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Dienstag, 26. März 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Nr.72 Zweites Blatt

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Radieschen Bd. 40 Pf. Kartoffeln

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80, inländische Honig 40 bis Suppenhühner Russe 70 bis Blumenkohl 80

Tier ist jetzt 2' t Jahre alt.

* Vorsicht mit Primeln! Eine wegen ihres Blütenreichtums und ihrer Farbenschön< beit als Schmuck- und Zierpflanze besonders im ersten Frühjahr weitverbreitete Topfblume ist dm weihrosa oder lila blühende Becherpcimel t?ri- mula obconica). Sie erfreut sich unter den Zim-- merpslanzen besonderer Beliebtheit. Bei ihrer Behandlung ist aber eine gewisse Vorsicht un? Reinlichkeit geboten, weil bei vielen Menschen die unvorsichtige Berührung ihrer Blätter und Blütenftiele leicht Hautreizungen und Entzün­dungen hervorruft, die unter Umstanden se^r

Fürst!. (flutcvcr- walta-slolnbavlni bei l'idi bni emc

Sonett 2i;4l>

Stirbt der Walfisch aus?

Der Walfischfang wird in den Gewässern um den Südpolarkreis mit immer moderneren Methoden und immer größerem Kapital betrie­ben. und so ist die Befürchtung entstanden, daß auch hier dieses wafserbewohnende Säugetier in feiner eigentlichen Heimat bald dem Untergang geweiht fein könnte. Einige Regierungen haben dagegen ein Vorgehen des Völkerbundes ange­regt, und verschißene Expeditionen haben ver­sucht, die Lebensgewohnheiten der noch so wenig

erforschten Waltiere näher kcnnenzulernen und dadurch vielleicht Mittel und Wege zu ihrer Er­haltung zu finden. Es gibt 10 bis 11 verschiedene Arten von Walfischen, deren geographische Ver- teilmtg in den Gewässern der Erde noch unbe­kannt ist. über Deren Vermehrung wir wenig wissen, die riesige Wanderungen zurücklegen und zweifellos so viel Intelligenz besitzen, um Ge­biete ?.i verlassen, in denen sie verfolgt Lvrn den. Man möchte glauben, daß diese ausgedehnte Tierfamilie, die die unendlichen Hilfsmittel der Meere für sich besitzt, dem Ansturnr der Wal- fischindustrie gewachsen lein mühte, aber die Tat- fachen. die kürzlich Sir Sidney H a r m e r in einer Sihrmg der Londoner Linim-Gesellschcift mi.- teilte, beweisen das Gegenteil. Der nordische Walfisch, der in der Dai von Biskaia schon feit dem 12. Jahrhundert und ebenso in der Rachbar- schäft von Reufundland und Reuengland, bei Island und dem Rorden von Rorwegcn seit wenigstens 700 Jahren gejagt wird, ist so selten geworden, daß man den Fang längst ausgcgeben hat. Man hielt sogar diese Tiere für ausgestor- ben, aber nach etwa einem Jahrhundert, in dein sie vor Verfolgungen sicher waren, haben sie sich wieder vermehrt. Der prächtige Grönland-Wal­fisch, der größte aller Plankton-Fresser, der im 17.. 18. und 19. Jahrhundert in verschiedenen Ge­bieten unnachsichtlich verfolgt worden ist. steht ebenfalls auf dem Aussterbeetat, und selbst das Aufgeben des Fanges hat hier keine Vermehrung der Tiere zur Folge gehabt. Auch der kleinere südliche Walfisch, der graue Walfisch des Stillen Ozeans, der Buckelwal, die einst im Uebcrflustz die Meere bevölkerten, sind heute säst völlig ver-' schwundcn. Der moderne Wolsischsang findet feine hauptsächlichste Beute in den Finnwalen, von denen es vier wichtige Arten gibt. Diese Tiere sind wegen ihrer schnelleren unö gefährlicheren Rotur, wegen ihres geringeren Wertes und hauptsächlich wegen des Umstandes, daß die toten Körper auf den Grund sanken, lange ver­nachlässigt worden. Erst die Erfindung der Har- Punen-Kanone von 1865 gestattete die Benutzung kleinerer Boote und die Verwendung schwerer Harpunen, durch die der Finnwal an einem Seil von dem Schiff an die Küste mitgeschleppr werden konnte. Seitdem liefert der Finnwal den weitaus größten Anteil beim Walfischfang und ist auch schon in feiner Zahl sehr verringert. Wenn daher nicht Schritte zum Schutz des Wal­fisch« unternommen werden, Dann Dürfte der Walfischfang im Südpolargebiet bald dasselbe Schicksal haben wie in den anderen Walfisch- gebieten.

