Nr. 147 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)" Mittwoch, 26. Zunl 1929
Der Wahlsieg der Buren in Südafrika.
Gegen dleGleichberechNgungderIarbiaen-GegendieIorzugsbehand.ungSnglan-s.
Don unserem k-Derichterstatter.
Frau Quirl.
Don Elsa Maria Bud.
Kannst du denn nie die Sachen auseinanderhalten," schrie Peter und tat so, als müsse er sich die Haare raufen. Aber er krallte nur symbolisch die Hände in der Luft, denn der Haupt- schmuck war nicht so üppig bestellt, und er legte Wert auf Dollständigkeit der äußeren Erscher- nung.
„Du hast doch gesagt, wenn Silberberg anruft, soll ich ihm sagen, daß du auf lange Zeit im Ausland, ja, weil du den Kerl net leiden, ja — — unö wenn Goldheim, von dem das neue Chenue- 6U^EBo läßt du denn die Derben, Lilli, du kannst doch nicht die Derben verloren haben?
Peter warf sich lachend auf die Polsterbank des Abteils. Lilli lag schmollend gegenüber und puddelte mit spitzen Fingern an ihrem Hand- läschchen. Das hatte Reih-Derschluß, mit einem Ruck auf und zu, rih-rah.
„Laß mich mit deinen Derben, ja. Ich kann auch ohne, ja. Lind sowas mit Silber und Gold ich nie auseinander--ob der nun das fabelhafte Chemiebuch oder der andere--
Rih-rah, rih-rah.
■ „Weib, entsetzlicher Kindskopf, das ist wichtig I Holdheim, der heißt nicht Goldheim, will mir tm Herbst eine größere Stellung verschossen — dem sagst du, daß ich nach Innerchina abgereist bin. Er muß dich für verrückt halten oder mich für einen Schwindler. Lind an Grünberg habe ich einen Brief geschrieben, ich habe ihn um eine Unterredung gebeten — über sein Buch
Ja, über sein Buch —" wiederholte Lilli bockig, mit rih-rah. „Das weiß ich lange, was erzählst du mir schon immer dieselben Ge- schichten?"
Peter sah zur Abteildecke, schnaufte durch die
Nase: , . _
„Himmel! Gib mir einen Leitfaden durch das
Labyrinth in Lillis Kopf!"
„Leitfaden. Herr Doktor---schulmeister
liche Anwandlung —“
Rih-rah. „
„Derbum!" schrie Peter und klappste ihr, hast- dugesehenl eins hinten drauf.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
London, Juni 1929.
Die Wahlen zum Südafrikanischen Parlament gaben mit einem überraschenden Siege der Natio- nalisten-Partei des Generals Hertz og, die man wohl als die eigentliche Burenpartei in Süd» afrika bezeichnen kann, geendet. Die bisherigen Verbündeten der südafrikanischen Nationalisten, die sog. Südafrikanische Arbeiterpartei, haben hingegen infolge starker Unstimmigkeiten in den eigenen Reihen eine überaus schwere Niederlage erlitten. Trotzdem wird der General Hertzog seine Regierung fortsetzen können, da es ihm gelungen ist, eine sichere parlamentarische Mehrheit zu erfechten, die es ihm für den Notfall gestattet, unter Umständen auch ohne die Arbeiterpartei im Parlament zu regieren. Allerdings hat Hertzog bisher nicht die Absicht geäußert, sich von der Arbeiterpartei zu trennen, sondern ist im Gegenteil entschlossen, mit die er zusammen weiterzuarbeiten, wohl, um auf die e Weise möglichst sicherzustellen, daß die Beschlüs e seiner Regierung von der Zweidrittel- Mehrheit gebilligt werden, die er benötigt, um seine Wahlgesetzgebung durchzuführen. Das ist für die Gegner der bisherigen Regierung, die Südafrikanische Partei Smuts, die gehofft hatten, die bisherige Verbindung zwischen Hertzog und der Arbeiterpartei lösen zu können, e-ne bittere Enttäuschung. Diese ist um so größer, als während des Wahlkampfes die Gegensätze zwischen den Nationalisten und der Südafrikanischen Partei sich so sehr verschärft haben, daß man die Nationalistenpartei Hertzogs fast als eine Partei der Buren und die Südafrikanische Partei Smuts jetzt nur noch als eine Partei der Engländer und Englandfreunde bezeichnen kann.
