Nr. 199 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für tvberhessen)Montag, 26. August (929
Turnen, Sport und Spiel.
Englands Leichtathleten geschlagen.
Deutschland gewinnt den Länderkampf mit 8:4Punkten.
Der deutsche Optimismus hat recht behalten, der leichtathletische Länderkampf auf dem klassischen Kampffeld in Stamford Bridge zwischen Deutschland und England endete mit einem deutschen Sieg von 8:4 Punkten. Heber 40 000 Zuschauer hatten sich eingefunden, die Zeuge dieses Treffens sein wollten. Es nahm wirklich einen spannenden Verlauf. Den Auftakt machte die 4x440-Vards-Staffel. Sie ging für Deutschland verloren, da der Westdeutsche Kisters mit einem Muskelriß an den Start ging und über 35 Meter verlor. Auch die 4Xl20-Vards-Hürdenstaffel endete erwartungsgemäß mit einem englischen Sieg. Dann aber kam die 4x100-Vards-Staffel. Sn einem famosen Lauf durchriß hier Deutschlands Vertreter als erster das Zielband. Der englische Rekord von 37.8 Sekunden wurde dabei egalisiert. Dec englische Vorsprung wurde erhöht, als in der 4x880-2Zards- Staffel der" deutsche Meister Müller, Zehlendorf, stark an Boden verlor und die Engländer nicht mehr einzuholen waren. Damit noch nicht genug, auch die 4X1-Meilen-Staffel war eine sichere Angelegenheit für England. Und doch war die Entscheidung noch nicht gefallen. Sie fiel erst bei den Sprung- und Wurskonlurrenzen. Sn diesen Wettbewerben dominierte Deutschland, das sich auch noch einen zweiten Staffelsieg in der Olympischen Staffel holte. Damit war der deutsche Sieg mit 8:4 Punkten sichergestellt.
Die Ergebnisse:
4X100-Yards: 1. Deutschland 37,8 Sek. (Körnig, Dr. Wichmann, Eldracher, Salz); 2. England 39 Sek., 11 Yards zurück (Cohen, Crawford, Simmons, London).
4 X 440-Yards: 1. England 3:19,2 Min. (Borland, Bird, Dunkley, Hanlon); 2. Deutschland 3,20 Min, 2 Meter zurück (Kisters, Krebs, Storz, Engelhard).
4X880-Yards: 1. England 7:43,2 Min. (Ellis, Gutteridge, champson, Thomas); 2. Deutschland 7:44,8 Min. (Engelhard, Böcher, Müller, Dr. Peltzer).
4X120-Yards, Hürden: 1. England 62,4 Sek. (Lord Burghley, Finley, Tangmere, Gaby); 2. Deutschland 60 Yards zurück (Beschetznik gestürzt, Weiß, Welscher, Troßbach).
Drei - Meilen - Mannschaftslaufen: 1. Deutschland; 2. England. — Einzelergebnisse: 1. Oddie-England 14,39 Min; 2. Diekmann-Deutschland 14:40,2 Min; 3. Petri-Deutschland; 4. Helber- Deutschland.
Olympische Staffel: 1. Deutschland 3:31,2 Min. (Dr. Peltzer, Körnig, Dr. Wichmann, Storz); 2. England 10 Yards zurück.
4X1 Meile: 1. England 17:31,6 Min. (Turner, Tomkin, Thomas, Riddell); 2. Deutschland 17:49,6 Min. (Schilgen, Walpert, Böcher, Wich- mann-Karlshorst).
Stabhochsprung: 1. Deutschland; 2. England. — Einzelergebnisse: 1. Wegener-Deutschland 3,81 Meter; 2. Köchermann-Deutschland, Bond-Eng- land und Ford-England je 3,50 Meter.
Hochsprung: 1. Deutschland gesamt 3,66 Meter; 2. England gesamt 3,63 Meter. — Einzelergebnisse: Koepke-Deutschland 1,83 Meter, Huhn- Deutschland 1,83 Meter, Turner-England 1,83 Meter, Bradbrooke-England 1,80 Meter.
