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26.2.1929
 
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Nr. 48 Zweites Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)__________Dienstag, 26. Zebruar (929

Mexiko.

Don unserem a-Derichterstatter.

Nachdruck. auch mit Quellenangabe, verboten.

Neuyork. Ende Februar 1929.

Die Ermordung Obregons im Juli deS vorigen Jahres, der bekanntlich an Stelle von Calles die Präsidentschaft in Mexiko im Dezem- ber wieder übernehmen sollte, hat das Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens, das die Poli­tik der Vereinigten Staaten in Mexiko seit einiger Zeit kennzeichnete, stark erschüttert. Das Der- schwinden des Mannes, der einst Calles m den Sattel gesetzt und das jetzt herrschende politische System geschaffen hatte und deshalb wieder Cal­les Nachfolger werden sollte, muhte Spaltungen im Lager der mexikanischen Regierungsparteien Hervorrufen, die ihrerseits wieder nur den An­laß zu neuen Vürgerkriegen geben muh­ten und damit die ganze schwierige Arbeit der nordamcrikanischen Diplomatie den berühm­ten Oelfrieden mit Mexiko gefährden würden.

Mit einer gewissen Spannung Hot man daher in den 11. S. A. die Einsetzung des neuen provi­sorischen Präsidenten Portes Gil und die politischen Manöver verfolgt, die feiner Wahl und Amtsübernahme vorausgingen. Run. nach­dem sich der Präsidentschaftswechsel ziemlich glatt und reibungslos vollzogen hat, ist man aller­dings einigermahen beruhigt. Portes Gil hat trotz seiner Jugend, er ist erst 34 Jahre alt. sich die Sympathien der amerikanischen Oesfentlichkeit erworben, obwohl er ebensalls zur Partei der Callisten" rechnet, jener radikalen und nationalen Partei, die man noch vor wenigen Jahren in den 11.6. QI. alssozialistisch", ja al« .bolsche­wistisch" verschrie. Dieser Erfolg der Aera Portes Gil darf allerdings nicht übermäßig hoch veran­schlagt werden, da er nur bedeutet, dah es das amtliche Amerika vorläufig für angebracht hält, eine wohlwollende Zurückhaltung Mexiko gegenüber zu üben, in der Hoffnung, dah Portes ®ü stark genug sein wird, die Ruhe in Mexiko aufrecht zu erhalten.

Diese Haltung der U.S.A. erscheint durchaus verständlich, wenn man die Lage in Mexiko des näheren betrachtet. Denn vorläufig muh Portes Gil nach Lage der Dinge tatsächlich nur a l S vorläufiger Präsident des Landes anx gesehen werden. Die vielfach in der Nordamerikas Nischen Presse vertretene Ansicht, dah er nut; ein Platzhalter für Calles sei. der in* der für November 1929 fälligen neuen Prä- sidentschaftSwahl sich erneut aufstellen lassen wolle, greift den Ereignissen allerdings wohl vor. Cs ist ja richtig, dah Partes Gil seine Stellung Calles verdankt, der erst einmal die weitere Ent­wicklung der inneren Lage abwarten will, ehe er sich wieder in den Vordergrund stellt. Doch wäre es verkehrt, deshalb anzunehmen, dah Portes Gil allein von Calles' Gnaden Präsident geworden wäre. Richt nur das Militär, das bei allen Präsidentschastskampagnen eine aus- schlaggebende Rolle gespielt hat. sondern auch große Teile der Bauernschaft (der Jndia- ner auf dem Lande) sind zur Zeit zumindest ge­willt, Portes Gil L'tne Schwierigkeiten zu machen, während sic möglicherweise Calles nicht ohne weiteres hinnehmen würden.