Der Wahlsieg, den die Buren somit erfochten haben, ist um so größer, als es seit Jahren zum erstenmal gelungen ist, klare Fronten in der Eingeborenenfrage zu schaffen, in der die englischen Interessen und die der Buren auf das schärfste zusammenstoßen. Smuts hat hier seit Jahren die Ansicht verfochten, daß die Zeit für eine Beteiligung der Eingeborenen an der Selbstverwaltung gekommen sei, und daß daher den Farbigen ein Wahlrecht, wenn auch in begrenzter Form, gewährt werden müsse. Es sei des weißen Mannes unwürdig, die Farbigen, deren Zivilisation und Bildung nicht länger bestritten werden könne, von der Mitverantwortung auszuschließen, und ihnen die Rechte zu versagen, die ihnen anderswo im Britischen Weltreich gewährt wurden. Eine Fragestellung, die bis zu einem gewissen Grade berechtigt erscheint, wenn man bedenkt, welche Bedeutung die Einge« borenenfrage in Südafrika für die gesamte Entwicklung der farbigen Völker hat, die die Entrechtung ihrer Stammesgenossen gerade in der Südafrikanischen Union auf das bitterste empfmden. Ist doch nur aus den schweren Kämpfen zwischen „Schwarz und Weiß", die sich in Südafrika seit etwa drei Jahrzehnten abspielen, verständlich, warum es überhaupt in Afrika eine farbige, auf politische Emanzipierung abzielende Bewegung gibt. Smuts, und mit ihm die Engländer, befürchten, vielleicht nicht zu Unrecht, daß die Verweigerung des Wahlrechtes für alle Farbigen allmählich zu Zuständen führen könnte, die schließlich mit völliger Revolutionierung der farbigen Bevölkerung in der südafrikanischen Union, zumindest in den großen Küstenstädten, enden könnten.
Demgegenüber hat die Nationalistenpartei unter Hrrtzog in der Frage des Wahlrechtes der Farbigen stets einen ablehnenden Standpunkt vertreten. Nicht, daß Hertzog an eine völlige Verweigerung jeglicher politischen Rechte der Farbigen gedacht hätte. Auch die Buren sehen die Gefahren der Politisierung der Eingeborenen durchaus ein. Aber sie wünschen, daß Unterschiede gemacht werden zwischen den Farbigen und den Weißen und zwischen den Farbigen untereinander. Denn selbstoer-
ständlich würden es die Buren als eine Schmach empfinden, wenn die Farbigen mit ihnen einfach nach simplem demokratischen Prinzip gleichberechtigt sein würden. Dazu erscheinen ihnen die Kulturunterschiede zu groß. Hertzog verficht daher seit Jahren die These, daß man nur einem bestimmten Teil der Eingeborenen ein begrenztes Wahlrecht geben soll, daß nur bestimmte Teile Südafrikas für die wirtschaftliche Entwicklung der Eingeborenen bereitgestellt werden sollen, und daß schließlich eingeborenen Abgeordneten nur ganz eng begrenzte Rechte auf Anhörung in bestimmten Fragen gegeben werden sollen. Das mag schon ein sehr weitherziges Programm sein, wenn man vorn Standpunkte der Buren ausgeht. Zwei- fellos ist es aber nicht geeignet, die radikalen Forderungen der farbigen Führer zu befriedigen. Wenn es daher im Wahlkampfe den Nationalisten gelungen ist, die Buren von diesem Programm zu überzeugen, nachdem sie jahrelang zu gar keinen Zugeständnissen bereit waren, so ist dies ein Zeichen dafür, daß die Buren jetzt dieses Programm doch noch als besser empfinden, als die von großenglischen Gedankengängen geformten Pläne Smuts. Entspricht doch eben diese Art der Kulturautonom'e für die Eingeborenen sehr viel stärker der holländischen Kolonialmethode, als der vom Reichsgedanken und von Reichsinteressen beeinflußten Theorie der Engländer.