Weitsprung: 1. Deutschland gesamt 14,55 Meter; 2. England gesamt 13,39 Meter. Einzel: 1. Köchermann-Deutschland 7,41 Meter; 2. Dobermann-Deutschland 7,14 Meter; 3. Sartain-England 6,82 Meter; 4. Livingstone-England 6,57 Meter.
Kugelstoßen: 1. Deutschland gesamt 28,29 Meter; 2. England gesamt 26,29 Meter. Einzelergebnisse: 1. Uebler-Deutschland 14,61 Meter; 2. Schneider-Deutschland 13,68 Meter; 3. Howland- England 13,30 Meter; 4. (9. Wood-England 12,99 Meter.
Diskuswerfen: 1. Deutschland gesamt 83,75 Meter; 2. England gesamt 71,89 Meter. Einzelergebnisse: 1. Hoffmeister-Deutschland 43,95 Meter; 2. Hänchen-Deutschland 39,46 Meter; 3. Howland- England 37,56 Meter; 4. Mac Gowan-England 34,33 Meter.
Gesamtergebnis: 8:4 Punkte für Deutschland.
Schwimm -Länderkampf Deutschland—Schweiz.
Deutschland siegt mit 176:76 Punkten.
Der Auftakt des Schwimm-Länderkampfes Deutschland gegen Schweiz anläßlich des 30jährigen Bestehens des Münchener Schwimmvereins in der bayerischen Metropole brachte den deutschen Schwimmern bereits am ersten Tage einen großen Erfolg. In allen Konkurrenzen machte sich die große Ueberlegenheit unserer Vertreter bemerkbar. Deutschland gewann beide Staffeln und belegte in allen anderen vorgesehenen Wettbewerben die beiden ersten Plätze. Mit einem beträchtlichen Vorsprung von 88:38 Punkten für Deutschland wurde der Eröffnungstag abgeschlossen. In den Rahmenkämpfen schlug der neue deutsche Meister P l u m a n n s im Kunstspringen wieder Riebschläger (Zeitz) mit 123,6:119,52 Punkten. Ergebnisse: 4 mal 50 Meter Lagenstaffel: 1. Deutschland (Faust, Schmitz, Frank, Dex) 2:15,8; 2. Schweiz 2:26,5; 100 Meter Rücken: 1. Schulz (Nürnberg) 1:17,4; 2. Frank (Heidelberg) 1:19,4; 3. Sigrist (Schweiz) 1:20; 4. Breuß 1:42; 4 mal 50 Meter Bruststaffel: 1. Deutschland 2:25,4; 2. Schweiz 2:35,4; (Deutsche Mannschaft: Kaup- per, Büdig, Schwarz, Faust); 400 Meter Freistil: 1. Balk (Göppingen) 5:32,1; 2. Neitzel (Göppingen) 5:33,4; 3. Zirilli (Schweiz) 6:02,7; 4. Nobs (Schweiz) 6:40,8; 50 Meter Streckentauchen: 1. Budig (Köln) 36,2 Sekunden; 2. Rohleff (München) 37,8; 3. Frey (Schweiz) 46,4; 4. Schilling (Schweiz) 48,4.
Auch am zweiten Tag setzte Deutschland seinen Siegeszug fort. Die Ergebnisse sind: 4X> 50 Meter Freistilstaffel: 1. Deutschland 2:03 Minuten; 2. Schweiz 2:05 Minuten. 2 0 0 Meter Brust: 1. Budig (Deutschland) 2:58,5; 2. Schwarz (Deutschland) 2:59,4 Minuten; 3. Wyß (Schweiz) 3:01,8 Minuten; 4. Häusler (Schweiz). 100 Meter Freistil: 1. Balk (Deutschland) 1:05 Minuten; 2. Dex (Deutschland) 1:06,7 Minuten; 3. Zirilli (Schweiz) 1:10,8 Minuten; 4. Toffel (Schweiz). Kun st springen: 1. Riebschlä- ger (Deutschland), Platzziffer 4, 148,54 P.; 2. Riedel (Deutschland), 11, 136,98 P.; 3. Madoerin (Schweiz), 17, 106,40 P.; 4. Bucher (Schweiz). Wasserball: Deutschland — Schweiz 4:2 (0:0). Gesamtergebnis: Deutschland 176 Punkte, Schweiz 76 Punkte. Rahmenkämpfe: 4 X 100 Meter 1. Senior staffel: 1. Poseidon Berlin 5:01,8; 2. Göppingen und VfvS. München, totes Rennen. 3 X 10 0 Meter Freistil - staffel: 1. Poseidon Leipzig 3:16,2 Minuten; 2. Göppingen 3:25,8 Min.; Kunstspringen:
1. Plumanns, 6, 123,06 P.; 2. Riebschläger, 9, 119,52 Punkte. Turmspringen: 1. Riebschlä ger 99,44 P.; 2. Plumanns 98,22 Punkte. 10 0 Meter Freistil: 1. Derichs (Köln) 1:03; 2. Wichmann (Leipzig) 1:05,4 Punkte. Vereins- mehrkampf 1. Sparta Köln 3 P.; 2. VfvS. München 7 P.
