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Nr. 252 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Samstag, 26. Oktober (929

Die angelsächsische Entente.

Außenpolitische Umschau.

Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. 5t

DieW ashing toner Deklaration", in der Hoover und Macdonald gemeinsam der Welt mitteilten, was sie ihr über ihre Er­gebnisse sagen wollten, enthält materiell auf den ersten Blick wenig oder nichts. Deshalb stellt man auch da, wo man sein Interesse darin sieht, daß eine englisch-amerikanischeEntente" nicht zustande komme, fest, daß die alten Gegen­sätze der beiden Weltmächte unvermindert bestünden. So kommentiert etwa die russische Presse die Erklärung. Aber es liegt auf der Hand, daß diese Auslegung der grundsätzlichen Bedeu­tung des Manifestes durchaus nicht gerecht wird. Ob anderseits das Urteil der englischen Presse richtig ist, daß diese gemeinsame Botschaft eines der größten Ereignisse der Weltgeschichte in der Neuzeit sei, geradezu eine Friedens» revolution einleite, das muh erst ihre Wei­terentwicklung lehren. Aber die Wahrheit scheint uns hier weniger in der Mitte zwischen den beiden Extremen zu liegen, als mehr nach der englischen Meinung zu.

Denn die politischen Grundsätze, die hier nieder- gelegt werden, sind sowohl sehr klar wie höchst bedeutsam. Wieder wird an den Kellogg- pakt angeknüpft, und zwar im Sinne einer positiven Verpflichtung, d. h. seiner Weiterentwicklung. Dazu tun die beiden Staaten zunächst das, was sie allein tun können: sie er­klären einen Krieg zwischen sich für undenkbar und stellen das Wettrüsten untereinander ein. Und |ie verpflichten sich, den Kelloggpakt bei der praktischen Durchführung ihrer Außenpolitik zu Grunde zu legen. Das gilt also, wenn es ernst gemeint ist, nicht nur für das Verhältnis beider zueinander, sondern auch etwa für den Fernen Osten, für Konflikte im englischen Kolonialreich, für das Verhältnis Amerikas zu Mexiko wie den südamerikanischen Staaten und schließlich, vor allem, auch sür ihr Verhältnis zu Japan.

Die Botschaft sagt ferner, daß an alte Pro­bleme unter neuem Gesichtswinkel herangegan­gen werde und diese ebenso freundschaftlich er­örtert werden würden wie die Flottenfrage. Macdonald hat das dahin erläutert, daß er eine Reihe von Fragen nach London mitnehme, die dort bearbeitet und zum Teil auch mit den Do­minions erörtert werden sollten. Genauer hat er diese nächsten Probleme nicht bezeichnet. Man denkt natürlich zuerst an das See- undBlok- kaderecht, vielleicht auch die Flotten- ft a t i o n e n England sitzt ja in Jamaika und auf den Bermudasinseln Amerika ziemlich nahe und dergleichen mehr.

Fragen, sagt die Botschaft, für die bisher eine Lösung nicht möglich erschien, sollen im Geiste dieser Verständigung angefaßt werden. Einer Verständigung nämlich zwischen England und Amerika, dessen Notwendigkeit Macdonald voll­ständig erfaßt hatte, die er ganz realpolitisch zu- nächst in der Rüstungspolitik anbahnte und nun erreichte, und deren Idee auch Hoover vom Kelloggpakt und von der Erleichterung für den die Rüstungen bezahlenden Steuerzahler her auf­nahm. In diesem Sinne ist das Ergebnis der Washingtoner Zusammenkunft wahrhaftig nicht gering zu schätzen!