Andererseits kann auch nicht verkannt werden, daß die Partei Smuts mit der Bekämpfung des Deutsch-Südafrikanischen Handelsvertrages, das ihrige dazu beigetragen hat, um burische Instinkte zu wecken. Denn in dieser zweiten großen Frage des Wahlkampfes lag das Problem der wirtschaftlichen Selb st Verwaltung Südafrikas mit einbeschlossen. Der Deutsch-Süd- afrikanische Handelsvertrag bedeutete ein erstes offenes A b r ü rf e n Südafrikas von dem Prinzip der Vorzug szölle für englische Waren, das bisher im ganzen britischen Empire galt. Smuts bezeichnete den Abschluß des Südafrikanischen Vertrages mit Deutschland geradezu als Verrat am britischen Reichsgedanken, während die Anhänger Hertzogs ln diesem Vertrage gerade einen Prüfstein dafür erblickten, wie weit England bereit sei, den Buren ihre wirtschaftliche Selbstbestimmung zu überlassen. Und das war der Punkt, an dem das Selbstbewußtsein der Buren immer noch am empfindlichsten ist. Die Antwort, die Hertzog auf die Kampfesansage Smuts gegeben hat, ist denn auch überaus bezeichnend: Er erklärte, daß seine Regierung ähnliche Verträge wie mit Deutschland auch mit Frankreich, den Vereinigten Staaten, Italien usw. abzuschließen gedenke, eine Kampfesansage, wie sie deutlicher an die englische Wirtsc' iftsfüljrung nicht gegeben werden konnte, und die daher zweifellos das ihrige dazu beigetragen hat, um die Mehr- heit der südafrikanischen Bevölkerung davon zu überzeugen, daß Hertzog in seinem Fühlen und Denken den eigentlichen Südafrikanern näher stünde als der „britische Imperialist" Smuts.
Das Ergebnis des Wahlkampfes muß somit als ein Sieg der eingewurzelten du rischen Elemente gewertet werden, die wieder einmal bewiesen haben, daß sie mit dem Augenblick, wo die für sie ausschlaggebende Rassenfrage und die für ihr Empfinden ebenso wichtige handelspolitische Frage der vollen wirtschaftlichen Selbst ä n d i g k e i t Südafrikas angeschnitten wird, wissen, auf welche Seite sie sich zu stellen haben. Das ist ein Ereignis, dessen Bedeutung nicht unterschätzt werden darf, da damit auch Südafrika auf dem ©ege der Verselbständigung der britischen Dominien einen Schritt weitergegangen ist, der zwar noch nicht einer Loslösung vom Britischen Weltreich und vom Britischen Wirtschaftskörper gleichkommt, aber doch an diesen Punkt näher heranführt. Die Tatsache, daß die englische Presse das Ergebnis der südafrikanischen Wahlen so übellaunig begrüßt, ist daher nur zu verständlich. Die englische Stellung Hai in Südafrika eine bedeutende Erschwerung erfahren.
„Mich von dir scheiden lassen, Peterlein —° zürnte sie, rih-rah. Ihr brauner Lockenkopf baumelte über die Bank abwärts, er sah die strahlenden dunklen Augen, aus denen die Lachlust goldene Funken warf, umgekehrt.
„Erst hörst du meine Erläuterung zu Ende. Nachher werden wir weitere Schritte ergreifen. Als dritter Fehler: Silbermann, nicht Silberberg —"
„Ich sagte doch Silbermann —“
„Rein, du hast Silberberg gesagt —“
„Ra, mit Metall war. Is egal, du. Potsdam;
Bahnhof, halloh!"
Sie sprangen auf und griffen ihren Kram, dabei stießen sie sich übermütig in die Rippen und Lilli kriegte noch einen ausgerutschten Kuh, mitten auf die Rase.
„Hast du auch alles?"