Kußball in Güddeutschland.
Mit dem Beginn der Derbandsspiele auch in der Gruppe Main des DezirkesMain- Hessen waren nunmehr erstmalig sämtliche süddeutschen Verbandsvercine an den Punktkämp- fen beteiligt. Mit den ersten Treffen waren auch die ersten Lieberraschungen unvermeidbar verbunden. Vor etwa 15 ÖOO Zuschauern verlor der F. Sp. V. Frankfurt als Gast des Sportklub Rotweih Fran-kfurt in den ersten zwanzig Minuten zwei seiner Spieler und mit dem Torstand von 0:2 schließlich auch die beiden Punkte. Aehnlich erging es dem F. C. 1 8 9 3 Hanau bei seinem ersten Spiele in Griesheim gegen den Liganeuling S p. V g. 02 Griesheim. Mit 3:2 gewannen die Erstlinge. Auch Eintracht Frankfurt büßte bei Germania Bieber mit 2:2 den ersten Punkt ein, und ebenso erging es den Offenbacher Kickers mit ihrem 1:1 gegen Union in Riederrad.
Sn der Gruppe Hes sen fertigte der Meister des Vorjahres, Wormatia Worms, den Liganeuling, S. V. 9 8 Darmstadt, mit 6:0 recht deutlich ab. Der D. f. L. R e u - S s e n - bürg schickte Alemannia Worms mit 3:1 nach Hause. Sn den beiden restlichen Spielen waren die Platzbesiher die Leidtragenden. Has - sia Bingen gegen S. V. Wiesbaden 0:2, wobei die Wiesbadener zum ersten Male überhaupt auf Bingener Boden Punkte gutmachen konnten, und F. Sp.V. 05 Mainz gegen F. C. 0 3 Lang en 1:2, was für die. Mainzer eine schwere Schlappe bedeutet.
Sm Bezirk Bayern erlebte die Gruppe Rordbavern die 1:2°Riederlagr des gänzlich versagenden 1. F.C. Rürnberg gegen Bayern Hof. Sp. Vg. Fürth gewann dagegen gegen den 1. F. C. Bayreuth mit 7:2 Toren und mit dem gleichen Ergebnis triumphierte auch der F. V. 04 Würzburg über den V. f. R. Fürth.
Die Gruppe Südbayern wickelte ihr Programm wesentlich geordneter ab. W a ck e r M ü n- chen gegen Teutonia München 3:2, Bayern München gegen Sahn Regensburg 4:0. und D. S. V. München gegen F. D 9 4 Ulm 2:0. Die Punkte blieben also allenthalben in der Großstadt.
Vom Bezirk Württemberg-Baden meldete die Gruppe Württemberg durchweg knappe Ergebnisse. Germania Brötzingen scheint ihre vorjährige Stärke behaupten zu wollen. Sie schlug den V. f. D. S t u t t - gart 1:0. Stuttgarter Kickers kamen gegen den 1. F. C. Pforzheim auch nur auf ein 2:1, Sportfreunde Stuttgart schlugen dagegen den F. C. Birtenfeld 4:2, und zwischen Union Döckingen und dem V. f. R. Heilbronn kam es mit 2:2 zur Teilung.