Wenn man will, ist das eineE n t e n t e, die zunächst über die Rüstungsbindung Spannungen und Gegensätze zwischen den beiden angelsäch­sischen Weltmächten entweder beseitigt oder so dämpft, daß sie in keiner Weise ernsthaft werden können. Das bedeutet für die Weltpolitik int ganzen, daß in ihre Berechnungen ein eng« lifch-amerikanischer Gegensatz nicht mefjr eingestellt werden soll. Von heute auf morgen wird sicherlich weder in England noch namentlich in Nordamerika alles ganz ausge-

G. 25. Shaw: Oer Kaiser von Amerika".

Uraufführung am Deutschen Theater in Berlin.

Berlin, im Oktober.

Run ist schon seit Jahrzehnten immer gesagt wvrden, es sei jetzt das Ende Max Rein­hardts gekommen, denn er hat weder den Expressionismus der Bühne noch das entlchelte Theater mitgemacht, noch will er in das Geschrei des politischen Theaters einstimmcn. Und immer ersteht er wie ein Phönix aus allen Trauerkund­gebungen. Diese Einstudierung desKaisers von Amerika" bestätigt es wiederum, daß das reine und absolute Theater keine Sache^ ist, die von einer modischen Strömung verdrängt werden kann, wenn sich ein vollblütiger Dühnen- mcnsch ihrer bemächtigt. Vom Standpunit des Theaters aus gesehen, ist der jüngste Shaw nämlich eine Mißgeburt, ein Diskussionsstück ohne Handlung, eine träge und schwere Masse Politi­schen Gesprächs und ein stattliches Buch an Umfang: schon die Kürzung der endlos-politischen Debatten auf die gemessene Länge eines Bühnen­abends bedeutet eine Leistung für sich.

Am Ende dieses Jahrhunderts so sieht Shaw in dieser Utopie die Zukunst herrscht in Europa allenthalben die Demokratie, Frankreichs Hauptstadt liegt in Tanger und seine Int re sen in Afrika Deutschland aber ist ein bobchevnslerter geographischer Begriff zwischen Berlin und Moskau. Rur England hat noch einen König: Shaw bleibt eben in aller Utopie Engländer, der sich sein Land nicht ohne König denken kann und aus diesem und manchem anderen Grunde ist es ein ganz englisches Spiel. König ^Magnus ist aber ein Kerl von Shaws Gnaden, begabt mit all seiner Spannkraft, seiner geiftigen Weite, seiner witzigen Ueberlegenheit, ein König von menschlicher und ganz unromantischer Große. Dieser Monarch hat das Unglück, mit einem Kabinett regieren zu müssen, das sich, bis auf zwei weibliche, aus den unfähigsten, gleichgul- tieften, bestechlichsten Ministern zusammen,eht, die denkbar sind. 2m ersten Akt handelt es iich darum, den König zur Annahme eines Ulti­matums zu bewegen, nach dem er auf fein letztes Recht, das des Vetos, verzichten soll: er möge überhaupt, wird ihm anempfohlen, sich zuruck- halten und das Volk nicht immer an sein Dasein

M immer noch: Verschärfung der Agrarkrise.

Don Dcfonomieraf Or. h. c. Franz Schistan, M. d. pr. £.

Die allgemeine landwirtschaftliche Rotlage aller Desihgroßen hat sich bis jetzt nicht ver­bessert, sondern im Gegenteil, noch mehr ver­schlechtert. Drei Monate Dürre, wie seit den Jahren, die die Hungersteine in den Flüssen hervortreten ließen, nicht erlebt, haben beson­ders aus den mittleren und leichten Wirtschafts­flächen des Vaterlandes schwere Verwüstungen angerichtet. Wiederum ist auch der weite Osten besonders hart ge.rossen. Die Hauptfrucht des Ostens, die Kartoffel, hat schwer gelitten; und die Hackfrucht stellt die Grundlage der Ren­tabilität in der Landwirtschaft mehr als die Halmsrucht dar. Die Hoffnungen auf eine Mittel­ernte find geschwunden: die etwas bessere Ge­treideernte kann den Verlust an Kartoffeln nicht ausgleichen. So geht das Jahr 1929 wiederum a l s Rotjahr für die Landwirtschaft zur Rüste. Ein schwerer Schlag für die sich in harter Bedrängnis befindlichen Landwirte.