Menschen drängten ins Abteil.
„Alles!"
„Futterkörbchen, Mantel, Hut, was noch?"
Lilli hob die Finger ihrer Linken und blitzte forsches Rachdenken durch die Finger hindurch. „Alles, Peterlein —"
Draußen fanden sie ihre Derben vollzählig wieder. Auf dem Wege zur Freundschaftsinsel aber schrie sie plötzlich auf:
„Meine Wolljacke! Meine Bootsschuhe!"
„Dergessen?"
Sie rannte schon zurück, er konnte sie kaum einholen. Der Zug war hinaus.
„Natürlich!" — — „Natürlich!" versicherten sich beide und sahen sich an.
„Du hast soviel geredet, ob ich was vergesse, da muhte ich ja was vergessen!"
„Ach, ich habe Schuld? —" ironisierte er.
„Du bist zu spät aufgestanden, ja gewiß, da konnte man das Paketnetz nicht mehr übersehen —“
„Du bist ein Quirl. Mir wird schon ganz drehig vor deiner logischen Schaumschlägerei—“
Er ging, ganz Mann und Gatte, zum Eta- tionsvorstand. Es wurde der Derlust gemeldet und weitertelephoniert, einige Hoffnungen mitgegeben, daß vielleicht am Abend, wenn die Herrschaften nochmals fragen kommen--
Lilli war eine Weile recht still. Sie schleppten ihr Boot zu Wasser, bauten die Dorräte ein, glitten mit Morgenwind, ein Segel am Fockmast, in die veilchenfarbene Bläue des Wassers hinaus. Peter hielt das Segel und blinzle aufmerksam.
Qberheffen.
Landkreis Gießen.
V Mainzlar, 25. Iuni. Bei den hiesigen Heugrasver st eigerungen waren die Preise kehr hoch. Die fiskalischen Wiesen in der „Sorau" kamen pro Morgen 40 bis 50 Mk. Hier ist das Gras in der Qualität weniger gut, da es sich meistens um feuchte Wiesen handelt. Höher im Preise und auch bedeutend besser in Qualität waren die Grasbestände, welche die Firma Scheidhauer & Giebing versteigerte. Hier kam der Morgen durchschnittlich auf 100 bis 120 Mk. Die Heuernte ist dank der guten Witterung der vorigen Woche nahezu voll ständig beendet. Die Ernte kann bei uns als eine gute Mittelernte angesprochen werden.
r R ö d g e n, 25. Iuni. Am Montagnachmittag wurde der Landwirt Wilhelm B a l s e r X. unter starker Trauerbegleitung zu Grabe getragen. Er erfreute sich in unserer Gemeinde höchster Wertschätzung, dank seiner Gradheit, Offenheit und zurückhaltenden Schlichtheit. Achtzehn Iahre war er Mitglied des Gemeinderats und lange Zeit im Kirchenvorstand. Am Grabe legten Bürgermeister Wagner für den Gemeinderat, Wilhelm Seipp für den Kirchenvorstand, Heinrich B e l l o f für die Spar- und Darlehnskasse und Heinrich Becker für den Gesangverein „Harmonie" Kränze nieder.