Auch in der Gruppe Baden gab es ein torloses Unentschieden zwischen F. D. V i l l i n - gen und dem F. C. Freiburg. Phönix Karlsruhe, eine stark verbesserte Mannschaft, brachte der Sp. Vg g. Schramberg die erste Riederlage mit 4:0 Toren bei. Die Sp. Vgg. Freiburg hatte den K. F. V. Karlsruhe bei sich. Mit dem hohen Ergebnis von
2:10 Toren nahmen die Gäste die Punkte mit.
Bezirk Rhein-Saar. Sn der Gruppe Rhein schlugen sich die Favoriten brav. Linde n t h a l 0 8 verlor auf eigenem Platze gegen Phönix Ludwigshafen 1:3, und D. f. R. Mannheim gegen V. f. L.Re ckarau 1:2. Sp. Vgg. Mundenheim hatte gegen den Reuling, Sp. Vgg. Rohrbach, mit 5:1 wenig Mühe, und Sp. Vgg. Sandhofen nahm dem S. V. W a l d h o f mit 2:2 einen Punkt ab.
Sn der Gruppe Saar blieben die Platzherren sämtlich siegreich. Saar 05 Saarbrücken gegen D. f. R. Pirmasens 9:0, F. C. Pirmasens gegen den 1. F. C. 07 S d ar 4:1 und F. V. Saarbrücken gegen Borussia Reunkirchen 2:0.
Oberhessen.
Landkreis Gictzen.
y. Lollar, 26. Aug. Der gestrige Haupt- gottesdicnst in Kirchberg erhielt eine besondere liturgische und musikalische Bereicherung durch die Anwesenheit von 25 Schülerinnen des Marthahauses aus dem Elisabethenstift Darmstadt, die unter Leitung ihrer Lehrerin, Fräulein Weimar, drei dreistimmige Lieder in sicherer, reiner Weise sangen. — Sie waren Gäste der gastfreundlichen Gemeinde Daubringen, von wo zur Zeit zwei Mädchen das Marthahaus besuchen. - Sn dem Gottesdienst fand die feierliche Eröffnung des Konfirmandenunterrichtes statt. Die Zahl hat, wie überall, bedeutend abgenommen. Es sind dieses Sahr nur 67 Konfirmanden, die Hälfte früherer Sahr- gänge.
= Mainzlar, 23. Aug. Rachdem bereits seit geraumer Zeit alle Materialien angefahren liegen, ist heute die Dampfwalze eingetroffen, um endlich die Provinzialftraße Daubringen — Mainzlar — Treis a. d. Lda. wieder in einen ordnungsgemäßen Zustand zu bringen. Ganz besonders schlecht sah die Treiser Straße aus. Die gesamte Straße wird zunächst aufgerissen, neu eingedeckt und dann gewalzt. Bis zu den Dorfeingängen hinein wird nach einem ganz neuen Verfahren die Straßenbefestigung vorgenommen, und zwar in der Weise, daß unter die Schottersteine ein Gemisch von Sand und einer Art Kalkstaub gebracht wird. Die Lurchgangsstraße Mainzlar -Daubringen ist gesperrt. die Umleitung des gesamten Verkehrs ist über Staufenberg—Mainzlar geleitet.
Aus dem mittleren Lumdatal, 23. Aug. Sn den letzten Tagön waren unsere Landwirte damit beschäftigt, die noch auf dem Felde stehende Ernte heimzusahren. Setzt dürfte in fast allen Dörfern unseres mittleren Tälchens die gesamte Fruchternte unter Dach und Fach sein. Dank der günstigen Witterung ist in diesen: Sahre nirgends ausgewachsenes Getreide festgestellt worden. Sm allgemeinen ist die Ernte in züglichem Zustande geborgen
worden. Liebe md die Dreschmaschinen
daran, den C.-. : 2gen auszudreschen. Der Felddrusch wird in den allernächsten Tagen beendet werden können. Durchweg ist das Druschergebnis befriedigend. — Die letzten Riederschläge haben nur die obere Bodenschicht durchfeuchten können und sind besonders den Dickwurz und Kartoffeln sehr zustatten gekommen, die ihrem Aussehen nach ein gutes Ergebnis versprechen. Seit den letzten Tagen haben auch die Stoppelerbfen, die infolge der Trockenheit im Wachstum gestört waren, ein besseres Aussehen bekommen. Sn den Gärten beginnt man mit der Herbstaussaat von Spinat und Feldsalat. — Die Preise für Ferkel halten weiterhin an. Sechs Wochen alte Simgtiere gelten durchschnittlich 30 bis 35 Mk.» 6 bis 8 Wo-
Dämonen der Zeit.