Aus dieser Notlage muhte jetzt sehr viel Pro­duktion an den Markt fommen. Die Versuche zur Absatzregelung versagten, sie haben bis heute die Preise nicht stützen können. Die Preise für landwirtschaftliche Produkte, abge­sehen von den Schweinepreisen, die zeitlich einen bescheidenen Ruhen geben, sind trotz der unter Mittel betragenden Ernte unter jedes er­trägliche Maß gesunken, darüber hin­aus ist teilweise die Unmöglichkeit eingetreten, die Ware überhaupt an den Mann zu bringen. Das landwir.schastliche Angebot von E.zeugnifsen ist auch heute noch derartig dringend, daß im Riedergang der Preise zur Zeit kein Stillstand eingetreten ist.

Auch der kaufmännische Unterneh­mer und der Handwerksmeister in den Provinzstädten, deren Abnehmerschaft sich aus der Landwirtschaft darstellt, leiden unter dem landwirtschaftlichen Rotstand von Tag zu Tag mehr. Hier zeigt sich die enge Ve r p , lech -- tung der Belange, besonders des mittel- und fleinkaufmännischen Selbstun.ernehmecs und des Handwerkers, die lediglich mit heimischer Pro­duktion zu tun haben, mit der Landwirtschaft.

Die Abtragung der ungeheuerlichen Schulden­zinsen, die Rückzahlung von Verpflichtungen, be­sonders von wechfelmäßig gebundenen, laßen den Landwirt um jeden Preis Ware ver­kaufen, wodurch der Inlandmarkt in absolute Unordnung geraten muh. Da die landwirtschaft­liche Erzeugung keine Kaufkraft mehr hat, ist an eine reinigende Abzahlung von Schulden nicht zu denken, geschweige denn an einen bescheidenen Ueberschuh. Besonders die Zinshöhe und das Unglück, daß der Landwirt sich auf die harte Fron der Wechselhergabe eingelassen hat, läßt in

ein durchlöchertes Faß schöpfen, und statt eines Arbeitsnutzens haben sich am Schluß auch dieses Cmtejah^cs die Schulden vergrößert.

Das ist die Lage von heute, die bei Tausenden von Landwirten, und zwar aller Besitzgröhen, die bei Tausenden von Gewerbetreibenden in den Landstädten Verzweiflung zeitigt. Sie sehen keine Hoßnung auf Besserung ihrer Lage und viele auch keine Hoffnung, auf ihrem Besitztum bleiben zu können. Die praktische Auswirkung des Hilfsprogramms ist zeitlich kaum zu spüren und den landwirtschaftli^cn Führern wird der Vorwurf mangelnder Energie gemacht: das Ver­trauen in die Führerschaft ist vielfach wankend geworden. Daraus aber ergeben sich schwere politische Gefahren. Ein solcher Ge­fahrenherd auf dem platten Lande ist für einen Staat nicht erträglich. Der Staat darf nicht ruhig mit ansehen, wie sein heimischer Nährstand zerbricht und an die Stelle des treuen Bebauers der heimischen Erde ein politisierender Men­schenhaufe tritt, den die Verzweigung vielfach zur Stellung gegen die Staa.sordnung treiben könnte.

Dieser Staatsgefahr und wer will sie leugnen? läßt sich lediglich durch über­parteilichen Zusammenschluß begeg­nen. Richt in langatmigen par.eipolitischen Er­örterungen, nicht in der Veröffentlichung wohlge­meinter Programme liegt der Schlüssel zur Besse­rung der Lage, sondern nur darin, daß die Volksgesamtheit in all ihren Schichten sich dar­auf einstellt, unter allen Umständen dem deutschen Erzeugnis, das mit deut­scher Arbeit aus der deutschen Scholle gewonnen worden ist, den Vor­zug vor dem aus.ändischen zu geben und daß alle zusammenstehen, die Preisspanne zwiscyen Erzeuger- und Konsumen­ten p r e i s e n zu verringern. Denn jeder verant- wortungsbewuß.e Volkswirtschaftler muh als seine erste Pflicht erkennen, die Ware möglichst preiswert in die Hand des Konsumenten zu bringen.

