Nr. 175 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Zreitag, 26. Juli 1929
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Frankreichs politische Isolierung.
Don unserem ständigen v. L. ^.-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Paris, 22. 3uIL
Bei den großen internationalen Konferenzen, wenn die Vertreter der Staaten aus fast der gesamten Welt sich zusammenfinden, insbesondere aber auf Len Genfer Tagungen, konnte man immer wieder mit Erstaunen feststellen, wie groß die Achtung und Liebe fast aller Völker für Frankreich, für die französische Kultur ist. Nicht nur bei den romanischen, nein, auch gerade bei germanischen Völkern, wie beispielsweise bei den Schweden und Dänen, ist diese Liebe für Frankreich ein lief eingewurzeltes Empfinden, an dem auch der Kr eg und manche Sympathien für Deutschland nichts haben ändern können. Denn Frankreich ist in den Augen des größten Teiles der Welt das Land der höheren und älteren Kultur, und französische Lebensformen, Kleider und vor allem die französische Küche sind für sie vorbildlich. Auch in Deutschland sagte man vor dem Kriege, daß jeder Mensch zwei Heimaten hätte, seine eigene und Frankreich. Diese seltsame Anziehungskraft Frankreichs, nicht der Franzosen, hat ihren Ursprung sicherlich in der harmonischen Entwicklung dieser viel- hundertjährigen Kultur. Sie wird von den Franzosen in überaus geschickter Weise für ihre Zwecke und vor allem für ihre politischen Ziele verwertet.
Noch heute, obgleich die Nachkriegspolitik Frankreichs der übrigen Welt längst die Augen geöffnet haben müßte, spielen sich die Franzosen als die Hüter der freiheitlichen Ideale und als die Bahnbrecher jeden modernen Fortschrittes aus. In höchst raffinierter Weife wird das demokratische Ideal (das überall außerhalb Deutschlands als das höchste politische Ideal überhaupt gilt!) als französische Errungenschaft und im Gegensatz zu Reaktion und Sozialismus der zweiten und dritten Internationale hingestellt. Eine Versinnbildlichung dieses demokratischen Ideals soll auch die Briandsche Idee der Vereinigten Staaten von Europa fein.
Hier hat sich nun zum ersten Male ganz deutlich die Zugkraft einer demokratischen Idee, die von Paris ausging, nicht bewährt. Ganz klar haben Berlin und London abgelehnt, und ihnen folgte die Mehrzahl der größeren und kleineren Staaten, sowe't sie es wagen konnten, gegen Frankreich Opposition zu machen. Denn zu deutlich war die gegen die Vereinigten Staaten gerichtete Spitze, sowie der Versuch des französischen Imperalismus, seinen Einfluß auf die Geschiße ganz Europas auszudehnen.
In einer der letzten Sitzungen der Kammer begann Briand mit den Worten, Frankreichs internationales Ansehen hätte durch die Kammerdebat- tcn der letzten Wochen, vor allem durch die Schwierigkeiten der Ratifizierung der Schuldenabkommen wesentlich verloren. Nach Annahme der Ab- lommen mit den Vereinigten Staaten und England werde Frankreich seinen alten Einfluß, so hoffte Briand. wiedergewinnen, einen Einfluß, den er für die Verhandlungen auf der bevorstehenden internationalen Konferenz dringend notwendig habe.