+ Grünberg, 25. Juni. In der jüngsten G e • meinderatssitzung unter dem Vorsitz des Beigeordneten Keller waren acht Gemeinderäte anwesend. Rechtsanwalt Lind, der den Prozeß der Stadt gegen die Inhaberin der Bahnhofswirtschaft führt, teilt in einem Schreiben mit, daß in der nicht rechtzeitigen Anmeldung des Unfalles an die Haft- pflichtversicherungsgeseÜfchaft eine Unterlassung der Stadt, wahrscheinlich des Bürgermeisters, vorliege, und gibt anheim, einen Beschluß herbeizuführen, daß der Prozeß durchgeführt und für die entstehenden Kosten mit Ersatzansprüchen an den Bürgermeister herangetreten wird. Der Gemeinderat ist für Durchführung des Prozesses, seine Stellungnahme wegen Regreßan- sprüche gegen den Bürgermeister behalt er sich vor. — Der Schützenverein bittet um käufliche Ue« berlassung des Geländes, auf dem er feine S chi e ß - halle errichtet hat. Das Gelände ist ihm für eine 30jährige Dauer, die 1952 abläuft, gegen eine jährliche Anerkennungsgebühr von einer Mark verpachtet. Der Gemeinderat will das Gelände nicht veräußern und lehnt gegen eine Stimme das Gesuch ab. — Die Instandsetzung der Bphnhof- st r a ß e wird beschlossen, und zwar soll sie erst gedeckt und gewalzt und dann geteert werden. Da im Voranschlag hierfür etwa 4000 Mark vorgesehen sind, soll der Beigeordnete einen Kostenvoranschlag aufstellen lassen. Dann soll endgültig entschieden werden, ob für diesen Betrag nur ein Teilstück, oder mit Aufnahme eines Kapitals die ganze Straße hergestellt wird. — Für den verstorbenen früheren Pächter des Warchofes, P o n s, sind der Stadt für Klinikbehandlung, Pflege und Beerdigung Kosten in Höhe von 219 Mark erwachsen, und war daher auf dessen Nachlaß Zwangsversteigerung beantragt worden. Der Staat, dem nun in einem Prozeß gegen die Erben die nachgelassenen Grundstücke zugesprochen und auch bereits übereignet sind, will der Stadt aus Billigkeitsgründen diese Summe ersetzen, sofern sie von der beantragten Zwangsversteigerung absieht und ihre daraus entstandenen Kosten trägt. Der Gemeinderat ist damit einverstanden. — Die Holzhandlung Jonas Meyer in Darmstadt, die das Kiefernstammholz in den städtischen Waldungen durch Submission erhalten hatte, ist in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Die Stadt hob daher mit deren Zustimmung den Kaufvertrag auf und ließ das Holz nochmals zur Ausschreibung gelangen. Es lag nur ein Angebot von der Firma Aug. S ch ä f e r (Hungen) vor, mit einem Preise von 7341,78 Mark. Der Mindererlös von 1968,20 Mark soll als Forderung zur Konkursmasse angemeldet werden. — Eine längere Aussprache rufen zwei Einsprüche gegen die Kanalgebühren hervor. Es wird darauf hingewiefen, daß die ausgestellte Liste unvollständig sei, und einer Ergänzung bedürfe, dte alle Anlieger an kanalisierten Straßen, einerlei, ob
„Mein schönes blaues Iäckchen," sagte Lilli kläglich; „genau so blau wie das Wasser war es! Lind die neuen Schuhe! Requiescant in pace —“ Sie brubbelte Segenswünsche und versetzte ihrem Peter dabei einige Spritzer. „Meinst du, daß wir sie wiederkriegen?"
„Wir? Ob du sie wiederkriegst, Gemahlin, steht dahin."
Er stopfte seine Pfeife. „Hast du sie überhaupt mitgenommen? Gewiß ist das doch nicht bei dir!"
Sie machte ein vornehmes Gesicht, mit etwas Verachtung in den Nasenwinkcln. Es war herrlich. Peter hätte sie stundenlang ärgern mögen, nur, um diese quirlige Mischung von Trotz, Humor, Eifrigkeit, Liebe und Iugend — ach ungestümer Iugend, hell, süß, suchend, wichtig — in sich aufzunehmen. Sie erklärte darauf Trauer und Einsamkeit und Llnverstandensein und streckte sich auf die Bank, ohne Sorge um das Gleichgewicht. Sie fuhren in sanfter Prise; Lilli sang eine Ballade von den Weißen, schönen Bootsschuhen, ach, mit Gummisohle — ach, nun segelten sie allein dahin — dahin--“
Mit der Melodie geriet sie ein bißchen in „Mignon" hinein — Beide waren so glückliche Menschen, es war noch die Spielzeit in ihrer Ehe — — —
Am Abend, beim Llmkleiden zur Heimfahrt, nahm Lilli still ihres Mannes Weißen Sweater zum Waschen mit. Er hatte eine üppige Garnierung von Gras- und Mahlzeitflecken — der Tagesverlauf ließ sich an ihm ablesen. Auf dem Bahnhof in Potsdam erfuhren sie, daß Damenjacke und Schuhe anscheinend von Liebhabern gefunden seien, und Lilli hielt es für nottoenöig, einen Abgesang der Morgendebatte zu wiederholen.