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Wirsing 20 bis 45. Weißkraut 20 bis 30, Rot* kraut 20 bis 35, gelbe Rüben 25 bis 30, rote Rüben 25 bis 30. Spinat 90. Unter-Kohlrabi 10 bis 15. Rosenkohl 80, Feldsalat 250 bis 300. Endivien 150, Tomaten 80 bis 100, Zwiebeln 25 bis 30, Meerrettich 50 bis 150, Schwarzwurzeln 90, Kartoffeln 6'.',, Aepfel, ausländische 60 bis 30 bis 40, Dörrobst 35 bis 40,

Aus Der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 26. März 1929.

Gießener Wochcmnarktpreise.

Es kosteten auf dem heutigen Wochcnrnarrt: Butter 180 bis 190, Kochbutter von 140 an, Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 140,

nung der Kundschaft wäre eine' bessere Verteilung des Ostereinkauss in diesen, Jahre dringend mün - schenswerl. Aus Anregung Der Hauptgemein- jdjaft des Deutschen Einzelhandels hat deshalb die Vereinigung der Deutschen 'Arbeitgeberverbände ihren Mitgliedsverbänden empfahlen, darauf hin­zuwirken, daß die Lohn und Gehaltszahltingen in der Industrie für diesen März nach Möglichkeit einige zage früher vargenommcn werden. Andere Wirtschaftszweige, wie z.B. die Banken, haben be- reite am 13. März die Gehälter an ihre Angestell- ten ausgezahlt. Es tvöre dringend zu wünschen, daß auch die Bebäroen für diesen SonDerjall dem Beispiel der Wirtschaft folgen, um sowohl ihren An­gestellten und Beamtcn einen bequemeren Osterein­kauf zu ermöglichen, als auch den Einzelhandel vor einer übermäßigen Beanspruchung seines Per­sonals zu schützen.

** Die Gießener Geldinstitute geben im heutigen Anzeigenteil bekannt. Daß ihre Ge­schäftsräume am nächsten Samstag (Ostersamstag) geschlossen bleiben.

'' Aus Der Hessischen Sängerbund- bcwegung. Für 50jährige treue Arbeit im Männergesangvereinswesen wurden mit Der neu- geschaffenen goldenen Ehrennadel (mit Der In­schrift 50) vom Hessischen Sängerbund ausge­zeichnete Heinrich Gichclmann. Gesv. Ger­mania, Dorheim, Karl T i I I m ann , Sängerver­einigung. Lollar. Heinrich E i ch e l m a n n^ Froh­sinn, Steinfurth. Georg Wilhelm II.. Frauen­lob. Homberg Ohm. Heinrich K a u f m a n n \ I.. Ltederkranz Weitershain, Hans M e > e r , Sängerguartett Ortenberg, Jean K n a f, Lieder- kranz Büdingen.

** Eierwettlegen. Das von Der Land­wirtschaftskammer für Hessen in Dem Tierzucht- Institut Der Landes-Universität Gießen (Oberer Hardthof) veranstaltete Eierwettlegen hat im Laufe des Winters ein recht günstiges Ergebnis erbracht. Der beste Legestamm Wtzandottes zei­tigte vom 1. Rovernber bis 28. Februar eine Höchstleistung von 232 Eiern im Gewichte von 12 519 Gramm im Werte von 40,45 Mk.: der

h <000p Gelände ^Nebengebäude Mlugelzuchr pass. U.Huuerf. 0168-j . Baer, CjianL29.

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Flugplahgeländes während des Tauwetters übergehend eingestellt werden mußte, mit gestrigen Tage in vollem Umfang wieder genommen worden.