Briand hatte mit dem ersten Teil seiner Bemerkung sicherlich recht, doch irrte er sich, wenn er der Ratifizierungsdebatte der Kammer die Schuld für die Schmälerung des französischen Ansehens allein zuschob. Der Grund lag sehr viel tiefer und ist in der gesamten französischen Außenpolitik zu erblicken, bei der sich die hochtrabenden, idealistisch gefärbten Aussprüche der französischen Staatsmänner und die tatsächlichen Handlungen in fo seltsamem Gegensatz befinden. Das hohe Ansehen, das Frankreich nicht zuletzt als „schmerzensreiche Mutter des Sieges" — diese theatralischen Worte stantmen von dem früheren Ministerpräsidenten Herriot — genoß, ist verblichen, und an seine Stelle tritt langsam, aber immer deutlicher 7»as rachsüchtige und habgierigeFrank- reich, das nicht zuletzt in den Augen der Angelsachsen durch seine Haltung in dem letzten Halbjahre bewiesen hat, wie wenig es ihm um ideale
Werte zu tun ist. Hier darf man den Einfluß der Pariser Reparationsoerhandlungen nicht unterschätzen, die vielen ehrlichen Freunden Frankreichs, insbesondere unter den angelsächsischen Vertretern, die Augen darüber geöffnet haben, wie weit Frankreich davon entfernt ist, in einem weiten europäischen Sinne an der gemeinsamen Lösung von Aufgaben zu arbeiten, von denen die wirtschaftliche Zukunft Europas und mit ihr auch Frankreichs abhängt. Die Stellung, die Frankreich in der Rheinlandfrage einnimmt, die es den Reparationen und dem Schuldenproblem gegenüber hat, die immer wieder die große Mehrheit des französischen Volkes erhitzen, hat die wahre Psyche Frankreichs enthüllt. Was ist nicht alles in dieser nicht endenwollenden Kammerdebatte an Haß und Anklage gegen das Ausland, gegen Deutschland, England und die Vereinigten Staaten zu Tage gekommen! Als die vorzeitige Rheinlandräumung von sozialistischer Seite zur Debatte gestellt wurde, da hätte man glauben sollen, daß Frankreich dieses Pfand, das heute keinerlei Bedeutung mehr weder für die französische Sicherheit, noch für die französischen Forderungen hat, mit einer großzügigen Geste hätte preisgeben sollen! Längst nicht die Hälfte der Abgeordneten hat dagegen für die vorbehaltlose Rheinlondräumung gestimmt, und Briand selbst, der das Wort „deutsch-französische Verständigung" ständig im Munde führt, hat deut- lich durchblicken lassen, daß er gegen die Rheinlandräumung sei, solange nicht Frankreich andere wertvolle Vorteile dafür einhandeln könne. In England und in den Vereinigten Staaten hat man denn auch dementsprechend auf die Verhandlungen der französischen Kammer reagiert.
Schon werden Stimmen in Paris laut, die von der ernsten Gefahr sprechen, die Frankreich läuft, in kurzer Zeit isoliert unter den Großm ächten dazu stehen, wenn es sich nicht in letzter Stunde zu einer Politik der Verständigung entschließe, die es solange schon auf den Lippen führt und die in allen anderen Staaten der Welt als einzige Nettung aus den nicht aufhörenwollenden Schwierigkeiten der Nachkriegszeit betrachtet wird. Die französischen Stimmen mehren sich, die schweres Anheil für Frankreichs Zukunft, vor allem für seine Wirtschaft und seinen internationalen Kredit befürchten. Sehr bezeichnend hierfür ist ein kürzlich im „Temps" veröffentlichter Artikel, der die von Frankreich und Deutschland gemeinsam zu lösenden Wirtschaftsprobleme aufzählt und mit großem Nachdruck dafür eintritt, endlich die Vergangenheit zu vergessen und das Trennende zu überbrücken.
