Ausgabe 
26.8.1929
 
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Nr. M Erstes Blatt

|79. Jahrgang

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Die Illustrierte Gießener Familienblätter

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Metzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vrnck nnl» Verlag: Srühl'sche Universit«s-V»ch- ttnö Steindnickerei S. ränge in Sietzen. Schristtettung und SeschSstrfteNe: Lchuiftratz« r.

26. August J929

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Dr. Frredr. Wilh. Lange. Verantwortlich fiir Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in Gießen.

Abessinien - altes Neuland.

Von Ernst Heinrich Schrenzei.

f Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Mer Meere fern von unserer Heimat dehnt sich an der Ostseite Afrikas zweimal soviel Boden umfassend wie das Dorkriegsdeutschland das große abessinische Reich aus. Mächtige Seen umschließt es und subtropische Wüsten, fruchtbares Mittelgebirge und weithin sich deh­nende Hochplateaus, die in der Gipfelhöhe un­serer Zugspitze grünendes Weideland tragen, Dörfer und Städte, ilnb dieses Aethiopien, wie es in alten Zeiten hieß, und wie es seit der Reugründung des Reiches unter seinem popu­lärsten modernen Herrscher, M e n e l i k ll., offi­ziell wieder heißt, ist das Land der Gegensätze par excellence. Brennt bei Tag unerbittlich die Glut der Tropensonne auf seine Berge, so um­weht diese abends ein frischer Hauch von Höhen­luft, bis sie in der scharfen Kälte afrikanischer Rächte unter einem Himmel mit unwahrscheinlich leuchtenden Sternen daliegen, die uns sowohl die vertrauten Bilder des heimatlichen Firma­ments zeigen wie das Kreuz des Südens, das uns an eine fremde Erde und an einen fremden Himmel gemahnt. Unter diesem gehen in den «einzelnen Höhenlagen Flora und Fauna die verschiedensten Wege, so daß der Reisende auf dem Zuge seiner Karawane oft in ein paar Tagen, ja selbst in ein paar Stunden aus einer gana bestimmten Tier- und Pflanzenwelt in eine völlig neue wandern kann.

Roch unmittelbarer wirkt diese Vielheit in den abessinischen Städten, wo der Markt aus dem Be­reiche der ein paar Tagereisen toeiten Umgebung beschickt wird. 3n Addis-Ab eba, der auf einem 2500 Meter hohen Plateau gelegenen Hauptstadt des Landes, sieht man neben Pferden, Maultieren, Schafen und Hunden, die sich kaum von den Rassen unserer Heimat unterscheiden, das kleine Zeburind mit dem Fetthöcker auf dem Genick, lastentragende Kamele, und schon in der allernächsten Umgebung Affen mehrerer Rassen. Europäisches Geflügel gibt es hier, Perl­hühner, Geier, Adler und zahlreiche kleine Tro­penvögel mit wundervoll buntem Gefieder. 3m Grase, das die Heuschreckenarten unserer Heimat beherbergt, kann man auch Chamäleons finden, bis auf Plätze^ die tags belebt und von Autos befahren sind, dringen nachts die Hyänen, und galoppiert man in der Regenzeit über die Hoch­ebene, als ritte man durch das schlesische Land, dem sie ähnelt, kann man unversehens in einen Schwarm fliegender Termiten gelangen. Auf dem Markte von Addis-Abeba werden in verschwen­derischer Menge fast alle Gemüsearten feilge­boten, die in unserer Heimat wachsen, daneben aber frische Bananen, Kaktusfeigen, Zitronen, Orangen, Kaffee, die alle im Lande weiter südlich allerdings und in geringerer Höhenlage gedeihen.