Vornan von Arthur Brausewetter.
13. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Etwas Bittendes war in ihren Worten, drang warm und suchend zu ihm hinüber.
„Run gut. So will ich es Shnen sagen: Sch tue meine Pflicht da unten in den dunklen, sonnenlosen Kontorräumen, weil ich sie tun muß. Aber mit Lust und Liebe tue ich sie nicht. Sa, es kommen Stunden, wo mir Herz und Sinne rebellisch werden, und ich sage: Lieber irgendwo das kleinste Stück Erde bebauen oder, wenn es sein soll, auf die Landstraße mit der Geige ziehen, das tägliche Brot sich erfechten, als Tag für Tag Zahlen aneinanderreihen, Rechnungen aufstellen und englische Geschäftsbriefe schreiben ... zum Geldverdienen bin ich nicht geschaffen, und einen Beruf, dessen Snhalt und Endzweck allein das Geld ist, kann ich wohl mit Aufbietung meiner übrigens nicht sehr starken Energie ausfüllen. Aber lieben kann ich ihn nicht.
Wieder glitt ein verlorenes Lächeln über ihre Lippen.
„Sie sind noch so wundervoll jung," sagte sie.
„Sind Sie es weniger?"
„Doch... doch. Die Sahre machen es nicht. Aber was man in ihnen erlebt."
Sie wollte vielleicht noch etwas hinzufügen, besann sich aber und fuhr dann ziemlich unvermittelt fort: „Es geht mir wunderbar mitShnen. Oft fühle ich mich Shnen ganz nahe, fast verwandt. Dann wieder...“
„Dann wieder?" fragte er schnell und dringend. „Werde ich inne, daß Welten uns trennen.“ „ Fräulein Edith!"
Zum ersten Male kam es ihm wunderbar vor, baß er sie bei ihrem Vornamen nannte... wie früher zu jenen Zeiten, da sie noch ein Backfisch war und er, der junge Leutnant, sich ihr gegenüber erwachsen, ja, fast alt erschien.
„Warum sollten wir beide, die wir uns heute schon soviel gesagt, nicht auch hierüber einmal offen sprechen? Sa, es ist so, und ich kann es nicht ändern." n(,
„Mas sollte uns trennen? fragte er fast zaghaft.
„Das Leben. Die Anschauungen, die wir von ihm haben. Für mich liegt es hinter mir tine etwas Abgeschlossenes, fast möchte ich sagen: wie etwas Gewesenes. Dor Shnen aber liegt es wie die Zukunft... lockend wie eine Verheißung, in die Sie sich trotz alles Schweren, was auch Sie durchgemacht haben, mit immer neuem Mute, mit erwartenden neuen Kräften stürzen. Sch hätw nicht mehr die Fähigkeit dazu... vielleicht auch nicht einmal den Wunsch mehr." ■
Shr Mund war verschlossen und nahm fast einen herben Zug an.
Eine heiße Welle stieg in ihm auf, brauste durch sein Blut. Dann mit einem Male fühlte er, daß etwas Wahres in dem liegen könnte, was sie mit so überlegten, reifen Worten gesagt.
Lind doch lehnte sich alles in ihm dagegen auf. Er wollte es nicht wahrhaben, und es verdroß ihn, daß sie einen solchen Gegensatz zwi- schen ihnen errichtet hatte.
„Es tut wohl, sich einmal über alles das aussprechen zu können," sagte sie. „Sch kann es sonst nie. Auch mit meinem Bräutigam spreche ich über diese Dinge nie. Sch glaube, ich sagte es Shnen schon einmal.“
„Aber wie...?“
Er erschrak, wollte den Satz nicht beenden — „Wie es denn kam, daß ich mich mit ihm verlobte?" fragte sie scheinbar ruhig. Aber ein leises Zittern war in ihrer Stimme, und ihr Auge irrte über ihn hinweg.