In Frankreich zweifelt man heute nicht mehr an dem guten Willen Dr. Stresemanns und eines großen Teiles des deutschen Volkes. Man spricht dies mit erfreulicher Offenheit auch aus. In Deutschland dagegen ist Briand, der vielen als ehrlicher Pazifist galt, auf dem besten Wege, sein Ansehen als ehrlicher und offener Politiker zu verlieren. Diejenigen, die ihm niemals trauten, werden recht behalten. Sie werden unterstützt durch linksgerichtete französische Pressestimmen, die täglich Briands Charakter als schwankend und unzuverlässig hinmalen. Sicherlich wird dieses Mißtrauen zu dem französischen Staatsmann nicht ohne Einfluß auf die zukünftigen deutschfranzösischen Beziehungen sein. Die internattonale Konferenz könnte Briand die Möglichkeit geben, seinen Nuf als offener Friedensfreund wiederherzustellen. Fürs erste hat es nicht den Anschein, als ob er in dieser Dichtung auch nur die geringsten Bemühungen machen wird. Die Stimmung der eigenen Kammer und die Zustimmung der chauvinistischen Presse scheint ihm wichtiger zu sein, als an ein gemeinsames Werk der wirtschaftlichen und politischen Befriedung heranzugehen.
So wie die Verhältnisse heute liegen, hat Deutschland auf der internationalen Konferenz viel zu gewinnen, wenn die deutsche Regierung und die deutschen Vertreter sich entschließen, auf einer internationalen Konferenz
Hände hoch!
Erlebnis auf Korsika.
Von Werner Illing.
Wir setzten uns auf die Bank. Die Dame aus dem Hotel leidet an vielen Schicksalen. Sie ist ja auch noch jung und recht hübsch. Diele Schicksale reisen nach dem Süden, um von sich zu reden. Das blaue Wellengerinsel über dem Meer, violett zerfUeßande Berge hinter der Bucht und in der Nähe hemmungsloses Blühen und Duf- ten: darin rahmt sich bleiche nordische Enttäuschung und Sehnsucht so bedeutend. Jede Träne schimmert hier in vielfarbenem Abglanz..
Es dämmert stark. Als es noch hell war und die Schönheit um uns noch verhältnismäßig wirklich, hat die Dame von sich erzählt. Ieht beginnt sie zu fragen. Ob sie auf die zärtlichen Briefe ihres schuldig geschiedenen Mannes antworten solle. Ich höre heraus, daß sie es brennend gern möchte und erlaube es ihr. Ob sie sich die Tischgesellschaft des Brasilianers, der sie so dringend anschaut, als habe er nicht viel Zeit, verbitten soll. Warum? Ich finde den Brasilianer ganz nett. Er ist wundervoll angezogen, trägt einen sehr vornehmen, blauen Siegelring am Zeigefinger, scheint häufig zu baden und bildet sich an Wallace. Ich rate ihr ab, mit ihm zu brechen. Sie dankt es mir durch einen Madonnenblick von halb unten.
And nun kommt etwas ganz Großes. Die Dame wendet sich mir zu, legt ihre zarte Hand 'vertrauensvoll, doch leicht auf meinen Arm, lächelt mich kindlich verlegen an — sie hat einen reizenden Mund — und sagt leise, genau so leise, wie der Abend um uns ist: „Ich habe eine letzte Frage, die mir sehr, sehr schwer auf dem Herzen ruht. Aber Sie müssen mir im Voraus versprechen, ganz offen, ganz rückhaltlos zu antworten..."
Im gleichen Augenblick bringt eine fremde Stimme an mein anderes Ohr. Sie spricht noch lerser, aber unangenehm zischend und einbring* „Levez les mainsl« - „Hände hoch!"
Die doppelte Anrede verwirrt mich. Ich wende vorsichtig den Kopf nach der anderen Seite,
ganz unhöflich kehre ich mich von der Dame ab und blickte geradeswegs in zwei Revolverläufe. Es ist durchaus noch nicht so dunkel, daß ich das nicht genau erkennen könnte. Ich denke an meinen schönen, starken Darnbusstock, den ich über die Lehne der Dank gehängt habe. Schon fliegt er in das Gebüsch. Die Dame stößt einen leichten Schrei aus. Ich höre, wie sie aufspringt, aber ich sehe nicht nach ihr hin. Die beiden runden, schwärzlichen Feuerrohre sind ja schließlich nur auf meine Augen gerichtet.