Dieses Land, reich noch an ungehobenen Schät­zen, ist uralt. Homer singt von ihm in den ersten Versen der Odyssee, Aegyptens alte Ge­schichte erzählt vom Zuge der Königin von Saba nach Aethiopien, und die Könige dieses Landes führen den TitelLöwen aus dem Stamme 3uba und leiten ihre Herkunft von König Salomo ab. Und dies zeitenlange Alter des Landes ist bis heute lebendig und kräftig ge­blieben und spricht bis in unsere Tage laut und klar durch das Gewirr aller jungen Stimmen, Die so gern auf seinem alten Boden gelten wollten. Und wenn dieses Abessinien von den ihm vorgelagerten Meeren, dem Roten Meer und dem Indischen Ozean, getrennt und rings von englischer, italienischer, französischer Macht­sphäre umgeben bis heute als einziger Fleck des schwarzen Erdteiles ein unabhängiges Reich geblieben ist, so wird man als Erklärung hierfür nicht mit der Eifersucht der Randstaaten sein Auslangen finden. Vielmehr muh jeder, der auch nur kurze Zeit unter dem eingeborenen Volke lebt, erkennen, daß hier sehr stark aus­geprägte Eigenart, in Jahrhunderten fest ver­ankerte Gewohnheit, ein zutiefst wurzelnder Geist der Reaktion und ein klar merkbares Selbstbe­wußtsein der Bevölkerung am Werke sind. Das mag dem flüchtigen Beobachter unrichtig erschei­nen. der sieht, wie der Abessinier in der Eisen­bahn fährt oder im Automobil, wie er euro­päische Sprachen lernt, Grammophone kauft oder telephoniert. Wer aber tiefer zusieht, muß aller Zweifel ledig werden, die ihm aus dem hier lebenden friedlichen Rebeneinander von Kultur- werten verschiedener Jahrtausende erstehen könnten.

Gewiß: die strohgedeckte Hütte, die sich der Abessinier mit bloßen Händen aus ein paar Stäben und Strohstricken baut, die er mit Erde umkleidet, ist wohl die primitivste menschliche Be­hausung nach der des Troglodyten. Die Beklei­dung 6er Eingeborenen in manchen Gebieten kaum mehr als ein Lindenschurz ist auf der Urstufe oder besteht bestenfalls aus einem großen weihen Linnen, das nach bestimmten Regeln um den Leib geschlungen wird, etwas an die römische Toga erinnert und schön und malerisch aussieht. Die Kunst man kann fast nur von Kunsthand­werk sprechen ist ganz Primitiv. Der Handel wieder zeigt überwiegend das Bild der Ratural­wirtschaft Europas im achten Jahrhunderts Da­neben baut der Eingeborene europäische Häuser, kauft vereinzelt modernste Industrieerzeugnisse, kennt und benützt die Institution der Danken, nimmt blohsühig marschierend in den Krieg einen Feldmorseapparat mit, ganz ebenso, wie er sich gleich unseren Rittern um die Wende

Graf Zeppelin" in Los Angeles gelandet.

Die Lleberquerung des Pazifik. Am Montag früh 2 Llhr über Gan Franzisko. Die Strecke Japan-Amerika in 68 Stunden. - Die Landung in Los Angeles.

Los Angeles, 26. Aug. (7DIB. Drahtmel­dung.) Das LuftschiffGraf Zeppelin", das um 1.16 Uhr nachts pazifischer Zeit (10.16 Uhr MEZ.) Los Angeles erreicht hat, hat die Stadt und den Flughafen passiert und den Weg nach San Pe­dro eingeschtagen, das weiter südlich von Los An­geles an der Longbeach, ebenfalls an der 5äfle des pazifischen Ozeans gelegen ist. Ls hat dann ge­wendet in Richtung auf Los Angeles, wo es im Flughafen um 5.16 Uhr pazifischer Zeit (2.16 Uhr 7NLZ.) zu Roden gegangen ist.

Die Fahrt Über den Pazifik.