Zur Zeit jedoch muh der Landwirt weit unter Gestehungskosten, unter der Zahl des Lebenshaushaltungsindexes verkaufen und wird dadurch unberechtigt außerhalb der Reihe derer gestellt, die die deutsche Rotgemeinschast bilden, die Rotgemeinschaft, mit der w i r alle auf Gedeih und Verderb verbunden find, über alle Parieischattierungen hinweg.

Die aktive Milderung und schließliche Be­hebung der Agrarkrise durch die Tat ist die For­derung der Stunde. Sie bedeutet die Grundlage für die vaterländische Wirtschaft.

strichen sein, was sachlich oder psychologisch in den englisch-amerikanischen Beziehungen gegen­sätzlich wirkt. Bestimmt nicht! Aber die beiden Staatsmänner wollen die Verständigung, weil sie sehen, wieviele Gründe für sie bei beiden, auch bei Amerika, stark sprechen.

Gegen Europa nehmen sie eine verschiedene Stellung ein. Die Botschaft präzisiert das ganz eindeutig dahin, daß Amerika niemals sich in die europäische Diplomatie verwickeln lagen werde, während England aktiv mit seinen euro­päischen Rachbarn zusammenarbeiten Wolfe. Das ist klar und nicht neu. Aber es sagt noch nicht alles. Vom Kollcggpakt gehen die beiden aus. Ihn garantieren sie gemei am. An ihn binden sie sich und ihre Außenpolitik. An ihn binden sie damit auch d i e anderen, die ihn unter­zeichnet haben, binden sie mindestens Europa, wenn nicht die Welt. Es ist ja doch einleuchtend, daß eine derartige angelsächsische Friedens- entente in den Wirkungen nicht allein auf die englisch-amerikanischen Beziehungen beschränkt

erinnern. Dieser Alt dauert eine ganz? Stunde. Rach einem Zwischenspiel, das den Verlauf nicht fördert, s andern nur zur Erfrischung nach der Regierungskrise dient, erklärt der K.nig, daß er das Ultimatum nicht unt.rschreiben werde; aber er wird abdanken, seinem Sohu den Thron übergeben und sich ins Parlament wählen lassen. DaS Kabinett ist starr: dieser Kerl als Parla­mentarier mit einer eigenen Partei ist noch hundertmal gefährlicher denn als König; das Ultimatum verschwindet al o. Und Kaiser von Amerika? Eben hat der amerikanische Gesandte dem König angebeten, Kaiser von Amerika zu werden: eine weckwichtige Entscheidung, denn auf diese Weife wird England vlllig von Amerika aufgesogen werden, das sich schon alle englische Kultur gekauft, alle Kathedralen erworben und drüben wieder aufgebaut hat. Es ist ein echt Shawscher Witz, daß dieses engstirnige Ministe» lium die Weite dieses Angebots nicht begreifen kann sondern stur auf das Ultimatum starrt. Und das Zwischenspiel? Da befindet sich der König bei seiner Geliebten, und es ereignet sich eine der hübschesten und leichtesten erotischen (Spielereien, die je auf der heutigen Bühne erschienen sind. So erholen sich König Magnus und der Zuschauer von den Sorgen der hohen Politik.