„Levez les mains!" zischt es energischer. Es ist also an der Zeit, sich zu erheben. Sie mögen es für eine anmaßende Heber treibung halten, das kann ich nicht ändern, aber ich versichere l^nen: ich sprang nicht auf, wie von der bekannten Tarantel gestochen, ich riß nicht meine Arme empor gegen den gestirnten Himmel, sondern ich stand schwerfällig auf, beinahe majestätisch, meiner übernormalen Figur in voller Höhe und Breite bewußt, stehe nun und frage dumpf: „Was wollen Sie?"
Das, ich gebe es zu, ist keine geiftgetriebene Frage, denn ich weiß natürlich genau, was die beiden Revolver von mir wollen. Sie verzichten mit Recht auf eine Antwort und rücken mir stumm bis knapp vor die Brillengläser. Ietzt, denke ich, ist's immerhin an der Zeit und bringe langsam meine Arme in die gewünschte Lage, die ich von manchem Kinostück her kenne.
Es ist eine sehr lächerliche Lage.
Ich kalkuliere: die beiden Briganten sind bestimmt Anfänger in ihrem Fach, höchstens achtzehn oder zwanzig Iahre alt, schmächtige Bürschchen, die vor ihrem eigenen Mut zittern. Sie haben sich Taschentücher über die Nasen gebunden. Ihre Gesichter, soweit ich sie sehen kann, sind ebenso kalkweiß wie die improvisierten Masken. Wahrscheinlich haben sie ihren Mädchen einen vergnügten Abend versprochen und wollen einen Dollarkönig dafür bezahlen lassen. Die Armen. Ich habe das Bedürfnis, ihnen gut zuzureden und versichere, daß ich kein Geld bei mir habe, aber sie glauben eS mir nicht. Der eine reißt mit der linken Hand meinen Rock auf, reißt die Brieftasche heraus, gibt sie hastig feinem Komplizen mit einem triumphierenden
einmal auch hart zu bleiben. Es ist nicht richtig, wenn man in Deutschland an zuständiger Stelle von der kommenden Konferenz sagt, daß die internationale Lage für Deutschland sehr, sehr kompliziert sei, um sich dann nachher über die kleinsten Erfolge außerordentlich befriedigt zu zeigen. Qm Gegenteil, die internationale Lage ist so günstig, daß Deutschland auf dieser Konferenz, in der, wie wir andeuteten, Frankreich, abgesehen von Belgien, isoliert dastehen wird, viel, wenn nicht alles, was von deutscher Seite gefordert werden wird, erreichen kann. Wenn man in Deutschland einmal von der Voraussetzung ausgehen würde, daß es klüger wäre, die Konferenz ergebnislos auseinandergehen zu lassen, wenn nicht Rheinland und Saargebiet geräumt würden, dann wäre schon viel gewonnen. Was sehen wir aber statt dessen? Bereits jetzt läßt die Reichsregierung durchblicken, daß sich sehr wohl über eine Kontrollkommission bis 1935 sprechen ließe, obgleich es doch auch in Berlin klar sein müßte, daß diese „Feststellungs- und Dersöhnungs- komission", an der nur der Name schön ist, wenn sie einmal ins Leben gerufen würde, sobald nicht verschwinden wird. Man sollte sich doch einmal in Deutschland sagen, daß die französische Regierung praktisch gar kein entscheidendes Gewicht auf diese Kontrollkommission legt, daß sie nur dem Drucke ihrer eigenen Landsleute und einer i r re ge f ü h r t e n französischen Oeffentlichkeit folgt, wenn sie mit so großer Hartnäckigkeit auf der Kontrollkommission beharrt.