Lind dann nach einer längeren Pause: „Sch war jung... der Vater war im Felde... die Lage war bereits gespannt... vielleicht war ich damals auch noch eine andere."
Er merkte, wie schwer ihr die wenigen Worte wurden, und fragte nur, um etwas zu sagen: „Sie sind schon lange verlobt?"
„Lieber vier Sahre. Wir konnten nicht heiraten, toeil wir keine Wohnung fanden. Linser Haus hat Raum genug. Aber keinen abgetrennten. Es geht alles ineinander über. Lind daß mein Vater und mein Verlobter zusammen lebten, wäre eine Lln- möglichkeit. Das können Sie sich wohl selber sagen." Er vernahm die stille, tiefe Traurigkeit, die in ihrer leisen, stockenden Stimme war, und antwortete nichts mehr. Lind da es Zeit war, in das Bureau zu gehen, so empfahl er sich. Als er ihr die Hand reichte, glaubte er einen leisen Druck der ihren zu spüren, und ihm war, als läge etwas Anklammerndes in diesem Druck.
„Die Herren sitzen im Grundgesetz," wies der vornehme, kunstvoll frisierte Oberkellner des Ratskellers Klaus Körber bei seinem Eintritt ^Dieser begab sich die altbekannten, von elektrischen Glühlampen matt erhellten Bogengänge entlang in ein abgeschlossenes längliches Gemach, dessen getäfelte Wände Sprüche und Bilder aus alter Zeit zierten und das man, ebenso tote den Rotwein, der hier getrunken wurde, das „Grundgesetz" nannte. „ , .
Snmitten der großen Tafel thronte auf einem Holzsessel mit ledernem Polstersih und hoher ge- schnihter Lehne der Oberst. Der mit weihen Fäden durchsetzte Bart, dessen geringe Pflege heute besonders auffiel, wallte auf eine lässig gebundene dunkelgrüne Krawatte mit einer erbsengroßen Perle von wundervoll gesättigtem
Feuer herab, das Antlitz war mit einer leichten ' Röte bedeckt. Aber auf der hohen, freien Stirn und in den funkelnden, ein wenig blutunterlaufenen Augen lag der Abglanz eines stolzen Mutes, etwas Hoheitsvolles, Herrschendes.
Lim ihn schloß sich, hier und da durch einen leeren Stuhl unterbrochen, ein Kreis meist jüngerer Männer, denen man in Haltung und Klei- düng auf den ersten Blick die gewesenen Offiziere ansah. Sie saßen in der ungezwungenen Lässigkeit der Kneipenden, sprachen eifrig den vor ihnen stehenden Flaschen zu, die ohne jede Aufschrift waren, rauchten Zigaretten, unterhielten sich in lautem Durcheinander und lachten dröhnend über jeden sauberen und weniger sauberen Witz, den einer zum Besten gab. Sowie aber der Oberst an einen von ihnen das Wort richtete, nahm dieser sofort eine eherbietig.aufmerksame Miene an, machte eine Bewegung, als legte er Die Hand an die Hosenfalte, klappte vielleicht unter dem Tische unwillkürlich mit den Hacken zusammen und antwortete in streng militärischem Ton. Sa, wenn der Oberst sein Glas gegen ihn erhob, um ihm zuzutrinken, stand der also Geehrte schnurstracks auf und leerte sein Glas bis auf die letzte Reige.
Einen ganzen Teil von ihnen kannte Klaus von früher her, insbesondere von den 128ern und Grenadieren, die bei weitem am häufigsten vertreten waren; den anderen lieh er sich vorstellen und erhielt seinen Platz dem Obersten gerade gegenüber angewiesen, während zu dessen linker Seite der frühere Regimentsadjutant, Werner von Schippenbach, saß, der jetzt in einer Zuckerraffinerie tätig war. Lieberhaupt merkte man hei allem scheinbaren Durcheinander sehr bald die strenge Anordnung, die der ganzen Gruppierung zugrunde lag und früher bei solchen Gelegenheiten die gegebene war.