Der Deifall, den diese Komödie im Deut- schen Theater gefunden hat, ist doch wohl nur hier möglich, wo Reinhardt das Spiel mit so lebendigen Einfällen und graziösem Witz durchsetzt, daß keinen Augenblick eine Leere ent­steht, trotz aller Zähigkeit des Themas, trotz aller politischen Auseinanderfehungen und einem Nichts an bewegter Handlung. Reinhardt bri gt es beinahe fertig, aus diesem hochpolitischen em unpolitisches Stück zu machen; die Disku fion wird vermenschlicht, jede Sekunde hat ihr eigenes sprühendes Leben. Dieses Kabinett von originellen Köpfen gruppiert sich freilich um einen --ar- steiler wie Werner Krauß, einen blonden König mit ergrautem Spitzbart, einen funkelnden Seist, einen warmherzigen Menschen und einen sehr klugen Monarchen. In jenen Minuten, da dieser Schauspieler von der Würde und den Ausgaben des Königtums spricht, lauscht das ParkUt in tiefer Ergriffenheit. Die Minister haben es da­neben nicht leicht; nur eine Ministerin hat mensch­lich ansprechende Züge: Helene Thimig, die einzige, die es mit ihrem Ressort ernst nimmt sich aber in ihrem Elser wunderlich und rührend hilslos im Kreise bewegt. Sonst sind hier Güls­torfs als Premier, Kühne, ©ertön (als Gewerkschaftler), Egon Friede ll, Eduard von

bleiben kann, sondern durch sich, genau wie jede andere Entente (nur bei der ungeheuren^ vir­tuellen Kraft der beiden Teilhcrber viel stärker) auch nach außen ausstrahlen muh, eben als eine pax anglosaxonica.

Was Baldwin mit dem Abkommen über die englischen Schulden und der Behauptung des Pfundes neben dem Dollar auf dem Finanz gebiet erreichte, das holt )eht der Labour-Premier für die allgemein politische Position Englands nach. Und er hat den Vorteil, daß der andere, Hoover, viel weiter sieht als die meisten seiner Lands­leute, und darum Vorteil, ja Rotwendig­keit dieser ©cneralBereinigung und -Verständi­gung auch für sein Volk völlig begreift. Wie gesagt, in ihren Ländern wird für diese Idee und Politik von beiden noch gegen Schwie­rigkeiten gearbeitet werden müssen. Aber viel größer sind ja die Schwierigkeiten der Durch­führung gegenüber den Konkurrenten in der Welt Eine englisch-amerikanische Rüstungsbin- dung ist nichts, ist jedenfalls nichts Dauerndes,

Winterstein vertreten. Ernst Schütte hat sehr wirklichkeitsnahe Bilder geschaffen: einen hohen Saal für den ersten politischen Akt, ein Gobelinzimmer im Schloß für das Zwischenspiel hier herrscht, turnt unj t>llt Maria Bard als Königsliebchen Orinthia ehrfurchtslos zwischen den historischen Möbeln und eine Terrasse mit Sonnenuntergang für den Epilog. In einer klei­nen Rolle tritt, das sei als Kuriosum erwähnt. Lore Mosheim, die Schwester der (auch vom Film her) bekannteren Grete, zum erstenmal vor das Publikum, das dieser wundervollen Auf­führung und dem herrlichen Schauspieler Krauß allabendlich mit herzlicher Begeisterung dankt. Wer aber wagt es nach Reinhardt, diese träge und schwere Mafse Politir auszutlschen? G. B.

Herbsipastell.

Von Friedrich Schnack.

Die Sonne hat sich abgewandt von der Erde, aus deren Klüften trübe Dämpfe kochen und kühle Schauer aus öe.r Tiefen atmen. Das Licht, das durch die dicken Wolieadecken sickert, ist ait und schmutzig. Ein Moderlicht, das keinem Leben', en die Wangen mehr rötet. Die Wälder sind dunstig, ausgewischt von fern. Die Land­schaft ist ertrunken in einer müden und unwirschen Gleichgültigkeit, ihre Linien verlöschen in me­lancholischem Halblicht. Manchmal irrt eine ver­schlagene Krähe im Zickzackflug durch die schwere, tote Lust. Sinrckos.