Das schafft jedoch für den neuen Präsidenten in den Augen der Nordamerikaner auch gewisse Schwierigkeiten, da sich ihrer Ansicht nach erst noch zeigen muh, ob mit dieser Unterstützung im Hintergrund der neue Präsident überhaupt re­gieren kann. Kommen doch zu diesen Unklarheiten im Lager der Freunde Gils noch die Schwierig­keiten hinzu, die der Kampf Calles' gegen die katholische Kirche gschafsen hat. um von ber erbitterten Gegnerschaft der Feudalaristokra­tie zu schweigen, die in allem, was mit Calles und Obregon verbündet war, einen Todfeind er­blickt. Portes Gil ist in einer schwierigen Lage, da er einerseits nicht darauf hoffen kann, mit der

katholischen Kirche zu einem Frieden zu gelangen und da er andererseits mit einer neuen Radikali­sierung der JndioS rechnen muh, die den Tod ihres Führers Obregon an dem Schuldigen ge­rächt wissen wollen. Die Erschießung To­ra l S. des Mörders Obregons, der mit dem Ruse:Es lebe Christus, der König" auf den Lippen starb, hat zweifellos den Fanatismus der beiden feindlichen Richtungen nur gesteigert, da die Katholiken in Toral jetzt einen Märtyrer er­blicken, die anderen aber in seiner Hinrichtung eine nicht ausreichende Vergeltung sehen.

Die Pläne CalleS, der neben dem Präsidenten die ausschlaggebende Figur der mexikanischen Innenpolitik geblieben ist. sind dabei nicht nur Gil gegenüber durchaus unklar. Sennor Aaron S a e n g, der vor kurzem eine national-revolutio­näre Partei gründete, deren Präsidentschafts­kandidat er selber sein soll, während man Calles die Führung dieser Partei übertragen will, scheint im Einverständnis mit Calles gehandelt zu haben ob auch im Einverständnis mit Portes Gil. ist unsicher. Die Presse der Regierung, die sonst ziemlich geschlossen hinter den Callisten stand, ist in dieser Frage gespalten aus welchen Gründen, ist nicht festzustellen. Die Angriffe auf Portes Gil durch den Präsidentschaftskandidaten Gilberto Valenzuela, der ausgesprochen anti- revolutionär ist. sich also vor allem gegen Saeng richtet, das Auftauchen einer Weiteren Reihe

Politische Verbrecher, die gestern noch im Dunkel der Weltstädte untertauchten, von ber Polizei verfolgt, von den Regierungen ausge­wiesen wurden, können schon heute Staatsober­häupter oder Minister sein, ohne zu wissen, ob sie nicht morgen ihren alten Kampf von neuem aufnehmen müssen, wiederum genötigt ein Asyl im fremden Land aufzusuchen unddas salz'ge Brot der Fremde" zu essen, das dem aus Florenz vertriebenen Dante einst in Paris bitter genug mundete. Leo Trotzki, der fast zwei Jahr- zehnte seines LebenS im Eril verbrachte und dann den Höhepunkt der Macht erklomm, muh nun feint Wanderung durch die Länder der Erde wie­der auf nehmen: er hat deshalb den Reichstags- Präsidenten Löbe gebeten, ihm eine Aufenthalts­genehmigung für Deutschland zu erwirken. Offen­bar möchte er sich in Berlin niederlafsen, das feit einer Reihe von Jahren ein Treffpunkt der politischen Flüchtlinge der ganzen Welt geworden ist. JnBerlinunb inPariS leben die Führer der politischen Bewegungen, die in den zahlreichen diktatorisch regierten Staaten unterdrückt werden, die Gegner deS Faszismus, der spanischen Diktatur, des russischen Kommunis­mus. die Freiheitskämpfer der Kolonialvölker, die Emigranten, die nicht kapitulieren wollten und immer noch hoffen, eineS Tages erhobenen Haup­tes in ihre Heimat zurückkehren zu können.

