Hl9Z Zweites Blatt
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Entschlüssen bleiben muh. Das ist nicht erst heute 'n, nicht erst bei dieser Regierung der Großen Koalition, die keine ist, das war ebenso bei den Regierungen Cuno und Luther und wird sich „lange wiederholen, als nicht entweder die Zahl tor deutschen Parteien mit Hilfe eines prirni- -iveren und weniger „gerechten" Wahlrechts aus ».inige wenige reduziert wird oder eine ganz andere E i n st e l l u n g der Parteien zu dem Begriff der Koalitionsregierung Platz greift.
Der Fehler beruht darin, dah man unser par- >omentarisches Leben, auch innerhalb des Parlaments selbst, immer mit demjenigen anderer Mächte, also besonders Englands vergleicht. Dort ■tnb in Amerika ist aber die Partei wirklich die entscheidende Ausdracksforrn für den politischen 'Dillen der Bolksmassen. Das war sie bei uns li e und wird sie auch in absehbarer Zeit auch !oum werden- sie ist vielmehr eine Zusammen- itiffung von Wühlergruppen unter dem Gesichts-- Minkel des „geringsten Hebels". Hnferc Parteiprogramme und die Zusammensetzung der Par- feien entsprechend dec außerordentlichen Dielei t i g k e i t der kulturellen, traditionellen und beruflichen Interessengliederung des deutschen Dolles sind derart beschaffen, daß nur ganz Der- inzelte mit einem solchen Programm in allen Punkten übereinstimmen können. Es fehlt die Beschränkung auf einige wenige, ganz klare und gemeinverständliche Ziele und der Verzicht auf all den Kleinkram, der mehr opportunistischen und zeitlich wechselnden Bedürfnissen angepaht icerfien kann und deshalb im Parteiprogramm nichts zu suchen hat. Deshalb ist die Zugehörig- ieit der Wähler niemals eine feste, der Charakter der Partei kein hinreichend klarer und ihr Einfluß
nuf die politische Willensbildung entweder zu groß im Verhältnis zu dem Willen ihrer Parteigänger, oder, von oben, von der Regierung I>cr betrachtet, zu klein auf die Massen des Volkes.
Deshalb greifen die Aufgaben einer Reu- gliederung des Reiches und der Kompetenzen, einer gründlichen Wahlrechtsreform und einer Vereinfachung des Partei- loesens zur Erzielung einheitlicherer und festerer Regierungen ineinander und mühten möglichst »gleichzeitig, jedenfalls unter dem gemein- . foincn großen Gesichtspunkt gelöst werden, die Brücke zwischen Volt, also Wähler, und Re- gierung. also Gewählten höchster Instanz, un- mittelbarer, kürzer und fester zu schlagen. Die
Jesuch bei tränten Flugzeugen.
Von Ernsi Mesner.
Im Hmkreis von Kilometern ist die Luft des
Volk und Parteien.
Von unserer Berliner Redaktion.
In der Haushaltsdebalte hat der ReichSkanz- lcr sich mit der Opposition von rechts ausein- -möergeseht, indem er dabei unter der Decke der Tagesereignisse eine ganze Reihe grundsäh- icher Fragen unseres parlamentarischen und Berfassungslebens berührte. Es lohnt sich, sie hcrauszustellen. denn sie hängen eng mit den großen Erörterungen zusammen, die über die lieugestallung unseres staatlichen Lebens im Ganzen, über Einheitsstaat, Wahlrechtsreform, Par- !cicnbildung usw. seit längerer Zeit im Gange • ’ int».