San Franzisko, 24. Aug. (WTB.) Funk­spruch vornGraf Zeppelin": Das Luftschiff befindet sich Samstag 10 Llhr vormittags M. E. Z. auf 170 Grad östlicher Länge und 43 Grad 20 Min. nördlicher Breite. 13 Uhr M. E. Z. 43 Grad 50 Min. nördl. Breite, 174 Grad 10 Win. östl. Länge. Dr. Eckener teilte mit, dahGraf Zeppelin" feine Geschwindigkeit erhöht habe, da seit Anbruch der Rächt eine Besse­rung der Wetterverhältnisse eingetreten fei. Die Geschwindigkeit betrage jetzt etwa 115 Stunden­kilometer. Das Wetter habe im Laufe der letzten 24 Stunden ständig gewechselt. Auf Perioden schönen Wetters seien Regen, dichter Rebel, Bewölkung und Gegenwinde gefolgt, die das Luftschiff zwangen, feine Geschwin­digkeit erheblich zu vermindern. Die Leitung desGraf Zeppelin" teilte der Funk­station Ochüschi ferner mit, dah sie mit arner ikanis chen Funkstatio­nen in De rbindung gestanden und von diesen Berichte über die Cmpfcmgsvorberei- tungen in Los Angeles erhalten habe. Dr. Eckener kündigte ferner an, dah er wahrschein­lich infolge des Tiefdruckgebietes im Golf von Alaska gezwungen werde, den beabsich tig- ten Be s uch in Seattle aufzugeben.

21 Uhr M. E. Z. ©tanOohi 44 Grad 20 Minu­ten nördlicher Breite, 174 Grad 20 Minuten westlicher Länge. Alles in Ordnung.Graf Zeppelin."

Sonntag, 2 5. Aug., 18 Uhr abends M. E. Z. 41 Grad nördlicher Breite und 134 Grad westlicher Länge. 1260 Kilometer von San Fran­zisko entfernt.

2 4 Uhr nachts M. E. Z. (18 Uhr abends Ostnormalzeit). 38,46 Grad nördlicher Breite und 128,24 Grad westlicher Länge, d. h. etwa 450 Kilometer von San Franzisko entfernt. Die Ge­schwindigkeit des Luftschiffes betrug etwa 108 Kilometer in der Stunde.

Leber San Franzisko.

Tausende von Menschen jubeln demGras Zeppelin" zu.

San Franzisko, 25. August. (Ass. preß. Funkspruch.) Die auf den Farallone-Jnseln sta­tionierte Marinewarte sichtete das LuftschiffGraf Zeppelin" um 6.02 Uhr abends (Montag früh 2.02 U h r M L Z.). Wenige Minuten später wurde das Luftschiff auch vom presidio in San Franzisko direkt auf das Goldene Tor zusteuernd gesichtet. Graf Zeppelin" überflog das Goldene Tor um 6.25 Uhr abends. Tausende von Menschen süllten die Hügel bei San Franzisko, um den wunderbaren Anblick des durch eine Rebelbank gleitenden fon- nenbeftrahllen silbernen Luftschiffkörpers zu genie­ßen. Der Leuchlturmwächler von poinl Reyes, das etwa 54 Kilometer nordwestlich vom Goldenen Tor liegt, dürfte das Luftschiff zuerst gesichtet ha- ben. Das Wetter war sehr klar, die Sicht- weile betrug etwa 36 Kilometer. Statt wie erwartet auf das Festland in Richtung Point Reyes zu­steuernd, bogGraf Zeppelin" vorher nach Süden ab. Das Luftschiff flog in starkem Rordwest schnell der San-Franzisko-Bay zu. Die Küstenwachtschiffe patrouillierten im Goldenen Tor, während andere Fahrzeuge demGraf Zeppelin" entge­