Stets gab eS solche Freistätten für politische Flüchtlinge: doch konzentrierte sich gewöhnlich diese politische Unterwelt nicht sehr lange sn einem Ort, sondern wanderte ruheloS in ein an­deres Land, in dem sie dann für eine kurze Seit ungestörter zu arbeiten hoffte. Die deutschen Staaten nahmen vor Jahrhunderten den Strom der Hugenotten und nach der französischen Revolution den auSwandernden Adel Frank­reichs auf. Andererseits flüchteten Börne und Heine nach Paris. Karl Marx schlug in London seinen Wohnsitz auf, Hoffmann von Fallersleben dichtete sein Deutschlandlied im damals noch englischen Helgoländer Exil. Karl Schurz und feine? Freunde wanderten nach Ame­rika aus. Der im zaristischen Ruhland nicht ge­duldete Dichter Gorki muhte vor 20 Jahren in Italien eine Zuflucht suchen, während Die übrigen

von Präsidentschaftskandidaten, sowie zahlreiche kleinere Attentate und die In Vorbereitung be­griffene Bildung neuer Banden MexikoS altem Fluch zeigen jedenfalls, daß die Callisten nicht nur uneinig find, sondern auch zahlreiche Gegner haben.

Run hat zwar ein mißglücktes Attentat auf Portes Gil diesem die Gelegenheit ge­geben, aufS neue gegen innerpolitische Gegner energisch vorzugehen aber eine gründliche Klärung Der Situation ist damit noch nicht erfolgt. Die Besorgnisse der Rordamcrikaner Die aller­dings wohl durch sensationelle Pressenachrichten künstlich aufgebauscht werden scheinen somit nicht ganz ungerechtfertigt zu sein. ES ist eben eine Uebergangszeit in Mexiko und die Frage, ob es Calles gelingen wird, genügend Anhänger zu finden, um sich allein wieder durch­zusetzen, oder ob er dazu eines wohlwollenden Mitspielers in der Person Portes Gils bedarf, oder ob Portes Gil dieser Aufgabe gewachsen sein wird sind nach amerikanischer Auffassung vorläufig, trotz der äußeren Ruhe in Mexiko, noch nicht endgültig zu beantworten. Die Auf­gabe, die hier der Auhenpolitik HooverS er­wächst, wird man jedenfalls mit Interesse verfol­gen müssen. Ist doch Mexiko häufig genug daS Versuchsfeld gewesen, aus dem sich nordamerika- nische Staatstunst erprobte.

russischen Revolutionäre, so vor allem Senin, in der Schweiz ein Asyl fand. In Zurich und in Genf trafen sich während des Krieges die Revo­lutionäre und die Pazifisten was damals ungefähr das Gleiche war: in ber neutralen Schweiz dursten sie die Kriegführenden bekämpfen und Pamphlete für den Frieden schreiben, die den streitenden Völkern nie zu Gesicht gekommen sind.

Zwei Revolutionäre, die inzwischen längst die Macht erobert haben, lebten damals in Paris: wenigstens hat M a s a r h k. jetzt Präsident der Tschechoslowakei, zusammen mit Benesch die französische Hauptstadt zum Ausgangspunkt der Reisen genommen, die ihn in dec Kriegszeit in alle wichtigen Staaten ber Entente führten. Für einen anderen führenden Politiker bedeutete der Kriegsausbruch freilich das Ende ber Verban­nung, Pilsudski. Der nach der gescheiterten russischen Revolution von 1905 nach Galizien floh und von dort aus, unter Dem Schutz Der österreichischen Behörden, die polnischen Schützen- verbände organif.erte, überschritt im Jahre 1914 mit seinen Legionären an der Seite des öster­reichischen HeereS Die polnische Grenz«. Don 1917 bis 1918 wurde der Polen führe r dann noch einmal ins Exil gebracht, nämlich in die Magde­burger Festung. Aber die Festungshaft stempelte ihn zum Märtyrer und verzehnfachte die Zahl seiner Anhänger, Die ihn laut umjubelten, als er Ende 1918 wieder in Warschau einziehen konnte.