Wenn Hermann Müller daraus hinweist, daß- 8ie Verfassung nirgends eine Koalitionsregierung vorschreibe, so hat er unzweifelhaft recht. Aber es bedeutet eine Umgehung unaus- : gesprochener Selbstverständlichkeiten des porla- i ientarischen Systems, wenn wir immer von neuem mit Regierungskrisen und mit Mehrheitsschwierigkeiten zu kämpfen haben, weil die eigentlichen Träger dec Selbstregicrung — und das sind nun einmal im heutigen Deutschland die P-ar- i'eicn — entweder von der Fiktion ausgehen, ie müßten über alle Punkte dauernd einig sein, im eine gemeinsame Regierung bilden und aufrecht erhalten zu können, oder mit so viel Vorbehalten in eine Regierung hineingehen, dah sie vrmell und tatsächlich feine richtige Koalitionsregierung mehr ist und infolgedessen immer la« >i l in ihrem Bestand und zaghaft in ihren
itaß.Z.April29 mittags 18 Uhr MM bilimirtiiui । Kommando mm
bitten unitxc lndrr.benüM ! wohnen wir md und wirt« jchastlich?
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stehung.zu feiern.
Denn alljährlich zu Beginn des Winters, wenn der regelmäßige Flugdienst der Deutschen Lufthansa erheblich eingeschränkt wird, beginnt em Waffenfliegen der Maschinen nach Staaken, der größten unter den drei Werkstätten der Deutschen 'Luftverkehrsgesellschaft. Richt alle zur Dehand- lung reifen Flugzeuge können zwar aus eigener .^raft den Weg zur Heilstätte zurücklegen, die Shwerkranken müssen mit der Bahn transportiert würden. Der größere Teil des technischen Per- ioaals begleitet seine Pfleglinge, um sie in Staaken zu betreuen. Man hat sich eine radikale Bühandlungsweise angewöhnt. Es wird nicht nur auf die besonderen individuellen Beschädigungen der Maschinen eingegangen — und im Laufe eines strapazenreichen Sommerverkehrs entsteht , Za manche Wunde —, nein, grundsätzlich wird dec ganze Organismus dec Flugzeuge nachgeprüft, ohne Rücksicht auf Alter und Abnutzung. In einer der riesigen Hallen ist das Personal damit beschäftigt, die kranken und die gesunden ndallenen Vögel auseinanderzunehmen. Die Mo- tore werden ausgebaut, um ein Bad in der Benzinwäscherei zu nehmen, die Propeller und Tragflächen wandern m die Tischlerei, und in
jeppelinhafens Staaken bei Berlin von einem tiefen, gleichmäßigen, dumpfen Donnern erfüllt, irgendwo muß ein Riesenmotor laufen, vielleicht auch mehrere, ununterbrochen und viele Stunden lang. Der Ton verstärkt sich, je näher man den Hallen kommt. Cs wird ein Prüfstand für Flug- Fugmotore fein, wie er zur Reparaturwerkstätte Dtr Deutschen Lufthansa gehört. Rahe am Eingang zu den Riesenhallen, die in der Kriegszeit -utstanden sind und sich bis auf den heutigen Tag noch ausgezeichnet für die besonderen Zwecke iHt Flugzeug-Instandhaltung verwerten lassen, liegt ein unförmiges Etwas, mit grauen Planen bedeckt, das wie ein riesiger Vogel aus der llr- ■Dclt aussiebt. Reugierig lüftet man die Verkleidung und entdeckt ein stark beschädigtes und Reformiertes Flugzeug. Ein Veteran der Luft- Hansa, bei einem Unglück in den letzten Monaten schwer zu Schaden gekommen, doch nicht so hoff- Inungslos, daß eine Reparatur unnütz wäre. Dieser Apparat wartet nur darauf, daß die Dielen Flugzeuge in den Hallen und Werkstätten ihm Platz machen, um bann gleichfalls seine Rufer-
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Anfr. u. 02556 öieh. fltudner.
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Darlegungen des Reichskanzlers haben diese Dinge nur gestreift, nur als Symptome berührt Aber die Rotwendigkeit solcher Äuseinander- sehungen zeigt, wie unsere junge Demokratie von einer zielbewuhten Entwicklung durch die Er
eignisse der letzten 10 Iahre in vieler Hinsicht auf Rebenwege geführt worden ist. von denen sie zurückgeführt werden muß, um wirksam zu werden und das Volk zu gewinnen.
Das Geheimnis des Kabinetts Swttalskr.
Die Regierung der Mitars.- pilsudski und der Sejm.
Von unserem s
Rachdruck auch mit Quellenangabe verboten?