Unten auf der fröstelnden Landstraße knarrt ein dumpfer Wagen. Ein Dauer fährt die letzte Hoffnung aus der Welt.

Die Gärten sind feucht, von Rebeln geätzt. Erstarrt sind die Bäume in lautlosem Schrecken, der sie vom Erdboden empor durchängstet. Rie- mand mag durch den ©arten streifen, da alle Büsche naß sind und vollgesogen von Wasser wie Schwämme dastehn. Die Vögel haben ihre Stimme verloren.

Die langbleibende Amsel hat sich fortgeschwun- gen. Langsam fällt ein Blatt und noch eines. Die träge Schwinge der Luft wirft mir ein braunes durch's Fenster in die Stube. Ein Vers von Lenau fällt mir ein:

Durch's Fenster kommt ein dürres Blakt

Zu mir hereineelrieben.

Dies leichte, off ne Drieflern hat

Der Tod an mich geschrieben.

wenn sie nicht auch die anderen großen See­mächte, Japan, Frankreich, Italien, mit bindet.

Die Einladungen zur Fünfmächtekonfe­renz sind daher auch schon von England er­gangen. Die Wucht der englisch-amerikanischen Vorverständigung ist auch so groß, daß die an­deren drei die Einladung angenommen haben. Die Konferenz soll im Januar 1930 in London stattfinden: man rechnet damit, dast Stimson die amerikanische Delegation führen wird. Bis da­hin wird zwischen den fünf Kabinetten sehr eifrig verhandelt werden! Japan erklärt sogar vor­hergehende inoffizielle Verhandlungen für ein­fach notwendig: es hat besondere Linienschiffs­wünsche. Frankreich proklamiert seinen be­kannten Standpunkt in der U-Doot-Frage. Ita­lien will jedenfalls nicht schwächer als Frank­reich fein. Japan hat auch bereits die Idee einer vorhergehenden japanisch-französisch-italienischen Verständigung in die Diskussion geworfen, und der Gedanke der Anti-Blockbildung, des japa­nisch-französisch-italienischen Blocks gegen den englisch-amerikanischen liegt nahe genug.

Wir wissen aus dem Gang der Genfer Ab­rüstungsgespräche zur Genüge, wie schnell und wirksam dergleichen ausgehalten und verwirrt werden kann, wenn die praktischen Cinzelsragen zur Erörterung kommen und der gute Wille auch nur bei einer Seite fehlt. Der fehlt bestimmt bei Frankreich, und Frankreichs Position ist dabei günstiger als die Japans. Japan kann sich einem vereinigten Druck Amerikas und Eng­lands nicht entziehen, aus geopolitischen Grün­den unh mangels jedes Verbündeten. Der Druck aber aus Frankreich wird nicht in dem Maße vereinigt" fein, wie England das wohl wünschte. Die U-Bootssrage, für England so wesentlich wie für Frankreich, interessiert Amerika weniger oder gar nicht. EinDruck' Amerikas auf Frankreich, dafür hat ersteres wenig Mittel und, weil es eben eine Einmischung in euro­päische Dinge ist, noch weniger Reigung. Bleibt natürlich die Verbindung mit dem Poungplan und mit der Mobilisierung der ungeschützten deut­schen Zahlungen in Amerika.

Das Gelingen der großen Seeabrüstungskon­ferenz im Januar 1930 wird also ganz wesentlich davon abhängen, wieweit es Macdonald gelingt, Amerika davon zu überzeugen, daß es sich mit der ganzen Wucht und allen Möglichkeiten seiner Weltstellung für die Sache einsetzt. Wir wagen nicht zu prophezeien, ob dafür bei Stimson das Verständnis und bei Hoover schon die Position im Inneren ausreichen. Wir halten es aber immer noch für möglich, daß bei entstehenden großen englisch-französischen Spannungen auf der Fünf­mächtekonferenz Amerika sich auf den Standpunkt des interessierten Beobachters zurückzieht. Wir wünschen und hoffen das nicht! Denn es ist im Interesse Europas im ganzen, auch der Teile, die von den Flottenfragen gar nicht direkt berührt werden, daß die englisch-amerikanische Verständigung z u den praktischen Folgen und Anwendungen führt, die jedenfalls Macdonald brennend wünscht. Ein Fehlschlag würde nichts anderes bedeuten, als daß Frank­reichs Hegemonie in Europa erneut und weiter befestigt würde.