** Frühere Gehaltszahlung Ostern. Vom Landesverband des Hess. Einzel' Handels wird uns geschrieben: Da in diesem Jahre Ostersonntag auf den 31. März und Karfreitag auf den 29. März sollen, würden die Lohn- und Ge­haltszahlungen, wenn sie, wie üblich, am 30. März erfolgen würden, einen abnormen Käuferandrang aus Arbeitnehmerkreisen in den Geschäften am Samstag vor Ostern verursachen. Die Zusammen- drängung fast des ganzen Ostergeschäftes auf einen Tag würde zur Folge haben, daß das Perkaufs­personal im Einzelhandel außerordentlich belastet würde. Auch im Interesse einer sorgfältigen Bedie-

" Wiederaufnahme des kehrs über Kassel. Wie die Deutsche Luft­hansa mitteilt, ist der Flugverkehr über Kassel, Der bekanntlich wegen der Grundlosigkeit des

50, junge Hähne 120 bis 130, 100 bis 120, Tauben 80 bis 85, 80 Pf. das Pfund: Eier 14, bis 160, Salat 40 bis 45, Salat- gurken 140 bis 150, Lauch 25 bis 50, Rettich 20 bis 30, Sellerie 20 bis 100 Pf. das Stück: ~ " der Zentner

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Diaghilev) und der Maler Demois holten Rijinsky ab. Er war an diesem Abend ganz klein, merkwürdig fern und scheu wie ein Vogel, auch hatte er sehr müde Bewegungen. Sie frugen seinen Wärter, was er getan habe. Richt viel," sagte dieser,der Herr ist seinen ewigen Kreis gegangen. Er hat ein wenig in der Sonne gesessen. Seine Mütze hat er hundert­mal in der Hand gedreht. Er hat gelallt. Wie immer. Auch sah er lange da und schien zu schlafen."

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Heranziehung der Grund- und Gebäudesteuern unterbunden werden, dann werden sie auch spar­samer wirtschaften.

Gin weiterer zu Buch schlagender Vorschlag des Hansabundes geht dahin. Die Tilgung der Rentenbankschuld um zwei bis drei Jahre zu verlängern, was eine Einsparung von 30 bis 40 Millionen bedeuten würde. Mit dieser Strek- kung würde auch der Landwirtschaft eine will­kommene Entlastung zuteil werden.

Es mag dahingestellt werden, ob alle vom Hanlabund gemachten Ein^parungsverschläge, auf Die hier nicht cingegangea ii>..jen kann, zweck­mäßig sind. Der Grundgedanke aber ist richtig. Es ist Die Rückkehr zu den gefunden Sparsam' keitsgrundsähen früherer Zeiten. Heber eins muß man sich freilich Dabei klar werden: Es muß unbedingt Schluß gemacht werden mit Den fort­gesetzten Lohnsteigerungen. Allein Die der beiden Jahre 1927 und 1928 belasten Die deutsche Wirtschaft mit einer Jahresmehrausgabe an Löhnen von neun Milliarden Mark, wozu noch rund 1,5 Milliarden mehr Soziallasten treten. Weitere drei Milliarden erforderte die Erhöhung von Steuern, Dabnfrachten, Post-, Elcktrizitäts- nfti). Gebühren. Und das in einer Zeit, wo in unseren Konkurrenzländern Löhne, Lasten und Frachten usw. keine Erhöhung erfuhren, ja zum Teil gesenkt wurden. Das hält die Wirt­schaft keines Landes aus, am wenigsten die Deutschlands mit seiner furchtbaren Kapitalver­armung, mit seinem ungeheuren Zinsfuß. Die riesig angeschwollene Arbeitslosenzahl selbst für den Sommer rechnet man mit 1,5 Millionen ist die Folge. Die Gesundung unserer Finanzen seht die Der Wirtschaft voraus, die heute nahezu planmäßig ruiniert wird.

Rijinsky sihi in der Oper.

Don Anton Schnack.

Alle Bogel, Die mit Den Schwänzen wippten, waren ihm nichts mehr. Die Gärten waren ihm nichts. Er hatte vergessen, daß Springbrunnen stiegen. Er hatte vergessen, was Frühling, Win­ter, Herbst unD Sommer waren.

Er war furchtbar Der Rächt verfallen, als er an Dem letzten Abend sich als Faun mit einem wunderbaren Sprunge erhob. Er hatte ein fahles Weih im Gesicht. Der Glanz war aus seinen Augen hinweggegangen. Rijinsky, der goldene Tänzer, war still geworden.