Warschau, 22. April 1929.
Fünf Wochen lang haben drei ältere polnische Herren von hohem Amt und Gewicht sich gegenseitig besucht, die Türen fest verriegelt und in „engster Fühlung" über die Quadratur des Zirkels nachgedacht. Ratürlich nur bildlich gesprochen, denn in Wahrheit handelte es sich um weit realere Dinge — etwa um die Frage, wie man ein Land unter tunlichster Vermeidung eines Parlaments parlamentarisch regiert oder wie man eine solide Diktatur so geschickt einfädelt, daß kein Mensch waS merkt. Das will gründlich erwogen sein und braucht gute Weile. Rach der Oesfent- lichkeit hin aber hing man ein Schild aus: „Zutritt verboten. Regierungskrise."
Dann legte der ehemalige Münchener Student und Ingenieur bei Siemens in Wien, Professor Kasimir Bartel, sein Festgewand an. fuhr zum Staatspräsidenten und ließ sein Portefeuille auf dem Tisch des Hauses liegen. Wenige Stunden später klemmte es sich der nächste Kasimir. Major Switalski. unter.den Arm, zog militärische Verstärkung heran und gründete das Kabinett „Starke Hand u. Co." (wobei unter Co. die Herren Zaleski und Kwiatkowski, als Konzession an die demokratisch-gemäßigte Richtung, zu verstehen sind). Herr Bartel ließ es sich vor seiner Abreise nach sonnigeren Gefilden nicht nehmen, sich auch außerdienstlich als „ergebenen Soldaten seines Marschalls" zu empfehlen und gleichzeitig einen Interviewer seiner streng parlamentarischen Einstellung zu versichern. Ersteres im Sinne der „allergetreuesten Opposition Seiner Majestät", und letzteres aus Reigung und für alle Fälle.
Switalski aber gab der Presse gegenüber eine Programmerklärung ab, in der er ausführlich darlegte, dah er vorläufig keine Erklärung ab- geben wolle. Einerseits, weil er es nicht für geboten halte und anderseits, weil sich gar nichts geändert habe. Darin liegt nun zweifellos eine hübsche Bescheidenheit verborgen — die höchstens noch durch die Aeußerung des neuen Finanz- Leiters" — und alten Rachrichtenchefs v— Oberst Matuszewski überboten wurde, dah er eigentlich nicht viel von Finanzen verstehe. General Skladkowski, der Innenminister, hat in seinem neuen Hnterstaatssekretär, Oberst Pie- r a ck i, einen Gehilfen gefunden, der sich als stellvertretender Generalstabschef und erprobter Wahlorganisator ganz vorzüglich auf „innere Angelegenheiten" versteht. Man braucht nur noch Oberst Prystor als Arbeitsminister, Oberst D o e r n e r als Postminister und den Marschall- Kriegsminister P i l s u d s k i selbst zu nehmen, um mit der polnischen Regierungspresse vollkommen darin übereinzustimmen, dah von einem „Kabinett der Militärs" gar keine Rede sein kann. Auch nicht von einem Kabinett der Parlamentsgegner und Diktaturfreunde — die „Oberstengruppe" hat, in ihrer bekannten Schalkhaftigkeit, vorher nur so getan: —
Wenn man das Programm der netten Regierung, ihre Wünsche, Pläne und Absiasten ganz scharf charakterisieren will, dann kann man das wohl am treffendsten durch das allgemein verständliche Zeichen „?????" tun. Damit erscheint vorläufig das Wefentlichste erschöpfend beleuchtet. Run gibt es aber sicher Rörgler, die auf die Hebecschrift zurückgreifen und mehr wissen wollen. Ich warne Reugiecige, bin aber trotz-
-Berichterstatter.
dem bereit, mich aus das Glatteis der Vermutungen zu begeben.