Die polnischen Nationalisten, die sich früher mit Vorliebe in Galizien aufhielten, konnten längst nach Polen zurückkehren, und auch der größte Teil der Schweizer Emigranten aus der Kriegszeit ist amnestiert und in den Heimat­ländern wieder aufgenommen worden. Außer Landes sind einige Monarchen gegangen; von den deutschen Fürsten lebt freilich nur Wil­helm 11. im Ausland. Ferdinand von Bulgarien hat sich in Koburg niedergelassen, und König Georg von Griechenland hält sich meist in Bukarest auf. ist aber auch zu­weilen in England zu sehen, wo schon seit vielen Jahren König Manuel von Portugal seine Tage verbringt. Die Mehrzahl der früheren Monarchen ist aber nach Frankreich in das Exil gezogen. In Paris hat der frühere Schah .............MummnaBa-m «3

Staatsmänner und Politiker im Gl.

Berlin und Paris, die bevorzugten Asyle politischer Flüchtlinge.

von Persien «in Geschäft eröffnet: Dort wohnt auch Prinz Carol von Rumänien, wäh­rend Abo ul Medschid, ber letzte Kalif, sich an Mr Riviera niedergelassen hat. Der letzte türkische Sultan Mohammed VI. ist 1926 in San Remo tm Exil gestorben. Angehörige- seiner Familie und einige russische Großfürsten haben ihren Wohnsitz in Paris aufgelchlagen. wo zuweilen auch österreichische Erzherzoge auf- tauchen, während Kaiserin Zita mit ihren Kin­dern Spanien als Domizil gewählt hat.

In Paris ist heute auch die Zentrale der russischen Emigranten, deren hervorragendste Persönlichkeiten Miljukow und Kerenski sind. Ebenfalls in der französischen Hauptstadt hatte Simon P e 11 i u r a fein letztes Asyl ge­sunden; dieser ukrainische Politiker muhte schon einmal, im Jahre 1903, als Sozialdemokrat aus Ruhland fliehen und sich in Lemberg nieder- lassen, wo er biS 1905 wohnte. Als Die Ukraine im Jahre 1918 ein selbständiger Staat wurde, erhielt Petljura den Oberbefehl über das ukrai­nische Hcer, und Im Februar 1919 übernahm er den Vorsitz im ukrainischen Direktorium. AIS die Bolschewisten daS Land eroberten, ging Petljura nach Polen und versuchte von dort aus eine Gegenrevolution in ber Ukraine zu entfachen. Das scheiterte; 1921 muffte er nach einem diplo­matischen Schritt ber Sowjetregierung Polen verlassen, und nun lieh er sich in Paris nieder, wo er am 25. Mai 1926 von dem Uhrmacher Schwarzbard wegen ber von ihm angezettelten Judenpogrome erschossen wurde.

Zu Den bedeutendsten Staatsmännern, die In Paris im Exil leben, gehört Francesco Ritti. der ein Jahrzehnt italienischer Minister gewesen und nun die Deel« deS Widerstandes gegen Mussolini ist. Rittis Stellung In Frankreich ist zwiespältig; denn Der frühere italienisch« Mi­nisterpräsident gilt zwar einerseits als nicht be­sonders franzosensreundlich. weil er mehrfach für Deutschland günstige Aussätze veröffentlicht hat, doch ist ber FasziSmuS andererseits in Frank­reich so unbeliebt, dah man dem italienischen Gast gern manche mißliebige Aeuherung nach­sieht. Niemals würde man Daran denken, ihm das Asylrecht zu verweigern ober ihn gar an Italien auSzuliefern. wo er entweder in einem Gefängnis verschwinden ober ein neue« Exil auf Den fürchterlichen Liparischen Inseln sinben würde. Noch ein anderer gefürchteter Gegner Mussolinis wohnt in Paris: Surat l, ber im Alter von 69 Jahren am 12. Dez. 1926 nach abenteuerlicher Flucht Korsika erreicht« und Damit Dem saszisti- schen Einfluh entronnen war. Von jeher war Paris auch ein beliebtes Asyl spanischer Flüchtling«, und man erinnert sich wohl. Daß der seinerzeit gescheiterte Dorstoh Der Kata­lanen in Paris organisiert worden war. Der wichtigste Gegner Prirno De Riveras, BlaSco Ibanez, ist vor einem Jahr Im Exil in Men­ton« tm Alter von 61 Jahren gestorben. Der spanische Dichter Unarnuno. Der ebenfalls zu den geschworenen Feinden DeS spanischen Dik­tators gehört, hat sich in einem Heinen baskischen Städtchen, nicht weit von Der Grenz« feine» Heimatlandes niebergelaffen, um von französi­schem Boden aus für feine politischen Ideale zu wirken.