Er sah Tag für Tag vor Den Stäben seines Zimmerfensters wie eine Statue, Die langsam gelb wird. Er hatte ein Spiel, eine Schnur von Glocken, die er mit den Knöcheln Der Finger hieb. Immerfort. Stundenlang, in einem monotonen Hinstieren.

Sie hatten ihm an die Wände Rymphen ge­malt, eine Wolke von Vögeln, blaue Blumen­kelche, Weinranken und Schwäne. Sie hatten ihm silberne Vasen auf Den Tisch gestellt. Da und Dort ein Glas, in Das das Licht etnftcl. Rijinsky aber ging an allem wie an einer Fin­sternis vorbei.

Dachte er an etwas? An Das weihe Kleid Der Karsawina? An die Frau, die einmal eine ganze Rächt vor feiner Türe sah und Die er nicht zu sich hereinlieh, weil er müde war. Dachte er an Die Musik Der Balalaikaschlager, Die Das Rauschen Des Schilfs am Wolgafluh nachahmen konnten.

Aus tausend Dingen war er geflohen und war einen Schritt rückwärts getreten, wo alles dunkel ist. Er hatte eine Demütige Stirne bekommen. Die Hände hatten etwas Verlorenes. Die Schul­ter, die sonst wie ein Springquell hochschoh, hielt sich geneigt. Die Haut. Die inongolischbronzen glänzte, war matt. Er schien keinen anderen Klang mehr im Ohr zu haben als grausames ununterbrochenes Rauschen, als sei er unter Meeren begraben.

DiaghUew war aus Trauer über den Verfall seines geliebten Tänzers auf Den Gedanken ge­kommen, ihn zu einer Dallettvorstellung in die Pariser Oper zu bringen. Vielleicht, so dachte er sich, wecke ich wieder den Gott in ihm, wenn er Die Füße Der Tanzenden sieht, die Karsawina, Die Stirnen Der Frauen unD wenn Die Wirbel Der Trommeln unD Die Fanfaren Der Trom­peten in fein Ohr brechen.

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zweitbeste Stamm, ebenfalls Wyandvtt"s, brachte es auf 175 Eier im Gewichte von 9418 Gramm unD im Werte von 30,45 Mk. Die 53 Wintereier eines Huhnes des besten Stammes stellen eine außerordentlich gute Leistung Dar. Mit Eintritt wärmeren Wetters legen Die Hühner auch im Laufe Des März febr gut. Es besteht daher be­rechtigte Hoffnung, Daß diese erstmalig in Hesse',i durchgeführte Leistungsprüfung für Geflü^l in ihrem Endergebnis sich Den älteren Veranstal­tungen, wie sie in Deutschland, z. B. in Halle' Kröllwitz und Erding bei München ftatifanben, würdig zur Seite stellen kann. Die wir hören, ist nach Ende Der ersten Leistungsprüfung eine zweite vorgesehen, die nunmehr nach anderen, für Deutschland ganz neuen Gesichtspunkten unter­nommen werden soll. Sie macht sich die Er­mittelung Der Durchschnittsleistung unserer Ge- slügelbestände zur Aufgabe.

Preisgekrönter Hund. Auf Der 19. Internationalen Rassehundeschau. Die am Sonn­tag in Frankfurt a. M. stattsand unD mit etwa 700 Exemplaren des besten deutschen Hundezuchr- materials beschickt war, würben auf Die Terr- harDinerhündinBerline" von Landeck (Besitzer August Petri. Gießen. Walltorstraße 67) D:c. RoteSehr gut". Der erste Preis, ein Ehrenpreis und ein Zusatz-Ehrenpreis des Bernhardiner- Klubs für Deutschland erteilt. Das prachtvolle

Aus allen Logen Der Oper blühte Das Schul­terfleisch Der Frauen. Es roch nach Den selt­samsten unD süßesten Wohlgerüchen. Diaghilev) unD Demois ließen sich vor niemanden sehen, und so ahnte kein Mensch, daß Rijinsky, den Der Triumph so oft in Diesem Hause umrauscht hatte, in einer Loge saß. Er saß Da wie ein Gentleman gekleidet, aber sein Gesicht war unbewegt und leer. Links von ihm sah Diaghilew, Unruhe quälte ihn, Spannung zerriß ihm fast das Herz, ob sein Experiment gelingen würde.