Hatte Peter nicht überhaupt immer nur seine Chemie im Kopse? Die war am allermeisten schuld, wenn man so ost etwas durcheinanderbrachte! Chemie war die Wissenschaft der Der- mischungen--
„Lind ich habe mir zu den Vermischungen gleich einen Quirl geheiratet!"
Sie hörte gar nicht hin. „Chemie von Silberbaum!" fügte sie boshaft blinzelnd hinzu.
Er drückte zur Rache seinen Hut in die Augen; das mochte sie nicht leiden. Am Endziel sahen sie sich diesmal gründlich im Abteil um, blieben deshalb die Letzten.
sie angeschlossen seien oder nicht, zu Kanalgebühren heranziehe. Die Meinung von einzelnen Anliegern, sofern ihre Abwässer oberirdisch abliefen, seien sie nicht beitragspflichtig, sei irrig. Die Stadt könne an kanalisierten Straßen von jedem den Anschluß verlangen und dementsprechend auch die Kanalgebühren fordern.
s. Trais-Horloff, 25. Iuni. Dieser Tage feierte der älteste Einwohner unserer Gemeinde, der Landwirt Heinrich Karl H u b l i tz. seinen 8 6. Geburtstag. Durch die Aernter, die er bekleidete, ist er weit und breit in der ilmgegenö bekannt. Don 1873 bis 1919 war er Gemeinderechner, ein Amt, das schon sein Dater seit 1854 innehatte, und das auch jetzt wieder von seinem Sohne übernommen worden ist. 46 Iahre lang war er auch Kirchenrechner des Kirchspiels Trcns-Horloff. Die 1900 hier errichtete Llntererhebestelle übernahm er ebenfalls. Im Iahre 1905 erhielt er das „Ehrenzeichen für langjährige treue Dienste" und 1916 daS Kriegsehrenzeichen, da er Mitglied der Linterstühungskom- mission für Angehörige von Kriegsteilnehmern war. Bevor er Gemeinderechner wurde, war er auch während einer Wahlperiode Mitglied des Gemeinderats. Er ist noch einer der wenigen, die die drei großen Kriege miterlebt haben. Selbst gedient hat er jedoch nicht, obwohl er daS Los zum Militärdienst gezogen hatte. Da er daheim nicht abkömmlich war, konnte ihn sein Dater für 175 Gulden in Darmstadt loskaufen. Der Greis erfreut sich einer ganz ungewöhnlichen geistigen und körperlichen Rüstigkeit und nimmt noch an den auswärtigen Zahlungsterminen teil. Ostern dieses Iahres wäre er beinahe das Opfer eines LInglücksfalles geworden, da ihn ein ungeübter Radfahrer umrannte. Zum Glück kam er mit einer längeren Ohnmacht und leichten Der- letzungen davon.
Kreis Friedberg.