Taten für Donntag 27. Oktober.

1728: der Forschungsreisende James Cock in Mar­ton geboren (gestorben 1779); 1782: der Geigen­künstler Niccolo Paganini in Genua geboren (ge- starben 1840); 1858: der amerikanische Staats- mann Theodore Roosevelt in Neuyork geboren (ge­storben 1919).

Daten für Montag, 28. Oktober.

1466: der Humanist Desiderius Erasmus in Rot­terdam geboren (gestorben 1536); 1759: der fran­zösische Revolutionär George Danton in Arcis-sur- Aube geboren (gestorben 1794); 1787: der Mär­chendichter Johann Karl August Musäus in Weimar gestorben (geboren 1735).

Unsichtbar lehnt er am Traubenspalier und pflückt Die letzten Beeren, ein schattenhafter Win­zer. Ach, die Welt ist ein Deinhaus!

Die Kastanien prasseln plötzlich in den Rasen. Die Zweige konnten sie nicht mehr halten. Kraft­los ist der Wips:l.

Run beginnt es zu regnen. Bald ist cs Abend..« Zu früh ist es Rächt ...

Hochschulnachrichten.

Der ordentliche Professor der Kunstgeschichte an der UniDerfität Frankfurt a. M. Geh. Regierungsrat Dr. phiL, Dr.-Ing. h. c. Rudolf Kautzsch ist auf seinen Antrag zum 1. April 1930 von den amtlichen Verpflichtungen entbun­den worden. Dr. Kautzsch, der besonders durch seine Forschungen auf dem Gebiete der Dau- geschichte des Mittelalters bekannt gewordene Kunstgelehrte, ist 1868 zu Leipzig geboren. 1898 wurde Kautzsch Direktor des deutschen Duch- gewerbemuseums in Leipzig und trat in den Lehrkörper der Universität daselbst ein. Zu An­fang 1903 übernahm er das neugegründete Extra- orbinariat für Kunstgeschichte in Halle und sie­delte am 1. Oktober desselben Jahres als Ordi­narius und Nachfolger von G. Schäfer an die Technische Hochschule in Darmstadt über. Hier war er Mitglied des Denkmalrats für das Groh- herzogtum Hessen, Vorstand des Denkmalarchivs und Leiter der Hessischen Kunstdenkmälerinven- tarisation. 1910 kam Kautzsch nach Breslau als Nachfolger Muthers und vier Jahre später nach Frankfurt a. M. Die Technische Hochschule zu Darmstadt ernannte ihn zum Ehrendoktor. Von seinen Werken nennen wir:Einleitende Erörte­rungen zu einer Geschichte der Handschriften­illustration im späteren Mittelalter" 1894;Die- bolt Sauber" 1895;Die Holzschnitte der Kölner Bibel" 1896;Die deutsche Illustration" 1903; Die bildende Kunst und das Jenseits" 1905; Der Dom zu Mainz" 1919;Die Entstehung der Frakturschrift" 1922;Die Kunstdenkmäler in Wimpfen am Neckar" 1925;Der Mainzer Dom und seine Denkmäler" 1925;Romanische Kirchen im Elsaß" 1927. Auf das Ordinariat für Kraftfahrwesen an der Technischen Hochschule in Stuttgart ist der Leiter der Motoren­abteilung der Deutschen Versuchsanstalt für Luft­fahrt Dr.-Ing. Kamm in Derlin-Adlers- h o f berufen worden.