Aber auch Berlin ist ein Zentrum politischer Flüchtling«. Dort halte sich ber bulgarisch« Wi- nisterpräsibent RadoSlawow niedergelassen. Der im März 1923 in contumaciam In seiner Heimat zu tebenslänglichein Sterlet verurteilt worden war. ebenfalls als stiller Privatmann lebte in der deutschen Hauptstadt der frühere Grohwesir TalaatPascha.ber einen anderen Namen angenommen hatte, ohne sich vor seinen politischen Gegnern völlig verbergen zu kön­nen. Er wurde am 15. März 1921 von dem armenischen Studenten Teilirian nach kurzem Wortwechsel erschossen, weil er an der Er­mordung vieler Armenier schuld gewesen ist. In Berlin leben schließlich viele Orientalen, Die sich mit Den europäischen Herrschern ihrer Heimat­länder überworfen haben und nun in der Vev-

Theater zu Hause.

Versuch mit einer Illusion.

Von Walther Nissen.

Wir haben einen herrlichen Radioapparat.

Ich drehe nun schon so lange an ihm herum und immer noch reproduziert bet Lautsprecher das ganze Berliner Programm. Fast lückenlos. Wir gehören nämlich nicht zu den Feinschmeckern, die sich bloh bie Delikatessen heraussuchen. älnS interess'-ert alles. Außerdem kann man ja nie wissen, was solch ein Redner sagen wirb. Wit haben schon übet bie ernstesten Dorträge Tränen gelacht ...

Bloh Senbespiele hören wir nicht. Ich finde sie herrlich, aber meine Frau behauptet:

Sag was du willst es ist nicht besselbe, ob man das gleiche Stück im Theater hört ober zu Hause in seinen vier Wänden. Wag die Wir­kung die gleiche sein mir fehlt das Entschei­dende: das Drum und Dran solch eines Theater- abends!" _

Wiewohl ich dies, aus Grsparnisgrunben, enec- gisch bestritt, konnte ich ihr innerlich nicht gan- unrecht geben. Tatsächlich ist ja das Drum und Dran überall schlechthin entscheidend. Ohne dieses ..Drum und Dran" wäre die Liebe na, reden wir nicht darüber; wäre unsere Wohnung ein Stall, unsere Mittagstafel eine Fut.erkrippe.

Aber," sagt« ich mir,legt nicht das phan­tastische Wunder des Lautsprecherempfangs un­serer eigenen Phantasie gewisse Verpflichtungen auf? Ist es nicht barbarisch, einfach Die Royren- heizung anzukurbeln und nun etwaCarmen in unseren Alltag hineinfluten zu lassen wie Sekt in einen Äaifeetopf?"

So haben wir denn gestern einen Theaterabend mit allem Drum und Dran zuhause arrangiert.

Mittels zweier Klubsessel und eines japanischen Wandschirmes stellten wir uns eine Loge her. Dann zog sich meine Frau ihr schwarzseidenes Dekollete an, und ich warf mich in den Smoking.

Kurz vor Beginn der Vorstellung gaben wir unsere UeberlleiDer in unserer Garderobe ab. Linser Mädchen (die sich längst über nichts mehr wundert) mußte uns Marken Dafür aushändigen.

Dann traten wir, mitten in ber Ouvertüre, möglichst geräuschvoll in unsere Loge, glaubten deutlich dasSissi!" ber gestörten Parkettbesucher K' >ren und sogar Die Bemerkung eines. Cho­rs:Rücksichtslose Gesellschaft!"