---Pohl-Göns, 25. Iuni. Mit dem 50jährigen Iubelfeste des Männergesangvereins „Liederkranz" am Sonntag war ein Gesangs-Wettstreit verbunden. Besondere Bedeutung hatte das Fest dadurch erhalten, daß der hessische Minister für Arbeit und Wirtschaft, Korell (Darmstadt), dis Schuhherrschaft über die Deranstaltung übernommen hatte und die Festrede hielt. Bemerkt sei hier, daß Minister Korell in Pohl-Göns als Sohn des Lehrers Korell geboren wurde. Nachdem den ganzen Vormittag in zwei Sälen das Wettsingen auggetragen worden war, trafen um die Mittagszeit noch zahlreiche Gastvereine ein, so daß einschließlich der 16 wettstreitenden Vereine 36 Männerchöre anwesend waren. Gegen 2 Llhr bewegte sich ein stattlicher Festzug durch das prächttg geschmückte Dorf. Vorreiter, Radfahrer, Schulklassen und Gründer eröffneten den Zug, dann schlossen sich in langer Reihe die Vereine der gesamten Llmgegend an, darunter auch „Heiterkeit" Gießen und „Eintracht" Butzbach. Aus dem Festplatz hielten der Festpräsident Konrad Sommerkorn und Bürgermeister Spieß Begrüßungsansprachen. Dann ergriff der Schutzherr des Festes, Minister Korell, das Wort zu seiner eindrucksvollen Festrede, in der er die Bedeutung des Volksliedes und Männergesanges feierte. Die Rede wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Frl. B r ü ck e l überreichte dem Iubelverein eine von den (Jungfrauen gestiftete Fahnenschleife. Dann folgten Gesangsvorträge der Gastvereine, Konzert, Tanz und Volksbelustigung. Minister Korell hatte zu bgm Wettstreit einen wertvollen Ehrenpreis in Form eines Gemäldes gestiftet, der für die 1. Stadtklasse bestimmt war und von dem Walzer- schen Doppelquartett zu Hochstadt errungen wurde. Dieser Verein brachte dem Minister am Nachmittag eine Ovation dar, die er mit herzlichen Dankesworten erwiderte. Das Preis- Ergebnis des Gesangswettstreits war folgendes: 1. Stadtklasse: Klassensingen 1. Preis Liederzweig Weilbach, 173 Punkte; 2. Walzersches Doppelquartett Hochstadt 172 Punkte; ? Orpheus Wetter 167 Punkte; Ehren- fingen: Ehrenpreis mit 79 Punkten Weilbach; höchstes Ehrensingen: Ministerpreis mit 78 Punk-
„Gottchen, Göttchen, ein Paketchen ist liegen geblieben!" rief Lilli und wies zu dem gelbpapierenen Etwas auf ihrer Bank. „Das hat der alten Dame neben mir gehört. Sie legte es noch so störend zwischen uns, und mir halb auf den Schoß. Was wird bloß alles vergessen!"
„Weißt du das ganz genau?“ wagte sich Zweifel vor.
Sie blitzte ihn nieder.
„Wollen wir gleich abgeben, daß es der Dame nicht ebenso geht wie uns —“
„Dir, Darling!"
„Und. Du kaufst mir ja ein neues Iäckchen —"
Sie drückte prüfend am Papier: „Was Weiches ist drin, sicher eine Handarbeit —“
Peter schwamm im Kielwasser ihrer Energie hintennach.
„Ditte, Herr Dorsteher, das ist in unferm Abteil liegen geblieben. Cs gehört, glaube ich, einer alten Dame."
Der Mann mit der roten Mühe öffnete die Tür zu feinem Dienst raum und ließ beide eintreten. Er legte fein Dienstzepter mit der Scheibe auf den Tisch. 1
„Ich bin neugierig, was drin ist!" gestand Lilli.
Der Beamte lächelte nachsichtig und begann auszupacken. Lilli nahm die Signalscheibe hoch und ahmte damit ein Lorgnon nach, mit dem sie halb ihren Mann, halb das Päckchen betrachtete.
„Trikot. Wohl ein Badeanzug —"
Der Dorsteher nahm das Stück auseinander: „Ein fleckiges Sporthemd —“
„3a, das ist ja — meins —!“ — „Ach, das ist ja meines Mannes--das gehört ja--*
, Sie liefern also Ihr Eigentum ab?" fragte der Dorsteher und lachte auch.
Männer lachen über sowas! Irrtümer können doch Vorkommen — — —
Lilli nahm das Päckchen gerötet in Empfang und wünschte mit rascher Kehrtwendung guten Abend.
„Mein Signal — gnädige Frau — geben Sie mir wohl wieder---“
Sie war schon aus der Tür; Peter griff eS unter ihrem Arm hervor, wo sie es sachttch eingeklemmt hielt.
„Abfahrt, Frau Quirl!---“
Lind da lachte er nun wieder, der rohe Menfchl