Die Kammerdebatte hat bewiesen, wie außerordentlich viel Frankreich am Voungplan gelegen ist. Die ganze Angst der Abgeordneten um seine Ablehnung durch Deutschland sprach aus fast jeder Rede. Frankreich braucht den Voungplan. Die Stimmung für den Voungplan wird sich in Frankreich nach Annahme der Schulden abkommen mit England und den Bereinigten Staaten noch weiter verstärken, da nur der Voungplan es Frankreich ermöglichen kann, die Schuldenabkommen zu erfüllen. Hier besitzt Deutschland ein Mittel, um durch Annahme des Voungplanes alles zu erzwingen, was für die deutsche wirtschaftliche und politische Entwicklung notwendig ist und vor allem die Räumung des Rheinlandes und des Saargebietes durchzusetzen. Wenn man den Voungplan schon annimmt — ob das richttg war, darüber kann man ja verschiedener Auffassung sein —, so soll man sich doch wenigstens so teuer wie möglich verkaufen
Aus der Prvvinzialhauptstadt.
Gießen, den 26. Iuli 1929.
Finanzamt und Versorgungsamt im neuen Heim.
Dor einigen Tagen haben das Finanzamt und das Versorgungsamt ihre Bureaus aus dem bisherigen Amtsgebäude, der alten Minik, nach dem neuen Amt shaus an der Ecke Goetheftraße und Lessingftraße verlegt. Wer die vielen Unzulänglichketten der früheren Amtsräume gekannt hat und nunmehr die schönen neuen Bureaus sieht, wird ermessen können, daß die Beamten der beiden öffentlichen Dienststellen mit dem Tausch sehr zufrieden sind. Der Bau ist durchaus nicht etwa in prunkvoller Weise errichtet worden, er ist vielmehr ein ausgesprochener Zweckbau, bei dem Schlichtheit in allen Dingen und doch glücklichste Gestaltung in der Gesamtheit und in der Znneneinrichtung der Grundzug sind.
Betritt man das Finanzamt, so findet man beim Eingang zur Rechten ein Auskunftsbureau, durch eine Windfangtür hindurch gelangt man in die große Halle, in welcher ein Wegweiser in Gestalt einer riesigen Wandtafel dem Publikum anzeigt, wohin es sich zur Erledigung seiner Anliegen zu begeben hat. Im Erdgeschoß befindet sich der große und lichte Saal der Finanz - lasse, in dem die zahlreiche Beamtenschaft beste gesundheitliche Vorbedingungen bei der Erledigung ihrer Dienstgeschäfte hat. Der Kassenbetrieb selbst ist natürlich mit allen technischen Errungenschaften der Neuzeit ausgestattet, um den Betrieb so rationell und billig wie möglich
„voila* und husch ... verschwinden beide im Gesträuch.
Ich lasse die Arme sinken und habe dcrs Gefühl, Herr der Situation gewesen zu sein. Die Dame steht starr und schlank, die Hände wie Kerzen hoch über dem Kopf. Ihre Augen sind leer und bläulich-weiß vor Schreck. Ich erlöse sie durch ein gemütliches und wohlgelungenes, männliches Lachen.
„Die jungen Leute haben wirklich Pech," sage ich obenhin. „Es war wirklich fein Geld in der Brieftasche, kaum soviel, wie für ein Abendessen, nur Ausweispapiere und ein paar Adressen. Unangenehm genug, aber ersetzlich...." Ich lege den Arm um ihre Schulter und führe sie sanft zum Hotel. Sie dürste sich etwas hilfsbedürftiger gegen meine Schulter schmiegen, denke ich, aber sie geht ganz gerade, korrekt, beinahe abweisend neben mir und spricht kein Wort. Während ich in der Telephonzelle verschwinde und energisch die Polizei verlange, entschwebt sie grußlos über die Treppe in ihr Zimmer. Der Mann am anderen Ende des Drahtes ist geduldig. Er redet mir gut zu, mich nicht aufzuregen und kündigt sofortige Recherchen an.
Die Sache hat jetzt ihre amtliche Seite, ich kann beruhigt nach Hause gehen.