Jetzt hab« ich natürlich bie Operngläser ver­gessen!", tagte meine Frau.

Selbstverständlich!", erwidert« ich gereizt.DaS ist ja zu blöde! Ich habe nock extra gesagt: vergiß nicht die Operngläser ...I

Wie komm« ich eigen tllch dazu, immer an die Operngläser zu denken!", empörte sie sich.Denke doch selbst an di« Operngläser!"

Sssst!"

Da wir ohne Gläser nicht zwei Meter weit sehen können, schlosien wir einfach die Augen und gaben uns ber feinblichen Stimmung, in die wir geraten waren, restlos hin.

Wie schön ist bas!" sagte ich manchmal unb summte aus Gemeinheit Die Melodie mit, summte sie sogar immer ein wenig im voraus, um zu zeigen, wie musikalisch ich bin.

Meine Frau schlug Darauf ostentativ bie Augen auf und warf leibende Blicke nach ber Reben löge, wo mit aller Bestimmtheit ein frecher, unsympa­thischer Kerl anzunehmen war.

Ich tat, alS bemerkte ich nichts.

Beim Aktschluß applaudierte ich wie besessen, während sie keine Hand führte. Als ich ihr Temperamentsmangel vorworf, hauchte sie mit so viel falschen Gefühlstönen, wie man nur ver­langen konnte:

Diese Musik wühlt mein Innerstes viel zu sehr aus, als daß ich die Wögllchkeit hätte, sofort Die Handflächen, patsch, patsch, zusammen­zuschlagen. Meine weit tiefere Natur muß sich erst langsam aus den Abgründen des Ewigen, in Die sie versunken ist. zurückfinden."

Gut." sagte ich.finde dich zurück. Ich geh« inzwischen ein bißchen in« Foyer, um ein Brot zu essen."

Ich komm« mit, erklärte dieses aufgewühlte Weib.

So erhoben wir und. wanderten langsam durch unser Schlafzimmer, das Badezimmer unb bie Diele nach ber Küche, wo wir uns von dem etwas verängstigten Mädchen eine Wurststulle machen liehen. Die wir maßlos überzahlten und auf dem Rückweg in unsere Loge aus ber Hand aßen.

2lm Schluß drängten wir uns in di« Garderobe, pufften einander beiseite und beschimpften das Mädchen, das uns unsere Sachen weder schnell genug noch in ber richtigen Reihenfolge aus- händigte. ...

Theater zu Hause! So ist das immer bet uns. Auch wenn wir den Lautsprecher gar nicht an- kurbeln. ...

Drei Minuten für Arthur Schurig.

Ich muh feiner gedenken unb jeder muß seiner gedenken. Der Stendhal liebt. Ich steh« da, in Der Hand ein Telegramm: Arthur Schurig ist in DresDen plötzlich gestorben.

Etwas Bitteres, FaDes legt sich auf bie Zunge ist bad möglich? Gleichzeitig erheben sich Erinnerungen an einen Mann, ber vor zwei Jahren an einem blauen Herbftnachmittag mit mir Die weihe Llferstrahe von Malcesine nach Dem Fischernest Cassone am GarDasee hinunter­ging.

Im Gestein Des StraßenranDeS stöberten wir Die runden Linien von versteinerten Riesen­schnecken auf. Gleich wußte er Bescheid über Alter, Herkunft, Art. Soeben hatten wir noch von Stendhal gesprochen, dessen Persönlichkeit chm nicht mehr Lichtung war. sondern wirkliches, noch wirkendes Leben. Er war wieder einmal auf seiner Jtalienfahrt, um Den Spuren Stendhals nachzugehen.

Ich habe einen Menschen behalten: einen mittelgroßen, aber kräftigen Mann, lachend, hei­ter, belesen, witzig, ein Liebender des Lebens, ein Genießer seiner Dinge, vor einer Flasch« schweren Rotweines aus Barbolins brachen seine Augen zu einem fröhlichen Fallstaffglänzen auf.