Wie die Mongolei ihren lebenden Buddha, so hat Polen feine lebende Legende — den Marschall Pilsudski. Einen Mann, der vom Konspiran- ten, Rebellen und Revolutionär über den Legionen- sührec zum ungekrönten König aufgerürft ist. Auch darin dem lebenden Buddha ähnlich, daß er sich „feinem Volke" nur selten zeigt und noch seltener zu ihm spricht. Ebenso geliebt wie gehaßt, verkörpert Pilsudski in sich das herrschende System und ohne ihn soll in Polen — nach Glauben oder Aberglauben — kein Apfel vom Baume fallen, geschweige denn eine politische Maßnahme getroffen werden. Charakteristisch genug ist die Tatsache, daß Ministerpräsident Bartel dem aus dem General- inspektorat der Armee regierenden Kriegsminister seines Kabinetts in der Abschiedsstunde versicherte, daß seine — Pilsudskis — Anerkennung bas höchste Ziel und größte Glück aller Minister gewesen sei. Rach seinem Maiumsturz im Jahre 1926 hat dieser autokratische Dolksmann einen fast unausgesetzten Kampf mit dem widerspenstigen Sejm geführt. Dabei kann man nicht einmal behaupten, daß er grundsätzlich und eingestandenermaßen ein Feind des parlamentarischen Systems gewesen wäre. Was ihm vorschwebte, war eine große, mächtige, weit ausspannende polnische Demokratie — aber eine Demokratie nach seinem Geschmack. Eine Demokratie der gehorsamen Kinder. Um ihm für die Verwirklichung seiner staatsmännischen Wünsche die nötige parlanientarische Basis zu schassen, wurde im Jahre 1927, unter Mitwirkung seiner Allergetreuesten, dec „Unparteiliche Block zur Zusammenarbeit mit der Regierung" gegründet. Unter der Führung des alten Bombenwersers Oberst Slawek entstand ein Gebilde, in dem sich konser vative Magnaten, Legionärkreise und demokratische Anhänger des Freiheitshelden Pilsudski die Hand reichten. Es konnte nicht ausbleiben, daß diese verschiedenen, nur durch die Person des Marschalls zusammengekitteten „Mentalitäten" über Weg und Tempo des neuen Regimes in Uneinigkeit gerieten. Während der demokratische Flügel, mit Professor Bartel an der Spitze, die Brücken nach links nicht abbrechen und die Diktatur irgendwie mit dem Parlamentarismus in Einklang bringen wollte, steuerte die sogenannte ,.O b e r st c n g c u p p e" auf die Befestigung der offenen Diktatur los. Unter der Mi nisterprasidentschaft Bartels wurden ungezählte Versuche gemacht, durch Halbheit und Kompromisse einer klaren Entscheidung auszuweichen. Die anfangs stark eingeschüchterten Oppositionsparteien erkannten mit der Zeit die innere Schwäche dieser Politik und begannen ihrerseits der Regierungsfrak- Jion immer schärfer auf den Leib zu rücken und das Kabinett Bartel aus einer Verlegenheit in die andere zu bringen. Unter dem Druck dieser Verhältnisse begann innerhalb des Regierungsblocks selbst ein Zersetzungsprozeß, der zu einer völligen Auflösung zu führen drohte. Die diktatorisch eingestellten Kreise, vermutlich auch Pilsudski selbst, sahen die „Mai-Errungenschasten" in Gefahr und fühlten den Grund unter sich wanken. Der erfolgreiche Angriff der Sejm-Opposilion auf den von Pilsudski persönlich gedeckten Finanzminister Czechowicz schlug dem Faß den Boden aus. Bartel selbst gab seine geschwächte Position, mehr oder weniger freiwillig, auf und die Oberftengruppe schickte ihre zuverlässigsten Männer — Switalski, Matuszewski usw. — an die Front.
die Materialprüfungsabteilung, die zahlreichen Bordapparate — vom Kompaß angefangen bis zum kompletten Funkgerät — nach der Bordgerätestation. Ein Heer von Fachleuten ist an der Arbeit, das Material auf Herz und Vieren zu prüfen.