Rachdem der Oberst auch ihn mit einem Zu- trunt willkommen geheißen und er sich unwillkürlich gleich den anderen vom Platze erhoben hatte, traten zwei nach der neuesten Mode angezogene Herren in das Zimmer — richtig, das waren sie: der kleine Zehden und der tolle Kemp, seine alten Regimentskameraden, die, wenn sie auch als Offiziere nicht hervorragend befähigt waren und aus den Schulden niemals heraus- famen, infolge ihrer unverwüstlich luftigen Launen, ihrer abenteuerlichen Einfälle und ihrer steten Hilfsbereitschaft bei jedermann beliebte Kameraden waren. Die anderen nur flüchtig begrüßend, traten sie an den Stuhl des Obersten heran, nahmen vorschriftsmäßige Haltung an, meldeten sich gewissermaßen und erhielten dann durch eine Handbewegung des „Adjutanten" ihre Plätze zugewiesen.
„Zum Teufel auch... ist das nicht der Körber?" rief mit einem Male einer von ihnen, und beide verließen die eben eingenommenen Stühle und
stürzten -auf Klaus zu, ihn mit kameradschaftlicher Herzlichkeit zu begrüßen.
„Sie sind jetzt Korrespondent bei Reichenbach & Co.", sagte der kleine Zehden, „wir hörten es schon läuten, wollten es aber gar nicht glauben ... ne, wahrhaftig nicht."
„Wir wähnten Sie in aller Pracht und Herrlichkeit als Chef Shres alten Hauses thronen," fügte der tolle Kemp hinzu, „und wollten uns, als es uns damals ziemlich dreckig ging, schon bei Shnen schustern; ob wir nicht auch da ein bißchen unter die warme Decke schlüpfen könnten."
Klaus berührte diese Anspielung auf seinen so jäh eingetretenen Sturz wenig angenehm. Aber freilich,.. zartes Empfinden hatte niemals zu den Eigenschaften der beiden gehört.
„Lind Shr — was macht Shr denn?" fragte er, um weiteren Ausforschungen über seine Person vorzubeugen, den kleinen Zehden, der neben ihm Platz genommen, während sich der tolle i Kemp am unteren Teil der Tafel niedergelassen hatte.
„Oh, wir sind Auftrieben und haben Grund dazu. Man hat mich zum Leiter einer Fabrik für Zündhölzer gemacht, die eine leistungsfähige 21.* G. — wir haben sogar zwei Senatoren im Aufsichtsrat — hier gegründet hat. Sie müssen nämlich wissen, Herr Kam'rad, daß wir infolge der Zollunion mit Polen und der Lkbsperrung von Deutschland auf eigene Snbuftrie angewiesen sind. Sch habe natürlich meinen Anteil und stehe mich gut. Lind der Kemp verdient Haufen von Geld als Häuseragent. Es gibt heutzutage kein einträglicheres Geschäft als dies, denn alles will Häuser kaufen. Besonders die Ausländer."
„Er wird doch nicht an Ausländer verkaufen," unterbrach ihn Klaus mit einem Befremden, das er nicht zu unterdrücken vermochte, das könnte er als ehemaliger preußischer Offizier doch nicht übers Herz bekommen.
„Oke... das tut er auch nicht, er verkauft nur an Deutsche. Freilich... in wessen Händen dann schließlich solch ein Haus endet, das läßt sich nie voraussehen."
„Also sind die Deutschen nur Zwischenhändler und tragen des elenden Mammons halber das ihre dazu bei, ihr Vaterland zu verhandeln und zu verschachern."
Seine Empörung hatte jeden Zwang gesprengt und schlug in lichterlohen Flammen empor.
„Aber warum regen Sie sich nur auf, liebster Körber?" beschwichtigte der kleine Zehden. „Sie kennen die 2)erhältnisse hier in Danzig nicht. Wir sind nun eben ein internationaler Freistaat. Der unterliegt anderen Bedingungen und stellt andere Anforderungen, als Sie da im Herzen Deutschlands gewohnt sind. Sie werden sich hier auch noch ummodeln . .. warten Sie nur ab."
(Fortsetzung folgt.)