genfuhren. Flugzeuge mit Zeitungsberichl- erstattern flogen dem Luftschiff entgegen, umflogen es wie Infekten und eilten wenige Minuten spä­ter mit den aufgenommenen Photographien zurück. Auch ein Geschwader von Armeeflug­zeugen flog dem Luftschiff entgegen. Zwischen dem Abflug des Lustschisses von Kasnmigaura und der Sichtung in San Franzisko verstrichen nur 67 Stunden 4 9 Minuten. San Franzisko und die Orte an der Bay haben den Zeppelin nur etwa eine Stunde für sich gehabt, aber sie haben das große Ereignis der Ueberguerung des Pazifik mit Sirenengeheul von allen Schiffen im Hafen, mit dem hupen der Tausende von Autos, mit jubelnden Menschenmassen aus allen Dächern und an allen Fen­stern gebfihrend gefeiert solange der silbernglän­zende Leib des Luftschiffes von zahlreichen Flug­zeugen, Insekten gleich, umschwärmt, zu sehen war. Um 6.45 Uhr glitt das Luftschiff über Market- street, San Franziskos bekanntester Straße, da- hin und überflog dann das Sladlinnere. Diejenigen, die den Ereignissen mit dem Radiohörer an den Ohren folgten, hörten, wie die Beamten einer Funkstation sich bei der Fahrtleitung des Zeppelins erkundigten, ob ihnen da oben San Franzisko ge­falle und hörken, wie man aus der höhe antwor­tete:Ja, großartig".

Rach Ueberfliegen des presidios drehte das Luftschiff südwärts ab und schien der Küste zu

ihr weißes Licht tauchten, ehe er in der Rich­tung nach Los Angeles enffchwand.

Los Angeles in Erwartung des Luftschiffs.

Los Angeles, 26. Aug. (WTB. Funk- spruch.) Die Stadt, wie ganz Südkalifornien harrt mit gespanntester ©rtoartung dem Augenblick entgegen, wo der Zeppelin nach der Bezwin­gung des Pazifischen Ozeans auf dem Flug­platz von Los Angeles eintreffen wird. Längst vor Anbruch der Rächt hatte die Pilger­fahrt der ungezählten Tausende nach dem Flugfeld eingesetzt. Die meisten zeigten durch ihre Ausrüstung ihre Entschloflenheit, wenn not­wendig, die ganze Rächt über draußen zu lagern, um auf alle Fälle dem großen Er­eignis beiwohnen zu können. An Absperrungs­und Lleberwachungsmaimschaften stehen, wenn man Polizei, Marinesoldaten und die ebenfalls herangezogene Feuerwehr zusammenrechnet, ins­gesamt 1200 Mann zur Verfügung. Der Flug­platz war die ganze Rächt von zahlreichen kräfti­gen Scheinwerfern in Helles Licht getaucht, um auch den Zuschauern zu ermöglichen, jede kleine Einzelheit der Landung deutlich zu verfolgen. Heber 100 Flugzeuge halten sich bereit, dem Luftschiff entgegenzufliegen und ihm das Geleit zu geben, sobald es in der Ferne auf taucht. An Bord eines dieser Flugzeuge befindet sich Her­bert Hoover jun., der Sohn des Präsi­denten der Vereinigten Staaten, der durch das an Bord befindliche Mikrophon den Rundfunk­hörern eine Beschreibung der Ankunft des Zeppe­lins gibt. Zoll- und Einw andekungs- behörden haben alle Vorbereitungen getroffen, daß die nun einmal notwendigen Formalitäten sich glatt und ohne unerwünschte Zwischenfälle abwickeln.

folgen, ein Kurs, den es offenbar bis Los Angeles beibehalten wird. Ilm 7.45 Ahr Ortszeit meldete die Stadt Santa Ernzcal das Auftauchen des Luftschiffes. Dort hatte man drei mächtige Scheinwerfer bereitgestellt, die den Zeppelin aufs Korn nahmen und ihn 10 Minuten lang in

Schweres Sisenbahmmglmk im Rheinland.

