zimmer 24 der Kriminalabteilung in Empfang genommen werden.

D i e Gemeinschaft der Freunde, gemeinnützige Gesellschaft m. b. H., W ü st e n r 0 t, veranstaltete am Donnerstagabend im Hindenburg einen öffentlichen Vortrag. Dec Redner des Abends, Dr. Wiedemann, Frank­furt a. M., wies in feiner Einleitung darauf hin, daß der Gedanke der Errichtung von Eigenheimen in England viel stärker Fuß gefaßt habe als in Deutschland, wo man immer noch zu sehr bestrebt sei. der Wohnungsnot durch Mietskasernen zu steuern. 3n England seien heute 83 Prozent der Wohnungsinhaber Besitzer von Eigenheimen, während nur 17 Prozent zur Miete wohnten. Der Gedanke der Bausparkassen, deren Gründung in Deutschland erst einige Jahre zurückliege, sei in England bereits seit über 200 3ahren in die Tat umgeseht. Amerika habe England in der Zahl und dem Bestände der Bausparkassen be­reits überflügelt. Der Redner kam dann auf

bas Wohnungäelcnb in Deutschland zu sprechen und betonte, der Mieter bezahle in 35 Jahren soviel Miete, daß er sich dafür ein schönes Eigenheim erstellen lassen könne. Er sprach dann von Angebot und Rachfrage auf dem Wohnungs­markt und wies darauf hin, daß augenblicklich in Deutschland eine Million Familien ohne eigene Wohnung seien. Der Redner kam dann auf die Gründung der Gemeinschaft der Freunde, Wüsten­rot zu sprechen, erläuterte deren Aufgaben, wies auf die Grundbedingungen für die Bausparer hin (erstens Warten, zweitens Verzicht auf hohen Zinsgewinn) und besprach eingehend den recht­lichen und geschäftlichen Aufbau der Bauspar- kasse dieser Gesellschaft. Er behandelte in diesem Zusammenhang die Frage:Wie kommt man durch die Gemeinschaft der Freunde zu seinem Eigenheim?" Weiter erwähnte er das Rechts- verhältnis des Bausparers zur Bausparkasse, so­wie die Pflichten des Sparers. Er erläuterte hierauf die Art der Verteilung der Bauspar- summen auf Grund eines Schlüsselzahlfystems, schilderte die Stiftungen des Bausparers und die Dauer der Sparverpflichtungen, sowie die Art der Verwendung der Bausparsummen und die Höhe bzw. Dauer der Aufwendungen. Zum Schluß besprach der Redner noch die Sicherheiten, welche die Gemeinschaft der Freunde den Bau- sparern für ihre Bauspargelder biete. An die Ausführungen des Redners schloß sich eine rege Aussprache an, nach deren Beendigung der Refe­rent in seinem Schlußwort auf die ideelle Seite der Einrichtung hinwies.

Der Gewerkschaf tsbund der An­gestellten, Ortsgruppe Gießen, hielt am Samstagabend aus Anlaß des neunjährigen Bestehens des G. d. A. im Kaufmännischen Dcr- einshaus eine Gründungsfeier ab. Rach einem Vorspielöcrenata von Toselli (Klavier, Vio­line und Cello) und einem von Fräulein Wei­gand eindrucksvoll gesprochenen Prolog wies der Vorsitzende, L. Zecher, in einer kurzen Begrüßungsansprache auf die Bedeutung des Verbandes in der Angestelltenbewegung hin, der neben seinen wirtschaftlichen und sozialen Ausgaben sich die Mitarbeit am Wiederaufbau unseres Vaterlandes zum Ziele gesetzt habe. Weiter gedachte er der verstorbenen Kollegen und Mitstreiter des Verbandes, nicht zuletzt auch der im Weltkriege Gefallenen. Rach einem weiteren MusikvortragTräumerei" von Schu­mann und einem von Fräulein Herger t wir­kungsvoll vorgetragenen GedichtRur ein tiefer Atemzug" hielt Geschäftsstellenleiter M a d die Festansprache unter dem LeitgedankenDer G. d. A. einst und jetzt." Der Redner führte die Besucher zunächst in die über hundert Jahre zurückliegende Zeit der Entstehung der Ange­stelltenbewegung zurück, zeigte die damaligen Ausgaben und Leistungen und dann die weitere Entwicklung der Bewegung, die sich, auch an­gesichts der reichsgesehlichen sozialen Maßnah­men, günstig gestaltete. Insbesondere beschäf­tigte sich der Redner mit den Vorläufern des 1920 gegründeten G. d. A., zeigte deren Auf­gaben und Einrichtungen, um dann kurz die nach dem Kriege geplanten Derschmelzungs- bestrebrmgen sämtlicher Angestelltenverbände zu