Rijinskys Rähe war furchtbar. Diaghilew schauerte, da er daran dachte, daß sich Der frühere Vogel aus Der Tiefe seines Geheimnisses glän­zend und wunderbar erheben könnte, getroffen von Licht und Erwachen bis in Den letzten Schatten feiner unergründlichen unD schweren Rächt.

Rechts von ihm saß der Maler Alexander Bemois, der zu Diaghilew hinübersprach. Ri- jinsky, der kranke, rührte sich nicht. Er sah vor sich hin als sähe er in das Richts. In ihn drang nichts ein. Dor ihm strahlte das Theater in einem Meer von Licht. Alle Logen unD Ränge waren von Gelächter und heiteren Stim­men erfüllt. Ihn. Den töDlich Finsteren, traf das nicht. Er blieb erstarrt.

Was war um ihn? Schemen, Träume, Schat­ten? Erinnerungen, Gesichter, Dämonen? Viel­leicht war alles violett vor seinen Augen? Oder alles Eis? Vielleicht waren sie die Irren, die um ihn herumsahen und das Fest ihrer Eitel­keit trieben und er war der Sehende und Klare allein?

Das Orchester fing an, die glühenden, heißen Passagen Debussys zu spielen, den Rijinsky liebte und vergötterte. Die Töne drangen von vorne her mit einer bestrickenden Macht: Rijinsky blieb unbewegt. Der Vorhang ging hoch, und Die Tänzer und Tänzerinnen mit Goldhauben, blauen Atlashofen und klingenden Schellen wogten aus Den Kulissen und trieben ihr bezauberndes Spiel.

Da erhob Rijinsky Den Kopf - - und Diaghi­lew mit ihm, und Demois Zugleich. Zwischen Himmel und Hölle saßen beiße, von quälender Spannung zerrissen, bleich geworden vor Auf­regung, Diaghilews Hand preßte unruhig und ungehemmt Den Samt Der Logenbrüstung: Hoff­nung lag wie ein glühenDer Block auf feinem Herzen.

Rijinsky sah auf Die Tänzer, die mit einem ungeheuren Farbensturm dahinstoben. Ihr Ge­schmeide blitzte unter tausend Kerzen bacchantisch, ihr Rhythmus fegte wie Wind vorüber, die Musik jubelte auf in wunderbar silbernen Fäl­len, immer höher, zu einem Uebermaß von Schwermut und Wollust. Die Karsawina, die Partnerin seiner vergangenen Tanzspiele, erhob sich wie ein Vogelschweben, weih und jenseits fast, in die Luft. Der Blick von Diaghilew hing an Rijinsky.

Rijinsky aber blieb unbewegt und dunkel. Er senkte seinen Kopf blitzschnell und scheu und ver­harrte, mit toten Augen in eine Ecke stierend. Um ihn tobte der Beifall mit gewaltigem Aus­maß, als Die Karsawina ihren Tanz zur höch­sten Schönheit emporwirbelte. Aber Rijinsky schien in seinem bitteren Schlaf Weber sie zu sehen noch ben Beifall zu hören. Er war ein Fisch Ein Wesen, das anberc Räume zu durch-- messen hatte. Er war ber Torso von einem Traum. Er zerstörte mit der Ungeheuerlichkeit seiner Abwesenheit die Gegenwart ber Auffüh­rung.

Diaghilew unö Bemois faßen erschüttert zu beiben Seiten: Rijinsky rührte sich nicht. Sie nahmen ihn schweigenb an ben Armen und er ging mit ihnen wie einer, den sie durch Feuer und Wasser führen könnten. Aus ihren Augen fielen Tränen. Hinter ihnen begann ber Rausch des Beifalls von neuem und die Musik Drang ihnen nach mit einem Klang, als wäre er durch tausend Schmerzen geschleift worden ...