Wer die Motorenschlofserei durchwandert, wird erstaunt sein über die riesige Anzahl und zahlreichen Typen, die vorhanden sind. Vor keiner Konstruktion schrecken die Leute der Lufthansa zurück, ob deutsches oder ausländisches Fabrikat, alles wird in seine Einzelteile zerlegt und muh sich eine genaue Hntersuchung gefallen lassen. Was als unsicherer Kantonist erkannt wird — und der geübte Blick des Personals sorgt dafür, daß ihm nichts entgeht — wird in das Dersuchs- laboratorium übergesührt, wo die Internisten eines recht verantwortlichen Amte; walten. Sie beherrschen ein riesiges Lager von allerlei geheimnisvollen Maschinen, deren Bedeutung dem Beschauer erst aufgeht, wenn sie in Tätigkeit sind. Wie beim kranken Menschen wird mit den verdächtigen Teilen eine Fülle von Hntersuchungen angestellt, um den inneren Schaden festzustellen. Prokurn auf die Wirkung von Zug, Druck und Stoß, auf Bibration und Belastung müssen die Motorenteile ebenso wie andere Materialien durchmachen, ja, sich sogar röntgen lassen. Ausgeschlossen, daß diesen scharfen Hntersuchungs- methoden sich ein Fehler entzieht, er muß hier erkannt werden. And was gewogen, aber zu leicht befunden ist, bleibt von der weiteren Verwendung ausgeschlossen, ohne Rücksicht auf seine bisherige Dienstzeit.
Aus dem Symphoniekonzert der Arbeit, gestaltet durch das Gehämmer, Gefeite, Gezisch der vielen fleißigen Hände, rettet sich der Beschauer in die Tischlerei, in der es fast still erscheint. Aber auch hier ruht die Arbeit nicht. Da befindet sich ein Heer von Propellern, die alle untersucht sein wollen, da ist eine Einzahl von Tragflächen aufgebaut, die völlig auseinandergenommen werden müssen. Denn noch nicht alle Flugzeuge dec Deutschen Lufthansa bestehen aus dem allerdings widerstandsfähigeren Duralumi- nium, es gibt so manche bewährte Maschine, die Tausende und Abertausende von Streckeickilo- metern zurückgelegt hat, ohne je einen Schaden zu erleiden. Sie auszurangieren, wäre voreilig, obwohl die verantwortlichen Leiter sonst nicht lange zu fackeln pflegen, wenn es sich um überaltertes Material handelt. In jedem Winter muh eine erhebliche Anzahl von Flugzeugen daran glauben, sie werden aus dem Dienst ge
zogen, um besseren Maschinen Platz zu machen. Was sich aber als leistungsfähig erwiesen hat. wird liebevoll durchgearbeitet, überholt und dann wieder in den Dienst eingestellt. Die Piloten kennen ihre Apparate, wissen um ihre Mucken und Besonderheiten, und es spricht für die alten Maschinen, daß sich die Führer um sie reißen.
In eine Werkstatt der Präzisionsarbeit gelangt man, wenn man zu den zahlreichen Bordgeräten will. Ob Lichtmaschine, ob Kreiselkompaß, ob gewöhnliche ilfjr: alles wird hier betreut, überprüft, verbessert und mit Oel für den reibungslosen Betrieb während der Sommermonate genährt. Daneben eine Hnzahl von Funkgeräten, angefangen beim einfachen Sendegerät für den Rotsall, um das erschütternde „S. O. S." in den Aether zu. jagen, bis zum Wunder dec Funktechnik, mit dem man nach Belieben senden und empfangen, telegraphieren und telephonieren kann, ilnö nichts verläßt ungeprüft die Werk- stätte.
Draußen aber vor den Hallen, auf dem großen Flugplatz Staaken stehen in Reih und Glied die durchgeprüften Flugzeuge, voran der große „Hermann Köhl". Alles blinkt und blitzt in der Sonne, hell glänzen die Lackbuchstaben der Rum- mernbezeichnung. Iede Maschine wird von neuem, als sei sie soeben aus der Fabrik gekommen, einer scharsen Flugprobe unterzogen. Selten, daß ein Apparat die Prüfung nicht besteht, fast immer dürfen sie nach der Erprobung den Flug zum Heimathafen antreten. In wenigen Wochen soll der große Sommerbetrieb einsetzen, und daher tummeln sich in diesen Tagen besonders viel Maschinen in der Lust. Die Pflegestätte Staaken entläßt sie als völlig gebrauchsfähig, die Kranken sind geheilt, die Gefunden haben ihren vorzüglichen Zustand attestiert erhalten, Hnd den Fluggästen der Lufthansa ist durch die Behandlung aller Flugzeuge die Gewähr für einen sicheren, reibungslosen Verkehr gegeben. Wenn wirtlich einmal ein Unfall eintritt, so ist er ganz bestimmt nicht auf einen Materialfehler zurückzuführen: gegen höhere Gewalt aber sind wir trotz aller Fortschritte einstweilen noch nicht völlig gesichert.