Er war recht merkwürdig: unvoreingenommen, fabelhaft, gebildet, lebendig, aber Der Soldat. Schurig war einst aktiver Maior war ihm nicht aus Den Knochen zu treiben. Bei unse­rem Schlendrian Durch das Val Di Sogno. den blauen Seespiegel vor uns, mitten aus einem Satz über Mozart, lieh er imaginäre Geschütze auffahren, möglichst eine dick« Berta. Entfer­nungen schätzte er ab und Die Heine Steininsel bei Cassone. Die Durch Betonblöcke und Kase­matten zu einem italienischen Fort ausgebaut ist. lieh er umgehend mit einem Schuh abra fieren.

So war er: eine seltsame Mischung aus Lite­ratur und Soldat. Höchst anregend. Dabei von einer oft schroffen, aber wahrhaftigen Offenheit, ein Liebender Der französischen Seele unD des französischen Geistes. Ich kann ihn heute noch nicht auf einen Generalnenner bringen; es war ein Bruch tm Wesen Dieses großen Stendhal- schwärmers und -kenners, Mozarts unirdische, silberne und traumhafte Arien waren alle in feinem Schädel versammelt, aber Daneben brü­tete ber Dumpfe, teuflisch« Ton von Geschützen. BeiDes war ihm Musik.

Der ToD hat ihn hinweggeschlagen vom Tische, auf dem Die staubigen unb Dicken Flaschen mit

Borbeaux und Barbero stehen. Ein GlaS noch für Arthur Schurig!

Anton Schnack.

Hochschulnachnchien.

Zur Wiederbesetzung de« durch Emeritierung Des Prof. H. Cornelius an der Universität Frankfurt a. M. erledigten Lehrstuhls der Philosophie ist ein Ruf an Professor D. Dr. Paul Ti11ich an der Technischen Hochschule in D r e S- Den ergangen. Der durch Die Emeritierung des Prof. Friedrich Schumann an der Frank­furter Universität erledigte Lehrstuhl der Psychologie ist Prof. Dr. Max Wertheimer an der Universität Berlin angeboten worden. Der durch den Weggang des Prof. QL O. Meyer an Der Göttinger Universität erle­digte Lehrstuhl Der neueren Geschichte ist Dem ordentlichen Professor Dr. Willy Andrea« in Heidelberg angeboten worden. Prof. Dr. JameS Franck in Göttingen hat Den Ruf auf den Lehrstuhl Der Experimentalphysik an Der Universität München als Nachfolger des Geheimen Rate« Dr. Wilhelm Wien ab* gelehnt. Zum Nachfolger des verstorbenen Pros. Ql. Pillet auf dem Lehrstuhl Der romani­schen Philolc-gie Der Universität Königsberg ist Prof. Dr. Arthur Franz in Würzburg ausersehen. Prof. Franz erwirkte 1912 seine Zu­lassung als Privatdozent für romanische Philo­logie in Gießen, erhielt 1920 in Gießen die Er­nennung zum a. o. Professor und siedelte zwei Jahre später als Ordinarius nach Würzburg über. Der durch das Qlbleben des Geheimrats Otto Schreiber an Der Universität Königs­berg erledigte Lehrstuhl für deutsches Privat- recht. Handelsrecht und Luftrecht ist Dem ordent­lichen Professor Dr. jur. Hans Oppikofer an Der Handelshochschule Mannheim ange­boten worden. Der Honorarprofessor Dr. rer. pol. Sven Helander an Der Universität Kiel hat Den an ihn ergangenen Ruf auf das Ordina­riat der Vollswirtschastslehre an Der Hochschule für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (Han­delshochschule) in Nürnberg als Nachfolger von Pros. Emil Wehrle zum Sommersemester 1929 angenommen. Der Kieler Straf- und Prozeßrechtslehrer Professor Dr. jur. Eberhard Schmidthat den Ruf an Die Llniversitat H a m- b u r g als Nachfolger des verstorbenen Geheimen Justizrats Moritz ßiepmann angenommen.