Oer v 23 PansWarschau bei Düren entgleist. 13 Tote, Schwerverletzte.

Köln, 25. Aug. (WB.) Bei der Einfahrt in den Bahnhof Buir bei Düren im Rheinland ist Sonntag früh 8.04 Ahr der Schnellzug Paris War­schau mit der Lokomotive und sieben Wagen, dar­unter drei ausländischen, e n t g l e i st. 13 p e t - sonen wurden getötet, 17 Fahrgäste, meistens Ausländer, wurden schwer verletzt. Hilfszüge und Gerätewagen aus Düren und Köln- waren recht­zeitig zur Stelle. Aerzte und Feuerwehren aus der Rachbarschast eilten sofort zum Ort des Anglücks. Vertreter der Reichsbahndirektion, darunter Vize­präsident Grunzke, sowie die zuständigen Amtsvor­stände, begaben sich ebenfalls an die llnfallstelle.

Der Schnellzug war mit Reisenden b i s a u f d e n letzten Platz beseht. Die Anfallstelle liegt etwa 500 Meter von der Station Buir entfernt. Auf der Strecke werden Gleisarbeiten vorgenom­men, so daß der verkehr auf ein Nebengleis umgelegt werden mußte. Dssc Lokomotivführer hatte in Düren schriftliche Weisung erhalten, auf dieser Strecke langsam zu fahren. Augenzeugen berichten aber, daß die Stundengeschwin­digkeit schätzungsweise 90 Kilometer betragen habe. Es müsse daher angenommen wer­den, daß der Lokomotivführer sich an die Wei­sung nicht gekehrt habe. Die Anfallstelle selbst bietet ein Bild grauenhafter Zerstörung und unbeschreiblichen Durcheinanders. Die Maschine, die aus den Schienen geworfen ist, liegt mit dem Ten­der neben der Strecke. Der pack- und der Postwagen sind eine a ch t Meter hohe Böschung hin- aufgeworfen worden und ineinandergeschach­telt. Der nächste Wagen, ein wagen 2. Klasse, ist vollständig zertrümmert worden, die nachfolgenden

Wagen wurden mehr oder weniger beschädigt, während der Schlafwagen quer über den Eisenbahnschienen steht. Man ver­suchte mit Schweißapparaten dabei die Türen zu öffnen. Soweit dies nicht gelang, wurden die Dächer der Wagen aufgerissen und auf diese Weise die Toten und verletzten geborgen. Sanitätswagen aus Köln und Aachen, über 60 Beamte und 100 Sanitäter sowie die Bevölkerung der Umgebung beteiligten sich an der Hilfsaktion. Die Verständi­gung mit den Verwundeten ist sehr schwer, da sie meist nur ihre Heimatsprache beherrschen. Es handelt sich zum überwiegenden Teil um F r a n- ; osen und Polen. Unter den französischen Fahrgästen befanden sich auch Mitglieder eines pa­riser Schwimmklubs, die zu Wettkämpfen nach Ber­lin und Warschau verpflichtet waren. Einem von ihnen wurde ein Bein abgequetscht, während die übrigen mit dem Schrecken davonkamen.

Der Lokomotivführer des Unglückszuges, Rordhaus aus Hamm in Westfalen, der mit schweren Verletzungen geborgen wurde, ist mittler­weile im Krankenhaus Buir gestorben. Der Hei­zer des Zuges konnte sich noch im letzten Augen­blick durch Abspringen retten. Der Bevölkerung der ganzen Umgegend hat sich eine große Erregung be­mächtigt. Große Menschenmaffen strömen auf Au­tos, Motor- und Fahrrädern der Anfallstelle zu, die scharf abgesperrt ist. In dem benachbarten Düren feierte man am heutigen Sonntag Schützenfest, so daß in der Stadt lebhaftes Treiben herrschte. In Anbetracht des schweren Unglücks wurden alle Fest­lichkeiten in der Stadt eingestellt.