Die Piloten in Staaken harren ungeduldig des Moments, in dem sie ihr Flugzeug mit dem Gesundheitsat'.est zurückerhallen. Kampf mit den Mächten der Ratur: das ist es. was sie ersehnen, das Ueberlisten der den Menschen feindlich gesinnten Gewalten ist ihnen zum beneidenswerten Beruf geworden. Rur noch wenige Wochen, dann dürfen sie sich wieder als Meister zeigen.
Sreitag, 26. April 1929
Das Kabinett der „Starken Hand" — zusammengesetzt aus Persönlichkeiten, denen der Wunsch Pilsudskis göttlicher Befehl ist - sollen jetzt zusehen, wie sie das auf Grund gelaufene „Maisvstem wieder flott machen. Dazu gehört vor allen Dingen eine Verfassung, die die Regierung mit weitgehendsten Vollmachten ausstattet, und der Opposition ein für allemal das Rückgrat bricht, die Wahlordnung ändert und dem Staatschef uneingeschränkt autokratische Rechte einräumt (Sin entsprechender Entwurf liegt bekanntlich bereits vor und ist unter hervorragender Mitwirkung der heutigen Kabinettsmitglieder zustande gekommen. Ein auf der Grundlage dieser Verfassung gewählter Sejm würde das sein, was Marschall Pilsudski und seine Getreuen sich wünschen: eine Spiel st ube für artige Kinder.
Ob Switalski schon sür Ende Mai oder Anfang Iuni - wie vielfach verlautet — eine außerordentliche Sejmtagung zur Beratung des Verfassungsentwurfs einberufcn wird, läßt sich zur Zeit noch nicht klar erkennen. Kluge Leute wollen allerdings wissen, daß Pilsudski die innerpolitische Lage bis zum Iuni endgültig zu klären wünsche. Da der Sejm in seiner heutigen Zusammensetzung dem Verfafsungsprojekt öcr Ober- stengcuppe weder zustimmen kann nod) wird, kommt eigentlich nur eine Auflösung des Parlaments und eine Oktroyier ung d e r V e r f a s s n n g in Frage.
Rach einer anderen Version wollen Major Switalski und seine alten Waffengefahrten aus den Legionärtagen vorerst mal ihre Stellung befestigen. bzw. den Beamtenapparat mit zuverlässigen Leuten durchsetzen. Das würde eine weitere Fortführung des Stellungskrieges bis zum Herbst bedeuten. Man hofft dabei vielleicht auf eine gute Ernte, eine Belebung des ausländischen Kapitalzustroms und will die Hauptschlacht unter günstigeren wirtschaftlichen und finanzpolitischen Bedingungen annehmen. Auf letztere Möglichkeit weist die Tatsache hin. dah fast die gesamte Regierungspresse sich in milden Flötentönen ergeht und das Wort „S^jm" überhaupt nicht mehr erwähnt. Doch früher oder später — der Sch luh ef f ek t bleibt der gleiche.
Herr Switalski hüllt sich in tiefstes Schweigen und wird von seinen Mitarbeitern dabei in verständnisvoller Weise unterstützt. Was er zu tun gedenkt, ist ein Geheimnis — vielleicht sogar für ihn selbst.
Oberhessen.
Landkreis Gießen.