besprechen, die nicht vollauf zum Ziele führtet^ .Der Redner erwähnte dann den Zusammenschluß von acht kaufmännischen Verbänden zu dem G. d. A., zeigte die Bestrebungen und Einrich­tungen dieser Organisation, die auf freiheitlich­nationaler Grundlage ihre Ausgaben zu erfüllen versuche und schilderte die günstige Entwicklung, welche diese Bewegung feit der Gründung ge­nommen habe. Er schloß mit dem Wahlspruch: Durch Einheit zur Freiheit". Mit dem Musik­vortragLargo" von Händel schloh die ein­drucksvolle Feier. 3m Anschluß hieran wurden die Besucher noch durch weitere musikalische Darbietungen, sowie einen Liedervortrag (Frau­lein H 5 r 0 e r) erfreut.

Gr wollte den hessischen Innenminister stürzen.

WSR. Darmstadt, 25.Rov. 3m Hessin fchenMinisterium des 3nneren spielt« sich heute vormittag ein eigenartiger Vorfall ab, über den das Reaierungsorgan folgende- mitteilt:Ein phantastisch gekleideter Mann hatte sich heute vormittag vor Dienstbeginn im Mini­sterium des 3nncren eingefunden. Angetan war er mit der Vorkriegsuniform eines Artillerie­leutnants, dazu trug er eine feldgraue Mühe und hatte einen Hirschfänger übergeschnallt, mit dem er zu normalen Zeiten Holz zu spalten pflegte. Der Mann wollte den Innenminister Leusch- ner zum Rücktritt bestimmen, denn ec dachte, mehr als eine Friedensuniform und ein paar gütige Worte seien zu einem Minister­sturz nicht notwendig. Richt schwer zu erraten, dah es sich um einen Menschen handelte, dem die Sinne verworren sind. Wie die Po­lizei bei seiner Verhaftung feststellte, handelt es sich um einen in der Mitte der 3Oer Jahrs stehenden Al thändler und Auktiona­tor, der durch Vorkommnisse in seiner Familie offenbar aus seinem seelischen Gleichgewicht ge­bracht worden ist. Der Mann ist sonst harmlos und völlig unpolitisch."

Oie neue Eisenbahnbrücke bei Affenheim

WSR. Friedberg, 25. Rov. Der erste Teil der neuerrichteten Eisenbahnbrücke bei Asfenheim wurde am Sonntagnachmittag dem - Betrieb übergeben. Die Lokomotive des ersten Personenzuges, der den neuen Teil der Drücke zum ersten Male passierte, war festlich geschmückt. Auch die Brücke trug reichen Flaggen­schmuck. Auf mächtigen Betonpfeilern ruhen die gewaltigen Eisenträger, die durch die schweren Züge kaum eine Erschütterung zeigen. Bei bet alten Drücke kündigte stets gewaltiges Getöse das Passieren eines Zuges an. Zu dem jetzt kaum hörbaren Fahren der Züge tragen auch die neuartigen Schienen bei, die -eine Länge von 30 Metern haben und außerdem aneinander- geschweißt sind.

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in dem Vergleichsverfahren über das Ver­mögen der Firma Gebrüder weil in Sie­ben, Inhaber: a) Frau Witwe weil, t>) Lmil Mannheimer In Stehen.

1. Der in dem Vergleichstermin vom 31. Oktober 1929 angenommene Ver­gleich wird hierdurch bestätigt.

2. Infolge der Bestätigung des Vergleichs wird das Verfahren aufgehoben.

Gießen, den 7. November 1929.

Hessisches Amtsgericht. 96890

Schafweideverpachtung.

Die Gemeinde Bersrod beabsichtigt, Don­nerstag, den 28. November 1929, nachmit­tags 2 Uhr, auf hiesiger Bürgermeisterei ihre Sommerweide pro 1930 zu verpachten.

Es wird bemerkt, daß die Gemeinde noch zirka 50 -'ipene Schafe besitzt, und es können noch 120 bis 130 Stück beigetrieben werden. Die Gemeinde stellt Hütte und Hürde sowie dem Schäfer die Kost.

Nähere Bedingungen werden vor dem Termin bekanntgegeben. 9684D

Bersrod, den 24. November 1929.

Hessisch? Bürgermeisterei Bersrod. Becker.

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