Wir Alten, Die nod) mit Eugen Richter und nach ihm in den HauShaltsauSschüssen eingehende Etatskritik geübt und auf größte Sparsamkeit tn Den Ausgaben hingewirkt haben, stehen der heu­tigen Wirtschaft der öffentlichen Hand mit be­denklichem Kopf schütteln gegenüber. Man konnte Eugen Richter den Vorwurf zu großer Klein­lichkeit machen, aber Der von ihm und uns ver­tretene Grundsatz:feine Ausgaben ohne 3>edung" erzog Verwaltung wie Parlamente zur Sparsamfeit. Anträge auf Ausgabenerhöhun­gen kamen kaum jemals vor. Auch die Ministe­riell befleißigten sich in ihren Voranschlägen größter Zurückhaltung. Heute aber jagen sich Anträge auf AuSgabeerhöhang und solche be­zweckende ..Entschließungen". Der Staat ist die große Hilfsanstalt, Die alle Wünsche befriedigen soll. Daß er nicht nurarm wie eine Kirchen­maus" geworden, sondern tief verschuldet ist, daß er den gesteigerten Ansprüchen nur mit immer rigoroserer Anziehung Der Steuerschraube und Ausnahme neuer Kredite gerecht werden kann, geniert die am wenigsten, Die Die wenigsten Steuern aufbringen. Die sagen: wenn uns von den Staatsleistungen 200 Mk. zugute kommen, aber für unsere Person nur 20 Mk. an Steuern zu zahlen haben, so sind wir Dafür, um die Lei­stungen des Staates an mich zu steigern, daß die Steuern prozentual weiter erhöht werden. Das, toa8 Der Schweizer denGratisbürger" nennt, ist heut für Den Haushalt in Reich, Län­dern und Gemeinden ausschlaggebend. Auch heut noch fehlt es bei uns gewiß nicht an Abgeord­neten. die sich mit größtem Eifer für Sparsam­keit in den Ausgaben einsehen, aber mangels der Unterstützung durch eine machtvolle öffentliche Meinung konnten sie sich gegen die uferlose Aus­gabenwirtschaft bisher nicht durchsetzen. Es ist daher dankbar zu begrüßen, daß der Hansa- bund es unternommen hat, die Gemüter gegen die in Den Abgrund führende verschwenderische Ausgabenpolitik aufzurufen: daß er den Weg gewiesen hat, statt mit untragbaren Steuer­erhöhungen mit systematischer Senkung der Aus­gaben Den Etat ins Gleichgewicht zu bringen.

Kein wirtschaftlich Denkender ist sich heut im Unklaren darüber, daß der Bogen unserer Steuer­belastung in einer für die Wirtschaft unerträg­lich gewordenen Weife angespannt ist, daß er brechen muß, wenn nicht schleunig Umkehr auf dem Wege gemacht wird. Die Einnahmen haben sich nach Dem Ausgaben zu richten. Es ist das das Verfahren Der verschwenderischen Frau, Die ihren Mann ruiniert, indem sie von ihm ständig mehr Geld verlangt. Deshalb gilt es jetzt nicht die Steuern zu erhöhen, sondern Die Ausga­ben und zwar bei jedem Posten, wo das nur irgend möglich ist, e i n z u s ch r ä n k e n: man muß die Verwaltung zwingen mit weniger, als bisher auszukommen, wenn es auch noch so schwer für sie ist. Wenn ein sonst so verständiger Mann, wie der Reichsinnenminister Severing das als

Das Sparprogramm des Hansabundes

Von Or. 3ng. Georg Gothein, ehem. Michsschahminisier.

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nur aus Steuerscheu tun. Da sollte er sich des Wortes seines verstorbenen Parteiführers Bebel erinnern:Ohne Profit raucht kein S ch o r n ft e i n". Der Profit ist aber bei den fortgesetzten Steuer- und Lohnerhöhungen meist jum Teufel gegangen und geht es bei Fortsetzung solcher Politik vollends. Die Wirtschaft ist eben das Primäre: man kann von der Henne nicht zu gleicher Zeit den Braten und die Eier verlangen.

Sparen wollen jetzt auf einmal alle Parteien, nur über das Maß Der Ausgabendrosseiung und über Daswo" derselben sind sie nicht einig. Gewiß, viele Ausgaben find zwangsläufig vor allem Die Den Reichshaushaltsetat direkt (d. h. ohne Reichsbahn und JndustrieobligationenDienst) mit 1540 Mill. Mark belastenden Reparations­zahlungen. Andere Ausgaben beruhen auf Ge­sehen, Die nicht ohne weiteres zu ändern sind. Aber abgesehen davon, Daß manche davon sehr wohl geändert werden könnten und müßten, gibt es sehr viele Posten, wo man ohne Das sparen kann.