des Mittelalters mit Schwert, Speer, Schild und Feuerwaffen zugleich bewehrt. Da mag es denn freilich all den vielen Europäern, die ein Inter­esse daran hätten, den Abessiniern die Lust an Reuem beizubringen, und bei denen darum der Wunsch gar sehr der Vater des Gedankens ist, scheinen, als würde in diesem bunten Reben­einander von alt und neu das Reue rasch Die Oberhand gewinnen, als könnte hier etwa wie in Japan ein Sturmlauf zu europäischer Zivilisation, ein Triumphzug vomTechnik und Handel einsetzen: die Hoffnung für Abessinien wäre es mehr eine Befürchtung ist vergebens.

Die Bevölkerung dieses Landes hat geringe Bedürfnisse und läßt sich neue nicht einreden. Sie fühlt sich bei der bestehenden Ordnung, bei, ihrer sich nur sehr träge dem Reuen auffchliehen- den Kultur, bei ihrer traditionellen Justiz, bei allen von altersher übernommenen Institutionen wohl Sagt man dem Abessinier, seine Straßen feien schlecht, so meint er, er wäre noch 9^und genug, auf diesen schlechten Straßen bloßfußig mit einem Pferd um die Wette zu laufen.'Weist man darauf hin, daß es in den Städten keine

öffentliche Beleuchtung gäbe, so seht er dem ent­gegen, daß iym die Stunden des Tages über­reichlich für seine Arbeit genügen. Spricht man von schlechter Verwaltung, so gibt er zur Ant­wort, daß sein Land im Gegensatz zu allen Ländern Europas keine Schulden habe.

Rach dem Kriege, der den Zentralstaaten alle -ilcberfecgebiete genommen und den Eintritt in fast alle Länder versperrt hat, wandten sich die Blicke vieler Auswanderungslustiger nach dem unabhängigen Eingeborenenstaat im fernen Afrika, der so für Mitteleuropa geradezu neu entdeckt wurde. Daß es aber dennoch zu einer Auswande­rung nennenswerten Stiles nicht gekommen ist, hat seine guten Gründe und ist im Interesse der Europamüden nur zu begrüßen. Denn für jeden, der aus der Heimat nichts mitbringt als eine durch die harte Zeit zerbrochene Existenzmöglich- keit, ist Aethiopien trotz seines Reichtums zum Aufbau eines neuen Daseins weniger geeignet als jede Ueberfeefolonie, weil ihm jede Organisation zur Aufnahme fremder Elemente fehlt, denen man für einen langen und schweren Anfang reiche Hilfe angedeihen lassen mühte, zu deren Ge­

währung im Lande alle Möglichkeiten mangeln.

In diesen Verhältnissen aber wie in allen Belangen Abessiniens kann schon in naher Zu­kunft eine wesentliche Aenderung eintreten, denn der alte Eingeborenenstaat, der heute noch wie ein Stück -Urtoelt in unseren hastenden modernen Tag ragt, umfaßt das Gebiet der Quellen des Blauen Ril und damit einen Angelpunkt der weltpolitischen Interessen Großbritanniens. Wenn diese Sachlage vielleicht auch in naher Zeit noch nicht zur Annektierung des Landes durch die europäischen Kolonialstaaten führt, so ist. doch dort schon seit einer Reihe von Jahren eine in­tensive friedliche Durchdringung des Landes von feiten der europäischen Interessen am Werke, insbesondere, seit der augenblickliche Regent Abessiniens, Reaus Safari, die Aufnahme Abes­siniens in den Völkerbund erwirkt hat und eine ganze Reihe weitreichender vertraglicher Bindun­gen mit den europäischen Großstaaten eingegan­gen ist. So dürfte Olbeffinien berufen erscheinen, schon in naher Zukunft eine bedeutende Rolle im internationalen staatlichen Leben zu spielen.