Am nächsten Morgen bringt mir der Chef den Spazierstock. Den haben sie im Gebüsch gefunden Etwas später, zu schicklicher Zeit, steige ich nieder ins Hotel, um die erschreckte Dame nach ihrem Befinden zu fragen.
Sie ist mit dem ersten Zug abgereift.
Auch der Brasilianer ist von der Gästetafel gelöscht. Vielleicht hilft er der Dame, ihre letzte und wichtigste Lebensfrage zu lösen, ohne brutal unterbrochen zu werden.
Hochschulnachrichten.
Das Badische Staatsministerium hat den planmäßigen außerordentlichen Professor für Musikwissenschaft an der Universität Freiburg L D. Dr. Wilibald Gurlitt die Amtsbezeichnung und die akademischen Rechte eines ordentlichen Professors verliehen. Prof. Gurlitt, der erst vor kurzem einen Ruf als Nachfolger von Prof. Max Schneider auf das Ordinariat der
durchzuführen: u. a. wird hier bei der QQm fertigung der Zahlenden sogar der Betrieb mit lausendem Band benutzt. Heber eine breite und bequeme Treppe, durch ein helles und freund* lich gestaltetes Treppenhaus gelangt man in daS erste und zweite Obergeschoß, wo in hellen und luftigen Zimmern die übrigen Dienststellen deS Finanzamtes gute Unterkunft gefunden haben. Hier reihen sich die Bureaus zu beiden ©eiten ter Korridore in übersichtlicher Einteilung aneinander an, ferner befindet sich in diesem Teil« des Baues auch der sogenannte Adremas Raum, eine Wirkungsstätte, in der mit Maschinen neuesten Systems gearbeitet wird, um das umfangreiche Adressenmaterial (daher der Name „Adrema") herzustellen, ferner mit Hilfe der Maschinen Erleichterungen für den Duch- haltungsbetrieb zu schassen. Weiter befindet sich hier ein großer Sitzungssaal. Im übrigen sind beim Finanzamt noch eine Anzahl Räume al8 Reserve vorgesehen, die bei einer etwaigen Erweiterung des Dienstbetriebes sofort in Benutzung genommen werden können.
Die gleichen räumlichen Vorteile wie beim Finanzamt findet man auch bei dem Vers or- gungsamt. Auch hier sind die Beamten nunmehr in einwandfreier Weise untergebracht und alle Vorbedingungen gegeben, von denen sowohl ein freudiger Dienstbetrieb wie auch ein reibungsloser Verkehr mit dem Publikum abhängen. Die Bureaus machen auf den Besucher einem sehr guten Eindruck, nicht zuletzt auch durch die blitzblanken Möbel, die aber nicht etwa neu sind, sondern lediglich die alten Möbel nach durchgeführter Auffrischung darstellen. Im Erdgeschoß findet man hier die ärztlichen Unter* suchungsräume, in den übrigen Teilen des Amtes den weitverzweigten Dureaubetrieb.
Die Beheizung des großen Baues erfolgt durch eine große Zentralheizungsanlage neuesten Systems, bei der größte Wirtschaftlichkeit gewährleistet wird. 2m ganzen ist zu sagen, daß unsere Stadt durch diesen Neubau der Reichsbehörde um einen schönen und zweckmäßigen Bau reicher geworden ist.
Zum Brand
in den Gailfchen Tonwerken.
Im Anschluß an unsere Berichte über dieses bedauerliche Drandunglück ist noch mitzuteilen, daß nunmehr nach dem vollständigen Löschen der letzten Brandstellen eine nähere Prüfung möglich war. Hierbei stellte sich heraus, daß die Ringofenanlage als solche erfreulicherweise >n> ich t zerstört, sondern an einigen Stellen nur beschädigt ist. Auch die gestern berichtete Schätzung der Schadenshöhe ist nach einer näheren Prüfung des Sachverhalts als zu hoch zu bezeichnen. Im übrigen wird die Fabrikation des Werkes und die Lieferung fast sämtlicher Erzeugnisse unter Inanspruchnahme der völlig^ unversehrt gebliebenen Abteilung Ziegelei ungestört fortgese tz t. da auch das Verwaltungsgebäude vollständig unbeschädigt geblieben ist. Cs sei noch vermerkt, daß die großen Bestände der Fertigerzeugnisse auf dem Tonwerk von dem Feuer völlig unberührt geblieben sind.