" Wies eck. 25. April. Am Samstag veranstaltete der Turnverein c. V., Wieseck ein Werbeturnen. Den Auftakt zu dieser Veranstaltung bildete ein von der Turnerin Anna Bernhardt gut vorgetragener, auf den Wert und die Bedeutung des Turnens hinweisender Dorspruch. Während desselben hatten alle Teilnehmer auf der Bühne Aufstellung genommen. Dann wurden in abwechslungsreicher Folge Darbietungen an den Geräten. Volkstänze, Keulenübungen, Freiübungen. Singspiele und gym- nastifche Hebungen gezeigt, die alle einen guten Verlauf nahmen. Besonders hervorzuheben sind die Hebungen der Turnerinnen, die nicht nur Gründlichkeit in der Ausführung erkennen ließen, sondern auch sehr eindrucksvoll geturnt wurden. Zur weiteren Vervollständigung des Programms trugen musikalische Darbietungen bei. Der Besuch des Werbeabends war leider nicht zufriedenstellend, obwohl kein Eintrittsgeld erhoben wurde.
□ Lollar, 25. April. Gestern abend sand hier eine Versammlung von Gartenbauinteressenten statt, in welcher die Gründung eines Obst- und Gartenbauvereins Lollar beschlossen wurde. Der Vorstand des Vereins besteht aus folgen den Herren: 1. Vorsitzender Georg Seipp, 2. Vorsitzender Heinrich Schwalm, Schriftführer Herrn.
Zehn Pfennig.
Von Hans Siemsen.
Von Zeit zu Zeit findet man in den Zeitungen eine Betrachtung über die Frage: „Was kann man für zehn Pfennig kaufen?" Hnd dann stellt sich heraus, dah es eine ganze Menge Dinge gibt, die man für zehn Pfennig kaufen kann. - Eine Briefmarke, zwei Briefmarken, anderthalb Briefmarken. Bier oder fünf Sicherheitsnadeln. Eine Bahnsteigkarte. Haarnadeln. Eine kleine Rolle Garn. Etwas Schokolade oder gebrannte Mandeln aus den alten Automaten. Einen Schlüsselring. Fünf Rägel. Hnd noch eine ganze Reihe von Sachen, die niemand brauchen kann, der nur zehn Pfennig besitzt.
Hnd darauf kommt es doch letzten Endes an. Wenn ich mehr als zehn Pfennig besitze, und sei es nur eine Mark, dann interessiert mich nicht mehr das, was ich für zehn Pfennig, sondern das, was ich für eine Mark kaufen kann. Wenn ich aber nur zehn Pfennig besitze, was soll ich bann mit einer Briefmarke, einer Bahnsteigkarte oder fünf Sicherheitsnadeln? Dann möchte ich für zehn Pfennig irgendwo schlafen können. Das kann ich aber nicht. Dann möchte ich für zehn Pfennig mich sattessen können. Das kann ich aber auch nicht. Dann kann ich für zehn Pfennig nichts, aber auch gar nichts anderes kaufen, als zwei oder drei trockene Schrippen, oder ein Stück Brot. Von Butter oder Margarine oder gar Leberwurst ist da schon gar nicht mehr die Rede. Schlafen kann ich, wenn ich Glück habe, vielleicht im Obdachlosenasyl. Hnd wenn ich ein leichtsinniger Vogel bin, kann ich statt dessen zwei oder drei oder vier Zigaretten oder ein ganz kleines Glas Bier kaufen. Das ist alles, aber auch wirklich alles, was ich für zehn Pfennig haben kann, wenn ich n u r zehn Pfennig habe. Was soll ich mit Haarnadeln, Briefmarken und einer Bahnsteigkarte, wenn ich nur zehn Pfennig habe? Das sind Sachen für die „reichen" Leute, die mehr als zehn Pfennig haben. Für zehn Pfennig kann ich nirgends schlafen, nirgends mich sattesten. Richt einmal mit der Elektrischen oder mit der Stadtbahn kann ich für zehn Pfennig fahren. Für zehn Pfennig kann ich mit hungrigem Magen auf einer Dank pennen.
Auf deutsch: es ist nicht gerade viel, was ick für zehn Pfennig haben kann, wenn ich nicht mehr als zehn Pfennig habe.