Bei Den sozialistischen Parteien wie beim Zen­trum finden am meisten Widerspruch Die Ein- sparungsvorschläge des Hansabundes für den Etat des Reichsarbeitsministeriums. So in erster Linie Der auf Streichung Des Reichszuschuf fes an Die Kranken­kassen in Höhe von 32 Mill. Mark für_ Die Wöchnerinnenhilfe. Run war Deren Vermögen aber EnDe 1927 mit 642 Mill. Mark um 229 Millionen Mark höher als 1914; ist im Jahre 1927 um 114 Mill. Mk. unD Dürfte 1928 um minDestens weitere 125 Mill. Mk. gestiegen fein. Bei 1680 Mill. Mk. Einnahme der Krankenkassen macht Die Wöchnerinnenhilfe iwch nicht 1,95 Proz. aus. Wenn wirllich eine oDer die andere Kasse nicht leistungsfähig genug fein sollte, sie zu zahlen, so konnte Deren Gesamtheit dazu ver­pflichtet werden, 2 v. H. ihrer Beiträge in einen gemeinsamen Fonds abzuführen, aus Dem die Wöchnerinnenbeihilfen bestritten würden. Wenn die Krankenkassen etwas weniger luxuriöse Ver­waltungsgebäude errichteten, wäre das ange­sichts Der Verarmung Deutschlands auch sehr zu begrüßen.

Umstritten ist auch Die Frage, ob Der Reichszu- schuh von 163,9 Mill. Mk. an die Invalide n- versicherung in bar aufs Orbinarium ge­nommen werden soll, oder in bis 1935 zu tilgen­den Hchahanweisungen. Die Versicherung hat sich mit letzterem einverstanden erklärt, aber Der Finanzminister verlangt Diesen Betrag zur Stär­kung seines Betriebsmittelfonds. Daß er das Geld gut gebrauchen kann, ist nicht zu bestreiten, aber Der Reichszuschuß ist Doch Der Ausgleich für Das durch Die Inflation verlorene Vermögen Der JnvaliDenversicherung, aus dem Die Renten für Die vorher invalid Gewordenen gezahlt wer­den sollten. Da Diese mit Der Zeit durch Tod in Qlbgang kommen, handelt es sich Dabei um eine später fortfallende Leistung. Man sollte Daher mit ihr nicht allein die Gegenwart belasten. Der Betriebsmittelfonds müßte aber durch eine Anleihe ausgesüllt werden.

Größten Widerstand findet Der Vorschlageiner Kürzung Der Anteile Der Länder und Gemeinden an den Reichs steuern. Der ganze diesbezügliche Cinsparungsvorschlag des Hansabundes bedeutet gegenüber dem Reichs­haushaltentwurf für Preußen mit 22 227 Mill. Mark nur 1,3 Proz. feines Rettohaushaltes, für Bayern etwa 1,5 Proz. desselben usw. Wenn man Dem Reich weit größere Ausgaben-

6 Mk.. Wirsing 17,50, Weißkraut kraut 17,50 MI.

einschränkungen zumutet, so ist dieser bescheidene Abstrich gegenüber Den Ländern nicht mehr als billig. Ihnen wie Den Gemeinden muh einmal klargemacht werden, daß es mit Der bisherigen Ausgabenwirtschaft nicht weiter geht. Freilich

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Steuerscheu" bezeichnet, so beweist er damit nur, daß felbft er aus seiner sozialistischen Haut nicht herauskann, daß er keinen Ueberblick über Die furchtbare Rotlage der Wirtschaft hat. Wohin der Grundsatz: Die Einnahmen müssen sich nach Den Ausgaben strecken, führt, zeigen drastisch die Anträge. Die Der Breslauer Magistrat soeben für den Stadthaushalt 1929 gestellt hat: Erhöhung der Grundvermögenssteuer um 55 Prozent auf 340 Proz., der Gewerbeertragssteuer um 85 Proz. auf 645 Pro-., der Gewerbekapitalsteuer um 230 Proz. auf 1700 Proz., des Gaspreifes au 0.22 Mk., des Wasserpreises auf 0.25 Mk., des elektrischen Strompreises für Licht auf 0.50 Mk., für Kraft auf 0.25 Mk.!! Wenn das durchgeht, werden wohl die letzten Breslauer Gewerbe­betriebe ihre Tore schließen müssen. Vielleicht ... - v

meint Herr Severing auch dann, daß sie das muß namentlich den letzteren die unbeschrankte

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