Säten für Samstag, 27. Juli.
WSN. Sonnenaufgang 4.16 Uhr, Sonnenuntergang 19.56 Uhr. — Mondausgang 22.22 Uhr, Monduntergang 10.14 Uhr.
1794: IX. Thermidor des Iahres II: Sturz Robespierres. — 1830: Beginn der Pariser Iuli* revolutton. — 1841: der russische Dichter Michael Lermontow bei Piatigerek gestorben. — 1924: der italienische Musiker Ferruccio Dusoni in Berlin gestorben.
Bornotizen.
— Tageskalender sürFreitag: Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Die schönste Frau von Paris": auf der Bühne: Gastspiel des Schönheits* Balletts Cellh de Rheidt. Vorstellungen 16, 18.30 und 20.30 Uhr.
** Don der Luftpost. Mit den um 13,20 und 14.40 Uhr auf dem hiesigen Fluplah ab* gehenden Flugzeugen werden Luftpostsendungen (gewöhnliche und eingeschriebene Briefe sowie Postanweisungen und Pakete mit der Bezeich*
Musikwissenschaft und als Direktor des Musikwissenschaftlichen Seminars und Akademischen Instituts für Kirchenmusik an der Universität Breslau abgelehnt hat, ist aus Dresden ge* bürtig, war Schüler und Assistent Hugo Rie* manns und lehrt seit 1919 an der Freiburger Universität, wo er Direktor des von ihm gegründeten Musikwissenschaftlichen Instituts ist. — Der in der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn neu errichtete Lehrstuhl für Neues Testament ist dem ordentlichen Professor D. Karl Ludwig Schmidt in Iena angeboten worden. Der Neutestamentler Schmidt, der aus Frankfurt a. M. gebürtig ist, widmete sich in Marburg und Berlin dem Studium der Theologie und klassischen Philologie, promovierte 1913 zum Lic. theol., war dann viele Iahre Assistent am Neutestamentlichen Seminar in Berlin und erwirkte 1918 seine Zulassung als Privatöozent in der Berliner Theologifchen Fakultät, wo er später einen Lehrauftrag zur Vertretung der Geschichte und Sprache des Septuaginta erhielt. Im Herbst 1921 kam Schmidt als Ordinarius nach Gießen als Nachfolger von Prof. Dultmann und 1925 nach Iena als Nachfolger Weinels. Die Berliner theologische Fakultät ernannte ihn zum Ehrendoktor. Professor Schmidt ist Herausgeber der ..Theologischen Blätter". — Der durch das Ableben des Professors W. Völh an der Universität Königsberg erledigte Lehrstuhl der Tierzuchtlehre ist dem ordentlichen Professor Dr. Ionas Schmidt in Göttingen angeboten worden. — Der a. o. Professor der englischen Philologie und Direktor des Englischen Seminars und Proseminars an der deutschen Universität in Prag Dr. phil. Leo v. HibIer hat einen Ruf auf das neugegründete Ordinariat für Wirtschaftssprache und Wirtschaftskunde des britisch-amerikanischen Sprachgebiets an der Handelshochschule Leipzig erhalten und zum kommenden Wintersemester angenommen. Prof. v. Hibler wurde 1884 zu Gillian in Tirol geboren.
Dr. Franz Baur in Frankfurt a. M. ist ein Lehrauftrag für die Anwendung der mathematischen Statistik auf geophysikalische Probleme in der naturwissenschaftlichen gafultät der dortigen Hniberfität erteilt worden.


